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Full text of "Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin"

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Zeitschrift der Gesellschaft 
für Erdkunde zu Berlin 

Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 



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ZEITSCHRIFT 

DER 

GESELLSCHAFT FÜR ERDKUNDE 

in 

ZU BERLIN. 



ALS FORTSETZUNG DER ZEITSCHRIFT FÜR ALLGEMEINE ERDKUNDE 

IM AUFTRAGE DER GESELLSCHAFT 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

GEORG KOLLM, 

HAUPTMANN A. l>. 

GENERALSEKRETÄR DER GESELLSCHAFT. 



FÜNFUNDZWANZIGSTER BAND. 




BERLIN, 

VERLAG VON DIETRICH REIMER. 

1890. 



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Inhalt des fünfundzwanzigsten Bandes. 



Aufsätze. 

(Für den Inhalt ihrer Aufsatze sind die Verfasser allein verantwortlich.) 

Seite 

J. Per Tsthmos von Korinth. Eine geologisch-geographische Monographie 

von Dr. Alfred Philippson. (Mit einer Karte: Tai", i.l i 

II. Über die Materialien zur vorcolumbianischen Geschichte Amerikas. Von 

Prof. Eugen Gelcich 99 

JJJ. Alphabetisches Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen 
und der von ihnen gesprochenen Sprachen. Von Prof. Ferd. Blumen » 

tritt 127 

TV. Per Hedjäz und die Strafse von Mekka nach Medina. Von Dr. D. 

Morit?- (Mit einer Karte: Taf. 2.) 147 

V. Die Republiken Mittel-Amerikas, im Jahre 1 889. Von Dr. 11. Pola- 

kowsky. II. Guatemala 163 

VI. Aus Cypern, Tagehuchhlätter und Studien von Kugcn Oberluimmcr. 

(Mit einer Karte: Taf. 3.) 183 

VYj Vergleichende Prüfung mehrerer Aneroidbaromcter. Von H. F. W ieb c 241 
VTII. Ein Beitrag zur Frage der Veränderlichkeit der Standkorrektion der 
Ancroifle auf Reisen und ihrer Leistungsfähigkeit überhaupt. Von Dr. 

A. von Danckclman 252 

2£T. T)r. Nansen^ Grönlandreise. Besprochen in der Sitzung der Gesellschaft 

der Wissenschaften in Christiania am 30. Mai 1890 160 

-%r Die flächentreue Azimutprojektion von Lambert und ihre Verwendung 





hei Karten von Asien und Europa. Von Dr. Alois Bludau. (Mit 








263 


XT. 


Die En t wickelung des Stadtbildes Am Altertum nachgewiesen von 








VI 


xn. 


I>ie Geschlechtsgenosscnschaft und die Entwickelung der Ehe. Von 








302 


xrn. 


£>j e Verbreitung der griechischen Sprache im pontischen Küstengebirge. 






Von H- Kiepert. (Mit einer Karte: Taf. 5.) 


317 


XIV. 


jj cr jcht über eine Reise durch Nord- und Mittel-Griechenland. Von 






Y)r . Alfred Philippson. (Mit einer Karte: Taf. 6.) 


331 


XV, 


Übersicht über die im Jahre 1890 auf dem Gebiete der Geographie 





erschienenen Bücher. Aufsitze 
p r . Ernst Wagner . I? 



und Karten. Zusammengestellt von 



407 



Karten: 



Taf. i. Karte des Isthmos von Korinth. Entworfen von Dr. A. Philipp so n. 
Malsstab i : 50,000. 

Taf. 2. Die Östliche Pilgerstrafse von Mekka nach Medtna nach der Beschreibung 
des Obersten Muhammed Bey Sadik, gezeichnet Von Richard Kiepert. 
Ungefährer Mafsstab 1 : 1,000,000 

Taf. 3. Dr. E. Oberhummer's Routen auf Cypcrn. Mafsstab 1:800,000. 

Taf. 4. Asien zum Vergleich in flächentreucr unechtkoniscber Projektion mit 
längentreuen Parallelkreisen (Merkator- Bonne) und in flächentreuer 
Azimut-Projektion (Lambert) au! den Horizont eines Punktes von 40 0 
n. Br. entworfen von Dr. Alois Bludau. Mafsstab 1 : 40,000,000. 

Taf. 5. Griechisches Sprachgebiet im Pontischen Küstengebirge zusammengestellt 
von H. Kiepert nach einheimischen statistischen Nachrichten auf Grund 
handschriftlicher Routenaufnahmen (vorzüglich des Dir. Krause). Mafs- 
stab 1 : 660,000. 

Taf. 6. Geologische Übersichtskarte von Mittel-Griechenland von Dr. A.Philippson. 
Mafsstab 1 : 900,000. 



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I. 



Der Isthmos von Korinth. 

Eine geologisch-geographische Monographie von Dr. Alfred Philippson. 



Einleitung. 

Die vielgestaltige Gebirgswelt Mittelgriechenlands wird im Süden 
abgeschnitten durch einen langen, tiefen und schmalen Graben. Jen- 
seits desselben erhebt sich, völlig von den Gebirgen des eigentlichen 
Hellas getrennt, die nicht minder vielgestaltige und hoch aufragende 
Masse des Peloponnes. Dieser Graben, der zwei, bei allen Verschieden- 
heiten des Baues im einzelnen, doch untrennbare und in Struktur, Ent- 
wickelungsgeschichte und Überflächenplastik zusammengehörige Gebirgs- 
Iänder durch seinen tiefen, steilwandigen Einschnitt scheidet, indem 
er sie auf eine Länge von 250 km senkrecht zu ihrer Hauptlängs- 
richtung durchzieht, reicht mit seinem Boden fast in seiner ganzen 
Länge unter den Meeresspiegel hinab. Er bildet einerseits den Golf 
von Korinth, andrerseits den Golf von Ägina. Zwischen beiden 
Meeresteilen ist die einzige Stelle, wo sich die Tiefenlinie des Grabens 
über das Meeresniveau, und zwar an der niedrigsten Stelle des Scheide- 
rückens nur um 75 m, erhebt. Hier, im Isthmos von Korinth, besteht 
daher eine trockene Verbindung Mittelgriechenlands und des Pelo- 
ponnes, die letzteren zur Halbinsel macht. Und zwar ist es keine zu- 
fällige Erhebung des Meeresbodens, diese schmale, aber so unendlich 
bedeutungsvolle Landbrücke, sondern ein Gebilde von tiefer geotektoni- 
scher Begründung. Denn die beiden Golfe, die sie von einander scheidet 
und welche zusammen jenen Trennungsgraben bilden, sind sehr ver- 
schiedenartigen morphologischen Charakters. Der Golf von Korinth, 
mit seinem Vorhof, dem Golf von Patras, bildet einen langgestreckten 
schmalen, schwach gekrümmten Meeresarm, der sich in der Mitte zu 
einer nur 1,9 km breiten Enge zusammenzieht. Steil stürzen die hohen 
Gebirge beider Seiten hinab zu den bedeutenden Tiefen des schmalen 

Zeitschr. d. GeselUch. f. Erdk. Bd. XXV. 1 



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2 



A. Philippson: 



Golfes 1 ). Breit öffnet sich dagegen der Golf von Ägina, der nur die 
Hälfte der Länge des korinthischen erreicht, zum Ägäischen Meere; 
in wechselvollem, sanftgeformtem Relief dacht sich das Land von beiden 
Seiten ab zu dem breiten Wasserspiegel, der nur geringe Tiefen 2 ) ver- 
hüllt und aus dem sich ein ganzer Archipel von Eilanden erhebt, 
während der Golf von Korinth nur unbedeutende Kiisteninsclchen auf- 
zuweisen hat. — Aber wir finden noch einen anderen, wichtigeren Unter- 
schied beider Golfe. An der Südwand des Golfes von Korinth sehen 
wir das Gebirge eingehüllt in mächtige, lockere Ablagerungen der 
jüngsten Tertiärzeit, teils Mergel, teils Konglomerate. Sie erreichen 
stellenweise eine Meereshöhe von nahezu 1800 m, sind von zahlreichen 
dem Golfe parallelen Verwerfungen zerschnitten und bilden so eine 
Riesentreppe, die in gewaltigen Stufen von den blauen Fluten des 
Binnenmeeres hinaufführt bis zu den zehn Monate mit Schnee bedeckten 
grauschimmernden Kalkfelszinnen der nordarkadischen Gebirge. Auf 
der Nordseite dagegen finden wir keine Spur von diesen jungen Ab- 
lagerungen — mit Ausnahme engbegrenzter, beckenförmiger Binnen- 
formationen. Unmittelbar erheben sich hier die steilen Gebirge der 
Kreideformation aus den Gewässern des Golfes. Es zeigt sich also, 
dafs am Golf von Korinth noch in, oder sogar nach der jüngsten 
Tertiärzeit Niveauverschiebungen der gröfsten Art vor sich gegangen 
sind, dafs diese aber die beiden Seiten des Golfes in ganz verschiede- 
ner Weise betroffen haben 3 ). Ein auffälliges Analogon hierzu sehen 
wir in der Meeressenke, die Euböa vom Festlande trennt. Hier finden 
wir ganz dasselbe Verhältnis zwischen SW- und NO-Seite. Es sei hier 
übrigens bemerkt, dafs aus meinen, später zu veröffentlichenden Unter- 
suchungen im Peloponnes mit grofser Wahrscheinlichkeit hervorgeht, 
dafs wir uns die Brüche des Golfes von Korinth nicht nachträglich ein 
fertig vorhandenes Faltengebirge durchsetzend und abschneidend zu 
denken haben, sondern dafs sie in ihrer ersten Vorbereitung schon 
mit dem Bau des Gebirges selbst verknüpft sind, wenn auch die 

1) Der Boden des Golfes von Patras ist nach den Lotungsangaben der briti- 
schen Admiralitätskarten eine ziemlich ebene, wenig tiefe Fläche. Im breiten Ein- 
gange des Golfes finden wir Tiefen von nur 50 — 60 m, weiter hinein bis zu 115 m, 
in der Enge von Rhion wieder nur 65 m, dann aber sinkt der Boden nach dem 
Inneren des Golfes von Korinth schnell zu bedeutenden Tiefen ab. Leider sind in 
diesem Golf die Lotungen sehr sparsam; im östlichen Teil fehlen sie fast ganz. 
Die gröfste verzeichnete Tiefe liegt südlich von Galaxidi in der Mitte der Breite 
und beträgt 750 m. 

2) Der Golf von Ägina bedeckt einen seichten, ziemlich ebenen Meeresboden, 
der nach SW allmählig abfällt zu einer tieferen Rinne, welche die Küste der Halb- 
insel Argolis in geringem Abstände begleitet ; hier rindet sich die Maximalticfe des 
Golfes zwischen Epidauros und Methana mit mehr als 400 m. 

:, j Näheres hierüber bleibt einer späteren Publikation vorbehalten. 



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Der Isthmos von Korinth. 



3 



letzten und bedeutendsten Bewegungen an ihnen noch bis in eine 
Zeit hinein fortdauerten, in welcher die Bildung des Faltengebirges selbst 
schon abgeschlossen war. — Der Golf von Ägina zeigt das gerade 
entgegengesetzte Verhalten. Am Isthmos von Korinth finden wir die 
jungtertiären Ablagerungen schon in viel tiefcrem Niveau. Sie be- 
gleiten dann noch eine kurze Strecke weit die Nordküstc des Golfes 
von Ägina, zu mäfsiger Hohe erhoben, um halbwegs zwischen Kalamaki 
und Megara zu verschwinden. Weiterhin treten, aufser Brack- und 
Süfswasserbildungen bei Megara und in Attika, marines Tertiär auf der 
Nordseite des Golfes nur noch auf am Piräus und bei Trachonaes 
(südlich von Athen). Diese Vorkommnisse scheinen jedoch einer älteren 
Stufe anzugehören, als dasjenige von Korinth (Mio-Pliocän nach Fuchs 1 ). 
Ob die in Ägina beobachteten jungen Marinbildungen Quaternär oder 
Tertiär, und ob sie in letzterem Falle den Schichten von Korinth oder 
denen von Trachonaes entsprechen, ist nicht bekannt. Jedenfalls stehen 
alle diese Ablagerungen an Ausdehnung und Mächtigkeit weit zurück 
hinter denen, welche den Golf von Korinth begleiten. Die Südseite 
vollends des Golfes von Ägina, an der wir auch die gröfsten Tiefen 
desselben finden, weist gar keine jungtertiären Bildungen auf! Dazu 
kommt, dafs im Golfe von Ägina bedeutende Eruptivmassen, Trachyte, 
auftreten , deren Eruptionen in der Pliocänzeit begonnen und wahr- 
scheinlich noch in die historische Zeit hinein gereicht haben. Porös, 
Methana, Ägina, Kulantziki und Kalamaki 2 ) sind die Punkte, an denen 
vulkanische Massen in der Umgebung des Golfes von Ägina zu Tage 
treten. An den Küsten des Golfes von Korinth ist dagegen kein 
einziges Vorkommen von Eruptivgesteinen bekannt. 

Es ergiebt sich also eine durchgreifende Verschiedenheit in der 
Gestaltung, dem geologischen Verhalten uud der Entwickelungsge- 
schichte der beiden Golfe, welche den grofsen Trennungsgraben, der 
Griechenland durchschneidet, bilden. Es kann dieser Gegenstand hier 
nur angedeutet werden. Auf der Grenze zwischen diesen beiden ver- 
schiedenen Gebilden erhebt sich nun der Isthmos von Korinth. In 
ihm müssen wir die Stelle suchen, an welcher die verschiedenen, jene 
beiden Senkungen verursachenden geotektonischen Erscheinungen in 
Interferenz treten. Wir werden sehen, dafs dies in der That der Fall 
ist. Ist das geologische Studium der Landenge also vom höchsten 
Interesse, so kommt hinzu, dafs durch die begonnene und schon be- 



1) Sitzungsber. k. Akad. d. Wiss. Wien. 73. Bd. 1. Abt. 1876. p. 75 ff. 

a ) Über die beiden letzteren vergl. meinen vorläufigen Bericht in den Verhandl. 
d. Gesellsch. f. Erdkunde zu Berlin, XV. 1888. S. 40t ff. Dort ist bei einem 
ersten flüchtigen Besuche ein rundes, kcsselartiges, abflußloses Thal irrtümlich als 
Krater aufgefaßt worden. Bei näherer Untersuchung hat sich herausgestellt, dafs 
die eine Seite der Umrandung nicht aus vulkanischem Material, sondern aus neoge- 
nen Mergeln und Opalfelsen besteht. 

1* 

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•1 



A. Philippson: 



deutend vorgeschrittene Durchstechung derselben ihr innerer Bau in 
vorzüglicher Weise aufgeschlossen, dafs auf ihr in hohem Grade die 
Oberflächengestaltung, und somit auch das ganze organische Leben, 
die Menschen und ihre Geschichte eingeschlossen, von diesem inneren 
Kau bedingt und beeinflufst ist, dafs aufserdem dieses kleine Stückchen 
Erde in der Geschichte der Menschheit eine hoch bedeutsame Rolle 
gespielt hat, um in dem Isthmos von Korinth ein, wie wenige, lohnendes 
Objekt physikalisch- geographischer Forschung erblicken zu lassen. 

Ich habe mich dieser Untersuchung im Anschlufs an gröfsere 
Arbeiten im Peloponnes unterzogen. In dieser Abhandlung sollen 
meine Resultate wiedergegeben werden, soweit sie sich auf den eigent- 
lichen Isthmos beziehen, da dieser ein wohlbegrenztes Gebiet von be- 
sonders augenfälliger Bedeutung ist. 

Es sei hier zunächst zusammengestellt, was wir bisher über die 
geologische Zusammensetzung und die physikalische Geographie des 
Isthmos von Korinth besitzen: 

Fiedler, Reise durch alle Theile des Königreiches Griechenland. I. 

Leipzig 1840. S. 229 ff. (Kurze Notizen über die warmen Qellen 

von Lutraki, die mögliche Durchstechung des Isthmos, die Quellen 

von Kenchreä u. a. in.) 
Hocrncs, Notes sur les especes marines subfossiles de Calamaki. 

Bulletin de la Soc. gdol. de France. Se'r. II", t. XIII. 1856. p. 575. 
Gaudry, Animaux fossiles et Geologie de TAttique. 1. Paris 1862. P.441IT. 

(Kurze Notizen über die am Isthmos auftretenden Schichten.) 
Fuchs, Studien über das Alter der jüngeren Tertiärbildungen. Sitzungs- 
berichte d. Wiener Akad. d. Wissensch. Math.-naturw. Kl. 73. Bd. 

I. Abt. 1876. p. 75 fr. 
Fuchs, Studien über die jüngeren Tertiärbildungen Griechenlands. 

Denkschr. d. Wien. Akad. d. Wiss. Math.-naturw. Kl. 37. Bd. 1877. 

(Beobachtungen über die Schichten, ihre Fossilien, ihr Alter und 

ihre Lagerungsverhältnisse.) 
Neumayr, Über den geologischen Bau der Insel Kos. Denkschr. d. 

Wien. Akad. d. Wiss. Math.-naturw. Kl. 40. Bd. 1880. (Diskussion 

auf Grund der Arbeiten von Fuchs.) 
Fuchs, Bemerkungen zum vorigen. Verhandl. d. k. k. geol. Reichs- 
anstalt. Wien 1881. p. 173 fr. 
Schmidt, J., Studien über Vulkane und Erdbeben. Leipzig 1881. 

(Uber Erdbeben und Quellen.) 
Fuchs (Ingenieur), Rapport sur la Constitution gdologique de l'isthme 

de Corinthe. Flugblatt der Sociittf international du Canal maritime 

de Corinthe. Paris 1887. 
Saussure, Le Canal de Corinthe. Globe. (Geneve.) 1887. p. 142. 

(Kurzer Bericht über den Kanalbau und die Geologie des Isthmos). 
Philippson, 3. Bericht über seine Reisen im Peloponnes. (Der Isthmos 



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Der Isthmos von Korinlh. 



."» 



von Korinth). Verhandl. d. Gesellsch. f. Erdkunde zu Berlin. XV, 

1888. p. 201 ff. (Vorläufiger Bericht.) 
Topographisch beschreibend : 
Curtius, Peloponnesos. II. Gotha 1852. p. 5 14 ff. 
Bursian, Geographie von Griechenland. II. Leipzig 1872. p. off. 

Aufserdem zahlreiche archäologische und touristische Reisebeschrei- 
bungen, die meist in naturwissenschaftlicher Hinsicht nur wenig bieten. 

Ich verwandte auf die Untersuchung des eigentlichen Isthmos von 
Korinth in der Umgrenzung der beigegebenen Karte die Zeit vom 2. bis 
14. Februar 1888, also 13 Tage, von denen aber vier durch Regen- und 
Schneewetter fast völlig verloren gingen. Ich verweilte teils in Korinth 
selbst, teils in Isthmia, dem neu erbauten Hauptquartier der Kanalbau- 
Gcsellschaft. Ferner besuchte ich am 26. Februar 1889 noch einmal 
den Kanaleinschnitt und durchzog am folgenden Tage den Isthmos 
von Neukorinth nach Kenchreä. Aufserdem habe ich dieses Gebiet zu 
verschiedenen Jahreszeiten auf der Durchreise nach und von dem Pc- 
loponnes flüchtig gesehen. 

Zu lebhaftem Danke bin ich der „Internationalen Gesellschaft des 
Seekanals von Korinth", besonders deren „Ingenieur- resident", Herrn 
Morin in Isthmia, verpflichtet für die in liebenswürdigster Weise ge- 
währte Gastfreundschaft und Förderung jeder Art. Herrn Morin, der 
die geologischen Verhältnisse des Isthmos eifrig studiert, verdanke ich 
reiche Belehrung und Anregung. Er hat mit gröfstem Fleifse ein sehr 
genaues geologisches Profil des Kanaldurchschnittes aufgenommen, 
das hoffentlich recht bald zur Veröffentlichung gelangen wird, und 
welches er mir zur Einsichtnahme überliefs. Auch Herrn Ingenieur 
Trucco in Posidonia bin ich zu Dank verpflichtet für Überlassung einer 
Anzahl von Fossilien aus seiner Sammlung. 

I. ABSCHNITT. 
Topographische Übersicht. 

Der Golf von Korinth spaltet sich an seinem Ostende in zwei 
Buchten, zwischen welche eine bergige Halbinsel nach West vorspringt. 
Die nördlichere, gröfsere Bai ist die von Livadostra, die südliche, so- 
wohl schmälere als kürzere, ist die Bucht von Korinth. Erstere wird 
im Norden begleitet von den steilen Gehängen des Kithäron-Gcbirges, 
welches nach Osten nach Attika hinein fortstreicht, mit seinen Ausläu- 
fern unmittelbar an die Bucht von Eleusis herantritt und so eine durch- 
greifende Scheidung zwischen Attika und der Landschaft Megaris bewirkt. 
In der Fortsetzung der Bai von Livadostra begleitet die Südabhänge 
des Kithäron ein etwa 7 km breiter und 21km langer Streifen eines 
flachhügeligen Tieflandes, teils aus jungtertiären (und zwar vorwiegend 
Brack- und Süfswasser-) Ablagerungen, teils aus alluvialem Schwemm- 



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A. Philippson: 



land gebildet. Diese Senke durchzieht so die Landbrücke zwischen 
Mittelgriechenland und dem Peloponnes in ihrer ganzen Breite in ost- 
südöstlicher Richtung, indem sie im Osten an das Binnenmeer von 
Eleusis, jenen durch die Insel Salamis vom Aginetischen Golf abge- 
trennten Teil, herantritt und in ihm seine weitere Fortsetzung findet. 
Es ist dies der Ist h mos von Megara, den man auch als den nörd- 
lichsten Teil des Isthmos von Korinth im weiteren Sinne bezeichnen 
kann. Dies jungtertiäre Hügelland von Megara erhebt sich zu einem 
wasserscheidenden Rücken von immerhin 400 m Höhe, also zu ungleich 
gröfserer Höhe, als der Isthmos von Korinth selbst. Dieser Rücken 
fällt ziemlich steil nach Westen zur Bai von Livadöstra, dagegen sehr 
flach nach Osten zur Ebene von Megara ab. Im Süden dieser Senke 
nun erhebt sich, ebenfalls von Meer zu Meer ziehend und einen zweiten 
hermetischen Abschlufs bildend, das Gebirge der Geraneia, welches in 
dem 1370m hohen, heute ro Muxqv IlXnyi (Makriplägi = der lange 
Hang) genannten, stolz geformten und weithin sichtbaren Gipfel seinen 
höchsten Punkt erreicht. Im Norden steigen die neogenen Ab- 
lagerungen bis zur Höhe von nahezu 500 m am Gebirge hinauf. Im 
übrigen besteht dasselbe aus den Gesteinen der griechischen Kreide- 
formation. Unmittelbar südwestlich von Megara stürzt das Gebirge auf 
einer Strecke von 8km in fast senkrechten, über 200m hohen Felsen 
in das Aginctische Meer hinab. Es sind dies die berühmten Skironi- 
schen Felsen, heute 1/ xaxt) JZxdla (Kakiskäla = der böse Steg) genannt, 
jener Engpafs, an welchem der von Theseus bezwungene Räuber Skiron 
hauste, eine Personifikation des zuweilen hier auftretenden heftigen 
Fallwindes. Von hier zieht der Hauptkamm über das Makriplägi nach 
Westen als ein unwirtliches, wildes, unbewohntes Fels- und Waldgebirge, 
das in einem mauerartigen Rücken (1057 m) unmittelbar nördlich von 
Luträki zu dem Nordostwinkel der Bai von Korinth abstürzt und hier also 
das westliche Meer erreicht. Dann sinkt es nach Westen hinab zu einem 
etwas fruchtbareren Hügelland, ebenfalls aus Gesteinen der Kreideforma- 
tion bestehend, im Durchschnitt etwa 350 m über dem Meere. Es ist dies 
jene Halbinsel, welche nach W in den Golf von Korinth vorspringt 
und dort mit dem spitzen Felskap Hägios Nikölaos, im Altertum Heräon 
genannt, endet. Die Halbinsel trug im Altertum den Namen Peräa, 
„das jenseitige Land", und noch heute heifst das in ihrer Mitte liegende 
Hauptdorf Perach6ra. So bildet denn das Geraneia-Gebirge einen 
mächtigen Riegel über die Landbrücke hinweg, ein kleines Massiv für 
sich, welches weder mit den Gebirgen Mittelgriechenlands noch mit 
denen des Peloponnes in einem orographischen Zusammenhange steht. 

Von der Kakiskäla aus zieht die Küste des Golfes von Ägina 22 km 
weit nach WSW, bis sie bei Kalamäki nach S umbiegt. Auf diese 
Weise entfernt sie sich allmählich von dem Gebirge Geraneia; bei Ka- 
lamäki beträgt die Entfernung vom Gebirgsfufs 6km. Der dreieckige 



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Der Isthmos von Korinlh. 



7 



Raum, der so entsteht, wird von einem Hügellande der Tertiär formation 
eingenommen, das von grofsen Verwerfungen durchsetzt ist, welche an- 
nähernd von W nach O laufend nach der Kakiskäla zu konvergieren 
scheinen. An diesen Verwerfungen ist meist der nördliche Flügel der 
höhere. So bilden sich eine Reihe von Schollen, welche stufenförmig 
vom Meere zu der Geraneia ansteigen, und zwar bis zu einer Höhe 
von etwa 550 m. Das Hügelland wird durch tiefe, steilwandige, von 
N nach S gerichtete Thäler zerschnitten, deren Wildbäche, die nur im 
Winter Wasser führen, mächtige Schuttkegel in das Meer hinausbaucn. 
Es ist fast ganz von Wäldern krüppelhafter Recinakiefern {Pinns hale- 
pensis MM.) bedeckt und vollkommen unbewohnt, mit Ausnahme der 
Küstcnlinie, wo sich einige kleine Weiler (mit zusammen 377 Einwoh- 
nern) in der Nähe der Strafsc und Eisenbahn Athcn-Korinth befinden. 
Es gehört diese Gegend zu den unwegsamsten Griechenlands. Sic 
bildete im Altertum die Landschaft Krommyoni a, den Zankapfel zwi- 
schen Korinth und Megara. 

Die westlichste dieser tief eingeschnittenen Schluchten, die von N 
nach S das tertiäre Hügelland der Krommyonia durchziehen, betrachten 
wir als die Ostgrenze des eigentlichen Isthmos von Korinth und daher 
des Gebietes unserer näheren Betrachtung. Sie öffnet sich etwa 800 m 
östlich des Hafenörtchens Kalamaki und vor ihr streckt sich ein 
flacher Schuttkegel in das Meer vor, der die kleine Bucht von 
Kalamaki im Osten begrenzt. Zunächst westlich der Schlucht finden 
wir noch ein Stück desselben Hügellandes, bestehend aus mehreren 
westöstlich streichenden hinter einander nach N zu immer gröfserer 
Höhe ansteigenden plateauartigen Rücken, deren südlichster, 171m 
hoch, steil nach S abstürzt zu der nur etwa 200 m breiten kleinen 
Ebene von Kalamaki. Nach W zu dacht sich nun aber das Hügel- 
land schnell ab. Es schieben sich hier mehrere nach W gerichtete Erosions- 
thäler ein, welche sich bald erbreitern und dann zu der kleinen Ebene 
von Luträki verschmelzen. Nur einige isolierte kleine Hügel ragen 
aus derselben hervor. Die Ebene wird im N begrenzt durch den steilen 
Abfall der Geraneia, speziell des schon oben erwähnten Berges von Lu- 
träki ; nach W öffnet sie sich zur Bucht von Korinth. 

Die Ebene bildet die ganze Ostküste dieser Bucht. Die Küste setzt 
im N in rechtem Winkel unmittelbar an den Fufs des Gebirges an — 
hier liegt das Dörfchen Luträki mit seinen heifsen Quellen — und 
zieht dann in einem äufserst flachen Bogen nach SSW auf eine Strecke 
von 4} km, bis sie sich in scharfem Winkel nach W wendet, indem 
zugleich wieder eine Tertiärscholle unmittelbar an das Meer herantritt 
(dicht östlich von Neu-Korinth). So ist die Westküste des eigentlichen 
Isthmos eine ausgesprochene Flachküste. Sie wird begleitet von einem 
etwa 300 m breiten Zuge von niedrigen Dünen und Sandflächen, welche 
die hier herrschenden stürmischen Westwinde aufgeworfen haben. Die 



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A. Philippson: 



Umbiegungsstelle der Küste bei Neu-Korinth (die Südeckc der West- 
küste des Isthmos) ist von derjenigen bei Kalamaki (der Nordecke der 
Ostküste des Isthmos) 6 km entfernt. Die Verbindungslinie beider 
Punkte streicht W2o°N— 020°S; es ist die eine Diagonale der Land- 
enge, wenn wir dieselbe auffassen als ein Rhomboid, dessen kürzere, 
4 km lange Seiten die nach SSW gerichteten Küstenstrecken Lutraki — 
Neu-Korinth und Kalamaki— Kenchreä, dessen längere, ungefähr 7 km 
langen NW gerichteten Seiten die Linien Kalamaki— Lutraki und Ken- 
chreä— Neu-Korinth sein würden. Die Landenge zwischen den am 
meisten genäherten Küstenstrecken der beiden Golfe hat also eine Rich- 
tung von NO nach SW. Dieser Richtung der Landenge entspricht 
aber die Anordnung der Oberflächen-Elemente auf ihr nicht. 

Wir haben gesehen, dafs das tertiäre Hügelland, welches den Süd- 
abfall der Geraneia begleitet, nach W hin sich abdacht zu der Ebene 
von Lutraki, welche die ganze westliche Küstenstrecke des Isthmos 
einnimmt. Jedoch der südlichste Teil des Hügellandes, speciell der 
Hügel, der sich hinter Kalamaki mit dem erwähnten Stcilabstnrz er- 
hebt, erniedrigt sich nach W nicht zur Ebene, sondern nur zu einem 
flachen, sich schnell verbreiternden Rücken, der die Richtung Wi5°S 
einschlägt. Er erniedrigt sich sehr bald auf 80 m. Sowohl nach NzW 
als nach SzO fällt dieser Rücken in deutlich ausgesprochenen Boden- 
stufen von verschiedener Höhe ab, so dafs er nach beiden Seiten als 
unregelmäfsige Treppe absteigt einerseits zur Ebene von Lutraki und 
der Bucht von Korinth, andererseits zur Bucht von Kalamaki. Nach 
letzterer ist der Abfall ein bedeutend steilerer als nach ersterer. Die 
Höhenlinie liegt daher näher an Kalamaki. Auf dem Rücken selbst ist 
eine ganz flache, aber doch deutlich ausgesprochene Mulde von etwa 
2 km Länge und 200 m Breite nur wenige Meter eingesenkt, welche 
von recentem Lehm angefüllt ist. Diesen Scheiderücken des 
Isthmos durchschneidet der im Bau befindliche Kanal in der Richtung 
W4iJ°N — 0 4ij 0 S, also in etwas schiefer Richtung. Etwas südwest- 
lich vom Kanal erreicht der Rücken seine geringste Höhe (etwa 75 m) 
uml seine gröfstc Breite. Es tritt nämlich sein äufserster Rand nun 
unmittelbar heran an die SO-Ecke der Bai von Korinth. Andererseits 
zieht sich nach OSO von dem tiefsten Punkt der Höhenlinie ein Wasser- 
rifs hinab zur Bucht von Kalamaki. Zuerst nur flach muldenförmig 
eingesenkt, schneidet er sich bald mit gewundenem Lauf steilwandig 
ein. Von Nord und von Süd nimmt er je eine kleine Nebenschlucht 
auf und mündet dann in eine kleine Küstenebene, welche mit derjeni- 
gen von Kalamaki in Verbindung, steht und die Westseite der gleich- 
namigen Bucht auf eine Länge von 1.3 km, von der Umbiegungsstelle 
der Küste aus, bildet. Hier ist am SO-Ausgange des Kanaleinschnittes 
die kleine Stadt Isthmia entstanden, wo sich die Magazine, Werkstätten und 
Bureaus der Baugesellschaft, sowie die Wohnungen ihrer Beamten befinden. 



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Der Isthmos von KoTinth. 



Auf der Südseite dieses Thälchens erbebt sich der Boden wieder 
in mehreren Stufen zu einem Plateau von gleicher Höhe, wie der 
Scheiderücken, mit dem es auch weiter westlich innig verschmilzt zu 
einer einheitlichen, wenig differenzierten Fläche, welche nach Süden 
allmählich ansteigt gegen das Dörfchen Xyloke'riza hin. Zwischen 
diesem und Isthmia jedoch finden wir noch einmal einen bedeutenden 
nach NNW sehenden Steilabfall mit der Richtung WSW — ONO. Kr 
trägt ein bis 140 m hohes Plateau, welches sich vom Steilrand allmäh- 
lich nach SO absenkt. Es fällt südlich der kleinen Ebene von Isthmia 
mit ausgesprochener Steilküste zum Golf von Ägina ab, in welchen 
es mehrere felsige Vorsprünge hinaussendet. 2 £ km ist diese Steilküste 
lang, dann öffnet sich südlich von ihr wieder eine Bucht, in welche 
ein Thal mit einer kleinen Ebene mündet. Hier lag die alte Handels- 
stadt (jetzt ein einsamer Bauernhof) Ken ehr eä. Unmittelbar südlich 
erheben sich die steilen Gehänge des Kalkbergcs Oncion (582 m), der 
wie ein 8 km langer von O nach W gestreckter „Eselsrücken" das Tief- 
land des Isthmos im S begrenzt und als erster Vorposten der pelo- 
ponnesischen Gebirge die jugendlichen Ablagerungen des Isthmos über- 
ragt. An seinen Fufs schmiegt sich weiter westlich der erbreiterte 
Scheiderücken des Isthmos bei Xyloke'riza, hier bis zu einer Höhe 
von 100 m hinanreichend. Dorthin führt das Thal von Kenchreä in 
bequemer Steigung hinauf, indem es das Plateau zwischen Xylokdriza 
und Isthmia mit einer Lücke durchbricht. 

So entsteht durch die Verschmelzung dieser Plate auschollcn von 
Isthmia mit dem Scheiderücken deslsthmos eine ausgedehnte ebene Fläche 
von 80— 130 m Höhe, welche von Xylokcriza 7 km weit nach N bis an 
die Südostecke der Bai von Korinth reicht. Dasselbe niedrige Plateau 
zieht sich nun weithin nach W zwischen Gebirgsfufs und Küste hin. Es 
zerlegt sich aber hier sofort in eine ganze Anzahl hintereinander auf- 
steigender Terrainstufen, deren niedrigste am Meere, deren höchste 
am Gebirgsfufse liegt. Schon auf der Linie zwischen Neu-Korinth und 
dem Dorfe Hexamilia unterscheidet man vier Stufen, denen südlich des 
Dorfes noch eine fünfte folgt. Sie werden durchschnitten von einem 
Bach, der im südlichen Gebirge oberhalb Chiliomödi entspringt, 
das Thalbecken dieses Ortes durchzieht, dann zwischen den Bergen 
Oneion und Akrokorinth hindurchbricht und an seiner Mündung 
in die Bai von Korinth eine kleine Schwemmlandebene aufschüttet. 
Auf dieser Ebene, sie fast ganz einnehmend, zwischen der ersten 
Terrainstufe des Tertiär und der Küste, dicht westlich von der 
Südostecke der Bucht, an welcher die Tertiärstufe unmittelbar an die 
Küste tritt, liegt die Stadt Neu-Korinth. Kaum 2 km westlich der 
Bachmündung tritt die Stufe von neuem an die Küste, dann aber weicht 
sie endgültig zurück und läfst eine sich nach W allmählich verbreiternde 
Küstenebene frei, die gegen das Meer hin aus einem breiten Sand- 



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10 



A. Philippson: 



streifen besteht. Hier liegt zwischen erhöhten Sandhaufen unmittel- 
bar am Ufer eine Lagune, wahrscheinlich der Rest des künstlich 
ausgegrabenen Hafenbeckens von Lechäon, des einen Hafenplatzes des 
alten Korinth; £ Stunde westlicher folgen an der Küste die Reste einer 
venetianischen Redoute. Wir sind hier 7 km von der Südostecke der 
Bucht von Korinth in westlicher Richtung entfernt. Von hier zieht sich 
in südlicher Richtung gerade auf den Gipfel von Akrokorinth zu eine 
Befestigungslinie, wohl ebenfalls von den Venetianern herrührend, die 
so den Isthmos nach W abschlössen. Diese Linie durchzieht zunächst 
die 800 m breite Küstenebene, dann 2 \ km weit die verschiedenen 
Terrainstiifen bis an den Fufs des Felsberges Akrokorinth. Weiter 
nach W ziehen die Stufen, allmählich undeutlicher werdend, in die 
fruchtbare Ebene zwischen Korinth und Sikyon hinein. Hier also geht 
der Isthmos ohne entschiedene Begrenzung in die Küstenebene von 
Kiaton über. Wir wollen das Gebiet unserer Betrachtung mit jener 
Befestigungslinie abschliefsen, welche Akrokorinth mit dem nächsten 
Küstenpunkte verbindet. 

Wir sahen, dafs der Berg Oneion sein Westende erreicht an dem 
Bach von Neu-Korinth. In seiner Fortsetzung, etwas gegen N vor- 
tretend, erhebt sich nun der mächtige Felsklotz von Akrokorinth 
(\JxQox6nir&og = Hochkorinth) zu 575 m, der das ganze Landschaftsbild 
des Isthmos mit seinem stolzen, von der Geschichte geweihten Haupte 
beherrscht. An seinem Nordfufse, auf den obersten Stufen des Tertiärs, 
liegt die Stätte des alten Korinth, der reichsten und üppigsten Handels- 
stadt von Hellas, jetzt herabgesunken zu einem elenden kleinen Weiler 
(llahcid Kontrtog:). 

Das Thal zwischen Oneion und Akrokorinth, sowie auch die Rück- 
seiten beider Berge sind eingehüllt von Tertiär, das hier zu bedeutend 
gröfserer Höhe ansteigt, als auf den dem Isthmos zugewendeten Seiten. 
Heide Berge sind also losgelöste und von jüngeren Ablagerungen 
eingehüllte Glieder des argolischen Gebirges, mit deren Hauptmasse sie 
in keinem oberflächlichen Zusammenhange stehen. 

Nach dieser Betrachtung können wir den Isthmos von Korinth in 
der angegebenen Umgrenzung zerlegen in folgende Teile: 

1. Die Abhänge der Geraneia. 

2. Die Ausläufer des Hügellandes der Krommyonia. 

3. Die Ebene von Luträki. 

4. Den Scheiderücken des Isthmos. 

5. Die Plateauteile südwestlich von Isthmia. 

6. Das Stufenland von Korinth. 

7. Die Abhänge des Oneion und Akrokorinths. 

Die geologische Betrachtung geht am besten von dem Scheide- 
rücken aus, da dessen Bau durch den Kanaleinschnitt so trefflich auf- 
geschlossen ist. 



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Der Isthmos von Koiinth. 



U 



II. ABSCHNITT. 
Der geologische Bau des Isthmos von Korinth. 

L Der Scheiderticken. 

A. Der Kanaleinschnitt, nebst einer Einleitung über den 

Bau des Kanals von Korinth. 

In einem Lande, wo zu allen Zeiten, im Altertum wie in der (legen- 
wart, der Verkehr sich vorzugsweise zur See bewegte, mufste die 
schmale Landbrücke, welche Mittelgriechenland und den Peloponnes 
in Zusammenhang bringt, nicht sowohl als ein willkommenes Band 
beider Länder, als ein unheilvolles Verkehrshindernis betrachtet werden. 
Stets ein Zankapfel zwischen den beiderseitigen Anwohnern, ein Ein- 
lafsthor für feindliche Einfälle von beiden Seiten her, ein Objekt steter 
Angst und Sorge vor allem den Peloponnesiern, die daher die Landenge 
zu verschiedenen Malen durch Befestigungen abzuschliefsen suchten, im 
Mittelalter und Neuzeit der Schlüssel, mit dem sich Barbarenhorden 
der Pelopsinsel bemächtigen konnten, hat sie viel weniger dem fried- 
lichen Verkehr zwischen Nord und Süd gedient, als zu kriegerischem 
Unheil sowohl den Peloponnesiern als den Mittelgriechen gereicht. Ist 
also der Vorteil der Landverbindung der beiden Hauptteile von Hellas 
nur ein sehr zweifelhafter, so tritt er völlig zurück gegenüber dem 
gewaltigen Hemmnisse, welches dieser Damm der freien Entfaltung 
des Verkehres in westöstlicher Richtung entgegensetzte, einer Verkehrs- 
richtung, die hier stets die vorherrschende war. Das Hindernis war 
im Altertum um so empfindlicher, als die Alten die Kaps Malea und 
Taenaron wegen ihrer Stürme und Klippen fürchteten und mieden und 
daher die Umladung der Waren am Isthmos der gefahrvollen Umschif- 
fung des Peloponnes vorzogen. (Sprichwort der Alten bei Strabo VIII, 
6: Malta? de xd/txpag, intXä&ov r<äv oixadt. „Vergifs der Heimat, wenn 
Du Malea umschifft!"). 

Schon früh mufste daher der Gedanke auftauchen, dieses Hemmnis 
entweder zu beseitigen oder doch weniger empfindlich zu machen. Der 
Ort, wo dieser Gedanke zuerst entstand, war naturgemäfs Korinth, die 
Stadt, welche von der Vermittelung des Verkehrs über das Hindernis 
hinweg lebte und welche durch denselben die reichen Mittel erworben 
hatte, die zu dieser That nötig waren. Die Zeit war die, als eben 
die griechischen Kolonien in Italien, Südgallien und Hispanien aufzu- 
blühen begannen, als gleichzeitig die Griechenstädte in Kleinasien in 
höchster Blüte standen, als keine gröfseren kriegerischen Erschütterungen 
die griechische Welt beunruhigten, als noch dazu Korinth unter einem 
thatkräftigen Herrscher sich zu der vollen Ausnutzung dieser günstigen 
Konjunkturen aufschwang. Zu dieser Zeit mufs der Verkehr über den 
Isthmos ein besonders starker gewesen sein zwischen den alten Kultur- 



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12 



A. Philippson: 



statten des Ägäischcn Meeres und den neu in den Kreis der griechi- 
schen Civilisation gezogenen grofsen Länderstrecken des westlichen 
Mittclmeeres. Es war der Tyrann Periander von Korinth um das Jahr 
600 v. Chr., der zum ersten Mal den Gedanken einer Durchstechung 
des Isthmos fafstc. Wie weit er aber zur Ausführung überging, ist un- 
bekannt. Statt der Durchbohrung ersann man ein anderes Auskunfts- 
mittel, dessen Herstellung allerdings der Zeit nach nicht feststeht. Es 
wurde der sog. Diolkos, eine Fahrbahn, eingerichtet, auf welcher kleinere 
Schiffe und Schiffsladungen mit Maschinerien über die Landenge ge- 
rollt wurden. Es blieb dies natürlich ein unvollkommenes Hülfsmittel, 
das übrigens noch in der Mitte des 12. Jahrhunderts n.Chr. in Betrieb 
war 1 ). Erst Demetrios Poliorkctes (um 300 v. Chr.) dachte wieder an die 
Herstellung eines Schiffskanals. Jedoch liefs er sich wieder davon ab- 
bringen durch das Gutachten der Ingenieure, dafs der Golf von Korinth 
höher stände als der von Ägina, und dafs vernichtende Überschwem- 
mungen des letzteren die Folge der Durchstechung sein würden. Julius 
Cäsar, der der Mann zur Ausführung der grofsen That gewesen wäre, 
wurde durch den Tod verhindert, das Werk in Angriff zu nehmen. 
Caligula hat wohl nur in einer seiner verrückten Launen die Durch- 
stechung des Isthmos befohlen. Erst Nero nahm mit allem Ernst den 
Plan in Angriff. Zum ersten Mal kam es zu thatsächlichen Arbeiten 
(67 n. Chr.). Sklaven, Soldaten, Verbrecher und Kriegsgefangene, 
darunter 6000 von Vespasian geschickte Juden, wurden auf dem Isthmos 
versammelt. Noch heute sind die Spuren ihrer Thätigkeit sichtbar, so- 
weit sie nicht durch den neuen Bau zerstört sind. Eine Anzahl 
tiefer Brunnen wurde auf dem Scheiderücken in regelmäfsigen Ab- 
ständen angelegt, die von dem modernen Kanal z. T. angeschnitten 
sind. An beiden Enden ist der Graben auf eine Länge von zusammen 
3500 m begonnen, die Erde daneben in Halden aufgeschüttet. Am 
weitesten ist man am NW-Ende gekommen, wo der Kanal fast im 
Meeresniveau eine gute Strecke weit sogar in festes Konglomerat 
eingehauen ist. Der gewaltsame Tod des Kaisers machte diesem seinem 
Lieblingswerke ein Ende. Herodes Atticus hat noch einmal dasselbe 
Projekt wieder aufgegriffen 2 ). Dann aber ruhte es bis auf unsere Tage 
und auch der Diolkos ist längst vergessen. 

Ein Seckanal durch den Isthmos hat heutzutage lange nicht die Bc- 

1 ) Hertzberg, Geschichte der Byzantiner und des osmanischen Reiches. 
(Oncken, Allg. Geschichte in Einzeldarstellungen.) Berlin 1883. p. 306. 

2 ) Vcrgl. über die Geschichte der Kanalprojekte: Leake, Morea III, 297. 
Gerstcr, L'isthme de Corinthe, tentatives de percement dans l'antiquitc. Bull, de 
corrcsp hellen. VIII. 1884- p. 22,5. Türr, Vortrag auf dem i. Binncnschiffahrts- 
kongrefs, abgedr. im Le Canal de Corinthe, Bull. soc. internat. du canal marit. de 
Corinthe. 4" Anncc, N. 19. 16. Aoüt 1886 Vergl. auch Fiedler, 1. c. I. 
p. ZiS ff- 



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Der Isthraos von Korinth. 



13 



deutung, die er im Altcrtume besessen hätte. Die Bahnen des Weltverkehres 
sind andere geworden. Die Strafsen über den Isthrnos und um KapMalea 
herum sind nicht mehr Weltverkehrswege ersten Ranges. Die Umschiffung 
von Kap Malea hat für die Dampfschifffahrt ihre Schrecknisse verloren, 
wenn sie auch im Winter zuweilen recht unangenehm werden kann. Der 
Zeitverlust, welcher durch Umfahrung des Peloponnes für Dampfer ent- 
steht, ist sehr unbedeutend. Man wird also den Durchgangszoll durch 
den Kanal- sehr niedrig ansetzen müssen. Trotzdem hat man geglaubt, 
mit Hülfe der modernen Technik das Werk so billig herstellen zu 
können, dafs es noch einen Profit abwerfen werde, trotz der seit dem 
Altertum für das Werk ungünstiger gewordenen Verkehrsverhältnisse. 
Das so viel mehr versprechende Panamaunternehmen ist zusammenge- 
stürzt. Ein gleiches Schicksal scheint dem Kanalbau von Korinth be- 
vorzustehen, denn augenblicklich ruht die Arbeit wegen Geldmangels seit 
Mitte März 1889. Jedenfalls sind die Schwierigkeiten des Baues hier, 
trotz der viel geringeren Länge, gröfser als beim Suezkanal wegen der 
bedeutenderen Höhe des Rückens. Man ist auf schwierige Gesteins- 
schichten geraten, von denen man bei Beginn des Baues keine Ahnung 
hatte. Schon jetzt ist der Voranschlag der Kosten bedeutend überschritten! 

Welches aber auch seine finanziellen Aussichten sein mögen, jeden- 
falls mufs die Wissenschaft dem Unternehmen Dank zollen, denn durch 
dasselbe erhalten wir einen Einblick in den Bau einer höchst merk- 
würdig gestalteten Erdscholle. 

Der Kanal soll die Verhältnisse des Kanals von Suez erhalten, 
nämlich 8 m Tiefe unter dem niedrigsten Wasserstand und 22 m Breite 
am Boden. 

Die gewählte Trace ist genau diejenige des neronischen Werkes. 
Sie durchschneidet den Isthmos an der Stelle seiner geringsten Breite 
völlig gradlinig. Der Graben hat daher eine um einige Meter bedeu- 
tendere Höhe zu durchsetzen, als sich etwas weiter südwestlich geboten 
hätte, wenn er dem Thälchen von Isthmia gefolgt wäre. Die gröfsere 
Länge, die Krummlinigkeit und die nötige Wasserableitung auf der 
letzteren Trace entschied zu Gunsten des neronischen Projektes. 

An beiden Enden sind Hafenbauten und Barackenstädte angelegt, 
am Westende Posidonia, am Ostende Isthmia, das eigentliche Haupt- 
quartier. Der Eingang des Kanales im NW, bei Posidonia, befindet 
sich 1300 m nordöstlich der Südostecke der Bai von Korinth. Der 
südöstliche Eingang bei Isthmia liegt 800 m südlich des innersten 
Punktes der Bai von Kalamäki. Die Richtung des Einschnittes ist (mit 
korrigierter Deklination) W 415° N — O 415 0 S. Seine Länge, einschliefs- 
lich der auf den Meeresgrund entfallenden ausgetieften Einfahrtsstrecken 
an beiden Seiten: 6343 m, davon entfallen auf Meeresgrund 486 m, auf 
das Festland 5857 m. Von dem festländischen Einschnitt sind an 
beiden Enden je eine Strecke, soweit die flache Alluvialebene reicht, 



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14 



A. Philippson: 



mit Baggermaschinen bereits bis zur definitiven Tiefe ausgearbeitet und 
unter Wasser gesetzt. Ich halte dies insofern für einen Fehler, als 
durch das stehende Wasser in den Kanalenden das Klima der Baracken- 
städte noch ungesunder geworden ist, als es ohnedies schon gewesen 
wäre. Namentlich in Posidonia ist die Malaria endemisch. Die übrigen 
etwa 4000 Meter des Einschittes sind in dem Scheiderücken des 
Isthmos auszugraben. Die Höhenlage des oberen Randes des Ein- 
Schnittes (also die Höhe des natürlichen Terrains auf der Linie des 
Kanales) ist bei den betreffenden Entfernungen vom Anfangspunkt im 
NW bei Posidonia folgende 1 ): 

Entfernung vom o-Punkt Höhe über dem Meer in 



Posidonia in Meter 


Meter 


(sog. piquets): 


(sog. cote) 


Pt. 


O 


— 9 


>» 


280 (Küste) 


0 


M 


500 


-h I 


>» 


1000 


3 


II 


1500 


»4 


II 


2000 


4i 


M 


2160 


40 


M 


2500 


5o 


»» 


3000 


61 


II 


3400 


75 


II 




77 


'> 


3732 (höchster Punkt) 


79* 


" 


4000 


67 


II 


4500 


61 


»» 


5000 


4i 


II 




8 


1' 


6000 


3 


II 


6137 (Küste) 


0 


n 


6300 


-8* 




6343 


-9 



Man ersieht aus diesen Zahlen die bedeutendere Ausdehnung der 
Alluvialebene und den allmählicheren Anstieg des Rückens auf der 
Seite von Posidonia gegenüber derjenigen von Isthmia, sowie den 
flächenhaften Charakter des Rückens selbst (von pt. 3400 bis 3800 
bleibt die Höhe ziemlich gleich der Maximalhöhe). 

Die Ausarbeitung des Einschnittes in den Scheiderücken geschah 
auf folgende Weise. Von jeder der beiden Seiten her wurden in ver- 
schiedenen Niveaus horizontale Stollen eingetrieben, in jeden derselben 
ein Eisenbahngeleise gelegt und nun jeder Stollen nach oben hin bis 

l ) Nach dem Profil des Herrn Morin. 



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Spalten Spalten 

\ 

\ 

Meer 



Ii. Schematisches Profil. 
[Zu Seite 55 1 





Gehobene Scholle 



Zeitschrift d (lc>. f. Erdkunde Bd XXV. 




Der im Bau begrifl'ene Kanal von Korinth, gesehen von Südost, 
nach einer vom Verfasser am 9. Februar 1888 aufgenommenen Photographie, 

Standpunkt im Kanalcin>chnilt, nahe dem SudoMctulc deMdben, l>ci piqucl 510a 

V ~ Verwerfung NU, 

[Zu Seite 15.J 



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Der Lsthmos von Korinth. 



15 



zu Tage ausgearbeitet, indem man das losgelöste Material vermittelst 
Lokomotiven auf den Eisenbahnen fortführte und an geeigneten Stellen 
zu Seiten der beiden Ausgänge des Kanals in grofsen Halden ablagerte. 
Diese Halden haben bereits gewaltige Ausdehnung gewonnen und das 
Landschaftsbild und das Relief des lsthmos beträchtlich umgestaltet. 
Grofse Strecken sind durch dieselben verhüllt worden. Zur Zeit meines 
Besuches (Februar 1888) war die Arbeit so weit vorgeschritten, dafs 
bis zur Höhe von 47 m ü. d. M. hinab der Scheiderücken bereits in 
definitiver Breite ausgearbeitet war; aufserdem war man von beiden 
Seiten her in den verschiedenen tieferen Niveaus bereits ansehnlich 
gegen die Mitte zu vorgedrungen, so dafs man innerhalb des Einschnittes 
in mehreren Stufen hinaufstieg von den bis unter das Meeresniveau aus- 
getieften Endstrecken bis zu der 47 m hohen mittleren Plattform. 

Als Normalböschung hat man ursprünglich 1 :io angenommen, d. h. 
auf 10 m Höhe nur 1 m horizontales Zurücktreten der Wand! Diese 
übergrofse Steilheit, welche fast den Eindruck des Senkrechten macht, 
hat jedoch an vielen Stellen bereits in eine flachere Böschung umge- 
arbeitet werden müssen, und es frägt sich, ob dies nicht schliefslich 
auf der ganzen Länge des Kanals wird geschehen müssen, was natürlich 
die Kosten sehr bedeutend erhöhen würde. 

Betrachten wir nun das geologische Profil, welches sich uns bei der 
Wanderung durch den Kanal darbietet, und zwar gehen wir in der 
Richtung von NW nach SO, also von Posidonia nach Isthmia vor. Im 
genaueren verweisen wir auf das hoffentlich bald erscheinende grofse 
geologische Profil des Kanales von Herrn Morin. Von den zahlreichen 
Verwerfungen sind hier nur die wichtigsten genannt und in Gruppen 
geordnet. 

Zunächst durchschneidet der Kanal recente thonig-sandige AUu- 
vionen, in denen zahlreiche Reste menschlicher Thätigkeit gefunden 
werden. Diese Alluvionen sind oberflächlich bedeckt von einer Lage Flug- 
sand mit Landschnecken. Bei pt. 850 keilt sich diese Ablagerung aus 
gegen mehr thonig-kalkige Schichten und Konglomerate, die ebenfalls 
noch zu den jüngsten Ablagerungen zu rechnen sind. Diese steigen, eben- 
falls bedeckt von Flugsand, ganz allmählich nach SO an. In denselben 
bemerkt man einige Verwerfungen von geringer Sprunghöhe, und zwar 
Nr. 1 steil nach NW einfallend, Absinken nach SO; 2. Einfallen nach 
SO, Absinken nach NW, also überschoben; 3. Einfallen nach NW, Ab- 
sinken nach NW; 4. saiger, Absinken SO. 

Bei pt. 1500 betritt man die Grenze der recenten Ablagerungen 
gegen ältere, marine Schichten, die stärkere Dislokationen erfahren 
haben. Hier erreicht der Einschnitt in plötzlicher Stufe die Höhe von 
14 m. Diese älteren (tertiären) Ablagerungen, die hier zu Tage treten, 
bestehen zu unterst aus einem ungeschichteten, gelbgrünen, mergeligen 
Sande, sehr reich an Konchylien (s. unten), in welchem unregelmäfsige 



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16 



A. Pbilippson: 




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Linsen von gröberem Schotter mit Car- 
dien liegen (c. 7 m). Darüber folgt eine 
mehr oder weniger beständige Lage von 
Schotter (1$ m), darüber ein rotgefärbter 
sandiger ungeschichteter Lehm (etwa 3 Jm). 
Darauf folgt an der Oberfläche eine 
1— 2 m mächtige Schicht eines eigen- 
tümlichen Kalksandsteins, der auch sonst 
auf dem Isthmos an der Oberfläche auf- 
tritt. Derselbe ist ungeschichtet, weifs, 
fossilleer, und besteht aus dichtgedrängten 
kleinen, mit unbewaffnetem Auge noch 
eben sichtbaren runden Körnchen, gleich 
einem sehr kleinkörnigen Oolith. Jedes 
Körnchen sitzt in einem runden Kalk- 
schälchen, aus welchem es leicht heraus- 
fällt, während die Schälchen unter sich 
fest verbunden sind. Dieses Gestein ist 
wohl am besten zu deuten als ein 
kalkiger Dünensand, der durch Infiltra- 
tion von kalkhaltigem Wasser verfestigt 
wurde. Dieses Gestein liefert ein in 
Altertum und Neuzeit in der Umgegend 
sehr geschätztes Baumaterial. Der Kalk- 
sandstein erscheint im Kanal bei piquet 



bei piquet 1600. Auf der Seite von 
Isthmia tritt er nur in vereinzelten kleinen 
Flecken auf. — Die Schichten liegen fast 
horizontal. Die Grenze der tertiären 
Schichten gegen die recenten Bildungen 
der Seite von Posidonia ist eine höchst 
eigentümlich gestaltete (s. Fig. 2). 

Die tertiären Schichten sind näm- 
lich durch eine saigere, z. T. sogar über- 
hängende Fläche abgeschnitten , an 
welche sich erdige Sande und Schotter 
des Alluviums mit Landschnecken und 
Säugetierknochen anlegen. Oben bildet 
der Oberflächen-Kalksandstein eine un- 
bedeckte, steile und unregelmäfsig ge- 
staltete Terrainstufe von einigen Metern 
Höhe. In dem Alluvium liegen grofse eckige Blöcke des Tertiärs und 
auch des Oberflächen-Kalksandsteins unregelmäfsig eingehüllt. 50 m vor 



V 

tt 



I 

I 



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Der Isthmos von Korinth. 



17 



dieser Steilgrenze ragt aus dem Alluvium noch einmal eine isolierte 
Klippe auf, und zwar bestehend aus Überflächen-Kalksandstein, welcher 
ruht auf einer Basis von tertiärem Schotter. Die Schichtgrenze zwischen 
Schotter und Kalksandstein liegt um einige Meter tiefer als an der Steil- 
grenze. Wir haben hier allem Anschein nach eine Aushöhlung des 
Bodens von Menschenhand vor uns, die später von eingeschwemmtem 
Sand und Kies zum Teil wieder zugefüllt wurde. Ob wir es mit 
alten Steinbrüchen oder mit Bauten zu thun haben, die mit dem nero- 
nischen Kanalbau in Verbindung standen, ist ungewifs, jedenfalls hat 
man, nach den Aussagen der Ingenieure, in dem eingeschwemmten 
Material dieser Auskolkung menschliche Artefacte gefunden. Ursprüng- 
lich bestand wohl die Grenze zwischen dem Tertiär des Scheiderückens 
und dem Alluvium der Küstenebene aus mehreren Verwerfungen mit 
westlichem Absinken; wenigstens deutet darauf der Unterschied der 
Höhenlage der Schichten in der Steilgrenze und in der vorliegenden 
Klippe hin. 

Wir treten jetzt in den höheren Einschnitt des Kanals ein. Der 
Durchschnitt zeigt uns bald darauf unter einer dünnen Decke von Acker- 
krume zunächst einen roten sandigen Lehm mit Landschnecken, i — 2 m 
mächtig; darunter eine Lage von Schotter (1 m), darunter grüngelben 
mergeligen Sand (den wir als „Grünsand" bezeichnen wollen, ungef. 
13 m, im Profil GS), sehr reich an marinen Konchylien; darin liegen un- 
regelmäfsige Linsen und Schmitzen von grobem Schotter. Am Fufse des 
Grünsandes zeichnet sich eine Bank von wechselnder Mächtigkeit durch 
ihren grofsen Reichtum an Turritella communis Risso aus. Dazu 
kommen: Cerithium vulgatum Brug., Cerithium scabrum Olivi., Dentalium 
dentalis L., Solecurtus coaretatus Gm., Teilina distortaPoli, Ostrea lamellosa 
lirocchi (häufig). Im ganzen ist der Grünsand undeutlich geschichtet. 
Darunter folgt etwa 3 m Schotter mit diskordanter Parallelstruktur, welche 
ziemlich steil nach NW einfällt; darunter am Boden des Einschnittes 
ein brauner erdiger Sand (im Profil eS) mit Schotter gemischt, in dem 
sich stellenweise Land- und Süfswasserschnecken (Succinea, Planorbis) 
finden. Die Schichten liegen annähernd horizontal. Man beobachtet 
mehrere Verwerfungen : 

1 . Gruppe bei pt. 1610, nach oben sich spaltend, steil nach NNW 
einfallend, streichend Wi6°S, Absinken nach NNW um zusammen ca. 
8 m. Sie stöfst an den Oberflächenbildungen ab. 

2. Gruppe bei pt. 1800, ebenfalls nach oben sich spaltend, steil 
nach SSO einfallend, streichend W 7 °S, Absinken nach SSO um ungef. 
6 m. Beide Gruppen heben sich also in ihrer Wirkung fast auf. Sie 
schliefsen eine keilförmige gehobene Scholle ein. 

3. Gruppe bei pt. 1870, einfallend nach NW, Absinken nach 
NW etwa 6 m. 

Zciuchr. d. Gemisch, f. Erdk Bd. XXV. 2 



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18 



A. Philippson: 



Weiterhin keilt sich der unter dem Griinsand liegende Schotter aus 
und an seiner Stelle gewinnt derbraune erdige Sand (eS) mit Schotter- 
bänken an Mächtigkeit. Auch die oberen Schotter und der rote 
Lehm treten nur noch in einzelnen Flecken auf, und der grüne Sand 
bildet die Oberfläche. Bei pt. 2050 tritt unter dem braunen Sand ein 
Konglomerat auf, welches fast nur aus kleinen grünen Serpentinstück- 
chen, verkittet durch ein weifses kalkiges Zement, besteht. Es beginnt 
hier ein allgemeines flaches Ansteigen der Schichten nach SO. Hier 
beobachtet man eine kleine 

4. Verwerfung, saiger, Absinken nach SO \ m , die deshalb inter- 
essant ist, weil sie eine klaffende Spalte bildet, erfüllt von in die Spalte 
herabgefallenem Material der Seitenwände. 




Fig. 3 a. Denudalionsfläche bei pt. 2130, Nordostwand des Einschnittes. 




<> — Obcrllächenlchm, 5^ Sand, /S = feiner Sand, 5 II. C- Sand und Schotter, 
C - Schotter. GS — grünlicher Mergelsand, M ~ Süfswassertnergel. 

Fig. 3 b. Denudalionsfläche bei pt. 2240, Südwestwand des Einschnittes. 



Das Serpentinkonglomerat keilt sich sehr bald wieder aus. Statt 
dessen tritt nun auch unter dem braunen erdigen Sand und Schotter 
grüngelber mergeliger Sand (GS) mit Schotterbänken und -Linsen und 



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Der Isthmos von Korinth. 



19 



mit marinen Konchylien auf, flach nach SO ansteigend. Man beobachtet 
in dieser Gegend des Kanaleinschnittes eigentümliche Denudations- und 
Diskordanzflächen, welche Morin als „falaises d'erosion" bezeichnet. 
Es sind dies nach NW schief geneigte Flächen, welche gröfsere oder 
geringere Schichtkomplexe, die von SO her horizontal heranstreichen, 
abschneiden; an diese Flächen schmiegen sich dann Schichten ganz 
desselben Materiales in starker Neigung an, entweder im gleichen oder 
im entgegengesetzten Sinne geneigt, wie die Schnittfläche; nach oben 
zu findet dann ein allmälicher Ausgleich der Unebenheit der Schichten 
statt. In den an die Schnittfläche sich anschmiegenden Schichten 
findet man grofse herabgestürzte Blöcke, die aus den hinter der Fläche 
liegenden Schichten stammen. Deutlicher als die Worte werden die 
Abbildungen diese Verhältnisse schildern. Die bedeutendste dieser 
Schnittflächen, welche auch die erste gröfsere ist, wenn man von NW 
kommt und einige unbedeutende ähnliche Erscheinungen passiert hat, 
schneidet die Nordostwand des Kanals bei pt. 2130, die Südwestwand 
bei pt. 2240; sie streicht N32 G W, also ziemlich rechtwinklig auf die 
vorherrschende Streichrichtung der Verwerfungen. Sie fällt im An- 
schnitt nach dem NW-Ende des Kanales zu ein (Fig. 3 a und b). 

Der obere Grünsand ist hier durch das Ansteigen der Schichten 
bereits verschwunden. Oben liegt das System der Sande und Schotter 
stellenweise mit Einschaltungen des grünlichen sandigen Mergels; dar- 
unter steht der untere grüne mergelige Sand an. Die Oberfläche bildet 
eine Schicht sandigen Lehmes. Man sieht auf den Figuren das wider- 
sinnige Einfallen der Schichten vor der Denudationsfläche gegen diese 
hin. An der Südwestwand ist eine kleine taschenförmige Einschaltung 
eines Süfswassermergels mit Hydrobien angeschnitten. Uber den wider- 
sinnig geneigten Schichten liegt eine Bank von Sand und Schotter mit 
einer in der Richtung der Denudationsfläche geneigten Parallelstruk- 
tur. — Bei pt. 2370 bemerkt man eine zweite Denudationsfläche in 
denselben Sanden, welche 

NW ^ SO 

4£z 



aber nicht, wie die vorige, 
in die unteren Mergel- 
sande hineinreicht; bei pt. 
2580 eine dritte (Fig. 4), 
eine vierte pt. 2700, strei- 
chend N 13° O (Fig. 5); 
eine fünfte bei pt. 3030, 
streichend N 33 0 O. - 
Diese eigentümlichen Dis- 
kordanzen in der Lagerung 




C Schotter, S Sand, S u. C Sand und Schotter, GS grün- 
licher Mergeliand. 

Fig. 4. Denudationsflächc bei pt. 4580. 



können nur aufgefafst werden als Zeugen ebenso vieler Strandver- 
schiebungen in einem seichten Meere. Die von dem Meere gebildeten 
Ablagerungen wurden bei einer negativen Strandverschiebung trocken 



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20 



A. P hilippson: 



gelegt; bei stillstehendem Niveau unterlagen sie der Erosion der 
brandenden Wellen; es bildete sich ein Steilrand; bei wieder eintreten- 
der positiver Bewegung wurde dieser von neuem von Ablagerungen des 
Meeres verhüllt, die auch Zerstörungsmaterialien des Steilrandes in sich 
aufnahmen. Diese neuen Sedimente lagerten sich zum Teil in geneigten 
Schichten ab. Die Neigung derselben war eine verschieden gerichtete, 
je nachdem sich die neuen Ablagerungen einfach dem Steilrand an- 
schmiegten, oder sich in der Art eines Strandwalles oder einer kleinen 
Nehrung von ihm loslösten und kleine Lagunen vom Meere abschnürten; 
in letzterem Falle konnten die neuen Schichten eine Neigung gegen 
den Steilrand annehmen. Dann konnten sich die abgeschnürten Tümpel 
auch aussüfsen und so Süfswassermergel zwischen Steilrand und Strand- 
wall ablagern, bis schliefslich die Meereswelle wieder ausgleichend 
über das Ganze hinwegzog. Es sei nochmals betont, dafs alle diese 
Denudationsränder nach W schauen, und dafs auf der Seite von Isthmia 
nichts ähnliches beobachtet ist. 




Fig. 5. Denudationsfläche bei pt. a~oo, Nordostwand des Einschnittes. 

Bei pt. 2100 erscheint unter dem mergeligen Sande ein weicher, 
blauer, sehr stark wasserführender Mergel mit sehr schlecht erhaltenen 
Brack- oder Süfswassermollusken. 

(Bei pt 3700: Congeria sp.? 

Valvata sp. 
Mclanopsis sp. 

Nerilina micans Gaud. et Fisch.) 
Aufserdem sind in den blauen Mergeln Lignite gesammelt worden. 
Zunächst wird er von dem mergeligen Sande geschieden durch eine £ m 
mächtige Konglomeratschicht, welche besteht aus nufsgrofsen schwarzen 
Hornsteingeröllen , verkittet durch ein grünes chloritisches Zement. 
Diese keilt sich aber sehr bald aus und der blaue Mergel wird dann 
unmittelbar überlagert von dem mergeligen Sande. Bruchstücke des 
blauen Mergels liegen in dem Sande. Die Schichten gehen aus dem 
Austeigen wieder in nahezu horizontale Lagerung über. 



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Der Isthmos von Korinth. 



21 



5. Verwerfung bei pt. 2320; saiger, Absinken nach O etwa 
3 m Wir gelangen jetzt auf die Strecken des Kanaleinschnittes, welche 
noch nicht bis zum Meeresniveau ausgetieft sind. Die Schichten steigen 
wieder nach SO an; wir passieren bei pt. 2525 die eiserne Brücke, auf 
welcher die Fahrstrafse und die Peloponnes-Eisenbahn den Kanal über- 
schreiten. Die Schotterbänke nehmen nun eine bedeutende Härte an ; 
sie gehen in nagelflue-artige Konglomerate über. Unter den Sanden 
und Schottern (eS) liegt wie bisher grünlichgelber, mergeliger Sand 
(GS). Die Schichten steigen nach SO an; es hebt sich unter dem 
Mergelsande ein unteres System von Sanden und Schottern mit diskor- 
danter Parallelstruktur heraus (SS). 

6. Gruppe mehrerer kleiner Verwerfungen, Absinken nach SO. 

7. Gruppe zahlreicher kleiner Verwerfungen, Absinken nach NW, 
streichend W34 — 38°S. Die Schichten steigen fortwährend flach nach 
Südost an. Um pt. 3000 beginnt sich allmählich eine Hank von weifsem 
sandigem undeutlich oder gar nicht geschichtetem Mergel (wM) (nach 
Fuchs ,,tufs calcaircs") unter den unteren Sanden zu zeigen, welche nach 
SO zu an Mächtigkeit schnell zunimmt. Die oberen Sande verschwinden 
an der Oberfläche, die Mergelsandc werden nach SO zu immer sandiger 
und gehen in echte Sande über. Unter dem weifsen Mergel erscheint 
blauer Mergel. 

8. Grofse Verwerfung, pt. 3350, fallend steil NNW, streichend 
Wi5°S, Absinken nach NNW, etwa 32 m. 

Wir sind hier in den höchsten Teil des Einschnittes eingetreten, 
in das sog. „massif central" der Franzosen, welches von der 8. bis zur 
9. grofsen Verwerfung reicht. Die Schichten liegen horizontal. Die 
Sande und Schotter (SS) bilden anfänglich noch eine dünne Decke an 
der Oberfläche und verlieren sich bei pt. 3600 gänzlich, indem weiter- 
hin der weifse Mergel oder Mergelkalk (wM) direkt an die Oberfläche 
tritt. Derselbe hat in der Nähe der Oberfläche eine mehr gelbliche 
Farbe. Am höchsten Punkte des Einschnittes, bei pt. 3732, giebt Morin 
folgendes Profil: 

Mächtigkeit 

Marne calcaire blanc-jaunätre ! % ° n ^ m Ü * f '' ^' 5J m 

Ibis 74 „ „ „ „ 

Calcaire marneux blanc bis 52 „ „ „ „ 22 „ 

Marne sableuse gris-jaunätre „ 35 „ „ „ „ 17 „ 

Marnes bleues argilo-calcaire bis unter die Sohle. 

Der weifse Mergel (wM) ist von sehr verschiedener Härte. Einzelne 

Schichten sind geradezu als Kalkstein zu bezeichnen, während andere 

zwischen den Fingern zerreiblich sind. Er ist stets etwas sandig. An 

einigen Stellen sind angefüllte Rinnen (bis zu 1 m breit) im Mergel zu 

beobachten, welche vom Kanalbau quer durchschnitten sind. An ihrem 

Boden findet sich stets eine dünne Lage von Sand und Kies, im übrigen 



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22 



A. Philippson: 



sind sie auch von Mergel erfüllt. Eine ziemlich mächtige harte Schicht 
ist von locker gestellten, schwachgebogenen, dichotomisch sich ver- 
ästelnden, kreisrunden Wülsten aus derselben Substanz durchzogen, 
welche eine Dicke von 1 — 2 cm haben. Morin bezeichnet diese Schicht 
als „calcaire ä polypiers gros"; ich halte aber diese Dinge kaum für 
Polypen, da ihnen überhaupt jede organische Struktur abgeht, sondern 
eher für conkretionäre Gebilde. Ihre Bedeutung bleibe dahingestellt. 
Im übrigen findet sich der weifse Mergel hier und da von Cladocoren 
durchwachsen. Konchylien sind selten und meist schlecht erhalten. 
Beobachtet wurden vorwiegend marine Formen, alle noch in dem be- 
nachbarten Meere lebend: 

Venus ovata Pennant 
Tapes laeta Poli 
Cardium sp. 

Clanculus corallinus Gm. 
Trochus exiguus Pult. 

Dazu hin und wieder Melanopsiden, also Brack- resp. Süfswasser- 
formcn. Die Grenze des weifsen und des darunter liegenden blauen 
Mergels (bM) ist nicht scharf. Der blaue zeichnet sich durch seine 
starke Feuchtigkeit aus. Er verschwimmt in unregelmäfsigen Flecken, 
gleich denen an der Wand eines feuchten Hauses, in den weifsen 
Mergel hinein. Man kann auch sehen, wie die Grenze zwischen weifsem 
und blauem Mergel eine Verwerfung quer durchsetzt, ohne von ihr ge- 
stört zu werden. Mir scheinen also beide Gesteine nicht scharf ge- 
schieden und ihre verschiedene Farbe und physikalische Beschaffenheit 
nur durch das Niveau des Grundwassers bedingt zu sein. — Von der 

9. Verwerfung wird das Centraimassiv im Osten begrenzt 
(pt. 3845). Sie streicht Wi3°S, fällt steil nach SSO ein; Absinken nach 
SSO etwa 10 m. Man beobachtet an dieser Verwerfung einen ausge- 
zeichneten Rutschspiegel. 

10. Verwerfung, pt. 3910, streichend Wi3°N, einfallend steil 
NNO, Absinken NNO 4^ m. 

Nun steigen wir auf den Boden des bisher fertig gestellten Grabens 
wieder zu geringerer Meereshöhe hinab. Wir befinden uns jetzt auf 
der Seite von Isthmia. Der blaue Mergel verschwindet bald in der 
Tiefe. Einige Sandschmitzen beginnen sich im weifsen Mergel, der die 
ganze Höhe der Wände bildet, einzustellen; sie gewinnen nach SO zu 
immer mehr an Mächtigkeit. Dicht unter der Oberfläche tritt im 
Mergel eine 7 m mächtige harte weifse Kalkbank auf (K). Die Schichten 
steigen flach nach SO an, doch wird das Ansteigen mehr wie aufge- 
hoben durch das Absinken an den Verwerfungen. Immerhin ist die 
Erniedrigung des Niveaus der Schichten nach SO zunächst eine sehr 
geringe, ebenso wie die Erniedrigung der Oberfläche. 



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Zeitschrift d Go. f. Erdkunde. Bd. XXV 




t 

Ansicht der Südwestwand des Kanales von Korinth, gesellen von Südost, 
nach einer vom Verfasser am q. Februar 1888 aufgenommenen Photographie. 

Standpunkt im Kunuleinjchnitt hc\ piquet 4600. 
Zuteilung der Treppen Verwerfungen Ni. XII \\ I 
V - Verwerfung XVI, 

[Zu Seite 33. 



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Dcr--Isthmos von Korinth. 



23 



11. Verwerfung, pt. 4280; streichend Wi3°S, f. SSO, Absinken 
SSO 27 m. 

Die Kalkbank (K) wird 9 m mächtig ; sie zeichnet sich an den 
Wänden des Einschnittes aus durch ihren rauheren Anschnitt und die 
blendend weifee Farbe. Über dem Komplex der Mergel erscheinen 
wieder Sande und Konglomerate, zunächst wenig mächtig. In den 
Konglomeraten liegt eine durch ihre Farben auffällige Schicht. Sie ist 
ein festes Konglomerat nufsgrofser Rollstücke von Kalken und Horn- 
steinen der verschiedensten Farben, rot, grün, grau, schwarz. Auch die 
Mergel selbst werden sandiger. Eine braune lehmige Oberflächenschicht 
ebnet teils die Verwerfungen aus, teils wird sie von ihnen mit betroffen, 
aber in geringerem Mafse als die tertiären Schichten. Es folgt eine 
Reihe von treppenförmigen Verwerfungen; das Absinken an den Ver- 
werfungen nach SO hebt das Ansteigen der Schichten nach SO (5 bis 
15 0 ) auf (s. die nach Photographien gezeichneten Abbildungen). Dieses 
Verhalten wird besonders sichtbar gemacht durch die sich klar ab- 
zeichnende Kalkbank. 

12. Verwerfung, pt. 4490, str. W9°S, Einfallen SSO, Absinken 
SSO 13 m. Nun im Mergel immer zahlreichere Sand- und Konglo- 
meratschmitzen, die dünn anfangen, mächtiger werden und sich dann 
zu gröfseren Partien vereinigen. 

13. Verwerfung, pt. 4610, str. W7°S, f. SSO, Abs. SSO 6\ m. 

14. Verwerfung, pt. 4660, str. Wi3°S, f. SSO, Abs. SSO 45 m. 

15. Verwerfung, pt. 4720, str. Wi3°S., f; SSO, Abs. SSO 8} m. 

16. Haupt Verwerfung, pt. 4800, str. Wi3°S, f. SSO, Abs. SSO 

41 m, mit Rutschspiegel. 
An allen diesen Verwerfungen findet eine nicht beträchtliche 
Schleppung der Schichten statt (s. Abbildung). — Trotz des so 
bedeutenden Betrages der Absenkung an der letzten Verwerfung ist 
sie an der Oberfläche kaum durch Erniedrigung bemerkbar, ebenso 
wenig wie die vorhergehenden Treppenverwerfungen. Sie alle sind 
nämlich oberflächlich ausgeebnet durch eine mehrere Meter mächtige 
Lehmschicht. Aber diese 16. grofse Verwerfung ändert mit einem Schlag 
das Bild der Kanalwändc. Sie bewirkt, dafs, obwohl hier der Ein- 
schnitt bereits fast bis zum Meeresniveau getrieben ist, das System der 
weifsen Mergel mitsamt der eingeschalteten Kalkbank nur noch in den 
tiefsten Teilen des Einschnittes erscheint. Die ganze Höhe darüber 
wird eingenommen von mergelartigen Sanden und Schottern in höchst 
mannigfachem Wechsel und grofser Unbeständigkeit. In den oberen 
Schichten herrschen die groben Schotter vor und gewinnen an Mäch- 
tigkeit. Es sind dieselben Sande und Schotter die auch auf der 
NW-Seite über den Mergeln liegen. Hier finden wir nun wieder sehr zahl- 
reiche, sich zersplitternde Verwerfungen von geringen Beträgen, die aber 
trotzdem meist auch an der Oberfläche durch Bodenstufen markiert sind. 



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24 



.\. l'hil i pp-on: 



17. Gruppe von Verwerfungen, pt. 4850, nach oben sich ver- 
ästelnd, Fallen nach SO, Abs. SO. Die weifsen Mergel verschwinden 
unter der Tiefe des Einschnittes. 

18. Gruppe von Verwerfungen, pt 4900; mehrere Verw., die 
sich gegenseitig in ihrem Effekt aufheben. (Fig. 6.) 

10. Gruppe von Verwerfungen, pt. 4960—90; str. Wi°S, f. N, 



«Ki-hoU-iit Schollr) 

Fig. 6. Verwerfungen bei pt. 4900, Südwestwand des Einschnitts. 

Eine Verwerfung dieser letzten Gruppe ist eine klaffende Spalte. 

Im oberen Teil des Schotters findet sich eine Schicht nufsgrofsen, 
bunten Konglomerates. Im Schotter eine mächtige Linse mit diskor- 
danter Parallelstruktur. Die Mergel erscheinen unten wieder. 

20. Verwerfung, pt. 5075, str. W27"S, f. NW, Abs. NW. An 
dieser Verwerfung findet also wieder ein Absinken nach NW statt, nach 
dem Innern des Isthmos zu. Die weifsen Mergel sind wieder zu gröfserer 
Höhe erhoben; darin liegt wieder die Kalkbank, welche nach NW zu 
an der Verwerfung scharf abschneidet, obwohl man sie, dem Niveau 
nach, auch weiterhin, wenn auch tiefer, erwarten sollte. Überhaupt sieht 
man an diesen Verwerfungen oft, dafs Schichten an ihnen plötzlich auf- 
hören. Es ist dies nur dadurch zu erklären, dafs neben den vertikalen 
Verschiebungen auch solche im horizontalen Sinne vorhanden sind, 
wodurch nicht zusammengehörende Teile neben einander rücken; da 
aber im horizontalen Sinne die Schichten hier sich ungemein schnell 
verändern, auskeilcn und anschwellen, so ist daraus erklärlich, dafs 
sich dann die beiden Flügel der Verwerfung nicht mehr zu entsprechen 
brauchen. — Das Profil des Einschnittes ist nun wieder: unten weifse 
Mergel mit der Kalkbank, darüber Sande und Schotter. Die Schichten 



Abs. N. 



SO. 



NW. 




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Der Isthmos von Korinth. 



25 



liegen an der Nordostwand in tieferem Niveau, als an der Südwest- 
wand, es findet also ein Einfallen der Schichten nach NO statt, oder 
eine Verwerfung mit NW-Streichen und NOAbsinken. 

21. Gruppe von Verwerfungen, um pt. 5150, sehr zersplittert, 
mit grofsem Gesamteffekt: Absinken nach SO um ungef. 50 m. Die 
Mergel sind nun in der Tiefe verschwunden, ebenso die darüber 
liegenden Sande und Konglomerate. Wir finden hier, wie am Nord- 
westende, wieder grüne und graue, mergelige, ungeschichtete Sande 
mit zahlreichen marinen Fossilien, meist in zerbrochenem und gerolltem 
Zustande. Besonders im unteren Teile des Grünsandes befinden sich 
in Flächen angeordnet dicht gedrängte Austern, Mytilen und andere 
Strandmuscheln und Krabben; einzelne Bänke des Grünsandes mit 
derselben Fauna wiederholen sich auch weiter westlich im oberen Teil 
des weifsen Mergels eingeschaltet. Im Grünsand liegen unregelmäfsige 
Linsen von Schotter. Eine Schicht des Grünsandes ist eine förmliche 
Breccie aus organischen Resten: zertrümmerte Bryozoen, Korallen, 
Muschel- und Schneckenschalen bilden einen lockeren Grus (Muschel- 
sand). 

22. Gruppe. Zahlreiche Verwerfungen mit nordwestlichem Ab- 
sinken und Einfallen. 

Wir nähern uns jetzt dem südlichen Ausgang des tieferen Ein- 
schnittes; die Höhe nimmt schnell ab; die Grünsande mit den einge- 
schalteten Schottern — darunter auch wieder nufsgrofses buntes Kon- 
glomerat — fallen mit 15 0 nach SSW ein. Dann folgt die 

23. Grenzverwerfung, pt. 5300, wo die tertiären Schichten mit 
plötzlichem Abfall ihr Ende erreichen. Der Kanal führt nun nur noch 
durch die kleine Alluvialcbene von Isthmia; allerdings ist unter dem 
Alluvium in geringer Tiefe der grüne Sand angeschnitten, auch hier 
noch von zahlreichen kleinen Verwerfungen durchsetzt. 

Folgendes ist die Liste der von mir in dem grünen Sande und 
den zugehörigen Schottern und Konglomeraten an beiden Enden des 
Kanals gesammelten Fossilien. Die Bestimmung der lebenden Formen ver- 
danke ich der Güte des Herrn Professor von Martens in Berlin. In 
der Benennung folge ich dem Werke von Weinkau ff, Die Konchylien 
des Mittelmeers. 2 Bde. Cassel 1867 68. 

Lebende Formen: 

Baianus perforatus L. 
Purpura haemastoma L. 
Nassa mutabilis L. 

„ incrassata Müller. 
Murex brandaris L. 

sp. indet. 
Chcnopus pes pelicani L. 



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2G 



A. Philippson: 



Ccrithium vtilgatum Brug. 

„ scabrum Olivi. 
Natica cf. mammilla L. 

„ cf. millepunctata Lamk. 1 ) 

„ pulchella Risso. 
Turritella communis Risso. Sehr häufig. 
Vermetus sp. 
Phasianella sp. 
Trochus conulus L. 

„ albidus Gm. 

„ exiguus Pult. 

„ 3 sp. indet. 
Dentalium dentalis L. 

„ rubescens Desh. 
Solen vagina L. 
Solecurtus strigilatus L. 
„ coarctatus Gm. 

Corbula gibba Olivi. 
Syndosmya ovata Philippi. 
Scrobicularia plana da Costa. 
Capsa fragilis L. 
Tellina nitida Poli. 

„ distorta Poli. 
Tapes decussata L. 
Venus verrucosa L. 
„ fasciata Don. 
„ sp. indet. 
Cytherea Chione I.. 
Artemis lupinus Poli. 
Cardium edule L. 

„ papillosum Poli. 

n aculeatum L. 

„ echinatum L. 

„ oblongum Chcmn. 
Cardita trapezia L". 
Lucina lactea L. 
Pectunculus pilosus Born. 
Area Noae L. 
Nucula nucleus 1^. 
Lithodomus lithophagus L. 
Mytilus edulis L., var. galloprovincialis Lamk. 
Pinna nobilis L. 



') Unterhalb der Naht steiler abfallend als die lebende Form. 

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Der Isthmos von Korinth. 



27 



Pecten varius L. 

„ Jacobaeus I.. 

„ hyalinus Poli. 
Ostrea lamellosa Brocc. var. div. ; sehr häufig. 
Bryozoen. 
Serpula sp. 
Echiniten. 
Cladocora sp. 

Nicht mehr im Mittelmeer lebende Formen. 

Trochus sp. indet.? 
Strombus coronatus Defr. 
Dentalium fossile L. 
Pecten medius Lam. 

Fassen wir das im Kanaleinschnitte des Isthmos von Korinth Be- 
obachtete zusammen. Es lassen sich vier Schichtgruppen unterscheiden: 

i) Die blauen Mergel; sie bilden das liegendste Glied der ge- 
samten durchfahrenen Ablagerungen. Sie sind nur in der Mitte des 
Kanales, wo derselbe noch nicht bis zum Meeresniveau abgetieft ist, 
angefahren worden. Fuchs (Ingenieur) teilt Analysen des blauen 
Mergels von vier verschiedenen Punkten mit: 

Blauer Mergel. 



Thonerde 


26,0 


33,o 


3i,7 


3i,8 


Eisenoxyd 


3,6 


2,1 


3,3 


3,o 


Kohlens. Kalk. 


58,0 


53,3 


46,5 


55,i 


Kohlens. Magnesia 


8,4 


8,4 


14,6 


6,3 



Der blaue Mergel ist also ein thoniger Kalkstein mit wechselndem 
Magnesiagehalt. Er ist stets sehr stark wasserführend, löst sich selbst 
in ruhigem Wasser leicht auf und giebt dem Druck leicht nach. Er 
wird daher dem Kanalbau noch bedeutende Schwierigkeiten bereiten, 
da derselbe ihn an der höchsten Stelle 53 m tief zu durchschneiden 
hat! An der trockenen Luft werden die Mergel härter und blasser ge- 
färbt. Von Fossilien finden sich in ihnen nur solche des sfifsen oder 
brackischen Wassers und zwar scheinen sie identisch zu sein mit denen 
der Mergel von Megara. Sie gehen allmählich in die darüber liegenden 
weifeen Mergel über. (Herr Ingenieur Fuchs behauptet im Gegenteil, sie 
seien durch eine scharfe Grenze von denselben geschieden. Ich habe 
das nirgends beobachten können.) 

2) Die weifsen Mergel, sehr verschiedenartiger und wechselnder 
Beschaffenheit, bald als zarte zerreibliche Mergel, bald als harte Kalke, 
bald mehr sandig ausgebildet. Besonders konstant ist auf der Seite 
von Isthmia eine 7 - 9 m mächtige Bank harten Kalkes. Aus dem 
Centraimassiv teilt Fuchs (Ingenieur) folgende Analyse mit: 



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28 



A. Philip pson: 



Weifser Mergel. 
Thonerde 19 
Eisenoxyd 3 
Kohlens. Kalk 57 
Kohlens. Magnesia 18 

"97 

Der weifse unterscheidet sich von dem blauen Mergel durch einen 
geringeren Gehalt an Thonerde, einen gröfseren an Magnesia. Er ist 
viel widerstandsfähiger und zerfliefst nicht im Wasser. Im Centrai- 
massiv ist er bis 45 m mächtig. Nach beiden Seiten nimmt er sehr bald 
Linsen und Lagen von Sand und Schotter auf. Auch nach oben zu 
wird er stellenweise sandig und schliefst zuweilen Schmitzen von Sand 
und Schotter ein, besonders auf der SO-Seite. An einzelnen Stellen 
geht er daher nach oben allmählich in die Gruppe der Sande über. 
Meist aber ist er durch eine scharfe Grenze von ihr getrennt. An 
Fossilien ist er arm; die vorhandenen sind vorwiegend marin und 
identisch mit denjenigen der Sande. Doch finden sich auch vereinzelt 
Brack- und Süfswasserformen. 

3) Die Sande, Sandmergel, Schotter und Konglomerate, teils gegen 
die weifsen Mergel auskeilend, teils sie bedeckend. Diese Gruppe 
trägt in ihrer ungemeinen Unbeständigkeit, dem fortwährenden Aus- 
keilen der Schichten, dem Wechsel von Linsen und Schmitzen der ver- 
schiedensten Korngröfse und Schichtung, ihrer diskordanten Pnrallel- 
struktur entschieden den Charakter einer Deltaaufschüttung in seichtem 
Meere, die unter wechselnden Bedingungen gebildet wurde. Es sei 
nochmals an die merkwürdigen Denudationsflächen erinnert. Sie be- 
zeugen Schwankungen des Meeresspiegels. Das Material dieser Schichten 
entstammt den Gesteinen der Umgegend: verschiedenfarbige Kalke und 
Hornsteine, Serpentine, Tracbyte, aber auch krystallinische Gesteine, 
die entweder von Attika oder von der Ziria und dem Chelmos (im Pe- 
loponnes) herangeführt sein müssen. Diese Gruppe ist sehr reich an 
marinen Fossilien in gutem Erhaltungszustande. Süfswasserbildungen 
sind eingeschaltet. 

4) Die Ober fläch engebilde, auf trockenem Lande entstanden. 
Hierhin gehören die verschiedenen Lehme und Sande der Alluvial- 
ebenen und des Scheiderückens, vor allem aber der eigentümliche 
Kalksandstein von Posidonia, der am wahrscheinlichsten als ein durch 
Infiltration verhärteter, kalkiger Dünensand aufzufassen ist. 

Diese Schichten lagern horizontal oder in flacher Neigung. Faltung 
kommt nicht vor. Dagegen sind sie von zahlreichen Verwerfungen zer- 
schnitten, an denen kleine Flexuren vorkommen, und durch welche sie 
in verschiedene Niveaus gebracht sind. Dort, wo die Oberfläche am 
höchsten ansteigt, befinden sich auch die Schichten im höchsten Niveau ; 
sie bilden von pt. 3350 bis pt. 3845 in horizontaler Lagerung das sog. 



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Der Isthmos von Korinth. 



29 



„Centraimassiv", fast nur aus weifsem und blauemMergel bestehend. Von 
diesem aus führen die Verwerfungen stufenförmig hinab nach den beiden 
Küsten. Ingenieur Fuchs hat im ganzen 62 Verwerfungen gezählt, auf 
einer Länge von noch nicht 6000 m gewifs eine erstaunlich grofse 
Zahl. Ich habe im vorhergehenden nur die gröfseren verzeichnet und 
in Gruppen geordnet. Bei weitem die meisten besitzen die Richtung 
WSW - ONO (W7 0 bis i6°S, ausnahmsweise sich steigernd bis W 27 °S 
und W34^S). Dazu kommen nach Fuchs noch zwei untergeordnete 
Richtungen: die eine gerichtet nach W7 bis i5°N; von dieser habe 
ich nur eine gröfsere beobachtet, nämlich Nr. io(Wi3 ö N); die andere 
ist parallel der Axe des Kanales, also W"4iJ 0 N. Ich habe keine dieser 
Richtung entsprechende Verwerfung zu Gesicht bekommen. Der Höhen- 
unterschied der Schichten auf beiden Seiten des Kanals bei pt. 5100 
läfst sich auch durch Neigung der Schichten erklären; doch will ich 
das Vorhandensein einer solchen Verwerfung nicht leugnen. — Es 
kommen Verwerfungen vor, welche nicht in die oberen Schichten hin- 
aufreichen, sondern sich verlieren. Bei weitem die meisten jedoch 
haben das ganze Tertiär ergriffen, aber nicht die Oberflächengebilde, 
welche im Gegenteil die von den Verwerfungen erzeugten Unebenheiten 
auszuebnen streben. Eine geringere Anzahl von Verwerfungen hat 
jedoch auch diese jüngsten Gebilde mit ergriffen. Während die Schollen 
des NW-Abhanges fast alle sowohl ein Absinken an den Verwerfungen 
als eine Schichtneigung im gleichen Sinne, nämlich nach NW zeigen, 
ist dies auf dem steileren, gedrängteren SO-Abhange nicht der Fall. 
Hier finden wir, soweit die Mergel und Kalke herrschen, wenige grofse 
Verwerfungen, die nach SO absinken, während die Schichten wider- 
sinnig dazu, nach NW einfallen; jede Verwerfung ist von Schichten- 
schleppung begleitet. Hier wurde also durch die Verwerfungen nicht 
ein Auseinanderziehen, sondern ein Zusammenschieben der Gebirgs- 
niasse auf einen engeren Raum herbeigeführt. Wo dann die Sande zu 
herrschen beginnen, stellen sich eine grofse Anzahl wirr zersplitterter 
Verwerfungen mit wechselndem Absinken und horizontalen Verschie- 
bungen ein. Wir werden dadurch zu der Vermutung geführt, dafs 
während auf der NW-Seite das Absinken der Schollen vom Scheide- 
rücken zur Küste ungehindert vor sich gehen konnte, sich an der SO- 
Seite irgend ein stauendes Hindernis der freien Entfaltung der ab- 
sinkenden Bewegung entgegenstellte. Wir werden später sehen, dafs 
in der That ein solches stauendes Hindernis vorhanden ist. Es ist 
die Scholle von Isthmia, deren Verwerfungen, welche im entgegenge- 
setzten Sinne wie diejenigen des Scheiderückens absinken, an letztere 
sich in geringem Abstand südwestlich vom Kanal anscharen. 



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30 



A. Philippson: 



B. Der Scheiderücken nordöstlich vom Kanal. 

Um den nordöstlichen Teil des Scheiderückens kennen zu lernen, 
folgen wir zunächst der neuen Fahrstrafse Kalamaki-Neukorinth und 
dann der Abzweigung derselben auf Luträki zu. Die Chaussee hält 
sich nur wenige hundert Meter vom Kanaleinschnitt entfernt. Wir 
haben so Gelegenheit, die an der Oberfläche sichtbaren Höhen- 
stufen bis zum Kanal zu verfolgen und dort mit den in dem Einschnitt 
sichtbaren Verwerfungen in Zusammenhang zu bringen. Von der 
kleinen Ebene bei Kalamaki aus steigt das Terrain sehr schnell nach 
W an. In Schlangenwindungen erreicht die Strafse den Höhenrücken. 
Wir kreuzen dicht hintereinander drei Bodenstufen, die ihre Steilseiten 
nach S richten. 

1. Stufe, streichend NOzO, besteht aus dem Muschelsand des 
Grünsandes, darüber Konglomerat. Sie bildet den untersten Teil des 
Abhanges des Rückens und ist die Fortsetzung der Grenzverwerfung 
(23) des Kanaleinschnittes. Diese Stufe erniedrigt sich nach NO schnell 
und verliert sich gegen die Küstenebene von Kalamaki. 

2. Stufe, streichend ONO, bestehend aus mergeligem Grünsand mit 
Austern. 

3. Stufe, streichend 0 7°N, bestehend aus einem Konglomerat mit 
diskordanter Parallelstruktur. Beide konvergieren nach Osten gegen 
den Abhang des Hügels von Kalamaki zu; gegen den Kanal divergieren 
sie und umfassen hier die Verwerfungen 17—21; es läfst sich jedoch 
nicht entscheiden, welche derselben. Wir haben nun schon die Höhe 
von etwa 50 m erreicht. Der Boden besteht aus dem Muschelsand 
und steigt etwas an. Dann folgt die 

4. Stufe, etwa 3 m hoch, str. O3 0 S, Steilseite nach S gewandt; 
bestehend aus dem Kalkstein von Posidonia, der hier auch als Bau- 
stein gebrochen wird, darunter Konglomerate und Sande; das Konglo- 
merat ist jenes bunte, nufsgrofse Konglomerat, welches im Kanal über 
den weifsen Mergeln liegt. Sie entspricht im Kanal etwa der Verwer- 
fung 15. Die grofse Hauptverwerfung 16 ist, wie schon bemerkt, nicht 
durch eine Bodenstufe markiert. 

5. Stufe, ganz ähnlich wie die vorige, str. Oio°S. Man kann sie 
deutlich bis zum Kanaleinschnitt verfolgen und sieht, dafs sie dort der 
Verwerfung 1 2 entspricht. Die übrigen Treppenverwerfungen sind durch 
Oberflächenlehm ausgeglichen. Die 5. Stufe hebt sich nach Osten höher 
hinaus und verschmilzt mit Stufe 4 zu einem Höhenrücken, der sich 
allmählich hinaufzieht zu dem Hügel, welcher sich nördlich von Kala- 
maki mit steilem Absturz erhebt. 

Es folgt nun eine flach eingesenkte Mulde (Meereshöhe 67 m), 
200 m breit, die sich bis 600 m östlich und 1200 m westlich vom Kanal 
verfolgen läfct; ihre Richtung ist diejenige der Verwerfungen. Ihr 



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Der Isthmos von Korinth. 



31 



Boden ist jener rötliche Lehm, der die Verwerfungen ausebnet. Im 
Kanal kann man ihren Querschnitt trefflich beobachten. Die Mächtig- 
keit des sie erfüllenden Lehms steigert sich von SO nach NW bis zu 
einigen Metern. Er endet schliefslich an der Verwerfung 9, welche die 

6. Stufe bildet. Sie ist flach und wenig ausgesprochen und verliert 
sich etwa 400 m östlich des Kanales ganz. So übernimmt hier Stufe 
4 und 5 die Begrenzung des centralen Mergelmassives gegen SO. 

Der weifse Mergel tritt nun zu Tage. Gleich hinter der 6. Stufe 
beginnt die Abdachung nach NW. Der höchste Punkt der Strafse liegt 
etwa 80 m hoch. 

Die Verwerfungen, welche im Kanal das Mergelmassiv auf der 
Nordseite begrenzen, verschmelzen nordöstlich vom Kanal zu einer 
sanften nach NNO gerichteten Abdachung, welche sich zu einer 
breiten, flachen Wanne absenkt, die mit Sand und kleinem Kies er- 
füllt ist. Diese zieht sich nach NW hinab und mündet dicht nördlich 
von Posidonia in die Bucht von Korinth. Diesem Thälchen liegt nörd- 
lich eine flache Anhöhe vor, die wir als 

7. Stufe bezeichnen wollen. Sie streicht 07°N und wird gebildet 
von jenen erdigen, braunen Sanden, welche im nordwestlichen Teile 
des Kanales auftreten. Darauf folgt ein Thälchen, das ebenfalls nach 
Posidonia hinabzieht, und nun noch die 

8. Stufe, ein kleiner Steilrand, der nach NW gerichtet ist. Er ent- 
spricht dem Eingang in den tieferen Einschnitt des Kanales bei pt. 
1500. Er besteht aus Konglomerat. 7 und 8 vereinigen sich dicht 
nordöstlich der Strafse nach Luträki zu einem höheren Hügel, von 
dem aus man einen trefflichen Einblick in die Hügel nördlich von 
Kalamaki gewinnt (75 m). Von Stufe 8 senkt sich ein sanftes Gehänge 
hinab zu der Ebene von Lutraki. 

Wir finden also den Scheiderücken nordöstlich des Kanales zu- 
sammengesetzt aus denselben Schichten, die im Kanal angeschnitten 
sind. Der südliche Abhang ist gebildet aus einer Anzahl hinter ein- 
ander aufsteigender Terrainstufen, welche Verwerfungen mit südlichem 
Absinken entsprechen. Einige davon lassen sich mit Verwerfungen des 
Kanales mit Sicherheit identifizieren, andere nur vermutungsweise. Eine 
grofse Zahl der Kanalverwerfungen ist nicht durch Bodenstufen mar- 
kiert, darunter gerade solche von beträchtlicher Sprunghöhe. Es kommt 
eben nicht auf die Sprunghöhe, sondern auf das Alter der Verwerfung 
an, ob sie an der Oberfläche noch hervortritt, oder schon im Laufe 
der Zeit durch die Atmosphärilien verwischt und ausgeebnet worden 
ist. Viele Verwerfungen des Kanales scheinen überhaupt auf dieser 
Seite sehr bald zu verschwinden; die übrigen drehen sich im Streichen 
nach Ost und etwas darüber hinaus nach OzS. Die fünf ersten Stufen 
konvergieren nach Osten zu der Steilwand hinter Kalamaki. Auf der 
N-Seite sind nur zwei nach NW gerichtete Stufen undeutlich erhalten; 



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32 



A. Philippson: 



alle übrigen Verwerfungen werden in geringem Abstände vom Kanal 
unkenntlich. 

C. Der Scheiderücken südwestlich des Kanales. 

Auch auf der Südwestseite des Kanaleinschnittes prägen sich die 
Verwerfungen auf dem Südabhange des Scheiderückens in Bodenstufen 
aus. Wegen des ziemlich dichten Waldes und der dadurch erzeugten 
reichlicheren Bedeckung mit Humus, sowie wegen der Aufschüttungen 
der Kanalarbeiten sind sie jedoch weniger leicht zu verfolgen. Der 
Scheiderücken fällt nach S ab zu dem kleinen, von WNW— OSO ge- 
richteten Thale, das bei Isthmia in die Bucht von Kalamaki mündet. 
Von N her zieht sich ein kleines Nebenthal zu ihm hinab. Hier be- 
merkt man im Walde einige Verwerfungen mit südlichem Absinken. 
Zwei deutlichere, südwärts absinkende Stufen befinden sich weiter auf- 
wärts. Sie streichen einander parallel nach ONO und setzen sich bis 
zum Kanal fort, wo sie den Verwerfungen 15 und 12 sowie jenseits 
desselben den Stufen 4 und 5 entsprechen. Nach WSW verschwimmen 
sie bald in dem ausgebreiteten Plateau, indem sie sich begegnen mit 
den weiter unten zu besprechenden Verwerfungen des Plateaus von 
Isthmia, welche das entgegengesetzte, nämlich nördliche Absinken be- 
sitzen. Nördlich hiervon treffen wir die schon erwähnte lehmige Mulde, 
die ohne Abflufs, daher im Winter sehr feucht ist. Bis hierher bildet 
stets Konglomerat die Oberfläche; nördlich der Mulde betreten wir 
Mergelboden; wir befinden uns wieder auf dem Centraimassiv, welches 
gegen die Mulde eine kleine ebenfalls ONO streichende Stufe bildet, 
entsprechend der Verwerfung 9 und der östlichen Stufe 6. Betreten 
wir nun den nördlichen Abhang des Scheiderückens, so finden wir die 
Verwerfung 8 sich nach W fortsetzend als kleine nach N gewendete 
Steilstufe, darauf folgen in geringen Abständen noch zwei Stufen, die 
sich nicht mit erheblichen Verwerfungen im Kanal identificieren lassen. 
Sie streichen nach W, vereinigen sich bald zu einer Stufe, die stellen- 
weise einen senkrechten Abbruch besitzt, an dem grauer sandiger 
Mergel mit Sandschmitzen, nach oben in Konglomerat übergehend und 
zahlreiche Austern einschliefsend, erscheint. Sie wendet sich gegen 
SW und setzt sich fort in der Stufe, die hinter dem Weingute des 
Tripos vorbeizieht. Die letzte gegen das Meer vorgeschobene Stufe 
entspricht den Grenzverwerfungen im Kanal bei pt. 1500. Zwischen 
den beiden letztgenannten Stufen steigt das Terrain allmählich an ohne 
ausgeprägte Absätze. 

2. Die Ausläufer des Hügellandes der Krommyonia. 

Unmittelbar nördlich von Kalamaki erhebt sich ein Hügel von 171m 
Höhe mit steilem Absturz. Er besteht bis zweidrittel der Höhe aus zarten, 
dünnplattigen, weifsen Mergeln mit Neritina micans, Melanopsiden etc., 



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Der Isthmos von Korinth. 



33 



streichend N75°0, fallend nach NNW mit 13 0 . Darüber folgt eisen- 
schüssiger Sand und weifser mergeliger Kalk mit marinen Konchylien 
und Cladocorenbänke, durch ihre Härte hervorragend. Darüber folgen 
Mergel und Sande mit marinen Konchylien (vergl. Fuchs, Tertiärbild. 
Griechenlands). Es treten hier dieselben Schichten auf, wie im Kanal: 
unten die weifsen Mergel mit brackischer Fauna, darüber die Mergel 
und Sande der marinen Gruppe. Der Abhang entspricht einer grofsen 
Verwerfung. Wenige Schritte nach W gelangt man in einen Regenrifs. 
Hier erblickt man drei kleinere Steilstufen über einander, in welchen 
jedesmal sich dieselbe Schichtfolge wiederholt. Sie sind auffallend 
durch das Hervortreten der Mergelkalkbank, welche im Kanal im oberen 
Teil der weifsen Mergel liegt. Unterhalb, an der Eisenbahnlinie, liegt, 
durch eine Verwerfung getrennt, die Gruppe der Sande an den Mergeln 
an. Wir finden hier also drei beträchtliche Verwerfungen mit Ab- 
sinken nach S, welche sich nach O zu einer einzigen Verwerfung ver- 
einigen. 

Auf der Krone des Hügels angekommen, sehen wir, dafs sich die 
Oberfläche und ebenso die Schichten nach NW abdachen (Streichen 
N 53°0, Fallen NW15 0 ). Etwas weiter östlich zieht sich eine amphi- 
theatralische Einbuchtung in den Berghang hinein. Das Streichen dreht 
sich hier nach Ü28°S, fallend NNO32 0 . Dort tritt auf dem Kamm 
des Hügels eine 2— 3 m mächtige Krone von Konglomerat über dem 
Mergel auf. — Auf dem Gipfel des Hügels nach N gewandt, sehen 
wir, dafs sich dort noch eine ganze Anzahl ähnlicher Hügel erhebt, 
von W nach O lang gestreckt, meist mit dem Steilabfall nach S, einige 
gekrönt mit einer mächtigen Schicht von Konglomerat. Sie steigen an 
den Abhängen der Geraneia zu bedeutender Höhe (bis 550 m) hinan. 
Deutlich erblicken wir diese Anordnung auch von dem Hügel östlich 
der Strafse Kalamaki-Lutraki. Die Hügel besitzen vorwiegend ein Ein- 
fallen der Schichten nach N, doch kommen auch anders geneigte 
Schollen vor. Nach W verflachen sich die Hügel zu der Ebene von 
Lutraki und zu dem Scheiderücken des Isthmos. 

Einen guten Aufschlufs dieser Struktur giebt auch das enge, steil- 
wandige, gewundene, pfadlose Thal, das östlich von Kalamaki mündet. 
Ich verfolgte es etwa 3 km aufwärts bis zu einer steilen Thalstufe, über 
welche ein Wasserfall malerisch herabstürzt. Diese Stufe wird gebildet 
durch einen harten, blaugrauen Mergelkalk, welcher stark verdrückte 
Steinkerne ziemlich grofser Gastropoden enthält. Dieselben lassen 
sich noch am ehesten als Paludinen deuten, und ich vermute, dafs 
dieser Kalk identisch mit dem blauen Mergel des Kanales sei, nur in 
trockenem und verhärtetem Zustande. Im übrigen ist das Thal einge- 
schnitten in weifsen Mergel und Mergelkalk — am Eingang des Thaies 
mit jenen sonderbaren polypenstockartigen Wülsten — darüber liegt 
ein mächtiger Komplex von Schottern und Konglomeraten bis zu 90 m 

Zciuchr. d. GcselUch. f. Erdk. Bd. XXV. 3 



34 



A. Philippson: 



mächtig. (Im Konglomerat finden sich auch Rollstücke von Trachyt.) 
Darüber folgt stellenweise Mergelsand (s. Profil, Fig. 7). 



Das Thal schneidet eine grofse Zahl von Verwerfungen an, welche 
im südlichen Teil annähernd ostwestlich, im nördlichen Teil WSW — 
ONO streichen. Die Richtung des Absinkens an ihnen ist verschieden, 
aber vorherrschend ist der südliche Flügel gesenkt. Durch diese 
Spalten wird das Terrain in eine grofse Zahl von Schollen zerlegt, 
deren Schichten in verschiedenem Sinne geneigt sind. 

Vor jener erwähnten amphitheatralischen Einbuchtung des Hügels 
von Kalamaki, die übrigens Erosionsprodukt ist, Hegt, 600 m nordnord- 
östlich von der Küste beim Orte Kalamaki, ein kleiner, runder Hügel 
von etwa 15 m Höhe, durch kleine Wasserrisse ringsum abgelöst von 
dem grofsen Bergabhang. An der nach der Ebene zu gerichteten Seite 
steht ein grauer Quarztrachyt an (in bläulich-grauer Grundmasse liegen 
kaolinisierte kleine Feldspathkrystalle und zahlreiche Täfelchen schwarzen 
Glimmers sowie rundliche Körner bläulichen Quarzes), ohne deutliche 
Absonderung; er ist irgend einmal in einem kleinen Steinbruche abgebaut 
worden. Dieses Vorkommen war vor meiner Reise in Athen schon bekannt, 
ist aber noch in keiner Schrift erwähnt. An die Ostseite der Trachytkuppe 
lehnt sich eine Schichtmasse von Konglomerat, aus faustgrofsen Stücken 
von Hornstein und Kalkstein bestehend. Letztere sind in der eigen- 
tümlichen Weise zerfressen, wie das Meerwasser den Kalkstein zu 
benagen pflegt. Das Konglomerat enthält auch grofse losgelöste Blöcke 
des Trachyt. Uber dem Konglomerat und auf der Nord- und West- 
seite des Hügels direkt auf dem Trachyt liegen gelblich-weifse Mergel. 
Auch an der SW-Ecke klebt ein kleiner Fetzen Mergel dem Trachyt 
an. Die Schichtung des Mergels ist nach allen Seiten vom Trachyt 
ab geneigt. Der Trachyt ist an dem Kontakt in Blöcke und Stückchen 
aufgelöst, zwischen die sie sich Mergel, Sand und eckige Splitter so- 
wie halbgerollte Stücke von Hornstein einschieben. Auf dem Gipfel 
des Hügels liegen zwischen Trachyt und Mergel eigentümliche Tuff- 
schichten, die von dem einen Gestein in das andere ganz allmählich 
überführen und zahlreiche kleine Hornsteinstückchen enthalten. Alles 
dies weist darauf hin, dafs die Eruption des Trachytes stattfand zur 
Zeit und am Ort der Ablagerung der jungtertiären Mergel, also auf 
dem Boden des neogenen Meeres oder des Süfswassersees. (Denn da 




SSO. 



Khri* ron Kala m ah { 



bhf blauer Mergel «rlf weiter Mergel A'Kallc mit Wülsten 
MS Mergclsand C Schotter. 

Fig. 7. Profil des Thaies östlich von Kalamaki. 



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Der Isthmos von Korinth. 



35 



in der Nähe in den Mergeln keine Fossilien vorkommen , diese sonst 
bald marine, bald lakustre Fossilien führen, so läfst sich dies nicht 
entscheiden.) Es ist hier ganz dasselbe Verhalten, das sich an dem 
benachbarten Trachytvorkommen von Kulantziki beobachten läfst und 
vielleicht auch auf Ägina. Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, dafs 
der Trachyt von Kalamaki kein selbständiger Eruptionspunkt, sondern 
nur der Rest einer gröfseren Masse oder eines Stromes ist, der von der 
vorüberstreichenden Verwerfung abgeschnitten wird. Vielleicht gehört 
er zu der Trachytmasse von Kulantziki, mit der er petrographisch 
übereinstimmt. 

3. Die Ebene von Lutraki 

wird eingenommen von einem ziemlich fruchtbaren, lockeren, san- 
digen Alluviallehm. Am Strande zieht sich ein 3- 400 m breiter Streifen 
von Flugsand und niedrigen Dünen hin. Der südlichste Teil der Ebene 
zwischen Posidonia und Neu-Korinth ist versumpft. Zwischen Posi- 
donia und Lutraki erheben sich in der Entfernung von 500 m von der 
Küste, in einer Reihe parallel derselben angeordnet, mehrere kleine ge- 
rundete Hügel, bestehend aus jenem Kalksandstein von Posidonia 
(s. o., vermutlich verhärtete Dünen:). 

4. Die Abhänge der Geraneia. 

Die Geraneia ist sehr selten besucht worden, von Geologen, so 
viel ich weifs, noch gar nicht. Der Berg, der nördlich von Lutraki 
wie eine lange, schmale, nach beiden Seiten steil abfallende Mauer bis 
zu 1057 m aufragt, scheint von Süden gesehen ganz aus dem Kalk der 
Kreideformation zu bestehen. Wenn man aber an seinem Westende 
vorbeizieht, erkennt man, dafs er ein annähernd O — W streichendes, 
steiles Gewölbe bildet, welches einen Kern von Hornstein und Serpentin 
enthält. Die Schichten des grauen, undeutlich bankigen Kalksteines, 
der unbestimmbare Fossildurchschnitte zeigt, fallen auf der Nordseite 
deutlich nach N, auf der Südseite weniger deutlich sehr steil nach S. 
Nordlich schliefsen sich andere Falten an. Der südliche Abhang des 
Berges wird bis etwa 350 m Höhe bekleidet von einer mächtigen Hülle 
einer Breccie, welche oben eine ziemlich (bis 500 m) breite Terrasse 
bildet, auf der sich der Weg nach Perachora hinzieht. Die Breccie 
besteht aus sintrig verkitteten, eckigen, bis faustgrofsen Bruchstücken 
von Kalk und Hornstein; bald herrscht der eine, bald der andere vor. 
Sie bildet einen sehr steilen Absturz nach S zur Bai von Korinth und 
der Ebene von Lutraki. Gerade an der Umbiegungsstellc der Küste 
an der Nordostecke der Bai baut ein kleiner Wasserrifs einen Schutt- 
kegel in das Meer vor. Westlich von demselben sprudelt aus dem 
schmalen Sandstrand, der sich an den Abhang anschmiegt, an mehreren 
Stellen, z. Teil unterseeisch, geschmack- und geruchloses Wasser von 

3* 

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36 



A. Philippson: 



33° hervor (vergl. Fiedler 1. c. I, p. 229) 1 ). Hier ist zwischen dem 
steilen Felsen und dem Meere eingezwängt ein kleiner Badeort ent- 
standen (rd Xovrnd tnv ./ovtouxiov), mit allerdings sehr primitiven Bade- 
einrichtungen. Denn man glaubt in Griechenland stark an die Heil- 
kraft warmer Quellen, selbst so neutraler, wie diese sind. 

Unmittelbar westlich von den Badehäusern befinden sich Stein- 
brüche, wo man die Breccie für die Molenbauten von Posidonia ge- 
wonnen hat. Hier sollen sich Knochen grofser Säugetiere in der 
Breccie gefunden haben, die leider verloren gegangen zu sein scheinen. 
— Weiter östlich, nördlich des Hügellandes der Krommyonia, ist der 
zur Kreideformation gehörige Serpentin das herrschende Gestein in den 
benachbarten Teilen der Geraneia. 

5. Die Plateauteile südwestlich von Isthmia. 

Die kleine Ebene zwischen Kalamaki und Isthmia bis zum Kanal be- 
steht aus alluvialem Lehm und Sand. Ein Sandstrand bildet die Küste. 
Aber unmittelbar auf der anderen Seite des Kanales, schon dort wo 
das Direktorialgebäude und die Villa Türr erbaut sind, sehen wir den 
Boden der Ebene bestehend aus hartem, nufsgrofsem, buntem Konglo- 
merat, jenem Gestein, das wir auch im Kanal angetroffen haben. Dieses 
bildet die geneigte Fläche, die sich sanft nach SW erhebt bis zum Fufs 
höherer Hügel. Sic läuft zum Meere nicht in einem Sandstrand, 
sondern in, wenn auch ganz niedrigem, doch felsigem und klippigem 
Gestade aus. Südlich davon erhebt sich der nach NW gewendete Steil- 
absturz eines ziemlich hohen Plateaus. Der Steilrand streicht, mit Aus- 
buchtungen und Einschnitten, von der Küste südlich Isthmia bis Xylo- 
keriza in der Richtung NO— SW 6J km weit, an Höhe nach SW zu- 
nehmend (bis 140 m). Auf ihm befindet sich eine ziemlich ebene Fläche 
die sich nach OSO abdacht zum Meere und zum Thal von Kenchreä, 
zu beiden steil abfallend. An dem Steilrand gen Isthmia zu finden 
wir grünen, mergeligen Sand, nach oben zu immer sandiger und grob- 
körniger werdend und so übergehend in auflagernde Konglomerate, 
in welchen sich auch jene bunte Bank findet, die unten die Ebene 
bildet. Es ist dies also ein Beweis, dafs der Steilrand einer Verwerfung 
mit nördlichem Absinken entspricht. Sie streicht hier, zunächst Isthmia, 
W27 Ü S und verliert nach Ost an Sprunghöhe, da sich dort die 
Schichten zum Meere hinabsenken. Westlich des kleinen Thälchens, 
welches bei den Ruinen der alten Stadt Isthmos den Steilrand einkerbt, 

>) Fiedler mafe die Temperatur der Quelle zu a6° R.; J. Schmidt (1859 — 67) 
zu 3i\°C. Mein Thermometer von Geifslcrs Nachf. in Bonn besafs keine Teil- 
striche innerhalb der ganzen Grade. Doch ist ein Fehler von a° C. nicht wohl an- 
zunehmen. Es scheint daher die Temperatur der Quelle seit Schmidts Beobach- 
tungen zugenommen zu haben. Vergl. J. Schmidt, Studien über Vulkane und Erd- 
beben. Leipzig 188 1 . II, S. 64. 



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Der Isthmos von Korinth. 



37 



wendet sich Steilrand und Verwerfung nach W32 S. Hier finden wir 
über dem bunten Konglomerat auflagernd den Kalksandstein von Po- 
sidonia, ebenso wie gegenüber an der Strafse Kalamaki-Lutraki (s. o.). 
Auch hier wird er in kleinen Brüchen für die Zwecke des Kanalbaues 
abgebaut. Die Schichten fallen flach OSO. Hier zieht sich nun am 
Fufs der Steilstufe eine breite, seichte Wanne hin, die auf der NW- 
Seite begrenzt wird durch eine zweite, kleinere, WSW streichende und 
nach NW blickende Steilstufe, an der die Schichten flach nach SO 
fallen. Weiterhin folgen noch zwei gleiche, westlich streichende und nach 
N absinkende Stufen, die sich nach W in den breiten Platcaurücken 
hinein verlieren. Dann folgt noch eine letzte, WNW streichende Stufe, 




A" Kalksandstein CConglomerat MS MergcUand S Sande w3f weifte Mergel .(Alluvium £> Quelle 

Fig. 8. Profil von dem Plateau von Isthmia zum Kanal. 

welche das Thälchen von Isthmia begleitet und gekrönt wird von den 
Resten der grofsen Isthmosmauer, welche dieser Stufe entlang läuft (s. 
Profil Fig. 8.) Alle diese Stufen werden durchschnitten von einer S-N 
gerichteten steilwandigen Schlucht, welche in der erwähnten Wanne ent- 
springt und in das Thälchen von Isthmia mündet. An ihrem oberen 
Ende entspringt eine starke Quelle. Hier findet man unter dem Kon- 
glomerat gelblich weifse, sandige Mergel (mit Murex brandaris I,.), die 
sanft nach NW ansteigen, diskordant abgeschnitten von dem über- 
lagernden Konglomerat. Weiter abwärts bemerkt man einige Ver- 
werfungen, von denen die gröfsten den erwähnten Steilstufen ent- 
sprechen. Die erste streicht 02°N, mit Absinken nach N So werden die 
erdigen Sande neben die Mergel zu liegen gebracht. Diese Sande sind 
erfüllt mit gröfsenteils zerbrochenen Muschelschalen, besonders Austern. 
Darunter folgt ein System von Konglomeraten, in welchen auch die 
oft erwähnte bunte Schicht erscheint (mit Cardien) ; darunter folgt 
grüngelber, sandiger Mergel mit Austern. Die Schichten fallen stets 
flach nach S. Nach etwa 80 m folgt eine andere gleichsinnige Ver- 
werfung, nach etwa 50 m eine dritte. Wir kommen nun in das Thal 
von Isthmia hinab. Hier finden wir auf beiden Seiten ein wahres Ge- 
wirre von kleinen Verwerfungen verschiedenen Streichens und Absinkcns, 
die unmöglich im einzelnen verfolgt werden können. Im allgemeinen 
streichen sie dem Thal parallel, sinken auf der Nordseite nach S. auf 
der Südseite nach N ab, so dafs das Thälchen auf der Tiefcnlinie 
eines Grabens sich hinabzieht zu der tiefsten sichtbaren Scholle: der 
Konglomeratebene südlich Isthmia. 



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38 



A. Philippson: 



Wenn wir mit einem Boote von Isthmia nach Kenchreä an der 
steilrandigen, in mehreren Kaps vorspringenden Küste vorbei segeln, 
haben wir Gelegenheit, den Querschnitt des Plateaus zwischen beiden 
Orten zu beobachten. Ks zeigt sich folgendes Profil (Fig. 9). Von dem 



S. O^n. 




M Mergel CCongloraerat A" Kalksandstein 
Fig. 9. Profil von Kenchreä (neugr. Kechriaes) nach Isthmia. 



Steilrand bei Isthmia fallen die Schichten nach SO ein, bis der Kalk- 
sandstein das Meeresufer erreicht, wo er abgebaut wird. Dann erheben 
sich die Schichten wieder nach S, bis sie an einer Verwerfung ab- 
schneiden (oben Konglomerat, unten Mergel). Nun erheben sich die 
Schichten ziemlich steil nach S, eine Flextir bildend. Über dem grauen 
Mergel liegt ein sehr grobes Konglomerat, darüber ein Konglomerat, 
das aus einer roten, thonigen Grundmasse mit vereinzelt eingestreuten 
Rollstücken besteht. Nun nehmen die Schichten wieder horizontale 
Lagerung an; es folgt der Einschnitt des Thaies von Kenchreä mit seiner 
kleinen Alluvialebene, darauf folgt nach S wieder ein Plateau von 
Mergel und Konglomerat, das etwas ansteigt bis an das Kalkgebirge 
Oneion. 

Die Verwerfung mit der Flexur macht sich auch weiterhin im 
Innern des Plateaus als Bodenerhebung bemerklich. — Das Thal von 
Kenchreä durchsetzt das Plateau von Isthmia, indem es auf der dem- 
selben vorgelagerten Ebene, nordöstlich von Xylokeriza, entspringt; es 
bildet so eine Lücke in dem Steilrand des Plateaus, durch welchen 
im Altertum ein wichtiger Verbindungsweg führte (s. u.). An dieser 
Lücke besteht der Steilrand aus weifsen, zarten Mergeln ohne Fossilien; 
darüber 3 m Konglomerat mit marinen Konchylien. Die Schichten 
liegen horizontal. 

Am Ostende des Oneion befindet sich eine starke, salzige Quelle, 
das „Bad der Helena". Vergl. Fiedler I, p. 245. 

6. Das Stufenland von Korinth. 

Sowohl die Steilränder und Verwerfungen des Südhanges des 
Scheiderückens, als auch die ihnen gegenüberliegenden westlich und 
südwestlich von Isthmia, verlieren sich nach W in eine breite Boden- 
anschwellung hinein, welche sich in der Mitte zwischen Neu-Korinth und 
Kenchreä bis zu 130 m erhebt und sich nach Süden bis zum Fufse des 
Oncion-Gebirges bei dem Dörfchen Xylokeriza ausdehnt. Diese ganze 
Ausbreitung ist ohne Bodenstufen. Nur östlich des Dorfes Hexamilia 
zieht ein gerundeter Hügelzug mit der Richtung Oi7°N über das 



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Der Isthmos von Korinth. 



3<) 



Plateau hin, etwa 120 m breit und 20 m hoch über der Umgebung. Kr 
ist aufgeschlossen durch eine ganze Reihe von allen Steinbrüchen und 
besteht aus jenem oolithartigen Kalksandstein von Posidonia 1 ), mit 
grober Schichtung in antiklinaler Stellung. Es ist höchst wahrschein- 
lich ein alter Dünenzug. — Aus dieser Anschwellung entwickelt sich 
nach W eine Reihe von Bodenstufen, welche das ganze Küstenland von 
Korinth in eine Anzahl von Flächen zerteilen, die eine hinter der 
anderen von der Küste bis zu den Abhängen des Oneion und Akro- 
korinths zu immer gröfserer Höhe ansteigen. Die höchste Stufe (vom 
Meere aus die 5.) beginnt unmittelbar westlich von Xylokeriza; sie ist 
die Fortsetzung der grofsen Stufe von Isthmia, die östlich desselben 
Ortes verschwindet; letzterer liegt in einer Lücke zwischen beiden Stufen- 
teilen. Nördlich von Xylokeriza steht ungeschichteter sandiger Mergel 
an. Diese fünfte Stufe zieht sich am Fufs des Oneion in das Thal des 
Baches von Neu Korinth nach S hinein. Westlich desselben erscheint 
sie nicht mehr. Die übrigen vier Stufen ziehen im Bogen über den 
Bach hinweg, der sie in flachem Thale quer durchschneidet, bis in die 
Gegend von Alt Korinth. Das dritte Plateau zwischen Neu -Korinth 
und Hexamilia fällt flach nach S ab, so dafs die vierte Stufe nicht die 
Höhe der dritten erreicht. Neu -Korinth selbst liegt, wie schon weiter 
oben erwähnt, auf einer kleinen 2 — 5 m hohen Alluvialebene (Schotter 
und Lehm) an der Mündung des Baches. Unmittelbar südlich der 
Stadt erhebt sich die erste Stufe zu etwa 30 m Höhe. Dieselbe be- 
steht unten aus grauen, vcrsteinerungsleeren, ungeschichteten, sandigen 
Mergeln, aus denen Kalk gebrannt wird; darüber lagert eine aus Sand 
und Konglomerat bestehende Bank von ij m Mächtigkeit, mit zahl- 
reichen marinen Fossilien. Diese Bank bildet wegen ihrer Härte einen 
hervorragenden, senkrechten Abbruch. Darüber folgt ein roter, lehmiger 
Sand mit Landschnecken, eine Oberflächenbildung. Die Muschelbank 
ist sehr bezeichnend für die erste Stufe auf weite Entfernung hin. Sie liegt 
ganz horizontal. In dem Bachthal 1 km aufwärts erreicht sie die Thal- 
sohle wegen des Ansteigens derselben; weiter oben ist daher das Thal 
kaum in das Plateau eingeschnitten. Unmittelbar östlich von Neu Ko- 
rinth spaltet sich die Stufe in zwei Staffeln, die sich sehr bald wieder 
vereinigen ; die vorderste tritt unmittelbar an das Meer. Hier ist deut- 
lich eine Diskordanz zwischen dem Muschelkonglomerat und dem 
Mergel zu beobachten. Letzterer ist zart und weifs, teils ungeschichtet, 
teils dünnplattig (wie bei Kalamaki), ohne Fossilien. Ebenso dort, wo 
die Stufe westlich der Stadt wieder an das Meer tritt. Dort sehen wir 
zu unterst den Sandmergel mit flach nach W fallenden Schichten, 
darüber das Muschelkonglomerat horizontal, darüber sandigen Lehm 



») Vergl. Fuchs, Denkschr. der Wiener Akad. Math.-naturw. Klasse Bd. 37, i, 
S. 2 f. 10. 



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40 



A. Pliilippson: 



mit Rollsteinen. Es folgt nach W «im Meere wieder eine schottrige 
Ebene mit Sümpfen. Die Stufe verschwindet nicht weit jenseits der 
vcnetianischen Befestigungslinie in der Küstenebene. In dem Konglo- 
merat dieser ersten Stufe sammelte ich folgende Fossilien: 

Lebende Formen. 

Nassa costulata Ren. Am Bahnhof. 
Conus mediterraneus Brug. Am Bahnhof. 

Cerithium vulgatum Brug. Am Bahnhof und am Kirchhof, sehr häufig. 

„ scabrum Ölivi. Am Bahnhof. 
Trochus albidus Gmel. Am Bahnhof. 
Capsa fragilis L. Am Bahnhof. 
Psammobia vespertina Chemn. Am Bahnhof. 
Venus verrucosa L. Am Bahnhof und am Kirchhof. 

„ fasciata Don. „ „ 
Cythcrea chione L. Am Kirchhof. 

„ rudis Poll. Am Bahnhof. 
Artemis sp. Am Bahnhof. 
Cardium edule L.. Am Bahnhof. 

„ tuberculatum L. Am Bahnhof. 

„ papillosum Poli. „ „ 

„ oblongum Chemn. „ „ und am Kirchhof. 
Eucina lactea L. „ 

Pectunculus pilosus Born. „ „ und am Kirchhof. 

Area Noae L. Am Kirchhof. 

Lithodomus lithophagus L. Am Bahnhof. 

Mytilus edulis L., var. galloprovincialis T,am. Am Bahnhof. 

Pinna nobilis L. Am Bahnhof. 

Pectcn Jacobaeus L. Am Bahnhof und am Kirchhof. 

„ varius L. Am Kirchhof. 
Ostrea lamellosa Brocc. Am Bahnhof. 
Serpula sp. 

Cladocora sp. „ „ 

Nicht mehr im Mittelmeer lebend: 

Dentalium fossile I.. Am Bahnhof. 
Cardium Fuchsi n. sp. „ „ (s. u.) 

Das erste Plateau steigt fast unmerklich nach S an zur zweiten 
Stufe, welche von der ersten — 2 km entfernt ist. Sie besteht aus 
einer Lage von Konglomerat mit marinen Conchylien c. 1 m mächtig; 
darunter sandiger, gelblicher Mergel. Bisweilen ist das Konglomerat, 
wenn es feinkörniger ist, mit Cladocoren durchwachsen. Die Höhe 
dieser Stufe beträgt 40 m (80 m ü. d. M.). In geringer Entfernung (etwa 
500m) folgt die dritte Stufe; auch diese besteht aus Konglomerat und 



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Der Isthmos von Korinth. 



41 



mergeligem Sand darunter (95 m ü. d. M.). Das jetzige Dorf Alt-Korinth 
liegt sowohl auf dem zweiten, wie auf dem dritten Plateau; die Tcmpel- 
mine liegt auf dem dritten. Beide Stufen lassen sich weit hinein nach 
W in die Ebene von Kiaton verfolgen. Auch die vierte Stufe, welche 
sich bei Alt Korinth von der dritten loslöst und nördlich von Hexamilia 
vorbeizieht, besteht aus sandigem Mergel unten und Konglomerat dar- 
über. — Auch diese Stufen entsprechen Verwerfungen, wenn auch die 
Verwerfungen hier nicht direkt zu beobachten sind. Die Stufe braucht 
auch nicht ganz genau der Verwerfung zu folgen, sondern sie kann 
durch die atmosphärische Zerstörung nach rückwärts verschoben und 
ausgebuchtet sein. Jedenfalls sind die Stufen durch Verwerfungen be- 
dingt und nicht alte Strandlinien, wie manche Reisende geglaubt 
haben 1 ). Beweise dafür sind: 

1. Eine Stufe teilt sich häufig in zwei kleinere, welche zusammen 
annähernd dieselbe Höhe besitzen, wie die vereinigte Stufe. 

2. Eine und dieselbe Stufe besitzt nicht überall dieselbe Meeres- 
höhe. 

3. Alle Stufen der verschiedensten Höhenlagen zeigen dieselben 
Schichten: mergeliger Sand oder weifser Mergel unten, darüber Kon- 
glomerat. 

4. In dem Kanaleinschnitt läfst sich eine Anzahl ganz analoger 
Bodenstufen direkt mit Verwerfungen identificieren. 

7. Oneion und Akrokorinth. 

Die südliche Begrenzung des Isthmos wird bewirkt durch zwei fast 
gleich hohe, steil aufragende Berge, Oneion und Akrokorinth (der Burg- 
berg von Korinth). Beide sind isolierte Glieder der argolischen Ge- 
birge, denn sie werden von einander und von der zusammenhängenden 
Gebirgsmasse der Halbinsel getrennt durch jungtertiäre Ablagerungen, 
vorherrschend weifse Mergel, welche, zu bedeutender Höhe emporge- 
gehoben, das Thal des Baches "von Neu-Korinth erfüllen und mit den 
identischen Bildungen des Isthmos in unmittelbarem Zusammenhange 
stehen. Beide Berge bestehen aus Gesteinen der Kreideformation, wie 
sie durch ganz Griechenland verbreitet sind. Das Oneion (582 m), ein 
von VV nach O langgezogener, zackiger Grat besteht aus grauem Kalk 
mit undeutlicher Schichtung; er streicht O— W, und fällt steil nach N 
ein. Auf dem Südabhange tritt unter ihm Thonschiefer zu tage. Am 
Nordabhange kleben ihm noch in beträchtlicher Höhe kleine Partien 
von Neogen-Mergel an. — Akrokorinth, ein von allen Seiten steil auf- 
ragender, oben abgeflachter Felsklotz (575 m), besteht aus grobbankigem, 
gelblichem Kalk, welcher nach NNO streicht und nach OSO steil einfällt. 
Unter diesen Kalk fällt westlich des Gipfels roter, dünnschichtiger 

l ) Verg). Curtius, Peloponnesos I, S. 48. II, S. 544. 



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42 



A. Fhilippson: 



Hornstein steil ein, streichend Ni8°ü, fallend OSO50 0 . Derselbe 
bildet ein Gewölbe, indem sich seine Schichten wenig weiter westlich 
zu WNW-Fallen umbiegen, und dort eine Kalkbank einschliefsen, über 
welcher wieder Hornstein folgt. Auch auf dem Gipfel von Akrokorinth 
tritt etwas Hornstein, dem Kalk eingelagert, auf. Der Ostfufs des 
Berges ist bis hoch hinauf in rötliches Konglomerat eingehüllt, welches 
dem Neogen angehört. Der ganze Berg tritt gegenüber dem Oneion 
bedeutend nach N vor und besitzt eine andere Streich- und Fallrich- 
tung. Es zieht also jedenfalls eine Dislokationslinie zwischen beiden 
Bergen hindurch, welche älter als die Neogenbildungen ist. Nach 
Norden fällt Akrokorinth sehr steil ab zu dem tertiären Stufenland, 
auf dessen oberster Stufe hier Alt Korinth im Schutze des Berges lag. 
Der Fufs des Berges ist von herabgefallenem Kalkschutt eingehüllt. 
Dieser Absturz, welcher quer zu den Schichten des Gebirges verläuft, 
wird durch eine grofse Verwerfung gebildet, ebenso wie der Nord- 
rand des Oneion. Durch diese gewaltigen Absenkungen nach N wird 
bewirkt, dafs im Isthmos bis zur Geraneia gegenüber keine Spur des 
Kreidegebirges zu Tage tritt. — Westlich von Akrokorinth ist der Süd- 
rand der Küstenebene von Kiaton bis hoch hinauf in weifse Tertiär- 
mergel eingehüllt, welche mehrere über einander aufragende, horizon- 
tale Terrassen bilden, in welche Thäler und Wasserrisse labyrinthisch 
eingeschnitten sind. Die Terrassen und die trennenden Steilstufen 
umziehen im Bogen von W nach NW gedreht die Küstenebene von Kiaton. 

8. Zusammenfassung. 

Der Isthmos von Korinth zwischen den Kreidegebirgen im Norden 
und Süden wird zusammengesetzt aus lockeren, horizontal oder nahezu 
horizontal gelagerten Sedimentschichten, deren Material der Zerstörung 
jener Gebirge entstammt. Diese Schichten wechseln zwar ihre Zusammen- 
setzung im einzelnen in vielfachster und schnellster Weise in vertikalem 
und horizontalem Sinne, aber dennoch lassen sich überall dieselben 
Gruppen unterscheiden. Zu unterst blaue Mergel, darüber weifse 
Mergel, darüber Sande und Konglomerate. Die blauen Mergel sind 
nur im Kanal angeschnitten; sonst treten sie fast nirgends an die 
Oberfläche. Das erklärt sich leicht durch die Annahme, zu welcher uns die 
Erscheinungen im Kanal führten, dafs blaue und weifse Mergel identische 
Ablagerungen seien und die blauen Mergel die Verschiedenheit der Farbe 
und des physikalischen Zustandes dem Umstand verdanken, dafs sie sich 
unter dem Niveau des Grundwassers befinden. Dieses Niveau erreicht natur- 
gemäfs die Oberfläche nur in seltenen Fällen, und so erklärt sich das seltene 
Vorkommen der blauen Mergel an der Oberfläche. Schwieriger ist das 
Verhältnis von weifsem Mergel zu den Sanden und Konglomeraten zu 
beurteilen. An einigen Punkten beobachten wir innige Wechsellagerung 
oder allmählichen Ubergang beider Systeme an ihrer Grenze; auch im 



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Der Isthmos von Korinth. 



43 



horizontalen Sinne gehen die Mergel zuweilen in Sande über, wie es 
sich im Kanal zeigt. In seichten und unruhigen Gewässern ist es ja 
sehr natürlich, dafs verschiedenartige Ablagerungen in wiederholtem 
Wechsel einander folgen und ersetzen, auch ältere Ablagerungen von 
neuem zerstört und umgelagert werden. Meist jedoch beobachtet man 
eine scharfe Grenze zwischen der Mergel- und Schottergruppe. Die- 
selbe Überlagerung von Mergel durch Konglomerat, ohne dafs überall 
eine scharfe Grenze vorhanden wäre, finden wir, über die Grenze des 
Isthmos hinaus, weit verbreitet, in den jungen Ablagerungen Griechen- 
lands und auch in Italien. Zunächst zeigt sie sich in dem Hügelland der 
Krommyonia, dann aber im grofsartigsten Mafsstabe an der ganzen 
Südküste des Golfes von Korinth. Hier erreicht die untere Abteilung, 
die der Mergel, eine gewaltige Mächtigkeit, gegen welche diejenige der 
Schichten des Isthmos völlig verschwindet, obwohl an der Identität der- 
selben durch ihren unmittelbaren Zusammenhang jeder Zweifel gehoben 
ist. Darüber liegen dort ungemein mächtige Konglomerate, ohne Spur 
von Fossilien, welche bis zu 1800 m Meereshöhe gehoben sind. Dieselben 
fehlen am Isthmos und sind nicht identisch mit den isthmischen Kon- 
glomeraten, welche viel weniger mächtig sind und zahlreiche marine 
Conchylien einschliefsen. Diese marinen Konglomerate sind auch an 
der Südseite des Golfes von Korinth vorhanden und lagern dort dis- 
kordant über den Mergeln, übersteigen aber niemals eine geringe Meeres- 
höhe. Am Isthmos befinden wir uns an der östlichen Verbreitungs- 
grenze dieser marinen Sande, Schotter und Konglomerate. Östlich von 
Ägina und der Kakiskala werden sie nicht mehr an den Küsten des 
mittleren und nördlichen Ägäischen Meeres angetroffen. 

Die Betrachtung der eingeschlossenen Fossilien führt uns zu ganz 
denselben Ergebnissen in Bezug auf das gegenseitige Verhalten der 
Schichtgruppen. Im blauen Mergel des Kanales fanden wir nur Brack- 
resp. Süfswasserconchylien, und zwar wegen ihrer schlechten Erhaltung 
unbestimmbar, ausgenommen der besonders häufig und gut erhalten vor- 
kommenden Neritina, welche identisch zu sein scheint mit der in den 
Süfswassermergeln von Megara sehr häufigen Neritina micans Gaud. et 
Fisch, (vergl. Gaudry und auch Fuchs, Denkschr. S. 14, Taf. III, Fig. 
5-16). 

Im weifsen Mergel des Kanales habe ich nur einige wenige Mela- 
nopsiden gefunden. Gaudry und Fuchs (1. c. S. 5) führen aber aus 
den weifsen Mergeln bei Kalamaki, welche ja unzweifelhaft mit den- 
jenigen des Kanaleinschnittes identisch sind, eine Süfswasserfauna an, 
welche nach Neumayr (Denkschr. 40. Bd. S. 266) eine Altersbestimmung 
nicht erlaubt: 

Limnaeus Adelinae Cantr. 

„ sp. 
Vivipara sp. 



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44 



A. Phili ppson : 



Neritina nivosa Brus. 
Melania (Paludina) ornata Fuchs. 
Congeria cf. clavaeformis Krauss. 
„ amygdaloides Dunker. 
„ minor Fuchs. 
Ich habe leider die Fundpunkte derselben nach der mangelhaften 
Lokalbeschreibung nicht auffinden können. Möglicherweise sind sie 
durch die Eisenbahn- und Kanalbauten jetzt ganz verschüttet oder ab- 
getragen ; sind ja doch vielfach die Siifwasserbildungen in dem griechi- 
schen Neogen bei grofsem Fossilreichtum von sehr geringer horizontaler 
Ausdehnung und nur nesterweise in die marinen Ablagerungen einge- 
schaltet. Jedoch habe ich in den weifsen Mergeln von Kalamaki eben- 
falls Melanopsiden und Neritina micans gefunden. Also auch in dem 
weifcen Mergel des Isthmos kommen Süfswasserbildungen vor, welche 
mit denen des blauen Mergel ubereinstimmen. Im übrigen fanden wir 
aber im Kanal in den weifsen Mergeln marine Conchylien, welche noch 
lebenden Arten angehören. Die weifsen Mergel enthalten also sowohl 
marine als lakustre Bildungen mit einander wechselnd, die sich pctrogra- 
phisch in nichts von einander unterscheiden. Ebenso finden wir in den 
Schichten von Megara einzelne Bänke mit marinen und brackischen 
Conchylien wechselnd. Wir kommen also zu dem Resultat, dafs höchst- 
wahrscheinlich die blauen und die weifsen Mergel des Isth- 
mos, soweit letztere Brack- oder Süfswasserbildungen sind, 
zu einander gehören und aller Wahrscheinlichkeit nach ent- 
sprechen den Melanopsiden -Mergeln von Megara. Diese aber 
gehören nach den Untersuchungen von Neumayr 1 ) der sog. levan- 
tinischen Stufe, d. h. den Binnenablagerungen an, welche dem 
anderwärts ausgebildeten marinen Unterpliocän (Astien, Zancleen 
und Messinien in Italien) entsprechen. 

Die in den weifsen Mergeln enthaltenen marinen Conchylien sind 
zu wenig zahlreich, um hierbei von Gewicht zu sein; jedenfalls wider- 
sprechen sie dieser Annahme nicht. 

Was nun das Alter der über den levantinischen , unterpliocänen 
Mergeln liegenden Sande und Konglomerate anbetrifft, so geben uns 
die Lagerungsverhältnisse nur den sicheren Anhalt, dafs sie nicht älter 
als die Mergel sein können. Sehen wir also zu, was wir aus den 
Fossilien, die in ihnen enthalten sind, entnehmen können. 

Hörnes (1. c.) gab zuerst eine Liste von Fossilien von Kalamaki, 
Fuchs 2 ) hat ein noch vollständigeres Verzeichnis aufgestellt, in welchem 
wir eine gröfsere Anzahl nicht mehr im Mittelmeer lebender Arten 
finden. Dazu habe ich noch eine Anzahl Formen hinzugesammelt. 



») Denkschr. Bd. 40, S. 167. 
2 J Denkschr. Bd. 37, z, S 3 f. 



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Der Isthmos von Korinth. 



45 



Ich gebe hier die Liste der von allen drei Autoren angegebenen Fossi- 
lien, wobei allerdings nicht ausgeschlossen ist, dafs von den verschie- 
denen Autoren einmal ein und dieselbe Form verschieden aufgefafst 
sein mag. In der Nomenklatur folge ich Weinkauff (Conchylien des 
Mittelmeeres, 2 Bde., Cassel 1867/68). Die Bestimmung der meisten 
von mir gesammelten Conchylien verdanke ich Herrn Prof. v. Martens 
in Berlin. 

Fossilien der marinen Sand e und Konglomerate des Isthmos 

von Korinth. 
(H = gefunden von Hörnes, F von Fuchs, P von Philippson.) 
1. Noch im Mittelmeer lebende Formen, 
a) Gastropoden. 

Marginella clandestina Brocc. F. 

Mitra ebenus Lam. F. 

Trivia (Cypraea) europaea Mont. H. 

Columbella rustica L. H. 

Purpura haemastoma L. P. 

Cyclope (Buccinum) neriteus L. F. 

Nassa (Buccinum) mutabilis L. H. P. 

,, „ incrassata Müller. H. P. 

„ „ costulata Ren. H. P. 

„ „ limata Chemn. (prismaticum Bronn). F. 

„ „ reticulata L. H. 

Buccinum 3 sp. ? F. 

Tritonium parthenopus v. Salis (succinetum Lam.). H. 
Murex brandaris L. H. P. 

„ trunculus L. H. F. 
Fusus 2sp. ? F. 
Pleurotoma 7sp. ? F. 
Mangelia (Pleurotoma) caerulans Phil. F. 

„ „ Vauquelini Payr. H. F. 

Defrancia (Pleurotoma) reticulata Ren. H. F. 

„ „ purpurea Mont. (Philberti Mich.) F. 

Conus mediterraneus Brug. H. F. P. 
Chenopus pes pelicani L. F. P. 
Cerithium vulgatum Brug. H. F. P. 

„ scabrum Olivi (einschliefslich angustum Desh.) II. F. P. 

„ mediterraneum Desh. H. 

„ conicum Blainv. (Sardoum Cant.) H. 

„ 5sp. ? F. 
Triforis (Cerithium) perversa L. H. F. 
Cylichna (Bulla) truncata Mont. H. F. 

„ „ convoluta Bronn. F. 



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I 



46 A. Philippson: 

Ringicula buccinea Ren. (auriculata Phil.) F. 
Turbonilla (Odostomia) indistincta Mont. F. 

„ interstincta „ F. 

„ „ pusilla Phil. F. 

„ „ gracilis Brocc. H. 

7sp. r F. 

Odostomia 4Sp. ? F. 
Kulima subulata Don. F. 
„ polita L. F. 

„ sinuosa Sc? (nitida Lam.) H. 
Scalaria clathratula Turt. ? (pulchella Biv. ?). F. 

„ communis Lam. H. 
Natica helicina Brocc. F. 

„ pulchella Risso. P. 

„ cf. mammilla L. P. 

„ cf. millepunctata Lam. H. P. 1 ) 

„ fusca Blainv. (sordida Swains.) H. 
Rissoa oblonga Desm. F. 

„ auriscalpium L. H. F. 

„ pulchella Phil. F. 

„ ventricosa Desm. H. F. 

„ monodonta Biv. H. F. 

„ lineolata Mich. F. 

„ violacca Desm. H. F. 

„ inconspicua Adler. F. 

„ Montagui Payr. H. 

„ interrupta Mont. H. 

„ ventrosa Mont. H. ? ) 

„ 4sp. ? F., isp. ? P. 
Alvania cimex I.. (calathisca Mont.) H. F. 

„ cimicoides Forbes. F. 

„ crenulata Mich. H. F. 

„ costata Adams. F. 

„ aspera Phil. F. 

„ lactea Mich. F. 

„ abyssicola Forbes. F. 3 ) 
Rissoina Brugieri Payr. H. F. 
Truncatella truncatula Drap. F. 

' ) Die von mir gefundenen Exemplare fallen unterhalb der Naht steiler ab, als 
bei den lebenden Formen gewöhnlich ist. 

s ) Nach Herrn Prof. v. Martens freundlicher Mitteilung keine echte Rissoa, 
sondern, wenn richtig bestimmt, eine Hydrobia, die lebend an den Küsten des 
Mittelmeeres und Englands vorkommt. 

3 ) Nach v. Martens im Mittelmcer lebend in 50—350 Faden Tiefe. 



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Der Isthmos von Korinth. 



47 



Turritella communis Risso. P. 
Caecum trachea Mont. H. F. 

glabrum Mont. F. 
Phasianella sp. ? P. 

„ speciosa Mühlf. (Vieuxii Payr.) H. 
Clanculus cruciatus L. (Monodonta Vcilloti Payr.) F. 

„ (Monodonta) corallinus Gmel. F. 
Turbo rugosus L. H. 
Trochus conulus L. P. 

„ albidus Gmel. P. 

„ exiguus Pult. H. F. P. 

„ Adansoni Payr. F. 

,, fanulum Gmel. F. 

„ millegranus Phil. F. 

„ Fermonii Payr. H. 

„ 3 sp- ? F. P. 
Fissurella graeca L. H. F. 
Dentalium dentalis L. H. P. 

rubescens Desh.(= cf. Tarentinum bei Fuchs?, = fissura Lam. 
bei Hoernes.) H. F. P. 

b) Bivalven. 

Solen vagina L. F. P. 

Solecurtus (Psammosolen) strigilatus L. F. P. 

„ coarctatus Gmel. P. 
Saxicava arctica L. F. 

Corbula gibba Olivi (nucleus Lam.) H. F. P. 

Thracia papyracea Poli. F. 

Mactra triangula Ren. F. 

Mesodesma cornea Poli. F. 

Syndosmya ovata Phil. P. 

Scrobicularia plana Da Costa. P. 

Capsa fragilis (= Petricola ochroleuca Lam.) L. H. F. P. 
Psammobia vespertina Chemn. P. 

„ Ferroensis Chemn. F. 
Lutraria elliptica Lam. H. 
Tellina planata L. F. 

„ donacina L. H. F. 

„ nitida Poli. P. 

„ distorta Poli. P. 

, t incarnata L. (depressa L.) H. 
Üonax ventricosa Poli. F. ? (Vielleicht ist D. venustus Poli gemeint?) 
Venerupis Irus L. F. 
Tapes decussata L. P. 

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48 



A. Philippson : 



Venus verrucosa L. F. P. 
ovata Penn. F. 
fasciata Don. P. 
„ sp. ? P. 
Cytherea Chione L. H. F. P. 

rudis Poli. P. 
Artemis exoleta L. F. P. 
„ lupinus Poli. P. 
„ sp. ? P. 
Circe minima Mont. F. 

Cardium edule L. (incl. var. nisticum). H. F. P. 
„ tuberculatum L. H. F. P. 
„ papillosum Poli. II. F. P. 
„ exiguum Gmel. F. 
„ aculcatum L. P. 

„ cchinatum L. (= Deshayesii Payr.) H. P. 

„ oblongum Chemn. P. 
Cardita sulcata Brug. F. 

„ trapezia L. F. P. 
Diplodonta rotundata Mont. F. 
Lucina reticulata Poli (= Pecten Lam.) H. F. 

„ lactea L. H. F. P. 
Astarte (Lucina) bipartita Phil. H. 
Leuton squamosum Mont. F. 
Pectunculus glycimeris Lam. H. 

„ pilosus Born. F. P. 
Area Noae L. H. F. P. 
„ diluvii Lam. H. 
„ lactea L. H. F. 
Nucula nucleus L. (= margaritacea Lam.) H. F. P. 
Leda pella L. (= Nucula emarginata Lam.) H. F. 

commutata Phil. (= fragilis Chemn. = Area minuta Brocc). F. 
Modiola sp. div. ? F. 

„ barbata Lam. H. 
Lithodomus lithophagus L. P. 

Mytilus edulis L. var. galloprovincialis Lam. F. P. 

„ minimus Poli. H. 
Chama gryphoi'des L. H. 
Pinna nobilis L. P. 
Pecten varius L. H. F. P. 

„ opercularis L. H. 

„ Jacobaeus L. H. F. P. 

„ flexuosus Poli (polymorphus Bronn, isabella Lam.). H. F. 
„ hyalinus Poli. P. 

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Der Isthmos von Korinth. 



49 



Pecten glaber L. (sulcatus Lam.) H. 
Spondylus gaederopus L. (incl. aculeatus Chcm.) H. F. 
Ostrea lamellosa Brocc. var. div. H. F. P. 
„ cornucopiae Brocc. H. 

Cladocora (caespitosa) granulosa Kdw. Haime. H. F. P. 
Nullipora sp.? F. 
Echiniten. P. 
ßryozoen. P. 

Baianus perforatus L. F. P. 

2. Nicht mehr im Mittclmeer lebende Formen. 

a) Gastropoden. 
Mitra Partschi Hoern. F. (Miocän, Wiener Becken.) 
Columbella semicaudata Bon. H. (Miocän, Pliocän, Italien.) 
ßuccinum (Nassa) musivum Brocc. F. (Pliocän, Italien.) 

„ „ serraticosta Bronn H. (Miocän, Pliocän, Italien.) 

Kusus intermedius Mich. H. (Miocän, Wiener Becken.) 

•„ corncus L. H. (Lebend in nordischen Meeren.) 
Cerithium bilineatum Hoern. H. F. (Miocän, Wiener Becken.) 
Turbonilla subumbilicata Grat. F.? 

„ costellata Grat. H. (Pliocän, Italien.) 
Eulima lactea d'Orb. F. (Miocän und Pliocän; auch auf Rhodos.) 
Rissoa albella Loven. F. (Lebend im Kattegat.) 

„. plicatula Risso. F. (Subfossil Nizza, Marseille, Rhodus.) 
„ Sulzeriana Risso. F. (Pliocän, Italien.) 
Alvania substriata Phil. F. (Oberes Pliocän von Palermo.) 
Trochus coniformis Bronn II. F.? (Vielleicht = Tr. laevigatus Phil.?) 
Strombus coronatus Defr. P. (Pliocän, Italien.) 1 ) 
Rentalium fossile L. F. P. (Pliocän, Italien.) 2 ) 

„ mutabile Dod. F. (Pliocän, Cypern, Rhodos.) 

b) Bivalven. 

Vcnerupis pernarum Bon. F. (Miocän und Pliocän.) 
Tapes (Venus) vetula L. F. (Pliocän, Italien.) . 

') Strombus coronatus Defr. ist in einem Exemplar in dem grünen mergeligen 
Sande des Kanaleinschnittes gefunden worden. Dimensionen: 9:7,5 cm. Häufig 
im oberen Astien Italiens, in den gelben Sanden (vgl. Cocconi, Enumerazionc sistc- 
matica dei Molluschi miocenici e pliocenici di Parma e Piacenza. Bologna 1873 
P- 563; Brocchi, Conch. foss. subapennina, Milano 1843, 11 *73 C Str - faseiatus 
Brocc ]); sehr häufig auch in den jüngsten Tertiärschichten von Tarent (Philippi, 
Enumeratio molluscorum Siciliae, II., Berolini 1844» P- 186). Auf Kos ist er da- 
gegen nicht gefunden worden. — Unser Exemplar entstammt der Sammlung des 
Herrn Ingenieurs Trucco. 

*) Im unteren Pliocän Italiens, vergl. Cocconi 1. c. p. 649. 
Zeitichr. d. Gesellsch. f. Erdk. Ild. XXV. 4 



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50 



A. Philippson: 



Dosinia (Cythcrea) Adansoni Phil. F. (Pliocän, Italien.) 
Plicatula mytilina Phil. F. (Pliocän, Italien.) 
Cardium tenue Fuchs. (Bisher nur auf dem Isthmos.) 

,, Fuchsi n. sp. P. 1 ) 
Cardita intermedia Lam. H.? 

Pecten medius Lam. P. (Pliocän, Reggio. Lebend im Roten Meer.)*) 

Im ganzen sind 172 spezifisch bestimmte fossile marine Mollusken 
vom Isthmos bekannt; davon werden 26 oder 15,1 % nicht mehr im 
Mittelmeer angetroffen. Von diesen sind zwei Cardien-Arten den 
Schichten des Isthmos eigentümlich, sie stehen noch jetzt lebenden 
Formen des Kaspischen und Schwarzen Meeres nahe. Andere Arten 
leben noch in anderen, teils nordischen, teils tropischen Meeren; wieder 
andere, und zwar die meisten ausgestorbenen, gehören der Pliocan- 
formation von Italien, von Kos, Rhodos und Cypern an; die meisten 
von ihnen reichen bis in die obersten Abteilungen des Pliocän hinauf. 
Nur drei Gastropoden sind bisher nur im Miocän gefunden worden. 

Der ziemlich bedeutende Prozentsatz nicht mehr im Mittelmeer 
lebender Mollusken läfst es unstatthaft erscheinen, die Schichten des 
Isthmos, wie dies Neumayr 3 ) gethan hat, als Quartär zu bezeich- 
nen. Wir müssen sie der Pliocänformation zuzählen. 

Man unterscheidet im Pliocän Italiens nach Fuchs 4 ) und Neumayr'') 
zwei Stufen, 1) eine ältere, welche aus zwei verschiedenen Facies be- 
steht: dem Zancle*en oder Messinien, vorherrschend Mergel, aus gröfserer 
Tiefe stammend; und dem Astien, vorherrschend Sande, die zum Zan- 
cleen gehörende Strandfacies ; 2) eine jüngere, welcher die Schichten 
des Monte Mario bei Rom, des Monte Pellegrino und Ficarazzi bei 



') Cardium (Didacna) Fuchsi n. sp. (Fig. 10.) Nur rechte Klappen liegen vor. Sie ist 
dünn, quer verlängert, bis 23 mm lang, 17 mm hoch, etwas klaffend. Der Wirbel ist 
schwach gewölbt, nach vorn gebogen und aus der Mitte nach vorn gerückt. Vordcr- 
und Mittelteil der Schale bedeckt mit 14 oder 15 ziemlich stark hervortretenden 
Radial rippen, die auch auf der Innenseite der Schale sichtbar sind. Das hintere 
Drittteil der Schale ist dagegen frei von diesen Radialrippen; zuweilen fehlen sie 
auch dicht am Vorderrand. Die ganze Schale weist außerdem schwache concen- 
trische Anwachsstreifen auf. Der Rand ist schwach gezähnt. Die beiden Schlofs- 
zähne sind sehr schwach entwickelt; die Seitenzähne fehlen ganz. Dieses neue 
Cardium, ebenso wie das C. tenue Fuchs aus denselben Schichten von Kalamaki 
(Denkschr. Wien. Akad. Math. Kl 37. Bd. 2, 1877, S. 8) steht am nächsten den 
lebenden brackischen Cardien des Schwarzen und Kaspischen Meeres, welche Eich- 
wald beschrieben hat, speciell dessen Gattung Didacna. 

a ) Unsere Exemplare entstammen der Sammlung des Herrn Ingenieur Trucco. 

3 ) 1. c. p. 248. 

*) Fuchs, Geolog. Studien in den Tertiärbildungen Süditaliens. Sitzungsber. 
Wien, Akad. d. Wiss., Mat. nat. C1 M Bd. 66, i, 1872 p. 7 fr. 
1. c. p. 248. 



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Der Isthmos von Korinth. 



51 



Palermo, und von Tarent angehören. Die ältere, unterplioeäne Stufe 
zeichnet sich durch grofse tropische Conchylien aus, während im Ober- 
pliocän bereits eine grofse Annäherung an die jetzige Fauna des Mittel- 
meeres zu bemerken ist. Wir sahen, dafs am Isthmos mindestens ein 
Teil der weifsen Mergel wegen seines Zusammenhanges mit den levan- 
tinischen Binnenablagerungen hierhin zu zählen ist. Weiter in die Le- 
vante hinein scheint aber das marine Unterpliocän nicht mehr vorzu- 
kommen. Die marinen Ploicänbildungen von Rhodos, Kos und Cypern 
weisen nach den Forschungen von Tournouer 1 ), Neymayr 1. c. und 
Fischer 2 ) keine jener auffallenden tropischen Formen mehr auf, wie sie 
für das Unterpliocän so charakteristisch sind. Auf Kos hat man nur 
18,5 %, auf Rhodos 18—20 % ausgestorbener Arten gezählt. Diese 
Schichten sind also dem Oberpliocän zuzurechnen. Die Sande und 
Konglomerate vom Isthmos stimmen nun in der Zahl der ausgestorbenen 
Arten mit diesen Bildungen von Kos, Rhodos und Cypern überein. 
Auch hier fehlen die charakteristischen unterpliocänen Formen, auch 
die grofsen Terebrateln und die Pleuronectia cristata, welche in dem 
messenischen Pliocän sehr häufige Fossilien sind. Der jetzt nur noch 
in tropischen Meeren lebende Strombus coronatus wird in Italien noch 
in den obersten Schichten des Pliocän, z. B. in den Schichten von 
Tarent angetroffen. Es ergiebt sich also, wie dies bereits Fuchs an- 
genommen hat, dafs die marinen Sande und Konglomerate des 
Isthmos von Korinth der zweiten Pliocänstufc im Sinne 
Neumayrs angehören und den obe rpli oeänen Schichten 
vom Monte Mario, Monte Pellegrino und Ficarazzi, von Ta- 
rent, von Kos, Rhodos und Cypern entsprechen. Die Schichten 
des Isthmos von Korinth sind also Ablagerungen, welche in der unte- 
ren Pliocänzeit mergeligen Charakter hatten, jedoch mit Beimischung von 
Sand, und zwar zuerst in einem süfsen oder brackischen Seebecken 
^Paludinenschichten) abgelagert wurden; dann aber später aus einem 
Wechsel von brackischen und marinen Schichten sich zusammensetzten ; 
in der oberen Pliocänzeit kamen Sand und Schotter ausschliefslich 
mariner Entstehung zur Ablagerung. Eine scharfe Grenze ist zwischen 
beiden Stufen nicht überall zu erkennen. Es ist dies also dieselbe 
Reihenfolge von Bildungen aus derselben Zeitepoche, wie auf Kos, 
Rhodos und anderen Gegenden des Archipels. 

Diese Schichten werden von einem komplizierten Netz von Ver- 
werfungen durchsetzt. Von Faltungen, wie sie die Kreidegesteine 
Griechenlands zu hohen Gebirgen aufgethürmt haben, sind sie nicht 



') £tude sur les fossiles tertiaires de Cos. Annales scientif de l'dcole norm. 
stipe>. Paris Ser. II, Vol. V I876, p. 445 ff. 

2 ) Terrain tertiaire de Pile Rhode. Mem. soc. g£ol. de France. Ser. IV, 
Vol. I, 1877. 

4* 



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52 



A. Philippson: 



betroffen worden. Nur an den Verwerfungen treten zuweilen kleine 
Schichtenbiegungen auf. Die Verwerfungen haben fast alle eine an- 
nähernd westöstliche Richtung und gehören zwei verschiedenen Sy- 
stemen an, das eine mit vorherrschendem Absinken des nördlichen, 
das andere mit vorherrschendem Absinken des südlichen Flügels. 
Das erstere System betritt unser Gebiet von Westen her, wo es ungleich 
bedeutendere Sprunghöhen und eine weite Verbreitung aufweist. Es 
zerlegt dort jene jungtertiären Schichten, welche den Südrand des 
Golfes von Korinth begleiten, in eine grofse Anzahl von zum Teil hoch 
erhobenen Schollen. Es sinkt gegen den Isthmos hin zu verhältnis- 
mäfsig unbedeutenden Sprunghöhen hinab. Ein Teil der Verwerfungen 
zieht sich von Alt-Korinth im Bogen nach NO in die Landenge hinein 
und bildet mit ONO -Streichen, vielfach zersplittert, den Nordabhang 
des Scheiderückens. Wenig jenseits des Kanales verliert es sich ganz. 
Ein anderer Teil zieht am Abhang des Oncion - Berges entlang und 
wendet sich dann nach NO gegen Isthmia zu. Wir wollen dieses 
System kurz als das korinthische Spaltensystem bezeichnen. — Das 
andere System betritt unser Gebiet von Osten her, aus dem Hügelland 
der Krommyonia. Es bildet den Nordrand des Golfes von Agina und 
scheint sich aus der grofsen Verwerfung der Kakiskala zu entwickeln. 
Ein ganzes Bündel von Verwerfungen mit vorherrschendem Absinken des 
südlichen Flügels durchzieht, nach W divergierend, dieses Hügelland; 
die gröfste derselben bildet den Südrand der Gcraneia, andere ver- 
lieren sich in der Ebene von Lutraki ; wieder andere bilden, sich zer- 
splitternd und an Sprunghöhe stark verlierend, den Südabhang des 
Scheiderückens des Isthmos. Diese letzteren schieben sich hier in der 
Gegend des Kanaleinschnittes ein zwischen die beiden eben beschrie- 
benen Zweige des korinthischen Systems. Sie treten gegenüber den 
in entgegengesetztem Sinne absinkenden Verwerfungen von Isthmia, 
an welche sie sich anscharen, indem sich oben (S. 29) näher be- 
sprochene Stauungserscheinungen geltend machen. Westlich des 
Kanales verlieren sie sich gänzlich. Wir wollen dieses System als das 
krommyonische Spaltensystem bezeichnen. 

Die Ausbildung dieser Verwerfungen ging gleichzeitig mit der Ab- 
lagerung der Schichten vor sich, welche sie durchsetzen. Der wech- 
selnde Charakter der Ablagerungen selbst, die Denudationsflächen und 
Diskordanzen beweisen, dafs während der Ablagerung selbst das Niveau 
fortdauernden nicht unbeträchtlichen Schwankungen unterlag und auch 
die Verhältnisse der Zuführung des abgelagerten Materiales von be* 
ständigen Veränderungen betroffen wurden. Es ist dies leicht ver- 
ständlich, wenn wir schon damals Bewegungen an den Verwerfungen 
annehmen. Diese Vermutung wird zur Gewifsheit, wenn wir Verwer- 
fungen beobachten, welche nicht das ganze Schichtensystem durch- 
setzen, sondern innerhalb desselben auskeilen und von den überlagern- 



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Der Islhmns von Koiintli. 



53 



den Schichten ausgeglichen werden. Mit diesen Bewegungen an Ver- 
werfungen hängt dann die Eruption der Trachyte von Kalnmaki und 
Kulantziki ursächlich zusammen, die, wie wir sahen, in die Ablagerungs- 
zeit der neogenen Schichten zu versetzen ist. Andererseits finden wir 
aber auch Verwerfungen, welche selbst die jüngsten Oberflächengebilde, 
den Verwitterungslehm, den Dünensand und das Schwemmland der 
beiden Ebenen durchsetzen und sich an der Oberfläche durch frische 
Bodenstufen kenntlich machen ; und diese Verwerfungen zeigen das- 
selbe Streichen und Absinken wie die älteren. Es finden sich ferner 
bei Kenchreä Ruinen aus dem Altertum unter dem Meeresspiegel 
(s. u.). Endlich ereignen sich sehr häufig Erdbeben von beträchtlicher 
Stärke, zuweilen von verheerender Wirkung auf dem Isthmos. Das 
alles weist darauf hin, dafs noch heutzutage nicht unbedeutende 
Bewegungen an den Verwerfungen stattfinden, dafs der Isthmos von 
Korinth nicht ein fertig abgeschlossenes, sondern ein noch in be- 
ständiger Umgestaltung begriffenes Gebilde ist. Wir finden also 
die Bewegungen an den Verwerfungen des Isthmos dauernd 
von der unteren Pliocänzcit bis zum heutigen Tage. Ein 
Unterschied im Alter und in der Reihenfolge der Bewegungen zwischen 
den beiden unterschiedenen Spaltensystemen läfst sich nicht bemerken. 
Es weist alles darauf hin, dafs beide Systeme gleichzeitiger Entstehung 
und Eortbildung sind. 

Es bleibt nun noch die Frage zu besprechen, in welchem Sinne 
die vertikalen Verschiebungen an den Verwerfungen des Isthmos vor 
sich gingen und gehen. Wenn a der höhere, b der tiefere Flügel 
einer Verwerfung ist, so können ja folgende Fälle eingetreten sein: 

1) a und b sind gehoben, a mehr als b; 

2) a und b sind gesenkt, a weniger als b; 

3) a ist gehoben, b ist gesenkt; 

4) a ist unbewegt geblieben, b ist gesenkt; 

5) b ist unbewegt geblieben, a ist gehoben. 

Welcher dieser fünf Fälle jedesmal eingetreten ist, können wir durch 
direkte Beobachtung nicht entscheiden. Diese zeigt uns ja nur die 
relative, nicht die absolute Verschiebung der beiden Flügel. Man 
kann in dieser Frage nur abwägend und schliefsend vorgehen. — 
Man neigte sich in der letzten Zeit, unter Vorantritt von Suess, der 
Ansicht zu, dafs in der Erdkruste Hebungen von unten nach oben nicht 
vorkommen, mit Ausnahme des Falles, dafs sich tangentialer Druck 
lokal in vertikale Bewegung umsetzt, eine Ansicht, von deren Aus- 
schliefslichkcit man bereits zurückzukommen beginnt. Tangentialer 
Druck ist aber am Isthmos in gröfserem Mafse nicht anzunehmen, im 
Gegenteil tangentialer Zug (mit Ausnahme der lokalen Erscheinungen 
am Südabh an g des Scheiderückens); denn jener würde sich nicht durch 
Verwerfungen, welche im gleichen Sinne einfallen und absinken, son- 



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54 



A . P h i 1 i p p s o n : 



dem entweder durch Faltung oder durch überschobene Verwerfungen, 
d. h. solche, in welchem das Absinken der Flügel widersinnig zu der 
Kinfallsrichtung der Spalte erfolgte, bekunden. Da also tangentialer 
Druck in gröfserem Mafse am Jsthmos nicht gewirkt hat, würde man 
nach jener extremen Ansicht die Bewegungen an den Verwerfungen 
des Isthmos als absinkende aufTassen müssen, also entweder Fall 2 oder 
Fall 4 anwenden. Sehen wir zu, welche Konsequenzen sich aus dieser 
Annahme im vorliegenden Falle ergeben würden. 

Die weifsen Mergel finden sich auf der Landenge selbst vom 
Meeresniveau bis 100 m ü. d. M., in dem benachbarten krommyonischen 
Hügellande bis 300 m ü. d. M., an der Nordküste des Peloponnes, an 
der Ziria und dem Chelmos sogar bis über 1000 m ü. d. M. Wenn 
wir also nur absinkende Bewegungen seit der Pliocänzeit annehmen 
wollen, so würde sich das Wasserbecken, in welchem sich die weifsen 
Mergel ablagerten, zu jener Zeit mindestens 1000 m höher als der 
heutige Meeresspiegel befunden haben. Da diese Mergel aber Braek- 
wasscrbildungen sind und selbst marine Conchylien einschliefsen, so 
müssen sie in der Nähe des Meeres gebildet sein, also müfste zur 
Pliocänzeit das Meer mindestens 1000 m höher als heute gestanden 
haben! Während sich das Meer allmählich bis zu dem heutigen Stande 
erniedrigte, müfste sich der Isthmos von Korinth um nahezu dasselbe 
Mafs gesenkt, dagegen die Gebirge des nördlichen Peloponnes in der 
alten Höhe erhalten haben, während wiederum die westlichen Land- 
schaften der Halbinsel, in welchen die neogenen Schichten in mäfsigen 
Höhen getroffen werden, in dem Ausmafse ihres Absinkens zwischen 
beiden ständen. Wir müfsten dann also die stärksten Bewegungen in 
der Krdkruste gerade an den Stellen annehmen, wo sie in der That 
nach allen Beobachtungen am schwächsten waren, die schwächsten 
Bewegungen aber dort, wo wir gerade das wechsclvollste Relief und 
die gewaltigsten Dislokationen beobachten. Vor allem aber müfste die 
Erniedrigung des Meeresspiegels um über 1000 m in der jüngsten 
geologischen Vergangenheit nach den Gesetzen der Hydrostatik alle 
Meere der Erde gleichmäfsig betroffen haben, da wir ja einen so be- 
deutenden Betrag nicht etwa lokalen Veränderungen der Attraktion zu- 
schreiben können. Von solcher gewaltigen Zurückziehung des Meeres- 
spiegels seit dem Ende der Tertiärzeit ist aber noch nirgendwo ein 
Anzeichen beobachtet worden; im Gegenteil steht fest, dafs besonders 
der Kontinent Europas in jener Zeit schon annähernd denselben Um- 
fang wie heutzutage besafs. Und doch würde schon ein Ansteigen des 
Meeres um einige hundert Meter gentigen, um den gröfsten Teil des 
heutigen europäischen Festlandes unter Wasser zu setzen. Wir könnten 
also nur noch durch die Annahme uns retten, dafs der ganze Erdteil sich 
gleichmäfsig mit dem Meeresspiegel, ohne innere Verschiebungen, gesenkt 
habe!! Die Annahme, dafs an den Verwerfungen der jungtertiären Schich- 



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Der Isthmos von Korinth. 



55 



ten des Isthmos und seiner Nachbargebiete nur absinkende, nicht hebende 
Bewegungen stattgefunden hätten, führt also zu ganz ungeheuerlichen 
Konsequenzen, die niemand im Ernste ziehen wird. Wir müssen also 
zugeben, dafs diese Bewegungen, wenn nicht ausschliefslich , doch 
überwiegend hebende waren, d. h. in dem Sinne vor sich gingen, 
dafs die Schollen der jugendlichen Meeresablagerungen vom Meeres- 
niveau aus in gröfsere Entfernung vom Erdmittelpunkte gebracht 
wurden und zwar in verschiedenem Mafse, die eine Scholle mehr, die 
andere weniger. 

Am passendsten könnte man sich vielleicht den Vorgang solcher 
Verschiebungen an Verwerfungen, wie sie den Isthmos betroffen haben, 
in folgender Weise vorstellen, indem man hebende und absinkende 
Bewegungen in einen ursächlichen Zusammenhang bringt. Während 
eine gröfsere Scholle gehoben wird, verlieren die seitlichen Teile der- 
selben den seitlichen Gegendruck und Halt. Sie werden daher seit- 
wärts abzugleiten und zurückzusinken streben. Es bilden sich infolge 
dessen um den Mittelteil der gehobenen Scholle sekundäre Spalten 
und die durch dieselben losgetrennten Schollcnteile sinken, gleichsam 
abbröckelnd, nach aufsen zurück. Es sei z. B. der Scheiderücken des 
Isthmos eine solche gehobene Scholle; bei der Hebung um 80 m und 
mehr, welche sie über den Spiegel des Meeres, in welchem sich die 
Sande und Konglomerate abgelagert hatten, erfuhr, verloren ihre seit- 
lichen Teile (ihr Nord- und Südrand), welche den in grofser Tiefe 
unter dem Meere (den Golfen von Korinth und Ägina) verharrenden 
oder hinabsinkenden Schollen zugekehrt waren, ihren seitlichen Halt, 
es bildeten sich Verwerfungen in der gehobenen Scholle, welche ihren 
Rändern parallel laufen, nach aufsen schräg einfallen und an denen ein 
Absinken ebenfalls nach aufsen die gleichzeitige Eolge der Hebung der 
Scholle als ganzer war (s. schemat. Eig. 11). 

Ähnlich liefsen sich vielleicht auch die parallelen Verwerfungen am 
Nordfufs von Akrokorinth aufTassen als ein Abbröckeln und Zurück- 
sinken der randlichen Teile einer sich hebenden Masse. Doch ist dies 
eben nur eine Auffassung, die sich vorläufig nicht über das Stadium 
einer Vermutung hinaus entwickeln Iäfst! 

Es sei nun zum Schlüsse aus den vorhergehenden Beobachtungen 
und Betrachtungen dasjenige, was sich über die geologische Ent- 
wickelungsgeschichte des Isthmos feststellen läfst, zu einem kurzge- 
fafsten Gesamtbilde vereinigt. 

Die beglaubigte Entwickelungsgeschichte des Isthmos, wie der 
griechischen Halbinsel überhaupt, beginnt in der Kreidezeit. Altere 
sedimejitäre Ablagerungen sind in Griechenland noch nicht mit Sicher- • 
heit bestimmt worden. Was also vordem die Schicksale dieser Erd- 
stelle waren, ist unerforschbar. Die Abteilung der Kreidezeit, in 
welcher die mächtigen Kalksteine und Schiefer Griechenlands zur 



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5fi 



A. Philippson: 



Ablagerung kamen, ist auch noch nicht mit Sicherheit erkannt und 
es ist hier nicht der Ort, auf diese Frage näher einzugehen. Genug, 
während der Kreidezeit lagerten sich hier mächtige Massen von Kalk- 
steinen und Thonschiefern, Sandsteinen, Hornsteinen ab in einem 
nicht sehr tiefen Meere. Denn alle diese Gebilde, selbst die Kalk- 
steine, tragen die Zeugnisse der Bildung in geringer Tiefe und in der 
Nähe eines reichliches Sediment liefernden Festlandes. Auf dem 
Grunde dieses Meeres fand die Eruption von Massengesteinen statt, 
welche wir jetzt im umgewandelten Zustande als Serpentin den Kreide- 
gesteinen eingelagert finden, und die wahrscheinlich ursprünglich die 
Charaktere der Gabbros an sich trugen. Von dieser Zeit an bis zur 
Tliocänzeit finden wir keine Ablagerungen irgend welcher Art. Während 
dieser Kontinentalperiode fand aber in Griechenland eine äufserst starke 
Gebirgsbildung statt. Wir finden dort heute die Kreidegesteine intensiv 
gefaltet und zu hohen Gebirgen aufgetürmt, ohne dafs die plioeänen 
Schichten von dieser Faltung ergriffen wären. Diese hat also zwischen 
Kreide und Pliocän stattgefunden — wann innerhalb dieses langen Zeit- 
raumes, das läfst sich nicht feststellen. Die Streichrichtung dieser 
Falten ist eine höchst verschiedene und wcehsclvolle. Am Isthmos selbst 
finden wir die Richtungen O— W und NNO — SSW herrschend, während 
im centralen Teil des Peloponncs die Richtung NNW- SSO vorherrscht. 
Jedenfalls waren schon damals in der Nähe des grofsen Grabens von 
Korinth unter den Dislokationen, Faltungen und Uberschiebungen, solche, 
welche die Leitlinien des späteren Grabens bereits vorzeichneten. Des 
Näheren kann hierauf erst bei Besprechung des Gebirgsbaues des Pelo- 
ponnes eingegangen werden. Bei Beginn der Pliocänzeit finden wir den 
Boden des grofsen Grabens bereits als eine relative Vertiefung zwischen 
den Gebirgsmassen Mittelgriechenlands und des Peloponncs eingesenkt, 
denn es beginnen nun hier, ebenso wie im Archipel, Ablagerungen in 
gröfseren Binnenseen, welche nicht sehr hoch über dem Meeresspiegel 
gelegen sein konnten, und welche aus der Umgebung reichliches Se- 
diment zugeführt erhielten. Diese Binnenablagerungen hielten während 
der unteren Pliocänzeit an; gleichzeitig war das Innere des Pcloponnes 
mit Ausnahme der Becken von Megalopolis und von Sparta frei von 
gröfseren Seebecken. Zur selben Zeit hatte bereits das Mittelmeer, 
von Westen her beständig gegen Osten vorschrcitend (wahrscheinlich 
durch allmählichen Abbruch und Absinken des Landes), die Westküste 
des Peloponncs erreicht. Wir finden nicht nur die Küsten Italiens von 
marinem Unterpliocän umgürtet, sondern auch eben solche Ablage- 
rungen in Messenien. Hier reichen sie heute bis 350m U.d.M.; wir 
sehen also, dafs dort das Gebirgsland des Peloponnes damals um 
mindestens 350 m tiefer lag als heute. Ks begannen Einbrüche des 
Meeres in die Binnenseen, deren Ablagerungen daher bald brackischen, 
bald marinen Habitus annahmen. In derselben Zeit beginnen an dem 



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Der Isthmos von Korinlli. 



57 



Hecken von Korinth lebhafte Verschiebungen an Verwerfungen, welche 
in ihrer Richtung schon im Bau des Faltengebirges vorgezeichnet 
waren. Diese Verschiebungen und Niveauveränderungen stehen jeden- 
falls in Beziehung zu dem nun bald erfolgenden, definitiven Einbruch 
des Meeres in die Binnenseen von Korinth, sie hatten also wohl zu- 
nächst im allgemeinen eine Erniedrigung des Bodens des grofsen 
Grabens von Korinth zur Folge. Der Einbruch des Meeres in den- 
selben geschah nicht mit einem Male, sondern, wie wir sahen, in wieder- 
holten Rucken und Oscillationen. Siifs-, Brack- und Meereswasser- 
bildungcn wechseln wiederholt mit einander. In der oberen Pliocän- 
zeit endlich hat das Meer ganz entschieden den Sieg davon getragen. 
Es zieht sich ein Meeresarm von Westen her ungefähr dem heutigen 
Golf von Korinth entsprechend, aber um ein Stück weiter nach Süden 
gerückt, zwischen Mittelgriechenland und den Peloponncs hinein; der 
heutige nördliche Küstenstrich des letzteren war von ihm überflutet, 
während die heutigen Nordküsten des Golfes damals noch nirgends 
von ihm erreicht wurden. Er zog sich über den heutigen Isthmos hin- 
weg bis nach Ägina hin, wo er sein Ende erreichte. Der heutige Ar- 
chipel nördlich' von den südlichsten Cykladen war noch Festland; die 
Ostküsten des Peloponncs waren noch nicht vom Meere bespült, das 
aber weiter südlich schon Kreta, Kos, Rhodos und Cypern erreicht 
und umfafst hatte. — Die Ablagerungen des oberplioeänen Golfes von 
Korinth tragen überall die Merkmale von Bildungen an sich, die in 
unmittelbarer Nähe der Küste und der Mündungen rascher Bergströme 
entstanden; denn sie bestehen vorherrschend aus groben Sanden, 
Kiesen und Konglomeraten. Speziell am Isthmos selbst war das Meer 
ein sehr seichtes und unruhiges; denn wir finden dort jenen unge- 
meinen Wechsel der Ablagerungen und die grofse Unregelmäfsigkcit in 
ihrer Schichtung. Zugleich sehen wir hier beständige Niveauschwan- 
kungen vor sich gehen; es wurden Teile bald trocken gelegt, bald wieder 
überschwemmt; Verwerfungen durchsetzen die Ablagerungen. Nach 
Schlu fs der Pliocänzeit tauchte der Isthmos aus dem Meere auf und ver- 
band Mittelgriechenland und den Peloponnes. Nach Abschlufs der Pliocän- 
zeit in der Diluvial- und Jetztzeit gingen jene mächtigen Verschiebungen 
an den Verwerfungen vor sich, welche die plioeänen Gebilde im Pe- 
loponnes stellenweise bis 1800 m emporhoben, dem Isthmos und seiner 
Umgebung die heutige Gestalt gaben, die Golfe von Korinth und Ägina 
zu gröfserer Tiefe einsenkten und ihnen ihre jetzige Lage anwiesen. 
Der Golf von Korinth wurde gleichsam nach Norden verschoben, in- 
dem im Süden ein Landstrich aus ihm emportauchte, er nach Norden 
aber an Ausdehnung gewann; umgekehrt entstiegen dem Golf von 
Agina das krommyonische Hügelland im Norden, während er sich nach 
Süden erweiterte bis zu der heutigen Küstenlinie, an der keine plio- 
eänen Schichten angetroffen werden und der eine unterseeische, ziemlich 



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5S 



A . I* Iii 1 i p p s o n : 



tiefe Rinne entlang läuft. Nach der Pliocänzeit fand auch das Vor- 
dringen des Ägäischen Meeres nach Norden statt, so dafs nun der Golf 
von Ägina ein Teil des östlichen Meeres ward, indem er vom west- 
lichen, dem er früher angehörte, durch den neu aufgetauchten Isthmos 
getrennt wurde. Wir können mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dafs 
das Vordringen des Ägäischen Meeres bis zum Golf von Ägina, dessen 
Verschiebung nach Süden, das Entsteigen des Isthmos aus dem Meere, 
die nördliche Verschiebung des Golfes von Korinth gleichzeitige und 
in gegenseitigem ursprünglichem Zusammenhang stehende Vorgänge 
waren, alle bedingt durch Bewegungen an den mindestens schon seit 
Heginn des Pliocäns bestehenden, vielleicht noch älteren Spaltensyste- 
men, Bewegungen, die in Hebungen gewisser Schollen, im Absinken 
anderer dicht benachbarter Schollen bestanden. Wie wir schon sahen, 
ist der Isthmos der Interferenzpunkt zweier verschiedensinniger Ver- 
werfungssysteme, des krommyonischen und korinthischen. An ersterem 
entstiegen die nördlichen Teile des äginetischen Meeres, die zur Plio 
cänzeit vom Meere bedeckt waren, an dem anderen die südlichen Teile 
des korinthischen Golfes, dem Wasser, während gleichzeitig die anderen 
Seiten der Golfe sich auf Kosten des festen Landes vergröfserten. 
Zwischen beiden Verwerfungssystemen und zwischen beiden in ent- 
gegengesetzter Richtung verschobenen Mecresteilen stieg der Isthmos 
als eine Art Brücke oder Horst empor; eine neue Scheidung der Meere, 
eine neue Verbindung der Länder herstellend an Stelle der zerbröckeln- 
den Landmassc des Ägäischen Meeres, welche früher diese Verbindung 
bewirkt hatte! Seitdem ist der Isthmos der Schauplatz von, allerdings 
nur unbedeutenden, aber, wie die Erdbeben zeigen, bis heute fort- 
dauernden Verschiebungen in den oberen Teilen der Erdrinde und der 
Thätigkeit der atmosphärischen Agenden. Diese letzteren suchen die 
durch die tektonischen Bewegungen erzeugten Unebenheiten zu zer- 
stören und auszugleichen. Die hervorragenden Kanten der Steilränder 
werden gabetragen und der Kufs derselben durch den herabfallenden 
Schutt ausgeglichen. Durch Wind herbeigeführte Sand- und Staubmassen 
häufen sich nicht nur in Vertiefungen, sondern auch in gröfseren Flächen 
an (man denke an den Kalksandstein von Posidonia und Hexamilia) Aber 
bei der grofsen Jugend des Isthmos haben diese Agentien noch nicht 
vermocht, die Züge der Tektonik aus dem Antlitz der Landschaft aus- 
zumerzen. Mit merkwürdiger Frische prägen sich hier die Dislokationen 
der Erdrinde in der Oberflächengestalt aus. 

Uber die noch heute fortdauernden Zeugen der tektonischen Be- 
wegungen am Isthmos, die Erdbeben und die Strandverschie- 
bungen, seien noch einige Worte hinzugefügt. Der Isthmos wird 
sehr häufig von Erdbeben heimgesucht, ja ist zuweilen der Schau- 
platz schrecklicher Katastrophen gewesen. Wir haben von den Stöfsen, 
welche auf dem Isthmos verspürt werden, diejenigen auszuscheiden, 



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Der Isthmos von Korinth 



50 



welche ihr Centrum in anderen Gegenden nahen und die daher 
nur durch Leitung his zu unserem Gebiete gelangen. Von diesen 
sind die häufigsten diejenigen, deren Herd der Golf von Korinth ist, 
welcher in seiner ganzen Länge und auf beiden Seiten, im Süden be- 
sonders bei Ägion, im Norden in Phokis, der Schauplatz zahlreicher 
Erschütterungen ist. Dieses genaue Zusammenfallen einer Schütterzone 
mit einem Gebiet, wo noch in jüngster geologischer Vergangenheit 
mächtige Dislokationen vor sich gingen, läfst kaum eine andere Deu- 
tung zu, als dafs diese Erdbeben tektonische sind und in noch 
heute sich ereignenden Rucken an jenen Spnltensystemen ihre Ursache 
haben. Dazu kommt, dafs wir, so wie wir von den neogenen Ablagerungen 
des Golfufers in die Kreidegebirge des Peloponnes uns begeben, trotz 
unmittelbarer Nachbarschaft den Wirkungskreis der Golfbeben ver- 
lassen. Dort gehören Erdbeben zu den Seltenheiten. Dasselbe finden 
wir bei denjenigen, nicht wenig zahlreichen Erdbeben, die ihr Centrum 
im Isthmos selbst oder in seiner nächsten Nachbarschaft besitzen. 
Auch diese ergreifen fast durchgehends nur die neogenen Gebiete, 
also diejenigen der jugendlichen Spaltensysteme, während die benach- 
barten Kreidegebirge höchstens von schwachen Leitungsstöfsen mit 
betroffen werden. — Aus dem Altertum werden uns mehrere Erdbeben 
vom Isthmos gemeldet, von denen einige gewaltige Verwüstungen an- 
gerichtet haben 1 ). Vom Juli 420 v. Chr. erwähnt Thukydidcs ein 
Erdbeben, welches Korinth betraf. 227 fiel das benachbarte Sikvon 
in Trümmer. Im Juni 77 nach Chr. wurde Korinth zerstört, dasselbe 
litt abermals im Jahre 522. Eine schreckliche Katastrophe traf am 7. 
oder o. Juli 551 n. Chr. Korinth mit anderen Städten um den Golf 
von Korinth und in Böotien. Dann schweigen die Berichte eine lange 
Zeit, wohl nicht, weil keine Erdbeben mehr vorkamen, sondern weil 
es an Aufzeichnungen fehlt, da die griechischen Provinzen immer tiefer 
in Bedeutungslosigkeit und Barbarei versanken. Erst dem eifrigen und 
geistvollen J. Schmidt verdanken wir genaue Aufzeichnungen aus der 
neuesten Zeit. Am 13. Januar 1850 wurde der Isthmos nebst Teilen 
des Peloponnes und der Megaride sehr stark erschüttert; im Februar 
1852 folgte ein anderer Stöfs; am 10. Dez. 1855 bebte es in Kalamaki, 
im Oktober 1857 in Korinth. Damals lag die kleine Stadt Korinth 
noch an der Stelle der antiken Stadt, am Nordfufsc Akrokorinths. 
Nachdem einige vorbereitende Erschütterungen fühlbar gewesen, sank 
am 21. Februar 1858 um 11 Uhr Vorm. diese Stadt durch einen 
heftigen Stöfs mit einem Male so vollständig in Trümmer, dafs nur 
ein einziges Haus stehen blieb. Noch bis Ende März T859 konnte 
sich der Erdboden nicht beruhigen, es folgte Stöfs auf Stöfs. Auch 



') J. Schmidt, Studien über Vulkane und Erdbeben, Leipzig 1881. II- 



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(;o 



A. Pliilippson: 



alle anderen Ortschaften auf dem Tertiär des Isthmos (mit Ausnahme 
von Lutraki), in dem tertiären Hügelland von Kleonä (südlich von 
Korinth), sowie westlich in der Ebene von Kiaton litten mehr oder 
weniger. Besonders stark wurde Kalamaki betroffen, wo sich im 
Alluvium grofse Spaltensysteme bildeten. Dagegen richtete der Stöfs 
im Kreidegebirge keinen Schaden an. Das Gebiet der grofsen Zer- 
störung war ein eng begrenztes. Das Epicentrum des Stofses verlegt 
Schmidt um einige 1000 m südlich von Akrokorinth zwischen diesem 
und dem Dorfe Neochori. Hier streichen die Spalten durch, an denen 
das Neogen an der Südseite von Akrokorinth, gegen den Kreidekalk 
des letzteren abstöfst. Während des Stofses stürzten gewaltige Fels- 
massen vom Akrokorinth herab. Über die Richtung des Stofses ist nichts 
bekannt geworden. Seitdem hat sich die Stadt nicht wieder aus den 
Trümmern erhoben. Heute geht der Pflug über die Stätte hinweg, 
nur wenige Häuser bilden das Dörfchen Alt -Korinth. Die Einwohner 
zogen hinab an das Meer und erbauten dort Neukorinth als Seehafen. 
— Das Erdbeben von Korinth ist vielleicht als eine Folgeerscheinung 
des mächtigen Bebens von Kalabrien anzusehen, welches am 10. De- 
zember 1857 diese Provinz verwüstete. 

Von den Jahren 1859 bis 1878 zählt der Erdbebenkatalog von 
Schmidt 141 Erdstöfse am Isthmos auf, die fast alle auf dieses kleine 
Gebiet, die meisten sogar auf das besonders heimgesuchte Kalamaki 
beschränkt waren. Leider ist fast von keinem dieser Stöfse die Rich- 
tung bekannt geworden, sodafs man ihren Herd nicht näher lokalisieren 
kann. Die Erschütterungen traten periodenweise auf: 

1859: 6 Stöfse; 1860: 4; 1861: 29; 1862: 22. (Vom 26. Dezember 
1861 bis 16. Januar 1862 zahlreiche Erdbeben in Korinth. Am 26. Dez. 
fand das grofse Erdbeben in Agion statt; gleichzeitig bildeten sich 
wieder Spalten im Alluvium von Kalamaki dicht beim Hafen.) In den 
Jahren 1863 bis 1865 herrscht Ruhe. 1866: 4; 1867: 12 Stöfse. Wieder 
Ruhe von 1868 bis 1872. 1873: 9 Stöfse; 1874: 1. 1875 Ruhe. 
1876: 44 Stöfse; grofse Erdbebenperiode vom 26. Juni bis 19. No- 
vember, am Isthmos mit der Richtung S-N auftretend. Epicentrum bei 
H. Geofgios (Nemea), im Neogen südwestlich von Korinth. 1877: 5, 
1878: 5 Stöfse. Hier hört leider Schmidts Katalog auf. 

Das grofse Erdbeben vom 27. August 1886 in Messenien ist auf 
dem Isthmos nur unbedeutend verspürt worden. Dagegen ereignete 
sich dort ein heftiger Stöfs am 4. Oktober 1887, der in Athen um 
0,50 früh (nach Prof. K. Mitsopoulos 0,55) verspürt wurde. Es folgten, 
nach demselben Gewährsmann in Athen, noch drei Stöfse bis 1 Uhr 18; 
dann drei weitere Stöfse um 1,22, 1,32, 1,37; alle kamen von WSW. Die 
gröfsten Zerstörungen wurden angerichtet in Kiäton und Xylökastron 
(westlich von Korinth) und in den umliegenden Dörfern, wo zahlreiche 
Häuser in Trümmer fielen. Auch in Korinth und Kalamaki stürzten 



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Der Isthmos von Korinth. 



61 



einige Häuser zusammen, andere wurden beschädigt. Auch in dem 
benachbarten Perachora (auf Kreidegebirge) kamen Beschädigungen 
vor, aber ohne Erheblichkeit. In Ägion und gegenüber auf dem mittel- 
griechischen Festlande wurde der starke Stöfs verspürt, aber ohne 
Schaden anzurichten. Zeitungsnachrichten über Schäden bei Theben 
blieben unverbürgt. Selbst in Athen war der erste Stöfs so stark fühl- 
bar, dafs die Einwohner erschreckt aus den Betten auf die Strafse 
stürzten und viele die Nacht im Freien verblieben. Die umgestürzten 
Mauern waren in Kidton, welches ich am 15. Febr. 1888 besuchte, 
meist nach SO umgefallen. Nach am 19. März 1889 in Xylökastron 
eingezogenen Erkundigungen kamen die Erdstöfse dort im allgemeinen, 
und so auch der grofse Stöfs vom Oktober 1887, von WNW her längs 
der Küste. Das Meer soll damals am Kiefernwald östlich des Ortes 
um 20 m emporgestiegen sein; damit ist wohl horizontales Vordringen 
um 20 m gemeint; beim Ort selbst aber war die Bewegung des Meeres 
gering. Seit 15 Jahren soll am Ort Xylökastron das Meer um 15 m 
(horizontal) vorgedrungen sein, und in der That befinden sich einige 
Häuser jetzt im Bereiche der Brandung, die man sicher nicht in solcher 
Nähe derselben gebaut hat. Es scheint sich also der Boden von 
Xylökastron zu senken. (Es ist Alluvialboden, daher dieses Absinken 
wenig auffällig bei der Steilheit des Meeresbodens und den häufigen 
Erschütterungen.) — Am Isthmos selbst sollen sich, nach der Aussage 
der Ingenieure, nach jenem Stöfs die Erschütterungen noch häufig 
wiederholt haben. Zur Zeit meiner Anwesenheit in Isthmia beob- 
achtete ich einige schwache, rüttelnde Erschütterungen. Der stärkste 
dieser Stöfse erweckte mich am 13. Februar 1888, abends 11 Uhr 
20 Min., er bestand in einer 1 bis 2 Sekunden anhaltenden Bewegung, 
welche die Mauern erkrachen liefs. Ein wellenförmiges Auf- und Ab- 
sinken machte sich nicht bemerkbar, sondern nur ein kurzes, scharfes 
Rütteln, dessen Richtung mir nicht zum Bewufstsein kam. Vorher und 
nachher war schönes, klares Wetter. — Am 10. September 1888, 5 Uhr 
10 nachm. wurde Ägion von einem starken Erdbeben betroffen, welches 
einen grofsen Teil der Häuser zerstörte. Es machte sich auch am 
Isthmos und in Athen bemerkbar, ohne Schaden anzurichten. — Im 
Laufe des Januar 1889 wurden in Athen am 22. um 5 ^ und um 6« Uhr 
morgens sowie am 24. um i h 30"» nachts Stöfse beobachtet, die von S\V 
aus dem Golf von Ägina herkamen. Sie wurden auch in Korinth und 
Böotien gespürt. — Am 15. März 1889, vorm. 5 Uhr, fühlte man in 
Xylökastron einen starken und einen schwachen Stöfs, ebenfalls von W 
her kommend, ohne Schaden 1 ). 



1) Über das jüngste Erdbeben von Patras am 25. Aug. s. Petermann's Mit* 
ttilungen 1889 S. 252. 



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62 



A. Philippson: 



Fassen wir diese Erscheinungen zusammen, so können wir sagen, 
dafs sich der Isthmos auf einer Schütterzone befindet, welche den 
langgestreckten, grofsen Grabenbruch des Golfes von Korinth und in 
der Fortsetzung den Golf von Ägina umfafst, sowie die an diesen 
Golfen liegenden neogenen Schollenländer; von den benachbarten 
Kreidegebirgen wird nur Phokis häufiger von verderblichen Stüfsen 
betroffen. Das Centrum der Erdbeben ist in dieser Zone veränderlich; 
bald liegt es im Golf von Patras, bald im westlichen Teil des Golfes 
von Korinth bei Ägion, bald im östlichen bei Kiäton, bald im Isthmos 
selbst und in dem südlich davon gelegenen neogenen Schollenland, 
bald im Golf von Ägina. Bebt eines dieser Centren, so verbreitet sich 
die Erschütterung oft über die ganze Schütterzone; die starken Zer- 
störungen sind aber meist auf einen engen Umkreis um das Centrum 
beschränkt. Die verschiedenen Centren dieser Schütterzone sind also 
in ihrer Thätigkeit ziemlich unabhängig von einander. Die Erschütte- 
rungen sind höchst wahrscheinlich Folgen ruckweiser Bewegungen an 
einzelnen Spalten des grofsen Bruchsystems, welches Griechenland hier 
in seiner ganzen Breite durchsetzt, ohne dafs man bestimmte Spalten 
als Urheber zu bestimmen vermöchte. 

Viel weniger Bestimmtes können wir über die Strand Ver- 
schiebungen aussagen. An den Küsten des Isthmos finden wir 
nur an einem einzigen Punkte Anzeichen, welche möglicherweise eine 
Strandverschiebung andeuten. Es sind das Baureste aus dem Altertum, 
welche sich am Nordende der Bucht von Kenchreä an der Küste 
etwas unter dem Meeresniveau befinden. Ich sah dort (bei dem alten 
Thurme) Mauern und gepflasterte Fufsböden, welche ich ihrem Mate- 
riale nach der römischen Zeit zuschreiben möchte, etwa i Dezimeter 
hoch vom Meerwasser bedeckt. In den einschlägigen Werken finde 
ich bei Kenchreä nur alte Hafenbauten angegeben; mir scheint aber, 
als ob diese in Rede stehenden Trümmer nicht wohl als solche auf- 
zufassen seien. Die Natur dieser Bauten festzustellen, mufs einer 
archäologischen Untersuchung überlassen bleiben; so lange sie nicht 
bekannt ist, mufs die positive Strandverschiebung bei Kenchreä als 
zweifelhaft erachtet werden. Würde sie sich bestätigen, so wäre sie 
den ähnlichen Erscheinungen im östlichen Peloponnes einzureihen, 
welche Cold ') zusammengestellt hat. Aber fast alle diese sind zweifel- 
hafter Natur und es ist hier nicht der Ort, auf eine Diskussion der- 
selben einzugehen. 



M Küsten-Veränderungen im Archipel. Dissertation. Marburg 1886. 



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Der Istbmos von Koiinth. 



03 



III. ABSCHNITT. 
Das Klima. 

Zwei Faktoren sind mafsgebend für die Gestalt und die Beschaffen- 
heit der Oberfläche eines Landes: der geologische Bau und das 
Klima. Liefert der erstere den rohen Block, aus dem die feineren 
Züge der Oberfläche herausgemeifselt werden durch die ciselierende 
Arbeit der Atmosphärilien, so reguliert das letztere, das Kräfteverhältnis 
der einzelnen atmosphärischen Agentien. Die Gesetze, nach welchen 
die Atmosphärilien arbeiten, sind über die ganze Erde hin die gleichen, 
sie variieren nicht von Erdraum zu Erdraum, wie die tektonischen und 
entwickelungsgeschichtlichen Vorgänge, welche die Grundzüge des 
Oberflächenreliefs liefern; aber das Ausmafs, in welchem die ein- 
zelnen atmosphärischen Agentien im gegenseitigen Verhältnis zur 
Wirkung kommen, ist bedingt durch den klimatischen Charakter des 
Landes und daher variabel. 

Auf dem Isthmos von Korinth sind keine meteorologischen Beob- 
achtungen angestellt worden aufser denjenigen, welche die Beamten 
der Kanalbaugcsellschaft in den letzten Jahren vorgenommen haben und 
welche in den Bulletins dieser Gesellschaft veröffentlicht sind. Leider 
sind mir diese Bulletins bisher nicht zugänglich gewesen. Mein 
dortiger Aufenthalt war zu kurz, um erhebliche Beobachtungsreihen zu 
liefern. Ich bin daher bei dem folgenden kurzen klimatischen Bilde 
genötigt, auf die Beobachtungen von Athen und Patras sowie auf die 
allgemeinen klimatischen Eigenschaften Griechenlands zu fufsen, da- 
neben auf die ergänzende eigene Anschauung und auf Berichte der 
Einwohner. 

Charakterisiert ist das griechische Klima in erster Linie weniger 
durch den Gang der Temperatur, als durch die Regenlosigkeit oder 
besser gesagt Regenarmut des Sommers. Es ist dies ja die Eigentüm- 
lichkeit des mediterranen Klimas überhaupt. Sie herrscht in Griechen- 
land ausschliefslich in der Region in der Nähe des Meeresniveaus, 
während sie in den höher gelegenen Gebirgsteilen nicht in Geltung 
ist. Aber diese kommen hier nicht in Betracht: der Isthmos ist ja 
durchaus Tiefland und trägt als solches echt mediterranen Klima- 
charakter. Auf die Ursachen dieser allgemeinen Erscheinung einzu- 
gehen, ist hier nicht der Ort 1 ); es genüge, dafs die Regenarmut des 
Sommers in Griechenland in Zusammenhang steht mit dem Vorherr- 



•) Man vergleiche hierüber: Fischer, Studien über das Klima der Mittclmeer- 
länder. Petermanns Mi«. Erzgbd. XIII, N. 58. Gotha 1879. Hann, Handbuch der 
Klimatologie, Stuttgart 1883» S. 404fr. Neumann-Partsch, Phys. Geographie von 
Griechenland, Breslau 1885. 



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G4 



A. Philippson: 



sehen trockener Nord- und Nordostwinde, der bekannten Etesicn. Die 
Regenarmut des Sommers scheint auf der Ost- und Westseite Griechen- 
lands die gleiche zu sein ; in Athen wie in Patras fallen in den drei 
Sommermonaten nur 26 mm Regen in 4,8 (Athen) bezw. 3,6 (Patras) 
Regentagen. Dagegen besteht in den drei anderen Jahreszeiten ein 
gewaltiger Unterschied in der Regenmasse zwischen der orientalischen 
und der oceidcntalischen Seite der Halbinsel. Vom Westen des mitt- 
leren Griechenland besitzen wir nur aus Patras Beobachtungen: 

Regenmengen in mm: 
Herbst Winter Frühling Sommer Jahr 

Athen 141,5 135,4 82,2 26,0 308,1 

Patras 237 333 131 26 727. 

Dafs aber dies nicht blofs eine lokale Erscheinung des Klimas von 
Patras ist, kann ich aus eigener Anschauung bezeugen. Ganz West- 
griechcnland ist in der Regenzeit ungleich regenreicher als Ostgriechen- 
land, und jedem Reisenden mufs der bedeutende Unterschied der 
beiden Landesteile in der Wasserführung der Bäche und in der Vege- 
tation auffallen. Der Isthmos nun gehört ganz entschieden zur ost- 
griechischen Klimaprovinz. Das dürre Aussehen des Landes, die Wasser- 
losigkeit der Bäche, die Seltenheit der Quellen, alles das bezeugt dies 
zur Gentige auch ohne meteorologische Beobachtungen; der allmähliche 
Übergang beider Gebiete vollzieht sich erst zwischen hier und Ägion. Ja 
man kann voraussetzen, dafs unser Gebiet noch weniger Regen empfängt 
als Athen, denn es liegt im Windschatten der hauptsächlichsten Regen- 
bringer in Griechenland, der West-, Südwest- und Südwinde, welche 
die hohen, geschlossenen Gebirge Ziria, Artemision und Parnon über- 
steigen müssen, ehe sie dorthin gelangen können, während Athen ihnen 
viel freier gegenüberliegt in einer nach SW geöffneten Ebene, in wel- 
cher die Wolken von den im N und O herumgelagerten Gebirgen 
festgehalten werden. Der Isthmos ist also ein Gebiet, in welchem es 
von Mitte Mai bis Mitte September so gut wie garnicht, von Mitte Sep- 
tember bis Mitte Oktober wenig, von Mitte Oktober bis Mitte April 
nicht sehr häufig, von Mitte April bis Mitte Mai wieder selten regnet. 
Die Regen fallen fast stets in kurzen heftigen Güssen, allerdings in der 
Weise, dafs selten ein Gufs allein erfolgt; sondern zahlreiche Schauer, 
zwischen denen die Sonne zum Durchbruch kommt, vereinigen sich zu 
Regenperioden, die mehrere Tage anhalten können. — Uber die lokalen 
Temperaturverhältnisse besitzen wir gar keine Anhaltspunkte. Höchst- 
wahrscheinlich unterscheiden sie sich nicht sehr von denjenigen Athens 
(Januar 8,7° C., Juli 28,1°, Mittel 18,2°, absol. Maximum 40,7°, absol- 
Minimum — 10,0 °). Im Winter ist wohl der Isthmos etwas wärmer durch 
den Einflufs der beiden Meere, und durch den Schutz, den der Ge- 
birgswall der Geraneia gegen die Nordwinde gewährt. Im Sommer 
bringen die Seewinde, welche den Isthmos frei durchstreichen können, 



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Der Isthmos von Korinth. 



(55 



etwas Kühlung. Überhaupt ist die Atmosphäre hier fast nie ruhig, 
weder Sommer noch Winter. Im Winter rasen furchtbare Weststürme, 
welche an der isthmischen Küste des Golfes von Korinth eine Brandung 
erzeugen, die derjenigen an offenen Küsten kaum nachsteht und welche 
den Hafenbauten der Kanalgcsellschaft bei Posidonia bedeutende 
Schwierigkeiten gemacht hat. Im Sommer bläst Tags über der See- 
wind, besonders in Neu-Korinth, so stark, dafs er zur unangenehmen 
Plage werden kann. Staubwirbel und Wolken von scharfem Seesand 
treibt er vor sich her und bedeckt alles mit einer gelben Lage. Die 
Bucht von Korinth ist daher fast beständig in brandender Bewegung 
und der Hafen ist durchaus unsicher: was man freilich bei Betrach- 
tung der Karte in dem fast völlig abgeschlossenen Golfe nicht ver- 
muten sollte. Dagegen ist die äginetische Seite, wo durch die zahl- 
reichen Inseln die freie Entwicklung der Wogen gehindert wird, fast 
stets ruhig oder höchstens von kurzen Wellen gekräuselt. — Frost ist 
hier, wie in Athen, eine Erscheinung, die jeden Winter auftritt, freilich 
nur in wenigen Nächten. Auch Schneefall kommt fast jeden Winter vor; 
allerdings gehörte derjenige, den ich bei meinem Aufenthalte in Isthmia 
zu beobachten Gelegenheit hatte, zu den ausnahmsweise starken. In 
der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 1888 ereignete sich hier ein echt 
nordischer Schneesturm, der sogar die Verunglückung zweier Menschen 
durch Sturz in den Kanaleinschnitt verursachte. Bei starkem Nord- 
weststurm schneite es die ganze Nacht. Den anderen Morgen war das 
ganze Land mit weifser Schneedecke überzogen, die freilich in unmittel- 
barer Nähe des Meeres bald hinwegschmolz, sich aber bei Nordwind 
den ganzen Tag über bis Alt-Korinth hinab, also bis etwa 100 m über 
dem Meere hielt. Akrokorinth im weifsen Schneemantel gewährte einen 
seltsamen Anblick 1 Die Nacht darauf klärte es sich auf, in Isthmia 
waren des Morgens —2°, Eis bedeckte die Pfützen, Reif die Gräser. 
Mit dem Höhersteigen der Sonne erwärmte sich die Luft schnell; im 
Kanalbau, welchen ich diesen Morgen besuchte, erklang bald das 
leise Rasseln der von den steilen Wänden durch den Frost abge- 
sprengten Gesteinsstückchen, die, durch die Tageswärme befreit, herab- 
rollten. Die Schneedecke auf den Bergen schmolz schnell hinweg 
namentlich durch warmen Regen, der den folgenden Tag eintrat. — 
Eine in ganz Griechenland verbreitete klimatische Erscheinung ist die 
Malaria oder das Sumpffieber, welches teils als schleichende Wechsel- 
fieber, teils als akute typhöse Fiebererkrankungen in allen Landes- 
teilen auftritt. Jedoch sind einige Gegenden mehr als andere davon 
heimgesucht, ohne dafs man immer die Ursache anzugeben vermöchte. 
Zu diesen gehört auch der Isthmos; besonders sind Kalamaki und 
Posidonia verrufen, weniger Isthmia; während Neu-Korinth sich des 
Rufes verhältnismäfsiger Gesundheit erfreut, welche es wohl den hef- 
tigen Seewinden zu verdanken hat. Es ist eine überall in Gricchen- 

Zeitschr. d. G«*IUch. f. Erdk. Bd. XXV. 5 

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66 



A. Philippson: 



land bekannte Erscheinung, dafs die Fieberhäufigkeit in dicht benach- 
barten Orten sehr verschieden ist; so auch hier. Die Ingenieure und 
Arbeiter des Kanalbaues, besonders aber des Eisenbahnbaues, litten be- 
trächtlich; bei letzteren kamen sogar mehrere Todesfälle durch Fieber 
vor. Ich selbst habe mich in Neu-Korinth und Isthmia von einem 
schweren Fieberanfalle, der mich in Athen betroffen hatte, erholt, so- 
dafs ich persönlich die relative Gesundheit dieser Orte bestätigen kann. 
— Die Gezeitenbewegung ist am Isthmos, wie überall im Mittelmeer, 
gering. Auch hierüber sind Beobachtungen von den Ingenieuren des 
Kanalbaues gemacht worden, die mir nicht zugänglich sind. Der Unter- 
schied zwischen dem höchsten und niedrigsten Wasserstand zur Zeit 
der Springfluten soll ungefähr ein Fufs sein. 

IV. ABSCHNITT. 

Gestalt und Beschaffenheit der Oberfläche. 
A. Das fliefsende Wasser. 

i. Quellen. Es giebt auf dem Isthmos äufserst wenige Quellen. 
Der Regen fall ist gering und geschieht meist in kurzen heftigen Güssen. 
Das Wasser läuft daher schnell ab und nur ein geringer Teil des- 
selben vermag in die Erde einzudringen. Aber nicht blofs das 
Grundwasser ist geringfügig, sondern es kommt noch dazu, dafs die 
geologischen Verhältnisse dem Wiederaustritt desselben in Gestalt von 
Quellen ungünstig sind. Die Gesteine des Isthmos sind sehr wasserdurch- 
lässig, sowohl die Sande und Schotter als die Mergel, sie lassen also 
das eingedrungene Wasser schnell in grofse Tiefen versinken. Man 
sieht dies am deutlichsten im Kanaleinschnitt, der überall völlig trocken 
ist, mit Ausnahme derjenigen Stellen, wo der blaue Mergel auftritt. 
Wir sahen oben, dafs die Grenze zwischen weifsem und blauem Mergel 
die obere Grenze des Grundwassers ist; dieselbe befindet sich in 
dem höchsten Teile des Scheiderückens, im „Centraimassiv", bei 
35— 40 m unter der Oberfläche, also in bedeutender Tiefe. Aufserdem 
ist die horizontale Lagerung der Schichten bei geringen Niveauunter- 
schieden dem Austreten unterirdischer Wasseransammlungen höchst 
ungünstig. Wir treffen daher im Neogen des Isthmos als einzige be- 
trächtliche Quelle nur diejenige, welche sich 2 km südwestlich von 
Isthmia in jener Mulde befindet, die den Steilabfall des Plateaus von 
Isthmia im Nordwesten begleitet. Hier ist eine ziemlich tiefe Thal- 
schlucht eingerissen, an deren Ursprung auf der Grenze des Konglo- 
merates gegen den darunter liegenden Mergel die ziemlich reichliche 
Quelle hervortritt. Das Wasser wird aufgesammelt und durch eine 
Wasserleitung nach Isthmia und in den Kanalbau geleitet, für welchen 
diese Quelle alles nötige Wasser liefern mufs. Aufserdem erwähnt 
Schmidt (1. c. II S. 65) noch eine Quelle bei Kenchreä, die ich jedoch 



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Der Isthmos von Korinth. 



67 



nicht gesehen habe. — Dagegen treten an den Grenzen des Isthmos 
gegen die Kreidegebirge an zwei Stellen gröfsere Wassermengen zu 
Tage. Zunächst bei Alt -Korinth am Fufse des Akrokorinth eine ganze 
Anzahl von Quellen, unter welchen die berühmte Peircne. Sie lieferten 
dem antiken Korinth das nötige Wasser. Dann die schon erwähnten 
Thermen von Lutraki. Sie entspringen am Fufse der steilen Bergwand, 
welche sich hier unmittelbar am Meere erhebt, teils aus der Ober- 
flächenbreccie dieser Bergwand selbst, teils aus dem Sande am Meeres- 
ufer. Sie besafsen zur Zeit Fiedlers und Schmidts 31^° (bis 1867); ich 
selbst beobachtete 33 0 (4. Febr. 1888). Das Wasser ist durchaus ge- 
schmack- und geruchlos. Die Therme liegt auf der grofsen Verwerfung, 
welche das Geraneia-Gebirge gegen den Isthmos abschneidet; es ist 
wahrscheinlich, dafs sie auf dieser Spalte aus der Tiefe emporsteigt. — 
Die Einwohner des Isthmos sind also für ihren Wasserbedarf meist auf 
Brunnen angewiesen. 

2. Bäche. Aus denselben Gründen, welche das Auftreten von 
Quellen auf dem Isthmos verhindern, kommt es dort nicht zur Bildung 
von dauernd wasserführenden oberirdischen Bächen. Diejenigen kleinen 
Schluchten und Rinnsale, welche in dem ncogenen Hügelland des Isth- 
mos selbst ihren Ursprung haben, füllen sich nur nach ergiebigen Regen- 
güssen auf kurze Zeit und meist auch nur auf kurze Strecken mit 
Wasser, das bei eintretendem schönem Wetter sofort wieder verschwindet. 
Selbst die Quelle von Isthmia erreicht das Meer nicht. Das Ländchen 
ist aber so gelegen, dafs es auch von auswärts keine ergiebigen Wasser- 
adern erhält. Die Therme von Lutraki ergiefst sich unmittelbar ins 
Meer, die Quellen von Alt -Korinth werden sofort zur Bewässerung der 
Felder verbraucht und kommen nicht dazu, einen Bachlauf zu bilden. 
Die von den Abhängen der Geraneia und des Oncion herabrinnenden 
Gewässer füllen ihre Rinnsale auch nur ausnahmsweise, so auch der 
Sarandapotamos südlich von Lutraki. Nur zwei gröfsere Bäche be- 
treten unser Gebiet von auswärts her, aber auch diese führen nur kurze 
Zeit Wasser. Dies sind: 1) der Bach von Kalamaki, der seinen Ur- 
sprung in den höheren Teilen des Hügellandes der Krommyonia nimmt 
und in tief eingeschnittenem, gewundenem Thale zur Ebene von Kala- 
maki hinabzieht, in welcher er sich östlich des Dorfes einen weiten, 
flachen Schuttkegel aus unfruchtbarem Kies aufgebaut hat. Derselbe 
ist durchaus nicht anbaufähig. Der Bach führt in den Wintermonaten 
meist etwas Wasser. 2) Der Bach von Neu Korinth. Er entspringt in 
den Gebirgen der Argolis, durchzieht das neogene Hügelland von 
Chiliomödi und tritt dann durch die Lücke zwischen üneion und Akro- 
korinth in den Isthmos ein. Er durchschneidet die verschiedenen 
Bodenstufen in einer schmalen, aber fruchtbaren Thalaue zwischen den 
steilen Mergel- und Konglomeratwänden des Neogen und durchzieht 
dann die kleine Alluvialebene von Neu -Korinth, in welche er eine, 

5* 

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G8 



A. Philippson: 



wenn auch nur wenige Meter tiefe, so doch schmale und steil- 
wandige Schlucht eingerissen hat. Er mündet dicht westlich der Stadt. 
Im oberen Teile wird er von mehreren Quellen gespeist, so dafs er 
etwa bis Neochöri abwärts meist Wasser führt und sogar einige Mühlen 
treibt. Von dort aber weiter, im Gebiet unserer Karte, ist er auch 
nur ein Regenbach, der nur nach heftigen Güssen sein steiniges Bett 
füllt. — Es folgen hier die Lauflängen (ohne Krümmungen, d. h. di- 
rekter Abstand der Quellen von der Mündung) der Wasserrinnen des 
Isthmos, aus denen ihre Unbeträchtlichkeit erhellt: 

Bach von Neu-Korinth 23 J km 

Sarandapotamos 1 1 „ 

Bach a 8 „ 

Bach von Kalamaki 6} „ 

m ff 5* » 

Bach von Kenchreä 5 „ 

Bach von Isthmia 2\ „ 

Das auf unserer Karte dargestellte Gebiet schätze ich auf 1 29 Qua- 
dratkilometer, davon gehören zum hydrographischen Gebiet des Golfes 
von Korinth etwao4qkm, zu dem des Golfes von Ägina 35 qkm, also 
etwas mehr als ein Viertel. 

B. Die Gestalt und die Beschaffenheit der Oberfläche. 

Aus den vorhergehenden Ausführungen ist ersichtlich, dafs die 
Erosion des in Rinnen fliefsenden Wassers auf dem Isthmos gering sein 
mufs. Dazu kommt noch die Unbeträchtlichkeit der Höhenunterschiede, 
um diese gestaltende Arbeit des fliefsenden Wassers noch mehr zu ver- 
ringern. Es fehlen daher tiefere Schluchten; aufser der des Baches 
von Kalamaki in dem Hügelland der Krommyonia hat nur das Bäch- 
lcin von Isthmia einen engeren Einschnitt; sonst sind die Thalwege 
der Trockenbäche weit und wenig eingetieft. Je geringer die Erosion 
des fliefsenden Wassers, desto ungestörter kommt der geologische Bau 
in der Gestaltung der Oberfläche zum Ausdruck. Wir haben schon 
gesehen, dafs der Isthmos aus flach gelagerten Schichten besteht, die 
durch Verwerfungen in verschiedene Höhenlagen gebracht sind; dem 
entsprechend weist die Oberfläche weite horizontale oder flach geneigte 
Flächen auf, welche sich in, wenn auch niedrigen, doch scharf ausge- 
prägten Bodenstufen eine über die andere erheben. Der Verlauf dieser 
Stufen und die Anordnung der einzelnen Schollentafeln sind zur Ge- 
nüge in dem topographischen und geologischen Teile besprochen 
worden. Hier sei nur noch einmal auf den so klaren Zusammenhang 
der Tektonik mit dem äufseren Relief hingewiesen, welche der Jugend 
der Verwerfungen und der geringen Stärke der Erosion zuzuschreiben 
ist. Dennoch ist diese tektonische Gestaltung nicht ganz unbeeintlufst 



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Der Istlimos von Korinih. 



geblieben von der Arbeit der Atmosphärilien, namentlich der Ver- 
witterung und Zersetzung des Bodens, des spülenden Regenwassers und 
des Windes, welche in diesem niedrigen und doch reich gegliederten 
Terrain, bei den seltenen, aber starken Güssen, bei der fast be- 
ständig heftig bewegten Luft eine weit gröfserc Arbeit leisten, als das 
in Rinnen gesammelte Wasser der Bäche. Betrachten wir die Thätig- 
keit dieser Agentien in unserem Gebiete etwas näher. 

Zunächst äufsert sie sich in der Umgestaltung der Bodenstufen. 
Die Verwerfung, welche Schichten von verschiedener Beschaffenheit 
durchschneidet, liefert eine mehr oder weniger steile glatte Fläche, 
welche sogar, wie man dies im Kanal beobachten kann, durch die 
Reibung der an einander vorbeigeschobenen Massen zuweilen poliert, 
mit einem Rutschspiegel oder Harnisch versehen, erscheint. Auf den- 
jenigen Teil dieser glatten Fläche, welcher über der Oberfläche an- 
steht, also in der Stufe, mit welcher die (relativ) gehobene Scholle zu 
(1er (relativ) gesunkenen abfällt, beginnt nun die zersetzende Thätig- 
keit der Atmosphärilien einzuwirken: die chemische Zersetzung durch 
die Luft und die Feuchtigkeit, die mechanische durch die Temperatur- 
kontraste, den Wind und das spülende Regenwasser. Diese Agentien 
greifen die weniger widerstandsfähigen Schichten stärker an als die 
widerstandsfähigen, verwandeln daher die glatte Verwerfungsfläche in 
eine unebene. Nun bestehen in unserem Gebiete, wie wir gesehen 
haben, die meisten Stufen aus weichen Mergeln oder Sandmergeln 
unten, aus mehr oder weniger verkitteten Schottern und Konglomeraten 
oben. Die Folge ist, dafs die weichen Mergel unter der harten Decke 
der Konglomerate hinweggespült werden, letztere ragt daher als Uber- 
kragung, als eine Art Gesims über die Mergel vor. Bei der bestän- 
digen Abtragung dieser bröckelt die harte Decke allmählich nach, sie 
wird an der Front der Stufe durch glatte, senkrechte Abbruchsflächen 
begrenzt. Unter diesem Gesims folgt dann eine Einschnürung, die 
sich zuweilen bis zur Bildung von geräumigen Höhlen steigert. Dar- 
unter folgt die Mergelwand, flacher abfallend als die Konglomerate; 
ihr Fufs hüllt sich in den Schutt der herabgestürzten und herab- 
gespülten Mergel- und Konglomeratteile, welcher eine flache, allmäh- 
lich mit der vorliegenden Ebene verschwimmende Halde bildet. So 
erscheint das Profil der in beständiger Rückwärtsverlegung von der 
ursprünglichen Linie der Verwerfung her begriffenen Bodenstufe. 

Aber nicht blofs das Profil, auch die Gestaltung der Stufe in der 
Horizontale unterliegt einer Veränderung. Ursprünglich erscheint 
die Verwerfung in der Horizontalprojektion als eine grade oder 
schwach gebogene Linie; denselben Verlauf zeigen unsere Bodenstufen 
im grofsen und ganzen. Im einzelnen aber weichen sie davon ab, 
und dies ist wieder das Werk der Atmosphärilien. Das herabrinnendc 
Regenwasser arbeitet kleine Rillen an dem Gehänge aus, wie wir an 



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70 



A . Philip p son: 



jeder Böschung beobachten können; diese Rillen vereinigen sich zu 
gröfseren Rinnen und bilden so verzweigte Systeme, welche das Bild 
von Flüssen mit ihren Nebenflüssen im kleinen nachahmen. Die 
Hauptrillen eilen in ihrer einschneidenden Thätigkeit den anderen 
voraus, einige von ihnen werden durch kleine lokale Abweichungen in 
der GesteinsbeschafTenheit begünstigt. So kerben sie den Steilrand 
ein; je tiefer die Kerbe vorschreitet, desto gröfscr wird der Raum, von 
dem sie Wasserzufuhr erhält. Die Bodenstufe gewinnt also mit der 
Zeit einen gekerbten, sozusagen krenulierten Verlauf. An den meisten 
Stufen des Isthmos, besonders an den höheren, ist diese Eigenschaft 
zu sehen. 

Aber nicht blofs die Bodenstufen, auch alle ebenen Flächen 
sind, wenn auch in geringerem Mafse, der Schauplatz der Zersetzung. 
Das Gestein liefert als feines chemisches und mechanisches Zersetzungs- 
produkt den Humus oder Verwitterungslehm. Wir sind in unserer 
Heimat gewöhnt, alle nicht allzu steilen Flächen mit mehr oder weniger 
mächtigem Humus, dem Ernährer einer üppigen Vegetation, bedeckt 
zu sehen. In dem Klima Griechenlands findet aber die Humusbildung 
in viel geringerem Mafse statt. Es fehlt hier die fast beständige 
Durchfeuchtung des Bodens, welche bei uns und noch mehr in feucht- 
warmen Tropenländern die Zersetzung begünstigt. Ferner ist das 
Pflanzenkleid der Erde ein viel geringeres; die Pflanzen sind aber nicht 
allein, wie bekannt, eifrige Zersetzer des Bodens und daher Humus- 
bildner, sondern sie halten auch den gebildeten Humus an Ort und 
Stelle fest. In Griechenland vermag selbst der Wald, besonders der 
Kiefernwald, wie er am Isthmos herrscht, nur wenig in diesem Sinne 
zu wirken, denn die Stämme sind klein und licht gestellt, jedes Unter- 
holz fehlt, sodafs Wind und Regen ungehindert den Boden treffen. 
Aufserhalb des Waldes aber findet man nur niedrige, vereinzelt ge- 
stellte Büsche. Kräuter und Gräser, die bei uns den Humus vorzugs- 
weise bilden und festhalten, erscheinen in Griechenland nur in sehr 
geringer Zahl, und auch diese verschwinden im Sommer. Auch die 
Ackerflächen werden nach der Aberntung (Ende Mai) völlig vege- 
tationslos. Aber am Isthmos ist aufser dem Klima und der Vegetation 
auch noch die Beschaffenheit des Untergrundes der Lehmbildung un- 
günstig. Sowohl die Konglomerate als auch die sandigen Mergel sind 
selbst Residuen einer früheren Zersetzung und bieten daher nur wenig 
der Zersetzung zugängliches Material; die Konglomerate leisten meist 
der Zertrümmerung durch ihre feste Verkittung Widerstand und bilden 
daher nackte Felsflächen; die Mergel bedecken sich an der Oberfläche 
mit einer harten zementartigen Kruste, die keine Pflanzenwurzel durch- 
dringen kann. So ist besonders das „Centraimassiv" am Kanal, wo der 
Mergel ohne Decke von Konglomerat ansteht, fast ohne jeden Humus. 
Der Isthmos besitzt daher einen sehr wenig fruchtbaren Boden. Der wenige 



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Der Isthmus von Koiinlh. 



71 



gebildete Humus fällt, wo er nicht gleich durch das Wasser fortgespült 
wird, was, wie wir sahen, am Isthmos wenig in Betracht kommt, wäh- 
rend der trockenen, vegetationslosen Sommermonate den Winden zur 
Beute. Der ausgetrocknete Lehm, den glühenden Strahlen der Sonne 
schutzlos preisgegeben, zerfällt in einen feinen Staub; dieser wird von 
den beständig wehenden heftigen Winden erfafst, zu dichten Wolken 
aufgewirbelt, und dann in raschem Tempo davon geführt. Entweder 
wird er weit hinweg getragen, um endlich ins Meer zu fallen oder in 
einer der üppigen Vegetationsoasen, welche in Griechenland den Lauf 
des fliefsenden Wassers begleiten, die aber auf dem Isthmos fast völlig 
fehlen, abgelagert zu werden, oder aber er trifft schon in der Nähe 
auf eine Unebenheit des Bodens, an der er sich niederlassen kann. 
Dies letztere ist auf dem Isthmos reichlich der Fall. Den Dienst 
solcher staubfangenden Unebenheiten versehen dort jene oft erwähnten 
Bodenstufen. 

Der staubbeladene Wind kann eine Bodenstufe in zweierlei Rich- 
tung treffen: entweder weht er von der höheren Scholle her über die 
Stufe hinunter nach der tieferen Scholle, oder von der tieferen hinauf zur 
höheren. In beiden Fällen ist das Resultat dasselbe, der Wind läfst 
einen Teil seiner Last an der Bodenstufe fallen. Kommt er von der 
oberen Stufe her, so trifft er hinter der Stufe in deren Schutze eine 
ruhige Luft; er lagert daher dort am Fufse des Abfalls seinen mitge- 
führten Detritus ab, wie ein Flufs, der in das ruhige Wasser eines Sees 
sich ergiefst, dort seine Sedimente fallen läfst. Es ist dasselbe Spiel, 
wie wir es an Dünen bemerken: der Seewind treibt den Sand an der 
Seeseite der Düne hinauf und läfst ihn auf dem jenseitigen vor dem 
Winde geschützten Abhang fallen. Bläst aber der Wind über die 
tiefere Scholle her gegen die Stufe, so mufs er seine horizontale Be- 
wegung an dieser lokal in eine vertikale verwandeln; er verliert dabei 
an Transportkraft und läfst ebenfalls einen Teil seines Staubcs am 
Fufse der Stufe zurück. Das Resultat dieses Vorganges ist, dafs, 
während die Kanten und die denselben zunächst gelegenen Flächen 
der einzelnen Schollen von dem Winde fortwährend benagt und 
erniedrigt werden und daher dort das kahle Gestein zu Tage 
steht, im Gegenteil am Fufse der Bodenstufen eine Ablagerung von 
Staub und Lehm stattfindet, die noch einen beträchtlichen Zuschufs 
erhält durch den von der Stufe selbst herabfallenden Schutt. Wenn 
wir uns daher quer über eine der verworfenen Neogenschollen des 
Isthmos bewegen, so gelangen wir zunächst der Kante auf einen nackten 
unfruchtbaren Gesteinsstreifen; je mehr wir uns der Stufe nähern, die 
zur nächst höheren Scholle hinaufführt, desto reicher wird die Be- 
deckung des Bodens durch Lehm und Ackererde, desto üppiger die 
Vegetation; das Maximum der Fruchtbarkeit finden wir unmittelbar am 
Fufse der Stufe. (Fig. 12 s. Karte.) Sic wird dort noch begünstigt durch 



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72 



A. Philippson: 



die reichlichere Bodenfeuchtigkeit, die sich auf diesem Striche an- 
sammelt Eine der auflallendbten dieser humusreichen Mulden ist die- 
jenige, welche der Kanaleinschnitt beim vierten Kilometer durch- 
schneidet; aber fast an jeder der höheren Stufen findet man am Fufse eine 
lehmige flache Mulde mit besonders fruchtbaren Feldern, so besonders 
am Fufse der Plateaustufe von Isthmia, beim Weingute des Tripos u. 
a. a. O. — Diese Abtragung der Kante und die Ansammlung von Lehm 
am Fufse der Stufe kann sich bis zur völligen Ausgleichung der Stufe 
steigern. Eine ganze Anzahl von Verwerfungen, die im Kanaleinschnitt 
sichtbar sind, kommen daher an der Oberfläche gar nicht zum Vor- 
schein ; man sieht sie oben ausgeebnet durch einen viele Meter mäch- 
tigen roten Lehm, der die ganze Hohlkehle von Kante zu Kante aus- 
füllt. Besonders zeigt sich dies an den Treppenverwerfungen. (Nr. 13, 
14 und 16.) Andere Verwerfungen bilden an der Oberfläche viel 
niedrigere Bodenstufen, als ihre Sprunghöhe beträgt. 

Neben dem neogenen Schollenlande, dafs, wie eben geschildert, 
nicht blofs die Gestalt der Oberfläche, sondern auch die Beschaffen- 
heit des Erdbodens durch das Zusammenwirken des inneren Baues 
und der klimatischen Bedingungen aufgeprägt erhält, kommen auf dem 
Isthmos noch die Ablagerungen des fliefsenden Wassers in Betracht. 
Ist die Erosion des fliefsenden Wassers hier gering, so genügt sie doch, 
um mit dem durch sie fortbewegten Materiale kleinere Landstrecken 
aufzubauen. Neben den wenig entwickelten Thalauen, welche hier und 
da die Bachläufc begleiten (z. B. den Bach von Neukorinth, den Bach 
von Kenchreä und den Bach y nördlich vom Kanal) zählen hierhin die 
flachen Schuttkegel, welche am Fufs des Gebirges von den Bächen 
erzeugt werden. Wie in Griechenland überhaupt, so tragen auch am 
Isthmos diese Gebilde den Charakter von im Verhältnis zur Höhe der 
Gebirge und der Gröfse des Baches sehr ausgedehnten, äufserst grob- 
kiesigen, steinigen Anhäufungen. Es ist dies wiederum eine Folge- 
erscheinung des Klimas. Die geringe Humusbildung liefert den Bächen 
weniger feines Material als in unserem Klima. Die Heftigkeit der 
Regengüsse, welche die meist ruhenden Torrenten in kurzer Zeit mit 
einer mächtigen, wild herabtosenden Wassermasse füllt, hat zur Folge, 
dafs die vorhandenen feineren Bestandteile mit grofser Macht ergriffen 
und sofort, bei der grofsen Nähe des Meeres, bis in dieses hinein be- 
fördert werden, ohne auf dem Lande zur Ruhe zu kommen. Daher 
sieht man nach solchen Güssen das sonst tiefblaue Meer in der Nähe 
der Bachmiindungen weithin gelb gefärbt. In Mitteleuropa vermag da- 
gegen der stetigere, gleichmäfsigere Flufs mittlerer Wassermengen fast 
beständig gröfsere Massen feineren Sedimentes mitzuführen, und hier 
und da auf der Laufstrecke des Gewässers abzulagern. Hier in Griechen- 
land dagegen geschieht die Thätigkeit der Gewässer in einzelnen, 
katastrophenartigen Rucken. Der plötzlich angeschwollene Bach reifst 



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Der Isthmos von Korinth. 



73 



die durch die Verwitterung abgesprengten groben Bestandteile, /.um 
Teil von sehr grofsem Umfange fort, diese kommen naturgemäfs 
leichter zur Ablagerung, als die feinen. Sie häufen sich daher schon 
auf dem Lande an geeigneten Stellen an, während der feinere Lehm 
weiter getragen wird. — Solche steinigen Schuttkegel sind durchgehends 
von äufserster Unfruchtbarkeit. Die grofsen Schuttkegel an der Küste 
der Krommyonia liefern Beispiele hierfür; in unserem Gebiet kommt 
von ihnen nur in Betracht der Kegel des Baches von Kalamaki, der 
den östlichen, unbebauten Teil der Ebene dieses Ortes bildet. Ferner 
befinden sich grofse Schuttkegel im östlichen Teil der Ebene von 
Lutraki, aufgebaut durch die von der Geraneia herabkommenden 
Bäche « und Sarandapotamos. Diese sind freilich nicht ganz un- 
fruchtbar, sondern von niedrigem Buschwerk überzogen. 

Aufserdem kommen aber auch echte Alluvial ebenen, aus feinerem 
Sand und Lehm, zur Ausbildung, allerdings in kleinem Umfange. Sie 
schliefsen sich gern an die inneren Winkel der Meeresbuchten an, denn 
bei ihrer Entstehung wirken höchst wahrscheinlich die Meeresströmungen 
und die Meereswellen mit, welche die dem Meere überlieferten feineren 
Klufssedimente im Verein mit den von ihm selbst losgearbeiteten Strand- 
geröllen an solchen geschützten Stellen zur Ablagerung bringen. Leider 
fehlen Beobachtungen der Meeresströmungen in unserem Gebiete gänz- 
lich, wir können sie also nur vermutungsweise hier heranziehen. Die 
Alluvien dieser Ebenen, wo sie angeschnitten sind, bestehen aus 
wechselnden Lagen von Lehm und kleinerem Schotter. So die kleine 
Ebene von Neti-Korinth, welche eine Höhe von 2— 5 m über dem 
Meere besitzt und daher von dem Bache in einer steilwandigen, kleinen 
Schlucht durchschnitten wird. Sie stöfst gegen das Meer in einer 
niedrigen Steilböschung von 1 — 2 m Höhe ab, die beständiger Unter- 
spülung und Anfressung unterliegt. Nach Westen flacht sie sich zu 
einem schmalen niedrigen Küstensaume ab, welcher in der Nähe des 
Meeres von Strandkieseln und Flugsand bedeckt ist. — Einen viel 
gröfseren Umfang besitzt die Ebene, welche von dem inneren Winkel 
der Bucht bei Neu-Korinth bis nach Lutraki die Westküste des Isth- 
mos bildet, nach Norden an Breite zunehmend. Sie läuft im Gegen- 
satz zu der vorigen ganz flach zum Meere aus und ist in einem breiten 
Streifen an der Küste entlang von Flugsand bedeckt, in dem auch 
einige kleine, flache Dünen auftreten. Weiter landeinwärts ist sie da- 
gegen ziemlich fruchtbar. — Auf der Ostküste finden sich zwei kleine 
Schwemmland-Ebenen, beide in flachem, bogenförmig geschwungenem 
Kiesstrand zum Meere auslaufend: die Ebene von Kenchreä und die 
von Kalamaki. 

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Küsten, deren Be- 
schaffenheit sich aus dem Vorhergehenden leicht ergiebt. 

Die Westküste des Isthmos, von der steilen Bergwand bei Lu- 



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74 



A. Philippson: 



traki an, ist ein in leichtem Bogen nach Südost geschwungener, flacher 
Sandstrand, der jedoch unter dem Meere bald zu ziemlich bedeutenden 
Tiefen abfällt. Im Winkel, wo sie nach W umbiegt, tritt eine steile 
Klippe des Neogen an das Meer heran, dann folgt die Ebene 
von Neu-Korinth mit ihrem kleinen Steilufer. Darauf tritt wieder 
eine Neogen -Klippe ans Ufer und es folgt der flache Sandstrand 
des nach W weiterziehenden Küstensaumes. Die Westküste ist also 
durchgehends Flachküste, wenn auch an ziemlich tiefem Meere gelegen. 
Sie ist ohne natürliche, gesicherte Häfen und steht den Westwinden und 
der durch dieselben erzeugten Brandung offen. 

Die Ostküste ist, wenn auch viel kürzer, so doch mannigfaltiger 
gestaltet. Hinter dem vorspringenden Schuttkegel des Baches von 
Kalamaki öffnet sich die runde, gleichnamige Bucht, von einem flachen 
Kiesstrande umzogen. Jenseits des Ostendes des Kanales hört der- 
selbe auf, es beginnt die niedrige, klippige Küste der Konglomeratebene 
von Isthmia. Dann folgt der Vorsprung, welchen das höhere Plateau 
von Isthmia in das Meer bildet. Derselbe wird rings von einer steilen 
Klippenküste umzogen, bis sich bei Kenchrcä eine zweite, anmutige 
Bucht mit Kiesstrand öffnet. Südlich derselben springt dann das Ost- 
ende des Oneion mit steilem Abfall in das Meer vor, den Isthmos nach 
Süden abschliefsend. Die Ostküstc, unterseeisch noch steiler abfallend 
als die Westküste, aber zu einem im ganzen weniger tiefen und ruhige- 
ren Meere, bietet der Schiffahrt bessere Bedingungen. Sie ist nicht 
blofs gegen die Westwinde durch den Rücken des Isthmos geschützt, 
sondern besitzt auch zwei als natürliche Häfen verwendbare Buchten, 
die von Kalamaki und jene von Kenchreä. 

V. ABSCHNITT. 
Die Vegetationsformationen. 

Die wilde Vegetation tritt am Isthmos in drei verschiedenen For- 
mationen auf, welche alle drei durchaus das Gepräge des mediterranen 
Klimas tragen und sich von den Pflanzenformationen Mitteleuropas 
unterscheiden. Es handelt sich dabei nicht um die Verschiedenheit 
der Flora nach ihren Arten, sondern um die allgemeinen Eigentümlich- 
keiten im Habitus und in der Anordnung der wichtigsten und für das 
Landschaftsbild sowie die Lebensbedingungen der Menschen charakteris- 
tischsten Vegetationstypen. 

i) Der Wald besteht am Isthmos ausschliefslich aus Beständen 
der Pinus halepensis Mill., Aleppo- oder Seekiefer (neugriech. mvxa)* 
Diese ist aufser verschiedenen Eichenarten im südlichen Griechenland 
in der Küstenregion der einzige Waldbaum. Eichen kommen am Isth- 
mos nicht vor; sie scheinen einen fruchtbareren, tiefgründigeren Boden 
und gröfserc Feuchtigkeit zu verlangen; sie finden sich daher nur auf 



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Der Istlimos von Korintli. 



7f> 



der Westseite Griechenlands. Die Aleppokiefer-Waldungen des Isth- 
nios bilden einen Teil eines ausgedehnten Wahlbezirkes dieses Baumes, 
welcher die Geraneia, das krommyonische Hügelland sowie den nord- 
östlichen Teil der Argolis umfafst. Die Kiefer ist sehr anspruchslos 
in Bezug auf die Qualität des Bodens; sie bedeckt daher auf dem 
Isthmos die unfruchtbarsten Teile, die man zum Ackerbau nicht hat 
gebrauchen können, nämlich die Ausläufer des krommyonischen Hügel- 
landes sowie den gröfsten Teil des Scheiderückens des Isthmos zu 
beiden Seiten des Kanales (vgl. die Karte). Hier ist der Wald jedoch 
gerade in letzter Zeit, sowohl durch Ausdehnung des Ackerlandes — 
ich fand an vielen Stellen noch Baumstümpfe in neu urbargemachten 
Feldern — als besonders durch die Kanalarbeiten arg zurückgedrängt 
und zerstört worden. Er hatte früher jedenfalls eine viel gröfserc Aus- 
dehnung. Da überhaupt diese Kiefer sowohl als Brennholz wie als 
Bauholz gesucht, aufserdem durch die eifrig betriebene Gewinnung ihres 
Harzes mifshandelt wird, findet man selten alte oder grade gewachsene 
Stämme. Der Wald besteht aus sehr licht gestellten, verkrüppelten 
kleinen Bäumchen, deren dürftiges Nadeldach den Boden fast gar nicht 
beschattet. Unter ihnen wächst kein Unterholz, gedeiht kein Rasen; 
höchstens dürres, dorniges, niedriges Gestrüpp bedeckt da und dort 
den Boden zwischen den Stämmen. Die lichte Stellung ist für alle 
Wälder der griechischen Tieflandsregion charakteristisch, aber hier 
noch mehr wie anderswo auffällig. Immerhin giebt dieser kümmerliche 
Wald ein in Griechenland geschätztes Produkt, das Harz der Aleppo- 
kiefer (neugr. />fT<rm;), mit dem man dort fast allgemein den Wein ver- 
setzt. Es ist daher ein wichtiger Artikel des Binnenhandels, das über- 
all gesucht, aber nur in einigen Landschaften erzeugt wird. Unter 
diesen steht die Megaride und Korinthia an erster Stelle. Man schlägt 
im Frühjahr die Stämme an und sammelt während des ganzen Sommers 
das aus der Wunde tröpfelnde Harz. Als Preis des Harzes wurde mir 
hier (an Ort und Stelle) je nach dem Jahre 20 bis 40 Lepta für die 
Oka genannt (d. h. 16 bis 32 I,. = 10 bis 20 Pf. pro Kilo). Chloros 
(Waldverhältnisse Griechenlands, München 1884, S. 25) giebt 39 Lep- 
ta pro Kilo an 1 ). 

2) Buschwerk. Die den Mittelmeerländern eigentümliche For- 
mation aus immergrünen Sträuchern, w r elche man als Makis bezeichnet, 
kommt auf dem Isthmos ausschliefslich auf dem unfruchtbaren Plateau 
südwestlich von Isthmia vor und zwar untermengt mit kleinen, ver- 
krüppelten Aleppokiefern. 

3) Die Vegetation des dürren Blachfeldes. Die nicht ange- 
bauten, steinigen Flächen und die brachliegenden Felder sind entweder 



l ) „Poseidons Fichtenhain" war jedenfalls auch ein solcher Kiefernwald, da 
Fichten in Griechenland nicht vorkommen. 



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7<; 



A. Philip pson: 



ganz kahl oder überzogen von locker gestellten kleinen dornigen Halb- 
sträuchern, Disteln oder anderen stacheligen, steifen Staudengewächsen. 
Alle diese Pflanzen haben ein gelbgraues, dürres Aussehen. Zwischen 
ihnen spriefsen im Frühjahr vereinzelte Gräser und Kräuter hervor, 
ohne sich jedoch zu einem zusammenhängenden Teppich an einander 
zu schliefsen. Diese Flächen werden zu dieser Zeit als Weide benutzt. 
Mit der Sommerdürrc schwinden die grünen Pflänzchcn spurlos hinweg. 

Ein grosser Teil des Isthmos ist aber in Kultur genommen, und 
zwar fast ausschliefslich zum Anbau von Getreide (Weizen und Gerste). 
Die Getreidefelder nehmen alle nur irgend Humus besitzenden Land- 
strecken ein; frei von ihnen bleiben, aufser dem genannten Wald- und 
Buschland und den Sandstrichen an der Küste, nur die meisten Kanten 
der Bodenstufen, die wenig oder gar keinen Humus besitzen (s. o.), 
während sich die fruchtbarsten Acker in den Hohlkehlen am Fufse der 
Stufen finden. Aufserdem ist durch besonders üppiges Gedeihen der 
Halmfrüchte ausgezeichnet die Umgebung des Dörfchens Alt-Korinth, 
was jedem Reisenden, der im Frühjahr hier vorbeikommt, auffallen 
mufs. Die Ursache liegt wohl einerseits in der Feuchtigkeit, welche 
die Quellen am Fufse Akrokorinths liefern, als auch besonders in 
dem reichlicheren Nahrungsgehalt des Bodens: denn hier befand sich 
die alte Grofstadt Korinth und bis zum Jahre 1858 ein immerhin an- 
sehnliches Städtchen! Das jahrtausendelange Bewohntsein dieser Stelle 
durch eine zahlreiche Bevölkerung mufste dem Boden bedeutende 
Mengen animalischer und vegetabiler Stoffe zuführen. Im allgemeinen 
ist jedoch der Boden des Isthmos sehr wenig fruchtbar, wie oben aus- 
einandergesetzt wurde. Die Ackererde ist durchgehends wenig mächtig, 
arm an Pflanzennährstoffen, untermischt mit vielen Steinen der dar- 
unterliegenden Konglomerate, ausgesogen durch jahrtausendelange 
Kultur! Ist ja doch die Düngung der Felder im heutigen Griechenland 
durchaus unbekannt. Die Bearbeitungsweise ist äufserst roh und ober- 
flächlich. Die Erträge der ausgedehnten Äcker sind daher verhältnis- 
mäfsig sehr mäfsig und genügen kaum für die geringe heutige Be- 
völkerung. Man läfst den Acker ein Jahr um das andere ruhen, be- 
stellt also jedesmal nur die Hälfte der Ländereien. Die andere Hälfte 
bedeckt sich während der Brache mit Disteln und stachligen Stauden 
und gewährt nur im Frühjahr einigen nomadisierenden Herden dürftige 
Weide. Im Altertum mögen die Erträge infolge fleifsigerer Bearbeitung 
etwas reicher gewesen sein, aber ergiebig war der Boden des Isthmos 
auch damals nicht; das bezeugen die alten Schriftsteller. (Vgl. Curtius, 
Peloponnesos II, S. 515. Strabo, lib. VIII, cap. VI.) 

Man säet die Gerste, die ausschliefslich als Pferdefutter verwandt 
wird, nach den ersten Herbstregen (Oktober und November), den 
Weizen im November bis Dezember. Beide entwickeln sich langsam 
während der Wintermonate, schneller im Frühjahr und kommen Ende 



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Der Isthmos von Korinth. 



77 



Mai zur Aberntung. Dann folgen die dürren Sommermonate, wo die 
Felder kahl und öde daliegen. Man erkennt bald kaum noch eine 
Spur von Bearbeitung in dem in pulverigen Staub zerfallenden, nackten 
Boden, über den wirbelnde Staubwolken dahinjagen. Hat man im 
Frühjahr das Land im grünen Kleide der sprossenden Saaten gesehen, 
so ist man überrascht, im Spätsommer eine gelbe, pflanzen- und 
wasserlose, steinige und staubige Wüste wiederzufinden. Aber dann 
prangt das Land in seiner eigentümlichen, grofsartigen Schönheit, in 
seinen blendenden Farbenkontrasten! Von keiner Vegetationsdecke 
verschleiert, unter den grellen Strahlen der Sonne, treten die bunten 
Farben mit wunderbarem Feuer, fast wie selbstleuchtend her- 
vor: das rötliche Grau der Kreidekalkgebirge, das Braunrot der 
Hornsteine, das Schwarzgrün der Serpentine, das Feuerrot mancher 
neogenen Konglomerate, das Weifs der Mergel und der Sandflächen, 
das Gelb der Äcker und der staubbedeckten Häuser, die beiden azur- 
blauen Meere mit ihren vielfach gebrochenen Küstenlinien, an denen 
sich die Brandung unter dem Wehen der Seewinde oder der Etesien 
mit silberweifsem Schaume bricht 1 Wenn dann die Sonne untergeht, 
treten noch die mannigfachen Tinten des schnell sich verdunkelnden 
Abendhimmels hinzu, die durch ihre rasch wechselnden Reflexe auch 
in dem bunten Landschaftsbild jeden Augenblick überraschende, neue 
Farbennüancen hervorrufen. Der Zauber einer solchen sommerlichen 
Abendstunde in der ostgriechischen Landschaft kann nur geschaut, 
nicht geschildert werden. 

Aufser dem Getreide kommt noch der Weinbau in Betracht, doch 
nimmt er nur geringe Flächen in Anspruch. Der Weinstock verlangt 
in Griechenland besseren Boden als das Getreide, schon aus dem 
Grunde, weil er als perennierendes Gewächs den dürren Sommer über- 
stehen mufs und daher etwas Feuchtigkeit aus den tieferen Boden- 
schichten durch seine Wurzeln heraufziehen mufs, dann auch weil man 
auf ihn nicht das System der Brache anwenden kann, er also einen 
gröfseren Nahrungsgehalt im Boden voraussetzt. Wir finden daher die 
geringfügigen Weinpflanzungen an den fruchtbarsten Stellen des 
Isthmos: in der kleinen Thalebene von Kenchreä, bei dem Dorfe 
Hexamilia, am Fufse einer Bodenstufe beim Gute des Tripos, in der 
Thalaue des Baches von Neu Korinth. Y,r kommt jedoch hier als 
Einnahmequelle für die Bevölkerung nicht in Betracht 1 ). — Die andere 
Spielart des Weinstockes, die Korinthe, wird hier, obwohl sie von 
Korinth den Namen hat, mit Ausnahme einiger ganz unbedeutenden 
Parzellen, nicht angebaut. Ihr Anbau beginnt erst weiter westlich 
bei Kiaton. — Olivenbäume finden sich in gröfserer Zahl nur in der 
Thalaue des Baches von Neu-Korinth. — Gärten sind auf dem Isthmos 

l ) Heute wie im Altertum, vergl. Curtius, Pcloponncsos II, S. 516. 



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78 



A. Philippson: 



so gut wie gar nicht vorhanden, denn es fehlt die Bewässerung, die 
in Griechenland für den Gartenbau unerläfslich ist. Schon im Altertum 
bezog Korinth seine Gartenfrüchte von der Ebene zwischen Korinth 
und Sikyon , ). 

Nach einer oberflächlichen Schätzung auf Grund meiner Karte, die 
auf Genauigkeit keinen Anspruch erheben kann, glaube ich die heu- 
tige Bodennutzung des Isthmos durch folgende Zahlen darstellen zu 
können: 

qkm % 

Äcker (einschliefslich der Brachäcker), Wein- 
gärten und Olivenpflanzungen .... 60 46J 

Buschwerk und kahle Flächen 44 34 

Kiefernwald 25 19 J 

129 100 

In tiergeographischer Beziehung ist zu bemerken, dafs der 
Isthmos jetzt die Grenze der Verbreitung des Hirsches, Rehes und Wild- 
schweines bildet, welche sich in den Gebirgen Mittelgriechenlands 
finden, im Peloponnes aber gänzlich ausgerottet sind. In der Geraneia 
sah ich selbst eine erlegte Hirschkuh und zahlreiche Spuren von Wild- 
schweinen. Dafs es übrigens im Peloponnes früher ebenfalls gröfseres 
Wild gab, erhellt aus den Zeugnissen der Alten. Vor einem Menschen- 
alter sollen noch zahlreiche Rehe und Wildschweine in dem grofsen 
Eichenwald Käpellis in Elis erlegt worden sein. Es scheint, dafe 
der schmale, meist angebaute Isthmos keine geeignete Brücke für 
Wiedereinwanderung dieser Tiere darstellt. — Es mag auch angeführt 
werden, dafs man in diesem Jahrhundert auf dem Isthmos eine Zeit 
lang, wie dies noch heute bei Amphissa geschieht, Kamele zum Waren - 
transport benutzte 2 ). 

VI. ABSCHNITT. 

Anthropogeographie. 

Erwerbsquellen, Siedelungen, Verkehrswege und deren 

Geschichte. 

'O tft KögiySoc aqyttbs ftif Hytrat ötä 
to tftnoQÜofi Ini ttp le&tt<jt xiifitvos, xai 
dvaiv Xtpivuiv xvQtog, <uy 6 piv rijf 'Aains y 
6 Ji rqs 'iralias tyyvc lariv. 

Strabo VIII. 

Der kärgliche Boden des Isthmos ist nicht im Stande, durch seine 
eigenen Erzeugnisse mehr als eine geringzähligc, ärmliche Bevölkerung 
zu ernähren. Das, was ihn zu Zeiten zu dem Sitz einer grofsen und 

») Curtius 1. c. S. 516. 

2 ) Sirahl, Das alte und das neue Griechenland. Wien 1841. S. 29. 

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Der Isthmos von Korinth. 



79 



reichen Weltstadt, zu dem Boden, auf dem eine zahlreiche, hoch civili- 
sierte Menschenmenge ein üppiges Wohlleben führen konnte, gemacht 
hat, ist seine Eigenschaft als wichtiges Passageland und damit als 
natürlicher Mittelpunkt eines bedeutenden Verkehrs, einer lebhaften 
Handelsbewegung. Zwischen zwei Meeren und zwei Ländern gelegen, 
ist er der Ort, wo zwei grofse Strafsen sich kreuzen: die Landstrafsc 
zwischen Mittelgriechenland und dem Peloponnes, die kürzeste See- 
strafse zwischen dem ägäischen und schwarzen Meer einerseits, dem 
jonischen, adriatischen und ganzen westlichen Mittelmeer andererseits, 
wo zugleich dieser letztere Weg eine natürliche Unterbrechung in dem 
die Meere trennenden Damme findet, der den Verkehr zwingt, hier vor 
dem Weiterzuge zu verweilen. Die Blüte des Isthmos steht also in 
direktem Verhältnisse zu der Gröfse der Handelsbewegung, die über 
ihn seinen Weg nimmt, und diese ist wiederum bedingt durch zwei 
Faktoren: i) durch den gröfseren oder geringeren Kulturzustand sowohl 
der umliegenden Landschaften, als auch des Isthmos selbst, 2) durch 
die allgemeine Richtung des Weltverkehrs. Der blühende Zustand 
Griechenlands mufs den Einwohnern des Isthmos die Mittel und das 
Verständnis verleihen zur Ausnutzung der günstigen Weltlage ihres 
Landes, zum Anziehen und Beherrschen des weiteren Verkehrs. W r ir 
finden daher im Laufe der Geschichte den Isthmos bevölkert, reich 
und hoch kultiviert, zu anderen Zeiten vereinsamt und verarmt, in 
gänzliche Bedeutungslosigkeit zurückgesunken. Denn seine eigenen 
Hülfsquellen sind nicht derartige, ihm, wie anderen fruchtbaren, aber 
an weniger ausgezeichneter Stelle gelegenen Landschaften Griechen- 
lands, auch in den traurigen Zeiten des Verfalls eine gewisse mittlere 
Bevölkerungszahl und eine, wenn auch bescheidene, jedoch gesicherte 
Blüte zu erhalten 1 ). Wir sehen daher in den Zeiten der Blüte die 
Ansiedelungen bedingt durch die Verkehrslage, die Bevölkerung dem 
Handel und der Industrie nachgehend — zu Zeiten des Verfalles die 
geringere Bevölkerung fast ausschliefslich vom Ackerbau ernährt, die 
Siedelungen in ihrer Lage mehr durch die Eigenschaften des Bodens 
als durch die Verkehrswege bestimmt. 

Werfen wir zunächst einen Blick auf den Verlauf dieser Strafsen 
und auf die Lage der durch sie bedingten Sicdelungen, um dann das 
Geschick sowohl der Strafsen als der Sicdelungen einer kurzen Be- 
trachtung zu unterziehen. 

Der Isthmos dient als Verbindungsstrafse zwischen dem östlichen 
Mittelgriechenland (Attika, Böotien, Phokis) und dem mittleren und 
südlichen Peloponnes (Ebene von Argos, Arkadien, Lakonien und 



*) Man sagte daher schon im Altertum: „Bald steigt Korinthos hoch hinauf, 
bald sinkt es tief" mit doppelter Anspielung auf seine topographische Lage und 
seine wechselnde Dedcutung. (Curtius 1. c. II, S. 515.) 



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80 



A. Philippson: 



Messenien). Zwischen Attika und der Halbinsel Argolis kann nie ein 
beträchtlicher Landverkehr existiert haben; man wird zu allen Zeiten 
die kurze Seefahrt über den ruhigen Golf von Ägina nach der gegen- 
über sichtbaren Küste dem mühsamen Landweg über den Isthmos und 
von dort über die äufserst beschwerlichen Kalkgebirge, welche den- 
selben von den Gebieten von Epidauros und Trözen trennen, vorge- 
zogen haben. Auch vom westlichen Mittelgriechenland nach dem west- 
lichen Peloponnes kann der Verkehr nicht die Richtung über den weit 
nach Osten entrückten Isthmos einschlagen. Dagegen zieht die übliche 
Strafse hier durch vom östlichen Teil des Festlandes nicht allein nach 
dem Binncnlande des Peloponnes, welches zu Schiffe nicht erreicht werden 
kann, sondern auch nach den beiden südlichen Küstenlandschaften, La- 
konien und Messenien, nach denen hin die Seefahrt durch den weiten 
und gefährlichen Umweg um Kap Maleas und Kap Tänaron sehr erschwert 
und verzögert wird, besonders zur Zeit noch unvollkommener und zaghafter 
Schiffahrt. Der Landverkehr bewegt sich also über den Isthmos vor- 
wiegend in der Richtung von Nordost nach Südwest und umgekehrt, 
fast gar nicht in der Richtung von Nordwest nach Südost. — Drei 
Wege führen von Nordost in den Isthmos hinein 1 ): 

1. Der Weg an der Nord- und Westseite der Geraneia, der nächste 
von Böotien und Phokis her. Als beschwerlicher Bergpfad zieht er sich 
in wildem, fast unbewohntem Terrain an den Steilabhängen des Gebirges 
über der Küste hin, kreuzt dann das Bergland der Peräa und betritt 
den Isthmos bei Lutraki. Im Altertum müssen die Verhältnisse dieses 
Weges besser gewesen sein, denn er diente öfters Heereszügen, an 
ihm befanden sich gröfsere Ortschaften, von denen besonders Pegä 
das Ziel der Eroberungspläne der Athener war, denen die Beherrschung 
dieser Strafse von höchster Wichtigkeit schien (Curtius 1. c. II, S. 552). 
Von Lutraki zieht die Strafse naturgemäfs am Strande der Bai von 
Korinth weiter nach Süden. Von Pegä bis Neu Korinth 8—9 Stunden. 

2. Der Weg über die Geraneia. Von der Wasserscheide des Isthmos 
von Megara, welche man entweder von dieser Stadt aus oder von Norden 
von Theben aus erreicht, steigt man durch eine von dichtem Kiefern- 
wald bewachsene Felsschlucht ziemlich steil hinauf zu einem Joch, Megälo- 
Dcrve'ni (etwa 750m ü. M.) östlich des Geraneiagipfels, dann am südlichen 
Gehänge desselben allmählich hinab, ferner auf der Grenze des Kreide- 
gebirges gegen das neogene Hügelland der Krommyonia über mehrere 
Bergrücken und Thäler immer durch Kiefernwald. Man betritt schliefslich 
den Isthmos in der NO-Ecke der Ebene von Lutraki. Der Weg setzt sich 
dann nach SW fort bis zur SO-Ecke der Bai von Korinth, wo er mit dem 
ersten Wege zusammentrifft. Dieser beschwerliche Saumpfad wurde fast 
nur zu Zeite n benutzt, wo die Küstenstrafsen durch die Korsaren ge- 

M Ver^l. über die Strafsermigc des Isthmos den meisterhaften Abschnitt in 
Curtius, 1. c. I, S. 7 fi*. 

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Der Isthmos von Korinth. 



81 



fährdet oder die Kakiskala durch Natur oder Kunst ungangbar gemacht 
war. Zur Türkenzeit war daher dies die übliche Strafse, heute ist sie 
fast ganz verlassen (von Mcgara bis Neu-Korinth elf Stunden). 

3. Der Weg an der Südküste der Geraneia vorbei. Von Megara 
zunächst durch den berüchtigten Kngpafs der skironischen Felsen 
(heute Kakiskala), wo die Kalkfelsen steil ins Meer abstürzen. Nach 
Uberwindung desselben hat man gar keine Schwierigkeiten mehr; 
man kreuzt die kleinen Schwemmlandebenen der Krommyonia und 
betritt den Isthmos von Osten her bei Kalamaki. Diese wichtigste 
aller drei Strafsen, an der im Altcrtumc die Orte Krommyon und Sidus 
lagen, besitzt von Megara bis Kalamaki eine Länge von acht Stunden 
(bis Neu-Korinth zehn Stunden). 

Es ergiebt sich also, dafs zwei der nördlichen Zugangsstrafscn 
auf der Westseite des Isthmos und nur eine auf der Ostseite denselben 
betreten. Wir werden gleich sehen, dafs auch dieser letztere Weg die 
Westseite aufsuchen mufs, um seine Fortsetzung nach dem Peloponnes 
zu finden. 

Nach dem Peloponnes hin führen vom Isthmos drei natürliche 
Thore: 

1. Nach Westen auf dem Küstcnlande. Dieser breite, bequeme 
Weg führt nach der peloponnesischen Nordküste und besonders nach 
der benachbarten, fruchtbaren Ebene von Kiaton, der alten Sikyonia. 
Von ihm zweigt sich nach Süden ein Weg ab, welcher durch das Thal 
des Longopotamos nach dem Becken von Kleonä und weiterhin nach 
Argos führt. Dieses Thal ist aber durch die tiefen Erosionsschluchten 
und die beständig vor sich gehende Zerstörung der weichen Neogen- 
mergel beschwerlich und für Lasttiere nicht ungefährlich zu passieren. 
Dieser Weg hat daher für den Verkehr keine Bedeutung. 

2. Nach Süden, nach Argos, Arkadien, Lakonien und Messenien zieht 
die Hauptstrafse durch das Thal, welches zwischen Oneion und Akro- 
korinth hinaufführt. Es ist die einzige Lücke, welche die südliche Gebirgs- 
mauer des Isthmos darbietet auf der Strecke vom Longopotamos bis zum 
Ostende des Oneion. Man gelangt hier hinauf zum Becken von Tenea 
(heute Chiliomodi). Hier teilen sich die Wege nach Argos. Ein kürzerer, 
aber beschwerlicherer, die alte „Kontoporeia", führt durch die enge 
Schlucht von Hagionori auf den breiten Rücken des Gebirges und auf 
der Südseite durch die kleine Ebene von Birbati und wiederum durch 
einen felsigen Engpafs zur Ebene von Argos bei dem Dorfe Chonika 
(Neu-Korinth — Argos 10 Stunden). Der längere, aber viel bequemere 
Weg überschreitet den niedrigen Rücken zum Becken von Kleonä hin 
und benutzt dann den Engpafs des Dervendki, in welchem ein Trocken- 
bach das ganze argolische Gebirge durchsetzt, sodafs die Wasser- 
scheide hier auf der Nordseite des Gebirges in dem niedrigen Becken 
von Kleonä liegt. So hat man an dieser Stelle gar keinen Gebirgskamm zu 

Zeiuchr. d. (icselUch. f. Erdk. lid. XXV. G 



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«2 



A. Phil ippson: 



überschreiten (höchste Höhe etwa 300 m) und gelangt in glcichmäfsigem 
Gefälle zur Nordspitze der argivischen Ebene am Fufse der Burghöhe 
von Mykenä (Neu-Korinth Argos nj Stunden). — Diese beiden Zu- 
gangsstrafsen von West und von Süd betreten ebenfalls die West- 
seite des Isthmos, und zwar an der Südostecke der Bai von Korinth. 
Als dritte mögliche Verbindung bleibt nun noch übrig: 

3. Der Weg am Ostende des Oncion, zwischen diesem und dem 
Äginctischen Golf, ein enger Küstenpafs. Er führt, zwischen Fels und 
Meer eingeengt, an den Bädern der Helena vorbei in die kleine Ebene 
der Solygeia (heute von Galataki). Von hier kann man nach W über 
Neogenhügel Tenea und so wieder die andere Strafse nach Argos er- 
reichen — ein unnützer und beschwerlicher Umweg, der für den fried- 
lichen Verkehr gar nicht, höchstens für strategische Umgehungen in 
Betracht kommt — oder aber man wendet sich nach SO zu den hohen 
Kalkplateaus hinauf, um über dieselben in höchst beschwerlichem Marsch 
nach Epidauros zu gelangen. Wir haben oben auseinandergesetzt, 
warum der Landverkehr in dieser Richtung nur sehr gering sein kann. 

Es erhellt also hieraus, dafs auch die dritte nördliche Zugangs- 
strafse von Kalamaki aus, um nach dem Inneren des Peloponncs und 
nach dessen Nordküste weiterzuziehen, die westliche Seite des Isth- 
mos und zwar die Südostecke der Bucht von Korinth zu erreichen 
suchen mufs. 

Wir haben also gesehen, dafs in dieser Gegend an der Südostecke 
der Bucht von Korinth alle Landstrafsen des Isthmos von der Natur 
selbst zusammengeführt werden. Ist dies nun mit dem Seeverkehr 
ebenfalls der Fall? 

Es handelt sich bei der Richtung, die der Seeverkehr über den 
Isthmos einschlagen mufs, naturgemäfs darum, Personen und Waren 
auf dem kürzesten und bequemsten Wege von einer geeigneten Lande- 
steile an der Ostküste zu einer eben solchen der Westküste und um- 
gekehrt zu bringen. 

Auf der Ostseite bieten sich als natürliche Häfen, wie oben er- 
wähnt, die zwei einander ähnlichen Buchten von Kenchreä und Kala- 
maki dar. Von der ersteren ist der nächste Punkt des westlichen 
Meeres, wiederum die Südostecke der Bai von Korinth, 8 km entfernt. 
Auf dieser direkten Linie liegen aber bedeutende Terrainhindernisse, 
besonders die von uns als „Plateau von Isthmia" bezeichnete Scholle. 
Der Weg mufs sich also südlicher halten, in dem Thal von Kenchreä 
aufwärts ziehend bis zur Fläche von Hexamilia; von dort kann er be- 
liebig die Gegend von Neu- oder von Alt- Korinth erreichen. — ■ Von 
der Bucht von Kalamaki aus ist ebenfalls wieder die Südostecke der 
Bai von Korinth, speziell die Stelle des heutigen Posidonia, der nächst 
erreichbare Punkt des westlichen Meeres, kaum 6 km entfernt; der Weg 
dorthin hat entweder den ziemlich steilen Scheiderücken des Isthmos 



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Der Isthmos von Korinth. 



83 



zu übersteigen, oder er kann sich bequemer etwas südlicher halten an 
den Ruinen des alten Isthmos vorbei. So ist als natürlicher Anlege- 
platz des Westens durchaus die Gegend der Südostecke der Bucht von 
Korinth prädestiniert, und zwar allein durch die Nähe der östlichen 
Häfen, da es ja an dieser Westküste keine von der Natur besonders 
als Hafen gestaltete Örtlichkeit giebt. Die Nordostecke der Bucht 
bei Lutraki ist von Kalamaki nicht nur um mehr als i km weiter ent- 
fernt, sondern man hat auf dieser Linie aufser dem Scheiderücken des 
Isthmos noch zwei flache Hügelrücken zu überschreiten. Trotzdem hat 
auch sie zeitweise als Verkehrsweg gedient, aber nur in Zeiten des Ver- 
falles des Handelsverkehrs, als Lechäon aufgehört hatte zu existieren 
und Neu-Korinth noch nicht errichtet war. Für den Verkehr mit Ken- 
chreä kommt sie natürlich gar nicht in Betracht. 

So laufen also alle Adern des Verkehrs in der Gegend an der 
Südostecke der Bai von Korinth, an den beiden Eingangsthoren des 
Peloponnes, zwischen Akrokorinth und Oneion und zwischen ersterem 
und dem Meere, zusammen. Sobald daher der Kulturzustand von 
Hellas sich so weit aus seinen Uranfängen heraus fortentwickelt hatte, 
dafs der Verkehr bedeutenderen Umfang annahm, mufste sich hier ein 
gröfseres Gemeinwesen entwickeln, das von der Vermittelung dieses 
Verkehrs lebte. — Die erste einheimische Bevölkerung waren Jonier 1 ), 
die unter „äolischen" Königen ihr uraltes Poseidonheiligtum auf dem 
Isthmos besafsen. Als ihre Hauptstadt wird Ephyra genannt. Man 
weifs nicht, ob dieselbe an der Stelle des späteren Korinth lag. Vielleicht 
war sie die Vorgängerin des späteren Ortes Isthmos, der das Poseidon- 
heiligtum besafs und an welchem die isthmischen Spiele gefeiert 
wurden. Wenigstens macht eben das Vorhandensein der uralten Kul- 
tusstätte diesen Zusammenhang denkbar, und in dieser ältesten Zeit, 
wo die Isthmier noch nicht von der Ausbeutung des Handelsverkehrs 
leben konnten, war auch die Lage des Hauptortes noch nicht durch 
die Verkehrslage notwendig bedingt. Die Ruinen des für den Verkehr, 
abgesehen von den Messen der isthmischen Spiele, stets bedeutungslos 
gebliebenen Isthmos liegen kaum i km südwestlich des heutigen Isth- 
mia. Diejenigen, die am Isthmos zuerst des Handels halber sich auf- 
hielten, waren die Phönizier; sie betrieben aber wohl weniger Durch- 
gangshandel, als lokalen Tauschhandel; aufserdem aber führten sie die 
Purpurfischerei im äginetischen Golf und im Zusammenhange damit die 
Weberei und Färberei auf dem Isthmos ein, Industrien, die hier bis in 
das späte Mittelalter hinein in hervorragendster Weise blühten. Viel- 
leicht waren die Phönizier auch, wenn nicht die Gründer, so doch die 
Namengeber Korinths*), einer Stadt, die zum ersten Male in den dori- 

») Vergl. zu diesem Abschnitte Curtius und Bursian an den angef. O.^und die 
dort angegebenen Quellen. 

-) Kiepert, Alte Geographie S. 174, Anm. ^. 

6* 



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A. Philippson: 



seilen Wanderungen in den Vordergrund tritt. Sie wurde damals von 
Doriern besetzt und das ganze Land dorisiert. Bei diesen Zügen mufste 
zum ersten Male die Bedeutung unseres Gebietes als Durchgangsland 
so recht hervortreten. Ks ist klar ersichtlich, dafs dann eben keine 
andere Stelle, als die des alten Korinth, zur Hauptstadt des Gaues 
mehr geeignet war. Denn innerhalb jenes kleinen Raumes, in dem die 
Strafsen sich verknoten, war nur diese eine Stelle zur Stadtanlage ge- 
eignet. — Unmittelbar am Meere gründete man damals sehr ungern 
eine Stadt aus Gründen der Sicherheit. Fast alle bedeutenderen Städte 
von Hellas liegen daher in einiger Entfernung vom Meere, an welchem 
man nur eine Art Vorstadt oder Hafenniederlage unterhielt (z. B. Athen, 
Megara, Argos u. s. w.). So auch Korinth. Das reichliche Qucllwasser 
lud zur Niederlassung ein; vor allem aber der zur Festung wie geschaffene 
Felsklotz Akrokorinthos, der sowohl den westlichen wie den südlichen 
Zugang zum Isthmos beherrschte. Auf seinem Gipfel errichtete man die 
burgartige Oberstadt, während am Nordfufse desselben, auf den flachen 
Neogenschollen, die in ihren Steilrändern passende Verteidigungslinien 
boten, sich die Unterstadt ausdehnte, der Hauptsitz der städtischen 
Bevölkerung. Auch die Unterstadt war wohl befestigt. 

Diese Stadt, die nun den bei steigender Kultur des hellenischen 
Volkes immer reger sich entspinnenden Verkehr auf dem Isthmos in 
ihren Händen hatte, entwickelte sich bald zu ungemeiner Blüte. Nicht 
blofs wurde sie der erste Marktplatz des Peloponnes und die Ver- 
mittlerin zwischen diesem und Mittelgriechenland, sondern auch ein 
ungemein reger überseeischer Handel griff hier Platz. Seine Blütezeit er- 
lebte Korinth unter dem Geschlecht des Kypselos, besonders unter 
dem geistvollen Tyrannen Periander (um 600 v. Chr.). Damals strebten 
die hellenischen Kolonien am Pontus wie im westlichen Mittelmeer 
munter auf, und in hellenische Hände gelangte der Welthandel und 
der Weltverkehr. Zwischen den östlichen und westlichen Kolonien 
mufste aber das Mutterland vermitteln und in diesem war wiederum 
Korinth die dafür günstigst gelegene Stadt. Denn über den Isthmos 
führte der kürzeste und sicherste Seeweg zwischen Ost und West. Im 
ganzen Altertum war ja die Schiffahrt durchaus eine Küsten- und Golf- 
schiffahrt ; man fürchtete die stürmische Umfahrung des Kap Maleas so 
sehr, dafs man dagegen die lästige Umladung am Isthmos für eine ge- 
ringe Mühe hielt. Hier entwickelte sich aufserdem eine reiche Industrie, 
besonders in Weberei und Färberei, welche letztere besonders auf der 
Purpurschneckenfischerei im Äginetischen Golfe fufste. Dazu kam noch 
die hohe politische Bedeutung, die Korinth gewinnen mufste durch 
seine wichtige strategische Lage, als Schlüssel des Peloponnes, durch 
seine mächtige Festung und die reichen Hülfsquellen, die ihm seine 
Reichtümer boten. So gewann denn der Isthmos in den Jahrhunderten 
vor den Perserkriegen völlig das Gepräge eines Welthandelsplatzes. 



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Der Isthmos von Korinth. 



85 



Wir kennen keine Ansiedlung hier im Altertum, deren Lage und Be- 
deutung nicht durch diesen Handel bedingt wäre. Neben Korinth selbst 
und dem alten Heiligtum zu Isthmos liegen nur noch Hafenstädte auf 
dem Isthmos. — Von der Stadtbefestigung der Kapitale zogen sich zwei 
parallele lange Mauern bis zum nächsten Küstenpunkte hinab, und dort 
befand sich der Hafenort für das westliche Meer, Lechäon 1 ). So war 
dieser mit in die Befestigungslinie der Stadt hineinbezogen, der west- 
liche Zugang zum Isthmos gänzlich abgesperrt. Lechäon selbst besafs 
nur eine geringzählige Einwohnerschaft Sein Hafen war künstlich aus- 
gegraben und ist noch heute als sumpfige Lagune erhalten. An der 
Nordostecke der Bucht, an Stelle des heutigen Lutraki, befand sich 
der Ort Therma, der aber völlig bedeutungslos war und von den Alten 
kaum erwähnt wird. Als wichtigster Hafen des östlichen Meeres diente 
Kenchreä 2 ), nach welchem von Korinth aus eine befestigte Strafsc führte. 
Dieser natürliche Hafen war noch durch mächtige Kunstbauten ver- 
bessert, von denen noch heute Reste erhalten sind. Er war der 
Anlegeplatz für alle Personen und Waren, welche vom östlichen Meere 
nach Korinth hinaufgeschafft werden sollten, denn er liegt der Stadt 
um 2 km näher, als Schoinus. Er besafs, wie aus der Beschreibung 
des Pausanias hervorgeht, wohl eine gröfsere Einwohnerzahl als Le- 
chäon, was ja leicht erklärlich ist bei der gröfseren Entfernung von 
Korinth. — Von dem zweiten Hafen der Ostseite, Schoinus, führte 
ebenfalls ein Weg nach Korinth, welcher mit dem von Kenchreä bei 
dem heutigen Hexamilia zusammentraf. War Kenchreä für den Verkehr 
nach und von der Hauptstadt günstiger gelegen, so hatte Schoinus den 
Vorzug, an der schmälsten Stelle des Isthmos zu liegen. Es diente 
daher vorzugsweise dem direkten Transitverkehr zwischen beiden 
Meeren, welcher Korinth nicht berührte; außerdem war es der Anlege- 
hafen für den Festplatz der isthmischen Spiele. Hier war auch der 
naturgemäfse östliche Endpunkt des „Diolkos", jener Fahrbahn, auf 
welcher man mit leider nicht näher bekannten maschinellen Einrich- 
tungen kleinere Schiffe und Schiffsladungen über den Isthmos zog. Dafs 
gröfsere Fahrzeuge diese Bahn nicht benutzen konnten, geht aus einer 
Stelle des Plinius hervor (H. N. IV, 5). Wann die Bahn erbaut wurde, 
läfst sich nicht fesstellen; zuerst erwähnt Thukydides (VIII, 7) das 
Überführen von Schiffen über den Isthmos im peloponnesischen Kriege. 
(Andere Stellen: Polybius IV, 19; V, 101; Strabo VIII, 335, 380). Phi- 
lipp III. von Macedonien setzte einen Teil seiner Flotte hier über. Das- 
selbe that später Octavian nach der Schlacht bei Actium. Merkwürdiger 
Weise erwähnt Pausanias weder den Diolkos noch den Ort Schoinus. 
Noch bis tief in das Mittelalter hinein blieb der Diolkos in Betrieb. Im 



») Strabo VIII p. 380: rtQog J* rovg h rijg 'inzlUts iw /#/«i\t> f^oa>iT«i). 
*) ebenda : jovnp fiiv olv xQtSvwt nQog iovs Ix rtjs 'Aaiag. 



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86 



A. Philippson: 



Jahre 883 n. Chr. setzte der griechische Admiral Niketas Oryphas seine 
Flotte über den Isthmos, um einen Angriff der Sarazenen abzuwehren 
(Georg Phrantzes I, p. 96). Die letzte Kunde von ihm vernehmen wir 
aus der Mitte des 12. Jahrhunderts 1 ), so dafs es scheint, dafs er in der 
Zeit der Eroberung durch die Franken zu Grunde ging. — Während 
als sein östlicher Endpunkt von Strabo Schoinus *) genannt wird, bleibt 
sein westlicher Endpunkt unerwähnt. Curtius (II, S. 545) nimmt an, dafs 
er bei Therma (Lutraki) gelegen habe. Das scheint mir aber wenig 
wahrscheinlich, denn Lutraki bietet kaum mehr Schutz für ankernde 
Schiffe als irgend ein anderer Punkt der westlichen Küste; von Schoi- 
nus nach Lutraki aber hätte die Fahrbahn den steilsten und höchsten 
Teil des Isthmosrückens und aufserdem noch zwei niedrigere Hügel 
zu überschreiten gehabt, aufserdem ist der Weg eine gute Strecke 
weiter als nach dem nächsten Punkte des westlichen Meeres. Diesen 
wird aber der Diolkos wohl auf dem kürzesten Wege erstrebt haben, 
vielleicht mit einer leisen Ausbiegung nach Süden, indem man ihn an 
dem steilen Abhang des Isthmos bei Schoinus entlang in einer Rampe 
allmählich aufsteigend hinaufführte, ähnlich wie heutzutage die Eisen- 
bahn; der Diolkos wird dann die andere Küste etwa zwischen dem 
heutigen Posidonia und Neu Korinth erreicht haben. Bei der grofsen 
Nähe von Lechäon war ein eigener Hafenplatz hier kaum nötig 3 ). 

Neben der Bedeutung des Isthmos für den friedlichen Verkehr 
spielt er auch eine grofse Rolle in den kriegerischen Ereignissen 
aller Zeiten, selbst dann noch, wenn der Verkehr ihn fast verlassen 
hat. Schon im Altertum war er die Brücke, über welche die feindlichen 
Invasionen in den Peloponncs eindrangen und wiederum das Ausfalls- 
thor der Peloponnesier gegen Mittelgriechenland. Die Peloponnesier 
sahen in ihm den Schlüssel ihrer grofsen Burg, das Bollwerk ihrer 
Freiheit. An ihm versammelten sich ihre Heere bei drohender Gefahr, 
ihn suchten sie zu wiederholten Malen zu befestigen. 

Er bietet drei natürliche Verteidigungslinien, eine hinter der anderen, 
dar: 1) die Geraneia mit dem skironischen Engpafs, 2) die schmälste 
Stelle des Isthmos, 3) die Linie von Akrokorinth und des Oneion. 
Bald die eine, bald die andere dieser Linien suchte man im Laufe der 
Geschichte durch Schanzen abzusperren. Den skironischen Engpaß» 
versuchten die Peloponnesier nach der Kunde von der Schlacht an den 

I) Hertzberg, Gesch. der Byzant. Allgem. Gesch. in Einzeldarstell. Bcrliu 1883. 

S. 306. 

a ) Polybius V, 10 1 spricht von der Übersetzung der Schiffe von Kenchreä 
nach Lechäon, damit ist aber wohl nur gemeint von dem Meere von Kenchreä nach 
dem Meere von Lechäon, indem man die beiden Busen nach den bedeutendsten 
Hafenplätzen nannte. 

s ) Über die Versuche der Durchstechung des Isthmos s. S. ir. Da sie zu 
keinem thatsächlichen Ergebnisse führten, seien sie hier übergangen. 



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Der Isthmos von Korinth. 



87 



Thermov>ylen durch Verschüttung unwegsam zu machen. Auch die 
erste Isthmosmauer, welche an seiner engsten Stelle von Meer zu Meer 
zog, wurde in den Perserkriegen errichtet, verfiel aber bald wieder 1 ). 
Jm Jahre 368 wurden neue Verschanzungen dort angelegt. Die oneii- 
schen Pässe und die langen Mauern von Lechäon waren in den 
korinthischen und thebanischen Kriegen 2 ) und im kleomenischen 
Kriege ein Gegenstand entscheidungsreicher Kämpfe. Die Entstehungs- 
zeit der jetzt noch in ihren Resten erhaltenen Mauer, welche mit treff- 
lichster Benutzung des Terrains sich quer Uber den Isthmos zieht 
(s. Karte), ist nicht bekannt. Sic wurde zu wiederholten Malen er- 
neuert, so beim Einfall der Gallier in Griechenland (280 bis 279 
v. Chr.). 

Eine Reihe von schweren Schlägen verursachten den Niedergang 
Korinths. Schon in dem peloponnesischen Kriege vorbereitet, wurde 
derselbe am meisten durch den korinthischen Krieg gefördert. Zwischen 
den mächtigen Rivalen Sparta und Athen, später Theben, in der Mitte 
liegend und bald dem einen, bald dem anderen Heeresfolge leistend, 
verlor es seine Seemacht. Freilich seine Bedeutung als Festung hat 
es stets behalten 3 ), Industrie und Handel blühten noch weiter und es 
war noch immer eine grofse, glänzende und üppige Stadt, die Mummius 
bis auf den Grund zerstörte (146 v. Chr.). Dies Ereigniss bezeichnet 
das Ende der ersten Blüteperiode des Isthmos, der nun ein Jahrhundert 
lang verödet blieb. 

Von Julius Cäsar als römische Kolonie wieder aufgebaut, ent- 
wickelte sich Korinth wieder zu einiger Blüte, Verkehr und Industrie 
hoben sich von neuem und die Stadt wurde noch einmal in den Stand 
gesetzt, die für sie so günstigen Verkehrsbedingungen des Altertums aus- 
zunutzen. Sie wurde bald wieder eine der ersten Städte und das politische 
Centrum Griechenlands. Hadrian begünstigte sie besonders und liefs eine 
Fahrstrafse durch die Kakiskala bauen. Beim Zerfall des römischen 
Reiches begann aber eine neue Zeit endloser Gefahren und Bedräng- 
nisse für das in kriegerischen Zeiten so sehr ausgesetzte Land. Jede 
anstürmende Barbarenhorde, welche in den Peloponnes eindrang, 
mufste ja erst den Isthmos durchziehen. Seine militärische Bedeutung 
trat jetzt wieder in den Vordergrund, während der Verkehr zum zweiten 
Male sank, der Wohlstand durch die endlosen Plünderungen schwer 
litt. Unter Valerian wurde die Isthmosmauer gegen die drohenden 
Einfälle der Gothen wieder hergestellt. Einige Jahre später jedoch 
(267) nahmen die Barbaren dieses Bollwerk und die Stadt Korinth 



1 ) Curtius 1. c. I, S. 14. 

2 ) Leake, Morca III, S 255 ff. 

3 ) Die beiden Hörner Akrokorinth und Iihomc, an denen man den wider- 
spenstigen Stier Peloponnes hallen müsse. Strabo Vllf, 361. 



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A. Philippson: 



ein, welche sie furchtbar verwüsteten. Zum zweiten Mal fiel Korinth 
in die Hände der Gothen unter Alarich 396. Bei diesen schrecklichen 
Kriegsstiirmen drängte sich die ländliche Bevölkerung in die Seestädte 
zusammen; das Land blieb verödet. In den Städten selbst griffen 
Armut und Verfall immer mehr um sich. Griechenland versank in 
Bedeutungslosigkeit; was noch an griechischem Geistesleben fortblühte, 
konzentrierte sich mehr und mehr in Konstantinopel. Immerhin diente 
auch jetzt noch der Isthmos als nächste Verbindungsstrafse der Metropole 
mit dem Westen, wie ja auch die Fortexistenz des Diolkos noch das 
Vorhandensein einigen Verkehrs bezeugt. Es waren also immer noch 
die Bedingungen einer, wenn auch bescheidenen Blüte, vorhanden. 
Korinth blieb bis zur Aufrichtung der Frankenherrschaft der Sitz der 
Verwaltung des ganzen Peloponnes. Die Vandalen plünderten nur 
die griechischen Küsten aus, sonst erfreute man sich nach den 
Gothenstürmen in Hellas anderthalb Jahrhunderte der Ruhe, bis 540 
die Slaven bis zum Isthmos plündernd vordrangen. Justinian liefs die 
Isthmosmaucr und die Befestigungen Korinths erneuern, immer ein 
Zeichen drohender Gefahr für den Peloponnes. Dennoch drangen 
588 oder 589 die Slaven und Avaren durch die Festungslinie hin- 
durch in den Peloponnes ein. Von der Mitte des 7. Jahrhunderts 
begannen dann von neuem die Einfälle der Slaven, besonders seit der 
Mitte des 8. Jahrhunderts, nachdem eine grofse Pest die Griechen 
dezimiert hatte. Sie nahmen und plünderten Korinth, dafs jedoch bald 
wieder in griechische Hände zurückfiel. Die Slaven bevölkerten nun 
den furchtbar verödeten Peloponnes und wurden bald von den griechi- 
schen Küstenstädten aus christianisiert und gräzisiert. So entstand ein 
neues Mischvolk, welches die Sprache und die meisten Sitten von den 
Griechen annahm: die Neugriechen. Durch die Slaven war ein neues, 
kräftiges Element in das gealterte Griechenland eingedrungen; das 
ganze Land hob sich durch sie von neuem. Die Äcker wurden wieder 
bebaut; es bildete sich eine landbesitzende Aristokratie im Lande aus; 
Handel und Wandel erstarkten. Auch Korinth nahm an diesem er- 
neuten Aufschwünge teil; es sah eine dritte Blütezeit, der Isthmos 
belebte sich noch einmal Ein Angriff der Araber wurde hier siegreich 
abgewiesen. Nur einmal, 096, drangen die Bulgaren über den Isthmos, 
mufsten aber bald den Rückzug antreten. In einer langen Friedens- 
zeit wurde Korinth abermals eine lebhafte Industrie- und Handelsstadt, 
besonders durch seine Scidenfabriken und Färbereien ausgezeichnet. 
Im Jahre 1147 von Georg, dem Admiral des Normannenkönigs Roger 
von Sicilien eingenommen und zerstört, ebenso wie das noch reichere 
Theben, und obwohl zahlreiche Einwohner nach Sicilien geschleppt 
wurden und ihre Seidenindustrie dorthin verpflanzten, erholte sich 
Korinth von neuem. 

Unter der wohlthätigen Regierung des Kaisers Manuel Komnenos 



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Der Isthmos van Korinth. 



.SO 



erfreute sich das gesamte Altgrieclienland eines gedeihlichen Zustandes, 
freilich war es das letzte Aufflackern des Lebens vor dem gänzlichen 
Verloschen. Unter den schlechten Regenten, die nun folgten, litt das 
Land entsetzlich unter fiskalischer Raubwirtschaft; die verderblichen 
Latifundien breiteten sich immer mehr aus; das Lehnswesen gewann 
an Boden, in den Städten die Fehden der Patrizierfamilien. Hand in 
Hand damit öffentliche Unsicherheit, Faustrecht, Plünderung der Küsten 
durch genuesische und andere Korsaren. So eroberte der neuerstan- 
dene Baron Leo Sguros von Nauplia (der „Wolf von Argolis") im 
Jahre 1202 Korinth und verleibte es seiner unabhängigen Herrschaft 
ein. Die französischen Ritter fanden daher den Boden Griechenlands 
für eine schnelle Einnahme vorbereitet. Nach dem Falle Konstantia 
nopcls eroberten sie im Sturme fast den ganzen Peloponnes und 
gründeten dort das Lehensfürstentum Achaja. Korinth war jedoch 
einer der wenigen Plätze, wo sich das Griechentum noch einige Jahre 
hielt 1 ). Sguros verteidigte es (1205) tapfer gegen den König Bonifacio 
von Thessalonich. Dann kam es an den griechischen Fürsten Michael 
von Epirus. Erst 121 2 eroberte Villehardouin die Unterstadt für das 
fränkische Fürstentum, während die Burg erst 1247 diesem einverleibt 
wurde. 

Im Anfange gestalteten sich die Verhältnisse unter den fremden 
Rittern nicht ungünstig; sie behandelten die griechischen Unterthanen 
mit Rücksicht und unterliefsen jede Bedrückung derselben. Als aber 
durch Rückeroberung Konstantinopels und Lakoniens durch die Griechen 
die nationale Feindschaft sich noch mehr verschärft hatte, änderte sich 
dies Verhältnis völlig. Zugleich verheerten beständige Grenzfehden 
zwischen den Griechen in Lakonien und den Franken, sowie der 
letzteren unter sich das Land auf schreckliche Weise. Unter der 
Herrschaft der Anjous griff schliefslich eine völlige feudale Anarchie 
in der unglücklichen Halbinsel Platz; ein gröfserer Handelsverkehr 
zu Lande wurde unmöglich; die türkischen Korsaren begannen die 
Küsten zu plündern und ungezählte Menschen in die Sklaverei zu 
schleppen, der schwarze Tod richtete grausige Verheerungen an (1348). 
Die beständigen Seekriege zwischen Genua und Venedig wurden haupt- 
sächlich durch gegenseitiges Wegkapern der Handelsschiffe geführt. 
Der Seehandel, und mit ihm die Frequenz des Isthmos, mufsten furcht- 
bar darunter leiden. 

Korinth fiel schliefslich (1358) in die Hände des florentinischen 
Geschlechtes Acciajuoli, das hier eine gröfsere Baronie gründete. 
Nach dem Vorgang des griechischen Despoten von Lakonien berief 
Nerio Acciajuoli von Korinth Ende des 14. Jahrhunderts zahlreiche 

») In dem zeitgenössischen Gedichte: „Buch der Eroberung Romanias und 
Morcas" wird Korinth als die stärkste Festung Moreas gepriesen. (Buchon, Recherch. 
bist, sur la prineipaute franc. de Moree II. Paris 1845. P- 55^- 



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00 



A. Philippson: 



albanesische Kolonisten aus Thessalien in sein durchaus entvölkertes 
Land. Die allmähliche Einwanderung derselben dauerte ein halbes Jahr- 
hundert. Aus jener Zeit stammt aller Wahrscheinlichkeit nach die alba- 
nesische Bevölkerung, die wir heute am Isthmos finden; die geringen 
Reste der griechischen, bezüglich gräcoslavischen Bevölkerung, die hier noch 
vorhanden waren, wurden völlig von den neuen Ankömmlingen unterdrückt. 
Von jetzt an herrscht die albanesische Sprache auf dem Isthmos. 138 1 
dringen navarresische Söldnerscharen verheerend über den Isthmos in 
den Peloponnes ein. 1385 erobert Nerio Acciajuoli von Korinth das 
Herzogtum Athen; Korinth aber übergab er dem Paläologcn Theodor, 
dem Fürsten des griechischen Teils von Morea, als Mitgift seiner 
Tochter 1395 , sodafs nun der Isthmos wieder in griechische Hände 
kam. Im selben Jahre führen die Wirren im Peloponnes zum ersten 
Male türkische Scharen über den Isthmos. Dies veranlafst alle kleinen 
Staaten der Halbinsel zum Bündnis gegen den schrecklichen Feind 
und man errichtet noch einmal die alten Verschanzungen auf dem 
Isthmos, das sog. Hexamilion (Sechsmeilen). Doch 1397 werden die- 
selben von 50000 Türken überrannt, die nun die Halbinsel schreck- 
lich verwüsten, jährlich ihre Raubzüge erneuern und die Fürsten in 
Tributpflichtigkeit halten. Kin kurzes Intermezzo war für das viel ge- 
plagte Korinth die Herrschaft der Rhodiser-Ritter (1400—1404). 1415 
wurden die Isthmosschanzen von Kaiser Manuel von neuem aufgerichtet, 
aber 1423 durchbrachen die Türken unter Turachan abermals die 
Schanzenkette und verheerten den Peloponnes. 1428 werden die 
Schanzen von Konstantin Paläologos abermals hergestellt. Durch die 
beständigen Fehden der Franken begünstigt, gelingt es 1430 den 
Paläologen, den Resten der fränkischen Herrschaft ein Ende zu machen 
und noch einmal den ganzen Peloponnes in griechische Hände zu 
bringen; aber sie teilen ihn in zwei Fürstentümer, die sicli häufig be- 
fehden. Konstantin Paläologos bessert 1444 c ^ as Hexamilion wieder 
aus. 1446 werden die Türken durch innere Streitigkeiten von neuem 
nach Griechenland gerufen; sie beschiessen die Schanzen des Isthmos, 
nehmen sie ein, verwüsten den Peloponnes unbeschreiblich und machen 
die Paläologen zu Vasallen des Sultans. Dasselbe wiederholt sich 
1451 und 1452. Die thörichte Tributweigerung der Paläologen führte 
endlich Sultan Mohammed selbst mit grofsem Heere in ihr Land (1458). 
Akrokorinth wird blockiert, dann am 6. August nach erfolgreicher Be- 
schiefsung an die Türken übergeben, zahlreiche Einwohner als Sklaven 
davongeschleppt. Von nun ab bleibt die Burg in türkischen Händen, 
wenn auch der Krieg von den Griechen noch mit äufserster Zähigkeit 
geführt wird, und nun auch die Venetianer kräftig eingreifen. Beide 
vereint erringen noch einmal bedeutenden Erfolg im Jahre 1463; die 
Türken werden auf Akrokorinth eingeschlossen, das Hexamilion er- 
neuert. Aber dieser Erfolg war ein schnell vorübergehender. Im Jahre 




Der Isthmos von Korinth. 



01 



1479 wurde der Friede geschlossen, der den ganzen Peloponnes bis 
auf Modon, Koron, Navarino, Monemvasia und Navplion, welche den 
Venetianern verblieben, dem türkischen Reiche einverleibte. 1540 
fielen auch diese Städte den Türken anheim. 

Die traurige Anarchie, die beständigen mit den scheufslichsten 
Greueln geführten Kriege und die völlige Entvölkerung während der 
zwei Jahrhundertc der fränkischen Feudalherrschaft 1 ) hatten dem letzten 
Reste der griechischen Kultur auf dem Isthmos ein Ende bereitet. 
Anstatt der Hellenen und Gräcoslaven hatte sich ein wildes Hirtenvolk, 
die Albanesen, angesiedelt, die für den Handel kein Verständnis be- 
safsen. Sie wandten sich ausschliefslich dem Ackerbau und der Vieh- 
zucht zu. Der Binnenhandel in dem entvölkerten und verwilderten 
Lande hatte fast aufgehört. Die entsetzlichen Türkenkriege vollendeten 
den völligen Ruin des Landes. 

War also während des 13. bis 15. Jahrhunderts der Binnenverkehr 
gänzlich herabgekommen, so kam dazu, dafs gerade zu derselben Zeit 
auch der Transithandel auf dem Isthmos so gut wie eingestellt wurde, 
da der Welthandel andere Bahnen einschlug. 

Der Verkehr des Occidents mit den Ländern des Archipels und 
des Pontus hatte an Frequenz bedeutend nachgelassen. Durch die 
Verwüstungen der Mongolen und Türken, und unter der alles Leben 
erstickenden Herrschaft der letzteren hatten die vorderasiatischen und 
Balkanländer an eigener Produktion gewaltig eingebüfst; zugleich sank 
Konstantinopel und verlor seine Eigenschaft als Übermittlcrin der 
Waren Innerasiens nach Europa. Diese letzteren schlugen südlichere 
Wege ein, und nun begann bald der indische Handel, der seinen Weg 
über Ägypten und um Afrika herum nahm, an die Stelle des früheren 
Levantehandels zu treten. Aber nicht nur hatte der Handel nach den 
Ländern des ägäischen Meeres sehr verloren, sondern er nahm nun 
einen anderen Weg, der den Isthmos nicht mehr berührte. 

Zuerst hatten die kühnen nordischen Wikinger den Völkern ge- 
zeigt, dafs man auch auf offenem Meere den Elementen trotzen könne. 
Im Mittelmeer hatten dann die Kreuzzüge und die durch sie veran- 
lafsten grofsen Seeexpeditionen und die den kriegerischen Unterneh- 
mungen folgenden ausgedehnten Handelsbeziehungen der italienischen 
Seestädte die Schiffahrt von dem ängstlichen Haften an der Küste und 
dem Aufsuchen möglichst geschützter Golfe und Buchten losgelöst. 
Man gewöhnte sich immer mehr daran, mit den grofsen Galeeren die 
direkten Linien über das offene Meer hin der zeitraubenden Küsten- 
fahrt vorzuziehen. Dazu kam noch am Ende des Mittelalters die Ver- 



•) Vergl. den Klagebrief der Korinther an Robert Acciajuoli (1358) bei 
Buchon, Rechcrches nouv. sur la prineipaute franc. de la Morde, Paris 1843. l > T > 
pag. 103. 



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02 



A. Philipp so n : 



Breitling des Kompasses. So zog sich der Handelswcg nach und von 
dem ägäisehen und schwarzen Meere vom Isthmos weg, man fürchtete 
jetzt weniger die Umschiflung Maleas und Tänarons, als das Passieren 
des Isthmos bei den dort herrschenden unsicheren Zuständen. Über- 
dies war auf dem neuen Wege ein anderes, in den unruhigen Zeiten viel 
gesicherteres Handelscentrum entstanden in der unvergleichlich fest 
gelegenen Inselstadt Monemvasia, welche unter dem Schutze der mäch- 
tigen Republik Venedig die Erbschaft Korinths als Vermittlerin des 
Levantehandels nach den Westländern angetreten hatte. 

Diese drei Gründe, i) der rohe Zustand, in welchen der Isthmos 
und Griechenland überhaupt verfiel, 2) der allgemeine Niedergang der 
Länder um den Archipel und den Pontus, der Niedergang und schliefs- 
liche Fall Konstantinopels und das Aufhören seiner Verbindungen mit 
Inncrasien, daher Verschiebung des Welthandels; 3) die Entwickelung 
der Schiffahrt auf hohem Meere und daher leichtere Umfahrung des 
Peloponnes — sind es, welche dem Isthmos schon zur Zeit seiner end- 
gültigen Kinnahme durch die Türken jede weiterreichende Bedeutung 
genommen hatten. Dafs die türkische Herrschaft nicht geeignet war, 
diese Bedeutung wieder zu erhöhen, liegt auf der Hand. Die Türken 
verstanden nur, das Land rücksichtslos auszupressen; für Hebung der 
Bevölkerung, für Entwickelung der natürlichen Hülfsquellen thaten sie 
nichts. Öffentliche Sicherheit gab es nicht, sondern Räuberei im 
Innern, Korsarentum an den Küsten, sowohl von Seiten der Einheimi- 
schen, wie der Fremden. So landeten 161 1 maltesische Galeeren in 
der Bucht von Kenchreä; die Franken erstürmten und plünderten Korinth 
und nahmen 500 Gefangene hinweg 1 ). Mit ganz Griechenland sinkt daher 
nun der Isthmos auf die Stufe eines weltvergessenen, von wenigen rohen 
und nur von den Früchten ihres dürftigen Bodens lebenden Menschen 
bewohnten Erdenwinkels herab. Der geringe Handelsverkehr des Pelo- 
ponnes mit Europa zog sich während der türkischen Herrschaft nach 
Patras, das vor Korinth die gröfscre Nähe zu Europa voraus hat. 
Auch der politische Mittelpunkt des Peloponnes wird von Korinth fort- 
gelegt. Schoinus und Lcchäon scheinen schon am Ende des Mittelalters 
jede Bedeutung verloren zu haben, wenigstens wird von G. Phrantzes 
nur immer Kenchreä erwähnt. Jedoch existierten Kenchreä und Lechäon 
noch 1458. (Fallmerayer, Morea p. 372). — Merkwürdig ist, dafs unter der 
zwei und einhalb Jahrhunderte dauernden Herrschaft der Türken das 
Griechentum eine wichtige Eroberung machte. Die in Griechenland einge- 
drungenen Albanesen, welche nun in den Griechen ihre durch gemeinsame 
Religion mit ihnen verbundenen Leidensgenossen, in den Türken, wie jene, 
ihre blutigen Unterdrücker sahen, verschmolzen mit den Griechen zu 
einer Nation. Vieles nahmen die Griechen von ihnen an, das meiste 



') Finlay, History of Grcecc. 



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Der Isthmos von Korinth. 



93 



aber die Albanesen von den Griechen, sodafs sich beide Nationen heute 
in Sitten, Anschauungen, vielfach auch in den körperlichen Eigen- 
schaften kaum unterscheiden und zwar in der Weise, dafs das Griechen- 
tum entschieden Sieger geblieben ist. Die Albanesen betrachten sich 
ebenso als Glieder des griechischen Volkes, wie die Nachkommen der 
alten Hellenen. In manchen Gauen haben sie auch ihre Sprache ver- 
loren und die griechische angenommen, in anderen aber halten sie 
noch heute an ihr, als ihrer einzigen Eigentümlichkeit, fest, und zu 
diesen letzteren gehört auch der Isthmos. 

In die Nacht der türkischen Herrschaft brachte noch einmal eine 
kurze Okkupation des Landes durch die Venctianer (1699 — 1715 resp. 
1718) einen Lichtstrahl. In dem siegreichen Kriege drangen die Venc- 
tianer zweimal von Süden über den Isthmos vor. Korinth wurde von 
den räumenden Türken zerstört. Das alte Hexamilion wurde als 
nördliche Grenze des venetianischen Gebietes festgesetzt. Die Folge 
des Krieges war eine furchtbare Pest 1 ). Aber eine geordnete, wenn 
auch despotische Verwaltung heilte bald diese Wunden. Die Befesti- 
gung Akrokorinths wurde ausgebaut, auch eine Festungslinie zum Ab- 
schlufs der westlichen Küstenebene angelegt. Aber schon 17 15 
stürzten sich die Türken wieder auf den Peloponnes, Korinth und alle 
anderen Festungen wurden ihnen in feigster Weise übergeben. Im 
Frieden von Passarowitz wurden die Türken wiederum Herren des Pelo- 
ponnes. — Ein gutes Werk thaten die Türken. Sie durchzogen das 
Land nach allen Richtungen mit wohlgepflasterten, breiten Saumpfaden, 
die zum Teil noch heute vorhanden sind. So eröffneten sie auch als 
nördliche Zugangsstrafse zum Isthmos den Weg über den grofsen 
Derveni - Pafs (s. S. 80), der noch heute, trotzdem er ganz verlassen 
ist, sich noch in ziemlich gutem Zustande erhalten hat. — Als Leake 
in Griechenland reiste (1802—8), betrug die Einwohnerzahl Korinths 
etwa 1500 Seelen, von denen die Hälfte Türken waren. Ein Teil der 
Einwohner lebte auf der Burg. Man kann also damals die Einwohner- 
schaft des ganzen Isthmos nicht höher als 2500 annehmen. - Als 
nun der wütende Aufstand begann, in dem sich die Griechen ihre 
Freiheit erkämpften, war wieder der Isthmos ein wichtiger Gegenstand 
wiederholter Kämpfe. Im Frühjahr 182 1 fiel Korinth in die Hände 
der Griechen, während die Türken auf der Burg eingeschlossen wurden. 
Im Anfang Februar 1822 fiel auch diese, und nun wurde die National- 
regicrung nach Korinth verlegt. Aber schon im Juli wurde die Stadt 
von Dramali Pascha zurückgenommen; dieser, bald darauf in der Burg 
eingeschlossen, räumte Korinth abermals gegen Ende des Jahres. 
Korinth und der Isthmos blieben nun griechisch und von jeder feind- 
lichen Invasion verschont, wenn auch die Türken und Ägypter bis 
Athen einerseits, bis Argos und Navplion andererseits vordrangen. 

•) Kankc, Historisch-politische Zeitschrift. Berlin 1835, 4 - ^d. 43 1 - 



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04 



A. Philippson: 



Der Zustand des Landes nach der glücklichen Beendigung des 
Freiheitskrieges war ein furchtbarer. Besonders war der Peloponnes 
heimgesucht: eine menschenleere Einöde, erfüllt von Trümmern, die 
Ländereien unbebaut, die Fruchtbäume umgehauen; die wenigen 
Menschen im Zustande äufserster Verkommenheit und roher Gesetz- 
losigkeit. Es bedurfte eines halben Jahrhunderts, um einigermafsen 
die Wunden zu heilen und gesetzliche Ordnung im Lande einzuführen. 
Die Bevölkerung des Isthmos blieb auch im freien Griechenland ge- 
ring; sie übersteigt noch heute kaum diejenige zur Zeit der Türken- 
herrschaft, denn sie blieb in ihren Hülfsquellen beschränkt auf die 
geringe Produktion ihrer kleinen Landschaft selbst. Ein Handelscentrum 
ist hier noch nicht wieder erstanden. Die Dampfschiffahrt erleichtert 
und verkürzt die Umfahrung des Peloponnes so, dafs niemand daran 
denken kann, seine Waren über den Isthmos transportieren zu lassen. 
Patras blieb der Ausfuhrhafen des Peloponnes, da es Europa näher 
und inmitten produktiverer Landschaften liegt. Die Schiffahrt hatte 
sich während der türkischen und Kriegszeiten auf die Inseln gezogen 
und verbleibt noch heute vorzugsweise in deren Händen. So ist Ko- 
rinth ein unbedeutendes Landstädtchen geblieben, selbst von anderen 
Ackerbaustädten der Halbinsel weit überholt, und daran wurde auch 
durch die Verlegung an das Meer nach dem Erdbeben von 1858 nichts 
geändert. Zeitweise wurde durch Passagierverkehr etwas Leben auf 
den Isthmos gebracht. Für Personen führte in den letzten 40 Jahren 
die schnellste Route von Österreich und Deutschland nach Athen und 
Konstantinopel über den Isthmos. Die Lloyddampfer landeten, ehe 
Neu-Korinth bestand, bei dem einzigen vorhandenen Hafenorte der 
Westküste, bei Lutraki, und nahmen die Passagiere, die mit Wagen 
über die Landenge gefahren wurden, in Kalamaki wieder auf. Dazu 
kam die Erbauung einer Chaussee durch die Kakiskala über Kalamaki, 
Neu-Korinth nach Argos und Tripolis. Aber ein Handelsverkehr 
wollte sich nicht einstellen, und die Vorteile der Passagierbeförderung 
waren für die Isthmier sehr gering. Vor etwa 20 Jahren wurde der 
Verkehr anstatt über Lutraki, über Neu-Korinth geleitet. Die Eröff- 
nung der Eisenbahn von Athen nach Neu-Korinth (1883) steigerte den 
Verkehr. Neu-Korinth wurde nun der Platz, wo zahlreiche Reisende 
vom Dampfboot auf die Eisenbahn stiegen und umgekehrt. Doch 
nachdem die Bahn nach Navplion weiter gebaut worden, besonders 
aber nach der Fertigstellung der Bahn Korinth— Patras, hat die Stadt 
wiederum gewaltig eingebüfst; denn der Umsteigeplatz ist nun Patras 
geworden. Der ganze Fremdenverkehr beschränkt sich jetzt auf die 
wenigen Europäer, welche hier aussteigen, um Alt-Korinth und Akro- 
korinth zu besuchen. 

Neu-Korinth ist daher ein Städtchen, in welchem wohl ein Dritteil 
der Häuser leer steht und in Ruinen zerfällt. Es zählte bei der letzten 

1 

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Der Isthmos von Korinth. 



05 



Volkszählung, deren Resultate bisher veröffentlicht sind (1879)') 2619 
Einw., jetzt wahrscheinlich noch weniger. Es hat breite, in rechtem 
Winkel sich kreuzende, ungepflasterte Strafsen, die im Winter von un- 
ergründlichem Kot, im Sommer von tiefem Staube bedeckt sind. Daran 
liegen kleine, meist einstöckige Häuser (wegen der Erdbeben), aus 
Lehmziegeln errichtet. Auf den Strafsen erblickt man mehr Hunde, 
Schweine und Hühner als Menschen. Das Ganze erinnert an die Schilde- 
rungen, die man von den kleineren Städten Südamerikas liest. Die 
Gegend ringsumher ist sehr wenig bevölkert, so dafs selbst der lokale 
Kramhandel mit den Bauern sehr gering ist; das sonst in allen griechi- 
schen Landstädtchen lebhafte „Bazari" fehlt in Korinth fast völlig. Der 
Hafen ist wenig geschützt; die meisten Dampferlinien sind nach Eröffnung 
der Patrasbahn eingestellt. Selten erblickt man einen kleinen Segler 
im Hafen ankernd. Die Eisenbahn bringt der Stadt, da sie keine Pro- 
dukte hat, keinen Vorteil, obwohl täglich drei Züge nach Athen, zwei 
nach Patras und einer nach Argos abgehen. Früher war Korinth 
wenigstens Hauptstadt einer Eparchie (Arrondissement); seitdem aber 
vor einigen Jahren die Eparchien aufgehoben, hat es auch diese ge- 
ringfügige Bedeutung verloren. 

Ebenso ist es den alten Hafenplätzen ergangen. Lechäon 
ist ganz verschwunden. Kenchreä hat den Namen aus dem Altertum 
gerettet, besteht aber nur aus zwei ärmlichen Bauernhäusern. Es ist 
leicht verständlich , dafs nachdem Korinth aufgehört hatte , Grofsstadt 
zu sein und Lechäon eingegangen war, Kenchreä jede Bedeutung ver- 
lieren mufste; der Transitverkehr zog sich ausschliefslich nach Kala- 
maki (Schoinus), das dem westlichen Meere und besonders dem bis 
1858 einzigen Küstenorte desselben, Lutraki, so viel näher lag. Kala- 
maki, das alte Schoinus, hatte 1879 noch 140 Einw ; jetzt, nachdem 
es infolge des Eisenbahnbaues jeder Verkehrsbedeutung, selbst der 
Dampfschiffverbindung beraubt ist, ist es fast gänzlich verödet. Es hat 
vielleicht noch hundert Einwohner. Immerhin erblickt man zuweilen einige 
Segelboote im Hafen. Lutraki hat in jüngster Zeit als Badeort einen 
geringen Aufschwung genommen (335 Einw.) Dazu kommen nun noch 
zwei abgelegene, aber in dem fruchtbarsten Teile des Isthmos 
gelegene Ackerbaudörfer, von deren Existenz im Altertum nichts 
bekannt ist. Hexamilia, in dessen Namen sich die Bezeichnung der 
alten Schanzenlinie erhalten hat, mit 353 Einw., und Xyloke'riza 
mit 127 Einw. Auch Alt-Korinth ist ein kleines Ackerdörfchen mit 
606 Einw. Die gesamte Einwohnerzahl beträgt also 1879 auf dem Ge- 
biete unserer Karte: 4180, also nur 32,4 auf den Quadratkilometer. 
Es ist dies fast genau die mittlere Bevölkerungsdichte des Königreichs 

') YiovQyüov ' Earnt gutZ*, IrnTtaux!] tJjg'KllnJo^ Ttlq&vafiög 1879. 'Kf'A^ij' 
v«$f 188 1. 



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96 



A. Philip pson: 



Griechenland ohne die neuen Nordprovinzen. Alle diese Ortschaften 
sind durchaus nur von Albanesen bewohnt, die unter sich ausschliefs- 
lich in der albanesischen Sprache verkehren. Nur in Neu-Korinth geht 
das Griechische ziemlich gleichberechtigt nebenher, wegen des gröfseren 
Fremdenverkehres. Alle erwachsenen Männer verstehen auch das Grie- 
chische, welches die alleinige offizielle Sprache ist; zahlreiche Frauen 
in den Dörfern haben jedoch in dem Gebrauch der hellenischen Zunge 
noch keine grofse Fertigkeit erreicht, ältere sind ihr sogar ganz un- 
kundig. — Neben der einheimischen Bevölkerung hatte sich in den 
letzten Jahren noch eine fluktuierende eingefunden zum Zwecke des 
Kanalbaues. Es entstanden die beiden Barackenstädte Isthmia und 
Posidonia, und noch eine ganze Zahl von solchen beweglichen Wohn- 
stätten an der Linie des Kanales entlang. Aufser den Ingenieuren und 
Beamten fanden sich hier zeitweise an 1500 Arbeiter zusammen, meist 
Montenegriner, Italiener und Armenier. Nachdem im März dieses 
Jahres die Arbeit eingestellt worden ist, hat sich diese Bevölkerung 
wieder zerstreut; die neuen Städte sind wieder verödet. — Der politi- 
schen Einteilung nach gehört der Isthmos zum Departement (Nomös) 
Argolidokorinthia, und zwar zu den Gemeinden Korinth, welche den Teil 
südlich des Kanales, und Ferachora, welche den nördlichen Teil des 
Isthmos besitzt. % 

Die Fahrstrafse und die (schmalspurige) Eisenbahn von Athen 
passieren die Kakiskala und führen dann über die Küstenebenen der 
Krommyonia nach Kalamaki (Station). Darauf überschreiten sie den 
Scheiderücken des Isthmos etwas nördlich vom Kanal und diesen 
letzteren mit einer gemeinschaftlichen eisernen Brücke. Darauf erreichen 
sie Neu-Korinth (Station). Hier teilt sich die Eisenbahn. Eine Linie 
geht an der Küste weiter nach Patras, die andere zieht in Begleitung 
der Chaussee durch das Thal zwischen Oneion und Akrokorinth hinauf. 
Die Eisenbahn benutzt also die von der Natur vorgeschriebenen und 
auch im Altertum besuchten Verkehrswege. Von Korinth nach Westen 
führt aufser der Bahn nur ein Karrenweg bis Xylokastron. Eben solche 
führen nach Alt-Korinth und Lutraki und von Lutraki nach Kalamaki. 

Besteigen wir die steile Felshöhe von Akrokorinth, um zum Schlufs 
noch einmal einen Überblick über das Land zu gewinnen, das wir 
durchwandert haben. Wir klimmen den felsigen Pfad hinan und treten 
durch das dunkle Thor der mittelalterlichen Veste in deren Bereich 
ein. Wir befinden uns zu unserem Erstaunen nicht auf einem schroffen 
Gipfel, wie es von unten den Anschein hat, sondern auf einem ziem- 
lich ausgedehnten, felsig unebenem Terrain, das von einer ganzen Stadt 
in Ruinen bedeckt ist. Ein wild ausschauender albanesischcr Hirt mit 
seinem zottigen Fellmantel und seiner langen Flinte weidet die Schafe 
zwischen den Zeugen der Vergangenheit. Wir erklettern die höchste, 
turmgekrönte Felskuppe, da breitet sich vor uns eine Landschaft aus 



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Der Isthmos von Knrinth. 



97 



von bezaubernder, unvergleichlicher Schönheit. Aber nicht blofs das 
ästhetische Gefühl wird angeregt: wenn wir uns in dieses Bild ver- 
tiefen, kommt uns die Bedeutung dieses Erdenfleckes zur klaren Er- 
kenntnis. Vor uns, im Norden und im Süden, stehen gleich geschlosse- 
nen Wällen die mächtigen Kalkgebirge Mittelgriechenlands und des 
Peloponnes. Zwischen ihnen erschauen wir zu unseren Füfsen ein 
tief eingesenktes Stück der Erdrinde, über welchem zwei Meere 
fluten und ihre Vereinigung zu erstreben scheinen. Wir sehen einen 
schmalen flachen Damm diese Meere trennen, die Brücke bildend 
zwischen zweiGebirgsländern. Aus jugendlichen Ablagerungen bestehend, 
ist er durch noch heute nachzitternde Bewegungen zerspalten und infolge 
dessen gegliedert durch Bodenstufen, die sich zu unseren Füfsen als 
feine dunkle Linien in der Landschaft abzeichnen. Ein Land jüngster 
geologischer Entstehung, aber einst eine Stätte alter, blühender Kultur. 
Denn was sind die Jahrtausende der Menschheit gegen die Äonen 
der Erdgeschichte! — Schauen wir uns auf dem Gipfel unseres Felsklotzes 
um, so sehen wir die Zeugen aller der wechselnden Schicksale, die 
diese Landbrückc betroffen haben. Denn diese Felsenburg war zu allen 
Zeiten die Herrscherin des Landes zu unseren Füfeen. Wir erblicken 
die Brunnenschächte der alten Hellenen, die Trümmer byzantinischer 
Kapellen neben denen von Moscheen, die mächtigen Umfassungs- 
mauern, an denen Hellenen, Römer, Byzantiner, Franken, Venetianer, 
Türken wetteifernd gebaut haben, an denen so manche Barbarenflut 
zerschellte. Wir empfinden hier noch einmal , was wir in den vorher- 
gehenden Ausführungen zu erkennen versuchten, dafs hier vielleicht 
mehr als an irgend einer Stätte die Geschicke der Bewohner bedingt 
sind durch das Zusammenwirken der beiden Gestalter der Erdrinde, 
des geologischen Baues und des Klimas. Diese schufen hier ein Land, 
dem diejenige Bedingung fehlte, welche unter allen Verhältnissen eine, 
wenn auch bescheidene Blüte des Menschentums verbürgt: die Er- 
giebigkeit des Bodens; dem dagegen das hohe Geschenk zu Teil ward, 
durch Vermittelung des Verkehrs zu Zeiten, wo die Verhältnisse günstig 
waren, eine herrschende Stellung einnehmen zu können. Das Geschick 
des Isthmos war also durch seine natürliche Beschaffenheit dem Wechsel 
ausgesetzt. Und das ist eine zweite Erkenntnis, die uns an dieser 
Stelle vor Augen tritt: nicht die natürliche Beschaffenheit des Landes 
allein gestaltet die Geschicke seiner Bewohner, sondern diese Be- 
schaffenheit im Zusammenwirken mit den grofsen Veränderungen in 
der Weltgeschichte und im Weltverkehr. Dieselben Eigenschaften, die 
zu einer Zeit einem Lande die höchste Blüte verschaffen, drücken 
dasselbe Land zu einer anderen Zeit, unter anderen geschichtlichen 
Verhältnissen, zu völliger Bedeutungslosigkeit herab. So ist es dem 
Isthmos ergangen; so erklärt sich seine hohe Kultur im Altertum, sein 
Niedergang in der neueren Zeit! 

Z«mchr. d Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXV. 7 



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1)8 



A. Philippson: Der Isthmos von Korinih. 



Bemerkungen zur Karte. 
Eine Karte des Isthmos in gröfserem Mafstabe existiert bisher 
noch nicht. Die Seekarten der britischen Admiralität geben nur die 
Küstenlinien; aufscrdem ist als Quelle nur die Karte von Griechenland 
des französischen Generalstabes in i : 200 000 vorhanden. Die Karte 
von Miliarakis') (in demselben Mafsstabe), sowie diejenige Griechen- 
lands von Kokkidis in 1:300000 (herausgegeben vom Wiener militär- 
geographischen Institut) sind nur schlechte Kopien der französischen 
Karte. Ein als Flugblatt der Kanalgesellschaft gedrucktes Kärtchen 
der Umgebung des Kanales mit Höhenkurven ist ganz ungenau. Meine 
Karte stützt sich daher hauptsächlich auf die französische. Die Küsten- 
linien fand ich auf dieser letzteren im ganzen richtig, während die 
Seekarten die kleinen Unregelmäfsigkeiten der Küste, um sie besser 
erkennbar zu machen, unverhältnismäfsig hervortreten lassen und so den 
allgemeinen Charakter der Küste verdunkeln. Ich habe daher, bei den 
beträchtlichen Unterschieden der französischen und der Seekarte, 
mich auch bei der Küstenzeichnung mehr an die ersterc gehalten, mit 
einigen Modifikationen gemäfs der Seekarte. Es ist so eine Misch- 
bildung entstanden, die natürlich keinen Anspruch auf Genauigkeit 
machen kann. Die Zeichnung des Terrains beruht ganz auf meiner 
eigenen Kroquierung, da die französische Karte mit ihrem grofsem 
Mafstabe nur das Gröbste enthält. Auch das Terrain macht keinen 
Anspruch auf Genauigkeit, da mir sowohl Zeit als Instrumente für eine 
topographische Aufnahme fehlten, doch ist wohl der Charakter im 
ganzen richtig wiedergegeben. Ebenso sind die geologische Darstellung 
sowie die der Vegetation Resultat meiner eigenen Anschauung. Die 
Vegetation konnte ich natürlich auch nur generalisierend eintragen. 
Von Höhenzahlen fanden sich vor: die Höhe von 575 m für Akro- 
korinth in der französischen Karte; 100 m für Xylokeriza, 80 für Hexa- 
milia, 50 für das Gut des Tripos giebt Miliarakis' Karte an; alle diese 
stimmen gut mit meinen Messungen. Das Profil des Kanales ist natür- 
lich von der Gesellschaft genau vermessen worden und nach deren 
Profil ist das meinige in kleinerem Mafsstabe (Fig. 1) hergestellt. Die 
Höhenmessungen habe ich mit einem Goldschmidtschen Aneroid ausge- 
führt und sind dieselben von Herrn Dr. A. Galle in Berlin gütigst 
berechnet worden. Die mit c. (circa) bezeichneten Höhenzahlen sind 
nur beiläufige Schätzungen. 

*) niraf Jov Nouoi* AyyokiJos xul KoQniH«g. Athen 1886. 



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II. 



Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschichte 

Amerikas. 

Von Prof. Eugen Gelcich. 
I. 

Das Material, welches wir über die ältere Geschichte Amerikas 
besitzen, ist wahrhaft grofsartig angewachsen und wächst noch immer 
mehr und mehr an. Ältere Schriften sind bekannt und verschiedentlich 
ausgelegt worden, man hat philologische Studien Uber die Sprachen der 
Indianer gepflegt, die Ausgrabungen lieferten wertvolle Dokumente, 
dazu kamen Spekulation und Induktion, welche mächtig fördernd und 
betreibend einwirkten. Die geographische Literatur dieses Zweiges ist 
dadurch ungeheuer reich geworden. 

Ein grofses Feld der Thätigkeit boten in den letzten Jahren die 
Fahrten der Nordländer nach dem nördlichen Nordamerika. Die nord- 
ländischen Sagas und die keltischen Dokumente werfen ein scheinbares 
Licht auf die erste Entdeckung des neuen Kontinentes durch Norman- 
nen, auf die angebliche Kolonisation von Island, Grönland und eines 
Teiles des Kontinentes; doch nur ein scheinbares Licht, denn es sind 
immerhin Zweifel über die verschiedenartigen Auslegungen gerechtfertigt. 

Die isländischen Sagas brachten uns bekanntlich die ersten Nach- 
richten über Grofs-Irland — auch das Land der weilsen Männer genannt — , 
welches zwischen Markland (Neu-Schottland), He II uland (Labrador) 
und Vinland (nördlicher Teil der Vereinigten Staaten) gelegen sein soll. 
Beauvois identifiziert aus diesen Angaben Grofs-Irland mit dem jetzigen 
Neu-Braunschweig und einem Teile des südlichen Canadas 1 ). Man 
wunderte sich, in den gallischen Dokumenten keine Bestätigung dieser 
Berichte der Sagas zu finden, aber vor kurzem entdeckte, übersetzte 
und kommentierte man doch neue Schriften, welche Belehrung und Auf- 
klärung verschaffen. I}azu gehört in erster Linie das Lea b bar nah- 



*) Lcs colonies europeennes du Markland et de TEscociland au XIV e Siecle, 
Nancy 1878, und: La grande terre de TOuest in den Actas del Congreso interna- 
cional de Americanistas. Madrid 1 88 1 . S. 47. 

Zeiuchr. d. GetelUch. f. Erdk. Hd. XXV. S 



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100 



Eugen Gele ich: 



Uidhri, das älteste der uns erhaltenen grofsen Manuskripte gallischen 
Ursprungs, geschrieben gegen das Jahr 1100 durch Moelmuire '). 

In demselben kommt die Sage von Condla dem Schönen, Sohn 
des Cond-cet-chathac (Cond = hundert Schlachten) König von Irland 
(Regierungszeit. 123 bis 157 unserer Zeitrechnung) vor, der durch ein 
weibliches Wesen nach dem Reiche Boadags (des Siegreichen) entführt 
wurde. Diese Sage pflanzte sich von Generation zu Generation fort, nahm 
aber natürlich die, durch den jeweiligen Kulturgrad Irlands bedingten 
Modifikationen an, bis das schon früher als eine himmlische Gegend 
geschilderte Land nach der Einführung des Christentums die Gestalt 
des irdischen Paradieses annahm. In der Folge kommen auch nur fromme 
Männer dahin, u. A. die Schüler des hl. Barint (oder Barurch), die von 
Mernoc angeführt eine glückselige Insel betreten, wo sie als Anacho- 
reten leben und von Früchten , Baumwurzeln und Gemüsen Nahrung 
ziehen. Der heilige Barint selbst macht seinen Schülern einen Besuch 
und erfährt daselbst, dafs Mernoc wochenlang von der Insel abwesend 
bleibt und dafs seine Kleider, wenn er zurückkehrt, balsamisch duften. 
Dies reizt die Neugierde des sonst frommen Mannes, er überredet 
Mernoc, ihn in das Geheimnis seiner Fahrten einzuweihen. Sic bestei- 
gen ein Schiffchen, werden sofort von einem dichten Nebel umhüllt, 
der sich aber nach einer Stunde zerteilt, um in westlicher Richtung ein 
grofses Land zu enthüllen, an dessen Ostküste die Landung erfolgt. 
Die Reisegefährten durchschreiten rüstig einen vegetationsreichen Boden, 
wo es keine Pflanze ohne Blume, keinen Baum ohne Frucht giebt, wo 
Edelmetalle und Edelsteine die einzigen Produkte des Mineralreiches 
zu sein scheinen. Nach fünfzehntägiger Wanderung gelangen sie zu 
einem Ost- West gerichteten Flusse, den zu überschreiten ihnen eine 
menschliche Gestalt verwehrt, indem jenseits desselben Gott nur Hei- 
lige empfängt. Mernoc und Barint treten den Rückweg an, sie errei- 
chen die Insel und letzterer sucht wieder seine Heimat auf. In Irland 
erregen solche Erlebnisse die Neugierde anderer, viele wünschen die Fahrt 
nach dem irdischen Paradies zu wagen, unter ihnen setzt sich der hl. 
Brcndan wirklich auf ein Schiff, um sein Glück zu versuchen. Die Le- 
gende des hl. Brendan ist viel zu sehr besprochen worden, tun sie hier 
näher noch zu berücksichtigen 2 ). 

Am wenigsten geschmückt ist die Schilderung der Fahrt eines 
Begleiters des hl. Brendan, Namens Machut. 

') Leabhar nah-Uidhri, a collection of picces in proses.and verses in the irish 
language compiled and transcribed about A. D 1100 by Moelmuire Mac Ceileachar, 
now- for the first time published from «he original in th« library of the Royal Irish 
Academy, with an aecount of the manuscript, a description of its Contents and an 
index. Dublin. Roy. Irish Academy house. 1870. 

-) La b'gende latinc de Saint Brandaincs, publik par Ach. Jubinal, Paris 1836. 
St. Hrandan , a mediaeval legend of the sea. Th. Wright. Lond. 1844. Vita 



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Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschichte Amerikas. 



101 



Aus Sigbert von Gembloux (Historiker aus dem XI. Jahrhundert) 
erfährt man noch immer viel zu mythisches Zeug, und erst Fleury sur 
Loire berichtet, dafs die bei den Bretonen vielberühmte glückselige Insel 
Ima hiefs und im atlantischen Ozean lag. Auf der ersten Fahrt sollen 
Brendan und Machut die Orkaden und die umstehenden Inselgruppen 
besucht haben. Ein zweites Unternehmen soll sieben Jahre gedauert 
haben, ohne dafs es gelungen wäre, das Paradies zu entdecken. Das 
dritte Mal ging Machut allein aus, er landete in der Bretagne und liefs 
sich in Aleth nieder, wo er Bischof wurde. Die Stadt erhielt später 
nach ihrem geistlichen Oberhaupt den Namen St. Malo. 

Gottfried von Viterbe hat im XII. Jahrhundert eine im Grunde 
ähnliche Sage in den Manuskripten des Klosters zum hl. Mathias beim 
Kap Finisterre gelesen. Die Mönche dieses Klosters sollen nämlich 
Entdeckungsreisen in den Ozean gemacht haben, um dasjenige zu be- 
schreiben, was sie dort fanden. Einmal irrte eines dieser Schiffe durch 
drei Jahre in hoher See, ohne Land zu sehen. Aber als ihnen die 
Lebensmittel ausgingen, fanden sie in der Mitte des Ozeans eine Statue, 
die ihnen mit den Fingern den Weg wies. Am Tage darauf fanden sie 
einen zweiten gleichen Wegweiser und, indem sie die ihnen in dieser 
Weise vorgeschriebenen Richtungen verfolgten, gelangten sie zu einer 
Goldinsel, wo eine goldene Stadt gebaut war. Bald erfuhren sie im 
Paradies zu sein und verliefscn jene Städte des Glückes nach einer Zeit, 
die sie nicht zu schätzen wufsten. Die Rückfahrt dauerte nur fünf 
Tage und als sie daheim waren , erkannten sie weder den Ort noch 
die Personen mehr. Und aus den Büchern des Klosters ergab sich, 
dafs sie seit drei Jahrhunderten abwesend waren! 

Die Legende von Oisin ist ein Facsimile der früheren oder eine 
Zusammensetzung beider. Auch Oisin begab sich in das glückselige 
Reich, welches im Westen lag, er verblieb daselbst auch durch mehrere 
Menschenalter und kehrte als blinder Greis zurück. 

Obwohl nun gelehrte Männer wie E. O'Curry 1 ) und W. J. Skeene 2 ) 
in allem diesem Wirrwarr von Dichtung und Romantik einen Grund 
von Wahrheit finden, so gehört wohl viel Einbildungskraft dazu, um hier 
eben Wahrheit von Dichtung zu unterscheiden. Beauvois und mit ihm viele 
Andere fanden in diesen legendarischen Irrfahrten viele Anzeichen 
einer Entdeckung Amerikas. 



Sancti Brendani. Sanct Brandau, ein lateinischer und drei deutsche Texte von Dr. Carl 
Schroeder. Erlangen 1871. — Acta sancti Brendani, original latin documents. 
Edited by right Rev. Patrich F. Moran DD., Dublin 187*. — Romanische Studien, 
herausgegeben von Ed. Boehmcr. Strafsburg 1871 — 75, Bd. I. Heft V. etc. 

1) Lectures on the manuscript materials of ancient irish history. Dublin 1878. 
S. 189- 

2) Celtic Scotland, a history of ancient Alban. Edinburg 1877. Bd. II. S. 76. 

8* 



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102 



Eugen Gel eich: 



Obwohl, bei der herrschenden Strömung zu Gunsten dieser vorco- 
lumbischen Fahrten, es beinahe ungeraten scheint anderer Meinung zu 
sein, so könnte man doch einige Fragen wagen, die genug zu denken 
geben. 

Man hat die balsamische Luft der wohlbekannten normannischen 
Sagen in der Atmosphäre des südlichen Nordamerikas, die dichten 
Nebel des Condlar an den Nordkiisten der Vereinigten Staaten wieder- 
finden wollen. Der Lauf der amerikanischen Flüsse, die Hügel des 
Missisippi, ja die Sagen der Indianer, vorzüglich jene über Bimiris, die 
auf Cuba und Haiti lange fortlebten, entsprechen so vollständig den 
Schilderungen der Legenden, dafs man an die Entdeckung durch Ir- 
länder vor dem Jahre iooo nicht mehr gezweifelt hat. Die romantischeste 
der Erzählungen, meint Beauvois, läfst zum mindesten unwiderrufen, dafs 
eine Sehnsucht vorherrschte, die Geheimnisse des Ozeans zu erspähen, 
und dafs Entdeckungsfahrten dahin unternommen wurden; und in diesem 
Falle, setzt er fort, konnte der Zufall begünstigend mitgewirkt haben. 

Man will aber noch weitere und festere Beweisgründe anführen 
und greift zu den Sagas, deren Schilderungen weit einfacher und solider 
aussehen als die Dokumente der Kelten. Erhärtet werden diese Berichte 
durch die Mitteilung eines schiffbrüchigen Friesländers, von dem die 
Gebrüder Zeni erzählen, dafs er vier Jahrhunderte nach dem Eingreifen 
der Sagas im fernen Westen ein kultivirtes Volk vorfand, welches Bücher 
besafs, dessen Sprache aber nicht die skandinavische, sondern eine 
andere war. Gar zu den Zeiten Ludwigs XIV. soll man Spuren des 
Christentums in Amerika vorgefunden haben , u. A. den Kultus des 
Kreuzes und die Kreuzträger. 

Hat man aber je untersucht, ob sich die Nebel und die balsamischen 
Lüfte auch auf andere, etwa auf europäische Länder beziehen könnten? 
Als Condlar von dannen zog, wurde er gleich nach der Abfahrt von 
dichtem Nebel umhüllt. Wäre er nach Westen gefahren, so hätte er doch 
lange segeln müssen, um in die Nebel region von Neufundland zu gelan- 
gen; die Nebelregion des englischen Kanals lag ihm dagegen viel näher. 
Balsamische Lüfte konnte man auch an den spanischen Küsten antreffen, 
die iberischen Flüsse haben einen ostwestlichen Lauf, in Spanien fand 
man in älteren Zeiten einen grofsen Reichtum an Silber vor. Haben 
ferner die hier gemeinten Fahrten alle nach Westen stattgefunden, wie 
erklärt man sich dann die Ankunft des Machut mit St. Brendan auf 
den Orkaden, Hcbriden u. s. w. , wie diejenigen des ersteren auf St. 
Malor Wenn die Kenntnis eines Landes im Westen oder wenigstens 
die Vermutung so deutlich ausgesprochen war, dafs in jener Richtung 
Land liegen müsse, und wenn man F^ntdeckungsfahrten dahin unter- 
nahm, warum segelte man nach Norden und nach Süden? 

Es drängen sich uns hier soviel Argumente auf, dafs w T ir sie kaum alle 
bewältigen. Wir fragen uns z. B. weiter, welcher Zeitmefsmaschinen 



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Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschichte Amerikas. ]Q3 

sich wohl die Normannen bedienten, um die Länge des Tages und der 
Nacht an den amerikanischen Küsten so genau zu bestimmen, dafs man 
daraus die Breite ihrer Ansieditingen zu berechnen fähig ist? Hatten 
sie Sonnen-, Wasser- oder Sanduhren? Oder besafsen sie astronomische 
Kenntnisse, um aus dem Stand und der Stellung der Gestirne die Zeit ii) 
gleichmässigen Stunden, d. h. in Stunden zu messen, welche den Tag 
in 24 Teile teilten? Es dünkt uns unmöglich, dafs sie vor dem Jahre 
1000 so weit vorgeschritten waren, indem die Kultur von dem Süden 
nach dem Norden Europas einen weiten und beschwerlichen Weg 
noch zurückzulegen hatte. Ist es wahr, dafs Julius Cäsar in England 
Wasseruhren vorfand, wie berichtet wird, dann wäre allerdings die 
Möglichkeit vorhanden, dafs solche auch in Skandinavien bekannt waren, 
notwendig bleibt es doch, hierüber erst weitere Forschungen zu pflegen. 
Eine andere Frage bezieht sich auf die Möglichkeit in den damaligen 
SchifTen Proviant genug für eine transatlantische Fahrt mitzunehmen. 
Lassen wir die drei- oder siebenjährigen Kreuzungen, von welchen 
früher die Rede war, fallen, und reduzieren wir sie auf das möglichste Mini- 
mum, so müssen wir berücksichtigen, dafs Wind und Wetter im atlan- 
tischen Ozean vor 1000 Jahren ebenso wie jetzt verteilt waren, dafs das 
hochnordische Meer voller Gefahren ist und in den tieferen Breiten 
West- und Südwinde vorherrschen. Die Verzweigungen des Golfstro- 
mes vereinigen sich zu den übrigen Kalamitäten, um die Segelschiffe 
zu zwingen, entweder ganz nordische und somit unwirtliche Breiten 
aufzusuchen und in denselben die Überfahrt gegen Westen zu vollziehen; 
oder sie suchen den Nordostpassat auf, fahren also von England aus 
nach Süden, legen die ganze Längendifferenz gegen Westen im Passat 
zurück und wenden im Meridian des Ankunftsortes erst gegen Norden. 
Eine Fahrt von England nach Amerika dauert jetzt im Durchschnitt 
40 Tage. AVie stellten es also Normannen und Irländer, welche von 
den ozeanischen Schiffahrtsregeln noch nichts wufsten, an, um gegen 
Wind und Wetter anzukämpfen, um Kunststücke auszuführen, die heu- 
tigentages noch unwahrscheinlich klingen? Wie grofs waren ihre Schiffe, 
um so viel Lebensmittel mitzunehmen? Allerdings hat sich in letzterer 
Zeit herausgestellt, dafs die Schiffe der Skandinavier ziemlich grofs 
waren ; allein, wie lange mögen unter den angeführten Umständen ihre 
Kreuzungen gegen Westen gedauert haben? Und was die Berichte 
der Gebrüder Zeni anbelangt, so ist es doch bekannt, dafs sie erst 1558 
von einem Marcolini veröffentlicht wurden, der aber nicht im Stande 
war, die Originalien zu zeigen und der erklärte, das wiederzugeben, was 
er sich davon gemerkt hatte. Wir haben somit mit einer jener 
Forschungen zu thun, die in der Geschichte der Geographie gar nicht 
so selten sind. 

Noch ärger sieht es mit dem regen Verkehr zwischen Island und 
den angeblichen Kolonien aus. Da fahren die Leute ohne Kompafs 



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104 



Eugen Gelcich: 



in einer gefahrvollen See und bei den langen trüben Winternächten 
mit einer Sicherheit auf und ab, um die sie heute unsere besten Kauf- 
fahrer beneiden müTsteu. Dafs dieses Herumkutschieren ohne Kompafs 
schon vor langer Zeit einem Leser des l.andnamabooks verdächtig war, 
beweist vielleicht der Umstand, dafs man gesucht hat, in demselben 
eine Stelle einzuschieben, die auf die Kenntnis des Kompasses hin- 
deuten soll. 

Damit wollen wir nicht die Sagas ihres Grundes berauben, im 
Gegenteil sind wir auch überzeugt, dafs sie auf Wahrheit beruhen ; die 
grofse Aufgabe, diese Wahrheit in bestimmte Grenzen einzuschliefsen, 
harrt aber noch immer der Lösung. Die Begriffe West und Sudwest 
waren zu jenen Zeiten und bei der Kultur, die wir im hohen Norden 
voraussetzen können, wahrscheinlich sehr verworren ; man hatte in Island 
Nachrichten, dafs im Süden oder Südwesten, so genau wufste man das 
gar nicht, ein Weinland (Spanien!) liege, dafs man dabei an wunderba- 
ren Steinklippen (die Fingalshöhle!) vorüberfährt, dafs in Irland Priester 
mit weifsen Röcken angethan, Prozessionen mit fliegenden Fahnen an- 
führten u. s. w. Das Alles wurde in einer Sage von Schiffahrten nach 
Helluland und Vinland vereinigt. 

Auch die oft angezogene Stelle aus Adam von Bremen kommt uns 
zweideutig vor (Lib. IV, Kap. 38). Praeterea unam adhuc insukim (Rex 
Danoium) ricitavit a ?nuUis in eo repertam oceano, t/uae dicitttr Vin- 
land, co qttod ibi vites sponte nascanlur , vinum Optimum /er etiles. Xam 
tl fruges ibi non seminatas abundare, non fabulosa opinione, sed certa 
comperimus relatione Danontm. Post tarn insulam, ait terra non in- 
venitur habilabilis in illo oceano y sed omnia quae ultra sunt glacie in- 
tolerabili ac caligine immensa plena sunt. Uber Vinland hinaus soll 
also lauter Eis sein. Da es sich aber um Fahrten handelt, die von 
Island aus gegen Südwesten unternommen wurden, so sollte es doch 
über Vinland hinaus immer wärmer geworden sein. Wie konnte da 
ein Seemann gerade das Verkehrte behauptet haben! Vielleicht be- 
zieht sich diese Stelle doch auf die Sagen über die Unbewohnbarkeit 
der warmen Zone, die in Portugal kursierte und von den Normannen in 
verkehrtem Sinne aufgefafst wurde. 

Die Spuren von Christentum, die man zu den Zeiten Ludwig's XIV. 
gefunden haben will, können doch nicht ernst gemeint sein. Man greift 
da zu Thatsachen, die, wenn sie auch existierten, aus einer zu späten 
Zeit stammen, um einen Kinflufs auf Schlufsfolgerungen zu gestatten. 
Krstens waren die Spanier, sobald sie den amerikanischen Boden 
betraten , viel zu emsig mit der Verbreitung des Christentums 
beschäftigt, und es darf daher nicht wundern, wenn das Kreuz in ent- 
legenen Gegenden bekannt wurde. Zweitens würde, auch abgesehen 
davon, die Frn^e noch offen bleiben, ob diese Spuren von Christen- 



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Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschiebte Amerikas. ]05 



tum nicht durch spanische Walftschfahrer nach Amerika verpflanzt 
wurden 

* * 
* 

Ganz anders klingt die Reisebeschreibung der Söhne von Conall : 
Dearg. Ua und Corra 2 ). Sie waren Zeitgenossen des hl. Brenrian, lebten 
im jetzigen Connaught und trieben Seeräuberei. Über ihr verbre- 
cherisches Leben müde, statteten sie beim hl. Cornau eine Art Beichte 
ab und letzterer riet ihnen eine Pilgerfahrt auf dem Ozean als Bufse 
für ihre Sünden an. Im Jahre 540 ungefähr schifften sie sich in der 
Bucht von Galway auf einem Schiff ein, welches mit Häuten bedeckt, 
drei Fufs tief und im stände war, neun Personen aufzunehmen. Nach 
40 Tagen erreichten sie eine bewohnte Insel und gelangten endlich nach 
einem Lande, welches, wie sie von Fischern vernahmen, die spanische 
Halbinsel war. Auch die Fahrten der Schüler des hl. Columba sind 
abgesehen von leicht zu berichtigenden Zusätzen glaublich, da sie sich 
bis zu den Picten und Orkaden erstrecken. 

Auf die Geographen des Mittelalters haben diese verschiedenen 
Legenden und Sagen einen gewichtigen Einflufs geübt, so dafs auf 
ihren Karten phantastische Länder oder besser Inseln entstanden, die 
selbst Columbus noch zu treffen erwartete. Antilien, die Insel der 
sieben Städte, und die Insel von St. Brendan sind die vorzüglichsten 
solcher Erscheinungen. Selbst die Kirchenväter fanden sich veranlafst, 
ihre alte Tradition des irdischen Paradieses umzuwerfen und dasselbe im 
Westen anstatt im Osten vorauszusetzen 3 ). Erst Columbus brachte den 
ursprünglichen Glauben wieder zur Geltung, indem er ganz richtig 
meinte, dafs, die Erde als Kugel vorausgesetzt, man durch fortwähren- 
des Westfahren schliefslich nach jenem Teile der Erde gelangen müfste, 
welches im Osten von Europa liegt, den er den äufsersten Osten — 
l'extremo Oriente — nannte. 

Die Entstehung der Insel St. Brendan hat ihren Ursprung in der 
berühmten gleichnamigen Legende. Bezüglich der Insel der sieben 
Städte erzählte man sich, dafs zur Zeit der arabischen Invasion in 
Spanien und nach der Niederlage von Xeres la Frontera, der Erz- 
bischof von Porto mit sieben anderen Bischöfen und ihren katholischen 
Söhnen vom spanischen Lande auszogen. Nach einer langen Fahrt 
liefsen sie sich auf einer Insel nieder, worauf jeder der Bischöfe ein 
eigenes Heim gründete. Und da sie sieben waren, so entstanden sieben 



») Siehe: Zeitschrift der Gesellsch. für Erdkunde. Band XVIII. S. 249. Der 
Fischfang der Gascogner und die Entdeckung von Neu - Fundland. 
2 ) O. Curry, Lecturcs. 

? ) Letronne, Opinions cosmographiques des Peres de l'Eglise. Revue des 
deux Mondes 1834. 



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106 



Eilsen Gel eich: 



Städte. Man liest diese Legende auf dem Nürnberger Globus des 
Martin Behaim, der die Entdeckung auf das Jahr 714 festsetzt. 

Wir wären sehr geneigt, die Erklärung Gaffarel's vollständig zu 
aeeeptieren, welche den Ursprung dieser Sage auf die Sehnsucht aller 
eroberten Völker zurückführt, ihre Freiheit wieder zu erlangen. Geradeso 
wie die Juden den Messias erwarten, und die Gallier durch lange Zeit 
auf das Wiedererscheinen ihres Nationalhelden Arthur rechneten, wie 
ferner die Incas von den Nachkommen des Atahualpa Rettung erhofften, 
ebenso schmeichelten sich die bedrückten Goten mit der Hoffnung, 
es müsse über kurz oder lang der Insel der sieben Städte der Befreier 
entstammen. 

Man hat diese Insel in verschiedenen Gegenden aufzusuchen ge- 
trachtet, so auf den Azoren, wo im Osten der Insel St. Michel ein 
Thal und in dessen Nähe ein Dorf mit dem Namen der sieben Städte 
bezeichnet wird. 

Ein Franziskaner-Mönch Markus von Niza suchte um das Jahr 
1539 diese Stadt in der Umgebung von Kalifornien auf, weil er erfuhr, 
dafs eine Gegend daselbst Cibola hiefs, woran er eine Ähnlichkeit mit 
ciudad oder ciudades (Stadt oder Städte) fand. Nach seiner Rückkehr 
erzählte der Mönch von Weitem sieben glänzende Städte gesehen zu 
haben, von welchen er Namens des Königs von Spanien Besitz ergriff. 
(Ohne sie erreicht zu haben !) Dies, begeisterte dermafsen, dafs Vazquez 
de Coronado 1 ) mit einer gröfseren Schar dahinzog, um die Besitz- 
ergreifung thatsächlich durchzuführen. Nach einer sehr beschwerlichen 
Reise gelangte er nach Cibola, einer recht unwirtlichen Gegend ; von den 
sieben Städten fand er natürlich keine Spur. Doch wurde später ent- 
deckt, dafs Cibola siebzig Städte oder Dörfer enthielt, die in sieben 
Provinzen geteilt waren. Man hat auch behauptet, es befänden sich 
in Zuni, dem Hauptorte Cibola's, Völker mit weifsem Gesicht und 
blonden Haaren, die absolut nicht rein indianischen Ursprunges sein 
konnten 2 ). Endlich berichtet Sahagun über eine indianische Sage 3 ), 
laut welcher die Nahuatl ihren Ursprung aus Völkern ableiten, die 
vom Norden kamen. 

Die Insel Antilien wird bisweilen mit der Insel der sieben Städte 
verwechselt, manchmal leitet man diese Benennung aus Atlantide ab. 
Buache 4 ) glaubt, dafs Antilien dem arabischen Gezyret el Tennyn 



M Vivien de Saint- Martin, L'annee geographique 1871, S. 239 — 714. 
Simpson. Coronado's March in search of the Seven Citics etc. Smithsonian 
Institution 1869. S. 309 — 340. 

2 ) Catlin, Leiters and notes on the manners, customs and conditions of 
the North American Indians. I, 93. 

"M Historia de las cosas de Nueva Espana. 1, S. 18. 

«) Memoire* de l'Jnstitiit. Paris 1806. 



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Über die Materialien der voicolumbischen Geschichte Amerikas. 107 

entspreche, was Schlangeninsel sagen will. Auf einigen Karten des 
XIV. und XV. Jahrhunderts findet man in der Thal eine Insel mit 
einem Mann in der Nähe verzeichnet, der von Schlangen gefressen wird 1 ). 
Antilia würde dann die spanische Ubersetzung von Tennyn sein. 

Auch aus ante insula liefse sich, wie einige wollten, Antilien 
machen, und man gewönne dadurch einen Zusammenhang mit dem 
um.iun^fWi? des Aristoteles oder mit dem «rtoooiros des Ptolemäus. 

Medina Peter 2 ) ein spanischer Literat aus dem XVI. Jahrhundert 
sagt, dafs im Ptolemäus des Papstes Urban VI. (1378—1389) eine Insel 
Antilien vorkam mit der Legende: „Isla insula Antilia, aliquando a 
iMsilanis est inventa, scd modo, quando quaerilur, non inrenilur." Ks ist 
aber sehr wahrscheinlich, dafs es sich hier um eine der gewöhn- 
lichen Zugaben handelt, die nicht so selten vorkommen, da sonst 
keine Karte des XIV. Jahrhunderts den Namen Antilien angiebt. Man 
hat noch diese Insel auf der Karte des Picignano aus dem Jahre 1367 
zu linden geglaubt 3 ). Es sind in der That weit im Westen von Europa auf 
der genannten Karte zwei Statuen gezeichnet und daneben ist zu lesen: 
% ,Hae sunt staluae quac staut ante ripas Antitliae, quarum quac in fundo 
ad securandos homines navigantes, quare est fusum ad isla maria quousque 
possint navigare, et foras porrecta statua est mare sorde quo non possint 
inirare nautae." 

Unglücklicher Weise ist die Legende nur mit gröfster Mühe zu 
entziffern, so dafs wirklich viele durchaus nicht ante ripas Antilliae, 
sondern ante ripas Attullio und andere noch ad ripas istius insulae lesen. 

Mit Sicherheit kann also über Antilien erst von 1414 an die Rede 
sein, wie Behaim auf seinem Globus bemerkt. Von da ab fehlt sie 
aber auch fast nie mehr auf den Karten, so nicht auf dem ankoni- 
tanischen Atlas von 1424, der sich gegenwärtig in der Hofbibliothek 
zu Weimar befindet, auf jenem von Beccaria (Parma), auf der Karte 
des Andrea Bianco 1436, auf jener des Bartolomeo Pareto, gezeichnet 
1455 und herausgegeben von Andres, auf den Mapamundis des Fra 
Mauro u. s. w. Auf der Karte, die Toscanelli nach Portugal schickte, 
bildete die Insel Antilien endlich eine Zwischenstation zwischen Europa 
und Indien. Ortelius und Mercator geben ihren Küstenlauf mit einer 
solchen Sorgfalt an, als hätte man die Einbuchtungen und Vorsprünge 
derselben ganz genau aufgenommen. 

Über den Ort, wohin die Insel zu versetzen wäre, halten wir uns an 
Gaffarel's Betrachtungen. Eine der Canarien kann darunter auf keinen 
Fall gemeint sein, da dieselben 1275 unc ^ 12 9 1 durch Lancelotto 



*) Gaffarel, L'Ile des sept Citcs etc. Acta* del congreso internucional de 
American istas. Madrid iggi. Bd. 1, S. 104. 
a ) D'Avczac, lies de l'Afriquc. S. 27. 

3 ) Diese Nachrichten entnahmen wir alle der obigen Schrift Gaffarel's. 



108 



Ku^en Gel eich: 



Maloiscl, Tcdisio Doria und die Gebrüder Vivaldi besucht wurden. 
Im XIV. Jahrhundert wurde dieser Archipel neuerdings und zu ver- 
schiedenen Malen betreten, und zwar durch Angiulini del Tegghia 1341, 
durch spanische Schifte 1360, durch den Biscajer Ruys de Avendano 
1377, durch F. Lopez 1382, durch Ureno 1386. Als zu Beginn des 
XV. Jahrhunderts Johann von Bethencourt die Normandie verliefs, um 
die Canarien zu erobern, war er sogar in der Lage, Dolmetscher mit- 
zunehmen, die das canarische Idiom kannten, und die Chronik berichtet, 
dafs dazumal viele Schiffer den Archipel durchkreuzten. Die Canarien waren 
somit im Jahre 141 4 viel zu gut bekannt, um Antillen unter denselben 
zu suchen. Dasselbe kann für die Gruppe um Madeira gesagt werden. 

Die Capverdischen Inseln kennt man erst seit 1456 durch Ca da 
Mosto und Antonio Uso di Mare. Diese Inseln sind jedoch dem Lande 
sehr nahe gelegen, während nach allen Karten Antillen übereinstimmend 
in die Mitte des Ozeans versetzt wird. 

Ks bliebe nur übrig, dieses Antilien mit Amerika zu identifizieren. 
Hassel, ein deutscher Geograph meint, dafs die auf der Karte des 
Bianco durch eine Enge getrennten Inseln Man Satanaxio und Antilia 
die beiden Teile des amerikanischen Kontinentes vorstellen sollten, 
von welchem man später wirklich glaubte, dafs sie durch eine Meerenge 
getrennt werden. Auch Farmaleoni schlofs sich derselhen Ansicht an, 
die im übrigen gar keine Begründung findet. 

Am wahrscheinlichsten wäre mit Beccaria anzunehmen, das Antilien 
habe den Inbegriff einer Verwirrung gebildet, die in den Kosmographen 
des Mittelalters durch die neuen Entdeckungen geschah und die 
Beccaria selbst dadurch zum Ausdruck bringt, dafs er um den Archipel 
von Antilien herum: Insulae de novo repte (reperiae) schreibt. 

Klassisch in der Geschichte der Geographie ist es, dafs nach der 
Entdeckung Amerikas und lange Zeit nachher Niemand sich einfallen 
liefs, den westindischen Archipel mit Namen wie Antilien oder Antillen 
zu belegen. Columbus, Gomera, Acosta und Oviedo bedienen sich nie 
dieses" Namens, die Karten von Juan de la Cosa und Ribeiro enthalten 
keine Spur davon. In der italienischen Beschreibung aller Inseln der 
Welt von Bcnedetto Bordone , im Islario von Porcacchi, in der Cos- 
mographie von Andreas Thevct (1575), in der Beschreibung Westindiens 
von Herrera (1 615), findet man nie den Namen Antiliens. Jedenfalls 
war Peter Martyr der erste, der diesen Namen vorschlug, und 
Vespucci nennt die vor Columbus entdeckten Länder auch Antilien. 
Dessenungeachtet wurde diese Bezeichnung erst vom XVII. Jahrhundert 
an adoptiert, nachdem die berühmten Karten von Wytfliet und Ortelius 
erschienen, worauf der Archipel der Antillen zum ersten Mal vorkommt. 

Geheimnisvollen Ursprunges sind noch drei andere Inseln, die 
man gewöhnlich um Antilien herum verzeichnet findet, und zwar eine 
auf ungefähr zwei Meilen im Westen hiervon, von quadratischer Form 

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Über die Materialien der vorcoliimbisclien Geschichte Amerika*. JQ9 

und in ungefähr gleicher Breite mit der Hauptinsel. Sie hiefs Royllo. 
Kine zweite lag 60 Meilen im Norden und wurde de la man Satanaxio 
oder San Atanagio genannt. Endlich die Insel Tanmar oder Danmar, 
die etwas nördlicher als San Atanagio lag. 

Formaleoni gab sich jede erdenkliche Mühe, um Auskunft über 
diese Länder zu finden. Endlich entdeckte er einen alten Roman von 
Christoforo Armeno, betitelt „// pellegrinaggio de tre giovanni" (oder 
d< /re giovani? d. i. die Pilgerfahrt der drei Johannes, oder von drei 
Junglingen:), in welchem von einer (legend Indiens die Rede ist, wo 
täglich eine Hand aus dem Wasser heraustauchte, um die Schifte mit 
ihren Bemannungen in den Grund zu ziehen. Dies konnte nur die 
Hand des Teufels sein und daher Isola de la man Satanaxio oder die 
Insel der Teufelshand. Daraus bildete sich der Glaube, es liege an 
jener Stelle die Hölle, so dafs wir bei Ramusio (Raccolta di Viaggi) im 
Norden von Neufundland die Teufelsinsel, bei Ruysch die Insula Dae- 
monum, bei Cortereal (Thevet, Cosmogr. Universelle) die Isola de los 
Demonios u. s. w. finden. 

Gaffarel stellt die Hypothese auf, ein oder das andere Mal sei ein 
Seefahrer in den nordischen Gegenden auf einen Eisberg gesfofsen, der 
Unheil genug anrichten kann, um zu solch' wunderbaren und abenteuer- 
lichen Erzählungen Anlafe zu geben. Wir denken, dafs diese Hypothese 
ohne weiteres angenommen werden kann. 

Die Inseln Royllo und Tanmar verschwanden aus den Karten noch 
vor Antilien. 

Die Insel Bracie, Berzyl oder Brasil existiert schon auf dem medi- 
ceischen Portulan vom Jahre 1351 ; auf der Karte des Picignano vom 
Jahre 1378 nimmt man drei solcher Inseln wahr: die eine im Süden 
des Brcitenparallels von Gibraltar, die zweite im Südwesten von Irland, 
die dritte im Nordwesten von England. 

Zwischen Irland, Neufundland und den Azoren befanden sich 
endlich die Inseln Mayda oder Asmaides und Verde, welche lange 
noch nach der Entdeckung Amerikas auf den Karten bestanden, nur 
ist ihre Lage später unsicher geworden. Noch vor kurzem existierten 
sie auf den Blättern des atlantischen Ozeans als zweifelhafte Riffe unter 
der Benennung Maida und Green-Rock. 

Obwohl eigentlich schon seit mehreren Jahren erledigt, so möchten 
wir in diesem Abschnitt doch noch etwas kurzes über weitere zwei an- 
gebliche vorcolumbische Entdecker erwähnen, die Gebrüder Vivaldi, 
welche von Genua aus den Westweg nach Indien aufsuchten. Zunächst 
sei bemerkt, dafs man zur Zeit der Vivaldi's unter dem Westweg nach 
Indien die von den Portugiesen eingeschlagene Route über Kap der 
guten Hoffnung verstand. 

Bis zu Beginn unseres Jahrhunderts hatte man über diese Fahrt 



110 



Eugen Gclcich: 



nur die spärlichen Nachrichten, die uns Pietro d'Abano 1 ), Agostino 
Giustiniani*) und Umberto Folieta 3 ) hinterliefsen. Man wufste, dafs 
Ugolino und Guido Vivaldi ausgesegelt waren, dafs sich in ihrer Ge- 
sellschaft ein Tedisio Doria befand und dafs sie irgendwo Schiffbruch 
gelitten hatten. Zu Beginn unseres Jahrhunderts entdeckte man in 
den Archiven Genuas ein Manuskript aus dem Jahre 1455, betitelt: 
Hhurarium Antonii ususmaris civis janucnsis, welches von Gräberg de 
Hemsö geprüft wurde. Dasselbe besteht aus drei Teilen, aus einer 
Sammlung von 02 Legenden, wie es scheint für die Herstellung einer 
Seekarte vorbereitet, aus einem Briefe Usodimare's datiert aus Lissabon 
16. Dezember 1455 und einer kurzen Abhandlung über Geographie. 
Die XC. Legende bezieht sich auf die Kxpedition der Vivaldi's. Der- 
selben 4 ) entnimmt man, wie eines der beiden Schifte an eine Bank 
geriet und seeunfähig wurde, während das andere bis nach Menam an 
der afrikanischen Küste vordrang, woselbst die Bemannungen von den 
Eingeborenen gefangen gehalten wurden. 

In dem Briefe aus Lissabon erzählt Usodimare, gelegentlich seiner 
Reise nach Guinea noch einen letzten Spröfsling aus der Nachkommen- 
schaft der Bemannungen der Vivaldi's selbst gesehen zu haben. 

* • * 

Außer den Normannen und Irländern gelten zum Teil auch die 
Juden und Phönizier als Entdecker der neuen Welt. Über letztere ist 



•) Conciliator differentiarum philosophorum et praeeipue medicorum clam-imi 
viri. Pctro de Abano Patavini. 1471. Artikel 67. 

Annali della Republica di Genova. 1537. III S. m verso. 

3 ) Uberti folictae historiac Genuensium libri XII. 1 58g. Möge dieses eine 
Citat genügen S. 110 verso. Hoc anno 1291 . . Res quam vis privatis consiliis 
tentata, quae argumento est quam vivida omnibus actatibus fucrunt nostrorum ho- 
minum ingenia, multo modo silentio nobis praetercunda fuit: hoc nempe anno The- 
disius Auria et Ugolinus Vivaldus duabus triremibus privatim comparatis et in- 
struetis magnac audaciae animique immensa spectantis rem aggressi sunt, maritimam 
viam ad eum diem orbi ignotam ad Indias patefaciendi : frclumquc Hcrculeum 
egressi cursum in oecidentem direxerunt, quorum hominum qui fucrint casus, quique 
vastorum consiliorum exitus nulla ad nos unquam fama pervenit. 

A ) Anno Domini 1281 (oder 1291?) recesscrunt de eivitate Januae due galeae 
patronisatac per D. Valdinum et Guidum de Vivaldis fratres volentcs irc in levante 
(ad levantem) ad partes Indiarum; quae duac galeae multum navigaverunt ; sed 
quando fuerunt dictac duae galeae in hoc mari de Ghinoia, una carum se reperit 
in fundo sicco per modum quod non poterat irc nec ante navigarc; alia vero navi- 
gavit et transivit per istud marc usquedum venirent ad civitatem unam Ethiopiae 
nomine Menam, capti fucrunt et detempti (detenti) ab illis de dicta eivitate qui sunt 
Chrisliani de Ethiopia submissis (submissi) presbitero Joanni, ut supra. Civitas 
ipsa est ad marmam (marinam) propreslumen Sion (Gionl. Praedicti fuerunt taliter 
detempti (detenti) <juod nemo illorum a partibus illis umquam (unquam) redivit; 
quae praedicta narnvcrat. 



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Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschichte Amerikas. 1 1 1 

sehr wenig zu sagen; diese Vermutung ist einfach daraus entstanden, 
dafs man im Ohiothale eine Inschrift vorfand, die phünizisch sein soll. 
Berücksichtigt man aber, dafs diese Inschrift in verschiedenen Sprachen 
ausgelegt wurde, dafs Forster sogar in seinen Prehistoric Races of the 
l'nites States of America (Chicago IS'.'i) die Ansicht aussprach, der be- 
rühmte Writing Rock zeige die ersten Schreibzeichen der Eingeborenen, 
so verliert diese einzige sehr schwache Stütze jeden Halt. 

Dafs die Phönizier das Sargassmeer kannten, scheint zwar ziemlich 
sichergestellt zu sein, damit steht aber die Wahrscheinlichkeit einer 
westlichen Fahrt nur in sehr losem Zusammenhang 

Viel und Vieles ist über die Einwanderung der Juden geschrieben 
worden. Thomas Thorowgood*) 1650 und Spizelius 1661 3 ) haben zwei 
ganze Werke verfafst, um den Nachweis zu liefern, die Juden hätten 
den Weg nach Amerika gefunden. Lord Kingsborough, ein reicher 
Engländer aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, setzte fast sein 
ganzes Vermögen daran, um einschlägige Untersuchungen zu pflegen*). 
Eine kritische Untersuchung aller ähnlichen Versuche lieferte Louvot 5 ). 

Zunächst gaben Anlafs zu solchen Annahmen die in Indien selbst 
vorgefundenen Traditionen, dafs nämlich, wie Herrera berichtet, die 
Einwohner von Yucatan ihre Ahnen im Osten vermuteten und von 
denselben aussagten, Gott habe sie von der Bedrückung befreit, indem 
er ihnen den Weg über das Meer eröffnete. 

Ein Augenzeuge der Eroberung, Landa, hörte wieder von einigen 
älteren Einwohnern Yucatans, wie diese von ihren Eltern erfuhren, dafs 
das Land von einer Menschenrasse bevölkert wurde, die von Osten 
kam und die Gott befreit hatte. Lizana und Torquemada wollen gar 
aus einigen in Amerika vorgefundenen Dokumenten (!!) den Weg 
fixieren, den die Juden über Afrika nach den Canarien, Antillen, Cuba 
uud schliefslich nach Yucatan nahmen. Columbus wunderte sich über 
die Ähnlichkeit in dem Typus der Bewohner der Canarien und der 
Antillen und auch Berlhelot wies eine solche Ähnlichkeit später 
noch nach. Ja Berthelot nennt auch Namen von Ortschaften und 
Personen auf beiden Gruppen, die einander sehr ähnlich sind. — Dies 
Alles mit der Zerstreuung der Juden unter Salmansar in Verbindung 
gebracht, führt leicht zur Versuchung mit Thorowgood, Spizelius und 

*) Gaffarel, La Mer des Sargasses. Bullet. Paris 1871, S. 600 ff. Beweise 
hiervon hat man im Periplus des Scylax von Carianda, Zeilgenosse Darius I. Die 
Griechen und Römer kannten das Sargassmeer nur durch die phönizische Tra- 
dition. Siehe Aristot. Meteorol. II, 1. 4. 

*) Jews in America. London 1650. 

5 | Elevatio relationis Montezinianae de repertis in America tribubus israeliticis. 
ßasilea 1661. 

*) Antiquities of Mexico. London. Band VI. 
■') Actas de la cuarta icunion etc. S. 179. 

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112 



Eugen Gelciclt: 



Kingsborough gemeinschaftliche Sache zu machen. Allein man müfste 
doch noch nach anderen stärkeren Gründen suchen, die einen solchen 
Schluß rechtfertigen. 

Am auffallendsten waren zweifelsohne die Ähnlichkeit einiger Sitten 
und Gebräuche, die man bei den Ureinwohnern gefunden haben will, 
mit den Sitten und Gebräuchen der Juden. So opferten die Bewohner 
des südlichen Teiles der Neuen Welt die ersten Früchte ihren Gott- 
heiten, geradeso wie es die Juden thaten ; der Neumond galt bei ihnen 
als Festtag und in den ersten Septembertagen begingen sie einige 
Bufsakte. Wie zu den Zeiten Ruth's heiratete die Witwe den Bruder 
des verstorbenen Ehegemahls, die Purifikation, die Bäder, die Fasten 
sind ihnen bekannt gewesen. Sie hatten selbst eine heilige Arche, die 
sie sorgfältig an einem heiligen Orte bewahrten und im Kriege mit- 
nahmen, und endlich fand man bei . ihnen die Sitte der Circumcision 
vor. Gegenüber solchen Tatsachen zögerten Adair 1 ), Gumilla 2 ) und 
Kingsborough 3 ) keinen Augenblick mehr, die Indianer als Nachkömm- 
linge der Juden anzusehen. Und in der That mufs man dieselben wohl 
als frappant erklären und ihnen ein grofses Gewicht beilegen. 
Dessen ungeachtet hat Louvois Gründe angeführt, die diese wunderbare 
Coinciclenz in ihren Grundfesten erschüttern. 

Diese Übereinstimmung der Sitten wird nur durch ganz vereinzelte 
Reisende angegeben, so dafs wohl gestattet werden mufs, die Wahrheit 
derselben zu bezweifeln. Unterwandern ist es auch möglich, dafs die 
Eingeborenen teils mifsverstanden wurden, teils dafs gewaltige Über- 
treibungen vorkamen. 

Die Beschneidung ist durchaus nicht so ausschliefslich bei den 
Juden vorhanden gewesen, man fand sie bei den Ethiopiern, Arabern, 
Ägyptern, Phöniziern, Cholchidiern u. s. w., und doch besteht keine 
Rassengemeinschaft zwischen diesen Völkern. 

I.escarbot 4 ) und Adair gründeten ihre Annahme auch auf philolo- 
gische Argumente. Louvot nannte aber den Reisenden Lescarbot 
„sehr naiv", als er zu solch' philologischen Gründen das Vorkommen 
des Wortes Alleluja zählte. Zu seinen Zeiten kann Lescarbot sehr 
leicht zum Christentum bekehrte Indianer gefunden haben, und dann 
ist die Sache sehr erklärlich. 

Adair sah einige Stämme in Peru, die auf der Brust eine Muschel 
trugen, worauf das hebräische Wort Urim geschrieben stand. Sie 
sangen die drei Worte Je Meschiha, Ho Meschiha, Wah Meschiha, 
das sind die drei Silben von Jehova, unterbrochen durch den Ruf des 

') History of the American Indians. Boston 1776. 

2 ) Histoire de l'Orenoque. Bd. I, S. 186. 

•"') A. a. O. Bd. IV, S. 45. 

4 ) Histoire de la nouvellc France. 



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Über die Materialien zur voreol limbischen Geschichte Amerikas. ]J3 

Messias. Die Schuldigen wurden bei ihnen Haksit Canaha genannt, 
was sagen will: Sünder von Chanaan. 

Condamine 1 ) führt sechs Worte hebräischen Ursprungs an, Court 
de Gcbelin 5 ), ein sehr übertriebener Schriftsteller, verfaCste ein ganzes 
Lexikon solcher Ausdrücke. Die Mehrzahl der in demselben vorkom- 
menden Worte sind nach Louvot ohne jede wissenschaftliche Kritik 
verstümmelt worden, um aus ihnen eine hebräische Wurzel heraus zu 
pressen. Malouct 3 ) sagt, dafs ihm ein in Surinam niedergelassener 
Jude Namens Isaac Naru versicherte, die Haupfwörtcr der Indianer 
seien alle jüdischen Ursprunges. 

• • * 

Nach dieser allerdings nur in grofsen Zügen gehaltenen Musterung 
über die verschiedenen Hypothesen bezüglich einer vorcolumbischen 
Entdeckung des neuen Kontinentes, mttfs man wohl zum Schlüsse ge- 
langen, dafs die Forschung auf diesem Gebiete noch viel zu thun hat. 
Es sind Faktoren vorhanden, welche zu Gunsten derselben sprechen, 
aber auch Gründe, die sich dagegen stellen. Zu den Argumenten 
seemännischer Natur, die wir früher anführten, möchten wir noch dazu- 
fügen, wie unwahrscheinlich es klingt, dafs in fünf Jahrhunderten so 
jegliche Spur einer blühenden Kolonisation (1000— 1493) verloren 
ging. Zwar sollen Krieg, Pest und Kälte beim Übergang vom XIV. 
zum XV. Jahrhundert die vernichtenden Elemente gewesen sein, allein 
Näheres darüber kann man auch nicht sagen, und so bleibt dem Zweifel 
vollauf Raum zu bestehen. 

Was die Reisen der Juden anbelangt, so haben sie eine andere 
Bedeutung als die Entdeckung durch die Normannen. Es tritt hier 
nämlich die Frage nach der Abstammung der Ureinwohner in den 
Vordergrund. Hat das amerikanische Kontinent seine ersten Einwohner 
durch eine Völkerwanderung von der alten in der neue Welt über 
die Behringstrafse und Alaska erhalten oder kam der Zuzug von 
Europa her? 4 ) Wenn Juden oder Mongolen die Ureinwohner waren, 
so würde die radikale Veränderung des Typus, der bei den sonstigen 
Juden z.B. bis zum heutigen Tage so wohlerhalten blieb, staunenswert sein. 



J ) Rapport sur les monuments du Perou en temps des Incas (Berlin. 
Akadem. 1746). 

2 ) Monde primitif. VIII, 255. 

3 ) Citiert von Louvot S. 185. 

*) Guignes, Verfasser der Geschichte der Mongolen hat 1761 schon behauptet, 
dafs im V. Jh. nach Chr. eine Verbindung zwischen China und Amerika bestand. 
Er suchte nachzuweisen, dafs die Chinesen Amerika unter dem Namen Fusang 
kannten. Klaproth meinte Fusang sei Japan, während Neumann 1804 aufmerksam 
machte, dafs die Beschreibungen von Fusang nur auf Mittel-Amerika passen. 



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114 



Eugen Gele ich: 



Das Problem ist, wie man sieht, bei weitem noch nicht gelöst, die 
Wissenschaft hat an dasselbe noch genug Arbeit. 

IL 

Gewöhnlich werden Cabral, Vincenz Pinzon, Diego de Lepe und 
Vespucci als die ersten Entdecker Brasiliens genannt, während Tradi- 
tionen bestehen, denen zufolge diese Ehre Anderen gebührt- D'Avezac 
hat vor circa 20 Jahren ein altes Manuskript von einem Kapitän 
Gonncville aus Honfjeur veröffentlicht 1 ), der in den Jahren 1503 bis 
1505 eine Fahrt in das südatlantische Meer ausführte und dabei Bra- 
silien berührt haben soll. Gonncville behauptet nun, es hätten einige 
Jahre vor ihm Seeleute aus Dieppe und Malouins, sowie Normannen 
und Brctoncn die brasilianischen Küsten gekannt. Im folgenden wollen 
wir das bewufste Manuskript kurz beschreiben und analysieren. 

Das durch Paul Lacroix, Bibliothekar im Pariser Arsenal entdeckte 
Dokument ist eigentlich nicht das Original einer durch Gonneville 
verfafsten Relation, sondern die Abschrift einer juridischen Aufnahme, 
deren Entstehung später erklärt werden soll. Überschrieben ist das- 
selbe wie folgt: 

Les gens Tenants l'Admiraute de France, au siege gtWral de la table 
de Marbre du Pallais ä Ronen Scavoirs faisons — gue des registres du 
Greffe du dit siege, annee mil fing cens eint/, a es/t' ex/rait et collationne 
() la minutte originale ce gut' ensuit — Premiere Partie — Dhlaration 
du voyage du capitaine Gonneville et ses compagnons en Indes, et Recher- 
dies faiies au dit voyage baillees vers Justice par il capitaine et ses di/s 
compagnons jauste gu'on reguis les gens du Roy nostre Sire et guenjoint 
leur a etc. 

Dieser Bericht ist in Kapitel mit folgendem summarischen Inhalt 
eingeteilt. Kap. 1 bis 7 enthält die Reisevorbereitungen. Auf ihren 
Fahrten nach Lissabon hatten Gonneville, Jean l'Anglois und Pierre le 
Carpenticr Gelegenheit, die Reichtümer zu bewundern, welche die aus 
Indien heimkehrenden Portugiesen brachten, und sie beschlossen, ein 
Schiff zu befrachten, um eine solche Fahrt zu unternehmen. Zu 
ihrem Unternehmen gesellten sich zwei experte Portugiesen, Bastian 
Moura und Diego Cohinto, und da ihre Mittel für die Anschaffung 
von Schiff und Ladung nicht ausreichten, auch noch einige andere 
französische Rheder. Man versah sich mit einer hübschen Menge 
französischer Produkte und segelte am 24. Juni 1503 von Honfleur ab. 
Die Reise ging anfangs gut; beim Kap Verde wurden frische Lebens- 
mittel eingenommen und steuerte man von hier ab durch sechs Wochen 
gegen Süden, aber abseits von der afrikanischen Küste, um den Gefahren 
dieser letzteren und dem Einflüsse ihrer pestilenzialischen Luft zu ent- 
gehen. Das schöne Wetter war von Zeit zu Zeit durch kurz andauernde 

') Annales des Voyages 1869. Band II. S. 257. 



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Über die Materialien zur vorcolumbischcn Geschichte Amerikas. 115 



Böen unterbrochen, dafür fiel häufig dichter Regen Am 12. September 
passierte man die Linie, woselbst die Krankheit der Seeleute (Skorbut) 
ausbrach, der zweidrittel der Bemannung als Opfer fiel. Von nun an 
wurde nach dem Sternbilde des südlichen Kreuzes gefahren. Weil 
gewisse Vögel nicht in Sicht kamen und wegen der niedrigen Tempe- 
ratur, welche vorherrschte, meinten die mitfahrenden Portugiesen, das 
Schiff erhebe sich zu weit über das Kap der guten Hoffnung; daraufhin 
und zwar am 9. November erhoben sich Gegenwinde, der Lotse starb 
zum Unglück und am 30. brach ein heftiger Sturm los, welcher das 
Schiff durch einige Tage der Gewalt der Wellen preisgab. Nach 
Aufhören desselben kannte man die Schiffsposition nicht mehr, was 
um so unangenehmer ausfiel, als das Trinkwasser ausging. Ks folgten 
nun windstille Tage, man schritt nur langsam vor. Da bemerkte man 
Vogelscharen, die aus dem Süden zogen, und setzte den Bug nach 
ihrer Richtung, indem man die Segel drel\te, in der Hoffnung, so eher 
auf Land zu stofsen. Am 6. Januar kam ein grofses Land in Sicht, 
der Gegenwind gestattete aber erst am nächsten Tage, dort Anker zu 
werfen. Die Untersuchung des Schiffes ergab solche Schäden, dafs 
die Forsetzung der Reise nach Indien aufgegeben werden mufste. 

Man verblieb bis zum nächsten Sommer an jener Stelle und be- 
nutzte die Zeit, um Land und Leute kennen zu lernen (Kap. 14 bis 22) 
und um die Schäden zu reparieren. Da es Sitte war, aus neuentdeckten 
Ländern Kingeborene mitzunehmen, um sie zu bekehren und als Apostel 
für ihr Vaterland zu verwenden, überredete Gonneville den König jener 
Provinzen, ihm seinen Sohn mitzugeben, mit dem Versprechen, den- 
selben in der Kriegskunst zu unterrichten und wieder heimzuschicken. 
Nachdem auch dies gelang, lichtete man am 3. Juli 1504 die Anker 
und fuhr bis zum 10. Oktober aufser Sicht von Land. Der Skorbut 
hauste fürchterlich, weshalb getrachtet werden mufste, frische Lebens- 
mittel einzunehmen. Bei Überschreitung des südlichen Wendekreises 
ergab die Rechnung eine gröfsere Nähe an Westindien als an Afrika, 
an jenem Lande nämlich, aus welchem seit einigen Jahren See- 
leute aus Dieppe, Malouins, Normannen und ßretonen, 
rotes Farbholz, Baumwolle und Papageien nach Frankreich 
verschifften. Der herrschende Ostwind begünstigte die Fahrt dahin, 
man wendete also westwärts und bekam am 10. Oktober die Küste in 
Sicht (Kap. 27). Der Ort, wo sie ankamen, war von wilden Menschen- 
fressern bewohnt; sie fuhren deshalb andere 100 Leguas der Küste 
entlang, bis sie einen besseren Menschenschlag vorfanden. Ende De- 
zember setzte man die Reise wieder fort, erreichte den Äquator, sodann 
die Fucusbank. Als sie sich bei den Canarien wähnten, sichteten sie 
unerwartet die Azoren und ankerten in Fayal. Auf dem Wege zum 
Äquator wird nur einer gesichteten grünen Insel erwähnt, welche von 
Tausenden von Vögeln bewohnt war. 

Zeiwchr. d. Ge«lUch. f Erdk. Bd XXVI. 9 



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116 



Eugen Gelcich: 



Auf der Weiterreise nach Madeira trieb ein schwerer Sturm das 
Schirl" bis nach Irland, wo eine Herstellung vorgenommen werden 
mufstc, indem das Schiff ein Leck bekam. Nach vielen Leiden und 
Entbehrungen mufste zwischen Jersey und Guernesey noch ein Kampf 
gegen Seeräuber aufgenommen werden, bei dem nur wenige der 
Schiffer das nackte Leben retten konnten. Dieses der Inhalt des 
Manuskriptes. 

Bevor wir das Manuskript nach unserer Auffassung analysieren, 
sollen einige von D'Avczac gegebene Daten über diese Fahrt Raum 
finden. 

Zunächst bemerkt der gelehrte Franzose, dafs dieses Unternehmen 
wohl nicht in Vergessenheit geraten war, man wufste davon, nur war 
man über das Ziel der Reise nicht im klaren. Die Tradition desselben 
verbreitete sich unter den Geographen, so nahm z. B. Johann Schoener 
auf seinem Globus ^(1520) über 40° Südbreite hinaus ein Brasilia 
inferior auf; Knciso gab in seiner Suma de Geografia (1546) ein 
weit im Süden gelegenes, aber nicht näher bekanntes Land an, und 
auf den Karten des XVI. Jahrhunderts erscheint dasselbe immer wieder, 
wenn auch bald stärker nach Osten, bald stärker nach Westen versetzt. 

Mitte des XVII. Jahrhunderts erfrischte eine seltsame Verkettung 
von Umständen die Erinnerung an diese Expedition. Wir sahen, wie 
Gonneville einen Eingeborenen mitgenommen hatte, den er nach Be- 
kehrung zum Christentum wieder heimsenden wollte. Unverhoffte 
Ereignisse machten diese Absicht zu nichte und Gonneville war nun 
bemüht, seinen Schutzbefohlenen für den Verlust von Eltern und 
Vaterland zu entschädigen. Er vermählte ihn mit einer reichen Ver- 
wandten von ihm, und diese Ehe wurde von Nachkommen gesegnet, 
die sich in dieser Linie noch weiter fortpflanzten. Da geschah es, 
dafs in den fünfziger Jahren des XVII. Jahrhunderts die französische 
Regierung von dieser Familie die für die Eingewanderten eingesetzten 
Abgaben verlangte. Der zu zahlende Betrag war sehr ansehnlich; die 
Betroffenen weigerten sich, dem Gesetze Folge zu geben und reichten 
Rekurs ein, indem sie sich darauf stützten, dafs ihr Stammvater nicht 
freiwillig, sondern durch die Gewalt der Umstände gezwungen wurde, 
in Frankreich bleibenden Aufenthalt zu nehmen. Dem Rekurse war als 
Dokument eine Abschrift von der bei der Admiralität durch Gonneville 
gemachten Reisebeschreibung beigelegt. Es war nämlich damals Sitte, 
dafs heimkehrende Schiffe ihre Tagebücher vorlegten, und da Gonne- 
ville dies durch das traurige Ende seiner Expedition nicht thun konnte, 
so mufsten sich die Behörden mit der protokollarischen Aufnahme 
einer mündlichen Schilderung begnügen. 

Die Familie Gonneville hatte eine Abschrift von dieser Aussage 
behalten; gelegentlich des eben erwähnten Rekurses verweigerte man 
aber dem Dokumente die Rechtskraft, wegen Mangel der amtlichen 



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Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschichte Amerikas. | \ 7 



Legalisation. Unter den Akten der Admiralität wäre zwar das Original 
sicher zu finden gewesen, da es sich aber um neuentdeckte Länder 
handelte, so war das Protokoll unter den geheimen Papieren aufbewahrt, 
und es gehörte die Ermächtigung des Königs dazu, um zu denselben 
zu gelangen. Diese wurde glücklicherweise erwirkt und die Kopie 
legalisiert. 

Die Zeit dieser Ereignisse war für die geographisch-historische 
Forschung unglücklich ausgefallen. Einerseits war es zu spät, um 
Prioritätsansprüche zu erheben, anderseits war der wissenschaftliche 
Sinn zu wenig entwickelt, um den reichen Fund gehörig auszubeuten. 
Diejenigen, die dieses Papier in Händen bekamen, betrachteten es nur 
insofern, als selbes bei der Erledigung des Rekurses entscheidend 
einwirkte, und war die Angelegenheit abgethan, so wanderte die Beilage 
wieder in die Archive. 

Es existierte aber doch noch eine andere geschriebene Erinnerung 
an die bewufste Expedition. Der Verbindung des eingeborenen Ameri- 
kaners mit einer Französin waren, wie früher bemerkt, mehrere Kinder 
entwachsen, wovon das jüngste, Binot Paulmier, die Linie fortsetzte. 
Ein Sohn dieses letzteren, Olivier Paulmier hatte wieder mehrere Nach- 
kommen, darunter einen Jean Paulmier, der sich dem geistlichen Stande 
widmete. Die Tradition des Stammvaters dieser Generation lebte, wie 
es scheint, immer frisch in der Familie; denn Jean Paulmier setzte 
grofsen Eifer daran, ein Unternehmen zur Verbreitung des Christentums 
in seinem Stammlande zu gründen. Er veröffentlichte diesbezüglich 
eine an Papst Alexander VII. gewidmete Schrift, betitelt: „M.'nwires 
touchant Petablissement tfune Mission chrclienne dans le troisihin monde 
autrement appelle la Ttrre Austräte, Miridionale , Antartique , d In- 
connue. Dediez ä Xostre S. Pere le Pape Alexandre 17/. Par un Eccle- 
»iastique, Originaire de cette mesme Terre." Die Unterschrift des 
Widmungsbriefes trägt die Chiffer: J. P. D. C. d. i. Jean Paulmier 
de Courtonne. In diesem Werke ist die Expedition Gonneville's in 
zwölf Seiten erledigt; die Nachrichten sind jedoch sehr spärlich und 
zu kritischen Studien ganz ungeeignet. Das was man also im XVII. 
Jahrhundert von den Reisen Gonneville's wufste, entnahm man wahr- 
scheinlich diesem Werke. Auf einem Globus von Bion aus dem Jahre 
1700 ist in der That im Süden von Tristan da Cunha die Note aufge- 
nommen: „Dieses Land wurde durch Gonneville 1503 entdeckt und 
Südlndien genannt. 1 ' An derselben Stelle merkte Coronelli auf 
seinem Globus an: „Terra de papagalli, det/a da Francesi Terrc des 
Perroquels, creduto /avotosa." 

Gelegentlich der Entwickelung des französischen Handels nach 
Ostindien gedachte die französische Indien-Kompagnie das Land 
Gonneville's als geeignete Zwischenstation für ihre Schiffe zu benutzen. 
Der Kapitän der Gesellschaft, Johann Baptist Karl Bouvet de Logier 

9* 



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118 



Eugen Gelcich: 



wurde beauftragt, dasselbe zu erforschen. Vergebens suchte man nach 
den Angaben von Johann Paulmier das Original des Reiseberichtes in 
den Akten des Admiralitätsamtes zu Honfleur 1 ). Die Protokolle reichten 
nur bis zum Jahre 1600. Bouvet machte sich daher auf den Weg, 
indem er sich auf sein gutes Glück vcrliefs. Nachdem er Teile des 
antarktischen Kontinentes entdeckte und sichtete, kehrte er unver- 
richteter Dinge zurück. Später unternahmen Bougainville, Surville, 
Kerguelen und Marion Dufresne Expeditionen, die immer den gleichen 
Mifserfolg teilten. Von da ab gab man die Aufsuchung auf und 
Gonneville hatte nur mehr historisches Interesse. Selbstverständlich 
artete man in den einschlägigen Hypothesen bedeutend aus. Der Um- 
stand, dafs ein in Not geratener Freiherr von Gonneville die Geschick- 
lichkeit hatte, die Nachrichten von Johann Paulmier zu ergänzen, um 
die angeblich authentische Abschrift des Originalberichtes zur Her- 
stellung seiner elenden Finanzen auszunützen, gab verschiedenen Ge- 
lehrten Anlafs, ganze Dissertationen über die hier besprochene Reise 
zu verfassen, bis endlich vor circa 20 Jahren das eigentliche Original 
glücklich gefunden wurde. 

D'Avezac giebt nun eine anscheinend angehende Interpretation der 
Route auf Grund des letzt gefundenen Manuskriptes, die uns Jedoch 
nicht ganz befriedigt. Wir wollen uns darüber im folgenden näher äufsern. 

Bis zur Ankunft auf Cap Verde ist natürlich nichts besonderes zu 
sagen. Da Gonneville zwei Portugiesen mithatte, die von den Instruk- 
tionen Gama's etwas wissen mufsten, und mit Rücksicht auf die physi- 
kalischen Verhältnisse des Atlantischen Ozeans zögert D'Avezac nicht, 
anzunehmen, man habe SW-lichen Kurs genommen, um den SE-Passat 
damit mit einem Borde zu durchschneiden. Aller Wahrscheinlichkeit 
nach schnitt die Expedition den Äquator in 25 bis 30° West von Paris 
und ungefähr in derselben Länge auch den Wendekreis des Krebses. 
Weil man vielleicht im SE-Passat besser am Winde (mehr gegen Süden) 
anlag als vorausgesetzt wurde, steuerte man in der Folge mehr nach 
Süden als notwendig und gelangte so in die Umgebungen Tristan da 
Cunha's. Gegenwinde setzten sich hier ungefähr der Fortsetzung der 
Reise entgegen; es kam darauf der Sturm, der das Schiff vor sich her 
trieb, man geriet auch, von der nördlichen Strömung versetzt (gegen 
NW treibend), in das Gebiet der südlichen Tropikalkalmen. Endlich 
erreichte das Schiff wieder die regelmäfsigen SE- Winde, mit welchen 
westwärts bis ungefähr zum Rio Grande do Sul gesegelt wurde, wo 
man Anker warf. Die Beschreibung des Landes nach dem Manuskripte 
pafst, soweit als bei dem kargen Material geurteilt werden kann, ganz 
vorzüglich auf die südliche Küste Brasiliens. 



M Unsere Leser entnahmen bereits dem Titel des Manuskriptes, dafs selbes anstatt 
dessen in Koueu la^'. 



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Über die Materialien zur vorcolumbis.chen Geschichte Amerikas. J 19 

Diese Angabe der Route befriedigt uns aber im ganzen und 
grofsen nicht, indem wir gegen dieselbe folgendes einzuwenden finden : 

1. Zur Zeit der Abfahrt vom Cap Verde herrschte an den Küsten 
von Liberia, Senegambien, Cap Palmas etc. der SW-Monsun, der sich 
ziemlich stark gegen Westen ausdehnt. Hätten die Schiffe den Bord 
gegen Amerika gezogen, so würden sie sehr spät raumeren Wind ge- 
funden haben. Es ist auch fraglich, ob sich die Kenntnis der kaum 
eingeführten Passatroute so schnell verbreitete. 

2. Im Manuskripte heifst es, man habe denselben Wind durch sechs 
Wochen gehabt. Nun erhoben sich zuweilen Stürme von kurzer 
Dauer und der Regen war heftig und häufig. D'Avezac meint, es 
seien dies die Regenböen der Äquatorialkalmen gewesen. In diesem 
Falle würde es aber heißen, durch einige Tage habe man solche 
Böen mit Regen gehabt und nicht: ziemlich oft {et Itoicnt frequenks); 
aufserdem wäre auf die Kalmen hingewiesen worden. Die Passat- 
region bildet im Ozean bekanntlich ein fast regenloses Gebiet, 
dagegen ist zur Zeit des SW-Monsuns die Küste mit Regen gesegnet. 
Die kurzen heftigen Stürme haben endlich eher den Charakter der 
Tornados. Es scheint uns also wahrscheinlicher, man habe SSE anstatt 
des andern Bordes gesteuert, obwohl von einem Ausweichen der Küste 
die Rede ist. Da aber damals noch auf den Fahrten nach dem Kap, 
Afrika ganz kotoyiert wurde (Gama selbst noch that es auf seiner ersten 
Fahrt nach Kalicut), so kann hier einfach gemeint sein, man habe sich 
eben, so gut als es anging, weit von dem Lande gehalten. Waren 
übrigens die Bissagos -Inseln passiert, so würde der Kurs SSE der 
gehegten Absicht so ziemlich entsprochen haben. 

3. Am 9. November sah man treibendes Holz, es begannen Gegen- 
winde und hierauf folgte ein heftiger Sturm. Was können dies wohl 
für Gegenwinde gewesen sein, mit welcher Art Stürme haben wir es 
hier zu thun? In den Segelanweisungen finden wir für die Kapregion 
im November abwechselnde NW- und SE- Winde, letztere jedoch als 
vorherrschend angegeben. Der Sturm kann kein anderer als ein Kap- 
stiirm gewesen sein. Nach dem Sturme folgen Kalmen, dann kommen 
Vögel aus dem Süden in Sicht, man fällt nach jener Richtung ab und 
findet glücklich Land. Diese ist uns die dunkelste Stelle. Wie hat 
wohl das Schiff um tausende von Meilen nach Westen abtreiben 
können? Der Sturm kann eine so gewaltige Ortsversetzung nicht hervor- 
gebracht haben. Aufserdem sagt das Manuskript, man habe, um Land 
zu erreichen, Halsen wechseln l ) müssen, was mit den Annahmen D'Avezac's 
nicht ganz harmoniert. 

! ) Den Kurs um circa 140° durch den Wind drehen. Ein Schiff segelt 1. B. 
bei SE-Wind NNE und ändert es seine Richtung nach SSW, so sagt man, es habe 
Halsen gewechselt, weil es früher den Wind von rechts bekam, während dies jetzt 
von links geschieht. 



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\20 Eugen Gel eich: 

D'Avczac ist auch in clor That genötigt, sich durch den Text des 
früher genannten verarmten Freiherrn von Gonneville auszuhelfen, wo 
es heifst, dafs die Segel gestrichen wurden (und nicht, dafs man Halsen 
wechselte), um sich von einem frischen Südwind treiben zu lassen. 
Bei der grofsen Entfernung von Amerika hätte man da das Land nie 
erreicht. Der störende Halsemvechsel läfst sich natürlicher, ohne Text- 
verdrehungen, wie folgt erklären. 

Aus den Ergebnissen der Untersuchungen Toynbee's über die 
Wetterverhältnisse am Kap der guten Hoffnung wissen wir, dafs im 
November und Dezember daselbst SE-Stürme vorkommen, so dafs 
unsere Abenteurer gegen einen solchen zu kämpfen bekamen. Ein 
SE-Sturm kann ein in der Nähe des Kaps befindliches Schiff weit 
genug nach NW abtreiben, um es in das Gebiet der südlichen Tropikal- 
kalmen zu bringen, worauf leicht eine weitere Versetzung bis zum 
SE-Passat möglich ist. Das südliche Kreuz wird Auskunft genug über die 
Breite, in welcher man sich befand, gegeben haben; wie sah es aber 
denn mit der Länge aus? In der That berichtet auch das Manuskript, 
es sei die Schiffsposition verloren gegangen. Unter solchen Umständen 
war es nicht geraten, in's Blinde zu schiefsen, um so weniger als das 
Trinkwasser auszugehen begann. Das beste was man thun konnte, war 
also den Bug gegen das Land zu setzen, um letzteres sobald als 
möglich zu erreichen. — Immer in der Meinung, nahe genug an Afrika 
zu sein, wird man im SE-Passat Steuerbordhalsen, d. h. Kurs ENE 
eingeschlagen haben. Da bemerkte man Vögel im Süden, in jener 
Richtung wurde Land vermutet, und um dieses zu erreichen, blieb 
eben nichts anderes übrig, als den Halsenwechsel vorzunehmen, d. h. 
in Kurs SSW zu setzen. 

Damit haben wir bei weitem nicht alle Zweifel beseitigt, die uns 
selbst plagen. Soweit die Meteorologie der Kapregion bekannt ist, 
nehmen die dortigen Stürme keine allzugrofse räumliche Ausdehnung; 
damit ein Schiff in ihren Bereich gelange, mufs es schon ziemlich 
nahe der Küste sein. Sagen wir, dafs der SE-Sturm unsere Seefahrer 
auch um mehrere hundert Meilen nach Westen getrieben habe, so blieb 
bis zum Rio Grande do Sul noch eine gewaltige Strecke zurückzulegen. 
Der Sturm brach am 30. November aus und dauerte einige Tage, 
sagen wir also bis zum 3. Dezember. Hierauf folgte wieder einige Tage 
Stille, also circa bis zum 6. desselben Monats. Auf das hin rückte 
das Schiff in das Gebiet des SE-Passates, wo man jedenfalls einen 
östlichen Kurs nahm. Dies sagt uns das Manuskript, weil, wo von dem 
Zuge der aus Süden kommenden Vögel die Rede ist und bei Erwähnung 
des Halsenwechsels der Zusatz steht, man habe durch letzteren dem 
Weg nach Indien den Rücken gekehrt. Hätte man gleich am 6. De- 
zember den Bug gegen Westen gesetzt, so würde die Zeit bis zum 
5. Januar wohl hinreichen, um Amerika zu sichten. Uns dünkt aber 



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Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschichte Amerikas. ] 2 1 



diese Annahme unzulässig; weit mehr scheint es uns, als ob vom 
Halsenwechsel bis zur Erreichung des südamerikanischen Kontinentes 
nur ein ganz kurzer Zeitraum läge. Kam das Land nicht bald in Sicht, 
so wird man nicht gewagt haben, volle vier Wochen ins Ungewisse zu 
fahren. Dann läfst sich aber nicht erklären, wie Gonneville so stark 
nach Westen kam, aufser man weicht von den gewöhnlichen Annahmen 
gänzlich ab. Wir würden uns z. B. nicht so viel Mühe gegeben 
haben, um die Route zu verstehen, wenn man sie, wie folgt, aus- 
gelegt hätte. 

Vom Cap Verde an fuhr man mit SW-Wind Backbordhalsen gegen 
SSE, war aber vom Regen und den Tornados derart belästigt, dafs 
man sich schliefslich entschlofs, über Stag zu wenden, um den west- 
lichen Bord zu ziehen. Dadurch entfernte man sich von der afrikanischen 
Küste, wie auch davon das Manuskript berichtet. Der SW-Monsun, 
der sich gerade in der Zeit, als Gonneville im Ozean segelte, bedeutend 
gegen Westen ausdehnt, brachte einen stark westlichen Durchschnitt 
der Linie zur Folge, so dafs man beim Antreffen des SE-Passates bereits 
aufsergewöhnlich weit in Lee von Afrika war. Im SE-Passat hielten 
sich die Seefahrer auf alle Fälle so gut als es anging am Winde, wenn 
sie aber die Linie in 35 bis 38 0 West durchschnitten, so befanden sie 
sich im Bereiche des brasilianischen Küstenstromes und kamen so weit 
stärker nach Süden als sie vermuteten. Im Dezember herrschen in den 
Umgebungen der La Plata-Mündung die Pamperos vor, das sind heftige, 
2—3 Tage, oft aber auch länger anhaltende SW-Stürme, die sich 
ziemlich stark gegen Norden und Osten ausdehnen. Einen solchen 
und nicht einen Kapsturm machte Gonneville durch; er wurde gegen 
NE getrieben, gelangte so zuerst in das Gebiet der Tropikalkalmen 
und schliefslich wieder in den SE-Passat. Aus den früher angegebenen 
Gründen wird man im Kurse ENE Heil gesucht haben, ohne besonders 
viel Weg zurückzulegen, weil der Passat an seiner Polargrenze sehr 
schwach weht. Da bemerkte man einen aus dem Süden kommenden 
Zug Vögel, wendete die Halsen und gelang so nach einem Punkte 
der südamerikaniseken Küste. In dieser Art erklärt, kommt uns das 
Manuskript weit verständlicher vor, man könnte sich höchstens gegen 
die zu starke westliche Versetzung wehren, die aber zum Teil durch 
den Abfahrtspunkt an der Küste Afrikas und durch den damals vor- 
herrschenden SW-Monsun erklärlich ist. Immerhin stofsen wir bei 
dieser Annahme auch auf Hindernisse, die jedoch bei weitem leichter 
zu überwältigen sind als wenn es sich darum handelt, mit der Route 
D'Avezac's fertig zu werden. 

Älteren Hypothesen über das Reiseziel Gonneville's entnehmen 
wir 1 ), wie u. A. auch vermutet wurde, dafs die erste Landung auf 

V) Flacourt, Histoire de la grande isle Madagascar. — De Brosses, His- 



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122 



Eugen Gclcich: 



Madagaskar oder gar in Australien erfolgte. Diese Annahmen zu wider- 
legen, scheint uns ganz überflüssig, da der Bericht über die Rückfahrt 
nach der Heimat ein so wichtiges Ereignis, als es die Doublierung des 
Kaps der guten Hoffnung gewesen wäre, nicht unerwähnt gelassen hätte. 

Wir sahen früher, wie Gonneville von der nordbrasilianischen Küste 
als wie von einem längst bekannten Lande sprach, aus welchem See- 
leute aus Dieppe und Malouins, sowie Normannen und Bretonen schon 
seit mehreren Jahren Farbholz, Baumwolle und Papageien abholten. Gonne- 
ville fuhr 1503 von Krankreich ab, wenn er also „vor mehreren Jahren" 
sagt, so bezieht er sich auf eine Epoche, die offenbar der Entdeckung 
Cabral's vorangeht. Worauf mag sich wohl Gonneville bezogen haben? 
Die Lösung dieses geographischen Problems ist keine leichte, da sie 
sich auf einfache Traditionen basiert und jeder positiven Beweisführung 
mangelt. Uns bietet sie erhöhtes Interesse nicht nur insofern, als es 
sich um die Entdeckung Brasiliens handelt, sondern auch wegen eines 
eigentümlichen Zusammenhanges dersclhen mit der Entdeckungsfahrt 
des Columbus. 

Bezüglich der frühesten Fahrten französischer Seeleute nach den 
brasilianischen Häfen existiert zunächst die Tradition eines Jean 
Cousin 1 ), der 1488 von Dieppe aus eine Fahrt unternommen haben 
soll, um den Portugiesen bei der Entdeckung Indiens zuvorzukommen. 
Er wufste genau, wie weit letztere nach Süden vorgedrungen waren 
und dafs ihnen dennoch die UmschifTung Afrikas nicht gelang; deshalb 
schöpfte er den Plan, schon in hoher See seinen Kurs derart zu richten, 
um noch weit südlicher als die südlichste der portugiesischen Besitzungen 
gelegen war, Land zu erreichen. In den niedrigen nördlichen Breiten 
erfafste ihn aber ein starker westlicher Strom, der sein Schiff zu einer 
unbekannten Küste fortrifs, wo er nahe an der Mündung eines mächtigen 
Stromes ankerte. Anstatt von hieraus heimwärts zu segeln, durchkreuzte 
er den südatlantischen Ozean gegen Südosten bis zu einem Kap, das 
die Portugiesen später die Nadelspitze nannten, erstieg die Westküste 
Afrikas gegen Norden, tauschte seine Waaren am Kap gegen dortige 
Produkte aus und langte 1489 wieder in Dieppe an. Der Erfolg 
dieser Fahrt wäre also kein geringerer als die Entdeckung Amerikas 
vor Columbus, und jene des südlichen Endes Afrikas vor Vasco de 
Gama. Authentische Proben über diese Fahrt existieren zwar keine, 
die Franzosen halten und hielten aber die Überlieferung doch in An- 



toirc des terres australes. Bd. 1. S. 106 ff. — Kstancclin, Rechcrches sur les vo- 
yages et dikouvcrtes des navigateurs normans. S. 165. 

*) Kstancclin a. a. O. — Dcsmarquets, Mdmoires chronologiques pour 
sorvir a Phistoirc de Dieppe. 1785. — Margry, Les navigations francaises et la 
rcvolution maritime du XIVc au XVI«: sitclc. — Gaffarel, Histoiie du Brcsil 
fr.»n v ais au XVIc siecle. l'aris 1878. 



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Über die Materialien zur vorcolumbischen Geschichte Amerikas. 10 3 

sehen. Übrigens warum soll sie auch nicht Wahrscheinlichkeit für sich 
haben?! üieppe war im Mittelalter einer der berühmtesten Seehäfen 
Westeuropas. Seehandel, Fischfang und Seeräuberei bildeten die 
Hauptbeschäftigung dieser Nachkömmlinge der alten und zur See berühmten 
Normannen. Dem Walfischfänger sowie dem Seeräuber ist keine Gefahr 
zu grofs, im Gegenteil sie gewinnen ihren Unternehmungen erst dann 
einen Geschmack ab, wenn es sich um eine aufsergewöhnliche Leistung 
handelt. Je gröfser die scheinbaren Hindernisse eines Vorhabens sind, 
desto frischer sind sie bei der Hand, desto rüstiger und freudenvoller 
gehen sie zur That. Dazu gesellt sich ein anderer Umstand. Die 
Handelsleute aus Dieppe führten alle ihre Geschäfte so geheimnisvoll 
als möglich durch. Aus Furcht, man könnte ihnen von ihren reichen 
Seegeschäften einiges abjagen, bewahrten sie das phönizische System 
und schwiegen vollkommen über Richtung und Ziel ihrer Fahrten. 
Daher erklären sich die kargen Nachrichten, die wir über ihre See- 
geschichte besitzen und der völlige Mangel jeglicher Schrift, die nähere 
Aufklärung verschaffen könnte. Etwas hätte man zwar den alten 
Archiven durch den früher angeführten Usus entnehmen können, dem- 
zufolge die" heimkehrenden Schiffe ihre Tagebücher bei den Ämtern 
der Admiralität abgaben. Unglücklicherweise ist gerade das Archiv 
der Stadt Dieppe gelegentlich der Einnahme dieser Stadt durch die 
Engländer in Brand gesteckt worden, und so hat auch die Hoffnung, 
dafs früher oder später eine diesbezügliche glückliche Entdeckung 
mehr Licht verschaffe, keine Aussichten auf Erfolg. Es sei schliefslich 
bemerkt, dafs auch die nautische Wissenschaft in Dieppe sorgsame 
Pflege fand. Im Jahre 1876 tauften die Diepper eine Strafse ihrer 
Stadt mit dem Namen „Rue Descaliers" zur Verewigung eines berühmten 
nautischen Lehrers, der daselbst die Seeleute des XV. Jahrhunderts in 
tler Steuermannskunde unterrichtete. Descalier (sonst Des Cheliers, 
Des Celiers, Deschalier genannt) gehörte dem geistlichen Stande an, 
sein Geburtsjahr ist nicht bestimmt bekannt. Er widmete sich dem 
Studium der Mathematik und Astronomie und fand sich durch den 
Beruf seiner Landsleute veranlaCst, eine nautische Schule im vollsten 
Sinne des Wortes zu gründen. In dankbarer Anerkennung dieses 
edlen Wirkens einerseits und im eigenen Interesse andererseits be- 
schlossen die Diepper Rheder, dem Abbe eine Unterstützung anzu- 
weisen, damit er Bücher und Instrumente für seine Anstalt anschaffe 
und unbesorgt um Nahrungssorgen dem Lehrberufe und der Pflege 
der Wissenschaft nachgehe. Es existiert im British Museum in London 
eine von Descaliers im Jahre 1550 angefertigte Seekarte, eine zweite 
soll in Wien 1 ) vorhanden sein. 

Wir betonten früher, wie man beim Studium der ganzen Entdcckungs- 

') Gaffarel a. a. O. S. 7. 



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124 



Eugen Gel eich: 



geschiente Amerikas in einem Labyrinth wandert, aus dem man keinen 
Ausweg findet. Bisher glaubten wir, dafs wenn man alle jene Quellen 
gelesen hat, die wir in unseren verschiedenen Elaboraten dieses Ge- 
bietes nannten oder anführten, man so ziemlich beruhigt sein kann, 
wenigstens das wichtigste von dem zu wissen, was überhaupt zu wissen 
nötig und möglich ist. Vorzüglich glaubten wir, dafs die Prozefsakten 
der Familie Colon die Quintessenz der Gründe, Vermutungen, Hypo- 
thesen u. dgl. enthalten, die man aufgestellt hat, um nachzuweisen, 
dafs Pinzon und nicht Columbus derjenige war, der das Geheimnis 
der neuen Welt besafs. Aber gegenwärtig, da wir die Geschichte der 
französischen Schiffahrten im XV. und XVI. Jahrhunderte lesen, haben 
wir Gelegenheit zu erfahren, wie wahr der alte Spruch sei, dafs man 
nie ausgelernt hat. 

Desmarquets ! ) erzählt also, dafs der Steuermann des Cousin — eine 
recht schlimm angelegte Natur — Pinzon hiefs, dafs dieser Pinzon 
versucht hatte, die Leute gegen ihren Kapitän zu erheben, dafs aber 
Cousin durch seine Energie und auch durch freundliches Zuvorkommen 
die Meuterei unterdrückte. In seiner Grofsmut bestrafte Cousin nicht 
einmal den Verräter, ja er beliefs ihm sogar seine Charge als Schiffs- 
offizier. Dies mufste er auf der Rückreise bitter bereuen. In Angola 
schickte er nämlich den Pinzon ans Land, um Waren einzutauschen, 
und die Afrikaner verlangten höhere Preise, als man ihnen anbot. 
Pinzon gab nicht nach; es kam zu einem Streite, der damit endigte, 
dafs sich Pinzon der von den Afrikanern feilgebotenen Gegenstände 
mit Gewalt bemächtigte. Letztere griffen, um sich zu rächen, die Diepper 
an, die von jener Gegend unverrichteter Dinge weiterziehen mufsten; 
das Ärgere daran war, dafs die Diepper durch diesen Akt ihren guten 
Ruf an jener Küste verloren. In Dieppe angelangt, führte Cousin gegen 
Pinzon Klage. Derselbe wurde als unwürdig erklärt, in der dortigen 
Marine noch weiter zu dienen, also gewissermafsen verbannt. Pinzon zog 
darauf hin zuerst nach Genua und dann nach Spanien. Alles — sagt 
Gaffarel*) — führt zur Vermutung, dieser Pinzon sei kein anderer als 
jener Seemann gewesen, dem Columbus bei seiner Expedition das 
Kommando eines Schiffes anvertraute! Die Gründe, die er in der Folge 
anführt, sind denn auch in der That geradezu gewaltig. Zunächst 
kann Niemand leugnen, dafs, während sich sonst in ganz Palos kein 
einziger Seemann vorfand, dem die Idee des Columbus gefiel, sich die 
Pinzons mit Leib und Seele daran machten, das Unternehmen durch- 
zubringen. Dann fällt es auf, dafs Martin Alonzo während der Fahrt 
immer darauf bestand, SW zu segeln, offenbar weil er recht gut wufste, 
dafs in jener Richtung das Land lag, welches er mit Cousin besucht 



) Desmarquets a. a. O. S 4 95. 96. 
) Gaf farel a. a. O. S. 13. 



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Über die Materialien zur voicolumbischen Geschichte Amerikas. ] 2 ') 

hatte. Das Schweigen dieses Mannes während der Vorbereitungen zur 
Entdeckung kann hierbei nicht wundern ; denn hätte er seine Erlebnisse 
mitteilen wollen, so würde ihm ein Ausweg zur Deckung der Schmach, 
die ihm in Dieppe angethan wurde, schwer gelungen sein ; es war also 
geratener, die Vergangenheit durch einen dichten Schleier zu decken. 
Nicht unerwähnt kann ferner die Thatsache bleiben, dafs sich die 
Mitglieder der Familie Pinzon später bei ihren Entdeckungen auf die 
Erforschung "der brasilianischen Küste verlegten. So weit CiafTarel. 

Es fehlt uns jeder Anhaltspunkt, um eine solche Möglichkeit 
schnurstracks zu widerlegen; wir sind nicht in der Lage, Dokumente 
anzuführen, die das Gegenteil nachweisen, aber etwas weniges läfst 
sieht vielleicht doch anführen. Erstens ist die Quelle, die uns diesen 
Pinzon als Begleiter Cousins darstellt, absolut unverläfslich und Gaflfarel 
selbst macht an zwei andere Stellen seines Werkes 1 ) darauf aufmerksam. 
Desmarquets ist voll Irrtümer und unverläfslicher Angaben, er ver- 
wechselt sehr oft die Daten und auch die Personen. Schon dieser 
Umstand genügt, um die Wahrheit dieser Erzählung fraglich zu machen. 
Es ist auch unbegreiflich, wie Desmarquets nach dem Brande von 1694 
solche Details im Jahre 1785 noch einsammeln konnte. Wahrscheinlich 
hat Desmarquets die Entdeckungsgeschichte von Columbus schlecht 
gekannt und sie sonst mit den zu Dieppe herrschenden Traditionen 
vermengt und verwechselt. 

Es drängt sich aber hier eine weitere Betrachtung auf. Wenn 
Pinzon bei Lebzeiten ein Interesse daran hatte, seine Vergangenheit 
zu verschleiern, so holten dafür seine Erben und Verwandten mit 
Bienenfleifs Alles zusammen, was in dem berühmten Prozefs der 
Familie Colon wichtig sein konnte, um den Nachweis zu liefern, 
Martin Alonzo habe das Geheimnis der neuen Länder schon vor Co- 
lumbus besessen. Kein Argument wäre ihnen zu ihrem Zweck schlecht 
gewesen und hätten sie dabei noch weit ärgere Misscthaten aufdecken 
müssen, als die hier ins Spiel kommende. 

Beim Verhör vom 22. Dezember 1535 sagte ferner Fernando Valiente 
aus, Martin Alonzo habe manchmal zwei, manchmal ein eigenes Schiff 
besessen. Fernan Yanez de Montilla weifs zu erzählen, wie Alonzo 
mit seinem Schiffe die Portugiesen in Schach hielt und wie sie nicht 
wagten, ihm zu nahe zu kommen. Francisco Medel nennt Pinzon den 
kühnsten Seemann Kastiliens und sagt, dafs er bis zu drei Schiffe aus- 
rüstete. Überhaupt ist hinlänglich nachgewiesen, Pinzon habe zu den 
angeschendsten und reichsten Familien von Palos gehört. Unter solchen 
Umständen ist nicht anzunehmen, er habe aufserhalb seiner Familie 



1 ) S. 4 und S. 8. S. 4 sagt er: „II est plein d'erreurs et de negligences". S. 8: 
,,Nous savons dejä que Desmarquets est fort sujet a caution. II melc volontiers le 
faux et le vrai,- confond les dpoqucs et les homtnes". 



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126 E. Gelcich: Über die Materialien zur voicolumb. Geschichte Amerikas. 

und seines Landes Einschiffung gesucht. Wäre nur ein Funken von 
Wahrheit an der Schilderung Desmarquets' vorhanden, so hätte ein 
oder der andere der spanischen Historiographen einen Wink wenigstens 
davon bekommen. Insofern es sich aber um einen Zusammenhang 
zwischen dieser Expedition des Pinzon und die Entdeckung des 
Columbus handelt, möge man aber doch nicht vergessen, dafs Columbus 
seine Idee schon 1574 gefafst zu haben scheint. In der Lebensbe- 
schreibung von Leonardo da Vinci lesen wir sogar, dafs letzterer mit 
Columbus noch früher wegen der Entdeckung in Korrespondenz stand. 
Wir haben darauf bezüglich den berühmten Historiker Herrn Prof. 
Büdinger in Wien gebeten, weitere Forschungen über diesen Brief zu 
pflegen, der uns in der Geschichte der Entdeckung wohl um einen 
weiten Schritt vorwärts bringen würde. 

Zu den Diepper Seeleuten rückkehrend, liegt es aufser jedem 
Zweifel, dafs sie seit der frühesten Entdeckung Amerikas einen regen 
Verkehr mit dem neuen Kontinent unterhielten. Nach Cousin und 
Gonneville werden Jean Denis uud Gamort de Rouen als Neufundland- 
fahrer genannt 1 ). In seinem „Discorso di im gran capitano di mare 
franase del luogo di Dieppe" berichtet Ramusio 2 ), dafs französische 
Kaufleute die brasilianischen Küsten in den allerersten Jahren des 
XVI. Jahrhunderts besuchten. Varnhagen machte in seiner Geschichte 
Brasiliens Teile eines 1584 von einem Jesuiten verfafsten Manuskriptes 
bekannt, betitelt: „Enformafao de Brasil e de suas capitanias" , wo 
folgendes zu lesen ist 3 ): 

„Im Jahre 1504 gelangten die ersten französischen Schiffe an die 
brasilianischen Küsten. Sie besuchten den Hafen von Bahia, liefen im 
Flusse Paguaracu ein, vollendeten dort ihre Handelsgeschäfte und kehrten 
in die Heimat zurück. Kurz nacher kamen andere drei französische 
Schifte in Bahia an, wurden aber von den Portugiesen überfallen; 
zwei dieser Schiffe wurden in Brand gesteckt, das dritte gefangen ge- 
nommen. Nur wenigen Personen der Bemannung gelang es zu ent- 
kommen, sie flüchteten sich mit einer Barke und stiefsen 4 Leguen 
von Bahia, in der Umgebung der Spitze von Itapuransa, auf ein Schiff* 
ihrer Nation." Eusebius Cesareus sagt in seiner Chronik 4 ), dafs 1509 
sieben Eingeborne aus der neuen Welt nach Rouen gebracht wurden. 
Aus der kurzen Beschreibung, die er über das Aussehen dieser Indianer 
giebt, will Gaffarel den brasilianischen Typus erkennen 5 ). Einen ganz 



") Ramusio, Raccolta di Viaggi. Bd. III. S. 359. 

2) A. a. O. 355 ff. 

3 ) Band I. S. 404—435. 

4 ) Eusebi Caesaricnsis Chronicon cum additionibus Prospri et Mathiae Palme- 
rii. Pariis St. Stephanus 15 18. Eine andere Auflage aus Bale 1529. 

b ) Histoire du BrOsil francais. S. 59. 



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F. Blumentritt: Verzeichnis der eingeborenen Stamme der Philippinen. J27 

besonderen Impuls soll die transatlantische Schiffahrt der Diepper durch 
eine Familie Ango erhalten haben, welche zahlreiche Schiffe ausrüstete, 
um die Schätze der neuen Welt auszubeuten. Es hat sich auch in 
letzterer Zeit herausgestellt, dafs der „ Viaggio <H un gran capitano 
franetse" des Ramusio, worin eine sehr ausführliche und naturgetreue 
Beschreibung Brasiliens enthalten ist, von einem Jean Parmentier her- 
rührt, der eben ein Schiff der Familie Ango kommandierte 1 ). 

Der Handel Frankreichs mit Brasilien nahm in der Folge immer 
gröfsere Dimensionen an, obwohl die Rivalität der Portugiesen störend 
auf dessen kräftige Entwickelung einwirkte. Es kann hier nicht der 
Ort sein, denselben näher zu verfolgen, unser Ziel war nur, die ersten 
Unternehmungen dieser Art, insofern sie mit der Entdcckungsgeschichte 
Bewandtnis haben, zu verfolgen, und sind somit an den Schlufs unserer 
Aufgabe gelangt. 



ni. 

Alphabetisches Verzeichnis der eingeborenen Stämme der 
Philippinen und der von ihnen gesprochenen Sprachen. 

Von Prof. Ferd. Blumentritt. 

Trotz der reichen Literatur, die von den Völkern und Sprachen 
des Philippinen-Archipels handelt, gibt es kein Buch, keine Abhand- 
lung, in welchen sämtliche Namen der philippinischen Stämme und 
der üblichen Landessprachen verzeichnet wären, und doch erscheint 
mir dies um so unerläfslicher, als besonders spanische wie philippinische 
Schriftsteller — mit wenigen Ausnahmen — mit diesen Namen sehr 
leichtsinnig umspringen, so dafs durch ihre schleuderhafte Schreibweise 
und durch Generalisierung eine grofse Verwirrung bei jedem her- 
vorgerufen werden mufs, der nicht ein genauer Kenner der diesbezüg- 
lichen Literatur und der ihr anhaftenden Schwächen ist. Die auf den 
Philippinen herrschende Unart, den Namen eines Stammes auf andere 
zu übertragen, welche in irgend einer Weise mit dem ersten in der 
Lebensweise oder auch nur in dem Kulturgrade (im weitesten Sinne 
des Wortes) Ähnlichkeit besitzen 2 ), hat ein Gegenstück in der zweiten 
Unart aufzuweisen, aus einem Stamme mehrere zu machen, indem 
man die Tribusnamen als Stammnamen hinstellt 3 ). So ist durch die 

l ) Estancelin, Vogages et d6couvertes des navigateurs normands. S. 191. 

*) M vgl. den Artikel: Igorrotes. 

3 ) M. vgl. die Artikel: Quiangan und Silipan. 



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128 



Ferd. Blumentritt: 



spanischen Autoren viel Unheil angestiftet worden. Nur mit grofster 
Sorgfalt und Mühe kann man in diesem Labyrinth von Namen sich 
zurechtfinden. Ich bin überzeugt, dafs viele der von mir angeführten 
Namen, nach der endgiltigen Durchforschung des Landes, werden ver- 
schwinden müssen, weil sie ihre Existenz einem Schreib- oder Druck- 
fehler oder dem Leichtsinn, dem Mifsverständnis oder dem Irrtum ihre 
Existenz verdanken, wie ich dies schon bei einzelnen dargethan. Eben- 
so aber bin ich überzeugt, dafs bei einer genaueren und gewissenhaften 
Exploration des Archipels nicht nur der Rest (besonders in Bezug auf 
die richtige Schreibung) vielfache Korrekturen zu erdulden haben wird, 
sondern dafs auch noch neue Namen, besonders aus dem nördlichen 
Luzon, dann aus dem Binnenlande der einzelnen Inseln hinzutreten werden. 

Ich habe in dieses Verzeichnis alle mir bekannten Varianten der 
angeführten Namen eingestellt und überdies in kurzen Worten auch die 
Wohnsitze der behandelten Sprach- und anderen Stämme hinzugefügt, 
wie auch die Angabe ihres Kulturgrades bez. ihrer Religion. Ich 
unterscheide neben den Negritos nur malayische Stämme überhaupt, 
weil hier die Rücksichtnahme auf die verschiedenartigen Gruppierungen 
und Unterabteilungen der malayischen Rasse nicht zweckdienlich, 
vielleicht sogar störend erscheint. Auch auf veraltete Namensformen 
habe ich Rücksicht genommen und dieselben durch ein Kreuz f ge- 
kennzeichnet. Wo ich, wie bei Talaos, Mardicas, Cafres auf 
den Philippinen fremde Volksstämme oder Kasten Rücksicht nahm, so 
geschah dies nur aus dem Grunde, weil sie bei spanischen Autoren als 
Philippinisch irrtümlicher Weise angeführt werden. Um andererseits die 
Nicht-Spanier auf einige landesübliche Benennungen von Rassen und 
Kasten aufmerksam zu machen, habe ich überdies die streng genommen 
nach dem Titel meiner Abhandlung nicht hierher gehörenden Artikel 
Castila, Cimarroncs, Indios, Infieles, Insulares, Mestizos, 
Montaraz, Peninsulares, Remontados und Sangley mit aufge- 
nommen. 

Abacas. Die Abacas waren ein heidnischer Malayenstamm, welcher 
in den Walddickichten am Caraballo Sur (Luzon) wohnte. Sie waren 
sehr kriegerisch, wahrscheinlich Kopfjäger. Im vorigen Jahrhunderte 
wurden sie christianisiert und in ihrem Gebiete die Gemeinde 
Caranglan (Prov. Nueva Ecija) gegründet, wo ihre Nachkommen als 
friedliche Christen leben. Sie besafsen eine eigene Sprache, scheinen 
aber heute vollständig tagalisiert zu sein. 

Abra-Igorroten, Igorrotes de Abra. Kollektivbezeichnung für die in 
der Provinz Abra (Luzon) wohnenden Kopfjägerstämme, zumeist den 
Guinaanes (s. d.) angehörig. 

Abüulon. Der Name eines wilden Volksstammes, welcher die Gebirgs- 
gegenden von Zambales bewohnt. Sic sind vielleicht mit den soge- 
nannten Zanibales-Igorroten identisch. 



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Verzeichnis der eingeborenen Stämme d^r Philippinen v. deren Sprachen. ] 29 



Adang. Ein Volk mit eigener Sprache, das um den Berg gleichen 
Namens in der Provinz Ilocos Norte wohnt und nach den Augustinern 
P. Buzeta und P. Bravo eine Bastardrasse von Malayen und Negritos 
ist. Jedenfalls wiegt das erstere Element ihrer Mischung mehr vor als 
das zweite. Ihre Sitten erinnern an jene der Apayaos, ihrer nächsten 
Nachbarn, doch scheinen sie keine Kopfjäger gewesen zu sein. 

Sie sind zum Christentume bekehrt und da in ihren Schulen 
ilocanisch unterrichtet wird, dürften sie wohl bald ihre Eigenart 
einbüfsen. 

Aeta s. Negritos 

Agutainos. Name der zur malayischen Rasse gehörigen Eingeborenen 
der Insel Agutaya des Cuyo-Archipcls (Provinz Calamianes). Sie 
besitzen eine eigene Mundart, welche Agutaino genannt wird. 
Sie sind Christen und civilisiert. 

AiibabäoD, Alibabaun. Dies ist kein Volksname, sondern wie es scheint, 
ein Titel der am Meerbusen von Dävao angesiedelten Moros-Häuptlinge. 

Alimut. Man findet diesen Namen in der Form Igorrotes de Alimut 
citiert. Ich vermute, dafs es jene Kopfjägertribus sind, welche 
mit anderen Tribus die im Juni 1889 neugebildete Comandancia 
Quiangan und die Ufer des Flusses Alimut bewohnen. Sie dürften 
in diesem Falle dem Mayoyao- oder Ifugaostammc angehören. (Luzon). 

Altasanes oder Altabanes. In beiden Formen wird ein Kopfjägerstamm 
des nordwestlichen Nueva Vizcaya (Luzon) angefühlt, ohne dafs 
eine Entscheidung über die richtige Schreibart zu fällen wäre. 
Sie scheinen keinen eigenen Sprachstamm zu bilden, vielleicht 
gehören sie zu den Mayoyaos und Ifugaos. 

Apayaos. F:in kriegerischer Kopfjägerstamm mit eigener Sprache im 
nordwestlichen Teile der Provinz Cagayan (Luzon) und der an- 
grenzenden Teile von Ilocos Norte und Abra. Die Augustiner 
Buzeta und Bravo behaupten, sie wären keine reinblütigen Malayen, 
sondern Mischlinge von Negritos. Doch darf nicht vergessen 
werden, dafs die spanischen Autoren solche Beimischung gleich 
zur Hand haben: eine dunkle Hautfarbe wird sofort durch eine 
Dosis Negritoblut, eine sehr helle oder gelbliche als Resultat einer 
Kreuzung mit Chinesen und Japanesen erklärt. Sie sind zum 
Teil Christen und civilisiert. Einige spanische Autoren behaupten, 
ihre Sprache heifse Mandaya, was mir aber unwahrscheinlich 
vorkommt. 
Namensvarianten: Apayos, Apoyaos. 

Aripas. Ein malayischer Sprachstamm friedfertiger Natur. Sie wohnen 
bei Nacsiping und Tubang in Cagayan (Luzon). Sie sind Heiden, 
doch ist ein Teil von ihnen auch zum Christentume bekehrt worden. 
Mit diesen Neuchristen hat man das Dorf Aripa begründet. 

Ata*. 1) Ein mächtiger Stamm unbestimmter Herkunft, welcher den 



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Ferd. Blumentritt: 



Oberlauf der Flüsse Davao, Tuganay und Libagdnum bewohnt und 
seine Wohnsitze bis in das östliche Gebiet der Provinz Misämis 
(Mindanao), an die Heimat der Buquidnones erstreckt. Über die 
Atns ist sehr wenig bekannt, sie scheinen eine Bastardrasse von 
Negritos und Völkern malayischer Rasse zu sein. Sie besitzen eine 
eigene Sprache. 

Ihr Name soll soviel als: „die, welche in den Hochland- 
schaften wohnen" bedeuten. 
Namensvarianten: Ataas, Itaas. 

2. Eine Mischrasse von Bicols und Negritos in Camarfnes Sur. 
At& Name, den die Tagbanuas der Insel Palawan (Paragua) den 
Negritos geben. 

Atta. Name der Mundart, welche von den Negritos der Prov. Cagayan 
(Luzon) gesprochen wird. 

Baganis. Unter diesem Namen ist kein Volksstamm zu verstehen, wie 
Moya irrtümlich behauptet; es ist dies vielmehr der Titel, der jedem 
Manobokrieger zu teil wird, der sieben Feinde erlegt hat. 

Bagobos. Ein heidnischer und blutdürstiger Stamm malayischer Ab- 
kunft und mit eigenem Idiom. Ihr« «Wohnsitze liegen an dem 
Gebirgsstock des Vulkans Apo (Davao in Mindanao. Es giebt bereits 
einzelne christliche Niederlassungen derselben. 

Balugas. i) Eine Kollektivbezeichnung für dunkelfarbige eingeborne 
Mischlingsrassen von Malayen und Negritos, hergekommen aus dem 
tagalischen baloga, „schwarzer Mischling". Solche Balugas sind 
an mehreren Stellen Centralluzons zu finden. 2) Einzelne Autoren, 
wie Cavada-Mendez de Vigo und der Missionar Mozo identifizieren 
Acta (d. h. Negritos) mit den Balugas. Cämara nennt die schwarzen, 
wollharigcn Wilden der Bergwildnisse von Camumusan geradezu Ne g r o s 
balugas, es scheint demnach dieser Name in einzelnen Gegenden 
auch den mehr oder weniger reinblütigen Negritos gegeben zu werden. 

Bangal-Bangal. So werden die Dulanganes von den Moros genannt. 

Baagot. Eine nach Ort und Lebensweise wechselnde Bezeichnung 
verschiedener Manguianen-Horden von Mindoro. Man benennt so 
1) bei Socol und Bulalacao jene Manguianen, welche die Ebenen 
bewohnen, 2) die zum mongoloiden Typus gehörigen M., welche ihre 
W'ohnsitzc südlich von Pinamalayan an den Ufern der Flüsse auf- 
geschlagen haben. 

Banuäon. Name jener Manobo-Tribus, aus welcher die christliche 

Niederlassung Amparo im Distr. Surigao (Mindanao) gebildet wurde. 
Barangan. Diesen Namen führen jene Manguianen-Horden, welche 

die höchsten Regionen der Mangarinberge (Mindoro) bewohnen. 
Bätak. Ein Nebenname der Tinitianos, besonders jener, welche in 

der Nähe der Punta Tinitia und der Bucht von Babuyan der Insel 

Palawan wohnen. 



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Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen u. deren Sprachen. 131 

Batan. Die Bewohner der Batanes-Inseln wurden und werden von den 
spanischen Autoren zu den Ibanags oder Cagayanen gezählt. 
Dies ist aber nach einer freundlichen Mitteilung des Dr. T. H. Pardo 
de Tavera nicht richtig, denn sie besitzen eine nicht nur vom Ibanag 
sondern auch von allen anderen philippinischen Idiomen verschiedene 
Sprache, die auch den in dem Archipel fremden Laut tsch und 
einen nasalen Laut ähnlich dem französischen en besitzt. Sie sind 
demnach von den Cagayanen entschieden zu trennen. 

Bayabonan. Der Name eines mutmaßlich malayischen Stammes mit 
eigener Sprache, welcher in der Nachbarschaft der Gamunanges in 
den Gebirgshängen östlich von Tuao in Cagayan (Luzon) lebt. Sie 
sind Heiden, von denen man kaum mehr kennt, als den Namen. 

Beribi. Name der zwischen Socol und Bulalacao hausenden Manguianen, 
welche auf den Berggipfeln hausen. (M. vgl. Bangot i.) 

Bicol. So nennen sich jene Eingebornen, welche zur malayischen Rasse 
gehörig, die Halbinsel Camarines von Luzon und einige anliegende 
Inseln bewohnen. Sie besafsen schon zur Zeit der Ankunft der 
Spanier eine Art Civilisation , sowie eine eigenartige Schrift. Heute 
sind sie Christen, doch lebt ein Bruchteil von ihnen unter dem Namen 
Igorrotes oder Cimarroncs, meist mit Negritoblut vermischt, in 
den Wildnissen von Isarog, Iriga, Buhf, Caramuan u. s. w., herab- 
gekommen, verwildert und im tiefsten Heidentum steckend. Die 
officielle Schreibweise schreibt die Bicols in Vicols um. Ks ist dies 
erklärlich, weil die Spanier das v, besonders vor e und i wie unser 
b aussprechen. 

Bilanes. Ein malayischer Stamm, welcher nach den neuesten Nach- 
richten der daselbst wirkenden Jesuitenmissionare ein viel gröfseres 
Gebiet einnimmt, als ich ihm auf meiner ethnogr. Karte von Mindanao 
zugewiesen habe. Seine Wohnsitze dehnen sich von der Laguna de 
Buluan bis zur Südspitze Mindanaos aus, freilich hier auch von 
anderen Stämmen durchbrochen. Die der Südspitze von Mindanao 
vorliegenden Sarangani-Inseln werden ebenfalls von ihnen bewohnt. 
Sie sind Heiden von friedfertiger Gesinnung. Ihre Sprache zeichnet 
sich durch den Besitz des Buchstabens F aus. 

Die eigentliche Form ihres Namens soll Buluan sein, so dafs sie 
vom See gleichen Namens her benannt sind oder umgekehrt. Doch 
müfsten sie im ersteren Falle dann Tagabul uan (Tag a = „woher, 
von daher") heifsen. Man vgl. den Artikel: Tagabelfes. 

Namensvarianten: Buluanes, Bul-uan, Vilanes, Vilaanes. 

Bisayas. Officielle Schreibart Visayas. Ein malayischer Stamm, 
welcher schon zur Zeit der Ankunft der Spanier eine eigenartige 
Kultur und Schrift besafs. Sic bewohnen die nach ihnen benannten 
Inseln, aufserdem mit geringen Unterbrechungen die Nord- und Ost- 
küste der Insel Mindanao, deren heidnische Bevölkerung wohl eben- 

Zeiuchr. d. GeseHsch. f. Ertlk. lld. XXV. 10 



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132 



Ferd. Blumentritt: 



falls bisayisiert werden wird, da die zum Christentum bekehrten 
Manobos, Buquidnones, Subanos, Mandayas u. s. w. in den Schulen 
in der Bisaya-Sprache unterrichtet werden. Auch Zamboanga und 
Cottabatö weisen Bisaya-Niederlassungen auf. Zu ihnen sind auch 
die Mund os zu zählen. Zur Zeit der Entdeckung bemalten (oder 
tatuierten?) sie ihren Körper, weshalb sie von den Spaniern den 
Namen Pintados erhielten, der ihnen bis in das XVIII. Jahrhundert 
blieb. Sie sind Christen. Ihre Sprache teilt sich in mehrere Dialekte, 
von 3enen der Cebuano und Panayano am bedeutendsten sind. 
Vgl. übrigens dieArtikel Calamiano, Halayo, Hiliguayna, Caraga. 

Bontok-Igorroten. Sammelname der in der Provinz Bontok lebenden 
Kopfjägerstämme, zu denen auch die Guinaanen wohl gehören. 

Bouayanan. Ein heidnischer Volksstamm im Innern der Insel Palawan. 
Der Name scheint mir so viel wie Krokodilmenschen zu bedeuten. 

Bujuanos (sprich: Buhuanos). Ein heidnischer, jedenfalls den 
Igorroten verwandter (Kopfjäger-?) Stamm, der in der Prov. Isabela 
de Luzon wohnt. Sie sind kriegerischer Natur. 

Bulalacaunos. Ein wilder, der malayischen Rasse (ohne Negritobei- 
mischung?) angehöriger Stamm mit eigenem (?) Idiom. Er ist im 
Innern des nördlichen Teiles der Insel Palawan (Paragua) und der 
Calamianes-Inseln zu finden. 

Buluanes siehe Bilanes. 

Bungananes. Ein kriegerischer (Kopfjäger-?) Stamm, der in den Pro- 
vinzen Nueva Vizcaya und Isabela de Luzon wohnt. Aufser dem 
Namen ist von' ihm sogut wie gar nichts bekannt, auch dieser steht 
nach meiner Ansicht nicht sicher. 

Buquidnones (sprich: Bukidnones). Ein heidnischer Malayenstamm, 
welcher den östlichen Teil des Distrikts Misamis (Mindanao) von 
Iiigan bis zur Punta Divata (die Küste meist von Visayas besiedelt) 
samt dem Stromgebiet des Rio de Tagoloan bewohnt. Sie sind zum 
Teile in der letzten Zeit Christen geworden. Die Spanier pflegen 
ihnen den Namen Monteses d. h. Berg- oder Waldbewohner 
zu geben, was auch einer Übersetzung ihres Namens entspricht. 

Buquil (sprich: Bukil). Name verschiedener Manguianentribus von 
Mindoro, nämlich i) der mit Negrito-Blut versetzten M., welche in 
der Nähe von Bac6o und Subaan hausen. 2) der M., welche auf 
den Bergabhängen der Gebirge zwischen Socol und Bulalacao wohnen 
und einen rein malayischen Typus aufweisen. 3) In Pinamalayan 
werden so die M. des mongoloiden Typus genannt, welche die 
Ebenen bewohnen. 4) Bei Mangarin heifsen so die M., welche längs 
der Flüsse, an den Ufern wohnen. Mit Rücksicht darauf, dafs 
Buquil identisch mit Bukid ist, demnach nur auf Tribus bezogen 
werden kann, die in Bergwäldern wohnen erscheinen mir die sub 
3) und 4) angegebenen Niederlassungsartcn unrichtig. 



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Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen u. deren Sprachen. J33 

Buquitnon. Eine „Rasse" dieses Namens, auf der Insel Negros, war 
bisher unbekannt. Wir treffen diesen Namen zuerst in der Nr. v. 
9. Aug. 1889 des in Manila erscheinenden Tagblattes La Oceania 
Espanola, welche den diesbezüglichen Artikel ihrerseits wieder 
dem Porvenir de Visayas entnommen hat. Hiernach bilden die 
B. einen heidnischen Stamm, der in der Stärke von ungefähr 40 000 
Seelen in den Gebirgen des Inseln Negros seine (nicht zusammen- 
hängenden) Wohnsitze hat und physisch sich nicht von den die Küste 
bewohnenden Bisayas unterscheidet. Ob die Carolanos mit diesen B. 
identisch sind, ist schwer zu sagen. Der Name Buquitnon bedeutet 
ebenso wie Buquidnon auf Mindanao, so viel als „Bergmenschen 4 *, 
„Hochwaldbewohner", doch sind jedenfalls die Buquitnon der 
Insel Negros und die Buquidnon der Insel Mindanao streng von 
einander zu scheiden. 

Buriks. Unter diesem Namen figurierte ein angeblicher Igorrotenstamm 
in allen auf die Igorroten bezüglichen Werken. Dr. Hans Meyer 
fand aber, dafs Burik jeder Igorrote werden kann, der sich nach 
einem bestimmten Muster tätowieren läfst. Ich wollte dies anfangs 
nicht glauben , bis mir ein philippinischer Freund , Eduardo 
P. Casal, schrieb, die bei der philippinischen Ausstellung zu Madrid 
1887 anwesenden Igorroten hätten den Bericht Dr. Hans Meyer's als 
vollständig den Thatsachen entsprechend anerkannt. 

Busaos. Nach spanischen Angaben sollten die Busaos einen besonderen 
Stamm der Igorroten bilden. Auch hier hat Dr. Hans Meyer dar- 
gethan, dafs die Busaos oder Besaos durch Habitus, Tracht und 
Sitten eher den Guinaanen und Bontokigorroten als den eigentlichen 
Igorroten beizuzählen sind. 

Cafres f. Es hat nie eine eingeborene Rasse dieses Namens gegeben, 
vielmehr wurden so die Papua-Sklaven genannt, welche zu Ende des 
16. und Anfang des 17. Jahrhunderts nach Manila von Portugiesen 
gebracht wurden. 

Cagayanes. Ein malayischer Sprachstamm. Seine Wohnsitze bilden 
das Thal des Rio Grande de Cagayan (Luzon) von Furao bis zur 
Mündung ins Meer, die Babuyanes- und Batanes-Inseln, obzwar die 
Bewohner der letzteren von einigen Autoren als ein selbständiger 
Stamm aufgezählt werden. Vgl. Batan. Die C. besafsen schon zur 
Zeit der spanischen Entdeckung eine eigenartige Civilisation. Sie 
sind Christen. Ihre Sprache heifst Ibanag. 

Von ihnen sind streng zu scheiden die zum Bisaya-Stamm ge- 
hörigen Bewohner von Cagayan de Mindanao. 

Caläganes. Ein kleiner malayischer Stamm, welcher an der Bucht von 
Casilaran (Meerbusen von Dävao, Mindanao) lebt. Ein Teil ist zum 
Christentum bekehrt. 

10* 

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134 



Ferd. Blumentritt: 



« Calamiano. Die P.P. Buzcta und Bravo verstellen unter Calamiano 
den Namen eines Bisaya-Dialekts, der aus einem mit Tagalog ver- 
mengten Bisaya bestünde und von den Christen des nördlichen 
Palawan (Paragua) und der Calamianes-lnseln gesprochen würde. 
Auch hat der P. Fr. Juan de San Antonio in der Lengua Cala- 
miana Predigten und eine Katechismus-Erklärung geschrieben; man 
sollte demnach die Existenz der Calamiano-Sprache für unanfechtbar 
halten, A. Marche hat aber erklärt, es gäbe kein Calamiano. 

Calanas (sprich: Calawas). Ein malayischer Stamm heidnischen 
Glaubens und friedfertiger Gesinnung. Sic wohnen in der Nähe von 
Malauec, in den Schluchten des Rio chico de Cagayan (Luzon). Da 
die C. auch jenen Landstrich bewohnen, welcher Partido de 
Itavt's genannt wird, so hat auch ihre Sprache den Namen Itave"s 
erhalten, wogegen andere behaupten ihre Sprache wäre mit dem so- 
genannten idioma de Malauec identisch. Jener Teil der C, 
welcher den Landstrich Itavds besetzt hält, wird von einigen Autoren 
auch mit dem Namen Itaveses bezeichnet; doch weifs ich nicht, 
ob hier wie bei dem übrigen nicht ein Mifsverständnis unterläuft. 
Namensvariante: Calaguas. 

Calibuganes. So nennt man im westlichen Mindanao die Mischlinge 
von Moros und Subanos. 

Calingas. i) Im nordöstlichen Luzon ist Calinga eine Kollektiv- 
bezeichnung für „wilde" Eingeborene, unabhängige Heiden, 
wie eine solche im nordwestl. Luzon in dem Worte ig or rote ge- 
geben ist. 2. Speziell wird diese Bezeichnung angewandt a) auf jenen 
kriegerischeren Stamm malayischer Abkunft, welcher zwischen dem 
Rio Cagayan Grande und dem Rio Abulug wohnt und sich durch 
einen mongoloiden Typus kennzeichnet, b) nach Dr. Semper auch 
auf die Irayas. 

Camucones f, Camocones f. Name der Moros-Piraten, welche die öst- 
lich von Tawi-tawi gelegenen Inselchen der Sulugruppe und die 
zwischen dieser und Borneo gelegenen Eilande bewohnten. Doch 
wurde auf letztere auch der Name Tirones (s. d.) ausgedehnt. 

Cancanai, Cancanay. Igorrotendialekt, gesprochen im NW. von 
Benguet. 

Caragas. In älteren Werken werden so die kriegerischen und christ- 
lichen Bewohner, der an der Ostküste Mindanaos gelegenen, Spanien 
unterworfenen Ortschaften genannt und zwar nach der Hauptstadt 
Caraga. Man schrieb ihnen, wenn nicht eine eigene Sprache, so 
doch einen besonderen Bisaya - Dialekt zu, während heute nur 
Bisaya (neben Manobo und Mandaya) dort gesprochen wird und 
man von einer besonderen nacion caraga nichts weifs. Ich er- 
kläre mir dies so, dafs schon damals in jenen Plätzen neubekehrte 
Manobos und Mandayas sich niederliefsen, welche das Bisaya nur 



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Verzeichnis der eingeborenen Sl.'i-nme der Philippinen u. deren Sprachen. 135 

radebrechteil, dieses „Küchenbisaya" und die Mischlinge der Bisayas 
und Neubekehrten wird man wohl mit dem idioma Caraga bez. 
den Caragas identifizieren müssen, wenn am Ende unter dem 
ersteren nicht das Mandaya direkt zu verstehen ist. 

Varianten: Caraganes f, Calaganes (wohl zu unterscheiden 
von den Caläganes des MB. von Davao), Ca raguenos (heute der Name 
der Bewohner der Ortschaften Caraga la nueva und Caraga). 

Carolanos. Diaz Arenas nennt so die heidnischen und wilden Einge- 
borenen, welche die Berglandschaften der Insel Negros, besonders 
die Cordillera de Cauayan bewohnen. Sic scheinen den von 
Plant angeführten Ygorrots von Negros anzugehören und malayi- 
scher Abstammung zu sein. Es ist von ihnen uns so gut wie gar 
nichts bekannt. Sie sind Heiden. Vgl. Buquitnon. 

Castilas. Name der Spanier (und auch der anderen Europäer) bei den 
Eingeborenen. 

Catalanganes. Ein nialayischer Stamm mit mongoloidem Typus. Sie 
wohnen im Flufsgebiet des Rio Catalangan (Prov. Isabela de Luzon). 
Sic sind Heiden und von friedfertiger Gesinnung. Sie besitzen eine 
mit den Irayas gemeinsame Sprache. 

Cataoan. Name des Dialektes, welchen die im Thale des Rio Abra 
wohnenden Igorroten des Distrikts Lepanto sprechen. 

Catubanganes oder Catabanganes. Kriegerische Heiden, sefshaft in den 
Bergen von Guinayangan der Prov. Taydbas (Luzon). Bei dem 
Mangel jedweder eingehender Nachrichten läfst sich über die Rassen- 
zugehörigkeit (ob reine Malayenr ob Negrito-Malayenr) nichts sagen. 
Wahrscheinlich sind sie mit Negritoblut gemengte, verwilderte 
Remontados. 

Cebuano. Dialekt des Bisaya. 

Cimarrones. Diese Bezeichnung („wild", „verwildert") wird auf die 
verschiedenartigsten Tribus unabhängiger und in dürftigen Verhält- 
nissen lebenden, heidnischen Eingeborenen angewendet, zumeist auf 
die Nachkommen von „Remontados". 

Coyuvos. So heifsen die Eingeborenen des Cuyo-Archipels (Provinz 
Calamianes), mit Ausnahme jener, welche zu dem Stamme der 
Agutainos gehören. Nach A. Marche scheinen die Coyuvos nichts 
anderes zu sein, als christianisierte Tagbanuas. Demnach würde 
das officiell Coyuvo genannte Idiom die Tagbanuasprache sein. 

Culämanes. Beinamen der Manobos, welche den südlichen Teil der 
Ostküste des Meerbusens von Davao, die sogenannte Costa de 
Culaman bewohnen. 

Dadayag. Ein nialayischer Stamm, der die Bergwildnisse im Westen 
von Cabagan (Prov. Cagayan) bewohnt. Sie besitzen eine eigene 
Sprache und sind kriegerische Heiden. Kopfjäger. 
Variante des Namens: Dadaya. 



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Feld. Blumen tritt: 



Dapitan (Nacion de) f. Diesen Namen empfingen im 16. Jahrhundert die 
Bisayas der heutigen Comandancia Dapitan (Prov. Misämis, Mindanao). 

Dayhagang f. Nach S. Mas wurden vor der Ankunft der Spanier so 
die Mestizen der Borneo-Malayen von philippinischen Negrito-Weibern 
genannt (?). 

Dulanganes. Dieser heidnische Volksstamm bewohnt den südlichen 
Teil des Distriktes Dävao. Sein Name bedeutet soviel als „Wald- 
menschen". Ich weifs nicht, ob sie reinblütige oder mit Negrito- 
Mut versetzte Malayen sind, jedenfalls glaube ich, dafs der malayische 
Typus vorwiegt. Da sie auch den (vielleicht richtigeren) Namen 
Gulanganes führen, so ist zu vermuten, dafs sie mit den Mangu- 
langas, Manguangas und Guiangas (s. d.) einen einzigen Sprach- 
stamm bilden oder zum wenigsten einander nahe verwandt sind. Es 
ist dies aber eben nur eine Vermutung. 

Von den Moros erhalten sie den Namen Bangal-Bangal. 

Dnmagat. Eine Name, der den Negritos der Nordostküstc Luzons und 
von nicht-spanischen älteren Autoren auch verschiedensprachigen 
Küstenbewohnern von Samar, Leyte und Mindoro erteilt wird. 
Letzteres ist wohl dadurch entstanden, dafs man den tagalischen 
Namen Dumagat (von Dagat „Meer": Strandbewohner, geschickter 
Seemann u. dgl.) für einen Völkernamen nahm. 

Durugmun. So heifsen die Manguianen des mongoloiden Typus, welche 
die oberste Region der Berge um Pinamalayan (Mindoro) herum be- 
wohnen; sie heifsen auch Buctulan. 

Etas siehe Negritos. 

Gaddanes. Ein malayischer Kopfjägerstamm mit eigener Sprache, der 
in den Provinzen Isabela und Cagayan, besonders aber in der 
Comandancia Saltan (Luzon) sefshaft ist. Die G. von Bayombong 
und Bagabag sind schon Christen, die übrigen Heiden. 

Gamungan, Gamunanganes. Ein malayischer Stamm mit eigenem Idiom, 
er bewohnt die Berglandschaften im Osten und Nordosten von Tuao 
(Prov. Cagayan, Luzon). Sie sind Heiden. 

Guiangas, Guangas. Ein malayischer Stamm, welcher nordöstlich 
und nördlich von Dävao wohnt (Mindanao). Die G. sind Heiden 
und unterscheiden sich äufserlich fast gar nicht von den benach- 
barten Bagobos, dagegen soll nach den neuesten Berichten der 
Jesuitenmissionäre ihre Sprache sich gänzlich von jenen der benach- 
barten Heidenstämme unterscheiden und deshalb schwer zu er- 
lernen sein. Sie sind wegen ihrer Wildheit sehr verrufen. Die 
Varianten Guanga und Gulanga ihres Namens, der so viel als 
„Waldmenschen" bedeutet, gestattet die (blofse) Vermutung, dafs sie 
ein Bruchteil jenes wenig bekannten Volkes sind, das unter, nach 
der Ortlichkeit wechselnden, Namen (Manguangas, Mangulangas, 
Dulanganes) verstreut im südlichen Mindanao lebt. 



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Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen u. deren Sprachen. ] 37 

Gnimbajanos (sprich : Gimbahanos). Unter diesem Namen verstanden 
die Chronisten des 17. Jahrhunderts einen wilden und heidnischen 
Stamm offenbar malayischer Abkunft, der im Innern der Insel Sulu 
wohnte. Sie empfingen ihren Namen von ihren Kriegstrommeln 
(guimba). Die späteren Schriftsteller schwiegen von ihnen, erst in 
neuester Zeit wurde ihrer von dem Obersten P. A. de Pazos und von 
einem Manila- Journal Erwähnung gethan, demnach sind sie mindestens 
bei Carondon und im Thale von Löo vorhanden; doch scheint, 
wenn nicht der ganze Stamm, so doch ein nicht unbedeutender Teil 
desselben den Islam angenommen zu haben. 

Namensvarianten: Guinbajanos, Guimbanos, Guimbas, 
Quimpanos. 

Guinaanes (sprich: Ginaanes). Ein malayischer Kopfjägerstamm, der 
die Wasserscheide der Stromgebiete des Rio Abra und Rio Grande 
de Cagayan (Luzon), als die Grenzgebiete von Isabela und Abra 
bewohnt. Die G. sind Heiden. Ihre Sprache besitzt das F. 

Varianten des Namens: Guinanes, Ginan, Quinaancs, Qui- 
nanes. 

Gulanga siehe Guianga. 

Gulanganes siehe Dulungane». 

Haiaya f. Ein im Binnenlande der Insel Panay gesprochener Bisaya- 
Dialekt. 

Haraya f. Ein im Binnenlande der Insel Panay gesprochener Bisaya- 
Dialekt, wohl mit dem vorigen identisch. 

Hiliguayna f. Ein an der Küste der Insel Panay gesprochener Bisaya- 
Dialekt. 

Varianten des Namens: Hiligueyna, Hiligvoyna. 

Ibalones f. Veralteter Name der Bicols, besonders jener von Albay. 

Ibanag. Name der Sprache, welche von den Cagayanes gesprochen 
wird. Sie besitzt den Buchstaben F. 

Ibilaos. Ein malayischer Kopfjägerstamm, der anscheinend auch Ne- 
gritoblut in seinen Adern hat. Sie bewohnen die Grenzgebiete von 
Nueva Vizcaya und Nueva Ecija. Sie sind Heiden. 

Idan, Idaan. Die von nichtspanischen Autoren auf der Insel Paragua 
(Palawan) und Sulu gesuchten I., sind bis heute noch nicht gefunden 
worden. 

Ifugaos. Ein gefürchteter malayischer Kopfjägerstamm, der die Pro- 
vinzen Nueva Vizcaya und Isabela und die neugebildete Comandancia 
Quiangan bewohnt. Zu ihnen gehören die Quianganes, Silipanes etc. 
Sie sind Heiden. Ihre Sprache besitzt den Laut F. 

Iftunangies. Nach Diaz Arenas führt diesen Namen eine Tribus von 
„Igorroten" der damaligen (1848) Provinz Nueva Vizcaya. Das F 
ihres Namens läfst mich vermuten, dafs die I. zu den Ifugaos gehören. 



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DJS 



Ferd. Bl u men tritt : 



Igorrotes. Mit dem Namen Ygolot bezeichneten die ersten Chronisten 
die kriegerischen Heiden, welche das heutige Benguet bewohnen, 
also die echten Igorroten. Später dehnte man diesen Namen auf alle 
Kopfjägerstämme des nördlichen Ltizon aus, noch späterhin wurde er 
auf jene der gesamten Philippinen ausgedehnt und heute ist es so weit 
gekommen, dafs man Igorrote mit Wilde identifiziert. Nach den 
Forschungen Dr. Hans Meyers kommt dieser Name nur den Igorroten 
von Lepanto und Benguet zu, welche die Dialekte Inibaloi, Can- 
canai, Cataoan und einen vierten (Suflin? genannten) Dialekt 
(jenen vom JJerpe Datä) sprechen. 
Varianten: Ygolot, Ygulut. 

Ilamut. Der Name einer „Igorroten"-Tribus, die immer mit dem Namen 
der Altasanes zusammengenannt wird. Wenn dieser Stamm wirklich 
existiert, so wären seine Wohnsitze in der Cordillere, welche Benguet 
von Nueva Vizcaya trennt und zwar in letzterer Provinz bez. Quiangan 
zu suchen. Vielleicht sind sie mit den Alimut identisch. 

Ilanos, Illanos. So nennt man die Moros, welche das Territorio 
illano von Mindanao bewohnen. Ihr Name dürfte mit dem Worte 
Lanao (See) zusammenhängen, da ihr Land den See Dagum oder 
Lanao umschliefst. Diese Vermutung wird durch die Nebennamen 
La nun, Lanaos, Malanaos verstärkt. 

Ileabanes. Nach Diaz Arenas existierte 1848 eine „Igorroten"-Tribus 
dieses Namens in der Provinz Nueva Vizcaya 

Ilocanos, Ilocos. Ein malayischer Stamm mit eigner Sprache. Die I. 
besafsen schon zur Zeit der Entdeckung eine eigenartige Kultur und 
ein Alphabet. Sie bewohnen die Provinzen Ilocos Norte, Ilocos Sur, 
Union und bilden die städtische Bevölkerung von Abra, dessen tin- 
guianische Landleute sie ilocanisieren. Da sie sehr auswanderungs- 
lustig sind, so findet man auch ihre Niederlassungen in anderen 
Provinzen Luzons zerstreut, als: Benguet, Pampanga, Cagayan, Isabela 
de Luzon, Pangasinan, Zambales und Na. Ecija. Sie sind bis an der 
Ostkiiste Luzons zu finden. Sie sind Christen und civilisiert. 

Ilongotes. Ein malayischer Stamm mit anscheinend mongolischem 
Typus. Er bewohnt die anstofsenden Grenzdistrickte von Nueva 
Vizcaya, Isabela und Principe und ist auch in Nueva ßeija bekannt. 
Sie sind blutdürstige Kopfjäger, Heiden. 
Nebennamen: II ungut, Lingotes. 

Indios. Unter dieser Bezeichnung verstehen die Spanier die nicht 
mohamedanischen Eingeborenen malayischer Abkunft, speciell die 
christlichen und civilisierten. 

Infieles. Unter dieser Bezeichnung verstehen die Spanier die heidnischen, 
un< zivilisierten Stämme malayischer Abkunft. 

Inibaloi. Der Name des Dialektes, welcher von den Igorroten des 
Agnothales gesprochen wird. 



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Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen u. deren Sprachen. 139 



InBulares. Beiname der in dem Archipel geborenen Spanier. 

Irapis. Nach Mas eine „Igorroten"-Unterabteilung. 

Irayas. Ein mit Negritoblut versetzter Malayenstamm, der südlich von 
den Catalanganen, am Westabhange tler Cordillera von Palanan 
(I.uzon) wohnt. Sie sprechen dieselbe Sprache wie die Catalanganen 
und sind gleichfalls Heiden. Ihr Name scheint mir soviel als 
„Flurenbewohner", „Flurenbesitzer" zu bedeuten. Auf sie wird mit- 
unter der Sammelname Calinga angewendet. 

Isinays (Isinayas, Isanay). Im 18. Jahrhundert wurden so die 
heidnischen Bewohner der damaligen Missionsprovinz Ituy genannt, 
welche die Jurisdiktion der heutigen Gemeinden Aritao, Dupax 
Banibang, Bayombong (Prov. Nueva Vizcaya, I.uzon) umfafst. Ich 
weifs nicht, ob die I. ein eigenes Volk bildeten oder mit den heutigen 
Gaddanes, Italones oder Ifugaos identisch sind. 

Italones. Ein malayischer Kopfjägerstamm, der die Bergwildnisse von 
Nueva Vizcaya (Luzon) bewohnt. Sie sind Heiden, nur ein kleiner 
Teil ist zum Christentum bekehrt. 

Ita s. Negritos. 
Itaas s. Atäs. 

Itanegas, Itaueg, Itaveg, s. Tinguianea. 

Itav^s. So pflegt man die Sprache der Calauas zu nennen; doch giebt 
es Autoren, welche behaupten, das idioma itaves wäre von der 
Sprache der Calauas verschieden. Wir wissen über diesen Namen, der 
auch Itaue's, Itane's geschrieben sich vorfindet, nichts genaueres zu sagen 
Neuesten Nachrichten zufolge ist dieses Idiom ein Gaddan-Dialckt (:). 

Itetapanei (Itetapaanes). Ein malayischer, nach Buzeta und Bravo 
mit Negritoblut versetzter (Kopfjäger-) Stamm, der die Westgrenze 
von Isabela de I.uzon und vielleicht auch Bontok bewohnt. 

Ituis. Nach Mas ist dies eine Unterabteilung der „Igorroten". Mehr 
ist mir nicht bekannt. Man vgl. den Artikel Isinays. 

Ivanhä. Nebenform von Ibanag. 

Joloanos. Die Moros von Sulu. 

Jacanes (oder richtiger Yacanes). Unter den J. werden Moros der 

Insel Basilan verstanden. (S. Yacanes.) 
Jumangi (sprich: Human chi). Ein heidnischer Stamm des centralen (?) 

Luzon. 

Latan. Beiname jener Manguianen, welche die Ebenen von Mangarin 

(Mindoro) bewohnen. 
Länaos s. Illanos und Malanaos. 
Lanun s. Illanos. 
Laut s. Samales-Laüt. 
Lingotes s. Ilongotes. 



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HO 



Ferd. Blumentritt: 



Loacs. Dies ist kein besonderer Stamm, sondern L. ist der Name einer 
sehr verkommenen Tagacaolo-Tribus, welche in den Bergwäldern der 
S. Augustin-Halbinsel (Mindanao) wohnt. 

Lutanga». Eine mohamedanische Mischrasse von Moros und Subanos, 
welche die Insel Olutanga und die gegenüberliegende Küste Min- 
danaos bewohnt. 

Lutaos, Lutayoi. So werden die Moros des Distrikts Zamboanga und 
häufig auch die Ulanos (s. d.) genannt. L. scheint die hispanisierte 
Form für das Malayische Ürang-Laut zu sein. 

Maguindanaos. Beiname der Moros, welche das Stromgebiet des Rio 
Pulangui oder Rio Grande de Mindanao bewohnen. Zu ihnen ge- 
hören auch die Moros der Sarangani-Inseln und teilweise jene des 
Meerbusens von Dävao. 

Malanaos. Beiname jener Moros, speziell der ilanos, welche die Ufer 
des Sees Malanao (Mindanao) bewohnen. 

Malancos. Angeblich ein in Mindanao anssässiger Stamm, der offenbar 
einem Druckfehler (für Malanaos) seine Existenz verdankt. 

Malanec. Nach dem anonymen Verfasser der Apuntes interesantes 
sobre las islas Filipinas (Madrid 1870) und nach V. Barrantes 
wird so ,,die gewöhnliche Verkehrssprache des Ortes Malaneg (Prov. 
Cagayan) und jene, welche auf den Babuyaneninseln gesprochen wird, 
genannt". Nun wird aber auf letzteren auch (oder nur) Iba nag 
gesprochen. Andere Autoren verstehen unter M. die Sprache der 
Nabayuganes oder jene der Calaluas. Auch ist die Vermutung ge- 
rechtfertigt, dafs unter M. eine aus verschiedenen Sprachen gemengte 
Lingua franca zu verstehen ist. Es ist schwer, das richtige aus 
diesen widersprechenden Nachrichten herauszufinden. 
Nebenformen des Namens: Malanec, Malaneg. 

Mamänuas. Ein Negritostamm , welcher das Binnenland der Surigao- 
Halbinsel (Mindanao) bewohnt. Semper und andere haben sie eine 
Bastardrasse genannt, die Jesuitenmissionare aber, welche schon eine 
grofsc Anzahl von ihnen zum Christentum bekehrt haben, nennen 
sie los verdaderos negritos abon'genes de Mindanao. 

Mananapes. Angeblich ein im Innern Mindanaos wohnhafter heidnischer 
Stamm, vermutlich eine Tribus der Buquidnones oder Manobos. 

Mandaya, Nach einigen Autoren ist dies der Name der Apayao-Sprache, 
was ich bescheiden bezweifle. 

Mandayas. Ein blutdürstiger malayischer und hellfarbiger Kopfjäger- 
stamm der Comandancia Bislig und des Districts Dävao (Mindanao). 
Sie sind Heiden, zum Teil aber von den Jesuiten zum Christentum 
bekehrt. 

Mancayaos. Unter M. ist kein besonderer Stamm zu verstehen, sondern 
nur die mit Lanzen bewaffneten Krieger der Manobos. 



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► 

Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen u. deren Sprachen. 141 

Manguangas. Mit diesem Namen bezeichnet der Jesuitenmissionar 
die in der Nähe von Cateel (Comandancia Bislig, Ostmindanao) 
wohnenden Heiden. Der Jesuitenmissionar benennt Mangulangas 
(d. h. Waldmenschen) die an den Zuflüssen des Oberlaufs des Rio 
Agusan — dem Rio Manat und Rio Batutu — wohnenden Heiden. 
P. Pastells identifiziert in einem späteren Briefe Manguangas und 
Mangulangas und sagt, sie bewohnten den Oberlauf des Rio Salug 
(was mit Montanos Mitteilungen nicht stimmt). Aus alledem geht 
hervor, dafs M. wohl ein Sammelname ist und mit jenem der Dulan- 
ganes und Guiangas im Zusammenhange steht. Vielleicht bilden 
alle die genannten Völker einen einzigen Stamm. 

Die M. sind Heiden und gehören zur malayischen Rasse. 

Manguianes. So werden die heidnischen, unabhängigen Eingeborenen, 
welche das Binnenland von Mindoro, Romblon und Tablas bewohnen, 
genannt. Manguian (= Waldmensch) ist ein Sammelname der ver- 
schiedene Sprachstämme und Rassen in sich vereinigt. So teilen 
nach R Jordana die M. von Mindoro sich in 4 Stämme, von denen 
die eine — Bukil, Buquils — eine Bastardrasse von Negritos ist, 
während ein zweiter durch sein Äufseres an chinesische Mestizen er- 
innert, demnach einen mongoloiden Typus aufzuweisen hat. Die zwei 
übrigen Zweige sind rein malayisch. Den Namen Manguianes 
(der an Magulangas erinnert) führen eigentlich nur 1) bei Mangarin 
jene M. f welche das Berggelände bewohnen, 2) zwischen Socol und 
Bulacao nur jene M., welche an den Ufern der Flüsse wohnen. Die 
übrigen M.-Tribus führen verschiedene Namen (s. Bangot, Buquil, 
Tadianan, Beribi, Durugmun, Buctulan, Tiron und Lactan). 

Die Zeitungen Manilas sprechen in jüngster Zeit sogar von 
Manguianes de Paragua. Diese M. haben mit jenen von 
Mindoro nichts zu thun, da auf Paragua dieser Ausdruck in seiner 
Bedeutung Waldmensch auf alle „Wilde" unbekannten Ursprunges 
angewendet wird. 

Mangalangas s. Manguangas. 

Manobos. Ein malayischer Kopfjägerstamm, sefshaft hauptsächlich im 
Stromgebiet des mittleren Rio Agusan (Distrikt Surigao), sowie an 
verschiedenen Punkten des Distrikts Dävao (Mindanao). Ein be- 
trächtlicher Teil derselben ist durch die Jesuitenmissionare zum 
Christentume bekehrt worden, die übrigen sind Heiden. 

Die richtige Form ihres Namens ist Manuba oder noch besser: 
Man-Subä, d. h. „Flufsbewohner". Der Name M. wurde früher 
häufig auf die anderen heidnischen Stämme der Insel Mindanao aus- 
gedehnt. 

Mardicas f. So wurden in den Kriegen der Spanier und Holländer 
(17. Jahrhundert) die Söldner von Celebes (Mangkassaren) und den 
Molukken genannt. 

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142 



Ferd. Blumentritt: 



Maritimos. Mit diesem Namen bezeichnet man die Remontados, 
welche die Inseln und Klippen an der Nordküste der Prov. Camarines 
Norte bewohnen. 

Mayoyaos (Mayayaos). Kin malayischer Kopfjägerstamm, welcher den 
Südwestwinkel Isabela's und Nordwestwinkel Nueva- Vizeayas be- 
wohnt. Die M. gehören ohne Zweifel zu dem Ifugao- Sprachstamm. 

Mestizo. Mischling. Mestizo peninsular, M. cspanol, M. pri- 
vcligiado, Mischling von Spaniern und Eingeborenen; Mestizo 
chino, M. sangley, M.- tributante Mischling von Chinesen und 
Eingeborenen. 

Mindanaos siehe Maguindanaos. 

Montaraz, Montesinos. Sammelname für heidnische Bergstämme und 
auch für Remontados. 

Monteses, i) Sammelname im selben Sinne wie Montaraz; 2) der 
spanische Name der Buquidnones und Buquitnon. 

Moros. Die mohamedanischen Malayen im Süden des Archipels (Süd- 
Palawan, Balabac, Sulu-Inseln, Basilan, die West- und zum Teil die 
Südküste der Insel Mindanao, sowie das territorio illano und 
Riögrande-Gebiet derselben, überdies die Sarangani-Inseln). Man 
unterscheidet verschiedene Unterabteilungen als: Maguindanaos, Illanos, 
Samales, Joloanos etc. 

Mnndos. Unter dieser Bezeichnung versteht man verschiedene heid- 
nische Tribus, welche die Bergwildnisse von Panay und Cebü be- 
wohnen. Nach den P.P. Buzeta und Bravo sind die M. gänzlich ver- 
wilderte Nachkommen von Bisaya- Remontados. Baron Hügel sagt 
von ihnen, dafs ihre Sitten jenen der Igorroten entsprächen. Dieser 
Widerspruch (wobei ich auf die Nachrichten der beiden Augustiner 
mehr Wert lege, als auf jene Br. Hügel's) deutet vielleicht darauf 
hin, dafs M. ebenso als Sammelname mifsbraucht wird, wie igorrotes 
manguianes etc. 

Nabayuganes. Ein kriegerischer (Kopfjäger-) Stamm malayischer Ab- 
kunft, welcher westlich von Malaneg oder Malauec (Prov. Cagayän) 
wohnt. Sie scheinen mit den Guinaanen verwandt zu sein. 

Negritos (einheimische Namen: Ae'ta, Ate' (in Palawan), Eta, Ita, 
M amä n ua (inNOst Mindanao), veraltete spanische Namen : Negrillos, 
Negros del Tais). Die wollharige dunkelfarbige Urbevölkerung 
des Landes, welche in elenden Verhältnissen, eingestreut unter die 
malayische Bevölkerung in verschiedenen Teilen der Inseln I.uzon, 
Mindoro (?), Tablas, Panay, Busuanga (r), Culion (r), Palawan, Negros, 
Cebü und Mindanao wohnt. 

Sie werden mitunter auch balugas (s. d.) genannt. Das Negrito- 
Idiom der Prov. Cagayän heifst Atta. 

Palauanes. Beiname der Tagbanuas, vielleicht ihr ursprünglicher 
Name, nach welchem die Insel Paragua den Namen Isla de los 



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Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen u. deren Sprachen. 143 



Palauanes empfing. Das u in diesem Namen entspricht dem 
deutschen w. 

Pampangos. Ein malayischer Sprachstamm, der bereits zur Zeit der 
Ankunft der Spanier eine eigenartige Civilisation und Schrift besafs. 
Die P. bewohnen die Provinzen Pampanga, Porac und einzelne Ort- 
schaften von Nueva Ecija, Batadn und Zambales. Sie sind Christen. 

Panayano. Dialekt der Bisaya. 

Pangasinanes. Ein malayischer Sprachstamm, der bereits zur Zeit der 
Conquista eine eigenartige Civilisation und Schrift besafs. Die P. 
bewohnen den gröfsten Teil von Pangasinan und verschiedene Ort- 
schaften von Zambales, Nueva Ecija, Benguet, Porac (?). Sie sind 
Christen. 

Panguianes siehe Pungianes. 

Panuipuyes (Panipuyes). Eine Tribu sogenannter „Igorroten". Ihre 
Wohnsitze wären im Westen von Nueva Vizcaya oder Isabel a de 
Luzon zu suchen. 

Peninsulares. Europäische Spanier. 

Pidatanos. Im Hintergclände von Libüngan, also nicht weit von dem 
Mündungsdelta des Rio Grande de Mindanao, wohnt nach Angabc 
der Moros ein heidnischer Bergstamm, der den Namen Pidatanos 
führe. Diese P. bilden wahrscheinlich keinen eigenen Sprachstamm, 
sondern gehören zu einem der schon bekannten Stämme, vielleicht 
zu den Manguangas? 

Pintados f siehe Bisayas. 

Pungianes. Tribus der Mayoyaos? 

Quianganes (sprich: Kianganes). Ein Kopfjägerstamm, sefshaft in 
der im Jahre 1889 gebildeten Comandancia Quiangan (Luzon), jeden- 
falls zum Ifugao-Sprachstamm gehörig. 

ttuimpano siehe Guimbajanos. 

Qninanes siehe Oninaanes. 

Remontadoß Name der civilisierten Eingeborenen (Indicr), welche das 
civilisierte Leben aufgeben und in die Bergwildnisse sich flüchten. 

Samales. i) Ein kleiner malayischer Volksstamm, der die Insel Samal 
im Golf von Dävao (Mindanao) bewohnt. Sie sind Heiden, zum 
Teil aber zum Christentum bekehrt. 

2) Beiname der Moros, welche die zwischen Bastian und Sulu 
gelegenen Inseln bewohnen. 

Samales-Laüt. Name der Moros, welche die Küsten von Basilan be- 
wohnen (vgl. Samales 2). 

Sameacas. Einige Autoren sprechen von S. als den eigentlichen Ein- 
geborenen der Insel Basilan, welche durch die Moros in das Innere 
der Insel verdrängt worden sind. Nach Claudio Montero y Gay 
sind sie Heiden. 



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141 



Ferd. Blumentritt: 



Sangley. Ein Name, den früher die auf den Philippinen ansässigen 
Chinesen führten, der aber jetzt immer mehr und mehr in Ver- 
gessenheit. 

Sanguiles. i) Bis in die jüngste Zeit herab verstand man unter S. 
einen Volksstamm in dem wenig bekannten Süden des Distr. Dävao 
(Mindanao). Die Jesuitenmissionare haben bisher keinen Volksstamm 
dieses Namens dort gefunden; es scheint demnach, dafe S. ein 
Kollektivname für die Bilanes, Dulanganes und Manobos war, welche 
den südlichsten Teil Mindanaos, die Halbinsel des Vulkans Sanguil 
oder Sarangani bewohnen. 

2) Moros Sanguiles heifsen jene Moros, welche den zwischen 
dem Puerto de Craan und der Punta Panguitan oder Tinaka ge- 
legenen Teil der Südküste Mindanaos (Distr. Davao) bewohnen. Auch 
sie scheinen vom Vulkan Sanguil her ihre Benennung erhalten zu 
haben. 

Silipanes. Ein heidnischer Kopfjägerstamm, der seinen Wohnsitz in 
der Prov. Nueva Vizcaya (und Comandancia Quiangan) hat. Er ge- 
hört zum Ifugaosprachstamme. 

Subanos (eigentlich Subänon „Flufsleute", „Flufsvolk"). Ein heid- 
nischer Stamm malayischer Abkunft, welcher die gesamte Halbinsel 
Sibuguey (Westmindanaos) mit Ausnahme einzelner Küstenstriche 
bewohnt. 

Suflin. Der Name eines „Igorrotcn"-Dialekls. Das F in diesem Namen 
würde auf Guinaanen oder Ifugaos hindeuten. Der officielle Nomen- 
clator von 1865 bezeichnet so einen in Bontok gesprochenen Dialekt. 

Tabanuas s. Tagbanuas. 

Tadiaman. Beinamen jener mongoloiden Manguianen, welche in den 
Bergschluchten von Pinamalayan (Mindoro) wohnen. 

Tagabaloyes. In der 1744 erschienenen Karte der Philippinen von 
P. Murillo Velarde S. J. findet man westlich vor* Caraga und Bislig 
(Mindanao) den Namen der T. verzeichnet. Auch englische Autoren 
sprechen von denselben, Wate erwähnt ihre helle Hautfarbe und 
Mas nennt sie „Igorrotes". Andere sagen ihnen nach, sie wären 
Mestizen von Indiern und Japanesen u. dgl. Fabeln mehr. Das 
Gebiet, wo die T. wohnen sollten, ist heute gut durchforscht, aber 
man hat dort keine T., sondern nur Manobos und Mandayas 
gefunden. Da letztere hellfarbig sind, so scheint T. eine ältere Be- 
zeichnung für Mandayas zu sein. Der Name klingt verführerisch an 
TagabeMes an. 

Namen-Varianten: Tagbalvoys, Tagabaloyes, Tagoba. 
looys u. s. w. 

Tagabawas. Nach Dr. Montano ist dies ein wenig zahlreicher Volks- 
stamm, der aus der Vermischung von Manobos, Bagobos und Taga- 
caolos entstanden ist. Seine Wohnsitze liegen zerstreut auf beiden 



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Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen u. deren Sprachen. 



Seiten des Meerbusens von Dävao (Mindanao), besonders beim 
Rio Hijo. 

Tagabelies. Ein heidnischer Stamm malayischen Ursprunges. Die T. 
bewohnen das Gebiet zwischen der Bai von Sarangani und dem See 
Buluan (Mindanao), Da sie sich auch Taga-bulü (Leute von Bulü 
her) nennen, so vermute ich, dafs sie wie die Buluanes oder Bilanes 
ihren Namen von dem erwähnten See (Bulu-anj ableiten. 

Tagabotes. Ein Volksstamm Mindanaos, citiert von der Ilustra- 
cion filipina (x86o, Nr. 17). 

Tagabulu s. Tagabelies. 

Tagabuli s. Tagabelies. 

Tagacaolos. Ein malayischer heidnischer Volksstamm. Seine Nieder- 
lassungen finden sich zerstreut unter jenen anderer Stämme zu beiden 
Seiten des Meerbusens von Dävao (Mindanao). M. vgl. auch Loac. 
Ihr Name Taga-ca-olo will soviel bedeuten als „Bewohner des Ur- 
sprunges der Flüsse". 
Variante: Tagalaogos. 

Tagalot, Tagalog. Ein malayscher Stamm von alter Civilisation (sie 
besafsen schon in der vorspanischen Zeit ein Alphabet). Sie sind 
Christen und bewohnen die Provinzen und Bezirke: Manila, Corregidor, 
Cavite, Bataän, Bulacän, Batangas, Infanta, Laguna, Mindoro, in der 
Mehrheit: Tayabas, in der Minderheit: Zambales, Nueva fieija, Isabela 
und Principe. 

Die T. bilden mit den Visayas und Ilocanen die wichtigsten Bestand- 
teile der eingeborenen Bevölkerung und zwar sowohl durch ihre 
Seelenzahl als auch durch ihren Kulturgrad. Ihre Sprache heifst: 
Tagalog. 
TagbalToys s. Tagabaloyea. 

Tagbanuae. Ein malayischer mit Negritoblut versetzter Volksstamm. 
Sie sind Heiden (mit Ausnahme der Calamianos) und scheinen 
einst auf einer höheren Kulturstufe gestanden zu sein, wie heute ; 
denn A. Marche fand sie im Besitze eines eigenen Alphabets. Sie 
bewohnen die Insel Palawan (Paragua) und die Calamianen. 
Die Moros von Palawan sind zum Teil Tagbanuas. 
Variante: Tabanuas. 
Tagobalooys s. Tagabaloyes. 

Talaoe. «Dieser in der letzten Zeit neuaufgetauchte Name gehört keiner 
philippinischen Völkerschaft an, sondern ist der spanische Namen 
der Bewohner der holländischen Talaut-Inseln. Die T. kommen nach 
Südmindanao, um Lebensmittel einzukaufen. 

Tandolanos. So werden die an der Westküste der Insel Palawan 
(zwischen der Punta Diente und der Punta Tularan) hausenden 
wilden Eingeborenen genannt. Da sie auch i gor rot es genannt 
werden, so scheinen sie der malayischen Rasse anzugehören. 



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]46 F - Blumentritt: Verzeichnis der eingeborenen Stämme der Philippinen. 



Teduray s. Tirurayes. 

Tegurayes. Wohl eine verballhornte Form des Namens Tirurayes. 
Tinguianes (sprich Tingianes). Kin heidnischer Stamm malayischer 

Abkunft und friedfertiger Gesinnung. Ihre Heimat ist die Prov. 

Abra und die angrenzenden Teile von Ilocos Norte und Ilocos Sur. 

Auch in Union soll es T.-Dörfer geben (Luzon). Die zum Christentum 

bekehrten T. ilocanisieren sich rasch. 

Varianten des Namens: Itanegaf , Itauegf,Itavegf,Tinguesf. 
Tinitianos. Ein heidnischer Volksstamm (wahrscheinlich) malayischer 

Abkunft. Er bewohnt den Landstrich im Norden der Bucht von 

Babuyan (Insel Palawan). 
Tinivayanes. Moros (?) oder Heiden (?) Sollen im Stromgebiet des 

Rio Grande de Mindanao wohnen. 
Tino. Der Name der Sprache der Zambales. 

Tiron. Beiname jener Manguianen von Mindoro, welche die höchsten 
Bergregionen der Umgebung von Naujan bewohnen. 

Tironesf. So nannte man die Moros -Piraten der Tiron genannten 
Landschaft von Borneo und der anliegenden Inseln. 

Tirurayes. Ein friedlicher Heidenstamm malayischen Ursprunges. Er 
bewohnt die im Distrikt Cottabatö gelegenen Berglandschaften, 
westlich vom Rio Grande de Mindanao. Die christlichen T. wohnen 
in Tamontaca. 

Varianten des Namens: Teduray, Tirulay. 

Vicol s. Bicol. 

Vilanes s. Bilanes. 

Visayas s. Bisayas. 

Tgolot s. Igorrotes. 

Yacanes. Nach P. P. Cavallerfa S. J. nennt man so die im Binncnlande 
der Insel Basilan wohnenden Moros. M. vgl. die Artikel: Jacanes, 
Sameacas und Sdmal es-Laut. 

Yogades s. Gaddanes. 

Zambales. Ein civilisierter, christlicher Stamm malayischer Abkunft. Er 
bewohnt die gleichnamige Provinz. Die von verschiedenen Autoren 
genannten „igorrotes d. Z.", „eimarrones de Z." sind wohl Nach- 
kommen von Remontados. Ihre Sprache heifst Tino. 



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Dr. B. Moritz: Der Hedjäz und die Strafte von Mekka nach Medina. ] 47 



IV. 



Der Hedjäz und die Strafse von Mekka nach Medina. 



Unsere noch immer recht lückenhafte Kenntnis des nordwestlichen 
Arabiens speziell der jetzigen türkischen Provinz Hedjäz beruht im 
wesentlichen auf den Reisen von Burkhardt, Burton, Doughty und 
Huber. In neuerer Zeit hat nun auch ein Orientale, Muhammcd Bey 
Sädik, ägyptischer Generalstabsoberst a. D. , der mehrmals die Reise 
von Kairo nach Mekka unternommen hat, zur Kenntnis jener Gebiete 
in willkommener Weise beigetragen. Über die beiden ersten Reisen 
des ägyptischen Obersten und seine betreffenden Veröffentlichungen 
vergleiche man den „Cosmos di Guido Cora" VIII, S. 346 u. Karte 
Tav. 9, wozu nur nachzutragen ist, dafs er über die zweite Reise, 1880 
bisi88i, aufser in dem Bulletin de la Soci^te' khtkliviale de Geographie 
(Nr. 12, Mai 1882) noch in einem eigenen kleinen Buch ^>Jl5+j9 

berichtet hat. Die dritte Reise, im Jahre 1885, führte ihn auf dem 
Rückwege durch Gegenden, die bisher völlige terra incognita waren. 



des Pilgerzuges" 1886 in Kairo erschienen, enthält aufser der eigentlichen 
Reisebeschreibung noch mancherlei interessante Mitteilungen über Land 
und Leute, die, obwohl sie zum Teil aus officiellen türkischen Quellen 
geschöpft sind und hin und wieder nicht ganz zuverlässig sein dürften, 
doch vorläufig das einzige existierende Material bilden. 

Der Verfasser machte die dritte Reise wie die vorhergehende in 
einer officiellen Eigenschaft, der eines Schatzmeisters des Pilgerzuges mit. 
Die ihm zur Bestreitung der Kosten des Zuges unterwegs vom Finanz- 
ministerium in Kairo ausgezahlte Summe belief sich auf 11 70 000 ägyp- 
tische Piaster = 304 200 fr. 

Am 24. Du'l Kade 1302 = 5. September 1885 ging das Mahmal, 
nach orientalischer Anschauungsweise der Repräsentant der ägyptischen 
Regierung, mit seinem Gefolge per Eisenbahn nach Sußs ab und schiffte 
sich dort am nächsten Tage auf einem Regierungsdampfer nach Djidde 
ein, wo man am 8. September anlangte. 

Das Gefolge des Mahmal bestand aus 370 Mann, nämlich 220 Sol- 
daten, 20 Artilleristen (mit 2 gezogenen Gebirgsgeschützen), 50 Mann 
als Gefolge des Emir il hadj (Führer des Zuges) und 80 Mann als Be- 
deckung u. s. w. der Kasse. Uber die Frequenz der Pilger, die in 
jenem Jahre von Norden zu Schiff nach Djidde gingen, macht Sadik 

Zeiuchr. d. Grielkch. f. Eulk. Hd. XXV. 11 



Von Dr. B. Moritz. 



(Mit einer Karte, Taf. II.) 



Der Reisebericht darüber, unter 




Leitstern 



148 



Dr B. M 01 it/.: 



folgende Angaben : in Sues schifften sich ein 12000 Ägypter und 8000 
Türken; aufserdem kamen durch den Kanal ca. 20000 Türken, Syrer 
und Nordafrikaner. Um möglichst viel Pilgerpassagiere anzulocken, 
sollen einige Dampferlinien, von denen Florio und Rubattino namhaft ge- 
macht werden, den Kniff gebrauchen, für die Hinreise nach Djidde den 
Passagepreis von 40 Francs auf 7 zu ermäfsigen, dagegen ihn für die 
Rückreise auf 3 oder selbst 3', ägyptische Lire (S. 56) = 78 bis 91 
Francs zu erhöhen, was den Verfasser zu einem Ausbruch frommer 
Entrüstung veranlafst. 

In Mekka traf man am 3 Du'l hidje = 14. September ein und 
blieb fast einen Monat, während welcher Zeit Muhamed Sädik nicht 
nur als eifriger Muslim den Anforderungen seiner Religion in vollstem 
Mafsc genügte, sondern auch sich über die politischen und sozialen 
Verhältnisse des Landes zu informieren suchte 1 ). 

Die Gröfse der Provinz Hedjäz beziffert er auf ungefähr 1 193 517 
Quadratkilometer 2 ), eine Angabe, die schon wegen der unsicheren poli- 
tischen Verhältnisse keine besondere Genauigkeit beanspruchen kann. 
Auch die Einwohnerzahl von 700 000 Seelen, sowohl an ansässiger wie 
nomadischer Bevölkerung, beruht offenbar nur auf approximativer 
Schätzung und dürfte viel zu hoch gegriffen sein Denn wenn die bedui- 
nische Bevölkerung, wie er im folgenden weiter ausführt, etwas über 
27 000 Seelen beträgt und Mekka (Sälname S. 10) wirklich 1 10 000 Ein- 
wohner hätte, so würde sich der Rest von 563 000 auf die übrigen Ort- 
schaften und Städte zu verteilen haben. Von diesen hat aber Mcdina nur 
ca. 40000, Djidde 20000 und Täif 2000. Rechnet man auf die übrigen 
kleineren Hafenplätze und Dörfer im Maximum — jedenfalls zu hoch 
— 100000, so wäre obige Gesamtziffer noch immer um 400000 zu 
hoch angegeben. 

Über die nomadische Bevölkerung giebt er folgende Details (S. 31 ff.). 
»In der Provinz Hedjäz wohnen verschiedene Beduinenstämme, nämlich 
der Stamm der Somedät, 900 Seelen stark, Grofsscheich HodeTe; 
Rchkrin, 30 Stunden von Medina; Sahärf, 3000 Seelen stark, Scheich 
Ibrahim ihn Mutlak; FodhSle, 900 Seelen stark, Scheich Fahed; in 
Djedtkle an der grofsen Heerstrafse, Beni 'Amr, 700 Seelen stark, 
Scheich Audh ihn Derwisch; in Bir il Räha, Rihale, 500 Seelen stark, 
eine Unterabteilung der Beni 'Amr, wohnt in Zelten und lebt nur von 

') Nach den von ihm regelmässig gemachten Thermometerbeobachtungen betrug 
die Temperatur in Mekka Ende September und Anfang Oktober morgens bei 
Sonnenaufgang 31—32^ C. und stieg mittags auf 37- 38 0 , einigemal bei Wind- 
stille bis auf 42 -43°. Am 6. Oktober nachm. gegen 4 Uhr kam der erste Ge- 
witterregen von einstündiger Dauer. 

-) Diese und die folgenden statistischen Angaben hat SAdik fast wörtlich aus 
dem lürki^hen Staatskalender für den Hedjäz, 1301^1884 in Mekka gedruckt, ent- 
k-hul. 



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Der Hedjäz und dio Strafse von Mekka nach Medina. 



14!) 



den Kamelen; der Stamm der Ahämide, 600 Seelen stark, wohnt in 
srerilem und in kulturfähigem Terrain und lebt gleichfalls von der 
Kamelzucht; meerwärts von Medina der Stamm Temim, 700 Seelen 
stark; in ihrer Nachbarschaft der Stamm der Sa' adln, 600 Seelen stark; 
in Bedr der Stamm der Subh, 1400 Seelen stark, zum gröfsten Teil 
Kamelhirten; der Stamm der Hauäzim, wohnt in sterilem und in 
kulturfähigem Terrain und in DjedSde, 2500 Seelen stark, besorgt mit 
seinen Kamelen Transporte für die Regierung und für Kaufleute von 
Jcnbo' nach Medina und weiter. 

Alle diese aufgeführten Stämme zusammen haben den Kollektiv- 
namen Beni Harb, und sie können, abgesehen von den Hauäzim, 
für einen einzigen Stamm gelten. Alle beziehen sie gewisse Fixa 
und Einkünfte 1 ) von der Hohen Pforte und von Ägypten, die sie jedes 
Jahr bei der Ankunft der beiden Mahmal erhalten. 

Zu den Stämmen der Für ai-Strafse gehören 2 ): 

1) die Beni 'Auf und die Sauä'id, ihr Scheich ist Muhammed 
ibn il Rubödj; sie sind 3500 Seelen stark und wohnen in der Wüste 
zwischen Reijän und Medina in Zelten. 

2) Die Beni 'Amr, 2500 Seelen stark; eine Hälfte wohnt im 
Osten unter Zelten, die andere in den Gegenden zwischen Reijän, 
Mudhik, Abü Dhobä' und Räbigh. 

3) Der Stamm Bi lädt je, 1300 Seelen stark, Nachbarn der Beni 
'Amr. 

4) Zwischen Ghäir und Räbigh der Stamm Loh6ba 3 ), Zeltbewohner, 
1000 Seelen stark. 

5) Der Stamm Zob£d, 7000 Seelen stark; wohnt von Räbigh bis 
hin zu den in der Nähe von Mekka und Djidde liegenden Ortschaften 
wie Cholös, Asfän, Kodheme und Wädie. Zum Teil lebt er unter 
Zelten, zum Teil bewohnt er das platte Land. 

Aufser diesen giebt es schliefslich noch andere Stämme, deren 
Scheiche wegen ihre Lage selbständig sind und keinen Verkehr mit der 
Regierung unterhalten, obwohl sie alle derselben gehorchen. 

Was die Natur, die Lebensweise und die Konfession dieser Stämme 
anlangt, so wohnen sie zum Teil in Häusern wie Vogelnester, was sie 
eine Ortschaft (balde) nennen und besitzen Felder und Palmen; zum 
anderen Teil wohnen sie in Zelten und gewinnen ihren Lebensunterhalt 
von den Kamelen und Schafen. Zu den Beduinen an der östlichen 

• ) Euphemismus für Tribut. In der Einleitung (S. 3), wo der Verf. eine 
ziemlich detaillierte Übersicht über die Kosten der Reise für die Regierung giebt, 
sagt er, daCs die Douceurs für die Beduinen samt einigen anderen Ausgaben 
100 ägyptische Pfund = 5200 Francs betragen. 

*) „Zweigstrafsc", so genannt, weil sie sich von der Küstenstrafse in Rabigh 
nach Medina abzweigt. 

Später (S. 48I Lahba genannt. 

11* 

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150 



Dr. B. Moritz: 



Strafst- gehört der Stamm Abü Dhobä', auch Ziüd oder ZSdije 
genannt nach Zed ibn' Ali Z£n il din, obwohl sie zu dessen Sekte nicht 
gehören. Vielmehr haben sie sich einen Glauben zurecht gemacht, 
der mit den Konfessionen der Sünna nichts gemein hat. Man erzählt, 
dafs sie die Geschwisterehe erlauben und bei der Heirat einer ge- 
schiedenen Frau die gesetzliche Frist nicht beobachten, dafs sie auch 
Wild nicht nach dem Gesetze töten, dak sie Morgens zwar pünktlich 
nach Sonnenaufgang beten, das Abendgebet aber erst kurz vor Abend 
verrichten, dafs sie wie die Perser viele von den Gefährten der Pro- 
pheten hassen, und dafs sie in die Leichentücher ihrer Toten Brot 
und ein Gefäfs mit Wasser und darin zwei Bambusruten oder Palmen- 
rippen legen. Sie besitzen Palmen und Gärten und sind meistenteils 
Wegelagerer. Alles wird bei ihnen vorher in einer Ratsversammlung 
beraten und erst dann ausgeführt, wenn es gut geheifsen ist. Von 
anderen Stämmen heiratet niemand in sie hinein, weil sie Ketzer sind 
und der allgemeinen Religion (der Sünna) nicht angehören. Die übrigen 
Stämme gehören den sunnitischen Konfessionen an, und man heiratet 
dort einander, sobald der Vater der Braut oder, falls dieser tot ist, 
einer von ihren Verwandten damit einverstanden ist, ohne darüber die 
Braut um ihre Einwilligung zu fragen, und ohne dafs sie aus dem 
Hause herauskommt. Bei ihnen wird kein Wein getrunken; nur der 
Mann trinkt Kaffee und raucht Tabak, nicht aber die Frau. Sie haben 
auch Moscheen und Schulmeister [FaklhJ, die den Kindern die Schrift 
und das Koranlesen beibringen und keine Dikrs (religiöse Tänze) auf- 
führen. Ihre Konfession ist ein notorischer SenAsismus. 

Ihre Hochzeitsmahle veranstalten sie mit grofsen Festlichkeiten, 
wobei die Männer nicht mit den Frauen zusammen sind. Die Braut 
läfst man nachts durch schwarze Sklavinnen in das Haus des Bräutigams 
bringen, ohne dafs sie die Männer sehen. Obwohl bei ihnen eine (un- 
erlaubte) Vermischung von Weibern mit Männern nicht verboten ist, 
so würden doch alle jeden Buhlen, und jede Buhlerin töten. Leichen- 
begängnisse werden von Frauen nicht begleitet. Allmosen giebt man 
nach Kräften. Bei dem Hochzeitsmahl macht man Musik mit Pauken 
und veranstaltet Reiterspiele. Ihre Nahrung besteht aus Datteln mit 
Fett und Fleisch mit Honig, ihr Brot ist aus Weizen, obwohl wenig; 
Fleisch liefert ihnen das Kamel und das Schaf. Rinder, Büffel und 
europäische Hühner giebt es bei ihnen nicht, nur wenige einheimische 
Hühner. Gemüse wird nicht gegessen, weil man glaubt, dafs es Durch- 
fall verursache. Wenn einer von einem Stamme, und war's auch nur ein 
kleines Kind, mit einem von einem anderen Stamme in Streit gerät, und 
nun jeder seine Stammesgenossen zu Hülfe ruft, so ist der Krieg zwischen 
den beiden Stämmen fertig, ohne dafs man das Oberhaupt darüber 
fragt. Nur in der Nacht steht man davon ab; sobald aber der Tag 
erscheint, kommt man wieder darauf zurück. Die angescheneren Leute 



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D«>r Hedjä« und die Strafse von Mekka und Medina 



151 



des Stammes bemühen sich zur Beilegung des Streites weder zu ver- 
mitteln noch Frieden zu stiften. > 

Zur Sicherung ihrer Macht mufs die türkische Regierung im Hedjaz 
bedeutende Streitkräfte unterhalten: in Mekka garnisonieren 2 Bataillone 
Infanterie ä 800 Mann, in TAif, Djidde, Räbigh und Jenbo' je ein halbes 
Bataillon. Ferner stehen in Mekka 3 Bataillone berittener Gendarmerie, 
und 1 Bataillon Fufsgendarmerie liegt über die Umgegend zertreut. 
In Medina stehen 3 Linienbataillone, 1 Bataillon berittener und 1 Ba- 
taillon Fufsgendarmerie. Ferner gehören zu den Provinzialtruppen 
1 Regiment Festlings- und 1 Regiment Gebirgsartillerie. Aufserdem 
befinden sich im Roten Meere 6 Kriegsschiffe; drei hiervon kreuzen 
zwischen Bab il mandeb und Jenbo' , und je eins ist in Bab il Mandeb, 
Hodede und Djidde stationiert. 

Die Behauptung des öden Landes legt der Regierung schwere 
finanzielle Opfer auf. Den Einnahmen von 1533934.20 türk, Piastern 1 ) 
stehen Ausgaben im Betrage von 25518906,08 gegenüber, so dafs ein 
Zuschufs von 23 984 971,28 P. T. (= rund 4 440 000 M.) aus der Staats- 
kasse erforderlich ist. Unter den Ausgaben figuriert in erster Linie die 
Unterhaltung der Land- und Seemacht mit fast 14 J Mill., die der heiligen 
Orte (incl. ihres zahlreichen Personals) in Mekka und Medina erfordert 
über 6 Mill.; der Rest von fast 5 Mill. geht zum gröfsten Teil für die 
Verproviantierung und einige Lokalausgaben (?) drauf. 

Für die Reise von Mekka nach Medina wurde gewöhnlich die 
Für ai-Strafse [s. o.] benutzt. Da jedoch die syrische Karawane auf der 
Herreise Reibereien mit den anwohnenden Beduinen gehabt hatte, so 
rieten der Generalgouverneur und der Grofsscherif dringend zur „öst- 
lichen Route", einer zwar etwas näheren, aber weniger benutzten Strafse, 
die in einem leichten Bogen nach Osten beide Städte verbindet. Mu- 
hammed Sädik scheint sich diesem Rate nicht sehr gern gefügt zu 
haben, da die Araberhäuptlinge der westlichen Strafse ihm die Sicher- 
heit des Durchzuges schon garantiert hatten, doch wagte er auch nicht 
bei dem Mangel detaillirter Instruktionen seitens der ägyptischen Re- 
gierung mit ihnen ein Abkommen zu treffen. Das folgende ist die 
Übersetzung seiner Reisebeschreibung 2 ). 

M Diese Hinnahmen setzen sich aus folgenden Posten zusammen: 2.56 507,30 
Verbrauchssteuer, 40 000 Wägegebühren, 80 000 Abgaben für Fischfang, yqj 789,30 
Ausfuhrzölle, 137445 Zehnten und oqz Diversa. 

-') Dem Büchlein Muhammed Sädik's ist eine rohe Kartenskizze beigegeben, 
welche nur die Routenlinie und die Namen der Nachtlager oder Stationen enthält, aber 
gar keine topographischen Einzelheiten, die ich, so gut es eben bei der unvollkom- 
menen und unvollständigen Beschreibung des Verfassers möglich ist, danach hinzu- 
gefügt habe. Text und Kartenskizze stimmen auch nicht immer überciu; idi habe 
letzterer den Vorzug gegeben, da der Oberst nach Cosmos (VIII, S. 34^ u. S. 351, 
Anm. x) wirklich, wenigstens auf seinen früheren Reisen, mit Instrumentalaufnahmen 



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1.V2 



Dr. B. Moritz: 



Sonnabend, i. Muh. irrem 1303 (= 9. Okt. 188s) 1 ). Hitze 
vor Sonnenaufgang 29° C. Das Mahmal setzte sich um 2 Uhr lang- 
sam in Bewegung. S. Exc. der Wali hatte es vor seiner Wohnung 
erwartet und als es herangekommen war, ergriff er den Zügel des 
Kamels und führte es dreimal herum vor der Wohnung; dann liefs 
er den Zügel los und das Mahmal setzte sich in Bewegung bis vor 
das Zelt des Emirs aufserhalb von Sch&ch Mahmud 2 ). Dort machte es 
halt. Ich kehrte dann nach Mekka zurück zu dem letzten Umgang 
um die Ka'aba und um mich von S. Exc. dem Schcrif und dem Wali 

• 

zu verabschieden, und übernachtete bei dem Mahmal. An diesem Tage 
war der syrische Zug abgegangen. Am Freitag schon war den Tier- 
vermietern die Nachricht zugegangen, die nötigen Kamele bereit zu 
halten. Die Temperatur war in dieser (iegend gemäfsigt, die Hitze 
erreichte vor Sonnenaufgang 25" C. Am Sonntag Morgen war aber 
die Zahl der erforderlichen Kamele nicht vollständig angesichts der 
Menge der Pilger und des Umstandes, dafs die Karawanen abgingen 
und keine Tiervermieter zurückkamen. Dieselben erhielten die Hälfte 
der Miete im Voraus nach ihren Bedingungen. Die Miete für einen 
Schukduf 1 ) von Mekka nach Medina betrug 18 Ria] (Maria Theresia- 
Thaler), für einen 'Assam 4 ) 17 Ria] ; von Mekka nach Medina und weiter 
nach Jenbo' pro Schukduf 23, pro Assam 22; von Mekka nach Medina 
und weiter nach Djidde pro Schukduf 28, pro 'Assam 27; von Mekka 
nach Medina und weiter nach Weg'h pro Schukduf 35, pro Assam 34. 
Die übliche Sitte von Mekka ist, dafs der Vermieter von der Miete 
seiner Kamele pro Tier, das nach Medina geht, 1 Riäl an den Scherif, 
1 an den Fiskus, 1 an den Kamelscheich und einen an den Mu- 
tauwif (Fremdenführer) zahlt; und wenn es nach Djidde geht, nur i Thaler 
an den Fiskus, und so ist es auch für die, die von dort nach Mekka 
kommen. Von Medina nach Jenbo' ist die Taxe pro Tier: 1 Riäl 
dem Fremdenführer und einen zweiten an den Fiskus. 



:>ich befafst hat. Doch scheint mir die östliche Ausbiegung dieser „östlichen Strafse" 
zu stark ausgefallen zu sein; denn dieselbe verläuft westlich von Charles M. Doughty's 
Route von 'Aneue nach Djidde (s. Karte in Proceedings R. Gcogr. Soc. 1884» 
S. 428)1 würde aber bei Beibehaltung jener östlichen Ausbiegung dieselbe schneiden 
und zum Teil östlich von ihr sich hinziehen. Bei einer Eintragung in Übersichts- 
karten mufs deshalb besagter Bogen zerkürzt werden, wie solches auf dem beige- 
gebenen Übcrsichtskärtchen, einem Ausschnitte aus der eben neubearbeiteten Karte 
der „Nilländer" (H. Kieperts Neuer Handatlas Nr. 34) geschcheu ist. 

Richard Kiepert. 

M Der Verfasser irrt sich hier in der Zeitumrechnung; der r. Muharrcm 1303 
entspricht vielmehr dem 10. Oktober 1885. 

Vgl. den Grundiifs von Mekka in Vcrhdlgen d. Ges. t. Erdk. XIV. Tafel 2. 
■ ! ) Art Kameelsatlel oder Palankin. 
*J Kinc Art Kaiuclsutteltasche. 



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Der Hedjäz und die Strafe von Mekka nach Medlna. 



153 



Inzwischen warteten wir auf die Komplettierung der Kamele bis 
5 h ; dann ab nach NW auf dem Wege nach il 'Umra, dann nach 
N. — 5 h 35 nach NO auf sandigem freien Wege zwischen Bergen, auf 
ihm etwas Kiesel. — 6 h nach O. Nach 5"' SO (:). — Nach 5"' von 
O nach N. — Um 6 h 30 Üjebel i' Nur weiter, es liegt auf dem 
Wege nach Munä. Dann O. — 7 h 23 nach NO zwischen zwei Bergen; 
dann nach o h 48"» O in einem weiten sandigen Wadi mit einigen Aka- 
zien, namens Umm Gheilän. Um n h i8 m Halt am Bir il Bar 11 d 
(< Pulverbrunnen :>). Das ist ein fester Bau; seine Weite (Durchmesser) 6, 
seine Tiefe 12 m; mit süfsem Wasser. In seiner Höhlung eine grofse 
Sykomore. Bei Sonnenuntergang Donner, Blitz und Regen ca. ^ Stun- 
den lang. 

Montag, 3. Muharrem (— 11. Okt.). i h 45 ,n ab. Richtung NO. 
Nach einer Stunde war das Wadi zu Ende und der Weg erweiterte 
sich auf 300m zwischen Bergen, hinter denen Hügel. Um 3 h ver- 
engerte sich der Weg; nach io m wegen der vielen Kieseln ein Hügel 
1. passiert. Um 4 1 » verengert sich der Weg, seine Breite 5 m zwischen 
Steinen und Felsen, dann erweitert er sich allmählich. Richtung N 
4 h 3° gelangt man zu einem schmalen östlichen Wege nahe beim Wädi 
il-Leimün; dann nach NO. — 4 h 45 m Brunnen mit süfsem Wasser 
(das aber einen bitteren Nachgeschmack hat), auf sandigem Wege, der 
20 m breit zwischen Bergen hinführt und dann nach N mit Ablenkung 
W sich wendet. 5 h 40 Halt. 6 h ab nach N., dann nach NW. — 7»» nach 
NO links gegenüber Berg. — Nach 5™ zerstörter Brunnen 1. — Richtung 
O in einem weiten Wadi, in ihm in einiger Entfernung Acker, bald 
quadratisch, bald rechteckig, 5 m hoch, plateauähnlich mit Sandboden, 
die von den Regenbächen der nahen Gebirge bewässert und von 
den Arabern mit Durra und Grünzeug bebaut werden. 8 h 20 ein er- 
höhtes Stück Land links mit Palmen, Feldern und Gras, namens 
Djedede 1 ), rechts von dem Wege ein einzelner Fels an der Seite eines 
südöstl. Weges, wichtig (als Wegweiser) für Eilboten nach Mekka, dann 
O mit Abweichung nach N. 

9 h 45 Marsch im Wadi il I.eimun (Doughty W. l.aymün); rechts 
erhöhter Boden, der mit soliden Steinmauern eingefafst ist, etwa 2 m 
hoch und eben, darin Palmen und Bäume und Häuser am Fufse des 
Berges, und rechts von ihm (?) am Fufse des Berges einige Palmen. 
Dort werden Apfelsinen, Citronen, Rettiche, Melonen u.a. verkauft. 
Links sintl Gärten, die sich an dem Wege entlang ziehen, darin viel 
Citronenbäume. Hierher ergiefst sich das Wasser, das von einem 
fernen Berge kommt, und (liefst mitten in ihnen, so dafs sie wie ein 
Garten im Paradiese aussehen. io h 15 nach N grofse Wasserleitung, 
deren Wasser nach Gärten läuft, dasselbe ist sehr süfs. Nach 500 m 



l ) Jedida bei Doughty a. a. O. 



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154 



Dr. B. M oritz: 



nach 0; nach iooom sind die Felder zu Ende, und man passiert einen 
Wasserlauf, der von dem Gebirge r. in eine künstliche Wasserleitung 
mündet, dann von ihr auf die Felder und in die Gärten fliefst, und 
dann geht er noch weit weg. io h 40 In Halt im Wädi il Leim ün nahe 
an dieser Quelle auf einem freien erhöhten Platz, dabei ein Markt, 
auf dem Fleisch, Fett, gekochter Reis, Brot u. s. w. verkauft wird. 
Die Verkäufer kommen bis von Mekka hierher um Geschäfte zu machen. 

Dienstag, 4. Muharrem (= 12. Okt.) war die Hitze bei Sonnen- 
aufgang 26 0 C. Nach 1 ,l 45 ab nach NO auf ebenem, sandigem, 
kieseligem Terrain, das von Bergen umgeben. 6 h 40 Halt. — 7 h 20 ab 
ungefähr O. — 8 h 10 NO, bald mehr O bald mehr N je nach der 
Lage der Berge. Terrain: Akazien, Kiesel, Sand. o h 20 erscheint ein 
Berg vorn , der anscheinend den Weg versperrt ; leichter Anstieg. 
Richtung N in weitem Terrain zwischen den Bergen, über Sandebene, 
dann NW. — io h 10 Brunnen r. am Fufse des Berges; sein Wasser 
zwar salzig, aber gut für die Tiere. Gewitter mit Bewölkung. — 10 h 20 
Halt nahe am Beginn der Lokalität, namens il Mudhik („Engpafs"). 

Mittwoch, 5. Muharrem (= 13. Okt.). 12 h 30 ab nach O. Tem- 
peratur 2i' C. ; starke Kälte. Nach io m Anhöhe; leichte Steigung, 
dann Senkung. Akazien, Kiesel, dann in ofifenem Terrain, 1. kleine 
Hügel. 1 h 10 NW. 1 h 30 N. Zwischen Bergen. Weg verengert 
sich zu ca. 20 m, das ist der Anfang des Passes. Dann dreht sich der 
Weg von NO zu O, dann nehmen die Steinmassen zu, Weg gerade aus 
nach N nach 1 h 47 ; dann offenes Terrain. Nach 2 m verengert sich 
die Passage durch die Steine so, dafs die Kamele nur noch zu zwei 
passieren können; dann W. — i h 57 N, dann O; dann beginnt der Weg 
nach N zu biegen, nach der Lage der beiderseitigen Berge, in Krüm- 
mungen, Steigungen, Senkungen. Viel Kiesel und Akazien. — Um 2 h er- 
weitert sich der Weg nach N, die Berge mit vielen Felsblöcken be- 
deckt, heben und senken sich; dann wendet er sich nach NW. — 
2 h 25 geht er in einem Halbkreis nach O, dann N. — 2 h 35 Stein- 
terrain, dafs nur immer ein Kamel passieren kann, 25 m lang; dann 
marschieren die Kamele zu zwei. — 2 1 ' 43 O Steinterrain, dann SO. — 
2 h 54 O mit einer Wegbreite von 20 m, die Passage leichter. — Nach 
3 h 8 Engpafs zu Ende. Der Weg erweitert sich einigermafsen, führt 
durch Akazien und über Kiesel. Richtung NO. Nach 3 h 25 hören 
die Berge 1. allmählich auf, r. Hügel. Nach io" 1 passiert er ein Stein- 
feld, dafs sich ein wenig senkt, 10 m breit. Nach 3 m leichter Abhang, 
von dem man zu Terrain zwischen Hügeln ansteigt, ungefähr 50 m, 
dann Abstieg von da in ein Wädi zwischen Hügeln, Richtung N; jetzt 
sind die Steinfelder des Engpasses zu Ende. Dann wird der Weg eben, 
das Wädi erweitert sich nach 1., dann entfernen sich die Berge r. 
Nach 5 h beginnt Abstieg, dann Anstieg zu ebenem Terrain. Nach $ h 15 
Halt zum Gebet. Nach 6'» ab, zwischen Bergen auf beiden Seiten in 



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Der He<1j;\* und die Strafse von Mekka nach Medina. 



155 



einer Ebene von 300 m Breite. Nach io m verengert sich der Weg zu 
100 m, dann zu 50 m Breite. Richtung nach Ü zwischen den Ein- 
schnitten der Gebirgskette wie ein Kreis, dann gerade aus nach NO. 
Nach 6 h 15 offeneres Terrain, die Berge 1. senken sich. Um 6»» 25 
Halt in der „Grubengegend'« [Ardh il Hafüir, früher Fahäir 
oder Dhariba (Dhoreba?) genannt], zwischen den Bergen, um 
Wasser einzunehmen für die folgende Station, auf der dasselbe fehlt. 
In dieser Gegend quillt das Wasser aus dem Boden, wenn man nur 
mit einem Zahnstocher gräbt. 7 h 30 Temperatur 37 C; dann bei 
Sonnenuntergang sinkt sie auf 30°. Den Arabern dieser Gegend ist 
nicht zu trauen. 

D onnerstag, 6. Muharrem (= 14. Okt.). i2 h 2oab. Hitze 21 0 . 
Nach 1 2 h 55 verengert sich der Weg infolge der vielen Steine und 
der Hügel auf beiden Seiten; dann erweitert er sich allmählich nach 

- 

O. — Nach 1 >» 40 viele Kiesel. Richtung O, die Berge hören auf. Nach 
3™ wieder NO in einem weiten Wadi mit Akazien und Kiesel. Nach 
3 h Sand ohne Kiesel und Bäume. Nach ! 4 Stunde etwas Kiesel in total 
ebenem Terrain, das für Eisenbahnen wie geschaffen wäre. Um 6 h 6 
Halt zum Gebet. — Um 6'» 45 ab, in völliger Ebene. — Hitze 35 0 C. 
Nach 5"» Hügel weit r. , parallel dem Wege. Nach 7»» 35 Hügel zu 
Ende, die Ebene bleibt. Nach 7 11 53 drei Erhöhungen r. und leichte 
Hügel weit 1. Nach 8 h 10 in der Ferne Vegetation, gut für die Tiere. 
Diese Lokalität heifst Wädl il Birke. Richtung von N nach NO. 
Wegen des ebenen Bodens marschieren die Kamele 4—5 km per Std. 
Nach i2 h sehr grofee Kiesel. Nach 3« 1 Sand und Vegetation. Nach 
12 b 20 Senkung 1., 2 m tief, von quadratischer Gestalt und 50 m Länge. 
Früher war ein Wasserbassin darin, das jetzt zugeschüttet ist und kein 
Wasser mehr enthält 1 ). Die Pilger nehmen darum ihr Wasser von den 
vorigen Wasserlöchern mit. Nach 12 h 25 Halt. 

Freitag, 7. Muharrem (~ 15. Okt.). Um 12 h ab. Die Luft kalt. 
Temperatur 27° C. Über ein gewundenes Steinterrain, dessen Breite 
50 m beträgt ; viele Kiesel, der Marsch darüber beschwerlich, Richtung 
zuerst nach O, dann nach W etwa im Halbkreis, dann gerade aus nach 
N. Nach 12 m geht die Sonne auf. Richtung N in flacher Gegend von 
ebenem, sandigem Terrain. Nach 1 •> Vegetation. Das Wädi beginnt 
sich stark zu erweitern und wäre zum Ackerbau geeignet. Nach 3 h 35 
ebenes Terrain mit Vegetation. Nach 6 h 3 Halt zum Gebet. Nach 
6 h 35 ab; Richtung NNW durch ebenes Terrain. Nach 7 h 30 grofse 
Kiesel, ungefähr auf 200m ausgebreitet; dann Sand und Vegetation. 
Nach £ Stunde nähern sich die Hügel r. allmählich als eine Kette 
von schwarzen Kieseln. Hitze 34 0 C. Nach o h die Hügel zu Ende. 
Nach 6"» grofse Kiesel. Nach 20™ Richtung NW. Nach o h 48™ leichter 

»j Wohl El-Birkct fi Rukkaba bei Doughly. 



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150 



Dr. B. Moritz: 



Kieselboden, dann Sand und Vegetation. Nach S m isolierte Hügel r. und 
andere 300 m entfernt 1. Richtung NW. Nach 4"» viele Kiesel. Nach 
io h 45 leichte Hügel, die nach ü gehen. Nach n h io u ' ein Hügel r. 
Vegetation, dann Kiesel, dann Vegetation und viel 'Abil >), dann Kiesel, 
dann 'Abil und Vegetation; dann Kiesel in einem weiten Wädt, dann 
Vegetation und sofort bis zur Station Hädä. Um 2 h 45 nachts Halt 
auf einem weiten Platze, der von Gräben und Kanälen für den Acker- 
bau durchzogen ist; auf ihm drei Brunnen mit süfsem Wasser und dort 
ein Berg, auf dessen Spitze ein Gebäude wie eine Warte oder Wacht- 
turm steht. 

Sonnabend, S. Muharrem (= 16. Okt.). Vor Sonnenaufgang 
die Temperatur 17° C. Gegen Ende von ein Uhr ab über frucht- 
bares für Ac kerbau geeignetes Land. Richtung OSO. Nach 8™ Salz- 
steppe, dann Vegetation. Der Marsch hier beschwerlich infolge der 
Regengüsse. Nach 3* nehmen die Sal/e zu, wir halten auf die linke 
Seite ferner pyramidenähnlicher Hügel. Nach io m Hügel 1., die 
sich dem Wege gegenüber ausdehnen. Nach 3 h 17 leichte Kiesel; ein 
Hügel nahe 1., dann Salzsteppe. Richtung O. Nach 3»» 40 Richtung 
ONO, und die Hügel r. nach S. Nach 5°» entfernen und ziehen sie sich 
nach 1., während der Weg durch eine weite Ebene geht, in der nur 
wenig Salz. Um 4'' 25 erscheint 1. im Westen ein Berg, und rechts 
Blachfeld, Weg ONO in weitem offenem mit Salz bedecktem Terrain, ohne 
Vegetation. Nach 5 1 ' 30 nähern sich die Berge 1. Nach 6 »»Halt zum 
Gebet. Hitze 32 0 C. Nach 6»> 35 ab; r. ferne isolierte Berge. Nach 
6 h 47 1. im Westen ein Berg, dann ein hoher ferner Hügel, an den 
sich ein Gebirgszug schliefst. Nach 8 h 40 nach N; r. zwei Hügel, die 
sich nach S ausdehnen; 1. runde Berge. Nach 20»" Berge r. in der 
Ferne, und vor dem Wege isolierte Berge. Das Terrain während 
dieses ganzen Marsches Salzsteppe. Nach 10 h 30 pyramidenförmiger 
Berg 200 m entfernt. Richtung N, Terrain mit einiger Vegetation und 
Felsen. Nach 7'» leichter Anstieg mit Kieseln bedeckt, die von den 
Hügeln die nach W gehen und mit dem Berge r. zusammenhängen. 
Nach lo» 1 Abstieg in sandiges Terrain. Um io h 45 Halt zum Gebet. 
Nach ab; dann nach io m Ankunft am Lagerplatze, aber wegen des 
Wassermangels hier zog man weiter durch Salzsteppe. Nach ii h 30 
fester Sand und Ebene, r. davon Felsen, die aus zerstreuten Blöcken 
bestehen. Nach 15»» 1. gleichfalls Felsen, an die sich in der Ferne 
Berge anschliefsen. Weite Wüste r. Nach 12 11 20 Halt in einem Wadi 
mit festem Boden, Namens il Habit [früher auch Dhob'a genannt]. 

Sonntag, 10. Muharrem (= 17. Oktober). Nach io h ab. Hitze 
22° C, dann sinkt sie nach n 1 ' auf io u C. Richtung von N nach NW. 
Weite Salzwüste, in ihr einige Kiesel, von fernen Bergen eingeschlossen. 

] ) Ein Bauin mit dünnen herabhängenden Zweigen, ahnlich dem llhl. 



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Der Hedja* und die Siafsc von Mekka nach Mcdina. 



157 



Die Kälte nimmt zu. Nach 2o m geht die Sonne auf. Nach 12'« 30 Zu- 
nahme des Salzgehalts des Bodens; vorn in der Ferne pyramidenförmige 
Hügel. Nach i2 h 55 nimmt das Salz etwas ab. Nach 3 h Richtung NW, 
einige Vegetation. Nach 3»» 20 grofse Felsen 1. Nach 5 1,1 ebenes steiniges 
Terrain, hübscher Berg zieht sich nach W. Nach 5»» Sand und Akazien. 
Nach 5 ni grofse Felsen 1., pyramidenförmiger Berg weit r. Nach 3 h 40 
Felsen, einige eben auf sandigem Terrain, andere hoch; links steinige 
Hügel, r. Bäume und isolierte Felsen, die von einander abstehen und dem 
Wege gegenüber sind. Quer vor dem Wege eine Gebirgkette ÜW. 
Nach 4 h bis 4.40 Halt. Terrain mit einigen Kieseln. Nach 10™ kleine 
isolierte Berge r. Nach 5»» 10™ leichte Kiesel bei dem Beginn eines 
Berges im O. r., und naher Berge N. Marschgeschwindigkeit 4 km 
per Stunde. Nach 15'" Halt bis 5.40. Nach 5»» grofse Akazien ca. 
200 m meistens r. Nach 6'« steiniger Hügel 1. Nach 6' 1 12 zwischen 
einer ö.w. Gebirgskette, auf beiden Seiten Hügel mit sanftem Auf- und 
Abstieg. Hitze erreicht 34 °. Nach 6 h 40 kleiner Hügel r., zwei andere 
weit 1. Nach 7 h 25 Vegetation. Richtung NW, westlich an einer 
hohen w. ö. Hügelkette. Nach 8 h 5 Anstieg zu steinigem Terrain, mit 
viel Kieseln, ungefähr O $ m ; dann nach W, indem r. die Berge in 
kahlem kieselbedeckten Terrain zurückblieben. Nach 8 h 26 Akazien 1. 
Nach 22 m Berg r. zu Ende. Vorn erscheinen in der Ferne in NW. 
Berge um o>, und viele Kiesel. Nach 4™ Abstieg in offenes, ebenes 
Terrain mit Vegetation. Nach 9 h 15 Ankunft bei der Station Safeine; 
Halt neben Palmen und Brunnen mit süfsem Wasser, Felder, Gras und 
Markt, der zum Kauf und Verkauf fertig war. 

Montag, den n. Muharrem (= 18. Oktober). Aufbruch 
i2 h 15«". Hitze 17° C. Richtung nach NW, während die Berge r. 
liegen bleiben. Nach 12 h 40 m Anstieg zu einem schwierigen Stein- 
terrain, mit vielen Steinen. Nach i h i2 m Steinterrain zu Ende; nun 
Richtung nach N. Nach 2 h 7 1 » passiert der Weg ein Kieselfeld zwischen 
zwei Bergen, die auf den beiden Seiten sich hinziehen. 

Nach 6™ Anstieg und nach 15"» Abstieg. Nach 7™ Richtung W, dann 
nach weiteren 7°» Anstieg auf einer Stelle, wo zwei Berge zusammenstofsen. 
Nach 8«> Abstieg. Richtung N, dann NW. Nach 2* 55'» Berg links 
zu Ende; es erscheint ein anderer, der sich weit hinzieht. Futter gut 
zur Weide der Kamele. Nach 3 h 35 Richtung N. Die Berge r. ent- 
fernen sich allmählich. Der Weg führt durch Vegetation und Akazien. 
Nach 3o m viel Akazien. Nach 4 h 20»» Kieselfeld, dann Vegetation. 
Nach 5 m Richtung NO r. von einem pyramidenförmigen Berge; die 
Berge auf beiden Seiten werden weniger. Nach 4 h 30 passiert 
man ein weites Wädi. Nach 5 h 1 1 passiert man einen Berg r; 
Richtung N. Nach 9»» leichter Anstieg. Richtung NO. Nach 5'» 25 ™ 
führt der Aufstieg in ein weites Wädi, der erwähnte Berg bleibt r. 
liegen, Richtung N. Nach 5™ Richtung O, indem man den gewöhn- 



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158 Dr. B. Moritz: 

liehen Weg links liegen läfst. Nach 5^37 nach N, auf einem sanften 
mit Kieseln bedeckten Abhang; r. ein Berg. Nach 5»' 55 Halt zum 
Gebet. Nach 6»« 30 ab. Nach 20"» verbreitert sich das Wädi. Nach 
7 h Richtung NW. Nach 8"> Salzsteppe, rechts in einiger Entfernung 
ein Berg. Nach 7 h 30™ Salzsteppe, dann Sand, dann Vegetation. Nach 
S h passiert mau eine weite Steppe, die mit Salz bedeckt. Nach 
o h Salzsteppe zu Ende. Dieser Weg ist kürzer als der Weg von Sue- 
rigie, der Zug nahm letzteren nur deshalb nicht, weil die Station weit 
links von ihm liegt. Nach 10 h 40 passiert er einige Vegetation und 
Akazien. Nach io h 50 Halt zum Gebet. Um 11 h 5 weiter. Nach 
i h in der Nacht passiert er die Haltestelle vom vorigen Jahre, wo 
kein Wasser; r. bleiben Berge liegen, die sich nach O ziehen. Nach 
i h 3o sandiges Terrain mit etwas Kieseln Um 2 h Akazien und Vege- 
tation passiert. Um 2 h 2o ,n Halt in einer Ebene, in ihr in geringer 
Entfernung Berge, aber kein Wasser; ihr Name ist Landschaft Sue"- 
rigie 1 ). 

Inzwischen waren (für die Pilger) lästige Unannehmlichkeiten ent- 
standen durch die beduinischen Kameltreiber, da ihre Kamele wegen 
des geringen Futters stark abgemagert waren, und es an den nötigen 
Stricken mangelte die Ladungen zu schnüren, und weil für zehn oder 
noch mehr Kamele nur ein einziger Treiber da war, dem das Beladen 
derselben schwer wurde, so dafs die Eigentümer der Ladungen wie 
Soldaten, Diener, Kackelträger und Treiber ihre Kamele selbst beladen 
mufsten und dazu noch die Kamele der übrigen Beamten, und wenn 
sie nicht gewesen wären, hätten die Beamten eigenhändig ihre Kameele 
beladen müssen. Und dabei erhitzten sich die Kameltreiber bei der 
geringsten Ursache und zogen das Schwert gegen die Diener, so dafs 
man sich gleich um sie versammeln , ihnen das Schwert mit Gewalt 
entreifsen und sie vor mich bringen mufste. Dann hatte ich, um den 
Aufruhr zu dämpfen, sie zu beruhigen, weil wir ihre Kamele brauchten, 
da es andere als diese in diesen entlegenen Gegenden nicht gab, treu 
der Uberlieferung: die höchste Klugheit nach dem Glauben an Gott ist 
mit den Menschen umzugehen und zu handeln wisssen, wie die Be- 
redten sagen: „Behandle die Leute richtig, so lange du in ihrer Woh- 
nung bist und stelle sie zufrieden, so lange du in ihrem Lande bist" 2 ). 

Es verging kein Tag, wo nicht von ihnen Klage über die geringste 
Ursache bei mir erhoben wurde. Wenn einer von den Dienern auf 
einem Kamel reiten wollte, das nur wenig Last trug, so zankte der 
Kameltreiber mit ihm und liefs ihn nicht reiten, sondern stieg selbst 
auf, liefs den Diener zu Eufs gehen und sagte: „Das Kamel gehört 
mir, und ich habe mehr Recht auf meinem Eigentum zu reiten als der 

') Bei Dou^hty Swergieh (Mctcyr). 

') Nicht wieder zu gebendes Wortspiel. 

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Der Hedjäz und die Strafse von Mekka nach Medina. 



159 



Diener." Höchstens liefsen die Kameltreiber die Diener nur mit 
Schwierigkeit aufsteigen und unter der Bedingung, abwechselnd mit ihnen 
zu reiten, und hörten nicht auf Reiter wie Fufsgänger zu ärgern, so 
dafs die Pilger nur mit aller möglichen Mühe und, indem sie sich ihre 
schändlichen Chikanen gefallen liefsen, ihren Zweck bei ihnen erreichten. 
Die Folge war, dafs jeder Pilger seine Pilgerreise bereute, die ihn 
an jene Leute band. Denn sie alle sind verhungertes, barfüfsigcs, 
nacktes Volk, das keine Kleider auf dem Leibe hat aufser einem alten 
Hemd, einem Gürtel und roten Mänteln. Ihre Vornehmen freilich kann 
man sehen sich grofsthun, wenn sie in die Städte kommen in prächtig 
gestickter, goldbordiertcr seidener Kleidung. Aber unterwegs sehen sie 
aus wie nacktes, elendes Bettelvolk, wie die Derwische. Und alle ohne 
Ausnahme haben sie Waffen, Säbel oder Dolche oder Pistolen, um die 
Reisenden in Schrecken zu setzen und einen wehrlosen wie Hunde 
anzugreifen, denn bei ihnen gilt Diebstahl als Geschicklichkeit und 
Verrat als Stärke, Gott soll sie verfluchen! 

Dienstag, den 12. Muharrcm 1303 (= 19. Oktober) brach 
der Zug nach 12 h 40™ bei einer Temperatur von io° auf in einem 
weiten VVädi mit festem Boden und Vegetation, das leicht mit Kieseln 
bedeckt ist und von fernen Bergen begrenzt wird, die sich NW ziehen. 
Nach 2 h 3o m Anstieg zu einem anderen Wädi zwischen zwei Bergen; 
Richtung N; r. ein pyramidenförmiger Berg. Nach 5 h passiert man ein 
steiniges Terrain, das 3 m östlich liegt; dann nach NNO, dann N 
zwischen Anhöhen und Kieseln und Bäumen. Nach 5 h 50™ zwischen 
Bergen auf beiden Seiten von O nach W, 6' n lang, dann kleine Ab- 
weichung nach NO. Nach 6 h Richtung nach NO zwischen steinigen 
Hügeln. Nach 3 m Richtung nach N. Nach 6 h 25 m passiert man r. 
einen Berg und links in einiger Entfernung zwei pyramidenförmige 
Berge; der Weg breit, mit Felsblöcken und grofsen Akazien. Nach 
7 h machte der Zug zur Rast Halt in der Nähe von Fahair; Wasser 
süfs. Hitze 36 0 C. Nach 7h 50"» ab. Nach 8 h 9«" passiert man ein 
leichtes Steinfeld, dann grofse Akazien. 

Als sich nach 10™ die Kamele und das Militär in Bewegung 
setzten, wurde in dem Zuge bekannt, dafs die Araber sich von dem 
Gebirge auf den Nachtrab der Pilger gestürzt, ein Kamel geplündert 
und einen Tiervermieter und einen Soldaten getötet hätten. Eine der 
beiden Kanonen feuerte nach hinten und allmählich stellte es sich 
heraus, dafs der Scherif, welchen S. Exc. der Grofsscherif von Mekka 
mitgegeben hatte, um uns vor Schädigungen durch die Araber zu 
schützen, bis dafs wir nach Medina gelangt seien, bei einem der Brunnen 
zurückgeblieben war, während der Zug weitergegangen war und sich 
von den Quellen entfernt hatte. Da waren die Araber von dem Berge, 
der nahe an diesem Brunnen liegt, herabgestürzt — es ist nämlich Sitte 
derselben, den Karawanen und Zügen fünf Tage lang und mehr zu 



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Dr. B. Moritz: 



folgen, um den Nachzüglern ihre Habe und Kamele abzunehmen, 
welche letztere sie nicht ungeschoren lassen, sondern denen sie, falls 
sie krepiert sind, das Fell abziehen — und hatten sofort auf ein diesem 
Schcrif gehöriges Reitkamel geschossen, es getötet und ein anderes 
samt seiner Ladung erbeutet. Jener aber floh auf einem anderen 
Hegin dem Zuge nach und und holte ihn ein. Da rechneten sie ihr 
Davonkommen als ein grofses Glück, dankten Gott, dafs sie so 
entronnen waren, und redeten darüber, was ihnen passiert war trotz 
der Anwesenheit des Schcrif, dessen Amt es war, den Zug vor diesen 
Arabern zu beschützen und ihn vor jenen Wölfen zu behüten. Da 
dachte ich: 

„Nun ist der ausgeplündert, der zum Schützer bestellt war 
dem Zuge, damit dieser unter seinem Schutze sei." 
und so ähnlich sagt das Volk: 

Da warst Du gekommen, du angeführter, 

um die Männer zu fuhren, 

nun haben sie Deine Mütze genommen, o ärmster, 
so dafs Du barhäuptig hast kommen müssen. 1 ) 
Die Araber des Stammes Namens II Lahbä, der zwischen Medina 
und Rabcgh wohnt, betreiben als Handwerk den Diebstahl und das 
PKindern schon seit alten Zeiten. Sie folgen den Karawanen von Mekka 
nach Medina auf dem Hin- und Rückwege, verstecken sich bei Tage 
im Gebirge und bestehlen des Nachts die Pilger und am Ende der 
Pilgerzeit verkaufen sie ihren Raub an wertvollen Sachen für einen 
Schleuderpreis. Eine von ihren Sitten ist folgende: Wenn sich einer 
von ihnen verheiratet, so vertröstet er seine Frau wegen der Mitgift 
auf das Ende der Pilgersaison, um sie (die Mitgift) von seinem Raube 
zu bezahlen. 

Nach o h 50 ab über steiniges Terrain mit sehr grofsen Kieseln. 
Richtung N zwischen Bergen, die r. nahe und 1. weit. Nach 5 m kleine 
Kiesel. Nach 10 h 6 passiert der Zug ebenes, steiniges Terrain und 
Berge wie vorher. Nach n m nach NW, über viel Kiesel. Nach 
io h 35 W, in einem weiten Wädi. Nach 10 h 55 viel Bäume; dann ge- 
ringer Abstieg, dann Aufstieg von steinigem Terrain zu vielen den 
Marsch erschwerenden Felsblöcken zwischen niedrigen Hügeln, die sich 
nach SW hin ausdehnen und hinziehen; und das Vorwärtskommen wird 
durch die Zunahme der Steine und die Krümmung des Weges immer 
erschwert 2 ). Nach 1 1 ^ 20'" wird der Weg etwas besser. Nach 
10'» führt der Weg von einem beschwerlichen steinigen Abstieg zu 
einem Chör; dann Anstieg, und wäre nicht Regenmangel gewesen, so 



1 ) Das Versemachen ist eine Schwäche der Orientalen schon von jeher gewesen. 

2 ) Diese Gegend gehört vielleicht der Beschreibung nach schon zu dem von 
Doughty erkundeten Ahrar Mcdine. 

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Der Hedjfiz und die Strafa? von Mekka nach Mcdina. 



161 



wäre derselbe gefährlich gewesen. Nach 8< n ist der Aufstieg zu Ende. 
Richtung W durch viele Steine in einer grofsen Ebene zwischen Bergen. 
Nach i2 h Halt am Platz il H ad jari je („Steinplatz"), wo viele Steine, 
am Fufs eines Berges, \ Stunde von den Brunnen. 

Mittwoch, den 13. Muharrcm (= 20. Oktober) 12'' 5'" ab 
nach N Akazien, links Berge. Nach i h 5 m nach NO, durch ebenes 
Terrain, links Berge. Nach 5™ nach NO, durch ebenes Terrain, 
links Berge. Nach 5™ in ein Blachfeld mit einigen Kieseln. Nach 
i h 40 m passiert man viele Bäume; nach 20 m sehr grofse Kiese), 
deren Abstand 50™. Richtung in einem Abstieg nach NO. Nach 
2 1 » io m die Berge zu Ende; das Wadi erweitert sich in ebenes Terrain. 
Richtung ungefähr N, links von den (sie) Akazien. Nach 3 h viele 
Akazien, kleine Abweichung nach NO. Nach 4 h 25 m Akazien, r. Kies- 
hügel. Nach 4 h 58« schwarze Steine, die sich von O nach W ziehen. 
Nach 5 h 6 m die Steine zu Ende. Nach 7 m kommt man in ein Blach- 
feld, r. Steine und Akazien. Nach 5 h 20"» zu Kieseln, die in weiter Ent- 
fernung, dann zu einem Blachfeld und Akazien r. Nach 5 h 45 m in 
ebenes Wüsterrain, frei von Baumwuchs. Nach S m zu zerstreuten Kieseln 
und einer OW streichenden Kette. Nach 6 h die Passage zu Ende und 
Abstieg von ihr (der Kette). Nach 3 m ein Wadi voll von Vegetation 
passiert. Nach 6»« 15 Halt. Hitze 32° C. Nach 6*47 ab; links hoher 
Hügel, hinter ihm weit Berge in N. Nach 7 h 5 kommt der erwähnte Hügel 
rechts. Richtung N nahe an einem der genannten Berge, in sandigem 
Terrain mit Vegetation. Nach 8>>43m einzelne grofse Akazie r. Nach 
5 m Kieshügel, die wie ein steiler Uferhang aussehen, 1.; einige davon 
ziehen sich nach W und einige nach N. Nach o h 35™ Hügel von 
Richtung NW. Nach 5m Hügel 1., r. ferne Berge. Terrain fester Sand. 
Nach IO* 1 Berg r. im O. Nach io h 30™ Halt links von Hügeln am 
Platze „Gheräbc" in einem weiten Wäd! ohne Wasser. Das Wasser 
dieses ganzen Weges ist kalt. Da -es aber chemische Salze enthält 
wie Schwefel und Soda, vcranlafst es den Trinkenden, ein grofses 
Quantum davon zu sich zu nehmen. Ferner ist es schmierig und löst 
keine Seife, ausgenommen das Wasser von Wädi il lemün und il Hadjarljc. 
Nach 9 h 30 abends ab. Nach 11 »»30 passiert man r. Hügel Nach 
i2 h Halt zum Morgengebet. Nach 30™ ab nach NW. 

Donnerstag, den 14. Muharrem (= 21. Oktober). Um 
i h 25"' passierte man viel Vegetation. Nach 25 m wenden sich die 
Berge r. nach O; 1. ferne Berge. Nach 2* 10«' 1. niedrige Hügel, die 
Berge r. entfernen sich. Nach 2*30 beginnen 1. Hügel, die sich nach 
W ziehen. Nach 2™ erweitert sich das Wädi. Nach 3* 20 m leichter 
Anstieg zu steinigen Hügeln. Nach 5"» biegt der Weg nach W ab 
zwischen Hügeln, dann geradeaus nach NW. Nach 3 h 35 zwischen 
Hügeln r. und sich nähernden Bergen 1. Nach 5«" zwischen einer 
Kette von Bergen in ebenem Terrain, darin viele Kiesel. Nach 5 



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162 Dr. B. Moritz: Der Hedjdz und die Strafsc von Mekka nach Medina. 

weiteren m beginnt r. ein Berg in N, links Blachfeld. Nach 4h Halt zum 
Gebet. Nach 4 h 35 ab nach NW in einem Blachfelde in ebenem, 
festem Terrain; das Wädi erweitert sich, die Berge entfernen sich. Hitze 
33 0 C. Nach 6h 45m 1. Hügel, die sich nach W ziehen. Nach 7 h 30™ 
nähern sich die Hügel. Nach 9 h 15 r. ein Berg 2000 m ab, der 
sich nach O zieht. Nach 1 1 " 5 r. Berg. Nach io"» zwischen zwei 
Bergen, die sich von O nach W ziehen und wegen der Ebenheit 
des Terrains auf 5 Std. Entfernung sichtbar sind. Richtung WNW. 
Nach 12 h nach N, dann NO, dann nach 10 m NW zwischen Bergen 
auf Kiesclboden. Nach i2 h 40»« mäfsiger Abstieg, der Weg krümmt 
sich entsprechend den Bergen, dann steiniges Terrain. Nach i h nachts 
Richtung nach W. Nach i h 40 Halt am Platze Ohadir il Chank 
(„Engpafs tümpel") in einem weiten Wädi, zwischen Bergen. 6 Mi- 
nuten von da am Fufse eines Felsberges ist ein Wasserbassin, 100m 
lang 10 m breit, das sich aus einer zwischen zwei Bergen hervorkom- 
menden Wasserleitung füllt; das Wasser ist süfs, Seife löst sich darin.- 
Freitag, den 15. Muharrem (=22. Oktober). Nach i h 25«" 
ab, ungefähr nach W, dann nach S zwischen Bergen nach NW, bald 
mehr N, bald mehr W. Nach 1 »» 50 W. Nach 10™ NNW in fast 
ebenem Terrain. Nach 2 h 30™ bald AV bald S. Nach io m leichter 
Abstieg zu ebenem Terrain, r. Berge. Richtung AVSW. Nach 3 h 1 5 
gerade aus nach AV. Nach 3 h 35 Abstieg in steiniges Terrain zwischen 
zwei Bergen. Nach 4*» viele Kiesel. Abstieg in ein AVädi mit Kieseln I. 
Nach 15 m nach NAV über Steine, die im ganzen Wädi zerstreut sind, 
und wäre der Weg nicht durch die Kamele etwas ausgetreten gewesen, 
dann würde die Passage sehr schwierig gewesen sein, besonders bei 
Regen. Nach 4 h 35 m dreht sich der AVeg zwischen N und NAV; die 
Steine nahmen ab; dann nach 15"' werden sie wieder zahlreich. Nach 
5^8m Abstieg in eine Senkung, die beschwerlich ist wegen ihrer vielen 
Steine; dies Wädi heifst il Häde. Nach 5* 40 nach NW, über viele 
Steine, auf allmählichem Abstieg. Nach 6 h 15 nach AV, auf einen grofsen 
Berg zu, der in N von zwei anderen. Nach 7 h leichter Abstieg, r. Hügel. 
Nach 7"» leichter Anstieg zu einem weiten Hochplateau. Nach 7 h 25 die 
Steine zu Ende. Abstieg in sandiges Terrain, bekannt unter dem 
Namen „Ghadir il aghwät" mit einigen Akazien. Nach 7 h 30 Halt 
zum Gebet. Hitze 38 c C. Nach 8*» 15 ab. Nach 20™ leichter Hügel. 
Nach 8 h 57 weiter Chör mit festem, ebenem Boden, der gut zum Acker- 
bau sich eignen würde. Nach 5 m Anstieg auf beschwerlichem Stein- 
boden zu einer steinigen Gegend. Nach o h 13 Abstieg zu Sand und 
Kies. Richtung nach AV auf den Djebel Oh od zu. Nach 9 h 30 
leichter Abstieg. Nach o h 48 Aufstieg. Nach io h 5 Richtung AVSW. 
Nach 10 h 20 SW, rechts von fernen Bergen. Die Kuppel und das Minaret 
vom Heiligtume des Propheten werden sichtbar. Nach 11 h 18 zwischen 
Hügeln. Nach 15»» zwischen l)j. Ohod r. und einem kleinen Berge 1. 



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Dr. H Polakowsky: Die Republiken Mittel-Amerikas im Jahre 1889. 163 

Nach 12h 10 Anzahl Brunnen. Richtung S\V. Nach 5™ Halt, weit von 
der Moschee Sidi Hamze. 

Am Sonnabend, den 16. Muharrem (= 23. Oktober) ge- 
langte man um i»> 20 in die Nähe der Moschee; dann wurde nach 1. ab- 
gebogen, bis man das Thor von Mcdtnc, Namens il 'Anbarijc um 
3»» 15« erreichte. Man machte Halt an dem gewöhnlichen Platze, während 
das kaiserliche Militär aufscrhalb des Thores Spalier bildete, das 
Mahmal zu empfangen, und die Musik spielte." 



V. 

Die Republiken Mittel-Amerikas im Jahre 1889. 

Von Dr. H. Polakowsky. 
II. Guatemala. 

Ehe ich an eine Schilderung der heutigen Zustände Guatemalas 
gehe, will ich nach einer kürzlich von Man. M. de Peralta publicierten 
Denkschrift des Dr. Jose Mariano Mendcz v. J. 1821 1 ), gerichtet an 
die spanischen Cortes, einige Angaben über die Zustände jenes Landes, 
wenige Monate vor seiner Lossagung von Spanien geben. — Nach 
diesem Berichte erstreckte sich das General-Capitanat Guatemala vom 
Chilillo bis Chiriquf und grenzte im W an die Intendcncia de Guaxaca 
in Mexico und im O an die ProvinzVeragua. Die Einw ohner sprachen 
verschiedene Idiome: Mexikanisch, Quiche, Kachiquel, Sutugil, Mam, 
Pocomam', Poconchi, Chorti, Sinca und andere. Die allgemeine Sprache 
in allen Ortschaften war aber die spanische, in welcher auch die rö- 
misch-katholische Religion gepredigt und gelehrt wurde. Durch den 
letzten ungenauen Census von 1778 und die einiger Provinzen, aufge- 
nommen in den Jahren 1791 bis 1795, ergab sich eine Einwohnerzahl 
von 949 015, und ist also nach Mendez anzunehmen, dafs die Bevölke- 
rung sich im Jahre 1821 auf i\ Millionen Seelen belief. 

Es gab nur eine Audiencia (höchster Gerichtshol) in Guatemala, 
wo auch der General-Capitän des Königreiches residierte. Dasselbe 

l ) Memoria del Estado politico y eclesiastico de la Capitania General de Gua- 
temala pres. h las Cortes el dia 17 de mayo de 1811 por el Doctor D. Jose* Mariano 
Mendez, pärroco prim. del Sagrario de la Catedral de Guatemala. — Diese Bro- 
schüre, von der nur eine kleine Anzahl numerierter Exemplare ausgegeben worden 
ist, bildet einen Teil eines demnächst erscheinenden Werkes über die Grenzfrage 
zwischen Costa-Rica und Colombia. 

Zciuchr. d. CetelUch, f. Erdlc. Bd. XXV. I i 



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HU 



Dr. IT. Polakowsky: 



war in 15 Provinzen geteilt, von denen acht: Totonicapam, Solola, Chi- 
maltenango, Sacatepequez, Sonsonatc, Verapaz, Escuintla und Suchi- 
tepequez durch Ober-Alkaden regiert wurden. An der Spitze der Pro- 
vinzen Quezaltenango und Chiquimula standen Stadtrichter (Corrcgi- 
dores); Costa-Rica hatte eine eigene Regierung (mit Gobernador), und 
die vier letzten Provinzen: Leon de Nicaragua, Ciudad Real de Chiapa, 
Comayagua de Honduras und San Salvador wurden durch Intendenten 
geleitet. — Es wird weiter im gen. Berichte ausgeführt, dafs durch die 
drei Jahrhundertc währende spanische Verwaltung und Regierung diese 
Länder und Völker keine Fortschritte gemacht hätten , sondern viele 
Ortschaften dem Ruine nahe gebracht worden seien 1 ). Viele, die 
früher 14000 bis 20000 Indianer zählten, seien verödet, zählten kaum 
30 bis 40 Familien; man habe nicht daran gedacht, sie zu unterrichten 
und zu civilisieren. 

Es folgen dann im Berichte des Priesters Mendez, der als Depu- 
tierter für Sonsonate in den Cortes safs, einige speciellere Daten über 
die bekannte Art und Weise, in welcher die Spanier die unglücklichen 
Eingeborenen ausnutzten. Die Regierenden hätten nur an ihre Be- 
reicherung und nicht an das Wohl und den Nutzen der Eingeborenen 
gedacht. 

,,Es ist die im ewigen Oesetzbuche der Vernunft dekretierte Epoche 
angebrochen, dafs Amerika glücklich sei, seine Sklaverei aufhöre". — 
Behufs besserer Verwaltung des Königreiches Guatemala schlägt M. 
die Einteilung desselben in 8 Provinzen vor. Er beschreibt diese Pro- 
vinzen näher und giebt (nach dem Census von 1778) folgende Daten 
über dieselben : * 



Costa-Rica .... 


46 895 


Einw. . 


. 27 


Ortschaften 


Leon de Nicaragua . 


103 943 


i » 


. 88 


»> 


Comayagua 


93 5 0i 


•> 


• M5 


n 


San Salvador . . . 


1 28 01 5 




121 


t> 


Santa Ana .... 


1 1 1 687 


» 


97 


tt 


Guatemala .... 


260 081 


t) 


. 216 


»' 


Quezaltenango . . . 


103 337 


n 


• 78 


»» 




101 556 


11 


109 


M 


Summa 


949015 


Einw. 


881 


Ortschaften 



Mendez fordert weiter die Errichtung mehrerer höherer Schulen und 
die von vier Bischofsstiihlen in Cartago, S. Salvador, Santa Ana und 
Quezaltenango, und die Errichtung von Priester-Seminaren in diesen 
Städten. Soweit der Bericht des Mendez. 

Ohne den Entschlufs der Hauptstadt Guatemala abzuwarten, sagte 
sich die Provinz Chiapas am 3. September 1821 von der spanischen Krone 
los, schloß sich der Bewegung des Iguala und damit an Mexiko an. 

') „torfo ha caminado ä una completa destruccion de los pueblos." 



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Die Republiken Mittel- Amerikas im Jahre 1889. 



105 



Heut bildet diese Provinz einen der Staaten der Vereinigten Staaten 
von Mexiko. Am 15. September 1821 sagte sich in der Stadt Guate- 
mala das ganze General-Capitanat von Spanien los und am 22. No- 
vember 1824 wurde die Verfassung erlassen, welche die Bundes-Republik 
Guatemala schuf. Diese zerfiel 1838 in die fünf Republiken, welche 
heut Mittelamerika bilden. 

Eine Schilderung der Verhältnisse Guatemalas in den Jahren 1883 
bis 85, und einen ganz vorzüglichen kurzen Abrifs der Geschichte dieses 
Freistaates, dem unbedingt die Führung Mittelamerikas zukommt, ent- 
hält das Buch von O. Stoll'). Präsident Manuel Lisandro Barillas ist 
noch immer am Ruder und hat es bis heut verstanden, Ruhe und Ord- 
nung im Lande zu erhalten, die Finanzen zu ordnen und die Land- 
wirtschaft zu heben. — Zu dem Abrisse der neuesten Geschichte Gua- 
temalas ist nur zu bemerken, dafs Rufino Barrios entschieden richtig 
erkannt hatte, dafs die Union der fünf Staaten Mittelamerikas durch 
Tischreden, Kongresse und Verträge nicht hergestellt werden kann. 
Dies hat die Geschichte der letzten 50 Jahre zur Genüge bewiesen. 
Eine wahre „Einigung" wird auch hier nur durch „Blut und Eisen" 
geschaffen werden können. Nur war ein so allgemein und mit Recht 
verabscheuter Tyrann wie Barrios nicht der Mann, diese Einigung zu 
schaffen, zu erzwingen. Die beste, objektivste Schilderung der Schlacht 
von Chalchuapa (t. April 1885), in welcher Barrios und sein ältester 
Sohn fielen, ist die von Rosario Y&jabcns, angedruckt im „Daily Star 
und Herald" (Panama) vom 25. 27. Mai 1885. Auch aus anderen 
vertrauenswürdigen Quellen habe ich erfahren, dafs die wahren Sieger 
die Guatemaleken waren und nur der Tod des Tyrannen dieselben zur 
Unthätigkeit und dann zum Rückzüge bestimmte. 

Unter dem 31. Juli 1886 richtete die Regierung von Guatemala 
eine Einladung an die Regierungen der vier anderen Republiken behufs 
Bildung eines Kongresses zur Beratung der Grundzüge für eine Union 
der fünf Staaten 3 ). Dieser Kongrefs trat in Guatemala zusammen, und 
unterzeichneten die Delegierten am 16. Februar 1887 einen Vertrag 3 ), 
welcher bestimmt, dafs alle Streitigkeiten zwischen den fünf Staaten 
durch einen Schiedsspruch beigelegt werden sollen. Sollten sich aber 
die zwei streitenden Staaten diesem Entscheide nicht fügen, resp. einer 
derselben nicht dem Schiedssprüche unterwerfen wollen, und sollte es 
also zum Kriege kommen, so verpflichten sich die übrigen Staaten die 



1 ) O. Stoll, Guatemala. Reisen und Schilderungen aus den Jahren 1878 bis 
1883. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1886. 

2 ) Memor. de Relac. Exter, pres. en 1887. Guatemala. Anexo Nura. 2. 

a ) Derselbe umfafst 32 Artikel und ist abgedruckt in den Memor. der Minister 
der auswärtig. Angelegenh. der fünf Republiken, so z. B. in der von Guatemala v. 
J. 1887 »n Anexos 4 u. 5. 

]•>* 



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1 06 



Dr. H. Polakowsky: 



strengste Neutralität zu beobachten. Unter den sonstigen Bestimmungen, 
die der Kontrakt enthält, und den Neuerungen, deren Einführung er 
empfiehlt, befindet sich die: die Todesstrafe möge so bald als möglich 
für politische und gemeine Verbrechen abgeschafft werden. Jeder 
Kenner Centraiamerikas und seiner Geschichte mufs dies für baren 
Unsinn halten. — Auch ein Auslieferungs-Vertrag für gemeine (nicht 
politische) Verbrecher wurde am selben Tage abgeschlossen. 

Guatemala und Honduras sind ernsthaft von der Notwendigkeit 
einer Union der fünf Staaten durchdrungen und betreiben dieselbe 
nach Kräften. Durch Vermittelung der Regierung von Guatemala kam es 
in Guatemala am 24. Dezember 1886 zu einem Vertrage zwischen zwei 
Specialgesandten von Costa-Rica und Nicaragua (welcher Vertrag später 
die Zustimmung der Kongresse beider Staaten fand), wonach der 
Grenzstreit zwischen beiden dem Schiedssprüche des Präsidenten der 
Vereinigten Staaten oder Chiles unterworfen werden sollte 1 ). Später 
trafen sich die Präsidenten von Costa-Rica und Nicaragua persönlich 
in Managua und schlössen einen anderen Vertrag zur Beilegung der 
Grenzstreitigkeiten ab 2 ). Dieser neue Vertrag wurde aber vom Kon- 
gresse von Nicaragua verworfen, und wandten sich nun beide Regie- 
rungen auf Grund des in Guatemala abgeschlossenen Vertrages an den 
Präsidenten der Vereinigten Staaten. 

Die ersten im Februar 1887 abgeschlossenen auf die Union Mittel- 
amerikas bezüglichen Verträge wurden nur von den Kongressen von 
Guatemala, Honduras und Costa-Rica ratifiziert 3 ). San Salvador hat 
sich von je her diesem Einigungsbestreben (diese Tragikomödie spielt 
ca. 50 Jahre) abgeneigt gezeigt, obgleich dies in den offiziellen Er- 
klärungen der Minister nie gesagt wurde. Der Neid und die Eifersucht 
zwischen diesen sog. „Bruder-Nationen", speciell zwischen Nicaragua 
und Costa-Rica, sind die Ursache, dafe alle ernsthaften Unionsversuche 
bisher aus den nichtigsten Gründen scheiterten, öfter mit einem Kriege 
endeten. Honduras glaubt — und wohl mit Recht — für seine Special- 
interessen am besten durch innigen Anschlufs an das mächtige Guate- 
mala sorgen zu können. San Salvador sucht sich in neuester Zeit 
diesem Einflüsse der zwei Staaten nach Kräften zu entziehen, da es 
weifs, dafs die Schlacht von Chalchuapa noch nicht vergessen ist. Das 
Mifstrauen San Salvadors ist aber entschieden übertrieben. Geschichte 
und Politik Guatemalas haben bewiesen, dafs dieses Land die central- 



1) Memor. de Relac. Exter, pres. en 1887. Guatemala. Anexo Nura. 7. 

s ) Relac. del viaje del Sr. Presid. de Costa-Rica, General D. Bernardo Soto, ä la 
Repübl. de Nicaragua en 1887 per Pio Viqucz. San Jos6, 1887. Ein Buch voller 
seichter Festreden und Phrasen, ohne wissenschaftlichen Wert. 

3 ) S. Bericht des Minist. Dr. Lor. Montufar v. 6. März 1888 in Memor. de 
Relac. Exter, pres. cn 1888. Guatemala. 



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Die Republiken Mittel- Amerikas im Jahre i889- 



167 



amerikanische Union aus politischen und staatsmännischen Gründen 
schaffen will, keine eigenen Eroberungen sucht. 

Im September 1888 fand, obgleich der erste Vertrag vom Februar 
1887 auch damals von Nicaragua noch nicht angenommen war und 
San Salvador einige wichtige Änderungen an demselben beliebt hatte, 
ein zweiter Kongrefs in San Jose de Costa-Rica statt. Die Anregung zu 
demselben ging wieder von Guatemala aus (Rundschreiben des Mi- 
nisters Martinez Sobral v. 2. Juli 1888). Das Resultat dieses Kongresses 
war ein neuer Vortrag (v. 24. Nov. 1888), welcher sich hauptsächlich 
mit der Frage beschäftigt, wie eventuelle Differenzen zwischen den kon- 
trahierenden Staaten beizulegen seien, ein Krieg zwischen denselben 
vermieden werden könne. Wichtiger ist eine 77 Artikel umfassende 
Post- und Telegraphen-Konvention vom 7. Januar 1889. Die Kongresse 
von Guatemala und Costa-Rica beeilten sich auch diese Verträge 1 ) zu 
ratifizieren; die Entscheidungen der übrigen stehen noch aus, sind 
mir wenigstens bis heut nicht nach offiziellen Angaben bekannt. Im 
Hauptvertrage war bestimmt, dafs der Centraiamerikanische Kongrefs, d.h. 
die Vertreter der fünf Staaten, alle Jahre am 15. September abwechselnd 
in den verschiedenen Hauptstädten zusammentreten sollten, um weiter 
an der Union zu arbeiten. Von Mitte September bis Mitte Oktober 
1889 tagte der Kongrefs in San Salvador und ist daselbst ein (bisher 
nur im Auszuge publizierter) Vertrag zum Abschlüsse gelangt, welcher 
allerdings die Union gewaltig fördert. Es wäre zu wünschen, dafs der- 
selbe allseitig angenommen und respektiert würde. 

Das Verwaltungsjahr beginnt in Guatemala mit dem 1. März. Die 
folgenden Angaben beziehen sich auf die Zeit vom 1. März 1888 bis 
1. März 1889 und sind den Berichten (Memorias) entnommen, welche 
die Minister dem Kongresse Guatemalas im J. 1889 vorgelegt haben. 

Aus dem Berichte des Ministers des Innern und der Justiz 2 ) ist 
nicht viel von allgemeinem Interesse hervorzuheben. Wichtig ist das 
Dekret Nr. 416 vom 20. November 1888, welches bestimmt, dafs Besitz- 
titel über Urland in allen Grenzgebieten der Republik nur an Personen 
ausgestellt werden sollen, welche im Besitze der Rechte eines Bürgers 
von Guatemala sind. Ausgenommen sind die Ländereien, welche die 
Regierung an der Grenze für die Anlage von Kolonien bestimmt. Jede 
Konzession von Urland, sei es zur Viehzucht oder zu anderen Zwecken, 
und sei dieselhe kostenfrei oder unter gewissen Verpflichtungen und 
Bedingungen erteilt, darf nicht den Umfang von 30 caballerias (ä 45 ha) 
für dieselbe Person überschreiten. — Wer Staatsländereien im Besitz 



1 ) Sämtlich abgedruckt in Memor. de la Secret. de Relac. Exter, pres. ä la 
Asamblea legislat. en 1889. Guatemala. 

2 ) Memor. que la Secret. de estado en el despacho de gobern. y justicia pres. 
ä la Asamblea legislat. de la Rep. de Guatemala. 



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168 



Dr II. Pol.ikowsky: 



hat und den rechtmäfsigen Erwerb derselben (nach den bestehenden 
Gesetzen) nicht nachweisen kann, ist verpflichtet, innerhalb sechs Mo- 
naten um einen rechtmäfsigen Besitztitel einzukommen. Im anderen 
Falle verliert er alle Anrechte an das betreffende Land. Dieses Dekret, 
welches Gesetzeskraft erlangt hat, soll die willkürliche Benutzung der 
Staatsländereien und die Konzentrierung derselben in einer Hand un- 
möglich machen. 

Fremden Einwanderern gegenüber hat die Regierung von Guate- 
mala stets ein gewisses Mifstrauen bezeigt, sie — um eventuelle Diffe- 
renzen mit fremden Staaten zu vermeiden — möglichst bald zu Guate- 
malteken zu machen gesucht. — Bereits 1878 war ein Freiindschafts-, 
Handels-, Schifffahrts- und Konsulats-Vertrag zwischen dem Deutschen 
Reiche und Guatemaja abgeschlossen. Die deutsche Regierung lehnte 
aber die Annahme desselben ab, weil Art. 5 Abt. 1 der Verfassang von 
Guatemala bestimmt: Alle Personen, die im Gebiete der Republik ge- 
boren sind oder geboren werden, sind Guatemalteken. Guatemala hat 
diese Bestimmung im gen. Vertrage nach langen Verhandlungen modi- 
fiziert, den Forderungen Deutschlands nachgegeben, und wurde nun 
der Vertrag im Jahre 1888 ratifiziert. 

Durch Dekret vom 3. Dezember 1889 l ) wird bestimmt, dafs die 
Vorsteher (Jefes politicos) aller Municipien des Departements Alta 
Verapaz so bald als irgend möglich in jedem Municipium eine Kom- 
mission bilden, welche jedem Indianer 200 cuerdas (Quadrate von je 
25 varas, ä 0,85 m Seitenlange) der Staatsländereien, die er bebaut 
und bewohnt, zumifst. Der Jefe politico hat dem betreffenden Einge- 
borenen gratis einen Besitztitel (mit Angabe der Grenzen) über dieses 
Land auszustellen. Kein Eingeborener darf in den ersten zehn Jahren 
nach Empfang des Besitztitels das erhaltene Land verpachten oder 
verkaufen oder belasten. Es ist dies sicher als ein sehr gerechtes und 
für Guatemala nützliches Gesetz zu betrachten, und wäre nur zu wünschen, 
dafs es auch auf die andern Departementes , wo noch halbcivilisierte 
Indianer wohnen, ausgedehnt werde. Diese Indianer haben es bisher 
aus Unwissenheit und Indolenz, oder aus Mangel an Geldmitteln, ver- 
säumt, sich giltige Besitztitel über ihre Ländereien zu verschaffen, und 
laufen also immer Gefahr, aus denselben vertrieben zu werden, wenn 
ein Kapitalist ihre Ländercien als herrenlos „ denunziert" und ankauft. 

Die Regierung sucht die Municipien möglichst unabhängig und 
selbständig zu erhalten, und verlangt zu diesem Zwecke, dafs die Ein- 
nahmen der einzelnen Municipien die Ausgaben derselben decken. 
Die Total-Einnahmcn der Municipien der ganzen Republik beliefen sich 
im letzten Jahre auf 561 593 Pes., die Ausgaben auf 559077 Pes. Sehr 
lobenswert sind die Bestimmungen, welche eine Erziehung der er- 

!j Ki <;uatcn,alic< o. J uni. XII, Nr. 55. 



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Die Republiken Mittel- Amerika* im Jahre ix$<». 



wachsenen männlichen Jugend — die in den sog. besseren Ständen in 
ganz Mittelamerika viel zu wünschen läfst — bezwecken. Danach 
dürfen Minorenne Restaurants, Kaffees, Bierhäuser und Gasthöfe ohne 
Begleitung Erwachsener nicht besuchen, und kann die Polizei den Be- 
sitzern derartiger Etablissements event. die Konzession entziehen. 

Nach dem Berichte des Kriegsministers ') waren 89 877 militär- 
pflichtige Männer in die Listen eingetragen. Diese Anzahl ist sehr 
grofs, da nur die Weifsen und Mischlinge (Ladinos) zum Militärdienste 
gezwungen sind und von den reinen Indianern sich nur wenige frei- 
willig zur Eintragung in die Listen melden. Es ist interessant, dafs 
man die Indianer nicht zum Militärdienste zwingt; man scheint eine 
militärische Ausbildung resp. Bewaffnung derselben zu fürchten. Zum 
Transport des Gepäckes werden dieselben im Kriegsfalle gezwungen, 
wie ich 1876 konstatieren konnte. Zum stehenden Heere gehören die 
Männer vom 18. bis 25. Jahre, deren Anzahl 33 723 beträgt; der Rest 
bildet die Reserve. 

Zur Instruierung der aktiven Soldaten und der Mannschaften der 
Reserve (Miliz) sind bereits 40 Militärschulen errichtet. Der Unterricht 
wird in den Abendstunden erteilt. Auch Lesen, Schreiben und Rechnen 
wird den Leuten gelehrt. Um die Staatsausgaben einzuschränken, waren 
1888 nur 1955 Mann (gemeine Soldaten, Unteroffiziere und Spielleute) 
unter den Waffen. Dazu kommen 364 Offiziere, was für hispano-ame- 
rikanische Verhältnisse eine niedrige Zahl ist. Nach dem Gesetze vom 
23. Mai 1S88 sind alle Guatemalteken zum Militärdienste verpflichtet. 
Ausgenommen sind die unter 18 und über 50 Jahr und die körperlich 
Untauglichen. Weiter sind frei: die Väter von sechs oder mehr ehe- 
lichen Kindern, die einzigen Söhne von Witwen oder armen und alten 
Eltern, die Direktoren, Lehrer und Schüler von staatlich anerkannten 
Unterrichtsanstalten, die Staats- und Municipalitäts-Beamten, die Indianer 
der von der Regierung bezeichneten Municjpicn und die Personen, 
welche jährl. 50 Pes. zahlen. Letztere Bestimmung nimmt dem Gesetze 
seinen sozialpolitischen und erziehlichen Wert, macht diese ganze „all- 
gemeine Wehrpflicht" illusorisch. - Auch kann die Regierung einzelne 
Personen wegen hervorragender Verdienste vom Militärdienste befreien. 
Sind in einer Familie drei oder mehr Söhne dienstpflichtig, so wird 
einer derselben frei. 

Nach dem Berichte des Unterrichtsministers-) gab es Ende 1888 
in der Republik 1096 Elementarschulen, an denen gratis unterrichtet 
wurde und welche 49 574 Schüler besuchten. Die Regierung gab 
280176 und die Municipalitäten 34136 Pes. für Unterrichtszwecke aus. 

1) Memor. pres. por la Secret. de la (Juerra en 1889. Guatemala. 
2 | Memor. que la Secret. de est. cn el desj>. de Instrucc. pübl. pres. ix la Asam- 
blca legislat. de Guatemala el i° Je Marzo de ifcSy- 



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170 



Dr. H. Polakowsky: 



Die Zahl der schulpflichtigen Kinder im Alter von 6—14 Jahren, die 
in die Listen eingetragen sind, beträgt 103189 (was etwa der Hafte 
der vorhandenen Kinder dieser Altersklassen entspricht), und von diesen 
erhielten 58 104 keinerlei Unterricht. Die Universität zu Guatemala 
besteht nur aus den Fakultäten für Jurisprudenz und Medizin (mit 
Pharmazie). Die Universitäts-Bibliothek zählt 25 000 Bände. Art. 24 der 
Verfassung von 1879 (seitdem in einigen Artikeln modifiziert) garantiert 
die freie Ausübung aller Religionen innerhalb der resp. Kirchen. Eine 
schöne evangelische Kirche ist z. Z. in Guatemala im Bau. 

Der Bericht des Ministers der Auswärtigen Angelegenheiten 1 ) 
schildert eingehend die neuesten Verhandlungen und Beschlüsse, die 
Guatemala im Interesse der Centraiamerikanischen Union im letzten Jahre 
angeregt und durchgesetzt hat. Da ich die Geschichte dieser Unions- 
Bestrebungen seit 1886 bereits oben in grofsen Zügen geschildert habe, 
wende ich mich hier specieller zu der Grenzfrage zwischen Guatemala 
und Mexiko.welche von geographischem Interesse ist. Ich will die Grenz- 
linie, soweit dieselbe bis heut in den Bereich der Verhandlungen gezogen 
ist, und die Ansprüche beider Staaten nach der neuen, überaus wertvollen 
Karte besprechen, die demnächst von der Firma Waterlow and Sons 
ausgeführt und herausgegeben wird. Herr Wilhelm Nanne, General- 
Superintendent des „Ferro-Carril Central de Guatemala", machte mich 
zuerst durch einen Brief vom 1. September 1889 auf diese neue Karte 
aufmerksam. Er schrieb mir, dafs die Regierung von Guatemala mit 
Waterlow and Sons in London einen Vertrag abgeschlossen habe, um 
die Karte, deren Original sich z. Z. noch im Guatemala-Pavillon der 
Ausstellung in Paris befände, herauszugeben. Er setzte hinzu: „Die 
Karte enthält ziemlich viel gutes Material und wurde von unserem 
Landsmann Herrn Theodor Paschke, Regierungs-Chefingenieur, aus 
vorhandenen Elementen recopiliert." 

Herr Theoder Paschke hatte nun die Güte, die Herren Waterlow 
and Sons zu beauftragen, mir eine Kopie der Karte zu senden. Die 
Karte (nur Schwarzdruck) trägt den Titel: Mapa de la Republica de 
Guatemala, America Central. Über das benutzte Material giebt eine 
„Nota" nur folgende, ungenügende Auskunft: „Compilado, conforme 
con los Estudios practicados par la Comision de Limites y los datos 
oticiales existentes, por el Ingeniero oficial del Gobierno en el ramo 
de Fomento. Theodoro Paschke, Ingeniero oficial. Guatemala, 1889." 
Ein Kranz von Ansichten (der Städte Quezaltenango, Guatemala und 
Livingston), Stadtplänen (von Guatemala und Quezaltenango) und ein- 
zelnen Gebäuden (des 1060 Fufs langen Hafendammes von San Jose, 
des Theaters in Guatemala und der Kirche von Escuintla), eine kleine 

M Memor. de la Secrct. de Rclac. Exter, pres. a Asamblca legisl. en 1889. 

Guatemala. 



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Die Republiken Mittel« Amerikas im Jahre 1889. 



171 



Karte von Centraiamerika, eine Karte der Telegraphenlinien in Guate- 
mala 1 ), eine Karte der Umgegend von Antigua Guatemala und ein 
Profil der fertigen Centrai-Bahn vom Hafen San Jose" bis zur Hauptstadt 
und der projektierten Nord-Bahn von der Hauptstadt bis zum Puerto 
Barrios an der Bahia de Santo Tomas, umgeben die Hauptkarte. Auf 
dieses Profil werde ich noch später, bei Besprechung der Eisenbahnen, 
näher eingehen. — Der Mafsstab der Karte von Paschke ist auf der- 
selben nicht angegeben. Er beträgt nach Berechnung 1 : 1 200 000. 

Die Grenze gegen Mexiko beginnt nach der neuen Karte (wie 
auch schon Stoll, 1. c. S. 424 schreibt) an der Mündung des Rio Suchiate 
in den Stillen Ozean und folgt diesem Flusse bis zu einem „Garita de 
Talquian" genannten Punkte am Südostabhange des Vulcan Tacanä. 
Von da geht die Grenzlinie über den Tacana in nordwestlicher Rich- 
tung bis zum Dorfe Niquihuil (nach Stoll: Cerro de Bucna Vista oder 
Cumbre de Chiquihuil). Von diesem, unter 15° 15' nördl. Breite ge- 
legenen Punkte geht die Grenze in gerader Linie nordöstlich über den 
Cerro Ixbul bis zum Dorfe Santiago, 16 0 5' nördl. Br. Bis zu diesem 
Punkte ist die Grenze auf der neuen Karte als definitiv bezeichnet und 
— was aus der im Berichte des Ministers abgedruckten Korrespondenz 
zu ersehen ist - auch von Mexiko anerkannt worden. 

Von Santiago geht die Grenzlinie direkt nach O, parallel dem 16 0 , 
bis sie bei den Isias de las Mercedes den Rio de las Sahnas trifft. 
Sie folgt diesem Flusse nach N und dann dem Rio üsumasinta (der 
aus der Vereinigung des Rio de las Sahnas mit dem Rio de la Pasion 
entsteht) nach NW bis zu den unter 17 0 15' belegenen Stromschnellen 
und geht dann weiter in gerader Linie nach W, bis sie den Rio San 
Pedro bei El Ceibo trifft. Von dort geht sie direkt gen N, parallel 
mit dem 91° westl. Lg. von Greenwich, bis zu 17° 15' nördl. Br., wo 
sich die Bemerkung findet: Linea divisoria aun no determinada defi- 
nitiveamente". Es ist dies der Nordrand der Karte von Paschke. Es 
ist also möglich, dafs die Ansprüche Guatemalas hier noch weiter 
gehen. 

Der Minister der Auswärtigen Angelegenheiten sagt in seinem Be- 
richt von 1889 (1. c. S. XI) über diese Grenzfrage : „Nach Art. 4 des 
Grenzvertrages v. J. 1882 soll eine gerade Linie gezogen werden von 
Niquihuil bis zu einem Punkte 4 km jenseits des „Cerro Ixbul" und 
von dort eine Linie, parallel dem Breitengrade, nach Osten gezogen 
werden, welche in dem tiefsten Kanäle der Rio Üsumasinta oder in 
dem Rio Chicoy enden soll, falls der genannte Usumacinta nicht früher 
getroffen wird. Als man fand, dafs der Chicoy zuerst getroffen wurde, 
nahm sich die mexikanische Grenz-Kommission vor, ihre Operationen 



-) Nach der grofsen Mapa Telegräfica de la Repüblica de Guatemala, 1888, 
welche der Memoria de Fomento v. J. 1889 heigegeben ist, 

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172 



Dr. II. Polakowsk y: 



weiter bis zum Rio Santa Isabel, Caukuen oder Pasion fortzusetzen, 
mit der Ansicht, dies sei der Usumasinta. — Die Verlängerung dieser 
Linie, parallel dem Breitengrade gehend, war den Bestimmungen des 
Vertrages entgegen und würde Guatemala einen Gebietsverlust von ca. 
1000 Quadratmeilen verursachen. (Ein Blick auf die Karte von Stoll 
genügt, um die Sachlage zu erkennen. Auf der Karte von Maudslay ') 
ist die Grenze gegen Mexiko noch nach Au falsch angegeben.) Des- 
halb protestierte D. Miles Rock, Chef der Guatemalteken Grenz-Kom- 
mission, und da diesem Proteste kein Gehör geschenkt wurde, wieder- 
holte dieses Ministerium in einer Note vom n. Juli 1888 jenen Protest 
in der begründeten Hoffnung, dafs die Rechtlichkeit und Gerechtigkeit 
der mexikanischen Regierung verhindern würden, dafs die genannte 
Parallcllinie so weit fortgeführt werde." Die Verhandlungen schweben 
hierüber noch. Durch Special-Vertrag vom 22. Oktober 1888 ist der 
Termin für die definitive Markierung der Grenze gegen Mexiko bis zum 
31. Oktober 1890 verlängert worden. 

Das Recht ist in der oben vom Minister Guatemalas erörterten 
Specialfrage unbedingt auf der Seite von Guatemala. Zum besseren 
Verständnisse braucht nur noch hinzugefügt zu werden, dafs der Rio 
Chicoy in seinem unteren Laufe den Namen Rio de las Sahnas an- 
nimmt. 

Die Grenze gegen Belize ist auch bei Paschke die auf allen oben 
genannten Karten markierte, ebenso die gegen San Salvador und Hon- 
duras (in R. Andree's Hand- Atlas, 1881, Taf. 12, sind aber beide Grenzen 
falsch bezeichnet). 

Der Voranschlag für die Einnahmen und Ausgaben der Republik 
für das Kalenderjahr 1890 ist der gesetzgebenden Versammlung von 
1889 (bestehend aus 69 Deputierten) bereits vorgelegt 2 ). Danach be- 
laufen sich die voraussichtlichen Ausgaben auf 4610675, die Kin- 
nahmen auf 5 060 000 Pes. Der Jahresgehalt der Präsidenten beträgt 
20000, der der Deputierten (für 50 Sitzungen) 500 Pes. Die Minister 
erhalten 7200 Pes. pro Jahr. Von den Staatsausgaben sind bestimmt: 
für das Fomcnt Ministerium (Ackerbau, öffentliche Bauten, Post und 
Telegraphen, Wege) 579092 Pes., für das Finanz-Ministerium 1343074 
Pes., für den öffentlichen Unterricht 710 364 und für das Departement 
des Kriegsministers 1 154 189 Pesos. Die berechneten Einnahmen ver- 
teilen sich in folgender Weise: 



M In: Proceed. of the Royal Geograph. Society. April 1883. 

Prcsupuesto gcncral de los gastos de Ii administr. publica para el arlo econom. 
(10 de lincro — 31 de diciembre) de 1890. Guatemala 1889. 



Importzölle 

Exportzölle 

Grundsteuer (3 pro Mil.) 



2 300 000 Pes. 
400 000 ,, 
125000 „ 



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Die Republiken Mittel- Amerikas im Jahre 1889. 173 



Militärsteuer 

Wegesteuer 

Stempelpapier u. Gewichtstempel 
Branntwein u. Likör-Rente . . 
Pulver- und Salpeter-Rente . . 

Taback-Rente 

Post und Telegraphen . . . . 

Verkauf von Urland 

I .eihamter 

Universitäten 



1 5 00 000 



100 000 



1 20 000 



20 000 Pes. 



1 5 000 
60 000 
80 000 



30 000 



60 000 



1 2 000 



1 1 



Dazu kommen die Erträge folgender Abgaben, welche erst unter 
der Regierung des Barrios, wo stets Geldmangel herrschte, eingeführt 
sind: Schlachtsteuer 140000 Pes., Salzsteuer 31000 Pes., Mehlsteuer 
40 000 Pes. 

Der wichtigste Bericht ist der des Foment-Ministers 1 ). (Ks giebt 
kein deutsches Wort für „Fomcnto".) — Die Landwirtschaft hat in den 
letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung genommen. Dazu tragen 
die reichen Erträge derselben und die Unterstützung der Regierung 
bei. Letztere dokumentiert sich in der Leichtigkeit, mit der Staats- 
ländereien zur Kultur abgegeben werden, in der Beschartung von 
Arbeitern für die Unternehmer und Haciendenbesitzer, und in den 
Prämien, welche die Regierung für gewisse Erträge zahlt. Zudem ist 
die Regierung eifrig bestrebt, neue Verkehrsstrafsen anzulegen und 
die alten in gutem Zustande zu erhalten. 

Guatemala produziert den besten Cacao der Welt, besonders an 
der Nordweslküste bei Soconusco, und einen sehr guten Kaffee, der 
von keiner andern amerikanischen Sorte übertroflen wird. Die KafTee- 
Plantagen haben deshalb in den letzten 4 Jahren den doppelten Um- 
fang angenommen und pro 1890 91 rechnet man auf eine Ernte von 
1 Million Zentner, welche dem Staate 15 — 16 Mill. Pes. einbringen 
werden. Auch die Cacao-Kultur hat in den letzten Jahren einen mäch- 
tigen Aufschwung genommen. In einigen Departements wird ein vor- 
züglicher Weizen gebaut. Um diese Kultur zu heben, den Import von 
Weizen nnd Mehl zu beschränken, subventioniert die Regierung die 
Anlage von Mühlen. Nächst dem Kaffee ist das Zuckerrohr die wich- 
tigste Kulturpflanze. Der Export von Rohzucker nach Mittelamerika 
hat begonnen, hat aber bis heute keine nennenswerten Erträge geliefert. 

Die im Jahre 1888 ausgesäeten Samen der Coca- Pflanze (Ery- 
ihro.xylum Coca, Lam.) sind nur zum kleinen Teile aufgegangen. Man 
nimmt an, dafs dies an der Qualität des Samens gelegen habe und 
soll in diesem Jahre ein neuer Versuch gemacht werden. Die Pfcffer- 

J ) Mcmor. de la Sccret. de l'omcnto de la Rcpübl. de Guatemala pres. en 
1889. Guatemala. 



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174 



Dr H. Polakowsky: 



und Zimmet-Kultur ist in den fruchtbaren Ländern der Alta Verapaz 
mit gutem Erfolge versucht worden. Auch die Zimmet- Pflanzungen an 
der Küste von Kscuintla, vom Präsidenten J. Rufino Barrios angelegt, 
gedeihen. Seit 1886 bemüht sich die Regierung, die Kultur der Ramie' 
(Bothmer ia nivea (L.), Hook et Am.) möglichst allgemein zu machen. 
Die meisten Pflanzungen befinden sich in dem Departement von Ks- 
cuintla. Der Export der Faser hat bisher kein günstiges Resultat ge- 
geben, da die Maschinen zur Verarbeitung dieser Pflanze ungenügend 
waren. Uber 600 000 junge Pflanzen hat die Regierung gratis verteilt. 
Die Heimat dieser wichtigen Gespinstpflanze ist Ostindien ; in neuester 
Zeit hat man aber die Kultur derselben in verschiedenen Teilen Ame- 
rikas versucht. 

Die Qualität des im Lande produzierten Tabackes soll an sich gut 
sein und sollen die Blätter nur durch die falsche Behandlung bei der 
Zubereitung derselben an Aroma verlieren. Um diese Kultur zu heben, 
liefs die Regierung in diesem Jahre 50 Pfund Samen der besten 
Tabackssorten aus der Habana, aus Ohio, Pensylvania und Sumatra 
gratis an die Interessenten verteilen. Reis wird in einzelnen Gegenden 
des Südens und des Ostens der Republik kultiviert. In einem der 
Centren der Reiskultur, in Chiquimulilla, liefs die Regierung auf ihre 
Kosten eine Maschine zur Enthülsung der Samen aufstellen. Auch 
Indigo wird in einigen West-Departements gebaut, doch ist der Anbau 
in den letzten Jahren zurückgegangen. 

Die Cochenillezucht, vor 30 Jahren die Haupteinnahmequelle des 
Landes, ist wegen des niedrigen Preises der Cochenille in Europa fast 
ganz eingestellt. Nur für den eigenen Gebrauch (und den der Nach- 
barländer) werden noch kleine Quantitäten im Lande gezogen. Die 
Kautschukproduktion hat trotz der energischen Bestimmungen der 
Regierung, erlassen zum Schutze der Bäume, nachgelassen. Nur 
einige Haciendenbesitzer haben die zerstörten Bäume durch neue An- 
pflanzungen ersetzt, keiner hat eine richtige neue Plantage angelegt, 
und nur noch in den Wäldern von Verapaz und Peten finden sich 
grofse Massen dieses nützlichen Baumes (Casiilloa elastica Orv.). 
Sarsaparille und Vanille wachsen in den Wäldern wild; letztere ist von 
vorzüglicher Qualität. Bisher sind diese Pflanzen aber noch nirgendwo 
in Kultur genommen worden. Obgleich das letzte Jahr sehr regenarm 
war, genügte doch die Ernte von Mais, Bohnen, Frijoles, Kartoffeln 
und anderen gewöhnlichen Lebensmitteln, so dafs dieselben nicht im- 
portiert zu werden brauchten. — Ende 1889 sind aus Spanien be- 
zogene Weinreben, Olivenbäume und Obstbäume angepflanzt worden. 

Der Zerstörung der Wälder sollen Schranken gesetzt werden. Die 
den Herren Jamet und Sastrt! erteilte Konzession zum Fällen von 
Nutzhölzern im Departement Peten (wofür dieselben 14000 Pes. an die 
Staatskasse zahlten) erlischt im Dezember 1890 und soll nicht erneuert 



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Die Republiken Mittel-Amerikas im Jahre 1889. 



175 



werden. Eine rationelle Ausbeutung der mächtigen Urwälder, die zum 
Teil von schiffbaren Flüssen durchschnitten werden, wird eine bedeu- 
tende Einnahmequelle für die Regierung sein. 

Da der Ackerbau grofsen Gewinn abwirft, ist es erklärlich, dafs 
sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung der Industrie widmet, ob- 
gleich das Land viele Rohmaterialien zu billigen Preisen liefert und 
manche Industrie hier etabliert werden könnte, die bald grofsen Ge- 
winn abwerfen würde. Es ist dies eine für die Mehrzahl der hispano- 
amerikanischen Länder charakteristische und nicht zu bezweifelnde 
Thatsache, welche der Thatkraft tüchtiger, mit Kapital ausgerüsteter 
europäischer Handwerker und Fabrikanten noch ein weites Feld er- 
öffnet. Die Hauptschwierigkeit liegt nur darin, dafs nicht nur Werk- 
zeuge und Maschinen, sondern auch die Arbeiter mit importiert werden 
müssen. Ein Aufschwung der Industrie Guatemalas ist nur von der 
europäischen Einwanderung zu erwarten. 

Die wichtigsten Fabriken sind heut: die Garn- und Zeugweberei 
von Cantel, eine Möbelfabrik in Antigua, verschiedene Cigarren- und 
Cigaretten-Fabriken, Baumwoll-, Woll- und Seiden-Webereien und einige 
Seifen- und Kerzenfabriken. 

Von öffentlichen Bauten ist zu erwähnen, dafs man mit der Er- 
richtung eines neuen National-Palastas, an Stelle des alten, der Kathe- 
drale an der Plaza de Armas in Guatemala gegenüber belegenen, der 
viel zu eng geworden ist, begonnen hat. In La Antigua wird an der 
Restaurierung des alten Palastes der General-Kapitäne und der König- 
lichen Audiencia gearbeitet. Noch verdient hervorgehoben zu werden, 
dafs im Hafen von Livingston ein Hafendamm erbaut worden ist. Ein 
Vertrag ist mit einem Unternehmer abgeschlossen worden, welcher 
sich verpflichtet, durch ein Kabel Guatemala mit Venezuela und den 
Antillen zu verbinden. Die Dampfer der deutschen Kosmos-Linie und 
der „Pacific Mail" laufen die Häfen der Westseite regelmäfsig an und 
erhalten dafür eine Subvention von der Regierung. Das Gesetz, wel- 
ches den durch die Schiffe dieser Gesellschaft importierten Waren 
Zollermäfsigung gewährt, ist am 24. März 1889 aufgehoben worden. 
Livingston steht durch Postdampfer in regelmäfsigem Verkehre mit 
New-Orleans. Diese Linie soll bis New-York ausgedehnt werden. 
Kleine Dampfer einer französischen Gesellschaft befahren seit Ende 
1889 den See von Atitlan. 

Auf Kosten der Regierung wird eine Karte der Republik gedruckt 
(bei Waterlow und Sons, London), welche auf der Rückseite statistische 
Daten über das Land enthalten soll. Es handelt sich um die schon 
oben angeführte Karte, von der mir ein Exemplar ohne Text vorliegt. 
Der Umschlag trägt die Bezeichnung: Mapa de la Republica de 
Guatemala America Central Publicado de orden del Ministro de Fo- 
mento. 1889. Jede Angabe über Drucker und Druckort fehlen auf der 



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176 



Dr. H. Polakowsky: 



Karte und dem Umschlage derselben. - Es werden Ausgaben in vier 
verschiedenen Sprachen erscheinen. Derartige Karten existieren bereits 
von Argentinien (von F. Latzina), von Venezuela (von J. Munoz Zebar) 
und Chile (von H. Polakowsky und C. Opitz). Hoffentlich befleifsigen 
sich die Autoren dieser statistischen und ökonomischen Angaben, 
welche die Karte begleiten sollen, der gröfsten Objektivität. Im andern 
Falle würde das Land keinen Nutzen aus dieser Publikation ziehen. 

Welch enormen Fortschritt für unsere Kenntnis Guatemalas die neue 
Karte bedeutet, zeigt ein Vergleich mit der von Au ! ), welche als die beste 
der bisher publizierten General-Karten des Landes zu betrachten ist. Eine 
Fülle von Daten ist nicht nur jedem Departemente hinzugefügt, sondern 
auch das Flufsnetz ist fast überall verändert. Der ganze nördliche Teil, 
der auf der Karte von Au gewaltige Lücken zeigte, ist kaum wiederzuer- 
kennen. Zahlreiche Ruinenstätten, alle Dörfer und gröfseren Hacienden 
sind markiert. Alle Fahrstrafsen und Reitwege und die projektierten 
Eisenbahnen sind eingetragen, die Bergwerke angegeben. Leider sind 
die Gebirge vollständig ungenügend ausgeführt. 

Stich und Druck der Karte sind mit geringer Sorgfalt ausgeführt, 
so dafs ein Teil der Namen nicht zu lesen ist (wie auf der Chavanne'schen 
Karte von Centraiamerika und auf der eben angeführten Karte von 
Venzuela). Hoffentlich wird auf die grofse Ausgabe der neuen Karte, 
die nach dem letzten Briefe der Herren Waterlow and Sons auch ge- 
plant ist, mehr Sorgfalt verwandt. 

Guatemala ist ein an Mineralien relativ armes Land (s. Stoll, 1. c. 
455—61). Nach dem Berichte des Ministers werden aber die Blei- und 
Silberbergwerke von Mataquescuintla durch die Herren Condc u. Comp, 
in neuester Zeit mit solchem Erfolge bearbeitet, dafs dieselben bereits 
bis Februar 1889 über 20.000 Unzen Silber an die Münze geliefert 
hatten, wo dieselben zu „Kleingeld" verarbeitet wurden. Es wird 
nicht gesagt, wo diese Minen liegen und wann der Abbau derselben 
begonnen hat. — 

Die Regierung wird eifrig bemüht sein, die europäische Einwan- 
derung nach Guatemala zu lenken. Zu diesem Zwecke hat sich bereits 
eine „Junta de Imigracion" gebildet. Der Minister sagt, die Regierung 
wisse wohl, dafs eine Förderung der Einwanderung grofee Kosten und 
Opfer von der Regierung erfordere und sie diese z. Z. nicht bringen 
könne. Ich bin ganz anderer Ansicht über diese hochwichtige Frage. 
Man braucht nur in gesunder (d. h. hochgelegener), wasser- und holz- 
reicher Gegend, nicht fern von Fahrstrafsen und Städten, ein bestimmtes 
Terrain für die Einwanderer anzuweisen und bekannt zu machen, dafe 



] ) Mapa de la Repüblica de Guatemala lev. y publ. por orden del Supr. Gob. 
por Hermann Au, Ingen. 1876. L. Friederichsen u. Comp., Hamburg Escala 

1 : 700 000. 



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Die Republiken Mittel- Amerikas im Jahre i88p. 



177 



jedem Einwanderer eine bestimmte Anzahl Hekt. (etwa 40 pro Familien- 
haupt) gratis angewiesen und der definitive Besitztitel nach etwa drei- 
jährigem Bewohnen und Bearbeiten dieses Landloses erteilt werden 
wird. Sämereien, Bretter, Ochsen, Kühe, Ackergerät mufs die Regie- 
rung zum Selbstkostenpreise und ohne Zinsen vorschiefsen und Rück- 
zahlung in Raten vom vierten Jahre an verlangen. Zunächst mufs aber 
das Gesetz vom 19. August 1878 '), wonach jeder Kolonist Guatemalteker 
werden mufs, aufgehoben werden. Auch darf die Regierung nicht — 
wie dies gewöhnlich im spanischen Amerika geschieht — solche Lände- 
reien für die Kolonisten aussuchen, wo kein Guatemalteke leben kann 
und will, weil er daselbst lebendig begraben ist. So geschah es bei 
Gründung der famosen Kolonie Entre-Rios 2 ) in den Jahren 1884-86, 
die denn auch natürlich kläglichst zu Wasser wurde. Nicht das 
schlechteste, entlegendste, sondern das in jeder Beziehung beste Land 
mufs die Regierung den ersten Kolonisten schenken. So lange die 
Machthaber Mittelamerikas nicht von der Wahrheit dieses Ausspruches 
durchdrungen sind, nützen alle Tischreden, Dekrete, Broschüren und 
Karten absolut nichts. Und eben so lange mufs jeder unterrichtete 
und unabhängige Mann deutschen Ackerbauern (die nicht grofses Ver- 
mögen besitzen) abraten, nach Mittelamerika zu gehen. 

Die Angaben des Ministers über die Eisenbahnen sind von geringem 
Werte. Es ist aus denselben nicht ersichtlich, welche Strecken im Be- 
triebe, welche im Baue und welche projektiert sind. Im Berichte des 
Statistischen Amtes wird die Länge der fertigen Linien wie folgt ange- 
geben: Guatemala— San Jose (Hafen) 70 engl. Meil.; Retalhuleu — 
Champerico 27 Meil.; Guatemala — Guarda Vieja 3 Meil. — Von der 
grofeen Ostbahn sind nur einige Meilen von Puerto Barrios an fertiggestellt. 
Der Bau ruhte seit einigen Jahren, wird aber jetzt mit Energie in An- 
griff genommen werden. Die projektierte Bahn geht zunächst von 
Guatemala direkt nach N und dann im Thale des Rio de las Varas 
nach NO bis zum Rio Grande. Sie folgt diesem und dann dem Rio 
Motagua in fast rein östlicher Richtung und wendet sich beim Dorfe 
Las Animas am Nordufer dieses Stromes in einem Bogen nach N, in 
Puerto Barrios endend. 

Die Totallänge dieser Bahn beträgt 186 engl. Meilen. Nach dem 
von Paschke mit der neuen Karte publizierten Profil sind folgende 
Höhenangaben zu notieren. Bei 186 Ml. (Guatemala) 4778 engl. Fufs, 
bei 183 MI. 4675 F., bei 177, 5. Ml. 3740 F., bei 175 Ml. liegt China- 
utla, bei 172 Ml. liegt S. Antonio, 3500 F., bei 166 Ml. 1925 F., bei 
164 Ml. 1685 F., bei 162 Ml. 1490 F., bei 160,5 Ml. (Rio Platanos) 
13 13 F., bei 158 Ml. 1198 F., bei 153,5 Ml. 1095 F., bei 144 Ml. 



•) Geograph. Nachrichten. Berlin, I. Jahrg., 1879. S. iz6. 

2 j Revue Colon. Internat. Amsterdam. Tom. II, 1886. S. 483 f. 



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178 



Dr. H. Polakowsky: 



924 F., bei 137,5 Ml. 845 F., bei 134 Ml. 835 F., bei 135 Ml. 810 F. 1 ), 
bei 125 Ml. 737 F., bei 115 Ml. 638 F., bei 101 Ml. 600 F., bei 85,5 Ml. 
282 F., bei 65 Ml. 100 F., bei 20 Ml. 88 F. Dicht an der atlantischen 
Seite, 7 Ml. von Puerto Barrios, ist noch ein Höhenzug zu durchstechen, 
dessen Gipfel 294 F. hoch ist. 

Aufser der Hauptstadt waren Ende 1889 auch die Städte Retal- 
huleu, Quezaltenango und San Jose" durch elektrisches Licht erleuchtet. 
— Um Guatemala im Auslande bekannt zu machen, hat die Regierung 
einige wichtige Zeitungen im spanischen Amerika, in Nordamerika 
und in Europa subventioniert, so schreibt Minister D. Salvador Barrutia 
in seinem Berichte S. 31. Diese Zeitungen sollen sagen, welche Fort- 
schritte Guatemala in der (Zivilisation macht und die Vorzüge seines 
Bodens und seines Klimas hervorheben. Ich halte diese Handlungs- 
weise der Regierung für falsch, für unbedingt schädlich. Die Vorteile, 
die Guatemala europäischen Ackerbauern, Industriellen und Finanziers 
bietet resp. bieten kann, sind viel gröfser als die Schattenseiten (die 
aber auch vorhanden und anzuführen sind) des Landes. Einer Ver- 
teidigung und Anpreisung durch bezahlte Federn bedarf es also nicht. 
Die einzige Subvention, die notwendig ist, ist die: die Regierung ver- 
teile die offiziellen Publikationen in liberaler Weise an wissenschaftliche 
Gesellschaften und kompetente und unabhängige Männer, die sich für 
Mittelamerika interessieren. 

Die Post beförderte im Jahre 1888 in der Republik selbst 5 10 1 342 
Sendungen, d. h. über eine halbe Million mehr als 1887. Über 1 */ 4 
Mill. Pes. wurden im Lande selbst durch Postanweisungen versandt. 
Nach dem Auslande betrug der Verkehr (eingegangene und abgesandte 
Stücke) in Summa 653 577 Sendungen. Darunter nimmt Deutschland 
mit 56 245 Sendungen die vierte Stelle (nach den Vereinigten Staaten, 
San Salvador und Frankreich mit seinen Kolonien) ein. Die Einnahmen 
der Post betrugen 70675 Pes., d. h. 4481 Pes. mehr als die Ausgaben. 

Die Totallänge der Telegraphenleitungen in der Republik beträgt 
1848* engl. Ml. 92 Telegraphenämter sind im Betriebe. Im Jahre 
1887 wurden 399554 Depeschen befördert. Von 1885—88 sind zahl- 
reiche neue Linien erbaut, von denen ich nenne: Tactic — Coban, die 
bis Peten verlängert werden soll; Tactic — Panzös ; Jocotän — Grenze von 
Honduras (bei Jaral); Ocos — Malacatan und Chimaltenango — S. Martin. 

Aus dem umfangreichen Bericht des intelligenten und fleifsigen 
Leiters des Statistischen Amtes, D. Pedro Pedrosa, ist zunächst — aus 
offiziellen Schreiben — hervorzuheben, dafs die Moralität, Gesundheit 
und Langlebigkeit unter den Indianern viel gröfser als unter den 
Ladinos ist. Konkubinate sind unter den Indianern fast unbekannt. 
Weiter giebt Herr Pedrosa einige für Einwanderer wichtige Daten über 
die verbreitetsten Kulturpflanzen des Landes. Der im Lande produ- 

') Ich führe von hier nur die wichtigsten Punkte an. 



Die Republiken Mittel-Amerikas im Jahre ig&^. 



171) 



zierte Soconusco-Cacao wird daselbst auch konsumiert, und werden pro 
Pfund der Bohnen 25 Centavos bis 1 Peso bezahlt. Zum Export gelangen 
nur selten kleine Quantitäten 1 ). Der Cacaobaum trägt in Guatemala 
bereits im 4. Jahre. Die jährliche Ernte wird auf 200 000 Kilo geschätzt. 

Es ist hierzu bemerken, dafs ein Europäer nicht Cacao-Kultur 
betreiben kann, da dieser Baum nur in heifsen und feuchten, also un- 
gesunden Landstrichen gedeiht. Daher ist die Kultur dieser Pflanze 
in Mittclamerika relativ unbedeutend. Es hält schwer, selbst einge- 
borene Arbeiter für diese Pflanzungen zu gewinnen. Dasselbe gilt vom 
Reis, von dem pro Jahr ca. 2 Mill. Kilo geerntet werden. Der Preis 
beträgt 5- 6 Pes. pro Zentner. Die Zahl der Schafe wird auf 470000 
geschätzt. Ich habe 1876 in der Umgebung von Guatemala und auf 
den Reisen nach dem Hafen San Jose nicht ein Exemplar dieses Haus- 
tieres gesehen. An Abgaben hat der Kolonist nur 1,6 Pes. pro Jahr 
für Erhaltung der Wege und 3 pro Mil vom Werte seines Grundstückes 
zu zahlen, sobald derselbe über 1000 Pes. beträgt. 

Nach Art. 612 des „Cödigo Fiscal" können Guatemalteken und 
Fremde Staatsländereien erwerben. Der Preis für dieselben beträgt 
2 Pes. pro Hektar, wenn das Terrain eben und als natürliche Weide zu 
benutzen ist; 1,5 Pes. pro Hektar, wenn das Gebiet eben, aber mit 
Wald bedeckt ist, der leicht zu gewinnende Produkte wie Sarsaparille 
und Kautschuk liefert; 1 Pes. pro Hektar, wenn der Wald keine derartige 
Produkte enthält, und 0,80 Pes. ; wenn das Terrain gebirgig, sumpfig, 
steinig oder unfruchtbar ist. Für Urland, welches mindestens 20 Feg. 
(ä 5 km) von der nächsten Ortschaft entfernt liegt, braucht nur der 
vierte Teil der obigen Summen gezahlt zu werden. Nach Art. 623, 
Abs. 4, erhalten Einwanderer gratis Urland angewiesen. — Das Ein- 
wanderungsgesetz vom Jahre 1879 ist zwar sehr liberal, leidet aber an 
den oben bereits angedeuteten Mängeln. Zunächst mufs genau ange- 
geben werden, wo die Regierung den Einwanderern gratis Land anweisen 
will, wie die Kolonisten zu den Besitztiteln gelangen, welche Art von 
Selbstverwaltung ihnen die Regierung gewährt, und wie es um Wege, 
Justiz, Kirche, Schule und Arzte in oder in der Nachbarschaft der 
Kolonie bestellt ist. 

Wer Kautschukbäume, Sarsaparille oder Cacao anpflanzen will, 
erhält von der Regierung gratis passende Terrains angewiesen. Für 
Rindvieh- oder Pferdezucht werden gleichfalls unentgeltlich Ländereien 
im Departemento Izabal, im Gebiete zwischen den Städten Coban und 
Flores, in dem Lande nördlich vom Rio Motagua und im Departement 
Zacapa überlassen. Die Landwirte, welche Chinabaum-Plantagcn an- 
legen (aber nur für Cinchona Calisaya Wedd. und C. mecirttbra Ptirou), 

! ) Im Widerspruche hierzu wird auf S. 16 des Statist. Berichtes gesagt, dafs 

pro Jahr durchschnittlich für 12000 Pes Cacao und für roooo Pes. Cochenille 
(s. hierüber weiter oben) exportiert werden. 

Zeinchr. d. Gebüsch f. Erdk. Hd XXV. 13 



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180 



Dr. H. Polako wsky: 



erhalten in den nächsten acht Jahren von der Regierung Prämien aus- 
gezahlt. Und zwar bewilligt dieselbe für das erste Tausend achtjähriger 
und gesunder Bäumchen 1000 Pes., für das zweite Tausend 500 Pes., 
für das dritte 250 und für jedes folgende Tausend 125 Pes. Die Vor- 
steher (Jefes Politicos) der Departements können den Personen, die 
Weizen bauen wollen, ein Landlos von 1 Manz. (7293 qkm) bis 
1 Caballeria (64 Manzan.) Umfang zu diesem Zwecke gratis anweisen. 
Dieselben Vergünstigungen erhalten die, welche in der Nähe der Ströme 
Motagua und Polochic (die als Transportstrafsen dienen können") Ba- 
nanen anpflanzen wollen. Für jede 150 Pfd. Indigo zahlt die Regie- 
rung den Pflanzern für die nächsten 3 Jahre eine Prämie von 25 Pes. 

Geboren wurden im Jahre 1888 = 60 2 14 Kinder, davon waren bei 
den Eadinos (wozu auch die relativ geringe Zahl der Weifsen gerechnet 
ist) 5224 Knaben und 4642 Mädchen ehelich und 4476 Knaben und 
4310 Mädchen unehelich. Bei den Indianern kamen auf 16 547 ehelich 
geborenen Knaben und 14930 Mädchen nur 5065 uneheliche Knaben 
und 5020 Mädchen. Ks starben im Jahre 1888=27331, von denen 
76 Männer und 47 Frauen ein Alter. von über 100 Jahr erreicht haben 
sollen, welche Angabe sicher mit Mifstrauen aufzunehmen ist. 

Die Bevölkerung verteilte sich am 1. Januar 1889 in folgender 
Weise über die einzelnen Departementos: 



Guatemala . 


141 701 E 


inw. 


Huchuetenango . 


»33 1 73 


Amatitldn . . 


35 626 


> > 


Quiche .... 


S7 929 


Kscuintla . . 


• 30 973 




Baja Verapaz . . 


49 822 


Sacatepequez . 


40 852 


> > 


Alta Verapaz . . 


107 403 


Chimaltcnango 


• 59 335 


n 




8 480 


Sololä . . . 


83 804 


> > 


lzabal .... 


5 105 


Totonicapam . 


. 158419 


H 


Zacapa .... 


43 045 


Suchitep6iuez . 


36 182 


II 


Chiquimula . . . 


64 733 


Retalhuleu . . 


24431 


)» 


Jalapa .... 


35 020 


Que/altenango 


. 104 800 


>> 




48 461 


San Marcos 


• 90323 


)l 


Santa Rosa . . 


37 499 




Im Ganzen 


I 427 


116 Einwohner. 





Es wurden im gen. Jahre 5028 Ehen geschlossen; 1728 zwischen 
I.adinos und 3300 zwischen Indianern. Von den „jungen Ehemännern" 
waren (nach cuadro nüm. 29) 88 im Alter von 12—15 imcl x 5 uI>er 
100 Jahr alt! Hier liegt entschieden ein Druckfehler vor und ist (wie 
aus der Tabelle zu ersehen) statt 100, 50 zu setzen. Die gröfste Sterb- 
lichkeit zeigen die Departementos lzabal (1 auf 27) und Escuintla 
(1 auf 28); die geringste Huehuetenango (1 auf 86). In Santa Rosa 
kommt bereits auf 139 Einwohner eine Ehe, in lzabal dagegen erst 
auf 1670. 

Der Bericht des Finanzministers, vorgelegt dem Kongresse von 
Guatemala im Jahre 1S89, ist mir leider nicht zugegangen. Ich will 



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Die Republiken Mittel-Amerikas im Jahre 1 889- 181 



hier einige Angaben über die Finanzlage nach der offiziellen Zeitung 
„Kl Guatemalteco" und dem Berichte pro 1888 1 ) beifügen. Letzterer 
ist bereits im Auszüge im „Sixteenth Annual General Report of the 
Council of the Corporation of Foreign Bondholders for the year 1888, 
London, February 1889" abgedruckt. 

Am 23. September 1889 (s. „Kl Guatemalteco" vom selben Tage) 
wurde die aufserordentliche Session des Kongresses mit einer Rede 
des Präsidenten Man. L. Barillas eröffnet, in welcher er sagte: Die Kr- 
bauung einer Nationalbahn nach dem atlantischen Ocean ist eine der 
Ideen gewesen, welche seit vielen Jahren den Patriotismus der Guate- 
malteken beschäftigte. Um dieselbe zur Thatsache zu machen, ist be- 
ständig gearbeitet worden. Die ungeheuren Vorteile, welche diese 
Bahn in sozialer, politischer und ökonomischer Beziehung im Gefolge 
haben wird, sind allgemein bekannt. Es sei endlich gelungen, einen 
günstigen Kontrakt mit Herrn Henry Louis Felix Cottu in Paris abzu- 
schliefsen, welcher dem Kongresse zur Prüfung und Annahme vorgelegt 
werden solle. 

Die wichtigsten Bestimmungen dieses Kontraktes 2 ) sind: Herr Cottu 
übernimmt fest und zu 8o', k ; Netto in Gold eine Anleihe, welche die Re- 
gierung von Guatemala in Höhe von 21 312 500 Pes. in Gold, ausge- 
geben in Wertpapieren von je 20 Pes., garantiert. Diese Papiere werden 
mit 6% verzinst und 2% amortisiert und in 45 Jahren getilgt. Der Rein- 
ertrag der Anleihe (17050000 Pes.) soll in folgender Weise verwandt 
werden. Die Regierung erhält 2 000 000 Pes. (alle Summen in Gold) 
zur Verbesserung der ökonomischen und finanziellen Lage des Landes 
(ein sehr dehnbarer Begriff!); 3750000 Pes. werden auf den Ankauf 
der Wertpapiere (Obligationen) und Aktien der Centraibahn von Guate- 
mala (Ferrocarril Central de G.), die von San Jose über Escuintla und 
Amatitlan nach der Hauptstadt führt, verwandt; 10 Mill. Pes. sind für 
die Erbauung der National-Bahn (früher del Norte genannt) und die 
eines Hafendammes in Puerto Barrios bestimmt und 1 300 000 Pes. 
bleiben in den Staatskassen, um während der Bauzeit der Bahn 
nach der atlantischen Küste Zinsen und Amortisation zu garantieren. 
Herr Cottu übernimmt nicht nur die Anleihe, sondern verpflichtet sich 
auch, auf Staatsrechnung die Bahn zu erbauen und der Regierung den 
Kontrakt zu überlassen, den er in New- York mit Herrn Huntington 
behufs Erwerbung der Centraibahn von Guatemala abschlofs. Als Ga- 
rantie für die Erfüllung aller seiner Verpflichtungen hat Herr Cottu 
100000 Pes. deponiert, welche er bei Nichterfüllung einer seiner Ver- 
pflichtungen verliert. — Die oben genannten zwei Millionen sollen zu- 
nächst zur Einlösung des Papiergeldes gebraucht werden. 

') Memoria de la Secret. de Ilacicnda y Crcdito Publico pres. i la Asamble.1 
legislat. en 1888- — Guatemala 1 888- 

Abgedr. in „El Guatemalteco" Nr. %% v. u. September 1889. 

13* 



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182 Dr - H. Polakowsky: Die Republiken Mittel- Amerikas im Jahre 1889. 



Am 8. September wurde dieser Vertrag in La Antigua vom Finanz- 
minister Salvad. Escobar und Herrn H. L. Felix Cottu unterzeichnet 
und noch am selben Tage vom Präsidenten Barrillos genehmigt 1 ). 

Am 29. September (s. „El Guatemalteco" vom 30. September 1889) 
genehmigte die Deputiertenkammer (Asamblea Legislativa) einstimmig 
die drei am 8. September mit Herrn Cottu abgeschlossenen Verträge: 
liber die Ausgabe der Anleihe, über den Ankauf der Centraibahn und 
über die Erbauung der Nationalbahn. Noch am selben Tage unter- 
zeichnete der Präsident der Republik diesen Beschlufs der Kammer. 
Als Garantie für Zinsen und Amortisation verpfändet die Regierung die 
Erträge der Bisenbahnen und Zollhäuser. 

Die ganze innere Schuld Guatemalas betrug am 1. September r889 
7697508, die äufsere 4613500 Pes. Die Staatseinnahmen beliefcn 
sich vom 1. Januar 1889 bis Ende Juli gen. Jahres auf 3 567 66 1 Pes., 
gegen 3 029 283 Pes. im Jahre 1888. Es wurden im Jahre 1887 importiert: 
über San Jose* Waren im Werte von 2 334 799 Pes. 
„ Champerico „ ,, „ „ 
„ Ocos „ „ „ „ 14 581 „ 

,, Livingston „ „ 116479 

Dazu kommen 498593 Pes. für Verpackungskosten, Kommissions- 
gebühren, Fracht und Versicherung dieser Waren, so dafs der Total- 
wert des Imports 4 241 407 Pes. beträgt. Dafür wurden 2 253 899 Pes. 
Iniportzoll gezahlt. Von dem oben genannten Import von 3 742 814 Pes. 
kamen auf England 1 227000, auf Frankreich 375000, auf Deutschland 
286000 Pes. Zwischen England und Frankreich rangieren noch die 
Vereinigten Staaten von Nordamerika und Südamerika, so dafs Deutsch- 
land im Importhandel erst die fünfte Stelle einnimmt. 

Der Export hatte einen Wert von 9039391 Pes. gegen 6719502 
im Jahre 1886. — Davon kamen auf: Zucker 303 387 (die Bruchteile 
habe überall ausgelassen), Bananen 65 213, Kaffee 8 137 748 Ochsenhäutc 
240813, Hirschäute 12782, Cigarren 2600, Cochenille 10 376 , Silber- 
Dollars 100808, Kautschuk 129366, wollene Gewebe 12 031, Sarsa- 
parille 10 536 Pes. 



>) „El Guatemalteco" Num. 81 v. 10. September 1889. 



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VI. 



Aus Cypern. 

Tagebuchblatter und Studien von Eugen Oberhumroer. 

Gelegentlich eines längeren Aufenthalts im Orient bereiste ich in 
den Monaten April und Mai 1887 die Insel Cypern. Veranlafst wurde 
diese Reise zunächst durch eine von der K. Bayer. Akademie der 
Wissenschaften im Jahre 1886 für die Zographosstiftung gestellte Preis- 
aufgabe, laut welcher eine Darstellung der „Geographie und Topo- 
graphie der in Bursian's Geographie von Griechenland noch nicht be- 
handelten hellenischen Inseln, wie Thasos, Samothrake, Imbros, Lesbos, 
Lemnos, Chios, Samos, Kos, Rhodos, Kypros, sei es sämtlicher oder 
doch einer gröfseren Zahl derselben" gewünscht war. Unter dem 
28. März 1889 wurde der vom Verfasser eingereichten Arbeit, welche 
sich auf die Inseln Cypern, Imbros und Thasos erstreckte, der von 
Herrn Christakis Zographos gestiftete Preis zuerkannt 1 ). Dafs ich 
gerade Cypern zum Hauptgegenstand meiner Darstellung wählte, wobei 
ein Material zu bewältigen war, das dem aller übrigen Inseln zusammen- 
genommen fast gleich kommen dürfte, war durch mehrfache Er- 
wägungen nahegelegt. Die Insel Cypern bildet in geographischer und 
historischer Hinsicht ein einheitliches und abgeschlossenes Ganzes, 
während die Inseln des Archipels, einzeln genommen, vielfach der 
scharf ausgeprägten Individualität entbehren. Für die Naturbeschreibung 
der Insel, bei welcher ich mich im wesentlichen referierend verhalten 
mutete, lagen verschiedene Vorarbeiten vor, die, obgleich weit entfernt, 
den heutigen Ansprüchen der Forschung zu genügen 2 ), doch eine 

») Vgl. hierüber den amtlichen Bericht Allg. Zeitg. Nr. 88 S. 13 18 und 
Sitzungsber. d. philos.-philol. u. hist. Kl. 1889. I. Bd. S. 316 f. 

2 ) Diefs gilt insbesondere von A. Gaudry, Geologie de l'llc de Chypre. M6m. 
Soc. G60I. II. S. VII (1863) S. 149 — 314. Auszug hieraus und Bericht (von 
d'Archiac) in Comtes Rendus de l'Ac. d. Sc. Bd. 48 (1859) 91z— 915 und 
Bd. 49 (1859) S. 219—139. S. auch Poterm. Mitteil. 1860 S. 154 t. Früher hatte 
Gaudry veröffentlicht: Sur la giographie g£ologique de l'ile de Cbypre. Bull. Soc. 
G£ol. II. S. XI (1854) S. 10—13, und: Sur la compositum g£ologiquc de l'ile de 
Chypre. Ib. S. 1*0—1x7. Seitdem hat, abgesehen von den die Geologie Cyperns 

Zeiuchr. d. GeselUch. f. Erdk. Bd. XXV. 14 



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184 Eugen Oberhuramer: 

* 

einigermafsen feste Grundlage gewährten 1 ). Ganz besonders aber er- 
scheint Cypern seiner geschichtlichen Bedeutung nach für eine historisch- 
geographische Sonderbetrachtung geeignet 2 ). Einmal ist es die eigen- 
artige Mittelstellung der Insel zwischen orientalischen und europäischen 
Kulturkreisen, welche eine solche Betrachtung besonders reizvoll 
macht. Zum andern steht dem farbenreichen und vielseitigen Bilde, 
welches uns die Geschichte Cyperns im Altertum darbietet, eine nicht 
minder inhaltreiche und glänzende Blütezeit gegenüber, welche in den 
letzten Jahrhunderten des Mittelalters auf gänzlich anderer Grundlage 
als die antike Kultur erwachsen ist, und so den interessanten Vergleich 
der Entwicklung zweier innerlich durchaus verschiedener Kulturepochen 
auf demselben Boden gestattet. Und diese zweite Blütezeit, die 
romantische Epoche des feudalen Rittertums, ist uns nicht etwa blofe 
aus verblafsten Schilderungen und beiläufigen Erwähnungen ferne 
stehender Chronisten bekannt, sondern wir schöpfen ihre Kunde aus 
der überreichen Fülle einheimischen Quellenmaterials an Chroniken, 
Urkunden und Denkmälern, das in dem französischen Spezial forscher 
Louis de Mas Latrie 3 ) einen eben so gewissenhaften wie kenntnisreichen 



nur wenig weiter fördernden Beobachtungen Unger's, kein Geologe die Insel durch* 
forscht. Es wurde daher, in Ermangelung einer neueren Darstellung, alsbald nach 
der englischen Besitzergreifung das oben erwähnte Memoire Gaudry's von Amts- 
wegen in das Englische übersetzt (von F. Maurice, London. 1878. Fol.) Gegen- 
wärtig (Mai) weilt ein junger Geologe, Alfred Bergeat, ein Schüler von Zittel, 
auf des letzteren Veranlassung, in Cypern, um das so lange vernachlässigte Studium 
der geologischen Verhältnisse der Insel wieder aufzunehmen. 

-) Am besten sind die floristischen Verhältnisse klargestellt, s. F. Unger und 
Th. Kotschy, Die Insel Cypern. Wien, 1865, und P. Sintenis, Cypern und seine 
Flora. Österreich, botan. Zeitschr. Bd. XXXI (1881) und XXXII (188») in 
einer Reihe von Artikeln, M'elchc unvollendet abbricht, dazu zahlreiche Abhand- 
lungen über Weinkultur, Ackerbau, Waldwirtschaft u. s. w. ; das umfassendste in 
dieser Hinsicht bietet Gaudry in „Recherches scienüfiques en Orient" (Paris 1855) 
und neuerdings die englischen Blaubücher. Wie viel übrigens selbst in floristischer 
Beziehung noch zu thun übrig ist, mag die Thatsache zeigen, dafc erst in neuester 
Zeit das Vorkommen eines so charakteristischen Baumes wie der Ceder auf Cypern 
festgestellt wurde; s. Geogr. Jahrb. IX 173. 

*) Man vergleiche die übersichtliche Skizze von F. v. Löher, Cypern in der 
Geschichte. Berlin 1878. (Samml. wiss. Vortr. von Virchow und Holtzendorff, 
XIII. S. H. 307). 

") Das Hauptwerk für die Geschichte des Königreichs Cypern ist seine 
„Histoire de l'lle de Chyprc sous lc r£gne des prinecs de la maison de Lusignan" 
in 3 starken Bänden (Paris 1854—1861), wovon der 2. und 3. lediglich Urkunden 
enthalten. Leider ist das Werk ein Torso geblieben. Außerdem veröffentlichte 
Mas Latrie eine Anzahl Einzeluntersucbungen in historischen Zeitschriften; be- 
sonders wichtig sind die „Nouvelles preuves de l'histoire de Chyprc" (BibL de l'Ecole 
des Charles, Annexes 32, 34, 35, auch einzeln Paris 1873/74) und die „Documenta 



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Aus Cypern. 



185 



Bearbeiter gefunden hat, aber noch in jüngster Zeit durch neue, wert- 
volle Quellenwerke vermehrt wurde 1 ). Zwischen diesen beiden Blüte- 
perioden liegt freilich eine lange Zeit des Verfalls (4.— 12. Jahrhundert), 
für welche historisches Material gänzlich zu mangeln schien. Gleich- 
wohl ergab sich auch hier aus den spärlichen Nachrichten bei den 
Byzantinern, aus Bischofslisten und Konziliensammlungen, der patristi- 
schen und insbesondere der hagiographischen Literatur 2 ), sowie end- 
lich den Beschreibungen von Pilgerreisen nach dem heiligen Lande 
eine Fülle vpn Anhaltspunkten, die für die „Siedclungsgeschichte" der 
Insel zu verwerten der Verfasser sich zur besonderen Aufgabe ge- 
stellt hat. Auch orientalische Quellen kommen für diese geschichts- 
arme Zeit in Betracht, in erster Linie natürlich arabische Schriftsteller 3 ), 
während für die noch trostlosere Zeit seit der türkischen Eroberung 
(1570), abgesehen von den zahlreichen Quellenschriften über die letztere 
selbst, ein ausführlicher und in mehrfacher Hinsicht interessanter Ab- 
schnitt über Cypern in einem der besten geographischen Werke vor- 
liegt, welches die türkische Literatur hervorgebracht hat, nämlich dem 

nouveaux servant de preuves a l'histoire de l'ile de Chypre" in „Melanges hist." 
(4. Serie der Collect, de docura. in£d. s. l'hist. de France) Bd. IV S. 337 — 620 (auch 
einzeln. Paris 1882). Auch sein Buch „L'ile de Chypre, sa Situation presente et 
ses souvenirs du moyen-äge" (Paris 1879) gehört zu den besten und erfreulichsten 
Erscheinungen in der Flut von Gelegenheitsbüchern, welche die englische Besitz- 
nahme der Insel erzeugt hat. 

1) Hierher gehört besonders die Veröffentlichung der Originaltexte cyprischer 
Chroniken, welche Mas Latrie für sein Hauptwerk noch nicht benützen konnte, 
durch K. N. Sathas im II. Band seiner Mfoatwytxq ßißito&ixq (Venedig 1873). 
Die wichtigste dieser Chroniken, diejenige des Leonüos Machairas (um 1400) ist 
seitdem nochmals bearbeitet und mit einer französischen Übersetzung versehen 
worden, welche die Benützung des barbarischen und schwer verständlichen Originals 
wesenüich erleichtert, unter d. X. „Chronique de Chypre par L6once Macheras. 
Texte grec et traduetion fran^aise par £. Miller et C. Sathas' 4 . z vols. Paris 
1881/82. (Publ. de l'Ecole d. langues orient. Vivantes. II. S. Bd. 2 u. 3.) Ferner 
wurden seitdem herausgegeben die (italienische) Chronik des Florio Bustron von 
Rene de Mas Latrie in Mel. hist. (s. o.) Bd. V und „Les Gestes des Chiprois" 
(Chroniken des Philipp von Navarra und des Görard von Monreal) von Gaston 
Raynaud in Publ. de la Soc. de l'Orient Latin. Se>ie hist. Bd. V., sowie „La prise 
d'Alexandrie, ou chronique du roi Pierre I de Lusignan par Guillaumc de Machaut" 
von L. de Mas Latrie. Ebd. Bd. I. 

2 ) Welcher Schatz von Nachrichten über die Geographie des Mittelalters allein 
in den „Acta Sanctorum* der Bollandisten geborgen ist, wurde bisher noch selten 
gewürdigt; zu den Wenigen, welche die Wichtigkeit dieser Quelle für die Geographie 
des Mittelalters voll erkannt haben, gehört Karl Ritter (Geschichte der Erdkunde 
S. 142 fr.). 

3 ) Ich hoffe an anderer Stelle eine Übersicht der in orientalischen Quellen, 
soweit mir dieselben zugänglich sind, enthaltenen Nachrichten über Cypern geben zu 
können; die arabische Literatur wird darunter den breitesten Raum einnehmen. 

U* 



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180 



Eugen Oberhummer: 



Dschihän numä (Ui (j'-g^ d - rundum monstrans) des Mustafa ben 

Abdallah, genannt Katib Tschelebi oder Hadschi Chalfa (f 165s) 1 ). Der- 
selbe bildet auch der Zeitfolge nach ein wertvolles Zwischenglied zwischen 
der wichtigen Beschreibung des Stephan Lusignan*), welche uns die Zu- 
stände schildert, wie sie gegen Ende der venezianischan Herrschaft 
waren, und den Reisewerken aus neuerer Zeit 3 ). 

Dafs natürlich auch die antiken Verhältnisse uns heute in einem 
ganz andern Lichte erscheinen, als sie einst W. H. Engel in seiner 
fleifsigen, aber jetzt veralteten Monographie 4 ) darstellen konnte, be- 
darf kaum der Erläuterung. Ich erinnere nur, abgesehen von den 
mannigfachen Aufschlüssen, die uns assyrische und ägyptische Denk- 
mäler gewährt haben, an die Entzifferung der kyprischen Silbenschrift, 
welche erst den beiden letzten Jahrzehnten angehört 5 ), sowie an die 
überreichen Ergebnisse der archäologischen Durchforschung der 



1) Gihan Numa, Geographia (mentalis ex Turcico in Latinum versa a Matth. 
Norberg. 2 ptes. Lond. Goth. (d. i. Lund) igi8. Bd. II. S. 377—38»; vgl. auch 
Ritter's Erdkunde XVI S. 57. Sonst sind mir aus der geographischen Literatur der 
Türken nur die statistischen Notizen über Cypern in dem Werk des merkwürdigen 
Reisenden Evlija Efendi (1611— ca. 1679) bekannt, welche auf ein Staatshandbuch 
des Sultan So lim an II. (1 520— 66) zurückgehen; s. „Narrative of Travels in Europe, 
Asia and Africa by Evlija Efendi. Translated from the Turkish by Joseph von 
Hammer". 1. Bd. 1. Tl. (London 1834) S. 88, 93, 98 f-, 102, 104, 109. 

2 ) Chorograffia et breve historia universale dell' isola de Cipro — per il— Fr. 
Steffano Lusignano di Cipro. In Bologna 1573. 4. Eine französische Bearbeitung, 
die ich übrigens nicht gesehen habe, erschien u. d. T. : Estienne de Lusignan, 
Description de toute l'isle de Cypre etc. Paris 1580. 4. Über den Verfasser vgl. 
A. Duplessis in der Biogr. Univcrs. nouv. ecl. t. XXV. p. 492. 

3 ) Einen anerkennenswerten Versuch, die reichhaltige Literatur über Cypern 
zusammenstellen, hat der um die wissenschaftliche Erforschung der Insel vielfach 
verdiente Regierungsbeamte Claude Delaval Cobham unternommen in seinen „At- 
tempt at a Bibliography of Cyprus" Nicosia 1886, 2. wesentlich vermehrte Aus- 
gabe 1889; letzterer ist auch eine Übersicht der seit 1878 über Cypern erschienenen 
Blaubücher beigefügt. 

<) Kypros. 2 Bande. Berlin 1841. 

6 ) Für Leser, welche philologischen Studien ferne stehen, bemerke ich, dafs 
in Cypern eine Silbenschrift in Gebrauch war, welche mit der phönizischen und 
der daraus abgeleiteten griechischen Buchstabenschrift nichts gemein hat, vielmehr 
mit einem der älteren, in Vorderasien herrschenden Schriftsysteme (dem hamatheni- 
schen ?) zusammenhängt. Die Entzifferung wurde durch einen Aufsatz von Johannes 
Brandis (Abhandl. d. Berlin. Ak. d. Wiss. 1873) angebahnt und durch die Unter- 
suchungen von Moritz Schmidt, Siegismund, Deecke u. A. im wesentlichen sicher 
gestellt. Man rindet jetzt das Material vollständig und übersichtlich bei H. Collitz, 
Sammlung der griech. Dialektinschriften. 1. Bd. (Gött. 1884), und R. Meister, Die 
griech. Dialekte. 2. Bd. (Gött. 1889.) 



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Aus Cypern. 



187 



Insel, welche besonders durch Palma di Cesnola 1 ) mit mehr Eifer als 
Geschick ins Werk gesetzt und seitdem durch zahlreiche Einzelunter- 
suchungen mächtig gefördert worden ist 2 ); die Vermehrung des in- 
schriftlichen Materials, sowohl in phönizischer 3 ) als in griechischer 4 ) 



!) Luigi Palma di Cesnola, aus der Gegend von Turin gebürtig, später nach 
Amerika ausgewandert und Bürger der Vereinigten Staaten geworden, nahm seit 
1865 den Posten eines amerikanischen Konsuls in Larnaka ein und hatte in dieser 
Eigenschaft Gelegenheit, durch Ausgrabungen und Kauf eine Fülle von cyprischen 
Altertümern zu erwerben, wie es weder vor noch nach ihm einem Einzelnen ge- 
glückt ist. Leider war er ohne alle wissenschaftliche Vorbilduug an die Sache 
herangetreten, und hat infolge dessen in der cyprischen Altertumskunde eine 
heillose Verwirrung angerichtet. Sein Hauptwerk ist „Cyprus, its ancient Cities, 
Tombs and Temples'*. London 1877« (Originalpreis des mäfsig starken Oktavbandes 
60 Mk.. r ) Später erschien „Cypern, seine alten Städte, Gräber und Tempel. Be- 
richt über zehnjährige Forschungen und Ausgrabungen auf der Insel. Autorisierte 
deutsche Bearbeitung von Ludwig Stern. Mit einleitendem Vorwort von Georg 
Ebers". Jena 1879. Das Buch, welches mit viel Aufsehen in die Welt gesetzt 
wurde, verschaffte dem Verfasser rasch in weiteren Kreisen den Namen eines 
Entdeckers im Sinne Schliemanns, Layards u. A., und selbst Fachmänner Helsen sich 
vorübergebend über den wissenschaftlichen Wert desselben täuschen. Genauere 
Prüfung, insbesondere Nachforschungen an Ort und Stelle ergaben indess bald die 
Unzuvcrlässigkeit der Angaben Cesnola's und führten zu einer leider oft das rich- 
tige Mals überschreitenden und persönlich zugespitzten Polemik gegen den Verfasser, 
welche insbesondere in Amerika eine umfängliche Zeitungsliteratur veranlagt hat. 
(Eine Übersicht dieser Literatur giebt Cobham in der 2. Ausg. seiner Bibliography.) 
Über den Wert von Cesnola's Arbeit kann heute bei Urteilsfähigen kein Zweifel 
mehr bestehen ; gewifs ist aus dem Buche vieles Brauchbare zur Kenntnis Cyperns 
zu entnehmen, doch steht diefs in keinem Verhältnis zu dem, was Cesnola bei dem 
riesigen Material, das ihm zu Gebote stand, für die Wissenschaft hätte leisten können 
und was nun, mangels gewissenhafter Aufzeichnungen, unwiederbringlich ver- 
loren ist. 

2 ) Übersichtliche fortlaufende Berichterstattung über die archäologischen Er- 
gebnisse der letzten Jahre findet man in der Revue archeologique (Salomon Rei- 
nach's ..Chroniquc d'Orient") und im American Journal of Archeology. 

s ) Die phönizischen Inschriften, für welche Cypern und speziell Larnaka 
einen der ergiebigsten Fundorte bildet, sind gesammelt in dem von der Academie 
des Inscriptions herausgegebenen „Corpus Inscriptionum Semiticarum" (T. I fasc. 1. 
Paris 1881); doch hat sich seitdem das Material schon wieder beträchtlich vermehrt. 

*) Eine Anzahl teils neuer, teils mangelhaft edierter griechischer Inschriften 
habe ich ab erstes Ergebnis meiner Reise in der Abhandluug „Griechische In- 
schriften aus Cypern" (Sitzungsber. d. philos.-philol. u. hist. Kl. d. k. bayr. Ak. d. 
Wiss. 1888. L Bd. S. 305 — 348 u. 523 — 526) herausgegeben und dort auch die 
frühere Literatur möglichst vollständig aufgeführt; übersehen wurde der Hinweis 
auf C. T. Newton, Collection of Ancient Greek Inscriptions in the British Museum 
(Oxford 1883) s - 152—156. Inzwischen ist durch die Ausgrabungen der englischen 
Schute in Paphos, auf die ich später zurückkommen werde, eine grofsc Anzahl 



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188 



Eugen Oberhummer: 



Sprache, und die Fortschritte der schwierigen Studien über das cypri- 
sche Münzwesen 1 ) haben hieran nicht den geringsten Anteil. 

Da, wie der Leser bereits aus dieser Einleitung ersieht, das 
Material für eine erschöpfende Einzeldarstellung der Landeskunde und 
historischen Topographie Cyperns ein aufserordentlich umfangreiches 
ist, mag es gerechtfertigt erscheinen, wenn ich im Folgenden einige 
Ergebnisse meiner Studien, soweit sie sich an meine Reise anschliefsen, 
vorlege, welche zugleich als eine Vorarbeit für die künftige Monographie 
Cyperns betrachtet werden mögen. Doch habe ich, ehe ich mich zum 
eigentlichen Reisebericht wende, noch einige Worte über eines der 
wichtigsten Hilfsmittel des Reisenden und darstellenden Topographen, 
die 

Karten 

der Insel vorauszuschicken. Ich übergehe hierbei die älteren Versuche, 
zumal dieselben bereits von Mas Latrie übersichtlich zusammengestellt 
worden sind 2 ). Als erste wissenschaftliche Karte kann wohl diejenige 
des letztgenannten Gelehrten selbst bezeichnet werden*), für welche 
die Aufnahme der Küste durch Thomas Graves (1849) 4 ) den Rahmen 
abgab. Von den später erschienenen nichtamtlichen Karten besitzt nur 
diejenige von Heinrich Kiepert 5 ) Originalwert durch die kritische Ver- 
arbeitung der unveröffentlichten Aufnahmen Schröder's und anderer 
Materialien. Obwohl durch die neue englische Aufnahme weit über- 
holt, kann die Karte sowohl wegen ihrer Klarheit und Übersichtlich- 
keit, als wegen ihrer (wenigstens in Deutschland) leichteren Zugänglich- 
keit als Hilfsmittel zu rascher Orientierung noch immer empfohlen 
werden. So verdienstlich indessen die Leistungen von Mas Latrie und 
Kiepert vom wissenschaftlichen Standpunkte aus waren, so wenig konnten 
sie den praktischen Bedürfnissen einer nach europäischem Muster ein- 
gerichteten Verwaltung genügen. Es wurde daher alsbald nach der 
englischen Besitzergreifung der Plan zu einer trigonometrischen Auf- 
nahme der Insel gefafet und noch im Jahre 1878 mit den Vorarbeiten 



neuer Inschriften aufgedeckt worden. Über die kyprischen (epichorischen) In- 
schriften s. o. 

>) Hauptarbeit von J. P. Six, Du classement des senes Cypriotes. Revue 
numism. III.S. Bd. I (1883) S. 249—374. T. VI -VIII. 

: ) Notice sur la construetion d'une carte de l'lle de Chypre. Biblioth. de l'Ecole 
des chartes. V. S. Bd. IV (1863) S. 1 — 50 (auch einzeln, Paris 1863, mit Karte), 
wieder abgedruckt in „L'lle de Chypre" S. 118 ff. 

3 ) Beigegeben seiner Hist. de l'lle de Chypre (o. S. 184 A. 3) und der Einzel- 
ausgabe der oben angeführten Notice etc. 

*) Admiralty Charts N. 1074. Cyprus— surveyed by Captain Thomas Graves. 
1849. Dazu Spczialau (nahmen von Famagusta, Salamis, Larnaka, Limassol, Kyrenia. 

•'») New Original Map of the Island of Cyprus. 1 1400000. Berlin 1878. 



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Aus Cypern. 



189 



hierzu begonnen, die jedoch schon im Frühjahr «1879 aus Mangel an 
Mitteln ins Stocken gerieten. Gleichwohl setzte Ende desselben Jahres 
der damalige High Commissioner, Sir Robert Biddulph 1 ), die Wieder- 
aufnahme der Vermessungen durch, mit deren Leitung der durch seine 
topographischen Arbeiten für den Palestine Exploration Fund im West- 
jordanlande bereits rühmlich bekannte Genieoffizier H. H. Kitchener 
(seit 1882 zum Truppendienst in Ägypten abkommandiert) betraut wurde. 
Ende 1880 war das Dreiecksnetz fertiggestellt, 1882 die Original- 
aufnahme vollendet, welche im Verhältnis von .vier (bezw. zwei) Zoll 
auf eine Meile hergestellt wurde 2 ). Die Ausführung der Karte, ins- 
besondere die Terrainzeichnung, übernahm nach Kitchener's Abgang 
dessen Nachfolger S. C. N. Grant. Nach wiederholten Verzögerungen 
kam die Karte, welche nunmehr die Grundlage für alle zukünftigen 
Karten der Insel zu bilden hat, endlich im Jahre 1885 bei der be- 
kannten Firma Edw. Stanford in London zur Veröffentlichung unter 
dem Titel: A Trigonometrical Survey of the Island of Cyprus executed 
and published by command of H. E. Major General Sir R. Jliddulph 
— High Commissioner, under the direction of Captain H. H. Kitchener, 
R. E. y Director of Survey. Hillshading by Lieutenant S. C. N. Grant, 
R. E. 1882. London 1885 z ). Die Karte, im Mafee von einem Zoll auf 
eine Meile (1 .'63360), umfafst 15 Blätter nebst Titel- und Übersichts- 
blatt und kostet 3 £ 10 sh. 

Indem ich bezüglich der allgemeinen Charakteristik dieser Karte auf 
die kurzen Anzeigen in Petermann's Mitteilungen 4 ) und die ausführlichen, 



1 ) Die bisherigen Gouverneure der Insel sind: Lieut.- General Sir Gamet 
Wolseley (jetzt General Lord Wolseley) Juli 1878 — Mai 1879; Major - General 
(jetzt Lieut.-Gen.) Sir Robert Biddulph Mai 1879 — März 1886; Sir Henry Bulwer, 
seit März 1886. Sir R. Biddulph veröffentlichte kürzlich einen vor der Londoner 
Geogr. Ges. gehaltenen Vortrag über Cypern. (Proc. R. Geog. Soc. 1889. 
S. 705-719). 

2 ) Nebenher gingen, bezw. folgten Spezialaufnahmen der 4 wichtigsten Städte 
(Nikosia, Larnaka, Limassol, Famagusta) in dem grofcen Mafsstabe von 25 Zoll auf 
eine Meile (1:2500). Leider sind dieselben nur in Originalzeichnung vorhanden, 
und so viel mir bekannt, nicht zur Vervielfältigung bestimmt. 

3) Über die Entstehungsgeschichte der Karte finden sich kurze Mitteilungen 
im (Annual) Report by H. M. High Commissioner für 1880 (C 3092) S. 4, 1 88 1 
(C 3385) S. io, 44—44. 1882 (C 3773) S. 5, 5a, 1883/84 (C 4'88) S. 34 f., 
T884/85 (C 4694) S. 6, ferner im Athenaeum 1879 N - z ^ S - 824 c » 1881 
N. 2805 S. 149 b. Ein besonderer ausführlicher Bericht Kitchener's, auf welchen 
im Annual Report 188 1 und 1881 hingewiesen wird, scheint nicht veröffentlicht 
worden zu sein, wenigstens wird ein solcher im Verzeichnis der Cyprus Parliamentary 
Papers bei Cobham (o. S. 186 A. 3) nicht aufgeführt. 

*) 1884 S. 429 und 1885 S. 268. An ersterer Stelle ist als Vervielfältig ungs- 
art irrtümlich Kupferstich (statt Steindruck) angegeben. 



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1!)0 



Eugen Obethummcr: 



freilich über den Rahmen einer blofscn Besprechung weit hinausgehenden 
Bemerkungen von Heinrich Zimmerer 1 ) verweise, kann ich nicht umhin aus- 
drücklich hervorzuheben, dafs die Terrainzeichnung durchaus nicht den 
Erwartungen entspricht, welche man von einem modernen Kartenwerk 
so grofsen Mafsstabes zu hegen berechtigt ist. Die Höhenziffern sind 
besonders in den gebirgigen Teilen, wo auf Pafshöhen und dergleichen 
gar keine Rücksicht genommen ist, äufserst spärlich, wodurch die Her- 
stellung einer annehmbaren Höhenschichtenkarte von vornherein aus- 
geschlossen erscheint. Die geschummerte Zeichnung läfst wohl die An- 
ordnung der Gebirge im allgemeinen richtig erkennen, bringt jedoch 
die Böschungsverhältnisse nur sehr ungenügend zum Ausdruck. Besser 
kommt der wesentliche Unterschied im allgemeinen Gebirgscharakter 
der schroffen Nordkette und des höheren, aber in sanfte Kuppenformen 
abgedachten Troodosgebirges zur Geltung. Die topographische Ge- 
nauigkeit der Karte im einzelnen läfst manches zu wünschen übrig, 
wie ich mich beim Gebrauch an Ort und Stelle wiederholt überzeugte. 
Dafs die einheimischen Ortsnamen häufig srehr entstellt sind, ist bei 
einer durch Ausländer hergestellten Karte nicht zu verwundern. Immer- 
hin mufs die Gesamtleistung, deren Mängel durch die Eile der Her- 
stellung und die Unzulänglichkeit der Mittel entschuldigt werden, als 
eine höchst erfreuliche und dankenswerte bezeichnet werden, da wir, 
abgesehen vom Westjordanlande, wohl von keinem gröfseren Gebiete 
der östlichen Mittelmeerländer, Ägypten nicht ausgeschlossen, Karten 
von ähnlichem Reichtum an Einzelheiten besitzen. 

Bei der Gröfee und dem hohen Preis der Karte ist es sehr er- 
wünscht, dafs von derselben eine, wie es scheint, in Deutschland fast 
unbekannt gebliebene Reduktion auf % i des ursprünglichen Verhält- 
nisses erschien*), welche das Terrain in Schraffen mit schräger Beleuch- 
tung wiedergiebt, ohne dafs dadurch ein vollständig befriedigendes 
Bild der Bodenbeschaffenheit erzielt würde; besonders die Nordkette 
tritt in ihrer Haupterhebung viel zu wenig hervor. Im übrigen ist die 
Karte bei grofsem Reichtum des Inhalts klar und übersichtlich ge- 
halten und bringt aufserdem auch die administrative Einteilung durch 
farbige Grenzen zur Anschauung, so dafs dieselbe als Handkarte auf 
das Beste empfohlen werden kann. 

Ich wende mich nun zu dem ersten Punkte Cyperns, den ich auf 
meiner Reise berührte, nämlich 

Larnaka. 

Larnaka ist ein so häufig von europäischen Reisenden besuchter 
Platz, dafs von der üblichen Schilderung des heutigen Zustandes füglich 



') Die englische Generalstabskarte von Cypern. Bläu. f. d. bay. Gymnasial- 
schulw. 1888 S. 151—57, 1^4—19, 3*8-33- 

*) Cyprus. Scale 1:316800. London, Stanford. 1886. 



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Aus Cypcrn. 



101 



abgesehen werden kann 1 ). Dagegen mögen hier einige Bemerkungen 
über die Siedelungsgeschichte desselben angebracht sein, welche uns 
zeigen, wie eine Örtlichkek in zwei, durch eine Periode völliger Ver- 
lassenheit getrennten Zeitaltern durch die Gunst ihrer Lage zu hervor- 
ragender Bedeutung gelangt ist. Wer die lange, blendend weifse 
Häuserreihe der Skala von Larnaka, deren Einförmigkeit durch einige 
schlanke Phönixpalmen im Hintergrunde angenehm gemildert wird 2 ), 
am flachen, hafenlosen Strande vor sich liegen sieht oder sich nur die 
Lage auf der Karte betrachtet, würde vielleicht geneigt sein, in der 
Wahl dieses Ortes zur Besiedelung ein Spiel des Zufalls zu erblicken, 
wenn die Geschichte nicht dagegen spräche. Indessen belehrt uns 
genauere Prüfung alsbald, dafs Larnaka zwar keinen natürlichen Hafen, 
wohl aber eine verhältnismäfsig geschützte, nur nach SO völlig offene 
Rhede mit sicherem Ankergrund darbietet, so dafs es seit dem Ver- 
fall von Famagusta unbestritten als der beste Landeplatz von Cypcrn 
galt 3 ). Das eigentliche Geheimnis des Emporblühcns einer Stadt an 
dieser Stelle beruht aber in der Lage derselben zur syrischen Küste, 
mit welcher die Insel von hier aus im grauesten Altertum wie heute 
in Verbindung stand. Der Strömung folgend, welche von Ägypten her 
die syrische Küste nach N begleitet und in der Gegend von Latakieh 
einen Zweig nach W sendet, waren phönizische Seefahrer an die Ost- 
küste Cyperns gelangt 4 ) und hatten dieselbe bis Kap Kiti (z/«d**v uxoa 
bei Ptol. V 14, 2) befahren. An dieser Ecke trafen sie auf eine west- 
östliche Gegenströmung 5 ), welche das weitere Vordringen nach W er- 



1) Ich hebe aus der umfänglichen Rciselitcratur über Cypern folgende Be- 
schreibungen hervor: Pocockc, Descriplion of the East Vol. II. Pt. 1 (London 
1745) S. 212 f.; Mariti, Viaggi per l'isola di Cipro etc. Vol. I (Lucca 1796) 
S. 39—81; Will. Turner, Journal of a Tour in the Levant. Vol. II (Lond. 1820) 
S. 32-46; H. Light, Travels in Egypt. etc. (Lond. igi8) S. 238—46; L. Rofs, 
Reisen nach Kos u. s. w. (Halle 1852) S. 85—87» 196; F. v. Löher, Cypern 
(Stuttg. 1878) S. 16—24; Ohnefalsch-Richter, Cyprische Reisestudien (Unsere Zeit 
1880 I) S. 705 — 10; Sam. Baker, Cyprus (Lond. 1879) S. 2—14; vom Rath, Nach 
dem Heiligen Land (Heidelb. 1882) S. 19 — 27. 

*) Über den botanischen Charakter der Umgebung der Stadt vgl. Kotschy in 
Peterra. Mitt. 1862 S. 290 und Sintenis a. a. O. (rggi) S. 189—94. 

3) S. Mas Latric, Chypre S. 15; Mediterranean Pilot II* (1885) S. 288 f. 

*) Boguslawski-Krümmel, Ozeanographie II 467. 

5 ) Die oben erwähnte syrische Küstenströmung geht in ihrem Hauptarm nach N 
bis in den Golf von Iskandcrun, wo sie nach W umbiegt und der kleinasiatischen 
Küste bis zu den chelidonischen Inseln folgt, s. Ausland 1883 S. 417b. Hier, wo 
die Küste Lykiens eine scharfe Ecke bildet, scheint eine zweite Abzweigung zu er- 
folgen, welche eine Gegenströmung in der Richtung auf die NW Spitze Cyperns, 
das Kap Amauti (Akamas der Alten) erzeugt, sich dort spaltet und mit dem einen 
Aste die N-, mit dem andern die W- u. S-Küste der Insel begleitet. So wenigstens 



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H)2 



Eugen Oberhumraer: 



Schwerte und die Bai im N vom Kap Kiti als vorläufigen Haltepunkt 
bezeichnete. Hier erhob sich denn, genau an der Stelle des heutigen 
Larnaka, die älteste städtische Ansiedelung auf Cypern, Kition, deren 
Name für die Westsemiten bald mit der Bezeichnung der ganzen Insel 
gleichbedeutend wurde 1 ). Kition, dessen Gründung vielleicht schon 
vor das 12. Jahrhundert v. Chr. fällt 2 ), war das festeste Bollwerk se- 
mitischer Kultur auf Cypern, von dem aus die phönizische Kolonisation 
nach allen Richtungen ausstrahlte, bis sie sich mit der hellenischen 
kreuzte, die von NW aus, den Meeresströmungen folgend (s. o. A. 5), 
längs der N- und SW-Küste vorrückte 5 ). Noch am Ende des 4. Jahr- 
hunderts v. Chr. erscheint Kition als eine intensiv phönizische Stadt; 
von keinem andern Orte phönizischen Kulturbereichs sind uns so zahl- 
reiche Denkmäler phönizischer Sprache erhalten 4 ). Gleichwohl hatte 
auch hier, wie an der Hand inschriftlicher Zeugnisse nachzuweisen ist, 
das Griechentum schon im 4. Jahrhundert Wurzel gefafst und die 
Hellenisierung der Stadt angebahnt, welche sich im Laufe des 3. Jahr- 
hunderts unter der Herrschaft der Ptolemäer vollzog. Der Verlust der 
politischen Selbständigkeit und der Wechsel der Nationalität konnten 
der Bedeutung Kitions als Handels- und Verkehrsplatz keinen Eintrag 
thun; wenigstens erscheint es noch zu Ende des 1. Jahrh. n. Chr. als 
ein lebensfähiges Gemeinwesen, wie u. a. aus einer von mir in Larnaka 
gekauften und jetzt im königlichen Antiquarium in München befind- 
lichen Inschrift hervorgeht 5 ). Aber in der Folgezeit werden die Zeug- 



dllrftcn die Mitteilungen des Med. Pilot II S. 280 u. 290 mit dem System der 
Strömungen im östlichen Mittelmeerbecken in Zusammenhang zu bringen sein. 

') Er findet sich in der hebräischen Form O^PQ kittim bereits Gen. 10, 4 u. 

ö.. in späteren Büchern freilich mit Übertragung der Bedeutung auf die Inseln und 
Küstenländer des Westens Uberhaupt. Vgl. hierüber einstweilen H. Kiepert, Monats- 
ber. d. Berlin. Ak. 1859 S. 212 f. und F. Lenormant, Kittim. Revue d. quest. 
hist. Bd. 34 (1883) S. 225 — 46. Phönizisch ist der Name der Stadt inschriftlich in 
der Form bezeugt. 

2) Diese Annahme gründet sich auf die Voraussetzung, dafs Brugsch, Gesch. 
Aegyptens S. 603 den Namen Kathian in der Siegesinschrift Ramses III von Medinet 
Abu mit Recht auf unser Kition bezieht; vgl. Stern bei Cesnola S. 297. Es ver- 
dient Beachtung, dafs die altägyptische Form fast gleichlautend (Cathion) beim 
Geographen von Ravenna (V 20) wiederkehrt. 

3 ) Bis zur Veröffentlichung des von mir Uber das alte Kition gesammelten 
Materials mag einstweilen auf den Artikel von K. Wilke in den Allg. Encykl. 
II. Sekt. 36. Tl. (1884) S. 323 — 25 hingewiesen werden. 

*) C. I. Sem. I n. 10—87. Diese stattliche Zahl von Inschriften ist inzwischen 
durch neue vermehrt worden (s. o. S. 187 A. 3). 

b ) Ich habe dieselbe a. a. O. (o. S. 187 A. 3) S.308 ff. veröffentlicht. Sie stammt 
aus dem J. 97 n. Ch. und bezieht sich auf die Widmung eines Standbildes des 
Kaisers Nerva. 



Aus Cypcrn. 



193 



nisse dürftiger. Eine zweifelhafte Widmung an Julia Domna (f 217) 1 ), 
die gelegentliche Erwähnung öffentlicher Bauthätigkeit bei dem Juristen 
Ulpianus (f 228)*), Kaisermünzen bis auf die Zeit des Caracalla (f 217) 
herab 3 ), eine Athleteninschrift aus Laodikcia, welche von einem im Jahre 
222 zu Kition erfochtenen Siege meldet*) und zahlreiche Grabschriften 
aus später Zeit, von deren Nachweis ich hier füglich absehen kann, 
bezeichnen übereinstimmend das 3. Jahrhundert n. Chr. als die Zeit 
des Verfalles des alten Kition. Freilich fristete der Ort noch lange 
ein kümmerliches Dasein; denn noch Hierokles 44 (6. Jahrh.) und 
Const. Porph. them. I 15 (10. Jahrh.) führen Kition unter den Städten 
Cyperns auf, und in kirchlicher Hinsicht spielte es auch dann noch 
eine Rolle, als längst die Strafsen der Stadt verödet waren und Handel 
und Verkehr andere Küstenplätze aufgesucht hatten. Diese kirchliche 
Bedeutung Kitions gründet sich auf die (nicht vor dem 4. Jahrh. aus- 
gebildete) Uberlieferung, dafs Lazarus von Bethanien (Joh. 11 — 12) als 
Bischof von Kition sein Leben beschlossen habe. Thatsache ist, dafs 
Kition im 4. Jahrh. (oder früher) Sitz eines Bischofs war 5 ), welcher 
den Titel mtaxonog nöleoag Kiuov führte 6 ), wie auch Kaiser Leo VI. 
der Weise um 890 die angeblichen Gebeine des Lazarus „ex urbe Ci- 
tünsi" nach Konstantinopel bringen liefs 7 ). Dagegen beweist die Nen- 
nung Kitions in dem Bistumsverzeichnis desselben Kaisers vom Jahre 
883*), sowie in demjenigen des Nilus Doxopatrius vom Jahre 11 43°) 
nichts für den Fortbestand der Stadt, da es sich hier lediglich um 
den Titel des Bistums handelt. Wiederholte Verwüstungen durch die 
Saracenen mögen dem Orte den Garaus gemacht haben. Während 
letztere bei ihrem ersten Ansturm auf die Insel im Jahre 647 wahr- 
scheinlich noch bei Kition, als dem altgewohnten Hafenplatze, gelandet 
sind 10 ), flieht unter der Regierung des Kaisers Alexios I. Komnenos 
(1081 — 11 18) der Empörer Rhapsomates nach seiner Niederlage bei Ke- 
rynia, um ein Schiff nach Syrien zu finden, nach dem weit entlegeneren 
Limassol, das damals als Seehafen eben zu Bedeutung gelangte 11 ). 



») Rofs, Archttol. Aufsätze II S. 725. 
*) Digest. 50. 11. 1 § 5. 

5) Vgl. Mariti a. a. O. S. 55. 
«) C. I. Gr. III n. 6472 al. 23. 

*) S. Lequien, Oriens christianus II 1055, Il 3 l — 3&* 

6 ) Dies geht besonders aus den kürzlich von Pierides in der von Ühncfalsch- 
Richter herausgegebenen Zeitschrift „Owl" N. 8 veröffentlichten Bischofssiegeln 
hervor. 

7 ) Lequien 1. 1. III 1231 s. 

8 ) Not. ep. I 1052 in Partheys Ausgabe des Hierokles. 
») Nil. 178 am gleichen Ort. 

1°) Zur Begründung dieser Annahme s. Stern bei Cesnola S. 3199 f. A. 4. 
H) Anna Comn. Alex IX %. 



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1<>4 



Eugen Oberhummer: 



Dieses argumentum cx silentio spricht deutlich genug für die gänzliche 
Verödung von Kition, das mit der Wende des Jahrtausends völlig 
vom Schauplatz verschwunden ist. Allerdings pflanzte sich der Name 
auch, abgesehen vom Bischofstitel, noch örtlich fort; aber er haftete 
nicht mehr an der alten Stätte, sondern übertrug sich auf das eine 
starke deutsche Meile SSW unfern des gleichnamigen Vorgebirges ge- 
legene Dorf Ts chi ti, d. i. gr. xb Ktuv (mit der der cyprischen Mundart 
eigentümlichen gequetschten Aussprache des k). Die älteste mir be- 
kannte Erwähnung des Ortes bezieht sich auf das Jahr 1367, in welchem 
er als Landeplatz genannt wird 1 ), und im 15. Jahrhundert erscheint er 
wiederholt in den Urkunden als ein königliches Lehen unter dem Namen 
cazal de Quiti (Kiriov) oder cazaul dou Quü*). Dort befand sich eine 
grofse Kirche und ein Lustschlofs der Lusignans 3 ), während fruchtbare 
Gärten die Umgebung verschönten, so dafs manche Bewohner von Lar- 
naka dort Landhäuser besafsen 4 ). Man geht wohl nicht fehl, wenn 
man die Übertragung des Namens Kition von seiner alten Stätte auf 
dieses Dorf auf eine zeitweilige Residenz der Bischöfe daselbst zurück- 
führt; es erklärt sich dann auch, dafs Niebuhr die dortige Kirche als 
Hauptkirche des Bischofs bezeichnet, und das alte Kition eben in 
Tschiti suchen zu müssen vermeint, ein Irrtum, der schon von Mariti 
a. a. O. widerlegt wurde. 

An Stelle des alten Kition aber, dessen letzte Spuren wir im 
10. Jahrhundert verlieren, taucht etwa gleichzeitig mit dem eben er- 
wähnten Tschiti ein neuer Ort auf, der bei Leontios als '4lvxtj = lat. 
Salinae bezeichnet wird, 1361/65 als Landeplatz diente, 1373 von ge- 
nuesischen Schiffen eines Angriffs für wert gehalten wurde und 1425 
gelegentlich des von Sultan Bursbai von Ägypten unternommenen Raub- 
zuges 5 ) mit einem Turm (nvQyog) versehen, also befestigt erscheint 6 ). 



! ) Leont. Mach. 1. 1. p. 113 (10 Kittv). Im J. 1425 wird es von den Saracenen 
verbrannt, ib. p. 358. 

3 ) Mas Latrie, Hist. III 221 f., 240—42, 259. Ib. 510 in einer Statistik vom 
Ende des 15. Jahrh. ,Casal Chitti*. 

3 ) Bei Guillaume de Machaut (o. S. 185 A. 2) S. 232 f, findet sich ein Brief 
des Königs Peter I vom 15. Sep. 1367 „escript k nostre hoste I dou Quid"; vgl. 
Mas Latrie ebd. S. 287 A. 72. 

*) Lusignan fol. 10 recto; Coro. Le Brun, Voyage au Levant. Paris 17 14 
S. 318; C. Niebuhr, Reisebeschreibung nach Arabien. 3. Bd. S. 21; Mariti a. a. O. 
S. 51 f., 181; Rofs a. a. O. S. 89; Mas Latrie, L'fle de Ch. S. 510; Ohncfalsch- 
Richter a. a. O. S. 701, 709. Jetzt zählt das Dorf 171 Häuser mit 673 E. (Cen- 
sus von 1881). S. auch den Nachtrag am Schlüsse dieser Abhandlung. 

5 ) Hierüber vgl. Gust. Weil, Gesch. d. Chalifen Bd. V (Gesch. d. Abbasiden- 
chalifats in Egypten Bd. II) S. 171fr. 

«) Leont. Mach. p. 62, 88, 205, 208, 358. 



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Aus Cypern. 



195 



Der Ort verdankt seine Entstehung, wie der Name besagt, lediglich 
der erneuerten Ausbeutung der schon im Altertum benutzten Salzlake 
im S der Stadt, deren fast alle neueren Reisenden gedenken 1 ). Der 
Schiffsverkehr, welcher durch die Salzausfuhr (jährlich 50—60 Schiffs- 
ladungen) nach Jahrhunderte langer Verödung wieder an diese Stätte 
gelenkt wurde, erhob die „Saline" bald zur Bedeutung eines wichtigen 
Hafenplatzes, wie aufser den obigen Belegstellen auch aus einer In- 
struktion des Dogen von Venedig an einen Gesandten der Republik . 
vom Jahre 1402 hervorgeht, wo des Verkehrs zwischen der „Saline" 
(ad Sahnas Cypri) und der syrischen Küste gedacht wird 2 ). In einer 
ähnlichen Instruktion vom Jahre 1444 findet sich die Stelle 3 ): „Quando 
fueris apud Salinas regis Cipri, tibi capitanei navium Sirie solmt mittere 
naves ad caricatoria etc." Im Jahre 1479 nennt der Nürnberger Palästina- 
fahrer Sebald Rieter d. Jüng. ein porll, Salinis genannt, da sust dy pilgram 
gemaynlich zu faren% während früher gewöhnlich Paphos (an der SW- 
Küste) und Limassol von den Pilgerschiffen berührt wurde. Nicht mit 
Unrecht bringt Sakellarios 5 ) dieses rasche Aufblühen der „Saline" mit 
der Besetzung von Famagusta durch die Genueser im Jahre 1373 in 
Zusammenhang, durch welche der fast ausschliefslichen Herrschaft 
dieser Stadt über den cyprischen Ein- und Ausfuhrhandel ein Ende 
gemacht wurde. Wie empfindlich die Konkurrenz des neuen Küsten- 
platzes für Famagusta wurde, zeigt folgende merkwürdige Stelle aus 
einer Bittschrift der letzteren Stadt an den Dogen Agost. Barbarigo im 
Jahre 1491, also kurz nachdem die Insel venezianisch geworden war 
(1489) 6 ): Se supplüa a la celsitudine vestra che non voglia per metter che 
per Ii soi rectori de Nicosia, 0 per aigun a/tro, sii hedif icado case al- 
gune over magazeni a Saline, per comoditä de marchadanli, per 
chh saria total cosa del deshabi tare de Famagosta ; attendocht fin 
al presente zorno (d. i. giorno) da pocho tempo in quä, molti citadini di 
quella citä sono andati a stanciare a le Saline per comoditä et utile 
loro che hano nel vender et comprar, et relrovarse de Ii a Saline de continuo 



1) Plin. n. h. V 130 ad Citium in Cipro (sal) extrahunt e lacu, dein sole 
siccant. Ähnlich Antig. mirab. 157 (173). Vgl. u. S. 204. 

*) Bei J. Delaville lc Roulx, La France en Orient au XIV. siecle, in der Biblioth. 
d. ecoles frans. d'Athenes et de Rome fasc. 45 (1886) S. 100 f. 

3 ) Mitgeteilt von Mas Latrie, Bibl. de l'ecole d. chartes Bd. 35 (1874) S. 152. 

*) Das Reisebuch der Familie Ricter, herausg. v. R. Röhricht und H. Meisner. 
Bibl. d. lit. Ver. Bd. 168 (1884) S. 51. Die Herausgeber haben ^alinis' irrtüm- 
lich für das alte .Salamis' erklärt. Fast mit denselben Worten wie Rieter äufsert 
sich auch sein Reisegefährte Joh. Tucher, Grlindtlicher Bericht u. s. w. (Frankfurt 
a. M. 1561) fol. 7 verso. Weitere Zeugnisse s. im Nachtrag. 

*>) Ta Kvngtaxti. Bd. I (Athen 1855) S. 53. 

«) Bei Mas Latrie Hist. de Ch. III 489. N. 7. 



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19G 



Eugen Oberhummer: 



mo/le nave e navilii che fanno marchadantie. Lusignan nennt (fol. 10 
verso) „Salines" eine „spiaggia bella, et accomodaia dclle navi onde tutte 
le mercantie de//' iso/a, e di Veneiia, c della Soria vengono in questo /uogo." 
Gegen das Ende der venezianischen Herrschaft war somit die „Saline" 
unbestritten der erste Küstenplatz der Insel 1 ) und wurde deshalb auch, 
wie es scheint, von den Türken bei der Eroberung Cyperns im Jahre 
1570 als Landeplatz gewählt*). Die türkische Herrschaft, welche im 
allgemeinen für Cypern eine Zeit des tiefsten Verfalles war, erwies sich 
der Entwickelung der „Saline" keineswegs ungünstig, woran freilich der 
Niedergang der andern Häfen, insbesondere Eamagustas, den meisten 
Anteil hat. 

In dieser Zeit tritt neben der „Saline" eine zweite Ortschaft in 
den Vordergrund, welche ich zuerst bei Leontios Machairas (also gegen 
1400) S. 22 mit den Worten «V tu x a Q* 0V ibv AuQvaxav erwähnt finde. 
Derselbe scheint indes lange bedeutungslos geblieben zu sein, da erst 
der Jesuit Girolamo Dandini, welcher 1596/97 auf einer Missionsreise 
nach Syrien Cypern berührte, des Ortes, den er Arnica (französisch 
Arnique) nennt, ausführlicher gedenkt 3 ). Im 18. Jahrhundert überflügelte 
Larnaka, bei abendländischen Schriftstellern bis zu Beginn unseres 
Jahrhunderts auch Larnica genannt 4 ), die nur 1 — i^km entfernte 
Stadt an der Küste. Der seit dem Mittelalter gebräuchliche Name 

für letztere, obwohl in der türkischen Bezeichnung für Larnaka, Aj ; Jo 



») Vgl. Ileyd, Geschichte des Levantehandels II S. 426. 

2 ) Porcacchi, Le isole piü famose (Ven. 157a) S. 23; Lusignan fol. 90 recto; 
Angelo Calepio, Vera et fidelissima narratione etc. (der Eroberung Cyperns) bei 
Lusignan fol. 98 verso; J. A. Guarnerius, De hello Cyprio (Bergom. 1597) S. 26 
(ad locum, quem Salinas appellant, ubi optimum esse egressum compererant, 
aperto et piano litorc classem constituunt); A. M. Gratianus, De bello Cyprio (Rom. 
1624) S. 72 u. A. Nach J. v. Hammer, Gesch. d. osman. Reiches III' 576 f. fand 
jedoch die Landung zu Limassol statt. Ich inufs mir eine kritische Prüfung der 
zeitgenössischen Berichte Uber den sog. cyprischen Krieg fUr später vorbehalten. 

3 ) Voyage du Mont Liban. Nouv. ed. Paris 1684. 12. S. 22, 200 ff. Die 
Originalausgabe (Missione apostolica etc., Cesena 1656) ist mir nicht zugänglich. 
Vgl. Baur, Allg. Kncykl. I. Sekt. 22. Tl. (1832) II. Abt. S. 23of. Inzwischen fand 
ich den Namen auch bei Fabri, s. den Nachtrag. 

4 ) So aufscr Lebrun a. a. O. S. 381 f., R. Pococke a. a. O. S. 212 f., Sestini (s. 
nächste S.) S. 138 noch J. M. Kinneir, Journey through Asia Minor etc. (Lond. 181 8) 
S. 183 f. u. H. Light a. a. (.). S. 238 f. Mariti führt S. 59 als Nebenformen an: 
Arnica, Larnica, Larnaca, Arnaco, Larnaco; Niebuhr a. a. O. S. 20 f. schreibt Larneca. 
Man leitet den Namen am wahrscheinlichsten von einem oder mehreren antiken Sarko- 
phagen (l6Qvn$) ab, welche dort gefunden wurden, s. Rofs S. 85; Sakellarios S. 53. 
Kaum zulässig ist die Erklärung als „Vertiefung", „Grab", von der niederen Lage, 
bezw. der verderblichen Luft, bei O. Fr. von Richter, Wallfahrten im Morgenlandc 
(Berl. 1822) S. 306. S. auch den Nachtrag. 



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Aus Cypern. 



197 



Tusla 1 ), noch forterhalten, tritt mehr und mehr zurück gegen die Be- 
nennung Marina 2 ) oder Scala 3 ), in welchen beiden sich das unter- 
geordnete Verhältnis des Ländeplatzes gegenüber der Binnenstadt aus- 
drückt*). Letztere war damals auch der Sitz der europäischen Konsulate, 
deren Zahl seitdem beträchtlich zurückgegangen ist. Nach Sestini (a. a.O. 
S. 138) waren zu seiner Zeit (1782) folgende Staaten vertreten: Frank- 
reich, England (zugleich für Holland), das Reich (Österreich), Preufsen 
(zugleich für die Schweiz), Dänemark, Rufsland (seit 1785), Venedig, 
Ragusa, Toscana, Neapel. Später werden noch Konsulate von Spanien 
und Sardinien erwähnt 5 ), zu welchen in neuerer Zeit ein griechisches 
und vorübergehend ein amerikanisches (Cesnola) kamen. Gegenwärtig 
sind meines Wissens nur Griechenland (Generalkonsulat), Frankreich, 
Italien und Österreich (Vizekonsulat) vertreten. Um dieses Verhältnis 
zu würdigen, mufs man sich vor Augen halten, dafs Larnaka im 17. 
und 18. Jahrhundert nicht nur der unbestritten erste Handelsplatz und 
nächst Nikosia die wichtigste Stadt Cyperns 6 ), sondern auch ein Mittel- 
punkt des gesamten levantinischen Handels- und Schiffsverkehrs war 7 ), 
ähnlich wie es heute Beirut ist, und wie es in noch höherem Grade 
früher Famagusta gewesen war. Diese hervorragende Stellung Larnakas, 
welche am besten in einer leider nicht veröffentlichten Denkschrift des 
ehemaligen französischen Konsuls Fourcade gewürdigt worden zu sein 



>) Von j^lo (auch j^jj) fus— Salz. Ich finde denselben zuerst bei J. v. Hammer, 

Topogr. Ansichten etc. (Wien 18x1) S. 131. Der türkische Geograph Hadschi Chalfa 

(o. S. 186) gebraucht noch die arabische Form Memlaha {H£&\+A Saline, entspr. 

dem rein-türkischen tusla), über welche vgl.Golius zu Alfraganus (Amstelod. 1669) S. 304. 
*) Zuerst bei Pococke S. an. 

3 ) Zuerst bei Niebuhr S. 10 und Dom. Sestini, Viaggio di ritorno da Bassora a 
Costantinopoli (S. 1. 1788) S. 138. 

*) Die letzten Reisenden, welehe den Namen „Saline" gebrauchen, sind Niebuhr 
und Light a. a. O. Sestini S. 138, 143 spricht auch wie Mariti (S. 39), vom 
„Borgo delle Saline" und der „Spiaggia delle Saline". 

5 ) Light a. a. O. S. 241; Rofs a. a. O. S. 85; Kinneir a. a. O. S. 183 f. 
nennt die Konsuln in Larnaka ,,innumcrable". 

6) Mariti S. 39, Sestini S. 144 u. s. w. Larnaka war der einzige Ort, wo sich 
Franken — vorwiegend italienischer Nationalität — in gröfserer Zahl ansiedelten, 
Dandini S. 200 ff., Lebrun S. 381 f., Pococke S. auf. Eine bestimmte Zeit hin- 
durch müssen auch zahlreiche Engländer in Larnaka gewohnt haben, da sich 
in der Marina ein alter protestantischer Friedhof mit englischen Gräbern befindet, 
welche aus der Zeit von 1685 — 1750 stammen, Mariti S. 44, Turner S. 55, Light 
S. a4», Report by H. M. High Commissioner for 1880 S. a6. Kinneir (S. 183 f.) 
schätzt die Zahl der fränkischen Familien für seine Zeit (1850) auf 40. 

7 ) Im Bazar von Larnaka, welcher jetzt höchst armselig ist, pflegten die Schiffe 
der Soria ihren Proviant einzukaufen, Mariti S. 40 f., Light S. a38 f. Vgl. o. 
S. 195 und den Nachtrag. 



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108 



Eugen Oberhummer: 



scheint 1 ), wurde erschüttert, seitdem durch die ägyptische Expedition 
Bonapartes ein freierer Verkehr mit den syrisch -ägyptischen Häfen 
angebahnt wurde. Als unter Mohammed Ali's kräftiger Herrschaft 
Alexandrien neu emporblühte und später Beirut seine herrschende 
Stellung an der syrischen Küste errang, sank Larnaka mehr und mehr zu 
lokaler Bedeutung herab, beherrschte aber gleichwohl noch den gröfsten 
Teil der Ein- und Ausfuhr Cyperns 8 ); erst in neuester Zeit macht ihm 
das lebenskräftigere Limassol erheblich Konkurrenz. Gleichzeitig ver- 
schob sich der Schwerpunkt der lokalen Entwicklung von der Binnen- 
stadt, die man sich gewöhnte als Alt-Larnaka zu bezeichnen, wieder 
an die Marine, für welche nun gelegentlich auch der Name Neu-Larnaka 
auftaucht, eine Verschiebung, die sich in besonders bemerklicher Weise 
durch die Übersiedlung der Konsulate nach der Scala ausdrückte 5 ). 
Die Zählung von 1881 ergab für Alt-Larnaka 645 Wohnhäuser mit 3094 
Bewohnern, für die Marine 937 Wohnhäuser mit 4739 Bewohnern 4 ). Hier- 
von sind in beiden Orten, welche zusammen nur eine politische Ge- 
meinde bilden, 5048 Griechen, 1972 Mohammedaner, 824 Anders- 
gläubige 5 ). Erscheint diese Zahl, welche natürlich nicht nach dem 
Mafse von Ländern grofser Bevölkerungsdichtigkeit beurteilt werden 
darf, auch als gering, so darf man doch wohl auch für die Blütezeit 
Larnakas keine sehr viel gröfsere Einwohnerzahl annehmen. Denn ein- 
mal ist von einer wesentlich gröfscren Ausdehnung der Stadt in früherer 
Zeit nichts zu sehen, anderseits führen uns Schätzungen aus dem An- 
fang des Jahrhunderts auf eine ähnliche Ziffer 6 ). Die höheren Ziffern, 
denen man in einigen neueren Werken begegnet, beruhen offenbar 
auf Überschätzung 7 ). 

•) Rapport sur l'etat present de l'ile de Chypro. La Scala. 1844. Vgl. Gaudry, 
Mem. S. 153 A. 8; Mas Latrie, Chypre S. 14 A. 76; Harn. Lang, Cyprus S. 213 f. 

a ) Noch 1879 vereinigte Larnaka % des cyprischen Handels, Report by H. 
M. High Commissioner for 1878 S. 196. 

3 ) Vgl. Cesnola S. 49. Unzutreffend ist des letzteren Bemerkung, die Marina 
habe vordem nur aus zerstreuten Häusern und Magazinen bestanden; wie wir gesehen 
haben, gelangte die Hafenstadt als , .Saline" weit früher zu Bedeutung als Alt-Larnaka. 

4 ) Report on the Census of Cyprus, 1881. London 1884- (C. — 4164). S. 31. 

5 ) Nach „Cyprus Guide and Directory", Limassol 1885 S. 150. Die hier gegebene 
Gesamtzahl (7844) weicht etwas von derjenigen des amtlichen Census (7833) ab - Unter 
den „Andersgläubigen" hat man, abgesehen von den englischen Beamten, meist Katho- 
liken zu verstehen, deren Zahl bereits Rofs (S. 85) annähernd richtig auf 500 schätzte. 

6 ) Kinneir S. 184 und O. F. v. Richter S. 306 f. je 5000 (als Gesamtzahl 
wohl zu niedrig) ; Turner S. 41 nahm für Larnaka 1000, fUr die Marina 700 Häuser 
an, welche Zahlen wenn auch nur auf ungefährer Schätzung beruhend, doch im Ver- 
gleich mit der Zählung von 1881 die seither stattgefundene Verschiebung kennzeichnen. 

7 ) So Mas Latrie a. a. (). S. 18 mit 10 -11 000 und vollends Gaudry, Rech. 
S. 13* f. mit 16000, Medit. Pilot II 188 mit iaooo. Cesnola (S. 50) schätzte 
richtiger auf 8000. 



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Aus Cypcrn. 



19fl 



Indem ich bezüglich der heutigen Topographie der Stadt auf die 
vorhandenen Pläne 1 ) und die angeführte Literatur verweise, möchte 
ich noch die nicht unerheblichen Fortschritte erwähnen, welche die 
Stadt, und zwar in erster Linie die Marina, unter englischer Verwal- 
tung in Bezug auf Reinlichkeit, Ordnung, solidere Bauart der Häuser 
und zweckmäfsige Neuanlagen gemacht hat, und welche sie ins- 
besondere der eifrigen Thätigkeit des langjährigen Bezirksgouverneurs 
(Commissioner) Cl. D. Cobham, verdankt-). Eine der wichtigsten Mafs- 
regeln zur Hebung Larnakas war die 1879 durch Lieutenant Sinclair unter- 
nommene Austrocknung eines Sumpfes im Norden der Marina (PI. 8)^), 
dessen fiebererzeugende Ausdünstungen hauptsächlich dazu begetragen 
hatten, Larnaka in hygienischer Beziehung zu einem der verrufensten 
Plätze der Insel zu machen 4 ). Die Abtragung des Hügels, welcher 
das Material zur Auffüllung des Sumpfes lieferte, führte aber gleich- 
zeitig zu wertvollen archäologischen Ergebnissen. Im Anschlufs hieran 
mag es gestattet sein, noch einige Bemerkungen über meine an Ort 
und Stelle gemachten Untersuchungen zur Topographie des alten 

K i t i o n 

beizufügen, ohne auf eine erschöpfende Behandlung derselben einzu- 
gehen (vgl. den Nachtrag). 

Der erste Eindruck, den ich von den Ruinen einer cyprischen 
Stadt empfing, war eine Enttäuschung. Verwöhnt durch die prächtigen 
Ringmauern, welchen ich bei meinen früheren Studien im nordwest- 



1 ) Admiralty Charts N. 848 Larnaka. Surveyctl by J. Stokcs, 1849- 1:19470. 
Veröffentlicht 1878. Verkleinert auch auf der Seekarte von Cypern (o. S. 188 A. 4) 
und hiernach auf den Karten zu Harn. Lang, Cyprus (London 1878) und E. G. 
Ravenstein, Cyprus (London 1878.) Eine andere Aufnahme lieferte das Depot 
des Cartes et Plans de la Marine N. 3244: Croquis du mouillage de Larnaca. 
Lcve en i86r par Desmoulin et Du Laurens. 1:20000. Veröffentlicht 1873. 
Eine dritte, mehr die Topographie der Stadt berücksichtigende Planskizze besorgte 
der ehemalige französische Konsul A. Dozon fUr das Corp. Inscr. Sem. vol. I p. 35 
( r 8 8 1 ) im Mafsstabc von i:c. 30000. Keiner dieser Pläne befriedigt für die Einzel- 
heiten der Topographie. Dagegen wurde vor wenigen Jahren im Survey Office in 
Nicosia ein sehr genauer Katasterplan in 1 : 2500 ausgeführt, welcher jedoch leider, 
wie auch die Pläne von Nikosia, Eamagusta und Limassol, nicht zur Veröffent- 
lichung bestimmt ist. Mit Erlaubnis der Inselregierung konnte ich mir eine Kopie 
dieses aus zwei grofsen Blättern bestehenden, von dem Topographen Carletti mit 
peinlicher Sorgfalt gezeichneten Planes verschaffen, welcher für meine später zu ver- 
öffentlichenden Untersuchungen zur Topographie von Kition als Grundlage dienen 
soll. Beifolgende Skizze beruht hauptsächlich auf Dozon's Plan. 

2 ) Vgl. hierüber die Berichterstattung im Report by H. M. High Commissioner 
for 1879 s - l 9h *88o S. 26, 1882 S. 85, 1883 s - 6 5> 1884/85 S. 65, 1885/86 S. 69. 

3 ) Report etc. 1879 S. 197 f., 203. 

•*) Pococke S. 212, Sestini S. 138, O. F. v. Richter S. 306, Light S. 240. 
Zeitschr. d. Ges«llsch. f. Erdk. Bd. XXV. 15 

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200 



Eugen Oberhummer: 



liehen Griechenland 1 ), besonders in Epirus und Akarnanien begegnet 
war, und später auch im übrigen Griechenland bis zur Westküste Klein- 
asiens wiederfand, erwartete ich auch in Cypern auf Reste von Stadt- 
mauern oder doch wenigstens auf sicher zu verfolgende Umfassungs- 
linien zu treffen. Statt dessen war von ersteren, abgesehen von dem aus 
dem Felsen gehauenen Wall bei Neu-Paphos, nirgends etwas Nennens- 
wertes erhalten und auch der Verlauf des letzteren nur in wenigen 
Fällen auf gröfsere Strecken, nirgends vollständig wieder zu erkennen. 
Hierzu kommt, dafs die Unterscheidung antiker und jüngerer Mauer- 
linien auf Cypern oft sehr schwer, ja mitunter ganz unmöglich ist. 
Während in Griechenland auch der Ungeübte in den meisten Fällen auf 
den ersten Blick hellenisches Mauerwerk von römischem, byzantini- 
schem oder türkischem unterscheidet, findet man in Cypern nur wenige 
und dürftige Reste hellenischen Quaderwerkes, während Mauern aus 
kleinen, unregclmäfsigen, mit Mörtel verbundenen Steinen im Altertum 
hier auch für öffentliche Bauten vielfach verwendet worden zu sein 
scheinen. Häufig sieht man im Gebiete antiker Städte Mauerlinien 
dieser Art im Boden, und noch öfter ist die Stätte einer antiken An- 
siedelung nur durch ein Trümmerfeld loser, unregclmäfsiger Steine be- 
zeichnet, welche eben so gut von einem türkischen Dorfe herrühren 
könnten. Der Grund für diese Erscheinung liegt einerseits in der 
Armut Cypcrns an Material für monumentale Bauten, insbesondere dem 
gänzlichen Fehlen von Marmor, anderseits in der intensiven Kultur 
während der letzten Jahrhunderte des Mittelalters, zu welcher Zeit die 
noch vorhandenen Ruinen des Altertums in grofsartigem Mafse als 
Steinbrüche ausgebeutet wurden 2 ). Dieses Zerstörungswerk war jedoch 
mit dem Ende der mittelalterlichen Kultur keineswegs abgeschlossen, 
sondern wurde unter türkischer Herrschaft erst recht fortgesetzt 3 ) und 
dauert sogar, wie ich mich zu meinem Bedauern überzeugen mufste, 
unter der jetzigen Regierung noch fort. Wie viel auf diese Weise noch 
in den letzten hundert Jahren verloren gegangen, ist aus den Schil- 
derungen älterer Reisender ersichtlich, welche dadurch oft zu einer 
wichtigen Quelle antiker Topographie werden. So wäre es z. B. heute 
kaum mehr möglich, die Umfassung des alten Kition festzustellen, 
wenn nicht im vorigen Jahrhundert Karsten Niebuhr die kurze Zeit 
seines Aufenthalts auf Cypern (18. — 25. Juli 1766) zur Aufnahme eines 
Planes von I.arnaka benutzt hätte, in welchen er auch die Umrisse der 
alten Stadt, die sich zwischen dem heutigen Alt-Larnaka und der 

') Die Ergebnisse derselben sind in meinem Buche „Akarnanien, Ambrakia, 
Amphilochien, Lcukas im Altertum" (München 1887) niedergelegt. 

2 ) Vgl. hierzu auch meine Bemerkung Uber die Seltenheit grttfserer griechischer 
Inschriften auf Cypern, „Inschriften" (o. S. 187 A. 4) S. 305. 

3 ) Vgl. z. B. die Bemerkungen von Mariti S. 55, Rofs §. 94, Niebuhr S. 21. 



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Aus Cypern. 



201 



Marina ausdehnte, eintrug 1 ). Während ich bei einer sorgfältigen Be- 
gehung des Terrains nur im NW noch den Verlauf der Stadtmauer 
in Gestalt einer Bodenerhöhung feststellen konnte, welche sich durch 
Alt-Larnaka hindurchzieht und dann in den Feldern verliert, konnte 
Niehuhr noch schreiben (a. a. O. S. 22): „Von dieser ehemaligen Stadt 
sind jetzt zwar nur wenige Reste mehr übrig, man kann aber aus den- 
selben den Umfang der ehemaligen Stadtmauer noch deutlich genug 
erkennen, und diesen habe ich auf Tab. III entworfen." Ähnlich 
äufsert sich Mariti (S. 54): St vedono di questa antica citiä, se non i fon- 
damcnti delle mura del suo a'rcuito. Auch Pococke hat seinem Werke 
(T. XXXII) einen Plan von Kition beigegeben , welcher jedoch neben 
demjenigen Niebuhr's fast gar nicht zu gebrauchen ist. 

Noch auffallender T , ,«..., , 

Plan von Larnaka (Kition). 

als bei den Stadtmauern 
zeigt sich die zerstö- 
rende Thätigkeit der 
letzten Generationen an 
dem wichtigsten Punkte 
des alten Kition, dem 
Hafen und dem Burg- 
hügel. Bereits Pococke 
hatte (S. 213) in dem 
oben erwähnten Sumpfe 
N der Marina, welcher 
nach reichlichen Re- 
gengüssen dasAussehen 
eines kleinen Sees ge- 
wann, den „geschlos- 
senen", d. b. innerhalb 
der Küstenlinie liegen- 
den und nur durch 
einen schmalen Zugang 
mit dem Meere in Ver- 
bindung stehenden 
Hafen (hftr/v xXfiatog) 
des Strabo (XIV 6, 3) 

1 i_ ».t« t 1 * Leuchtturm, s Jetziger Landeplatz. 3 Altes Fort. 4 S. I-azann. 

erkannt; nach Niebllhr 5 T*aparilla. 6 Phaneromcni. 7 Bambula (Akro|»olN). 8 Trocken 

(S 22) welcher noch gc ' CRtcr s,im P^ ( ant ' kcr Hafen). 9 Bkcbobpalaat. 10 Nelcropolu. 

die jetzt fast unkenntlich gewordene Verbindung mit dem Meere sah, 
führte die Ortlichkeit noch zu seiner Zeit den Namen „Galeeren- 
hafen", und auch Turner erhielt (S. 43) von einem Kinheimischen eine 

l ) Dieser Plan erschien erst 1837 im 3. Band von Niebuhr's „Reisebeschreibung 
nach Arabien" T. III. Doch hatte bereits 1769 Mariti, welchem Nicbuhr eine Kopie 
mitteilte, den Umrifs von Kition als Titelvignette zum 1. Bd. seiner „Viaggi" gegeben. 

15* 




_yi Umrisf rem Kition 

nach I/itbuhr 



Anämttung d*ss*ü#n 



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202 



Eugen Oberhummer: 



völlig richtige Auskunft über die Geschichte des Sumpfes. An die 
SW-Ecke des letzteren, wo sich die Marine am meisten den Häusern 
von Alt -Larnaka nähert, stöfst ein jetzt zum gröfsten Teil abge- 
tragener Hügel, Bambula genannt (PI. 7), welcher frühzeitig die Auf- 
merksamkeit erregte. Der Venezianer Ascanio Savorgnano (f 1581), 
welcher angesichts der drohenden Türkengefahr von der Signoria 
um 1560 nach Cypern gesandt worden war, um über die Möglich- 
keit einer Verteidigung der Insel zu berichten, äufsert sich in seiner 
(ungedruckten) Denkschrift 1 ) folgendermafsen über Kition: „Et antiqua- 
mente vi fu una citlä chiamata Citium, te cui vestigie si vedono chiaramente. 
A questo luogo non vi e alio akuno, che diu nocumeiüo, anzi giovamento, 
ove si potria fare una cittadella, che dominaria, et con poca spesa, per che* 
si potria servirsi di parte dei balloardi de IIa cittä (oggi sono distrutlip) 
sin a quelV a/to, ove anticamente fu un castello (oggi i un mulino a 
venio) si vede un alveo, che di mosira esservi stato un porto (t etc. 
Nach Pococke, welcher 1738 auf Cypern reiste, war der Hafen (S. 213) 
„defendcd by a strong Castle, as appears by the foundafions 0/ it — The uhü/s 
seem to have been very strong, and in the foundations there have been many stones, 
with inscriptions on them, in an unintelligible char acter, 7vhich I suppose, is the 
ancient Phoenician". Diese von Pococke richtig als phönizisch erkannte 
Inschriften wurden bald nachher (um 1749) 3 ) in die von Beschir 
Pascha errichtete Wasserleitung verbaut 4 ), welche Larnaka von dem 
ca. 8 km entfernten Orte Arpera aus mit Wasser versieht 5 ). Wahr- 
scheinlich wurde bei dieser Gelegenheit auch ein grofser Teil der alten, 
von Pococke noch vorgefundenen Befestigungen zerstört, wie aus den Be- 
merkungen Mariti's (um 1760) zu entnehmen ist. Gleichwohl erkannte Nie- 



>) Nach einer von Mariti S. 51 f. ohne jeglichen literarischen Behelf angeführten 
Stelle. Näheres über Savorgnano findet man bei M. Foscarini, Deila I.etteratura 
Veneziana (Padua 175z) S. 287 f., welcher drei Exemplare seines Berichtes kannte. 
Ein anderes, mit einer Widmung vom J. 1562, beschreibt A. M. Bandini, Bibliothcca 
Leopoldino-Laurentiana Bd. III (Florenz 1793) Sp. 451 f. Durch gütige Vermittc- 
lung von Hrn. Dr. Simonsfcld erfahre ich so eben, dafs sich in Venedig 4 Exem- 
plare besagter Denkschrift (teils in italienischer, teils in lateinischer Fassung) auf 
der Markusbibliothek, ein weiteres in der Bibliothek des Museo Civico Correr vor- 
finden. Ich hoffe mir demnächst eine Abschrift verschaffen und den Bericht des 
Savorgnano vollständig für meine Arbeit verwerten zu können. (S. Nachtrag.) 

2 ) Das Eingeklammerte ist Bemerkung Mariti's. 

3 ) Nach Cobham im Report by H. M. High Commissioner for 1879 193 
starb Beschir (Bekir) Pascha schon 1745. S. auch Report etc. 1880 S. 26. 

4 ) Corp. Inscr. Sem. I p. 39. 

5 ) Vgl. Uber diese Wasserleitung sonst noch Mariti S. 44 f., 72, igt ; Niebuhr 
S. 21; F. O. v. Richter S. 309; Kotschy in Peterm. Mitteil. 1862 S. 302 f.; Unger- 
Kotschy S. 7, 76; Baker S. 7, 9, 22, 34—36. Niebuhr schreibt bereits dieser 
Anlage eine wesentliche Verbesserung des Gesundheitsstandes von Larnaka zu. 



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Aus Cypem. 



203 



buhr noch, dafs hier die stärkste Befestigung, d. h. die Citadclle oder 
Akropolis der alten Stadt war. Diese Annahme findet vollauf Bestätigung 
in den in neuester Zeit an dieser Stelle gemachten Funden, unter 
welchen die 1845 ausgegrabene Stele des Königs Sargon vom Jahre 
707 v. Chr., jetzt eine Zierde der Berliner assyrischen Sammlung, obenan 
steht'). Auch fernerhin erwies sich der Hügel Bambula als eine er- 
giebige Fundstätte kleiner, besonders keramischer Altertümer 2 ); aber 
erst bei der teilweise erfolgten Abtragung im Jahre 1879 trat seine Be- 
deutung klar hervor. Die Unterbauten einer Anzahl antiker Gebäude 
wurden blofsgelegt und u. a. eine grofse phönizische Inschrift 3 ) auf- 
gefunden, welche das Vorhandensein von Heiligtümern der Astarte 
und des (Resef-) Mikal an dieser Stelle bezeugt. Auch Pfeiler mit 
Löchern zum Befestigen der Schiffstaue kamen am Rande des Hafens 
zum Vorschein. Herr Ohnefalsch -Richter hat sich das Verdienst er- 
worben, den Schutthügel im damaligen Zustande zu photographieren 
und eine (nicht veröffentlichte) Planskizze der wichtigsten Gebäudereste, 
darunter auch des Astarte-Heiligtums aufzunehmen 4 ). Ich selbst fand 
die „Akropolis" in einem höchst kläglichen Zustand vor. Kaum von 
einem Gebäude liefs sich noch der vollständige Grundrifs erkennen; 
häufig sind die alten Mauerlinien nur mehr durch einen Hohlraum im 
Boden bezeichnet, aus welchem die alten Bausteine zur Verwendung 
bei Neubauten entfernt wurden. An einigen Stellen bemerkte ich noch 
Reste des alten Fufsbodens aus Platten von weifsem Kalkstein. 

Die Umgebung von Larnaka bietet gleichfalls noch einige bemer- 
kenswerte Objekte, welche jedoch schon so häufig beschrieben worden 
sind, dafs ich mich hier mit einer blofsen Erwähnung begnügen 
kann. Es sind dies die sogenannte Phaneromeni, ein jetzt als Kapelle 
(der riara'/tu *ltareo(ofu>rtf) dienendes uraltes Bauwerk im SW der alten 

l ) Der Fundort erhellt aus Rofs S. 87 A. 6; vgl. dessen Brief an Alex. v. Hum- 
boldt bei E. Schräder, Keilinschr. u. Geschicbtsforsch. S. 145. G. Colonna-Ceccaldi, 
Rev. archcol. N. S. XXI 16 (1870) bezeichnet, wohl ungenau, die Nordgrenzc des 
alten Hafens als Fundort. Ganz irrig ist die in englischen Werken, z. B. G. Rawlin- 
son, The Five Grcat Monarchie» II (1864) 421; Baker S. 54, verbreitete Angabe, 
dafs das Denkmal von Idalion stamme. Der für die Produktenkunde Cyperns wie 
für das Verhältnis der Insel zu Assyrien höchst interessante Text des Denkmals 
wurde zuerst von G. Smith in der Ztschr. f. ägypt. Sur. IX 68 — 71 ( 1 87 1 ) und 
J. Menant, Annales 108 (ungenügend) veröffentlicht und erfuhr eine gründliche Be- 
arbeitung durch E. Schräder, Die Sargonstele des Berliner Museums. Abhandl. d. 
Bcrl. Ak. d. Wiss. xgg r. 

a ) J. Colonna-Ceccaldi, Rev. arch. N. S. XXV 317 (1873). 

• 1 ) Corp. Inscr. Sem. n. 86. Resef- Mikal hiefs bei den Griechen 'Anöiktav 

*) Vgl. seinen Artikel ,,Die Akropolis von Kition und ein Sanktuarium der 
syrischen Astarte", Ausland 1879 S - 97°— 974. ferner „Unsere Zeit" x88o I 706 f. 
und S. Reinach, Rev. arch. III. S. VI 346 (1885J. 



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204 



Eugen Oberhummer: 



Stadt (PI. 6), aus zwei, von riesigen Monolithen gewölbartig überdachten 
Kammern bestehend, gewöhnlich für eine Grabanlage gehalten 1 ), neuer- 
dings von Ohnefalsch -Richter für ein Quellgebäude erklärt 2 ); ferner 
die Hauptnekropole des alten Kition, S von der Marina gegen den 
Salzsee hin (PI. 10), eine der ergiebigsten Fundstätten für Cesnola's Alter- 
tumsmagazin 3 ) und, wie mich der Augenschein frisch aufgewühlter Gräber 
lehrte, noch jetzt von Schatzgräbern heimlich ausgebeutet; endlich der 
Salzsee 4 ), welchem, wie wir sahen, die moderne Doppelstadt Larnaka 
ihre Entstehung verdankt, und welcher bis in die neueste Zeit noch 
eine reiche Einnahmequelle bildete 6 ), sowie die an seinem westlichen 
Rande stehende Moschee Hala Sultan Tekke, welche bei den Mu- 



*) So besonders von L. Rofs, der die erste genauere Beschreibung davon gab, 
a. a. O. S. 199—201 und Archäol. Zeit. IX (1851) 317 f., T. XXVIII 5. 

*) „Altes Bauwerk bei Larnaka". Arch. Zeit. XXXIX (1881) 311— 314, T. XVIII. 
Vgl. sonst noch Niebuhr S. 22 u. T. III; Kotschy a. a. Ü. S. 291a; Unger-Kotschy 
S. 527-529; Cesnola S. 53 f.; Löher S. 28 f.; Perrot-Chipiez, Hist. de l'art III 275 — 
277; vom Rath a. a. O. S. 23 f. 

3 ) Vgl. Cesnola S. 56; G. Colonna-Ceccaldi , Rev. arch. N. S. XXI 26 f., 

353 f- (»870). 

*) Vgl. über den See und die Salzgewinnung aus demselben Lusignan f. 10 
recto, dessen Schilderung den meisten spateren zur Grundlage gedient hat. Die von 
ihm und seinen Nachfolgern vertretene Behauptung, dafs der See nicht durch Ein- 
dringen von Meerwasser, sondern durch das zur Winterszeit zuströmende Regen- 
wasser gebildet werde, welches sich erst durch Auslaugen des Bodens mit Salz 
sättige, wurde erst durch Gaudry Mem. S. 273 und Unger-Kotschy S. 9 widerlegt. 
Doch suchte neuerdings Baker S. 22 f. die frühere , auch bei den Einheimischen 
verbreiteten Ansicht zu verteidigen. Der gröfsere Umfang des Sees in venezianischer 
Zeit (12—2 Miglien), für welchen man sich auf Mariti (S. 177) zu berufen pflegt, 
wird quellenmäfsig bezeugt durch den Bericht des Provveditore generale Bern. Sagredo 
an den venezianischen Senat vom J. 1562 (bei Mas Latrie Hist. III 554 f.), welcher 
den damaligen Umfang zu 2410 Klafter (passa), die alte Ufcrlinie zu 10 941 Klafter 
angiebt; in 16 Jahren habe der See durch die Staubzufuhr der Winde und die An- 
schwemmungen des Regenwassers um 690 Klafter abgenommen. S. auch den Nachtrag. 

*) Dies hat sich jedoch unter der englischen Verwaltung geändert. — Während 
nach Harn. Lang (S. 260 f., 277J die türkische Regierung aus dem Sal/monopol in 
Cypern eine Einnahme von jährlich 40 000 £ hatte, wovon 25000 £ auf den See 
von Larnaka trafen, und für 27000 £ ausführte (hauptsächlich nach Syrien und 
Konstantinopel), wurden nach der englischen Besitzergreifung die türkischen Häfen 
für die Einfuhr des cyprischen Salzes verschlossen, und letzteres, bei dem Mangel 
eines auswärtigen Absatzgebietes, auf den heimischen Markt beschränkt Im ersten 
Verwaltungsjahre (1879) wurden aU s dem See von Larnaka noch 13 750 Tonnen 
Salz gewonnen, seither meldet jährlich der amtliche Bericht lakonisch „The Salines 
were not worked". Von den vorhandenen Vorräten wurde bis 1884 noch jährlich 
ein kleines Quantum ausgeführt, im übrigen nur für den Bedarf der Insel (1881 — 1887. 
je 3—4000 £) verkauft. Ann. Report by H. M. High Commissioner 1879 S « 10 f. 
»97; dgl- 1880— 1887- 



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Aus Cypern. 



205 



bammedanern als Begräbnisstätte einer Verwandten des Propheten 1 ), 
die mit den Arabern unter Moawia im Jahre 647 auf Cypern gelandet 
und hier gestorben sein soll, in grofser Verehrung steht. 

Von Larnaka nach Nikosia. Die Tafelberge. Ledrai. 

Obwohl Larnaka mit der Landeshauptstadt durch eine gute Strafse 
verbunden ist, bedient man sich doch, da Wagen auf Cypern noch 
eine grofse Seltenheit sind, gewöhnlich des altüblichen Verkehrsmittels, 
der Maultiere, welche in Cypern im allgemeinen von vorzüglicher Qua- 
lität sind 8 ). Leider gehörten die uns in Larnaka zur Verfügung ge- 
stellten Tiere nicht zur besten Sorte, so dafs wir für den sonst in 4 
bis 4'i Stunden zurückzulegenden Weg deren 6 gebrauchten. Die neue 
Strafse führt nicht mehr über Athienu, dem gewöhnlichen Halteplatz 
der früheren Reisenden, sondern direkt auf Pyröi zu, wo sie auf einer 
Brücke den I alias überschreitet. Ehe man noch diese Stelle erreicht, 
passiert man einen ziemlich breiten Höhenzug, welcher die Küsten- 
ebene von dem grofsen centralen Tiefland, der Mesaria, trennt. Dort, 
wo die Strafse ihren höchsten Punkt (820 feet = 250 m) erreicht, eröffnet 
sich plötzlich ein überraschender Anblick. Jenseits der ausgedehnten 
Fläche der Mesaria erhebt sich nämlich, einer gewaltigen, zinnenge- 
krönten Mauer vergleichbar, das Kettengebirge, welches der Nordküste 
in geringem Abstand entlang zieht und mit seinem kühn geformten 
Felskamme an den landschaftlichen Charakter unserer Kalkalpen er- 
innert a ). 

Sobald man indessen von diesem Höhenzug in die Mesaria herab- . 
steigt, deren Erhebung übrigens beiNikosia45o — 500 feet (c. 150m) beträgt, 
wird das Auge durch eine andere charakteristische Bildung gefesselt, die 
eigentümlichen Tafelberge, wie man sie passend genannt hat*). Schon 
Strabo (XIV 6,3) spricht von einem Xoqoe roap?, vyrjlue, rnafiFCofidij^ am 

') Die Angaben Uber die Persönlichkeit der Verstorbenen und ihres Verhält- 
nisses zu Mohammed sind verschieden; s. Lebrun 382, Pococke 213, Mariti 179, 
Scstini 143, Konst. Sinaias bei Sakellarios I 57, Mas Larrie, Chypre 19, v. Hammer, 
Gesch. d. osman. Reich. III' 581, 784 f • 1 H* 4 12 f. Eine Ansicht des Sees mit der 
Moschee und dem Kreuzesberg im Hintergrund giebt Light zu S. 244. 

2 ) Vgl. u. A. Hasselquist, Reise nach Palästina (Rostock 1762) S. 195; Gaudry, 
Rech. S. 202 f.; L'Exploration Bd. VI (1878) S. 333; Cyprus Guide S. 89. 

3) Gaudry (Mcm. S. 159 f.) glaubte den Kalkstein der Nordkette der Kreide, 
Ungcr (S. 21 f.) dem Jura zurechnen zu sollen, ohne dafs die eine oder die andere 
Zuteilung durch Pctrefakten, an denen das Gebirge sehr arm zu sein scheint, er- 
wiesen worden wäre. Hr. Bcrgeat (s. o. S. 183 f. A. 2) hat sich die Losung der 
Zweifel Uber das Alter der Nordkette zur besonderen Aufgabe gestellt. 

*) Am besten hat Unger (S. 52 ff., 435 ff.) darüber gehandelt, während Gaudry 
(Rech. 102) merkwürdiger Weise dieser Erscheinung fast gar keine Aufmerksamkeit 
widmete. Sonst vgl. noch Kinneir 187, Rofs 126 f., Löher 41, J. Sciff, Reisen in 
der asiat. Türkei (Leipz. 1875) 89i Baker 58, 115. 



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206 



Eugen Oberhummer: 



Vorgebirge Pedalion (Cap Greco)'), und auch der heutigen Bevölkerung 
ist die Bezeichnung rnufr^u sowie t/»«'vwik für die rauhe, unfruchtbare 
Oberfläche derselben geläufig. Letztere stellt sich in der That als eine 
vollkommen ebene Platte dar, welche genau in demselben Niveau liegt, 
wie die Deckplatten der benachbarten Tafelberge und sich hierdurch 
als Bruchstück einer festen Gesteinsschicht (zu Konglomerat verkitteter 
Geschiebe) darstellt. Soweit diese schützende Decke nicht zerstört ist, 
hat sich auch die darunter liegende Schicht tertiären Mergels erhalten, 
während diese sonst der Erosion zum Opfer gefallen ist. Man wird 
letztere nicht mit Unger (S. 53) auf Rechnung von Strömungen des 
Meerwassers setzen dürfen, zumal die Entstehung derartiger Inselplateaus 
durch die Wirkungen des süfsen Wassers heute noch zu verfolgen ist; 
so kann man in einzelnen Teilen der Mesaria, wo die Zerreifsung der 
Decken minder fortgeschritten ist, deutlich die von den Wasseradern 
ausgenagten Rinnsale und die beginnende Abschnürung einzelner 
Plateauflächen erkennen 2 ). Aufserdem ist ja auch in einem Gebiete 
gewaltigster Erosion, der Sahara, als Hauptursache derselben durch 
neuere Untersuchungen die Thätigkeit des süfsen Wassers, neben welcher 
die Wirkung der Winde nur in zweiter Linie in Betracht kommt, nach- 
gewiesen und damit die ältere Theorie von der Auswaschung durch 
Meeresfluten widerlegt worden 3 ). In der That stehen die cyprischen 
Tafelberge unter allen verwandten Erscheinungen wohl den „Zeugen" 
oder „Inselbergen" der Sahara am nächsten, obwohl auch hier die 
Analogie keine vollständige ist. Nächstdem möchten wohl die unter dem 
Namen „Mesas" (Tische) bekannten Bildungen in Nordamerika, insbe- 
sondere in Arizona und Neu-Mexiko zum Vergleich heranzuziehen sein 4 ). 

Selbstverständlich ist die äufsere Erscheinung der als Tafelberge 
bezeichneten Gebilde eine sehr verschiedene, je nachdem die Denuda- 
tion mehr oder minder weit fortgeschritten ist. So haben einerseits 
ausgedehnte Plateauflächen, auf welche jener Name keine Anwendung 
mehr finden kann, der weitergehenden Zerstückelung widerstanden 6 ), 
anderseits schrumpft der Rest der festen Oberflächenschicht mitunter 

1) Ich konnte dieses Vorgebirge leider nicht mehr selbst besuchen; doch stimmt 
die engl. Karte vollständig zur Beschreibung Strabo's. S. übrigens den Nachtrag. 

2 ) Man vgl. besonders die Gegend SW von Famagusta auf Bl. 11 der engl. 
Karte. 

3 ) Vgl. Zittel, Beitr. z. Geol. und Paläont. der libyschen Wüste S. 8, 38; Der*., 
Über tlen gcol. Bau der libyschen Wüste S. 17 ff. ; M. Neumayr, Erdgeschichte I 
532 fr. Vgl. auch Rohlfs, Drei Monate in der lib. Wüste T. X (zu S. 271). 

*) Ratzel, Die Vereinigten Staaten I 114 ff. 

& ) So aufser dem o. angeführten Beispiel SW von Famagusta, besonders W 
von Nikosia, wo die Hochfläche von Kokkini Trimithia (Bl. 4 der engl. Karte), 
welche ich auf der Reise von Nikosia nach Soloi Uberschritt, ein charakteristisches 
Beispiel dieser Art bietet. 



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Aus Cypcrn. 



207 



auf ein Minimum zusammen, so dafs die betreffenden Hügel dadurch 
eine konische Gestalt erhalten. Ein bei der Annäherung von Nikosia 
besonders auffallender Tafelberg 7 km OSO von dieser Stadt, auf der 
Karte Arona (s. Nachtrag) genannt, zeigte statt des breiten Pla- 
teaus, das man von unten erwartete, eine Oberflache von 720 Schritt 
Länge bei einer maximalen Breite von 30 bezw. 60 Schritt, während 
sie in der Mitte zu einem schmalen Grat zusammenschwand. Da 
dieser Hügel auf der Karte als trigonometrischer Punkt mit 591,3 F. 
Meereshöhe eingetragen ist, und der an seinem Eufse vorüberziehende 
Teil der Strafse Larnaka- Nikosia zwischen 404,1 und 425,6 F. liegt, 
ergiebt sich hieraus eine relative Erhebung von ca. 175 F. oder 53m. 



Der Lowcnhügel bei Nikosia. 




Ein noch typischeres Beispiel der Tafelbergbildung liefert ein anderer, 
6 — 6li km SO von Nikosia, W von der nach Larnaka führenden Strafse 
gelegener Hügel, Lcondari Vuno (d. i. Löwenberg) genannt, dessen 
Bildung beifolgender Plan nebst Profil veranschaulicht. Dieser Plan 
wurde des archäologischen Interesses halber, welches der Hügel bietet, 



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208 



Eugen Oberhummer: 



auf Veranlassung des Oberingenieurs der Regierung, Hrn. S.Brown, durch 
dessen Hilfsingenieur Hrn. W. Williams aufgenommen, und dem Ver- 
fasser in zuvorkommendster Weise zu weiterem Gebrauch überlassen. 
Nach meiner Abreise setzte Hr. Ohnefalsch -Richter die von mir be- 
gonnene archäologische Untersuchung des Hügels fort und liefe den 
.Plan durch Herrn Topographen Carletti revidieren und ergänzen, 
worauf derselbe nebst zahlreichen archäologischen Abbildungen als 
Taf. I des von Herrn Ohnefalsch - Richter begründeten „Journal 
of Cyprian Studies" 1 ) veröffentlicht wurde. Da indes die Verbreitung 
dieser Zeitschrift naturgemäfs eine beschränkte ist, und auch der 
Bericht von M. R. James über die von ihm als Mitglied der eng- 
lischen archäologischen Expedition im Januar (7.-24.) 1888 unter- 
nommenen Ausgrabungen*) von keinem Plan begleitet ist, glaube ich, 
dafs eine erneute Wiedergabe des Planes an dieser Stelle sowohl wegen 
der typischen Bildung des Hügels als insbesondere wegen der merk- 
würdigen Spuren früherer Besiedelung nicht ohne Interesse ist. 

Wie man aus dem Plan ersieht, zerfällt die Oberfläche, deren Ge- 
samtlänge 680—780 m beträgt, durch eine Einschnürung in der Mitte 
(bis auf 90 m) in eine kleinere nördliche und eine gröfsere südliche 
Hälfte von 220— 370m Breite. Den barometrischen Unterschied zwischen 
der Oberfläche und dem Fufe des Hügels beobachtete ich bei 31 °C. 
zu 4,5 mm, was auf eine relative Erhebung von ungefähr 47 m schliefsen 
läfst und sehr wohl zu der relativen Höhe des benachbarten Tafel- 
berges Arona (s. o.) stimmt, da sich das Terrain vom Hügel zur Strafse 
hin noch etwas senkt 3 ). Die Mächtigkeit der festen Platte beträgt 
4^ — 6 m, und zwar ist der Abfall derselben so steil, dafs er nur mit 
Mühe, bezw. unter Anwendung künstlicher Hilfsmittel erklettert werden 
kann. Nur an der schmalen Stelle in der Mitte ist das Gipfelplateau 
bequem zu erreichen und zwar führt an der W-Seitc von N her eine 
offenbar künstlich hergestellte Rampe empor, ähnlich derjenigen, auf 
welcher man zu dem (östlichen) Hauptthor der Burg von Tirynth ge- 
langt 4 ); der minder deutliche Zugang auf der O-Seite scheint nicht 



*) Bis jetzt 1 Nummer von 14 S. in 4 mit i T. in fol. Das Journal, welches 
von nun an in Berlin erscheinen soll, bildet eine etwas veränderte Fortsetzung der 
früher von Ohnefalsch-Richter in Nikosia herausgegebenen Zeitschrift „The Owl" 
(11 Nummern). 

2 ) Journal of Hcllenic Studies Bd. IX (1888) S. 151—158. Ein kürzerer, im 
wesentlichen gleichlautender, Bericht erschien im Athenaeum 1888 N. 3149 S. 

ein anderer in der Times vom 14. Sept. 1888 (S. 4), hiernach auch im Amer. Journ. 
of Archaeol. Bd. IV (1888) S. 487 f. 

3 ) In dem Bericht der Times wird die absolute Höhe des Hügels zu 520 f. 
(158 m), die relative (wohl zu niedrig) zu 130' (40 m) angegeben. 

4 ) Doch mit dem Unterschied, dafs in Tirynth die Angreifer den Verteidigern 
die rechte, unbeschildete, hier die beschildetc Seite zuwandten. Auch sonst er- 



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Aus Cypern. 



209 



als regelmäfsige Verbindung gedient zu haben. Beide münden vor 
einer antiken Anlage, welche von den früheren Reisenden merkwürdiger- 
weise ganz übersehen wurde. Der einzige, welcher meines Wissens 
der Ruinen gedenkt, ist Lebrun (1683), dessen Worte ich deshalb hier- 
her setze 1 ): „Nous quittdmes la ville de Nicosie, dont riest pas e/oignee ia 
petitc montagne d'oü Von apporte /es huitres petrifiees*). — Cette montagm 
est pourtant un peu hin du grand chemin (nach Larnaka). Nous rencon- 
irdmes lä p/usieurs villages et /es ruines d'un grand bdliment quarre dont 
on voit encore Veneeinte des murailles." Aus den letzten Worten geht 
auch hervor, dafs Lebrun in der Hauptsache nicht viel mehr gesehen 
hat, als noch jetzt erkennbar ist. Es wird nämlich der nördliche Teil 
des Plateaus durch eine Befestigung abgeschlossen, welche dasselbe 
an der schmälsten Stelle überquert und aus zwei turmartigen, nach S 
vorspringenden Gebäuden besteht, welche durch eine Mauer (sog. Kur- 
tine) verbunden sind. Der W-Turm, nach James von den Einheimischen 
als „Kreuzfahrerkirche" bezeichnet 3 ), ist weit besser erhalten und 
weist aufser dem bis zur Höhe von 3— 3^ m erhaltenen Mauerkern aus 
unregelmäfsigen Steinen noch ansehnliche Reste von dessen doppelter 
Verkleidung auf, welche im Innenraum durch regelmäfsige glatt be- 
hauene Quadern, an der Aufsenseite durch kräftige Rustikablöcke ge- 
bildet wurde 4 ). Leider ist gerade diese Hausteinverkleidung, welche 
dem ganzen Bauwerk einst einen prächtigen Anblick gewährt haben 
mufs, zum gröfsten Teil der Bevölkerung der Umgegend, besonders 
von Nikosia, zum Opfer gefallen, wo anfangs der siebziger Jahre zahl- 
reiche Rustikablöcke zum Neubau der Kirche H. Phaneromeni ver- 
wendet wurden (James) 5 ). Der Augenschein lehrte mich, dafs noch 
kurz vor meinem (zweimaligen) Besuche Blöcke entfernt worden waren, 
und da eine Aufsicht nicht durchzuführen ist, werden wohl bald die 



innerten mich die Spuren früherer Besiedelung auf dem LöwenhUgel vielfach an 
Tirynth, eine Beobachtung, die Sich in gleicher Weise dem Berichterstatter der Times 
aufdrängte. 

>) A. a. O. S. 380 b a. E. 

a ) Versteinerte Austern findet man in grofscr Zahl an diesen und den be- 
nachbarten Hügeln. 

8 ) Es mag noch erwähnt sein, dafs die englische Karte dieser Ruine den 
Namen Ezdarha (wohl pers.-türk. L^j^'l azdcrha Drache, fig. Held; vgl. die 

griechische Bezeichnung „Löwenberg 44 ) giebt. 

<) Zu näherer Erläuterung vgl. den Spczialplan der Befestigung und die hübschen 
Profile auf der Tafel des Journ. Cypr. St., welche hier, wie andere architektonische 
Einzelheiten, wegbleiben mufsten. Aus dieser Tafel, sowie aus den Berichten von 
James, sind auch die genaueren Mafsverhältnissc zu entnehmen. 

5 ) Über die Geschichte der Ruine ist sonst nichts bekannt, ab dafs sie den 
Türken eine Zeit lang als Pulvermagazin diente (James). 



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210 



Eugen Oberhummer: 



letzten Reste der Verkleidung verschwinden. Über das Alter dieser 
Befestigung sind die Meinungen sehr schwankend. Man hat auf phö- 
nizischen, hellenischen, römischen und mittelalterlichen Ursprung ge- 
raten. James neigt sich der letzten, nicht ganz unwahrscheinlichen An- 
sicht zu; doch möchte ich betonen, dafs mir der Charakter des Mauer- 
werks, besonders der Rustikaverkleidung, antiken Ursprung keineswegs 
aus/.uschliefsen scheint. Von den Stadtmauern Messenes z. B. unter- 
scheidet sich diese Rustika nur durch die Anwendung von Mörtel, 
welche aber in Cypem viel früher stattgefunden zu haben scheint, als 
in Griechenland. 

Doch sei dem wie immer, jedenfalls ist sicher, dafs die beschriebene 
Ruine einer jüngeren Periode angehört, als die zahlreichen Spuren 
ältester Besiedelung, welche das ganze Plateau N von der Befestigung 
bedecken. Dieser ganze Teil des Plateaus wird nämlich von Grund- 
mauerlinien aus unbehauenen Steinen ohne Mörtel durchzogen, welche 
zum gröfsten Teil Wohnhäusern angehört haben müssen, deren Ober- 
bau vielleicht aus luftgetrockneten Ziegeln oder sonst einem vergäng- 
lichen Material hergestellt war. Besonders bemerkenswert ist eine 
Grundmauerspur, welche nördlich von der späteren Hauptbefestigung 
mit dieser annähernd parallel läuft und an dem einen Ende noch deut- 
lich einen nach S vorspringenden Turm erkennen läfst. Die Ab- 
sperrung des nördlichen Teiles hatte also in ganz gleicher Weise schon 
in der älteren Periode stattgefunden und war die Befestigung später 
nur etwas weiter nach S vorgerückt worden. Dagegen zeigt der 
Rand des Plateaus nirgends auch nur die geringste Spur einer Befesti- 
gung; man hatte sich durch den Steilabfall hinreichend geschützt 
erachtet oder den Rand höchstens durch Pallisaden oder Erdwälle 
gedeckt. 

Das Merkwürdigste innerhalb des so abgeschlossenen Raumes sind 
jedoch sechs rechtwinklig in den Fels gehauene Vertiefungen, welche 
offenbar als Wasserbehälter dienten und, wenn auch in kleineren Ver- 
hältnissen, auffallend an die künstlichen Teiche Syriens und Palästinas 
erinnern, wie sie insbesondere für das Stadtgebiet von Jerusalem so 
charakteristisch sind. Hiervon liegen drei in unmittelbarer Nähe des 
Festungswerks (1—3 auf dem Plan); dieselben („tanks") sind nur von 
geringer Tiefe. Weit ansehnlicher an Umfang und Tiefe sind die 
beiden mitten am Plateau gelegenen (PI. 4 u. 5), an deren Anlage je 
ein Steinhaufen („cairn", PI. 7 u. 8) erinnert. Einige Rustikabiöckc zeigen, 
dafs das hier gewonnene Material an Ort und Stelle für die Befesti- 
gung bearbeitet wurde, letztere also gleichzeitig oder jünger als die 
Cisternen sind. Der dritte der drei gröfseren Wasserbehälter („shafts", PI. 
6), ist besonders durch seine beträchtliche Tiefe (s. den Querschnitt) be- 
merkenswert, welche jetzt (nach James) 39 feet beträgt, aber noch mehr 
als 10 feet unter die aufgeschüttete Erde hinabreicht. 



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Aus Cyporn. 



211 



Aufserdem enthält das nördliche Plateau noch zwei niedrige Erd- 
hügel („mounds*-, PI. 9 u. 10); den gröfseren derselben (9) liefs James 
angraben und fand darin nebst keramischen Erzeugnissen verschiedener 
Art und Spuren von Holzkohle auch sog. Mahlsteine (Kornquetscher), 
wie sie nach Schliemann in Troia zum Mahlen des Getreides oder zum 
Schärfen von Werkzeugen dienten 1 ). 

S von der Hauptbefestigung zieht mit dieser parallel eine breite gra- 
benartige Vertiefung, in welche auch die von NW hcrauffuhrende Rampe 
einmündet; sie ist jetzt zum grofsen Teil mit Bautrümmern angefüllt, 
unter denen ich ein kaum zu verkennendes dorisches Kapital und einen 
Säulenschaft bemerkte; dies würde, ebenso wie die Rustikablöckc bei 
den Cisternen, ftir einen antiken Ursprung auch der jüngeren Befesti- 
gung sprechen. 

Der ganze übrige Teil des Plateaus, von diesem Graben südwärts, 
ist ohne alle Spuren von Befestigung oder Wohngebäuden ; nur in der 
SW-Ecke findet sich ein wüster Steinhaufe, in welchem James die Reste 
eines rohen Bauwerks, etwa eines Wachtturmes, erkennen wollte. Ich 
habe lediglich den Eindruck eines verlassenen Steinbruchs davon er- 
halten. Dagegen enthält dieser Teil des Hügels zahlreiche Gräber, 
welche nach antiker Sitte regelmäfsig aufserhalb der Umfassung eines 
bewohnten Platzes lagen. Dieselben sind teils in den Felsen gehöhlt, 
teils in der Erdschicht angelegt, welche die Oberfläche des letzteren 
stellenweise bedeckt*). 

Von diesen Gräbern wurde eine Anzahl sowohl durch Herrn 
Ohnefalsch-Richter 3 ) als durch Herrn James geöffnet, wonach das Alter 
der Ansiedelung auf dem Löwenhügel nicht mehr zweifelhaft sein kann. 
Der Inhalt der Gräber, sowohl Terrakotta- als Bronzegegenstände, auf 
deren nähere Charakteristik hier natürlich nicht eingegangen werden 
kann, führt uns nämlich bis in die älteste Periode cyprischer Kultur, 
die sogenannte vorphönizische Zeit zurück, auf welche auch die in 
Verbindung mit den ältesten Mauerresten des nördlichen Teiles gefun- 
denen Gegenstände hinweisen. 

Wesentlich erhöht wird der Wert dieser archäologischen Ergeb- 
nisse durch ihre Übereinstimmung mit den Ausgrabungen von H. Pa- 
raskevi, einer der merkwürdigsten Nekropolen Cyperns, kaum V Stunde 
S von Nikosia gelegen, deren hohes Alter schon Cesnola erkannte 
(S. 216). Seitdem nun durch Hrn. Ohnefalsch-Richter u. tt. eine grofse 
Zahl von Gräbern derselben geöffnet worden sind 4 ), ist ein reiches 

1) Vgl. Schliemann, Ilios 8. 168 ff, 49a f.; Troia S. 50 f. 

2 ) S. die Erläuterung von James a. a. O. S. 156. 

*) Vgl. dessen (noch unvollendete) Abhandlung „Ledrai-Lidir and the Copper- 
Bronzc Age" im Journ. Cypr. St. N. 1 mit T. I u. II. 

*) Über II. Paraskevi vgl. Ohnefalsch-Richter im Repertor. f. Kunstwis?. IX 



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212 



Eugen Oberhummer: 



Material zu Tage gefördert worden, welches das Vorhandensein eines 
Bevölkerungscentrums in dieser Gegend für die früheste Zeit aufser 
Frage stellt. Es knüpft sich hieran die Frage nach der Vorgeschichte von 

Nikosia, 

der Hauptstadt der Insel, welche ich hier des historisch-geographischen 
Interesses halber wenigstens andeutungsweise berühren will, die Ver- 
öffentlichung des vollständigen Quellenmaterials einer andern Gelegen- 
heit vorbehaltend 1 ). 

Nikosia, wie sie von den Abendländern, oder Levkosfa, wie 
sie von den Griechen genannt wird 2 ), erscheint uns heute vermöge 
ihrer geographischen Lage als die geborene Hauptstadt Cyperns. In 
der Mitte des fruchtbarsten Teiles der Insel, der Mesaria, zwischen den 
beiden Hauptgebirgen in N und S und nahe der Wasserscheide der 
beiden bedeutendsten, die Mesaria nach O und W durchziehenden 
Flufssysteme gelegen, von den Häfen der S, O, N und NW-Küste in 
\ — i Tage erreichbar, scheint Nikosia alle Bedingungen zu besitzen, 
welche von vornherein die Entwickelung eines politischen und kulturellen 
Mittelpunktes begünstigten. Gleichwohl tritt die Stadt erst unter dem 
Königsgeschlecht der Lusignans (1192 — 1489) in den Vordergrund, um 
sich von nun an unbestritten als Haupt der Insel zu erhalten. Hin- 
gegen erwähnt kein Schriftsteller des klassischen Altertums, wenn man 

(1886) 199 f., 323 f., 317; F. Dümmlcr in Mitteil. d. Deutsch. Archäol. Inst. XI 
(x 886) 112 f.; S. Reinach in Rev. arch. III. S. IV (1886) 16 f.; A. II. Saycc in 
Academy XXXIII (1888) S. 102. 

•) Ein im Entwurf bereits fertig gestellter Aufsatz Uber die lilteste Geschichte 
von Nikosia, die Wandlungen des Namens der Stadt und ihr Verhältnis zu Lcdrai 
ist für die nächste Nummer des Journ. Cypr. St. in Aussicht genommen. 

2 ) Lusignan fol. 14 verso: / Latini la chiamano hora Nicosia, ma i Greci 
Leucosia. Die Form Nikosia ist demgemäfs auch nicht vor 1200 n. Ch. nach- 
zuweisen, zuerst bei Wilbrand von Oldenburg, der uns aus dem J. 1211 eine kurze, 
aber wertvolle Schilderung der Stadt (in den Hdschr. Cossia) hinterlassen hat 
(I 28 Laurent, in Peregrinat. med. aevi IV. Lips 1864, auch einzeln, Hamburg 
1859). Ihr Ursprung ist wohl in der mindestens bis zum 13. Jahrh. gebrauchten 
Nebenform Kallini kos zu suchen, s. die von Lambecius (Biblioth. Oicsar. VIII 
311, * 66 3 ) nach einer Wiener Hdschr. herausgegebene Lebensbeschreibung des hl. 
Spyridon von ifischof Theodor von Paphos (um 400 n. Ch.): TQttpvkUov Irttaxönov 
tjjc KttkXiwxqOftoy nolttat *,iot Atvxiav Ohuv; ferner das Leben des Triphyllios in Acta 
Sanctorum (Originalausg.) Jun. 13 t. II p. 682 F: TgnpvkXiov tmaxofiov Atvxtaaias 
rqc vvv fiijTQon6lno( Kvtiqov, p. 683 B: KakkivtXTjtsaitoy ftiv np»V, vvv di Atvx»$~ 
ff/«ff npo^*p»'C«r<»» fitjTQonöktais xiL, endlich die Autobiographie des Kpler Patriarchen 
Georgios (Gregorios) von Cypern (f 1290), der von sich sagt (Georg. Cypr. vita 
auet. de Rubeis, Venet. 1753 p. I s. r auch bei Migne, Patr. Gr. t. 142 col. 18 ss.): 
fis rtiv Kalhytxtaiuty nlttovof nnuftvattog fvfxtv ni/unnat. 



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Aus Cypern. 



213 



von einer wahrscheinlich interpolierten Stelle des Ptolemaeus absieht 1 ), 
eine Stadt in dieser Gegend, während anderseits an der Hand spär- 
licher, meist der kirchlichen Literatur angehörender Zeugnisse sich die 
Existenz von Nikosia bis in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrech- 
nung zurück verfolgen läfet 2 ). Von diesen Zeugnissen nun leitet uns 
eine Gruppe, die sich auf den Bischof Triphyllios (4. Jahrh.) bezieht, 
hinüber auf eine ältere Stadt, welche als Vorgängerin von Nikosia als 
Bevölkerungscentrum der Mesaria betrachtet werden mufs. Ks geht 
aus den einschlägigen Stellen 3 ) nicht klar hervor, ob Ledroi (oder 
Ledrai), so hiefs diese Stadt, genau die Stelle des späteren Nikosia 
einnahm, oder ob, bei geringer Entfernung beider Orte, nach Verö- 
dung des ersteren der Bischofssitz auf letzteren übertragen wurde. 
Sicher ist, dass nach einer alten, für die Topographie Cypems über- 
aus schätzbaren Quelle, den Akten des Apostels Barnabas 4 ), Ledroi 

') Bei Ptol. geogr. V 13 p. 362 Wilb. (14 § 6 Nobbe) steht allerdings im cod. 
reg. Paris 1401 (saec. XIV) „ itvxovaa tv a£jrj x«i nont/Aoc //»cfirtio«" unter den 
Binnenstädten der Insel; da aber die Stelle in den Übrigen Hdschrn. fehlt, und auch 
kurz vorher (p. 361 \V. § 4 N.) die Namen Ntptaöq und '^lo/cuaro? offenbar 
von jüngerer Hand hinzugesetzt sind, so liegt es nahe auch hier an eine Interpola- 
tion durch einen ortskundigen Überarbeiter zu denken. Sonst findet sich ,/tvxovaia 
zuerst in den Städtelisten bei Ilierocl. 707, 3 Parth. (c. 530 n. Ch.) und Const. 
Porph. them. I 15 (c. 950 n. Ch.); Atvxtaaia erst in den vulgärgricchischen Chroniken 
(Lcont. Mach. etc.). Statt Atvxovoia gebraucht Micron, vir. £11 . 92 die Form 
„Lcucotheon", Sophron. ib. Atvnüv, Theod. vit. Spyr. (s. o. A. 2) Atvxoi Btoi (?)• 

2 ) S. die vorhin angeführten Belegstellen. Für die letzte Zeit byzantinischer 
Herrschaft kommt besonders die schon o. S. 193 A. 11 angeführte Stelle der Ann. 
Comn. Alex. IX 5 in Betracht, aus welcher hervorgeht, dafs „Leukusia" unter der 
Regierung des Kaisers Alexios I Komnenos (108 1 — 11 18) Hauptort der Insel und 
Residenz des Empörers Rhapsomates war; von dort vollzog sich auch die Wieder- 
unterwerfung Cypcrns. Diese Bedeutung als Vorort mufs die Stadt im Laufe des 
11. Jahrh. errungen haben, da noch Kaiser Konstantin VI Porphyrogcnnetos (reg. 
911 — 959) a. a. O. Constantia (das alte Salamis) als fujigonolts nennt und Leuk. 
an untergeordneter Stelle aufführt. 

3 ) Aufscr Theod. Paph. und Act. Triph. 11. 11. Hieron. vir. ill. 92: Triphyllius 
Cypri Ledrensis sive Lcucotheon episcopus ; Sophron. ib. 7\>#</>., Kvjiqov Aq&pov tjrot 
Afvtftoroe tniaxonos; Sozom. I 11, 35 T$nf vlUov iov AufQiSv (nfoxonor, ebenso 
bei Niceph. Call. VIII 42 (Migne P. Gr. t. 146 col. 165). 

«) Hauptquclle für die Geschichte des Barnabas ist die Lebensbeschreibung, 
welche den Namen des Marcus, eines seiner Begleiter trägt, und spätestens im 5. 
Jahrh. abgefafst ist, s. O. Braunsberger, Der Apostel Barnabas (Mainz 18/6) S. 6. 
Sie wurde zuerst nach einer Hdschr. des Vatikans von dem Bollandisten Dan. Papebroch 
herausgegeben (Act. Sanct. Jun. 11 t. II p. 431 — 436), neuerdings mit Heranziehung 
einer (älteren) Pariser Hdschr. von Konst. Tischendorf, in dessen Acta apost. 
apoerypha (Lips. 1851) S. 64 — 74. Die für Ledroi wichtige Stelle, welche die Rück- 
sicht auf den Raum hier abzudrucken verbietet, steht p. 73 Tisch. Mit ihr stimmt 
bezüglich der Lage von Ledroi auch ein Bericht Uber Barnabas in den Akten des 
Auxibios Uberein (Act. Sanct. Febr. 19 t. III p. 125 §4). 



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214 



Küpen Oberhummer: 



jedenfalls in der Gegend von Nikosia gesucht werden mufs, welche 
Stadt dem Verfasser dieser Schrift noch nicht bekannt ist. 

Auf dieses Ledroi nun, welches, den klassischen Schriftstellern 
fremd, erst in der kirchlichen Literatur auftaucht, fällt ein überraschendes 
Licht durch eine Tributliste der assyrischen Könige Assarhaddon 
(681-668) und Assurbanipal (668 26), von welcher zuerst aus den 
Fragmenten zweier Thonzylinder des britischen Museums George 
Smith 1 ) und nach ihm J. Mtmant*) und Fox Talbot Ä ) einen unge- 
nügenden, dann auf Grund eines bald nachher von Hormuzd Rassam 
in Ninivch gefundenen weiteren Assurbanipalzylindcrs von selten 
schöner Erhaltung E. Schräder einen vollständig sicheren Text ge- 
geben hat 4 ). Unter 10 cyprischen Stadtkönigen steht dort (an 9. 
Stelle) U-na-sa-gu-$u sar mat Li-di-ir, d. i. Unasagusu (griechischer 
Name?), König von Lidir. Wäre ein Zweifel möglich, dafs unter 
diesem Lidir bereits das Ledroi der späteren Literatur zu verstehen 
sei, so müfste er vollständig durch die Thatsache behoben werden, 
dafs die Nekropolc von H. Paraskevi und die Gräberfunde des 
Löwenhügels unwiderleglich das Vorhandensein einer städtischen 
Niederlassung in der Gegend von Nikosia weit früher als im 7. Jahrh. 
v. Ch. bezeugen und die assyrische Oberherrschaft über dieselbe, ab- 
gesehen von dem assyrisierenden Charakter eines Teiles der Fund- 
gegenstände, durch einen von H. Paraskevi stammenden Keilschrift- 
zylinder bestätigt wird 5 ). Ich nehme auf Grund dieses Beweismaterials 
keinen Anstand, im „Löwenhügel", wie auch Ohnefalsch-Richter ver- 
mutete, die Akropolis von Ledroi zu sehen und dieses als die Vor- 
läuferin von Nikosia 6 ) zu betrachten, das nach der Verödung der 



*) History of Assurbanipal (London 1871) S. 31 f., 17 f. 
*) Annales de« rois d'Assyrie S. 145. 
3 ) Records of the Past III 108. 

*) Zur Kritik der Inschriften Tiglath Pilescr's II, des Asarhaddon und des 
Asurbanipal (Abhandl. d. Berl. Ak. 1879) S. 31 ff. 

5 ) Veröffentlicht von C. Bezold in der Ztschr. f. Keilschriftforschung II (1885) 
191-193. 

fi ) Die Identität von Ledroi und Nikosia behauptete bereits Lusignan (fol. 14 b, 
cf. fol. 38 a, 49 b), und nach ihm Dandini a. a. O. S. 23, freilich ohne andere Ge- 
währ als die Stelle des Hieronymus (s. o.). Dtyin was Lusignan von Überresten 
der alten „Letra", besonders des Kastelles sagt, scheint sich auf das byzantinische 
„Leukusia" zu beziehen. Von Ruinen aus dem Altertum ist in Nikosia selbst, 
abgesehen von einem als Brunneneinfassung benutzten Sarkophag (s. meine ,, In- 
schriften" a. a. O. S. 314 ff.) meines Wissens nichts zu sehen. Ebenso wenig lieferte 
eine von mir auf Veranlassung S. Exc. des Hochkommissärs vorgenommene Unter- 
suchung der Stätte von „Eski Schehr" („Altstadt"), ca. 12 km O von Nikosia an der 
Strafse nach Famagusta, ein Ergebnis; ich fand dort nur lose Steine und Spuren von 
Mauerlinien, welche höchstens von einem ganz unbedeutenden Orte herrühren können. 



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Aus Cypern. 



erstercn Stadt im 3. oder 4. Jahrb. unserer Zeitrechnung an der jetzigen 
Stelle emporwuchs. 

Nikosia ist, wie erwähnt, auch unter den Türken, welche sie 
Lefkuscha nennen 1 ), Hauptstadt der Insel geblieben. Dieser Umstand 
hat in erster Linie der Stadt ihr heutiges Gepräge gegeben, als dessen 
Eigentümlichkeit eine selten gleichmäfsige Mischung von christlichen 
und mohammedanischen, von romantisch -mittelalterlichen und echt 
orientalischen Elementen bezeichnet werden kann. Nach dem Census 
von 1881 halten sich beide Hauptkonfessionen nahezu die Wage 2 ), und 
ebenso kommt die Zwitterstellung Nikosias in ihrer architektonischen 
und landschaftlichen Erscheinung zum Ausdruck, wie sie wohl am 
treffendsten von Erzherzog Ludwig Salvator von Toskana in dessen leider 
nur wenig verbreiteten Monographie 5 ) mit folgenden Worten gezeich- 
net worden ist: „Wenn man nach dem Ersteigen sanfter Hügelwcllen 
Levkosia mit ihren schlanken Palmen und Minareten und die malerische 
Gebirgskette in deren Hintergrunde auf der sonnverbrannten Ebene 
von Cypern zum erstenmal auftauchen sieht, so glaubt man ein Bild 
aus tausend und einer Nacht in Wirklichkeit vor Augen zu haben. 
Ein Juwel von Orangengärten und Palmenbäumen in der baumlosen 
Gegend, eine vermöge ihrer Wälle durch Menschenhand geschaffene 
Oase. Und so wie der Gegensatz zwischen Stadt und Umgebung 
scharf und grell hervortritt, ebenso macht sich auch der Geist des 
Widerspruchs in der Stadt selbst geltend. Venetianische Festungs- 
werke und gotische Hauten, die nun der Halbmond krönt, auf antikem 
klassischem Hoden: Türken, Griechen, Armenier bunt durcheinander 
gemengt, unter einander verfeindet, aber durch gemeinsame Liebe zu 
der nun Allen gleich heimischen Scholle vereinigt". Wie so mancher 
Reisende vor mir, von denen einer den Anblick von Nikosia sogar 
mit dem von Schiras vergleicht, ja ihn über denselben stellt 4 ), war auch 



1) Hadschi Chalfa a. a. O. 

2 ) Nach Cyprus Guide S. 139 5397 Mohammedaner und 5653 Griechen bei einer 
Gesammtzahl von 11 513 Bewohner. Der amtliche Ccn>usbcricht (s. o. S. 198 A. 4) 
giebt letztere zu II 536 an. 

3 ) Levkosia, die Hauptstadt von Cypern. Prag, Druek und Verlag von Ileinr. 
Mercy. 1873» 4- (X) 89 S. 12 T. Anonym. Nicht im Handel und selten zu rinden. 
Das von mir benutzte hxcmplar verdanke ich der Bibliothek der Ge*. f. Krdk- 
Obige Worte sind der Vorrede entnommen. Kine andere Monographie von L. de 
Mas Latrie (Nicosic, ses souvenirs historiques et sa .Situation presente. Paris 1847) 
konnte ich trotz wiederholter Bemühungen bis jetzt durchaus nicht auftreiben. Selbst- 
verständlich ist auch in fast sämtlichen Reisewerken über Cypern der Schilderung 
von Nikosia mehr oder weniger Raum gewidmet; eine der anziehendsten und leichtest 
zugänglichen findet man bei Löher S. 46 ff. Vgl. Nachtrag. 

*) Kinneir a. a. O. S. 1 8 7 f . : „It made a fine appearance, and bore a striking 
re-emblance to Shiraz in Persia, when that beautifid city i- fir>t «een 011 issuing from 
Zciuchr. d. Oetellsch. f. Krdk. lid. XXV. I (J 



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216 



Eugen Oberhummer: 



ich von dem ersten Kindruck freudig überrascht, den ich von der 
letzten Anhöhe aus erhielt, welche die Strafse von Earnaka überschreitet. 
Die Sonne war eben unter den Horizont gesunken, und die Umrisse 
der Stadt mit ihren venezianischen Festungswällen, den Minarets neben 
dem gotischen Dome, den das ganze Bild belebenden Phoenixpalmen, 
deren malerische Wirksamkeit in dieser architektonischen Umgebung 
doppelt hervortritt, hoben sich mit wunderbarer Schärfe von der Farben- 
pracht des Abendhimmels ab; so gestaltete sich mir der erste Eindruck 
von Nikosia zu einem der unvergcfslichsten, stimmungsvollsten Bilder, 
das sich mir je im Orient bot, ebenbürtig dem oft beschriebenen und 
doch nie in Worten zu erschöpfenden Eindruck, den die Betrachtung 
des Sonnenuntergangs an den Ufern des Nil in Oberägypten gewährt. 

Über die Zeit meines Aufenthaltes in Nikosia, wo ich in Erman- 
gelung eines Gasthauses die Gastfreundschaft des Herrn Ohnefalsch- 
Richter in Anspruch nahm, kann ich wohl kurz hinweggehen, da mir eine 
Beschreibung der Stadt hier ferne liegt. Vermöge eines Empfehlungs- 
schreibens des diplomatischen Vertreters Englands in Kairo, Sir Evelyn 
Baring, erhielt ich Zutritt bei Seiner Excellenz dem High Commissioner Sir 
Henry Bulwer, welcher mir ebenso wie die übrigen Beamten der Insel, 
insbesondere der die höchste Stelle nach dem High Commissioner be- 
kleidende Chief Secretary to Government, Colonel Falk Warren, das 
wohlwollendste Entgegenkommen erwies und mich mit weiteren Empfeh- 
lungen nach den übrigen Teilen der Insel ausstattete 1 ). Anderseits 
wurde ich durch den Direktor des griechischen Gymnasiums in Nikosia, 
Hrn. Eustathios Konstantinides, welcher in Deutschland studiert hat, 
beim Erzbischof eingeführt, dessen hierarchische Stellung in so fern 
eine aufsergewöhnlich hohe ist, als die Kirche Cyperns seit Justinian I. 
das Vorrecht der Unabhängigkeit geniefst s ). In Nikosia traf ich auch 
die Vorbereitungen zu meiner Reise durch die Insel, welche mir zu- 
nächst über die historisch und landschaftlich merkwürdigsten Punkte eine 
vorläufige Übersicht gewähren sollte. Wider Erwarten reichte nicht 
einmal hierzu mein (6 wöchentlicher) Aufenthalt vollständig aus, indem 
ich schlicfslich den gröfsten Teil der Nordküste sowie insbesondere 



the Korges of the mountains, behind the tomb of Hafiz. — But the fine cathedra] 
of St. Sophia, towering over the heads of all the other huildings, combined with 
the extent and solidity of the walls and bastions, gives an air of grandeur to Nicosia 
which Shiraz cannot emulate". 

x ) Die Inselregierung hat ihren Sitz nicht in der Stadt, sondern c. km SW 
ausserhalb derselben in einem eigens hergestellten Gebäude. Das aus England hierher 
geschaffte Wohnhaus für den High Commissioner liegt in derselben Richtung c. % km 
von der Stadt entfernt. 

I ber die kirchlichen Verhältnisse Cyperns handelt '/uL /Wpyioc, ElJqanq 
iatoutxni ntoi r»;c txxkqoiat Kvnnov. \4Sqfi)atv 1 875. 

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Au« Cypcrn. 



217 



die bis zum Vorgebirge des h. Andreas 1 ) sich erstreckende Halbinsel 
Karpaso 2 ) unbesucht lassen mufste. Bei dem Mangel an anderen Ver- 
kehrsmitteln als Reittieren fällt eben doch das beträchtliche Areal Cyperns, 
welches mit rund 174 Q.-M. (9600 qkm) 3 ) demjenigen von Kärnthen 
oder Krain fast gleichkommt, stark ins Gewicht. Man reist, wie schon 
erwähnt, gewöhnlich mit Maultieren, deren Eigentümer, Kiradschis 4 ) 
genannt, fast alle aus dem Dorfe Athienu stammen. Ich hatte für 
unsere Reise um den Preis von 7sh. täglich 5 ) drei Maultiere gemietet, 



>) Im Altertum Akra (Stad. mar. m. 307, 315; Str. XIV 6, 3) genannt, nicht 
Dinareium, wie in Büchern und auf Karten zu lesen; dieser Name ist lediglich 
einem Mifsverständnis in der hdschrl. Überlieferung von Plin n. h. V § 119 ent- 
sprungen, wozu der kritische Apparat in den Ausgaben von Dctlefsen und Jan zu 
vergleichen. 

2 ) Die beste Auskunft über diesen interessanten, aber nur sehr selten besuchten 
Teil Cyperns verdankte man früher den gehaltvollen Berichten von P. Schröder im 
Globus Bd. 34 (1878) S. 152-156, 167 — 172, 183 — 186. Neuestens hat sich der 
englische Archäologe D. G. Hogarth dieses entlegenen und vernachlässigten Teiles von 
Cypcrn angenommen, wie ich aus seinem mir kürzlich zugegangenen Buche ,,Üevia 
Cypria" (London 1889) ersehe. 

3 ) Es ist kaum glaublich, welche Verwirrung bezüglich des Flächeninhaltes von 
Cypern in der Literatur herrscht. Schwanken doch die Extreme zwischen 127, 8 (Klöden 
II 1 1192) und 400 (Engel I 29, nach Mannert) Quadratmeilen! Im allgemeinen sind 
die älteren Ziffern viel zu hoch, so 350 bei Daniel I 1 222, 340 in Ritters Lex. 
(4. u. 5. Aufl.), 250 bei Daniel l 2 239 u. Stein- Wappäus II 7 3, 886a. Die erste annähernd 
richtige Berechnung lieferte Unger (172197 Q.-M., S. 1); trotzdem ist sein Gefährte 
Kotschy in demselben Buche zu der exorbitanten Zahl 400 zurückgekehrt und hat darauf 
sogar seine Verteilung der Vegetationsformen gegründet (S. 119)! Löher vergleicht 
wiederholt (S. 127, 172, 247) Cypern mit dem Königreich Württemberg (354 Q. M.). 
Über die verschiedenen neueren Berechnungen vgl. Geogr. Jahrb. I 1866 S. 58 A. 2 
N. i, II 1868 S. 484; Peterm. Mitteil 1868 S. 149 a; Behm und Wagner, Bevölk. 
d. Erde VI S. 276, VII S. 23. Die amtliche, dem Census zu Grunde liegende An- 
gabe ist 3723 sq. m. (= 9642 qkin = 175, 11 Q.-M.). Eine genaue Ausmessung 
auf Grund der neuen englischen Karte ist mir nicht bekannt. 

*) D. i. ^^f^,.^ „Vermieter", von ar. .»Mietung" wenn nicht etwa 

vardreht aus ^ »s^ £ak katyrdschy „Maultiertreiber", von pers.-türk.^J^'ö (auch 
katyr „Maultier". 

R ) Den Grundstock des Geldumlaufs in Cypern bildet englisches Gold und 
Silber. Als Scheidemünze dient der cyprischc Piaster (9 P. = i sh.), eine Kupfermünze, 
die etwas gröfser ist als ein Penny oder ein ZweisousstUck. Er zerfällt rechnerisch 
in 40 Para, wird aber nur in \ t ^ und '4 Stücken ausgeprägt. Dieses Zwitter- 
system verursacht manche Verwirrung, da die cyprischc Piasterrechnung einerseits 
mit den türkischen Piastern, deren etwa 5^ auf den Schilling gehen, und nach denen 
auch in manchen Teilen der Insel noch thatsächlich gerechnet wird, anderseits mit 
der Duode/imalteilung des Schillings (6 und 3 Penee-Stücke) kollidiert. 

16* 



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218 



Eugen Oberhummer: 



von denen zwei als Reittiere für Herrn Ohnefalsch -Richter und mich 
dienten, das dritte den gröfsten Teil des Gepäckes und den Kiradschi 
trug. Diese Verteilung hatte den Vorteil, dafs wir mit Zurücklassung 
des Gepäckes in rascherem Tempo unserem Ziele zueilen konnten, eine 
nicht zu unterschätzende Annehmlichkeit gegenüber der Art des Reisens 
z. B. in Griechenland, wo der Agogiate zu Fufs mitläuft und das ge- 
wöhnlich ziemlich beladene Pferd meist nur im Schritt geht. Dazu 
sind die cyprischen Maultiere, ebenso wie die syrischen Pferde, ge- 
wöhnlich auf Pafsgang (poriantc) eingeschult, welche Gangart weniger 
ermüdet und ebenso fördert als Trab. 

Von Nikosia nach Soloi und der Tylliria. 

Wir verliefscn am 28. April Morgens Nikosia und überschritten gleich 
aufscrhalb der Stadt den Pidias (1 frfiidg, bei Ptol. V 14,3; 6 Ihdtaioj), 
welcher, obwohl er der bedeutendste Flufs der Insel ist, nur ganz wenig 
Wasser enthielt; die weiter westlich gelegenen Rinnsale, welche dem 
Systeme des bei Morfu mündenden Flusses angehören, erwiesen sich als 
vollständig wasserlos. Obwohl es den vergangenen Winter ausnahmsweise 
wenig geregnet hatte, was sich auch in dem verspäteten Reifen der 
Feldfrüchte bemerkbar machte, ist diese Wasserarmut für Cypern auch 
sonst charakteristisch und schon für das Mittelalter bezeugt 1 ). Jen- 
seits des Flusses überschreitet die Strafse ausgedehnte Hochflächen, 
welche hier die Stelle der isolierten Tafelberge einnehmen. An Kokkini 
Trimithia, Akacha und Peristerona, wo Mittagsrast gemacht wurde, 
vorüber, gelangten wir in mehr gewelltes Terrain, in welchem sich der 
Tafelbergtypus allmählich ganz verwischt, an den Fufs der Ausläufer 
des Troodosgebirges und nahmen Abends in Lefka, einem der gröfsten 
und schönsten Dörfer (1881 895 Einwohner, meist Türken), inmitten 
üppiger Fruchtgärten gelegen, Quartier. Eine Empfehlung des Com- 
missioners von Nikosia, Herrn King, hatte uns die Gastfreundschaft 
des türkischen Mudirs für den Unterbezirk (Nahieh), Nahim EfTendi, 
gesichert; derselbe glaubte sich auch verpflichtet, mich auf meinen 
Exkursionen von Lefka aus mit einem seiner Zaptiehs zu Pferde zu be- 
gleiten, eine Höflichkeit, welche zwar das Ansehen des Fremden in 
den Augen der einheimischen Bevölkerung erhöht, aber auch ihr Mifs- 
traucn und ihre Zurückhaltung zu steigern geeignet ist, wenn es sich 
um Erlangung einer Auskunft handelt. 

') Vgl. einstweilen bis zur Veröffentlichung meiner Quellennnchwei.se Unger- 
Kotschy S. 3 ff. Eine besonders treffende Schilderung giebt Felix Fabri (Evagatorium 
III 230, in d. Bibl. d. litcr. V er. Bd. 4) im J. 1 48 3 : „Per medium civitatis (Nicosiae) 
est torrens magntis, qui suis temporibus redundat aquis impetuose decurrentibus., 
verum quando ego eram ibi, non habebat guttam aquae". Überschwemmungen des 
l'iflias, welche oft sehr plötzlich eintreten, sind auch jetzt häufig. 

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Aus Cypern. 



219 



Der wichtigste von Lefka aus zu besuchende Punkt war die Stätte 
des alten Soloi, einer der bedeutendsten unter den Städten griechi- 
scher Nationalität im Altertum. Man gelangt dorthin über Karavostasi, 
einem aus wenigen Häusern bestehenden Orte an der Küste, welcher 
als Landeplatz für Lefka und die benachbarten Thäler dient. Etwas 
W davon nahe der Mündung eines breiten, aber nur sehr wenig Wasser 
enthaltenden Flufsbettes, des Kambu (Klarios nach Plut. Sol. 26), 
stiefs ich auf die unverkennbaren Reste des alten Hafens von Soloi. 
Die Stadt selbst, welche nur von sehr wenig Reisenden berührt und 
von keinem gründlich untersucht worden ist 1 ), war von hier landein- 
wärts einen c. 40 m hohen Hügel hinan gebaut, welcher die Akropolis 
trug. Hart unter dem N-Rand der Gipfelfläche, den Zuschauerraum 
(cavea) nach griechischer Sitte gegen das Meer hin geöffnet, lag das 
Theater, dessen Anlage noch wohl erkennbar ist. Der Blick von hier 
über den „Kilikischen Kanal" (aulon Cüiciusp) hinüber auf die Berge 
Karamaniens gehört wohl zu den schönsten, die man von einem griechi- 
schen Theater aus geniefst. Sonst ist vom alten Soloi nicht viel Be- 
deutendes erhalten, wiewohl über das ganze Stadtgebiet hin mannig- 
fache Baureste zerstreut sind, die aber kaum ein Urteil über ihre Be- 
stimmung zulassen; ich übergehe deshalb meine Aufzeichnungen hier- 
über und erwähne nur, dafe die Stadtmauer sich hier ebenso wenig 
wie bei Kition verfolgen läfst. In die Abhänge der äufsersten Vorhöhen 
des Gebirges W vom Kambu-Flusse sind zahlreiche Gräber, anscheinend 
meist aus hellenistischer und römischer Zeit, gehöhlt; hier war also die 
Nekropole von Soloi. 

Ein besonderes Augenmerk richtete ich auf die Auffindung der 
von Plut. Sol. 26 erwähnten Stadt Aipeia, durch deren Verlegung in 
die Ebene, auf Solon's Rat, Soloi begründet worden sei. Obwohl mir 
nicht unbekannt ist, dafs Plutarch's Bericht manchen Bedenken unter- 
liegt 3 ) und insbesondere die Ableitung des Namens von dem des atti- 
schen Gesetzgebers jeden Haltes entbehrt, zumal der (wahrscheinlich 
phönizische) 4 ) Name in der Form Sillu bereits in den assyrischen 

*) Einige Nachrichten finden sich bei Pococke S. 113 f. und Cesnola S. 197 ff. 
'*) Plin. n. h. V § 30; Ptol. V 14, 4; Oros. I 2, 49; 96. 

3 ) Vgl. aufser Duncker, Gesch. d. Alt. VI 143 f., 455; Grote, Griech. Gesch. 
II 116; Busolt, Griech. Gesch. I 54z f. Uber diese Frage besonders B. Niese, Zur 
Gesch. Solons | Hist. Unters., A. Schäfer gewidmet) S. 9, 12 und gegen ihn P. 
Stettiner, Ad Solon. aet. quaest. crit. (Regim. 1885) 43 ^> sow ' e H. Flach, 
Gesch. d. griech. Lyrik II 37z f., ferner R. Prinz, De Sol. Plut. font. (Bonn 1867) 
S. 17; II. Bcgemann, Quaest. Solon. (Holtesm. 1875) a *I J- Jonas, De Sol. 
Ath. (Monast. 1884) S. 50 f. 

4 ) y^JJ—Fels (wovon Aintl« vielleicht lediglich Übersetzung). S. hierüber 

meine Schrift „Phönizier in Akarnanien" (München 1882) 7 A. 5 ; Busolt a. a. <). 
S. 132 A. 2. In der mittelalterlichen Forin Solia hat sich der Name bis heute in 
der Bezeichnung des fruchtbaren Thaies von Evrychu erhalten (SO von Lefka). 



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220 



Eugen Oberhummer: 



Tributlisten des 7. Jahrhunderts v. Chr. erscheint 1 ), so halte ich doch 
den Kern der Erzählung, so weit er die Herabführung einer älteren 
menschlichen Niederlassung auf schwer zugänglicher Bergeshöhe in 
die Küstenniederung betrifft, für innerlich durchaus wahrscheinlich und 
ganz der von G. Hirschfeld dargelegten Entwickelung griechischer Siede- 
lungen 2 ) entsprechend. Durch das Studium der Karte auf eine Ruinen- 
lage fast 4 km NW von Soloi aufmerksam gemacht, begab ich mich 
nach meiner Abreise von Lefka dorthin und fand thatsächlich auf 
einem von S und O steil ansteigenden Berge nahe der Küste 3 ), der 
mir schon von Soloi aus aufgefallen war, unzweifelhafte Spuren einer 
menschlichen Ansiedelung in Form von Mauerresten (wohl erst späterer 
Zeit) und einer Cisterne mit kreisrunder, 1 m weiter Öffnung, durch 
welche man in ein geräumiges Gewölbe hinabblickt. Die beherrschende 
Lage, welche diese Bergfeste der Küstenniederung von Soloi gegenüber 
einnimmt, lälst dieselbe für die frühzeitige Anlage eines festen Flatzes 
hervorragend geeignet erscheinen. 

War somit die Lage von Aipeia festgestellt, so konnten wir in 
geringer Entfernung davon noch am selben Tage eine andere Stadt 
des Altertums nachweisen. Über Galini und das hochgelegene Lutrö 
auf schwer zu findendem Saumpfade landeinwärts reitend, wurden wir 
in letzterem Dorfe, unserer Mittagsstation, auf Votivgegenstände aus 
Terrakotta phönizisch-cyprischen Stiles aufmerksam, welche uns von 
den Bewohnern angeboten wurden und dem Anscheine nach von einem 
erst seit kurzem blofsgelegten Temenos*) einer männlichen Gottheit 
stammten. Als Fundstätte wurde uns ein Ackerfeld in dem Thale des W 
von Lutrö zum Meere ziehenden Flusses, nach der Karte Limniti ge- 
nannt, bezeichnet; letzterer Name wurde jedoch von Einheimischen 
speziell für die Gegend an der Mündung des (trockenen) Flufsbettes 
gebraucht, und auch die Karte deutet diesen spezielleren Gebrauch 



*) S. die o. S. zi 3 zu Ledroi angeführte Literatur. 

a ) Zur Typologie d. griech. Ansiedel, im Altert., in „Hist. u. phil. Aufs. E. Curtius 
gew". S. 353 ff. 

3 ) Auf der Karte schlechthin „Vouni" (Berg), nach meiner Erkundigung Bovi'i 
tov MtQOivuxi genannt. Oben ein trigonometrisches Zeichen. Höhe 807 feet = 
246 m. 

*) Mit „Temenos" bezeichne ich die zahlreichen, nur durch eine Umfriedigung 
abgeschlossenen Heiligtümer ohne festen Oberbau, welche in Cypcrn die Stelle der 
eigentlichen Tempel (natürlich ist templum ursprünglich auch = iiuivo$\ ver- 
treten zu haben scheinen. Mit Ausnahme des Tempels von Paphos und der 
hellenistischen Zeit ist nämlich in Cypcrn bis jetzt kein Tempel-Hochbau nachzu- 
weisen. Allerdings ist die von Cesnola u. A. vertretene Annahme, dafs über dem 
steinernen Unterbau jeweilig ein Gebäude aus „Luftziegeln" (d. i. luftgetrockneten 
Schlammziegeln) errichtet gewesen sei, nicht ganz ausgeschlossen; doch fehlt es hie- 
für an genügendem Anhalt, und ist jedenfalls die Frage noch eine offene. 



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Aus Cypern. 



des Namens für den untern Teil des Thaies an. Da sich jenes Acker- 
feld in der That mit Bruchstücken von Votivgcgenständen förmlich 
übersät erwies, und auf der O- Seite des Flufsbettes noch Spuren von 
Mauern erkennbar waren, konnte über das Vorhandensein einer 
antiken Ansiedelung an dieser jetzt ganz verlassenen Stelle 
kaum ein Zweifel sein. Der Name Limniti liefs sogleich an das 
von Strabo erwähnte Limcnia denken, welches nach diesem Ge- 
währsmann nahe bei Soloi, jedoch im Binnenlande gelegen war 1 ); 
letztere Angabe konnte immerhin auf irriger Berichterstattung beruhen. 
Zu meiner nicht geringen Überraschung fand ich indessen später beim 
Studium der „Acta Sanctorum" in den Acten des Auxibios (ersten Bi- 
schofs von Soloi zur Zeit des Apostels Paulus) mehrfach einen Ort 
Limnes var. Limnetes erwähnt, welcher als vier Milien W von Soloi 
gelegen beschrieben wird und als Landeplatz für letztere Stadt, deren 
Hafen unbrauchbar geworden sein mochte, erscheint 2 ). Dieses Zeugnis 
wurde weiterhin bestätigt durch eine Stelle in den uns bereits be- 
kannten Barnabasakten, wo der Fluchtbericht der Begleiter des Apostels 
gleichfalls mit der Erwähnung eines Hafenortes „Limnetis" in der- 
selben Gegend schliefst 3 ). 

Ohne von diesen literarischen Nachweisen damals eine Ahnung 
zu haben, verabschiedete ich mich zu „Limniti" von dem Mudir und 
trat die Weiterreise auf einem hoch über der Küste hinführenden 
Saumpfade an, um abends bei Konakia tu Pyrgu, einigen elenden Ge- 
bäuden, welche für das 3$ km landeinwärts gelegene Dorf Pyrgo 
als Landeplatz dienen, wieder an das Meer hinab zu gelangen. Nach 
schlecht verbrachter Nacht wurde am folgenden Morgen (1. Mai) bei 
bedecktem Himmel und kühler Luft die Route durch die einsame, aber 
landschaftlich nicht uninteressante Küstenlandschaft fortgesetzt, indem 
der Saumpfad bald unmittelbar am Strande, bald in ansehnlicher Höhe 
über die bis zur Küste vortretenden Ausläufer des Troodos hinführt, 
stets mit prächtigem Niederblick auf das Meer und seine Buchten. Es 
ist charakteristisch für die ganze Nordküste Cyperns, dafs alle gröfseren 
Ortschaften, das feste Kerynia ausgenommen, sich nicht unmittelbar am 



1 ) Str. XIV 6, 3 2okoi — vnigxftTcu d' Iv fAtooyaia .it/utvia nöhg. 

2 ) Act. Sanct. Febr. (19.) t. III p. 125 § 3 in pagum, qui Lünne dicitur {iv 
xuifj'j 11W xukovuivt} iiuy*} not. f.), appulsi sunt, quarto ab Solorum urbe lapide ; 
§ 6 ex Limnete autem profectus B. Auxibius — Solos pervenit — qua parte 
occasum spectat. 

:i ) Act. Barn. § 25 s. p. 73 Tisch: yUtoutv (von Ledroi aus, s. o. S. 212) 
fy xiJui; .it^vtjn (nur cod. Vat.). ilirörrtc tJi tni iov nly«dbv tvQoptv nkoioy xik. 
Auch der in die Auxibiosacten (§ 4 ) eingeschobene Bericht Uber dasselbe Ereignis sagt: 
Marcus — facto per montes itinere Limnen attigit (ijkftor (v r<u ,UfAvt\r^ not. n.). 
Bekanntlich wird q mittel- und neugriechisch i gesprochen, was von selbst die Form 
Limniti ergiebt. 



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222 



Eugen Oberhummer: 



Meere, wo doch der Hauptverbindungsweg hinfuhrt, sondern durch- 
schnittlich i 3 km landeinwärts, dem Blick vom Meere aus meist ver- 
borgen, befinden, ein Besiedelungssystem, für welches der Respekt vor 
der nahen Gegenküste des rauhen Kilikiens, von jeher einem beliebten 
Standquartier der Seeräuber, gewifs in erster Linie mafsgebend war. 
Während indessen die Nordküste in engerem Sinne (O von Kap Kor- 
makiti) unter dem Schutze der Mauern von Kerynia zeitweise, beson- 
ders unter den Lusignans, einen lebhaften Handelsverkehr mit Klein- 
asien unterhielt 1 ), blieb die NW -Küste /Avischen Lefka (Soloi) im O 
und Polis (Marion — Arsinoe) im W, diese beiden Kndpunktc abge- 
rechnet, von einem Verkehr nach aufsen fast ganz ausgeschlossen. Eine 
Ausnahme bildete nur vorübergehend das mittelalterliche, noch 1468 
urkundlich erwähnte Dorf und Lehen Alcxandrete 2 ), in welchem 
man ohne Bedenken das Alexandria des Stephanus 3 ) (vielleicht 
eine Gründung Alexanders d. Gr.) 1 ), wird erkennen dürfen. Noch Lu- 
signan (fol. 87 verso) kennt das Casai Alessandrctta, sowie ein gleich- 
namiges Vorgebirge (wohl Kap Pomo\ das er richtig mit der antiken 
Kaujrovaa dxnu (Ptol. V 14, 4) identifiziert 5 ). Der Ort ist, wie schon 
Mas Latrie angab, bei der ehemaligen Kapelle H. Kleni (O vom Kap 
Porno) zu suchen, wo die Karte Gräber verzeichnet und ich in der 
That auch solche, anscheinend aus hellenistischer und römischer Zeit, 
sowie einen alten Steinbruch und Trümmerfelder vorfand. Es war dies 
die einzige gröfsere Ansiedelung an dieser einsamen Küste, die erst 
in dem oben bezeichneten Abstand von einer Zone von Ortschaften 
begleitet wird. Jenseits dieser Zone aber dehnt sich ein noch weit 
gröfseres kulturloses Bergland, die Tylliria aus, das sich in dieser 
Kulturfeindlichkeit zu beiden Seiten des nach NW umbiegenden Haupt- 
kammes des Troodos bis in die Gegend des Klosters Kykku fortsetzt. 
Von den Reisenden gemieden' 5 ), noch auf Kiepert's Karte als „unex- 



l ) L. de Mas Latrie, Des relations polit. et commerc. de l'Asie Min. avec 
!'ile de Chypre sous le regne des princes de la mai>on de Lusignan. Bild, de l'Ecnle 
des cbartes. II. S. I 301 — 330, 485 — 511, II 121 — 142. Wieder abgedruckt in 
„L'ile de Chypre" S. 205 -339. 

*) Ders., Hist. I 113; III 261; Chypre 28 f., 167, 403. 

3 ) Steph. Byz. s. V. N. g; Engel I 74 verweist aufserdem noch auf das Zeugnis des 
Eustath. und des Chron. Pasch. , welche Belegstellen ich indessen nicht auffinden konnte. 
*') Droysen, Gesch. d. Hellenismus III- 2 S. 242 f. 

s ) Auch auf der Karte zu Porcacchi di Castiglione (<>. S. 196 A. 2) S. 20 findet 
sich Landspitze und Dorf Alaandreta eingetragen, letzteres noch auf der Karte zu 
Dapper, Descr. des isles de 1'Archipcl. Amsterd. 1703. 

6 ) Vgl. besonders P. Schröder im Globus Bd. 34 S. 137 f. Nach Schröder ge- 
hört nicht nur das waldige, auch auf der neuen Spezialkarte fast ganz dörferlose 
Inland, sondern aueb die oben erwähnte Ansiedlungszonc, vom Flusse Kambu im O 
bis Magunda und Kynu^.i im \V, sowie der Küstenstrich selbst noch zur Tylliria. 



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Aus Cypern. 



223 



plored" bezeichnet, bildet dieses Waldgebirge den wenigst bekannten 
und wenigst bevölkerten Teil Cyperns, in welchem allein das einzige 
Hochwild der Insel, der Muflon, von den Eingeborenen dyonm ge- 
nannt {Orts Cyf>ria Bios.) 1 ), eine dem gleichnamigen sardinischen Wild- 
schafe {Ovis Musimoti), weiterhin auch dem algerischen Mähnenschafe 
(Ovis Iragelaphus) und dem centralasiatischen Argali (Ovis Argali) nahe 
verwandte Spezies sich in gröfseren Scharen erhalten hat; man schätzt 
die noch vorhandenen Exemplare dieses äufserst scheuen und von den 
Jägern stets sehr gesuchten Tieres 2 ) auf 2— 400 3 ); der weiteren Aus- 
rottung desselben ist durch schwere Geldstrafen, welche von der Re- 
gierung auf die Erlegung des Muflon gesetzt sind, Einhalt gethan, so 
dafs Hoffnung auf Erhaltung dieser interessanten Spezies besteht. 

Wie die Tylliria einen durchaus altertümlichen Eandschaftscharakter 
trägt, der allein noch einigermafsen an jene einst so dichte Waldbe- 
deckung Cyperns erinnert, aus welcher nach Eratosthcncs 4 ) die ältesten 
Ansiedler mit Mühe urbares Land gewannen, so ist auch der Name 
des Gaues uralt. In der pseudo- aristotelischen, inhaltlich aber zum 
grofsen Teil auf Aristoteles zurückgehenden Schrift moi ftav/iatrimr axov<r- 
paTtor heifst es nämlich 5 ): qaai de xa) iv Kvfrnco nen) ror xaJLovpfwv 
Trnniar (var. Tvniar) jahiur ofiowr yiyvta&m xrX. Diese Stelle hat 
dem alten Meursius 6 ) und später Engel (I 44 A. 4, 159 f.) manches 
Kopfzerbrechen verursacht. Ich trage um so weniger Bedenken, den 
Namen Tronin, welcher in den Handschriften vielleicht verstümmelt ist, 

1 ) Nach Unger-Kotschy S. 570 b. Doch steht bei Keyserling und Blasius, die 
Wirbeltiere Europas (Braunschw. 1840) der cyprische Muflon unter Orts orientalis 
(S. V). Vgl. auch Valenciennes in Comptes K. de l'Ac. d. Sei. Bd. 43 (1856) S. 
65 — by, dazu l'Institut. (I. Seet. | Btl. 24 ( 1 85b) S. 257 f., Uber die von TschihatschefT 
im ßulgardagh (Kilikien) nachgewiesene Wildschafart, welche mit der eyprischen 
wohl identisch ist. Vgl. Nachtrag. 

2 ) Die älteste literarische Erwähnung fand ich bei Wilbrand (1211, s. o. S. 21 1 
A. 2), der u. a. (1 27) von „arictes silvestres" spricht. Ludolf von Sudheim 
(1336) sagt (Bibl. d. lit. Ver. Bd. 25 S. 33): Item in Cypro sunt arietes silvestres, 
qui in aliis partibus mundi non inveniuntur, et cum leopardis capiuntur: aliter capi 
non possunt. Vgl. Nachtrag. 

3 ) Cyprus Guide S. 83 f, 88- Vgl. sonst noch Gnudry, Rech. S. 143, 210 f.; 
Globus Bd. 48 (1885) S. 127 ( Ovis ophion> s. Nachtrag). Uber eine bildliche Dar- 
stellung auf einem mittelalterlichen Grabstein Mas Latrie Ch. S. 382, Uber solche 
in der altcyprischen Kunst ( »hnefalsch-Richter im Report, f. Kunstwiss. IX 315, 324, 
S. Reinach in Rcv. arch. III. S. VI (1885! 362. 

*) Bei Str. XIV 6, 5 (fr. III B 91 Berger). 

b ) § 42 s. p. 833 Bekk., cf. fr. 248, 2 p. 1523 Bekk. 

*) In seiner überaus fleifsigen, trotz Engel noch jetzt wertvollen Monographie 
,, Cyprus" (Amstelod. 1075, zugleich mit ,,Creta" und ,,Rhodus") S. 74. Meursius 
wollte ganz unnötig Tuooiuv in Kovmov ändern, eine von seinen hyperkritischen, 
wissenschaftlich haltlosen Konjekturen. 



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224 



Eugen Oberhummer: 



übrigens einen Berg oder Flufs bedeutet haben mufs, für identisch 
mit Tylliria zu halten, als diese Identität auch durch die Erwähnung 
des Erzvorkommens bestätigt wird. 

Im äufscrsten Westen der Tylliria nämlich, O von den beiden 
grofsen Dörfern Polis und Chrysochu, befindet sich ein ausgedehnter 
Bergbaudistrikt, in welchem im Altertum auf Kupfer gearbeitet 
wurde. Obwohl weit weniger berühmt als die beiden Hauptminen- 
bezirke Cyperns, Tamassos, im Centrum der Insel, das schon Homer 
als Emporium für Kupfer kennt 1 ), und Soloi, über dessen Minenbetrieb 
uns besonders Galenos ausführliche Mitteilungen hinterlassen hat*), 
hat der Bezirk von Polis, auf dessen Lokalität aufser der obigen Stelle 
noch Plinius hinzuweisen scheint 3 ), für uns dadurch besonderes Interesse 
erlangt, dafs seit einigen Jahren eine englische Gesellschaft sich der 
lange vernachlässigten Kupferminen angenommen hat, wobei sich be- 
achtenswerte Aufschlüsse über den antiken Betrieb ergeben haben. 

Wir erreichten diese Minengegend, nachdem wir von H. Eleni aus 
über Porno (ßmfiotf), wo sich auch ein Temenos befinden soll, der Küste 
entlang gezogen waren, am Ausgang eines von einem namenlosen 
Flufsbett durchzogenen Thaies, 3$ km NO von Polis, wo mehrere alte 
Schlackenhaufen und ein von der Gesellschaft neuerbautes Haus die 
Nähe des Bergwerks verkünden. Einen Fahrweg neben dem Bache etwa 
3I km aufwärts reitend, erreichten wir den jetzigen Sitz des Betriebes, 
Limni genannt 4 ), welcher lediglich aus einem neugebauten, noch un- 
fertigen Wohnhaus für die Beamten, auf einem hohen und freien 
Platze mit schöner Fernsicht gelegen, und einem zweiten Gebäude mit 
Diensträumen bestand. Von dem Manager der Gesellschaft, Herrn 
Foulton, und dem Assistant Manager, Herrn Williamson, einem Levan- 
tiner, äufserst zuvorkommend empfangen, wurde ich von ihnen über 
die antiken Minen, in deren Mittelpunkt wir uns hier befanden, und 
deren Bedeutung für den erneuerten Betrieb belehrt. Bis zur Zeit 
meines Besuches — mir stehen leider seitdem keine weiteren Nach- 
richten über die Thätigkeit der Gesellschaft zu Gebote — hatte sich 
die letztere darauf beschränkt, die antiken, meist verschütteten Stollen 
und Schächte in der nächsten Umgebung wieder in Stand zu setzen 

!) Wiederholte Erwägungen veranlassen mich, meine früher (Phönizier in Akar- 
nanien S. 70 f.) geäufserte Vermutung, dafs « 184 unter Tffttatj das italische Tempsa 
zu verstehen sei, zurückzunehmen und an das cyprische Tapaaaoe zu denken. 

2 ) Vgl. Uber den Bergbau im alten Cypern im allgemeinen Engel I 42 53; 
Gaudry, Mem. 14t — 256; H. BlUmner, Technologie und Terminologie d. Gewerbe 
und Künste b. d. Griech. u. Rom. IV 60—62, 169 fr. 

3 ) Plin. n. h. XXXVI § 137 in Cypro — metallis quae sunt circa Acamanta. 
Hiernach ist Gaudry, Mem. S. 242 f. zu berichtigen. 

4 ) Der Name soll von einem Felde herrühren; eine Ortschaft hat hier 
nie bestanden. 



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Aus Cypern. 



und die Ausbeutung der alten Schlacken zu versuchen. Hierbei ergab 
sich nun die interessante Thatsache, dafs die Schlacken zwei ver- 
schiedenen Perioden angehören, von denen die zweite einen wesent- 
lichen Fortschritt in der Kunst der Ausbringung des Kupfers bezeich- 
net. Die Schlacken der ersten Periode — ich habe von beiden je eine 
Probe mitgenommen — sind von rötlicher Farbe und sollen c. 2 % 
Kupfer enthalten, so dafs sich eine erneute Verarbeitung derselben 
lohnt. Eine ziemlich starke Erdschicht trennt diese Schlackenmassen 
von der oberen, welche ein fast schwarzes Aussehen hat und nur mehr 
sehr wenig Kupfer (c. 4 «) enthält. Nach Meinung der Ingenieure 
wären die älteren Schlacken den Phöniziern, die jüngeren den Römern 
zuzuschreiben. Da, wie es scheint, in der Zeit der Lusignans kein 
Bergbau stattgefunden hat, derselbe aber in römischer Zeit, mehrfachen 
Nachrichten zufolge, ein sehr intensiver gewesen sein mufs, hat man 
wohl keine andere Wahl, als die älteren Schlacken der phönizischen 
Periode, d. h. jener Zeit zuzuschreiben, in welchem die Phönizier, vor 
der Einwanderung der Griechen, noch das Monopol der Ausbeutung 
von Cyperns Naturschätzen in Händen hatten. Es ist nun ein beachtens- 
werter Umstand, dafs unter den Proben, welche Gaudry von sechs 
verschiedenen Örtlichkeiten, darunter auch zweien des Bergbaureviers 
von Polis (Polis tis Chrysochu und Lysso), mitgebracht und A. Terreil 
analysiert hat 1 ), fünf eine annähernd gleichartige Zusammensetzung 
bei sammetschwarzem Aussehen aufweisen, die sechste, vom Gipfel des 
„Olymp" (soll heifsen Troodos), bei rötlichem Aussehen, vorwiegend 
(80 J,) aus Eisenoxyd (pcro.xyde de /er), wovon in den anderen Proben 
nur Spuren 2 ), besteht, dagegen weit weniger Kieselsäure (5 gegen durch- 
schnittlich 28 X) als letztere enthält. Fournet 3 ) erkennt in dieser reich- 
licheren Ausscheidung von Kieselsäure einen wesentlichen Fortschritt 
der metallurgischen Technik, als dessen Urheber er, naiv genug, die 
mythische Persönlichkeit des Kinyras 4 ) hinstellt. Gaudry scheint es 
indes entgangen zu sein, dafs auch an denselben Orten Schlacken 
verschiedener Perioden vorkommen, wie sie schon Rofs zu Skuriotissa 
bei Lefka, welche Gegend Gaudry sonderbarer Weise gar nicht be- 

1 ) Analyse de scories provenant de travaux metallurgiques des anciens. Comptes 
R. de l'Ac. d. Sei. Bd. 53 ( ig6i ) S. 1x75 f. Vgl. Gaudry S. 245. 

2 ) Dagegen enthielten die 5 andern Proben 27 — 34^ Eisenoxydul (protoxyde 
J< /erj. 

:t ) De 1'inHuence du mineur sur les progres de la civilisation. Mein, de l'Acad. 
de Lyon. Cl. d. Sei. Bd. XI (1861) S. 282 ff. Vgl. auch Rougemont, L'äge du 
bronze | Par. 1866) S. 93; Ubers, v. Keerl (Cüterloh 1869) S. 8S f-, wo auf die Ab- 
handlung von Fournet (ausführlich, aber auch weitschweifig und ohne historische 
Kritik), ohne näheren Nachweis, Bezug genommen ist. 

*) Vgl. über Kinyras die in meinen „Inschriften" (o. S. 187 A. 4) S. 338 und 514 
gegebenen Literaturnachweise. 



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2215 



Eugen Oberhummer: 



suchte (Mi'm. S. 245), beobachtet hat (a. a. O. S. 157), und wie sie 
eben jetzt auch von Limni im Revier von Polis bekannt sind. 

Kine bemerkenswerte Eigentümlichkeit des Minenbezirks von 
Limni ist das Vorkommen einer ockerähnlichen Substanz (Kisenoxyd- 
sulfat) besonders beim Dorfe Kinussa, welche schon von Gaudry 
erwähnt 1 ), neuestens aber von P. F. Reinsen als „Cyprusit" für ein be- 
sonderes Mineral erklärt worden ist 2 ). Obwohl der Wert der neuen Mi- 
neralspezies, welche übrigens zu 50*0 Schalen verschiedener Radiolarien 
enthält 3 ), noch ein problematischer ist 1 ), hebe ich den „Cyprusit" 
deshalb hier besonders hervor, weil derselbe nach Angabe der Inge- 
nieure für die Ausbringung des Kupfers von praktischer Bedeutung 
sein soll; eine Mitteilung, deren Beurteilung ich natürlich Fachmännern 
ü herlassen mufs. 

Unter Führung des Herrn Williamson betraten wir einen der ge- 
räumten Stollen, deren Verlauf ein gewundener und durchaus unregel- 
mäfsiger ist. Ihre Höhe gestattet einem Manne mittlerer Gröfse nur 
in leicht gebückter Stellung darin fortzugehen. An mehreren Stellen 
bemerkt man Schachte mit ausgehauenen Stufen, welche an die Ober- 
fläche emporführen; für die Ventilation ist aufserdem in entsprechenden 
Abständen durch Luftschachte gesorgt. Von Werkzeugen u. dgl. soll 
nichts gefunden worden sein als einige Lampen von der bekannten 
römischen Form, für welche sich auch an verschiedenen Stellen Löcher 
in der Mauer rinden, die darüber noch vom Rauch geschwärzt ist. 
Oberhalb des Bergwerkes, auf dem Berge Chalkomas (von iahi6$\ 
auf der Karte falsch Arkomas), N von Limni, von wo aus man eine 
herrliche Aussicht über den Golf von Chrysochu bis zum Kap Akamas 
geniefst, tritt das Kupfererz in verschiedenen Gängen zu Tage und 
sind auch die Eingänge mehrerer Schächte erkennbar. Andere Minen 
sollen sich in dem 5km SO von Limni gelegenen Berge Prosevchi 
(221 1 feet) vorfinden. Offenbar ist erst der kleinste Teil der antiken 
Minen bis jetzt durchforscht. Noch will ich beifügen, dafs man (nach 
Mitteilung des Herrn Foulton) beim Bau des Hauses an der Küste im 
Boden auf kupferhaltiges Wasser und unter diesem auf eine Mauer 
aus Schlacken stiefs, die vermutlich zu einer alten Hafenanlage ge- 
hörte, von wo aus die Erze, bezw. das Kupfer verschifft wurden. Zahl- 



1 ) Mem. S. 243: A l'tntour (von Kinussa) Us pyrites se transforment en /er 
hydratt brun et en Sulfate de fer> gut est ge'ne'ralement <l Ve'tat de poudre jaunc. 

2 ) On a New Mineral found in the Island of Cyprus. Proc. Roy. Soc. Bd. 
33 (i88a) S. 119- iai. 

3 ) Reinsch a. a. (). u. Mitteilung v. Zittel's an BUtschli in Bronn's Klassen u. 
Ordn. d. Tierreiches I 477 A. 

•') C. F. Rammeisberg, Ilandb. d. Mineralchemie, 1. Aufl., Ergänzungsh. (Leipz. 
1886) S. 75. 

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Aus Cypern. 



227 



reiche Gräber in der Nähe weisen auf die lebhafte bergmännische 
Thätigkeit hin, welche hier im Altertum herrschte. 

An der Westküste. 

Unser nächstes Ziel war das nur 6 km von Limni entfernte Dorf 
Polis (435 Einw.), auch wohl vollständiger Höh*; tr^ \nvaojitv genannt 
(nach dem 3^ km weiter landeinwärts gelegenen Dorfe Chrysochu, 
275 Einw.). Polis bezeichnet die Stätte der alten, schon 449 v. Chr. 
durch Kimon zerstörten Stadt Marion, an deren Stelle in alexandri- 
nischer Zeit Arsinoe trat, das noch im Mittelalter als Bischofssitz 
genannt wird 1 ). In archäologischen Kreisen ist Polis neuestens durch 
die erfolgreichen Ausgrabungen bekannt geworden, welche Herr Ohne- 
falsch-Richter im Jahre 1886 in den ausgedehnten Gräberfeldern im S 
und O des Ortes unternommen hat 2 ), und welchen im Jahre 1889 
weitere Untersuchungen durch die englische Schule von Athen folgten 3 ). 
So wichtig indessen die Gräberfunde von Polis in archäologischer Hin- 
sicht sind, so wenig ist aus den sonstigen Überresten des Altertums 
daselbst für die Topographie der Städte Marion und Arsinoe zu ent- 
nehmen. Eine anscheinend zu Befestigungszwecken unternommene Be- 
arbeitung des Hügels, auf welchem jetzt Polis steht, unbedeutende 
Baureste, darunter ein 11,6 m langes, 6,3 m breites rechtwinkliges Bau- 
werk und zerstreute Säulentrümmer in den Feldern zwischen Polis 
und dem Meere, sowie Reste einer Hafenanlage ca. 3 km W von Polis, 
wo sich noch jetzt die Landestelle befindet, sind so ziemlich alles, 
was, aufeer den Gräbern, von Arsinoe übrig ist. Marion scheint auf 
einem kleinen Plateau O von Polis, das sich jetzt als einfaches Trümmer- 
feld ohne deutliche Baureste darstellt, gelegen zu haben, wie aus den 
dortigen, einen älteren Typus tragenden Gräbern hervorgeht. 

In Polis machte ich zum ersten Male und auf ziemlich eigentüm- 
liche Weise Bekanntschaft mit der cyprischen Seidenkultur 4 ). Wir 
wurden- nämlich in dem von uns gewählten Quartier abgewiesen, weil 
die (gewöhnlich unbenützte) „gute Stube" im Obergeschofs («io>- 
j'ior) 6 ), welche fremden Gästen meist überlassen wird, zur Aufzucht 



') Vgl. einstweilen die in meinen ,, Inschriften" S. 311 A. 3 und S. 348 a. E. 
gegebenen Nachweise. 

2 ) S. jetzt darüber hauptsachlich Paul Herrmann, das Gräberfeld von Marion 
auf Cypern. Berlin. 1888 (48. Progr. zum Winckelmannsfest), woselbst auch die 
sonstige in Betracht kommende Literatur angeführt ist. Es wurden im ganzen 441 
Gräber geöffnet. 

3 ) Vorläufige Nachrichten von E. A. Gardner im Athenaeum 1889 N. 310z 
S. 320 und von J. A. R. Munro ebd. N. 3106 S. 446. 

"•) Gaudry, Sericulture dans l'ile de Chypre, in Rech. etc. S. 234 — 280; Nat. 
Rondot, L'art de la soie II 2 (Pars. 1887) S. 211 f. 

5 ) Entsprechend dem homerischen vntnMot; das aber ausschliefe! ich als Frauen- 
gemach diente. 



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Eugen Oherh ummer: 



der Seidenraupen in Anspruch genommen war, welche während der 
Füttcrungszeit bis zur Spinnreife in geschlossenen Räume gehalten 
werden müssen. Später sollte mir diese Einrichtung noch öfter begegnen, 
welche sich für den Reisenden in dieser Jahreszeit zu einem lästigen 
Hindernis gestalten kann. 

Ich beabsichtigte, von Polis einen Abstecher auf der äufsersten 
NW-Spitze der Insel, dem Vorgebirge Akamas der Alten, jetzt Kap 
Arnauti 1 ) oder San PifTani 2 ) (Kpiphanios), zu machen. Der Weg führt 
an einem inmitten rieselnder Quellen und üppiger Vegetation gelegenen 
Tschiftlik (Landgut) vorüber hoch an den mit dichtem Gesträuch be- 
wachsenen Abhängen über der Küste hin, fortwährend mit schönem 
Niederblick auf den Golf von Chrysochu und besonders auf die kleinen 
Einbuchtungen der Küste unmittelbar unter uns, in denen das Meer- 
wasser oft wundervolle Färbungen annimmt. Die letzte menschliche 
Ansiedelung, welche wir auf unserer einsamen Wanderung trafen, war 
H. Nikolaos, 3,8 km SO von dem Vorgebirge. Jenseits derselben, bei 
dem auf der Karte mit H. Kpiphanios bezeichneten Punkte, soll sich 
die angeblich von Ariosto besungene Fontana Amorosa befinden, 
welche nur von wenigen Schriftstellern und von diesen meist nur nach 
dem Hörensagen erwähnt wird. Obwohl es mir sehr fraglich erscheint, 
ob die einschlägige Stelle des Orlando furioso (XVJII 139) auf diese 
Gegend und nicht vielmehr auf die Umgebung von Paphos zu beziehen 
ist*), muss die Bezeichnung jedenfalls schon im späteren Mittelalter ent- 
standen sein, da bereits Lusignan ausführlich davon spricht 1 ). Von 
Neueren 5 ) hat meines Wissens nur Gaudry über die Örtlichkeit nähere 



') So Meditcrr. Pilot II a83 und die englischen Karten. 

a ) Lusignan fol. 3 verso, 14 recto und (in wechselnder Schreibweise) die 
meisten älteren Beschreibungen und Karten. Eine Kapelle des hl. Epiphanios liegt 
an der Küste e. a km SO vom Vorgebirge. 

: ') Man vgl. besonders die Andeutungen Uber die Richtung der Fahrt, welche 
von Famagusta aus der Slidküste entlang ging, in Nr. 137 und 141. 

*) Fol. 14 verso: Nel qual Golfo (nämlich von Chrysochu) gia prima era un 
bellissimo porto, il quäle t tutto ora guasto: nondimeno le navi, le quäle son sfor- 
zate da fortuna vanno, &* pigliano porto; nel qual porto haveva anchora un fiume: 
& hoggidi si ritroi'a una fontana ; la quäle Ii poeti dicevano che chi di quella 
havesse bevuto, pigliarebbe amore: percid Ii Latini la chiamavano Fontana 
amorosa. Era anchora, <5~ <? Valtra fönte, che fa dimenticare l'amore. Vgl. auch 
fol. 1 verso, z recto, 3 verso. Von der zweiten Quelle, welche Lusignan erwähnt, 
ist mir sonst nichts bekannt; doch ist vielleicht zu beachten, was Hammer, Topogr. 
Ansicht. S. 115 A. über einen angeblichen Ort Schirin (dies ist auch der Name der 
vielbesungenen Gemahlin des Sassanidenfürsten Kosru II) auf Cypern sagt. 

5 ) Erwähnt finde ich die Fontana amorosa bei Pococke S. 215, l>rummond (s. 
Nachtrag) S. *6o, Mariti S. 199, 285, Turner S. 563, Hammer a. a. O., Cesnola S. 196. 
Nur der letztgenannte scheint aus Selbstanschauung zu sprechen. 



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Aus Cypern. 



229 



Mitteilungen gemacht 1 ). Da ich es leider versäumt hatte, von H. Ni- 
kolaos einen lokalkundigen Führer mitzunehmen und aus der Literatur 
mir nur die unzulänglichen Angaben Cesnola's zur Hand waren, gelang 
es mir leider nicht, die als Fontana amorosa bezeichnete Stelle aus- 
findig zu machen. So setzten wir unverrichteter Dinge unsere Wande- 
rung bis zur äufsersten Spitze der Halbinsel fort, welche übrigens nicht, 
wie die Karte erwarten liefs, ein eigentliches Vorgebirge, sondern eine 
ganz flache Landspitze darstellt. Allerdings erhebt sich bereits ij km 
hinter dieser Spitze der Höhenzug, welchen das Troodossystem in die 
NW-Halbinsel Cyperns entsendet, im Athu Muti zu 690 feet (210m) 
Höhe 2 ). Man geniefst von diesem Punkte aus eine weite Rundsicht 
und insbesondere einen interessanten Blick auf den Steilabfall des 
Höhenzuges im W, wo die Schichtenköpfe offenbar erst in ganz junger 
Zeit gegen das Meer hin abgebrochen sind. Hier sind jedenfalls die 
beiden kuppenförmigen Erhebungen (jtaarot) zu suchen, welche sich 
nach Strabo beim Akamas befinden und welche vermutlich von der See 
aus sich auffälliger herausheben als vom Lande, da auch der „Pilot" 
(S. 283) von einem „double headed peak" spricht. Cesnola (S. 196 f.) 
hat für seine „zwei merkwürdig geformten konischen Gipfel" zwischen 
denen er die Ruinen einer alten Stadt „entdeckt" haben will, von der 
aber keine Spur zu sehen ist, wohl die Phantasie etwas zu Hilfe ge- 
nommen. 

Die Rückkehr von Akamas führte uns auf dem gleichen Wege 
längs der Küste bis zum Tschiftlik, bei welchem wir uns landeinwärts 
wandten. Über Neochori und Androliku durch wohl angebautes 
Land reitend, erreichten wir, unter schönen Rückblicken auf den Golf 
von Chrysochu, das hochgelegene Dorf Drusa, unser nächstes Nacht- 
quartier. 

Von Drusa aus ritten wir erst über steinige Hochflächen, dann 
einen steilen Abhang hinab in die Küstenebene von Paphos. Wäh- 
rend meines mehrtägigen Aufenthaltes in diesem Küstenstrich empfand 
ich zum ersten Male das Drückende der cyprischen Sonne 3 ) in aus- 
giebigem Mafse, wovon ich bereits durch die erschlaffende Hitze, welche 
in den ersten Tagen nach meiner Ankunft zu Larnaka in den Morgen- 
stunden herrschte, einen Vorgeschmack erhalten hatte. Letztere sind 
nämlich für den Reisenden in den Sommermonaten weitaus am lästig- 

i ) Mem. S. 1851 mit Zeichnung. Nach Gaudry ist die Font. am. eine Stelle an 
der Küste, an welcher durch die mit thonigen Massen gefüllten Ritzen plutonischer 
Gesteine Wasser hindurchsickert. 

Die Seckarte und der Pilot S. 283 geben noch 935 feet, eines der zahl- 
reichen Beispiele unzuverlässiger Höhenbestimmungen auf englischen Seekarten. 

■ 1 ) Infamem nimio calore Cypron Martial. IX 90, 9. Ich habe aufsercleni aus 
der antiken und besonders der mittelalterlichen Literatur eine Anzahl das Klima 
Cyperns betreffende Belege ^esamtnelt, welche ich später zu veröffentlichen gedenke. 

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230 



Eugen Oberhummer: 



sten, da in denselben Windstille herrscht und man daher bei der fast 
völligen Schattenlosigkeit in den Ebenen und Küstenstrichen der Ein- 
wirkung der Sonnenstrahlung schutzlos preisgegeben ist. Glücklicher- 
weise wird das Drückende der Hitze später wesentlich gemildert durch 
die gegen 9 Uhr morgens sich erhebende Seebrise (imbalto), welche 
bis Mittag an Stärke zunehmend sich erst im Nachmittag zwischen 3 
und 6 Uhr verliert 1 ), so dafs man die Mittagsstunden weit angenehmer 
im Freien zubringt als den Morgen. Dagegen soll das Aufhören dieser 
Brise von Mitte September ab die ohnehin aufsergewöhnlichc Hitze des 
cy prischen Herbstes 2 ) (oder eigentlich Spätsommers) besonders unerträg- 
lich erscheinen lassen (Pilot 1. 1.). Nach älteren Beobachtungsreihen, 
welche sich auf drei Tagesstunden erstrecken, scheint es sogar, dafs 
gerade der Monat Mai in Cypern (Beobachtungsort Lamaka) auch durch 
eine verhältnismäfsig hohe Morgentemperatur ausgezeichnet ist, welche 
im Jahre 1862 nach Pascotini's Aufzeichnungen die Mittagstemperatur 
im Mittel um 1,02° überstiegen haben soll 3 ). Leider gestatten die seit 
1881 an sechs Stationen (Nikosia, Larnaka, Limassol, Paphos, Kcrynia, 
Kamagusta) eingerichteten amtlichen Beobachtungen, da sie nur morgens 
und abends (9 Uhr) stattfinden, keine Prüfung dieses immerhin auf- 
fallenden Ergebnisses '). 



') G. A. Olivier, Voyage dans l'empirc Othoman etc. Bd. VI (Paris 1807) 
S. 364—366; Gaudry, Rech. S. 126; Med. Pilot II 280. 
a ) S. Mann, Meteor. Zeitschr. 1889, S. 429. 

3 ) Bis zum Beginn der englischen Verwaltung liegt für Cypern folgendes Beob- 
achtungsmaterial vor: Thennometerablesungen (Mittags) an verschiedenen Orten 
(meist Larnaka) 15. — 21. März und 4. Okt. — 8. Nov. 181 5 bei Turner a. a. O.; 
Beobachtungen von Foblant in Larnaka 15. Mai - 8- Sept. 1853 (Luftdruck, Temper., 
Feuchtigkeit, Winde; 9 U. a. m. u. 3 U. p. m.) bei Gaudry, Rech. S. 108 — in; 
dgl. von Kotschy 31. März — 10. April 1859 (Luftdruck, Temper. und Wetterbe- 
richt) an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Stunden, in Peterm. Mitteil. 
1862 S. 303; dgl. von Unger 11. März — 30. Mai 1862 (Dunstdruck und Feuchtig- 
keit; Ort und Zeit verschieden) bei Unger-Kotschy S. 81 — 83; dgl. von Pascotini 
I.Mai — 30. Nov. 1862 (Luftdruck und Temper.; 7 U. a. m., 2 U. u. 9 U. p. m.) 
ebd. S. 88 — 94; A. Buchan, The Climate of Cyprus, froin Observation* made by 
Th. B. Sandwith 1866— 1870. Journ. Scott. Meteor. Soc. N. S. V (1880) S. 
189—193 (Zusammenfassung von früher a. a. O. einzeln veröffentlichten Beobach- 
tungen). Das Ergebnis aus dem angeführten Material zog Hann, Ztschr. d. österr. 
Ges. f. Metcorol. XII I (1878) S. 405 -407 und E. G. Ravenstein, Cyprus S. 16. 
Dazu kommen noch Beobachtungen von S. Baker u. H. G. White in Nikosia 14. 
— 30. Juni und 1.- 17. Aug. 1879 (Luftdruck, Temper. und Wind; 9 U. a. m. u. 
9 U. p. m.), dazu Monatsmittel d. Temp. Febr. — Aug. 1879 (Mai — Aug. in 
Trooditissa, in 4350'= 1326 m Höhe) bei S. Baker, Cyprus S. 461—463 (deutsche 
Ausg. S. 365 — 367). 

4 ) Diese leider nicht ganz lückenlosen und auch nicht in allen Teilen ver- 
trauenswürdigen Beobachtungen werden amtlich nicht veröffentlicht. Nur die Monats- 

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Aus Cypcrn. 



231 



Pap hos. 

Mein Aufenthalt in Ktima (1998 E.), dem jetzigen Hauptorte des 
Distriktes Paphos, war der längste, den ich irgendwo auf der Insel 
am gleichen Orte verbrachte (4. — 7. Mai). Er galt dem Studium von 
Neu -Paphos, das mir in mancher Hinsicht ebensoviele Überraschungen 
bot als mir meine bisherige Reise in Bezug auf antike Ruinen Ent- 
täuschungen gebracht hatte. Freilich überzeugte ich mich alsbald, dafs 
ich mich bei der Menge und Zerstreutheit des Vorhandenen auf einen 
orientierenden Überblick beschränken müsse, indem eine vollständige 
topographische Aufnahme und Beschreibung einen Aufenthalt von 
mehreren Wochen erfordert hätte, ganz abgesehen von Ausgrabungen, die 
hier ebenso ohne Schwierigkeit als mit grofscr Aussicht auf wissenschaft- 
lichen Erfolg unternommen werden könnten. Von den Beschreibungen 
früherer Reisender 1 ) giebt keine eine befriedigende Vorstellung über 
die Fülle des hier vorhandenen Materials, obwohl sich darunter 
vieles Brauchbare findet; bei der Kürze der den meisten zur Ver- 
fügung stehenden Zeit war es eben auch so tüchtigen Forschern- wie 
Rofs nicht möglich, alles zu sehen, und für beutesuchende Schatz- 
gräber bot sich hier ein minder dankbares Feld als in den äufser- 
lich unscheinbaren Nekropolen anderer Teile der Insel, wo man nur 
Grab um Grab aufzuwühlen braucht, um Magazine von Altertümern 



mittel des J. 1 gg t wurden gedruckt im „Second Annual Report of the Sanitary 
Commissioner with the Government of Cyprus for 1881" (Mediterranean N. 16) 
S. 48 — 71, vgl. S. 30—32. Dieses Heft, welches den Vermerk trägt „Printed for 
the use of the Colonial Office", ist nicht im Handel; ich verdanke den Besitz des- 
selben der gütigen Vermittlung des englischen Ministerresidenten in München, Hrn. 
V. Drummond. Mit Erlaubnis der Inselregierung erhielt ich Auszüge der Monats- 
inittel für die sechs Stationen von t 88 r — t886, unterliefs jedoch deren Veröffentlichung, 
nachdem ich erfuhr, dafs Hr. Prof. Dr. Hann bereits durch Hrn. R. II. .Scott in 
London im Besitze des vollständigen Materials war. Hann gab Auszüge hieraus in 
d. Jahrbuch, d. k. k. Ccntralanstalt f. Meteor. N. F. XVIII (1881) S. 301, XIX 
(1882) S. 325 f., XXIV (1887) S. 266-271 und kürzlich eine zusammenfassende 
Übersicht über das „Klima von Cypcrn 4 ' in d. Meteorol. Ztschr. XI (1889) S. 427 
— 433. Aufser dem Material der sechs amtlichen Stationen verfüge ich noch durch 
die Gefälligkeit des Chief Secretary to Government, Colonel VVarrcn, über die täg- 
lichen Max.- u. Min.-Temperaturen zweier Hochstationen im Troodos | VVarrens 
Haus 4887 feet = 1490 m und Feldlazarcth 5720 feet == 1743 m) vom 25. {bezw. 
14.) Juni bis 8> Okt. (bezw. 30. Sept.) 1886 und vom 3. Aug. (bezw. 13. Juni) bis 
23. (bezw. 8-) °kt. 1887 nebst barometrischen Monatsmitteln für die gleiche Zeit. 

») Unter den Reiseschriftstellern handeln von Paphos: Pococke S. 225—227; 
Marti S. 195 197; v. Hammer S. 136—156, mit Karte und Plan; Ali Bcy el 
Abbassi, Voyages en Afriquc et en Asie (Paris 1814) Bd. II S. 127 145, AU. 
T. 24 — 35; Turner S. 557 — 566; Rofs S. 180—182, 185—190; Uuger - Kotschy 
S. 539 — 560; Löher S. 207 232; ferner Sakellarios Bd. I S. 82 — 105 u. Cesnola 
S. 174—194. 

Zeiuchr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXV. | 7 

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232 



Eugen Oberhummer: 



aufzustapeln. Da ich indessen auch meinerseits hei einem Besuche von 
Neu-Paphos Uber eine vorläufige Orientierung nicht hinauskam, glaube ich 
mich hier um so mehr auf kurze Andeutungen beschränken zu müssen, 
als ich befürchte, den Lesern einer geographischen Zeitschrift ohnehin 
schon mehr Geschichtliches als billig zugemutet zu haben. 

Mit dem Namen Pap hos bezeichnete man im Altertum zwei ver- 
schiedene Wohnplätze, welche in der Kaiserzeit auch als Alt- und 
Neu-Paphos unterschieden wurden. Die Lage des letzteren wird 
durch das Dorf Baffo, an der Küste S von Ktima, diejenige von Alt- 
Paphos durch das 15 km weiter östlich gelegene Dorf Kuklia be- 
zeichnet. In politischer Hinsicht bildeten beide Städte im Altertum 
nur ein Gemeinwesen und standen bis auf Alexanders Zeit, wie alle 
selbständigen Städte Cyperns, unter einem besonderen Königtum. Re- 
sidenz der Könige war Neu-Paphos, wo der Schwerpunkt des kommer- 
ziellen und politischen Lebens lag ; Alt-Paphos hingegen, als städtische 
Ansiedlung von weit geringerer Bedeutung, verdankte seinen Ruhm 
dem Kultus der Aphrodite oder richtiger der Astarte, welcher seit 
ältester Zeit dort von den Phöniziern lokalisiert war. So vertrat 
Alt-Paphos auch mit seiner einflufsreichen Priesterschaft das semitische 
Volkstum gegenüber dem griechischen Königsgeschlccht und der vor- 
wiegend griechischen Kultur von Neu-Paphos; ja als längst die ganze 
Insel einschliefslich der Bevölkerung von Alt-Paphos vollständig dem 
nivellierenden Einflufs des Hellenismus unterlegen war, da erschien 
Tempel und Kultus der Astarte- Aphrodite den Zeitgenossen noch als 
ein mysteriöser Überrest einer vergangenen Kulturperiode, wie aus 
einer berühmten Stelle des Tacitus (Hist. II 2 s.), dem wichtigsten lite- 
rarischen Zeugnis, das wir über das alte Paphos besitzen, zu ersehen ist. 
Neu-Paphos aber schwang sich damals, nachdem Salamis die Hegemonie, 
die es in den glänzenden Zeiten eines Euagoras besessen, eingebüfst 
hatte, zur gröfsten und prächtigsten Stadt Cyperns empor, dessen Haupt- 
stadt, als Residenz des Proconsuls (Act. Apost. 13, 7), sie für die Kaiser- 
zeit wohl genannt werden kann. Auch als die alte Herrlichkeit 
längst in Trümmer gesunken war, blieb Paphos bis gegen Ende des 
Mittelalters, ja sogar noch im 16. Jahrhundert ein häufig ange- 
laufener Küstenplatz, und die zeitgenössischen Reiseschriftsteller, meist 
fromme Jerusalempilger, werden nicht müde, uns von den Zeugen ver- 
gangener Pracht zu erzählen 1 ). Freilich ist von den stattlichen Ruinen 



1) Literarische Nachweise Uber die Geschichte von Paphos findet man einst- 
weilen bei Engel I 121 — 145, J. H. Krause in d. Allg. Encykl. III S. 11 Tl. 
(1838) S. 66—70, Forbiger in Pauly's Renlencykl. d. klass. Altcrtumswiss. IV 
(1848! S. 1137 — 1139 u. Th. H. Dyer in Will. Smith 's Diction. of Greek a. Rom. 
Geogr. II S. 548 f.; doch betreffen dieselben nur das Altertum. Neuestens hat M. 
R. James in einem besonderen Atachnitt des amtlichen Berichts Uber die Aus« 

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Aus Cypcrn. 



233 



seitdem wohl vieles verschwunden, denn die Zerstörungswut der ein- 
heimischen Bevölkerung, welche ihre Bauten lieber aus alten Trümmern 
zusammenflickt, als neues Material beschafft, hat hier nicht weniger arg 
gehaust wie anderwärts, und leider steht zu befürchten, daCs noch 
manches interessante Denkmal in nächster Zeit dem Verderben ge- 
weiht sein wird, ehe es überhaupt wissenschaftlich bekannt geworden ist. 

So weit ich die vorhandenen Reste übersehen konnte, teilen sie sich 
hauptsächlich in folgende Gruppen. Im Mittelpunkt steht natürlich das 
eigentliche Stadtgebiet, dessen Lage in der äufsersten SW-Ecke Cyperns 
durch das, allerdings nur einen kleinen Teil desselben einnehmende 
Dorf Baffo (206 E.) bezeichnet wird. Einige der wichtigeren Objekte inner- 
halb dieses Gebietes, so besonders der Hafen und die Ruinen mehrerer 
Tempel und anderer Gebäude in dessen Nähe, sind schon von 
mehreren Reisenden beschrieben worden und sollen hier nicht weiter 
verfolgt werden, zumal über die Identität der einzelnen in der Litera- 
tur erwähnten Baulichkeiten keineswegs volle Klarheit herrscht. Be- 
sonders hervorheben will ich nur einen Sandsteinhügel im N des 
Dorfes Baffo, Fabrika auf der Karte genannt, welcher ganz mit 
künstlichen oder doch künstlich erweiterten Höhlen durchsetzt ist, über 
deren Zweck sehr verschiedene Vermutungen geäufsert worden sind. 
Ich kann in denselben nur Wohnräume, vielleicht auch blofse Zufluchts- 
stätten, einer alten, wahrscheinlich vorhistorischen Bevölkerung er- 
kennen, während die Deutung auf Grabkammern durchaus ausge- 
schlossen erscheint. Nachforschungen im Boden müfsten ohne Zweifel 
zu einem Aufschlufs über den Charakter der Bevölkerung führen, 
welche diese merkwürdigen Räume bewohnte. 

Der westliche Teil des Stadtgebietes, wo ich auf einem Hügel 
Spuren einer Akrop oli s, ferner ein kleines Amphitheater erkannte, 
scheint von früheren Reisenden gar nicht besucht worden zu sein. 
Sicher haben sich dieselben nicht um die Umwallung der Stadt be- 
kümmert, welche ich noch fast in ihrer ganzen Ausdehnung nachzu- 
weisen vermochte und welche im westlichen Teile der Nordseite einen 
höchst merkwürdigen Anblick darbietet. Ich traf dort nämlich auf 
einen gewaltigen, von beiden Seiten künstlich abgearbeiteten Fels wall 
von c. 6 m Breite und (stellenweise) eben so viel Höhe, mit Bastionen, 
Rampen, Ausfallpforten und Wasserrinnen versehen, welcher wohl das 

grabungen der englischen Expedition in Alt-Paphos (s. u. S. 236) mit grofser Sorg- 
falt die antiken Belegstellen gesammelt und kritisch gesichtet, filr das Mittelalter und 
die nächstfolgenden Jahrhunderte aber nur wenige dürftige Quellennachweise aufzu- 
bringen vermocht. Mir liegt für diese Zeit bereits jetzt, obwohl nieine Arbeit noch 
nicht abgeschlossen ist, ein weit reicheres Material vor, welches bei dem Mangel 
an allgemeinen Nachschlagewerken für das orientalische Mittelalter, allerdings 
nur auf Grund umfassender und systematisch durchgeführter Vorarbeiten gewonnen 
werden konnte. 

17* 

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234 Eugen Oberhummer: 

grofsartigste Denkmal darstellt, das aus dem Altertum in Cypern er- 
halten ist. 

Von diesem Walle aus weist in NW-Richtung ein Schuttstreifen, 
vielleicht eine alte „Gräberstrafse", nach einem c. 1,4 km W von 
Ktima, 1,6 km NW von Baflb gelegenen Uuinenkomplex, Paläokastro 
genannt, in welchem man leicht eine ausgedehnte Nekropolc erkennt. 
?:ine felsige Anhöhe ist voll von Grabanlagen, welche in den ver- 
schiedensten und oft überraschendsten Formen aus dem natürlichen 
Gestein herausgehauen sind und bei oberflächlicher Betrachtung den 
Eindruck einer verlassenenen Felsenstadt machen ; in der That sprechen 
auch die meisten Reisenden mit gröfster Bewunderung davon, ja Ali 
Bey (a. a. O. S. 138) stellte sogar diese Ruinen über diejenigen von 
Herculaneum und Pompeil Unter den Reisenden, welche über diese 
Stätten geschrieben haben, befinden sich nur zwei Archäologen von 
Fach, L. Rofs und E. Pottier, denen man auch eine genauere Schilde- 
rung einzelner Gräber verdankt 1 ); eine vollständige Beschreibung von 
Paläokastro würde für sich allein ein Buch füllen. Rofs dachte, seiner 
Neigung und dem Zug seinerzeit entsprechend, sogleich an phönizischen 
Ursprung, Pottier weist wohl richtiger auf ähnliche Anlagen in Klein- 
asien 2 ) hin und schreibt die Nekropole etwa dem 5. Jahrh. v. Ch. zu. 
Obwohl ich mich Pottier's Auffassung im allgemeinen anschliefse, kann 
ich doch nicht verschweigen, dafs mich diese Felsengräber zum Teil leb- 
haft an ähnliche Anlagen in Oberägypten, besonders an die Grabgrotten 
von Beni Hassan erinnerten, welche ich erst kurz vorher besucht hatte. 

Eine weitere Ruinenstätte, welche auf der englischen Karte 
an der Küste, 1 km NW von Paläokastro (das dort Petra tu Dijeni 
heifst), mit unberechtigter Ausdehnung verzeichnet ist, schien mir ledig- 
lich von einem alten Steinbruch herzurühren, dessen regelmäfsige Ab- 
arbeitung allerdings stellenweise den Eindruck absichtlicher Zurichtung 
erweckt. 

Wie im NW, so wurde auch im SO der alten Stadt mein Augen- 
merk durch die Karte von vornherein auf zwei isolierte felsige Er- 
hebungen in der Kiistencbenc gelenkt. Die eine, näher bei der Stadt 
gelegene, diente gleich der letzterwähnten „Ruine" im NW haupt- 
sächlich als Steinbruch 3 ), die zweite, weit ausgedehntere, c. 1,8 km 

») Vgl. Rofs, Phonizische Gräber auf Cypern. Arch. Zeit. IX (1851) Sp. 
321 — 328, T. XXVIII (Arch. Aufs. II S. 408—415); E. Pottier, Les hypogees 
doriques de Nea-Paphos. Bull, de corresp. hellen. IV (1880) S. 497 — 505. 

-) Vgl. hierüber die Abhandlung von G. Ilirschfeld, Paphlagonische Felsen- 
gräber, in Abhandl. d. Berl. Ak. d. W. 1885- 

• 1 ) Es mag hier darauf hingewiesen werden, dafs sich Steinbruche und Nekro- 
polen oder Fclswohnungen nicht immer streng scheiden lassen, indem ursprüngliche 
Steinbrüche später oft in diesem Sinne erweitert wurden, wie es sowohl bei 
Paläokastro als im nächstfolgenden Beispiel der Fall gewesen zu sein scheint. 



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Aus Cypcrn. 



235 



OSO vom Dorfe BafTo gelegen, führt auf der Karte den Namen 
Katarameni und ist offenbar identisch mit der von neueren Besuchern 
— die älteren Reisenden (vor Unger) scheinen die ganze Anlage über- 
sehen zu haben — sogenannten 'Aluvta tov *Enurxonov (Bischofstenne) 1 ), 
welche in neuester Zeit besonders durch die dort gefundenen kyprisch- 
epichorischen Inschriften bekannt geworden ist. Es ist eine Nekropole 
von kaum geringerer Bedeutung als diejenige von Paläokastro, nur 
liegen die Zugänge der Felsengräber nicht so offen zu Tage, sondern 
müssen zwischen den natürlichen und künstlichen Unebenheiten des 
Terrains mühsam aufgesucht werden, wobei es leicht vorkommen mag, 
dafs man ein von einem Vorgänger beschriebenes Grab vergeblich 
wiederzufinden sucht 2 ). 

Aufser diesen Hauptobjekten findet man in der Küstenebene zwischen 
den eben beschriebenen Punkten und den Höhen von Ktima, das 
selbst noch am Rande des von zahlreichen Bachbetten durchschnittenen 
Plateaus liegt, welches hier die unterste Stufe des Gebirges bildet, noch 
zahlreiche kleinere Überreste aus dem Altertum, als einzelne Gräber, 
Säulen u. s. w., sowie eine auf längere Strecken zu verfolgende Wasser- 
leitung mit Reservoirs u. s. w., der Mauerung nach aus römischer Zeit. 

Wir verliefsen Ktima, wo uns die Gastfreundschaft des Commis- 
sioners Hrn. H. L. Thompson und des Polizeikommandanten C. W. 
Thompson den Aufenthalt äufserst angenehm gestaltet hatte, am 7. Mai 
und ritten nach einem Besuche des Dorfes Jeroskipu, welches den 
alten Namen ( hnox^nia) 9 ) merkwürdig treu bewahrt hat und durch eine 
reichliche Quelle vorzüglichen Wassers (im Volksmunde „Bad der Aphro- 
dite" benannt) 4 ), eine in Cypcrn seltene Erscheinung, ausgezeichnet ist, 
mit Vermeidung des am Fufse des Plateaus hinführenden Hauptweges 
der Küste entlang, um die von Strabo a.a.O. erwähnte Stadt Arsinoe 
und das Vorgebirge Zephyria (Str. 1. 1. ; Ptol. V, 14, 1 s.) zu suchen, 
bei welchen Örtlichkeiten sich nach Strabo je ein Landeplatz (^Qoffon^og) 
befunden haben soll. Von der genannten Stadt glaube ich Spuren bei 
einer alten Kirche (1 km SW von dem Orte Mandria; auf der Karte 



1 ) In der Nähe befindet sich ein grofses Tschiftlik des Bischofs von Paphos. 

2 ) Über Gräber dieser Nekropole sind besonders Pottier a. a. O. u. Hogarth- 
James im Journ. Hell. Stud. IX 167 f. zu vcrgl. 

•"») Str. XIV 6, 3 s. Auch Plin. n. h. V 130 ist gegen die handschriftliche 
Überlieferung und die neueren Herausgeber das schon von Hermolaus Barbarus 
(Rom 1492) vorgeschlagene Hieroccpia herzustellen. 

4 ) Näheres bei Ali Bey a. a. O. S. 129—135 und T. 24—26, sowie bei 
Unger - Kotschy S. 6, 76, 539 f. Hammer a. a. O. (S. 142 f., 145 A.) hat den 
Namen in ' 4yt6arrjß$ verunstaltet, was Engel (I 139) veranlagst hat, „Agiostibi" als 
eine von ,,Jeroschipos" verschiedene Örtlichkeit anzuführen. Von Altertümern ist 
sehr wenig vorhanden, s. Rofs 184, Cesnola 187 f • > Löher 218 f., Mas Latric, 
Chypre 25. 



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236 



Eugen Ohcrhununcr: 



H. Kvrcsis genannt, und wohl identisch mit dem von Hammer 146 
und Rofs 184 erwähnten \4. Avyönt) gefunden zu halben. 

Die Landspitze SO davon ist auf der Karte als „Zephyros" be- 
zeichnet, offenbar nur auf Grund gelehrter Vermutung, die aber wohl 
das Richtige getroffen hat. Ein Haufe Felsblücke im Meere daselbst, 
zu welchen vom Ufer aus ein Damm hinführt, schien mir von einem 
alten Wellenbrecher herzurühren. 

Mittags trafen wir in Kuklia ein, einem elenden Dorfe (404 E.), das 
auf einer (nach Aneroidbeobachtung) c. 80 m hohen Anhöhe in c. 2 km 
Entfernung von der Küste liegt und mitten in die Ruinen des berühmten 
Aphroditetempels hineingebaut ist. Letztere waren ehedem hauptsächlich 
aus Hammers Beschreibung (S. 150—152 mit Plan) bekannt, welche auch 
dem lange als mafsgebend betrachteten Restaurationsversuch von 
Munter und Hetsch 1 ) zur Grundlage gedient hat. Ein kurzer Über- 
blick verschaffte mir die Überzeugung, dafs die früheren Beschreibungen 
ungenügend sind, der von Cesnola (S. 181) gegebene Grundrifs absolut 
unbrauchbar ist, sowie dafs die Anlage des Tempels keinerlei Ver- 
wandtschaft mit irgend einem griechischen oder römischen Tempel- 
bau zeigt, volle Klarheit aber erst durch vollständige Blofslegung der 
Fundamente erlangt werden könnte. Letzteres ist inzwischen durch 
die von der Englischen Schule in Athen veranlassten und 1888 unter 
Leitung von E. A. Gardner durchgeführten Ausgrabungen geschehen, 
welche meine Vermutung, die sich übrigens an Ort und Stelle fast von 
selbst aufdrängen mufste, insofern vollständig bestätigten, als der 
Tempel sich wirklich als eine spezifisch phönizische, von griechischen 
und römischen Bauten durchaus verschiedene Anlage erwies, welche, 
trotz weitgehender Unterschiede in der Ausführung, eine unverkennbare 
Verwandtschaft mit dem salomonischen (bekanntlich von phönizischen 
Werkleuten errichteten) Tempel zu Jerusalem zeigt. Im übrigen ver- 
weise ich auf den kürzlich erschienenen ausführlichen Bericht über die 
Ausgrabungen 2 ) und schliefse hiermit für dieses Mal meine eigenen 
Mitteilungen über meine Reise, welche mich zunächst über Kurion, 
Limassol, Amathus und den Gipfel des Troodos nach Nikosia zurück- 

l| Fr. Münter, Der Tempel der himmlischen Göttin zn Paphos. Zweite Bei- 
lage zur Religion der Karthager, mit 4 Kupfertafeln und einer architektonischen 
Erklärung von G. V. Hctsch. Kopenhagen. 1824. Vgl. auch C. G. Lenz, Die 
Gottin von l'aphos auf alten Bildwerken und Baphomct. Gotha, 1808. 

2 ) Excavations in Cyprus 18K7 88. Journ. Hell. Stud. IX (1888) S. 147-171, 
T. VII— XI. In antiquarischer und archäologischer Hinsicht kann die Publikation 
wohl als abschließend betrachtet werden; ungenügend ist dagegen der Abdruck der 
zahlreichen Inschriften, welcher hoffentlich später durch eine gründlichere Bearbei- 
tung ersetzt wird. Eine Anzahl solcher aus Alt-Paphos, welches wohl der dankbarste 
Fundort ftlr altgnechische Inschriften auf Cypern ist, habe ich früher selbst ^a. a. O. 
S. 322- 339) mit kritischen und antiquarischen Erläuterungen herausgegeben. 



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Aus Cypern. 



237 



führte. Auf einer zweiten Tour durchzog ich den Osten und einen 
Teil des Nordens der Insel (Athienu, Famagusta, Salamis, Levkoniko, 
Kythräa, Buffavento, Bellapais, Kerynia) und begab mich schlicfslich 
von Nikosia über Idalion und den Berg des heiligen Kreuzes (Stavro- 
vuni) nach Larnaka, wo ich mich am 31. Mai nach Smyrna einschiffte. 



Nachtrag. 

Zu S. 194. Schon auf Marino Sanudo's Karte des östlichen Mittel- 
meerbeckens (um 1320), bei Bongars, Gesta Dei per Francos (Hanau 
1611), findet sich quitü und Saline eingetragen. 

Zu S. 195 f. Bereits während des Druckes ergaben sich mir weitere 
Quellennachweise zur Geschichte der Salin a (Larnaka). Ich kann 
jedoch auf vollständige Anführung derselben um so mehr verzichten, 
als dieselben doch noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden 
können und auf mehrere von mir nicht ausdrücklich angeführte Quellen 
bereits von Heyd (s. S. 196 A. 1) und von Meisner-Röhricht in der Zeit- 
schrift d. deut. Palästinaver. I (1878) S. 111 A. 1 hingewiesen worden 
ist. Doch kann ich nicht umhin, den bekannten Felix Fabri hier noch 
hervorzuheben, welcher gelegentlich der Erzählung seines Ausfluges auf 
den Berg des heiligen Kreuzes (1483) Sahna als einen offenbar belebten 
Hafenplatz schildert 1 ) und sogar das Dorf Larnaka selbst, wenngleich 
unter verstümmeltem Namen, kennt 2 ); es ist dies die erste Erwähnung 
von Larnaka, die mir bis jetzt bei einem abendländischen Schriftsteller 
bekannt ist. Als den Haupthafen (/a scala principale) Cyperns und 
Stapelplatz verschiedener Waren beschreibt die Saline ferner eine 
wahrscheinlich von einem Genueser (der Verfasser war selbst in Cypern) 
um 1563 verfafste Kosmographie, aus welcher Bandini Auszüge mit- 
teilt 3 ). Bemerkenswert ist endlich noch, dafs sich bei einigen Schrift- 
stellern für Salina-Larnaka die Bezeichnung Cyprus findet, ähnlich 
wie der altphönizische Name Kition für die ganze Insel (s. o. S. 192) 
galt, weshalb jener sonderbare Gebrauch wohl auch nur aus biblischen 

i) Evagatorium ed. C. D. Hafsler. Bd. I (Bibl. d. lit. Ver. Bd. II 1843) 
S. 171 ad Salinensem portum; 177 erat autem super litus maris magnum forum 
et hominum multorum congregatio etc.; daselbst erscheint auch bereits die Kirche 
S. Lazari. Vgl. auch S. 4z in portum qui dicitur Sahna. 

*) A. a. O. S. 171 ad villam quandam, quae dicitur Ornyca (im Reyfsbuch 
fol. IZ7 Arnylia), distans 1 miliare a mari. Da die Reisegesellschaft dort sogleich, 
und zwar iur Nachtzeit, die nötigen Reittiere auftreiben konnte, kann der Ort doch 
nicht so unbedeutend gewesen sein, wie ich o. S. 196 annahm. Von Arnica spricht 
auch Jo. Cotovicus, Itin. Hieros. (Antverp. 1619) S. 111 (reiste 1596). 

a ) Bibliofh. Leopold. Laurent. T.III (Flor. 1793) col. 349s. Die Abfassungs- 
zeit ergiebt sich aus der Bemerkung, dafs Sultan Soliman damals im 43. Regierungs- 
jahr stand. 



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238 



Eugen Oberhummer: 



Reminiszenzen zu erklären ist 1 ). Noch AI. Drummond in seinem wert- 
vollen, leider schwer zugänglichen Reisewerk 5 ) kommt darauf zu- 
rück' 1 ). Letzterer giebt auch (S. 138) die griechischen Schreibweisen 
Janir t xa und sthjt? (d. i. \4Xvaij, s. o. S. 194). 

Zu S. 199fr. Über die Ruinen von Kition bemerkt Fabri a. a. O. 
S. 178: transhnmus ad locum Salinae, ubi ex ruinis comprehendimus o/im 
dvitalem non modicam stetisse. — Von der Denkschrift des Savorgnano 
erhalte ich soeben durch Vermittelung des Herrn Dr. Simonsfeld die 
Abschrift (60 S. in 4) eines Exemplares in der Markusbibliothek (cod. 178 
in Kl. VI der ital. Hdschr.), aus welcher ich ersehe, dafs sich dieselbe 
nach einer Einleitung über den Zustand Cyperns im allgemeinen mit 
der Frage der Verteidigung der wichtigsten festen Plätze beschäftigt. 
Auch dort heifst es von Saline, es habe maggiore concorso de navi che 
a/cü allro loco delV isola. — Drummond (S. 251) sah 1749 noch die 
Reste der Mauern , den Stadtgraben und die Spur eines Thores von 
Kition. Vgl. ferner Meisner-Röhricht a. a. O. ; Melch. v. Seydlitz (1556) 
im Reyfsbuch fol. 251 verso; Cotovicus 1. 1. p. 101; Georg. Gemnic. 
ephem. (1504) bei Bern. Pez, Thesaur anecol. II 3 col. 6143. 

Zu S. 203 f. Über die Salzgewinnung bei Larnaka vgl. aufser 
der über letzteren Ort selbst angeführten Literatur noch Steph. v. 
Gumpenberg, WarhafTtige beschreybung der Meerfart u. s. w. (Franck- 
furt am Meyn 1561) S. 40a (1449 50); Fabri a. a. O. S. 178; Pilgerfahrt 
des Herzogs Friedrich II. von Liegnitz a.a.O. S. 204 f.; Barth, de Salignac, 
Itinerar. Hierosolym. (1532) IV 3; Reisen und Gefangenschaft Hans 
Ulrich Kraffts herausgegeben von K. D. Hafsler, Stuttgart 1861 (Bibl. 
d. lit. Vcr. Bd. 61) S. 76 f. Auch Drummond a. a. O. S. 141 f., 162 f. be- 
schäftigt sich mit der Frage nach der Herkunft des Salzes, welche schon 
von Fabri richtig auf eindringendes Meerwasser zurückgeleitet wird. 

Zu S. 205. Inzwischen erfahre ich durch briefliche Mitteilung von 
Herrn A. Bergeat, dafs „die tafelförmige, durch verschiedene Terrassen 
abgestufte Gestalt jenes Kalkberges" bei Cap Greco, welchen Strabo 
erwähnt, mit den Tafelbergen der Mesaria nichts zu thun hat. 



1 ) Bernhard von Breydenbach, Sanct. peregrinationum etc. opusculum. Mogunt. 
i486 (ohne Paginierung): In portum ipsutn venimus Cipr intim. Est autetn Ciprus 
insula a Cipro civitate — sie appellata; vgl. Feyerabends Reyfsbuch (1584) Fol. 65 
verso. Mcisncr-Röhricht, Die Pilgerfahrt des Herzogs Friedrich II. von Liegnitz und 
Brieg ( I 507), a. a. U. S. 204 : Cyprus ist eine stelle genant Salina ; S. 205 : '/ deut- 
sehe meilen von Cypro. 

2 ) Travels trough diflerent cities of Germany, Italy, Greece and Several Parts 
of Asia. London 1754. Fol. Ich verdanke die Benützung des auch in grofsen Bi- 
bliotheken nicht häufigen Werkes der K. Bibliothek in Stuttgart. 

3 ) S. 137: Larnica, called by way of eminence Cyprus, with its port of Sa- 
lines. S. 138: Salines, and this town of Larnica, which is generally called Kvrtnn 
by the Türks and Greeks, and Cyprus by the European* (r). 



Aus Cypern 



23!) 



Zu S. 206. Neben Arona giebt die Karte noch den türkischen 
Namen Harm an Tepe. „Tepe" (*jui) ist das bekannte türkische 

Wort für Hügel, „Harman" dürfte auf persisch charmen, chirmen 

„Ernte, Tenne, Dreschtenne" zurückzuführen sein, wovon nach Meninski, 
Linguar. Orient, turc. arab. pers. institut. (Vienn. 1680) Sp. 1886 und 
Bianchi, Vocab. francais-turc (Par. 1831) S. 13 die vulgär-türkische Form 

^A-Ä. harman lautet. Die Bezeichnung „Tennenhügel" ist also von 

der vollkommen ebenen Beschaffenheit der Oberfläche hergenommen, 
und so erklärt sich wohl auch das griech. Arona in demselben Sinne 
(von ukojv, jüngere Nebenform zu att. <«P.w„', ep. älcotj; vgl. die Bezeich- 
nung 'Ahamt tov tmaxonov o. S. 235). 

Zu S. 214 A. 3. Inzwischen gelang es mir, die Monographie von 
Mas Latrie über Nikosia aufzutreiben. Dieselbe scheint nicht be- 
sonders veröffentlicht worden zu sein, wie O. Lorenz, Catal. gen. de la 
librairie francaise III (Par. 1869) S. 408 b, welchem ich a. a. O. den 
Titel entnommen habe, wohl irrig angiebt, sondern erschien in drei 
Nummern der Zeitschrift „Le Correspondant". V. Annee (1847) Bd. XVII 
s - 505—34, XVIII S. 850—83, XIX S. 350 --72. — Das Werk des Erz- 
herzogs Ludwig Salvator gelangte kürzlich durch die Liberalität der 
Güterverwaltung S. K. u. K. Hoheit in Brandeis (Prag) in meinen Besitz. 

Zu S. 222 A. 3. Über die Tylliria s. auch Drummond a. a. ü. 
S. 262 — 66 u. dessen Karte von Cypern zu S. 191. 

Zu S. 223 A. 2. Ludolf hat seine Bemerkung über den cyprischen 
Muflon offenbar, wie so vieles andere, seinem Zeitgenossen Wilhelm 
v. Boldensele (reiste 1333) entnommen, welcher schreibt 1 ): Sunt etiam 
in Cypri moniibus oves si/vnticae, in pilis similes caprio/is et cervis, quae 
nustjuarn a/ias esse perhibentur. Multum velox est animal, bonas carnes et 
duices habens. Plures capi vidi, existens in venalione cum canibus et maxime 
domesticis leopardis. 

Ebd. A. 1. Die erste Beschreibung des cyprischen Mu f Ion in der 
neueren Literatur findet sich bei J. F. Brandt und J. T. C. Ratzeburg, 
Medizin. Zoologie I (Berlin 1829) S. 54, woselbst auch auf T. IX F. 1 
nach einem vom Grafen v. Sack dem Berliner Museum geschenkten 
Exemplare eine kolorierte Abbildung gegeben ist. Der cyprische Muf- 
lon wird dort zur Var. oricntalis von Ovis Musimon gerechnet. -Der 
Rückweis (^S. 55 A. 1) auf „Damper, Bericht von den Inseln des griechi- 
schen Meeres S. 50" ist wohl irrig, da ein solches Buch bibliographisch 
nicht nachzuweisen ist. Später befafste sich E. Blyth mit der Syste- 
matik der Gattung Ovis 2 ) und stellte eine besondere cyprische Spezies 

') Itinerarius Guilielmi de Boldensele, herausg. von C. L. Grotefend in der 
Zeitschr. d. bist. Ver. f. Niedersachsen 1852 S. 242. 

-) „List of the Species of the Genus Ovis." Proceed. Zool. Soc. Lond. 1840 



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•240 



Eugen Oberhummer: Aus Cypern. 



unter dem Namen O. ophion 1 ) auf. Blasius gab der letzteren die Be- 
nennung O. cyprius (sie!) 2 ), welche in Deutschland in die Literatur 
übergegangen ist 3 ). Inzwischen wurde durch Tschihatscheff die klein- 
asiatische Wildschafart näher bekannt, deren nahe Verwandtschaft mit der 
cyprischen Varietät bereits von Valenciennes hervorgehoben wurde 4 ). 
Weitere Untersuchungen zur schärferen Begrenzung beider Arten, die 
sich unzweifelhaft sehr nahe stehen, lieferten Vict. und Bas. Brooke 5 ) 
sowie Ch. G. Darnford und E. R. Aiston 6 ), bis endlich John Biddulph, 
welcher die Verbreitung der Wildschafarten zu einem speziellen Studium 
gemacht hat 7 ), eine kurze, von einer vorzüglichen Abbildung be- 
gleitete Monographie des cyprischen Muflon lieferte 8 ), auf welche ich 
den Leser zunächst verweise. 



Schlufsbemerkung. 

Das Routenkärtchen (Taf. 3), welchem für die Situation die englische 
Karte, aber für die Schreibweise Kiepert's Karte zur Grundlage dienten, 
zeigt in letzterer Hinsicht einige Abweichungen vom Text, welche nicht 
mehr ganz beseitigt werden konnten ; dieselben beschränken sich haupt- 
sächlich darauf, dafs die gequetschte Aussprache von x und x» welche 
dem cyprischen Dialekt eigen ist, in der Karte durch tsch wieder- 
gegeben wurde, z. B. Tschönistra = XitonatQu; vgl. o. S. 194. 

S. 62—79 73 7*)» i.Monograph of the Species of Wild Sheep." Journ. 
Asiat. Soc. Bengal. N. S. X (1841) 2 S. 858-88 (S. 879f.)- auch in Taylors Magaz. 
of Nat. Hist. 1841 (letzteres mir unzugänglich). 

») Der Name ist offenbar aus Plin. n. h. XXVIII § 151, XXX § 146 ent- 
nommen, wo vielleicht der sardinische Muflon gemeint ist, obwohl derselbe ib. VIII 
§199 unter dem Namen musmon erscheint. 

-) Fauna der Wirbeltiere Deutschlands. I. Säugetiere. Braunschweig 18571 
S. 473. Der dort gegebene Hinweis auf Sundevall bezieht sich wahrscheinlich auf 
des letzteren Schrift „Mcthod. Übersicht der wiederkäuenden Tiere, Linne's Pecora" 
(deutsch v. Hornschuh, Greifswald 1848)1 welche mir augenblicklich nicht zugäng- 
lich ist. 

3 ) Wobei der grammatische Lapsus getreulich wiederholt wurde; s. H. Schinz, 
Synopsis Mammalium II (Solothurn 1845) S. 475 f., Unger-Kotschy S. 570b. 

*) A. a. O. u. (mir unzugänglich) Rev. et Mag. Zool. 1856 S. 346 (descr. orig.); 
s. auch Tchihatcheff, Asie Mineure II S. 726 — 33, T. IV. 

5 ) On the large Sheep of the Thian Schan , and the other Asiatic Argali. 
Proc. Zool. Soc. Lond. 1875 509 — 26 (S. 526). 

6 ) On the Mammals of Asia Minor (Pt. II.). Ib. 1880 S. 50—64 (S. 5 5 ff. U 

7 ) On the Geographical Races of the Rocky Mountain Bighorn. Ib. 1885. 
S. 678—84. Vgl. auch seine Mitteilung Uber eine Wildschafart aus Kaschgar, ib. 

1875 s. 15-f. 

*) On the Wild Sheep of Cyprus. Ib. 1884 S. 593—96, T. 58. 



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H. F. Wiche: Vergleichende Prüfung mehrerer Aneroidbarometer. 241 



VII. 

Vergleichende Prüfung mehrerer Aneroidbarometer. 

Von H. F. Wiehe. 
Mitglied der Physikalisch-Technischen Rcichsanstalt. 

Gelegentlich einer während des VIII. Deutschen Geographentages 
zu Herlin i. J. 1889 veranstalteten Ausstellung von wissenschaftlichen 
Reise -Ausrüstungsgegenständen war auch eine Anzahl Aneroide ver- 
schiedenster Herkunft ausgestellt. Diese Gelegenheit wurde benutzt, 
um die Aneroide bei der Physikalisch -Technischen Reichsanstalt in 
Charlottenburg bei Berlin einer vergleichenden Prüfung zu unterziehen, 
welche zwar mit Rücksicht auf die in Aussicht genommene baldige 
praktische Verwendung der Instrumente nicht mit aller Vollständigkeit 
durchgeführt werden konnte, die aber immerhin eine Reihe von Ergeb- 
nissen geliefert hat, welche, wenn auch nicht durchaus Neues, so doch 
Interesse genug bieten dürfte. 

Von den untersuchten neun Barometern sind zwei französischen, 
vier englischen und drei deutschen Ursprungs. Sie sind sämtlich nach 
der Vidi-Naudetschen Konstruktion (mit Büchse und Blattfeder) ange- 
fertigt und in der folgenden Zusammenstellung mit ihren näheren Kenn- 
zeichen aufgeführt. Die Teilung der Instrumente ist in ganzen Milli- 
metern, bezw. englischen Linien ausgeführt. 



Laufen- 

de 
Nummer 


Verfertiger 


Bezeich- 
nung 


Grenzen der 
Teilung 


Durch- 
messer 
derTei- 
lung 


Bemerkungen 


1 


Xaudet & Cie, 


Nt. 1 


6ao bis 780 mm 




mit Temperaturkom- 




Paris 




51mm 


pensation , ohne 










Thermometer 


1 


dieselben 


Nt. 3 


620 „ 780 „ 


5' » 


desgl. 


3 


L. Casella 


Gas. 5531 


400 „ 790 „ 


64 „ 


desgl. 




London 








4 


derselbe 


Cas. 553a 


400 „ 790 „ 


64 „ 


desgl. 


5 


Ncgrctti & Zam- 


N&Z 7110 


550 » 790 „ 


55 » 


desgl. 




bra, London 
Gary, London 








6 


C. 808 


15 bis 31 engl. Zoll 


53 


desgl. 


7 


O. Bohne, 


B. 554 


560 „ 790 mm 


60 „ 


mit Tcmperalurkom- 




Berlin 






pensation, mit Ther- 
mometer 


8 


derselbe 


B. 1046 


400 „ 780 „ 


38 „ 


ohne Temperatur- 












kompensaüon, mit 










Thermometer 


9 


derselbe 


B 1076 


360 „ 780 „ 


58 „ 


desgl. 



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H. F. Wiehe: 



Die Instrumente wurden zunächst während mehrerer Tage bei 
natürlichen T.uftdruckschwankungen, dann aber bei künstlicher Druck- 
änderung, und /war bei Drucken, welche teilweise bis zu 400 mm ab- 
wärts gingen, mit einem Quecksilberbarometer verglichen, welches durch 
indirekte Vergleichung an ein Normalbarometer angeschlossen worden 
war. Der zu den Untersuchungen bei künstlicher Druckänderung be- 
nutzte Apparat 1 ) ist von Herrn R. Fuess in Berlin verfertigt und wird 
demnächst in der Zeitschrift für Instrumentenkunde ausführlicher be- 
schrieben werden. Er besteht im wesentlichen aus einem metallenen 
Behälter zur Aufnahme der Aneroide und einer Luftpumpe, welche 
einerseits mit dem Behälter und andererseits mit einem Quecksilber- 
barometer verbunden ist. Aufserdem ist eine Reguliervorrichtung ein- 
schaltet, welche gestattet, die Geschwindigkeit der Druckänderung 
innerhalb sehr weiter Grenzen beliebig zu verändern. 

Bei der Prüfung der Aneroide kommt es darauf an, ein Verfahren 
zu befolgen, welches der Art und Weise ihrer praktischen Verwendung 
bei Bergbesteigungen sich möglichst nahe anschliefst. Die Instrumente 
müssen deshalb bei mehreren verschiedenen Geschwindigkeiten der 
Druckänderung und zwar sowohl bei abnehmendem wie bei zunehmendem 
Drucke — entsprechend dem Auf- und Absteigen — mit dem Queck- 
silberbarometer verglichen werden. Ferner ist die Gröfse der nach 
kürzer oder länger andauernden Druckänderungen auftretenden elasti- 
schen Nachwirkung zu ermitteln. 

Die Kenntnis der Standänderung, welche die Aneroide bei länger 
andauernden Druckwirkungen durch die elastische Nachwirkung des 
Federsystems erleiden, hat zwar für den unmittelbaren Gebrauch des 
Aneroides als Höhenmessinstrument meist nur geringe Bedeutung, da 
es sich bei Bergbesteigungen um relative Messungen handelt und wohl 
jederzeit kurz vor dem Aufbruch eine Beobachtung vorgenommen 
werden kann. Indessen ist die Bestimmung dieser Gröfse für die Beur- 
teilung der Güte der Instrumente von erheblichem Wert, da sie einen 
Mafsstab für die zu erwartenden Veränderungen ihrer Angaben abzu- 
geben vermag. 

Mit Ausnahme der Barometer Bohne 1046 und 1076 waren sämt- 
liche Aneroide nach Angabe auf der Skala mit Temperaturkompensation 
versehen, die jedoch, wie die weitere Untersuchung ergab, bei einigen 
sehr mangelhaft ausgeführt war. Die Bestimmung des Temperatur- 
koeffizienten wurde so ausgeführt, dafs man die Instrumente einmal 
bei gewöhnlicher Zimmertemperatur und ein anderes Mal, nachdem 



1 ) Die Konstruktion des Apparats stimmt im Prinzip mit der von Dr. Paul 
Schreiber in der Zeitschrift für Instrumcntenkunde 1886 S. Iii beschriebenen 
überein. 



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Vergleichende Prüfung mehrerer Ancroidbarometer. 243 

sie in Eis gebettet waren und darin mehrere Stunden verweilt hatten, 
mit dem Quecksilberbarometer verglich. Die Temperatur derjenigen 
Aneroide, welche nicht mit Thermometer versehen waren, wurde durch 
die übrigen gleichzeitig eingelegten Instrumente bestimmt, bei denen 
Thermometer vorhanden waren. Nur bei den beiden Naudetschen In- 
strumenten ergab die Prüfung eine vollständige Kompensation des 
Temperatureinflusses, während die übrigen Barometer folgende Tempe- 
raturkorrektionen erforderten : 

Korrektion für t Grad 
Cas. 5531 (kompensiert) — 0,103 t mm 
Cas. 5532 „ — 0,052 t „ 

N&Z. 7120 „ — 0,195 t „ 

C. 808') „ — 0,076 t „ 

B. 554 „ -+■ 0,010 t „ 

B. 1046 (nicht komp.) — 0,175 t „ 
B. 1076 (nicht komp.) — 0,122 t „ 

Darf die Temperaturkompensation bei dem Aneroid Bohne 554 
noch als eine hinreichende bezeichnet werden, so zeigen die englischen 
Instrumente dagegen, wie wenig verläfslich zuweilen die Angaben der 
Fabrikanten sind. Da diese Instrumente überdies nicht mit Thermo- 
metern versehen sind, so können damit angestellte Beobachtungen bei 
Höhenmessungen nur eine begrenzte Sicherheit gewähren. 

Die vorstehend angegebenen Temperaturkorrektiouen sind zur 
Reduktion der Verglcichungcn der Aneroide mit dem Quecksilber- 
barometer auf Null Grad benutzt worden; übrigens schwankte während 
der Dauer der Versuche die Temperatur nur innerhalb weniger Grade 
und während einer Vergleichsreihe selten um mehr als einen Grad, so 
dafs eine etwaige Unsicherheit in der Bestimmung der Temperatur- 
korrektionen von relativ geringem Einflufs auf die vorliegenden Ver- 
suche ist. 

Die Vergleichung der Aneroide 2 ) bei gewöhnlichem Luftdruck 
wurde an 8 Tagen, täglich mehrere Male, ausgeführt; die Tagesmittel 
sind dann, da der Barometerstand innerhalb der 8 Tage nur um 9 mm 
geschwankt hatte, ohne Weiteres zu einem Gesamtmittel vereinigt; 
die folgende Übersicht (Tabelle A) giebt die bezüglichen Korrektionen 
der Aneroidangaben gegen das Quecksilberbarometer, sowie die Ab- 
weichungen vom Mittel (A). Letztere erreichen bei Nt. 1, Nt. 3, C. 808 

*) Der bequemeren Übersicht wegen sind hier wie im Folgenden die Angaben 
für das in engl. Mafs geteilte Instrument von Cary Nr. 808 auf mm umgerechnet. 

a ) Da die beiden Instrumente von Bohne 1046 und 1076 erst bei Abschlufs der 
Untersuchungen hinzukamen und deshalb nur wenige Beobachtungen mit ihnen 
angestellt werden konnten, so sind sie auch in der Tafel A nicht mit aufgeführt 
worden. 



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244 



H. F. Wiehe: 



sowie bei N. & Z. 7120 Beträge, welche die Grenzen der innerhalb der 
beobachteten Druckschwankungen durch elastische Nachwirkungen er- 
zeugten Fehler weit überschreiten. Man mufs daher annehmen, dafs 
bei diesen vier Instrumenten der Übertragungsmeclianismus nicht hin- 
reichend vollkommen wirkte, um zeitige, durch toten Gang hervor- 
gerufene Störungen der Bewegung des Zeigers genügend zu beseitigen. 

Tabelle A. 

Ergebnisse der Vergleichung bei gewöhnlichem Luftdruck. 

(Tagesmittel) 

Bemerkung: Die Kortektion bedeutet Quecksilberbarometer — Aneroid. 









Nt. 1 




Nt. 3 


B. 554 


1888 






Korrektion A 


Korrektion A 


Korrektion A 


9- 


April 


756 


mm 


— 4.64 mm 


4- 0 17 


4.34 mm -j- 0.19 


3.29 mm 4- 0.18 


10. 


»» 


758 


1» 


— 4-*9 » 


— O.18 


— 4.28 „ + 0.13 


— 3 22 „ 4- 0.1 1 


11. 


»» 


755 




— 4 69 „ 


+ O.22 


— 4 28 +0.13 


— 3.31 „ 4- 0.20 


12. 


M 


749 


• > 


— 4-3° »> 


-O.17 


— 3 93 „ — 0.22 


— 3.12 „ 4-0.01 


»3- 


»» 


756 




— 4.24 „ 


-O.23 


- - 4.13 „ — 0.02 


— 3.15 „ 4- 0.03 


19. 


»» 


75o 


■ « 


- 5.04 M 


+ o-57 


— 4 51 „ +0.36 


3.06 „ — 0.05 


20. 


»» 


749 


»» 


4-97 n 


+ 0.50 


- 3.90 „ - 0 25 


— 2.91 „ 0.20 


21. 


" 


750 


»1 


- 3.60 „ 


— 0.87 


3 80 „ ~ 0.35 


-2.81 ,. —0.30 






Mittel 


- 4 47 mm ± 0.36 


— 4.15 mm ± 0.21 


j«l 1 IIIIII l, \J, 1 y 








C. 808 




Cas. 5531 


f*o c e r* ■» 

^ as - 553 2 


1888 






Korrektion A 


Korrektion A 


Korrektion A 


9- 


April 


756 mm 


0.90 mm 


4- 0.16 


+ 0.47 mm — 0 06 


— 2.50 mm - 0.26 


10. 




758 


M 


-4- 0 77 


+ 0.29 


4/- 0.62 „ — 0.21 


— 2.43 „ —0.33 


1 1. 


»» 


755 


II 


+ i-oo „ 


4- 0.06 


+ 0.40 „ + O.Ol 


— *85 „ 4-0.09 


12. 


»» 


749 


»» 


4- 1.38 „ 


— 0.32 


-fo.35 » 4- 0.06 


— 2 86 „ 4- 0.10 


«3- 


»» 


75* 


»1 


+ I.04 M 


4- 0.02 


4- 0.47 „ — 0.06 


-2.71 „ —0.05 


«9- 


»• 


750 


II 


+ 0.40 „ 


+ 066 


+ 0.24 „ +0.17 


— 2.96 „ 4- 0.20 


20. 


<» 


749 


• • 


4- 1 38 „ 


— 0.32 


+ 0 36 „ +005 


— 287 » 4- 0.11 


21. 


»» 


75o 


»« 


4- 1.65 » 


0.59 


4- 0.38 „ 4- 0.03 


- 2.88 „ 4- 0.12 






Mittel 


-f 1.06 mm ± 0.30 


+ 0 41 mm rt 0.08 


- 2.76 mm ±0.16 












N & Z. 7120 
















Korrektion A 












1888 
















9. April 


756 mm 


■ 1.09 mm — 0.21 












10. „ 


758 » 


— 0 86 ,. -0.44 












11. „ 


755 » 


— 0.84 M O.46 












12. 


749 


— 1.28 „ — 0.02 












13. 


756 ,. 


— O.8I M —0.49 












19- » 


75o 


— 2 08 „ H 0.78 












20. „ 


749 ». 


— 1.94 „ 4- 0.64 












11. 


75o » 


— 1.50 „ 4- 0.20 














Mittel 


— 1.30 mm dt 0.41 





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Vergleichende Prüfung mehrerer Aneroidbarometcr. 



245 



Die übrigen 3 Aneroide zeigen hingegen ein gutes Verhalten, die 
mittlere Abweichung beträgt bei ihnen nur etwa 0,1 mm. 

Die Vergleichung der Instrumente bei künstlichen Lufldruck- 
änderungen erstreckte sich je nach dem Umfang der Skalen bei Nt. 1 
und Nt. 3 bis 630 mm, bei N. & Z. 7120 sowie bei B. 554 bis 575 mm 
und bei den übrigen Aneroiden bis 425 mm abwärts. Im allgemeinen 
schritt die Prüfung von 30 zu 30 mm fort. Man verfuhr hierbei 
folgendermafsen. Nachdem das Aneroid bei gewöhnlichem Luftdruck 
in den Behälter eingebracht war, wurde die Pumpe in Bewegung gesetzt 
und eine Vergleichung mit dem Quecksilberbarometer vorgenommen, 
sobald der Druck um 30 mm gesunken war. Die Vergleichung wurde 
dann im Verlaufe der folgenden Stunde mehrfach wiederholt. In der 
Regel folgte nach Abschlufs der Reihe eine längere Pause von etwa 
20 oder 40 Stunden, bevor zu der Vergleichung bei zunehmendem 
Drucke oder zu einer neuen Reihe geschritten wurde. Einige Male 
hat auch, durch äufsere Umstände geboten, eine Unterbrechung während 
einer Vergleichsreihe eintreten müssen. 

Nach Reinhertz* Annahmen 1 ) entsprechen den natürlichen Verhält- 
nissen beim praktischen Gebrauch des Aneroids Druckänderungen von 
0,5 bis 2 mm in der Minute; demgemäfs wurden auch bei den vor- 
liegenden Versuchen die Geschwindigkeiten der Druckänderungen 
zwischen 0,5 und 2 mm in der Minute gewählt. Im ganzen sind 8 Ver- 
suchsreihen, 5 bei abnehmendem und 3 bei zunehmendem Drucke aus- 
geführt worden. Um ein anschauliches Bild von der Art der Ver- 
gleichungen zu geben, mögen im Folgenden die Resultate der ersten 
und zweiten Reihe ausführlich mitgeteilt werden (Tabelle B). 

Wenn man von kleinen Unregelmäfsigkeiten absieht, so crgiebt 
sich aus den umstehend mitgeteilten Zahlen deutlich der Einflufs der 
elastischen Nachwirkung auf die Angaben der Aneroide. Zunächst 
erkennt man, dafs die Korrektionen des Aneroids bei abnehmendem 
Drucke andere sind als bei zunehmendem Drucke, und zwar um 
mehrere Millimeter von einander abweichen. Es ist also unrichtig, an 
die bei Höhenmessungen mit einem Aneroid beobachteten Barometer- 
stände beim Abstieg die nämlichen Korrektionen wie beim Aufstieg 
anzubringen. Ferner ist die Korrektion unmittelbar nach Erreichung 
des Druckes eine andere, als wenn letzterer einige Zeit gewirkt hat. 
Die Unterschiede steigen bei Nt. 1 und Nt. 3 für die Einwirkung einer 
Stunde sogar bis über 1 mm (siehe I. 4. Vergleichung bei 630 mm), es 
ist hiernach also auch nicht gleichgültig, ob die Ablesung des Aneroids 
bei Bergbesteigungen sofort nach Erreichung des zu messenden Punktes 
vorgenommen oder ob damit gewartet wird; ja schon Verzögerungen 
von 5 bis 10 Minuten können Unterschiede von mehreren Zehnteln 



l ) Vergl. Zeitschrift für Instmmentcnkunde 1887 S. 160. 



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246 



H. E. Wicbc: 



Tabelle B. 

I. Vergleichung nach abnehmendem Druck. 
(Geschwindigkeit der Druckabnahme i mm in der Minute.) 
Bemerkung: Die in der folgenden Zusammenstellung aufgeführten Kor- 
rektionen sind die Ergebnisse unmittelbar auf einander folgender Vergleichungen ; 
innerhalb einer Gruppe ist der Druck konstant gehalten worden. 

2i. April 1 8$g. 

i. Vergleichung bei 719mm. 





VT»- w 

IMt. I 


Nt. 3 


B- 554 


C. 808 Cas. 5531 


Cas. 553^ 


AßTA. 7 I20 




mm 


mm 


mm 


mm 


mm 


mm 


mm 


loh I 


— 4 60 


3.60 


- 3 6 5 


+ 0.42 


-f 0.62 


— 2.88 


— 4 Ol 


7 


4.26 


— 3.16 


3.56 


+ 0.63 


+ 0.61 


— 2.19 


- 3 79 


11 


- 4 36 


3.26 


- 3 5i 


+ 0.68 


4- 0 6 2 


— 2.63 


- 3-77 


»7 


— 4.12 


- 1-97 


- 3 47 


+ 0 75 


4- 0.76 


— 2.09 


- 3- 6 3 


2 7 


4 2 5 


- 3.15 


- 3 40 


+ 080 


+ °-43 


t et 

— *• j* 




5» 


^ t r 
— 4.I5 


— 3.00 


- 3 50 


+ 0.70 


+ 0.70 


— Z.Z I 


— 3.00 


T I h ■? 


4. II 


— 3 02 


- 3-4» 


+ 0.40 


+ 0.68 




— 3.04 






2. Vergleichung bei 6x8 mm. 






Ith 40 


— 4.00 


— 2.25 


- 3-90 


+ 0.15 


+ 1.24 


— 2.31 


— 4.89 


46 


■ 3 84 


— 2.14 


— 3-°4 


+ 068 


+ 1.46 


- 2.05 


-4-53 


5' 


— 3 v o 


1-95 


-3.70 


+ 0.20 


+ i-49 


— 2.21 


— 4 64 


c6 


— 3. Dl 


— 1.92 


- 3-5* 


4 0.78 


4- i-5° 


2.0/ 


A *» W 

— 4.3I 


t h "t 

I Z" 7 


j.UU 


• - 1 80 


- 3-50 


+ 0.80 


4- 147 


t firt 
— I.öO 


A A 

— 4-34 




3.41 


— 1.56 


- 3-5' 


+ 0.65 


+ 1.41 


¥ 6 ¥ 
I .JSI 


~ 4.4O 


35 


3 57 


— 1.72 


- 3 4i 


+ 0.82 


4- 1.50 


— I .51 


4-35 






3. Vergleichung bei 658 


mm. 






I»> 1 1 


2.71 


-- 0.81 


— 4.16 


+ 0-41 


+ 1.15 


- 1-57 


— 5.26 


17 


- 1-47 


- 0.82 


- 3-87 


+ 0.23 


+ 115 


— 1.42 


-4-88 


18 


— 2 14 


— 0.24 


- 3.69 


4- 0.23 


+ i.*4 


— 1.28 


— 463 


34 


— 2.24 


- 0.44 


- 3 69 


+ 048 


+ 1.31 


- 1-33 


-452 


54 


— 2.10 


0.20 


-3-55 


+ 0.60 


+ i-4° 


■ 1.19 


- 4-43 


57 


- 1-97 


+ O.O3 


- 3-5* 


4- 0.65 


+ 1-3* 


— I.2I 


- 4-38 






4 V 


c r g 1 e i c h 


■ 

ung bei 630 


mm. 






lh 18 


- 1.85 


— 0.05 


— 3.60 


+ 1.00 


+ 105 


— O.94 


— 5-73 


33 


— I.qo 


— 0.05 


- 3-86 


+ 0.88 


+ 1.16 


— O.78 


— 5-8i 


47 


- i-45 


4- 0.15 


3.66 


+ 1 38 


+ 1.41 


- O.58 


- 5-31 


3 h 34 


— 0.64 


-h 0.86 


- 3-30 


+ i-75 


+ 1 57 


" 0.47 


• 5-*5 


36 


— 0.48 


4- T.02 


— 3-i8 


+ 1 45 


4- 1.48 


— 0.41 


— 5-44 



23. April 1888- 

Nachdem die Instrumente etwa 42 Stunden unter einem Drucke 
von 630mm verweilt hatten, ergab die Vergleichung mit dem Queck- 
silberbarometer folgende Korrektionen: 

9h o 4-1.13 4-353 —1.80 +3.15 4-1.36 4- 1.19 — 191 



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Vergleichende Prüfung mehrerer Aneroidbarometer. 



247 



II. Vcrgleichung nach zunehmendem Druck. 
(Geschwindigkeit der Druckzunahme i mm in der Minute.) 

i. Vorgleichung bei 659mm. 



Zeit 


Nt. 1 


Nt. 3 


B. 554 


C. 808 


Cas. 5531 


Ca«. 5532 N&Z. 7120 




mm 


mm 


mm 


mm 


mm 


mm 


mm 


9h 46 


4- 3 *9 


-1- 5-34 


-0.79 


4 3-68 


+ 3-57 


4- z.Ub 


— 1.20 


5* 


+ 3-53 


4- 5 48 


- 0.30 


+ 3-95 


+ 3-58 


+ *./f) 


- 1.13 




+ 3-*5 


+ 5.10 


— 0.88 


+ 3 75 


+ 3- 6 ° 


4- 1.88 


— 1.16 


44 


+ 3*45 


+ 5-35 


— 0.58 


+ 3-5 2 


+ 3-8o 


4- 2.95 


— 0.97 


49 


+ 3 « 


+ 5--7 


— 0.8t 


+ 4-00 


+ 3-57 


-1- 2.Q2 


— 1 .00 



2. Vergleichung bei 698 mm. 



Ilh 31 


+ 2.80 


+ 4 55 


- 0.14 


4-478 


4- 4 09 


+ 3-*8 


-0.49 


37 


+ 1-^4 


+ 4-34 


— 0.30 


4- 470 


+ 3-98 


4- 2.97 


0.45 


44 


4- 2.41 


4-.4-Q2 


0 32 


+ 4-8o 


4- 3.96 


4- 2.90 


-- 0.32 


12h 30 


4- 2-5* 


+ 3-97 


- 0.17 


+ 473 


+ 3-98 


4- 3 -1 


— 0.33 


34 


+ * 34 


+ 3-59 


— 0.40 


4- 4-65 


4- 3 92 


+ 304 


-0.37 



3. Vcrgleichung bei 739mm. 



ih 17 


4- 1.14 


4- i.*4 


— 0.31 


+ 5--7 


+ *-75 


+ 1.56 


+ 0.59 


22 


+ 0.78 


4- 1.08 


— 0.52 


+ 5-33 


+ 2.70 


4- 1.20 


+ 0.55 


29 


+ 0.75 


+ 0.75 


-0.75 


+ 5-*5 


+ »4* 


+ 1.17 


+ 057 


2h 0 


4- 0.40 


+ 0.15 


— 0.65 


+ 5°5 


4- 1.«5 


+ 1.04 


4-0.33 


4 


+ 043 


+ o.t8 


— o.8l 


+ 4 9* 


4- 123 


4- 0.92 


+ 0-3* 






4- 


Vcrgleichung bei 772mm. 






21-35 


- 1.70 


— 2.60 


— 0.85 


4- 1.45 


+ 2.56 


-- 0.26 


4- 1.25 


41 


2.02 


— 2.82 


— 1.02 


+ i-48 


4- 2.60 


4- 0.03 


4- 0.90 


47 


— 2.26 


— 3.06 


— 1.06 


4- 1.43 


+ 2.5t 


— 0.0t 


4- 0.91 


3 h x 7 


— 2.71 


- 3.66 


— 1.21 


4- 0.68 


-t- 2.20 


— 0.21 


4- 0.71 


23 


- 2.76 


- 3.66 


— 1.26 


+ 0.78 


+ 2.36 


— 0.31 


+ 0.86 



24. April 1888. 

Nachdem die Instrumente etwa 18 Stunden unter gewöhnlichem 
Luftdruck verweilt hatten, ergab die Vergleichung mit dem Queck- 
silberbarometer folgende Korrektionen: 

9 h o - 3 57 - 4 35 —230 +--57 4-1.05 -1.99 — 1.08. 

Zeiwchr. d. Ge^lUch. f. Erdk. Bd. XXV. 18 



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248 



II. F. Wiche: 



Millimeter in den Ablesungen hervorrufen, wie dies die vorstehend mit- 
geteilten Zahlen auf das Deutlichste erkennen lassen. Drittens zeigt 
sich der Einflufs einer längeren Ruhe, wie sie bei Bergbesteigungen 
durch Rasttage verursacht wird, auf die Standangaben der Aneroide 
als sehr beträchtlich. Während der 42 ständigen Pause vom 21. bis 
23. April haben sich die Korrektionen der Aneroide durchschnittlich 
um i,7 mm geändert und nach Beendigung der Vergleichung bei zu- 
nehmendem Druck in den darauf folgenden 18 Stunden eine Änderung 
von durchschnittlich 1 mm erfahren. Aus der Art der Änderungen 
der Korrektionen erkennt man, dafs die elastische Nachwirkung stets 
ein Zurückbleiben des Aneroids verursacht, bei abnehmendem Drucke 
zeigen die Aneroide zu hohe, bei zunehmendem Drucke zu niedrige 
Stände an. Ohne eine spezielle Kenntnis dieser Nachwirkungsgröfsen 
kann daher der Gebrauch der Aneroide zu sehr erheblichen Fehlern in 
der Höhenbestimmung Veranlassung geben. 

In ähnlicher Weise sind auch die übrigen Vergleichsreihen der 
Aneroide mit dem Quecksilberbarometer durchgeführt. Es wurden 
noch die Instrumente B. 554, C. 808, Cas. 5531 , Cas. 5532, sowie 
N. & Z. 7120 mit einer Geschwindigkeit der Druckänderung von 0,5 mm 
in 1 Minute bis 570 mm abwärts und wieder aufwärts bis zum Atmo- 
sphärendruck geprüft. C. 808, Cas. 5531 und Cas. 5532 sind dann noch 
weiter bis 425 mm abwärts verglichen worden. Ferner wurden die 
Aneroide N. 1, N. 3, C. 808, Cas. 5531, Cas. 5532, N. & Z. 7120, 
B. 554, B. 1046 und B. 1047 mit einer Geschwindigkeit der Druck- 
änderungen von 2 mm in 1 Minute bis 632 mm abwärts und wieder 
aufwärts bis Atmosphärendruck, und die letzteren beiden Barometer 
schliefslich noch bis 430 mm herunter geprüft. 

Was nun die weitere Verwertung der Beobachtungen anbetrifft, 
so mufste es sich zunächst darum handeln, aus den unmittelbaren 
Vergleichsresultaten die sogenannte Teilungskorrektion für jedes 
Aneroid zu ermitteln. Dieselbe giebt den mittleren Wert der Einheit 
der Teilung ausgedrückt in Millimeter Quecksilberdruck und wird in 
der Regel für ein und dasselbe Instrument als konstant, d. h. als un- 
abhängig von dem Tempo der Druckänderungen angesehen. Wie 
wenig indes die letztere Annahme zutrifft, lassen die nachfolgenden Aus- 
führungen erkennen. Es wurde aus jeder einzelnen Versuchsreihe für 
das betreffende Aneroid die Teilungskorrektion nach der Methode der 
kleinsten Quadrate unter der Annahme berechnet, dafs dieselbe durch 
eine lineare Funktion sich ausdrücken läfst. Hierbei stellte sich her- 
aus, dafs eine lineare Funktion zur Darstellung der Teilungskorrektion 
nicht bei allen Instrumenten genügte, da die übrigbleibenden Fehler 
die Beobachtungsfehler erheblich überschreiten, ja in einzelnen Fällen 
sogar bis zu 1 mm ansteigen. Allein von einer Wiederholung der 
Rechnung unter Einführung eines quadratischen Gliedes konnte Abstand 



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Vergleichende Prüfung mehrerer Aneroidbarometer. 



24!) 



genommen werden, da die ersteren Ergebnisse bereits gestatten, über 
das Verhalten der Aneroide einige Schlüsse zu ziehen, welche durch 
blofse Vergleichung der Resultate der einzelnen Reihen mit einander 
nicht sofort erkennbar sind. In der nachfolgenden Tabelle C sind die 
ermittelten Koeffizienten der die Teilungskorrektion darstellenden 
Funktion für die Vergleichungen mit verschiedenem Tempo bei ab- 
nehmendem (a) und bei zunehmendem (z) Drucke neben einander ge- 
stellt. 



Tabelle C. 

Koeffizienten für Teilung. 



Bezeichnung 
des 
Aneroids 


a 


7, 


a 


z 


a 


z 


Tempo 0,5 mm 


Tempo 1 mm 


Tempo 2 mm 


Nt. i 


_ 


_ 


-|- 0,029 


+ 0,049 


+ .0,043 


+ 0,043 


Nt. 3 






4- 0,042 


f- 0,074 


+ 0,057 


4- 0,065 


Cas. 5531 


4- 0,012 


-1- 0,016 


+ 0,013 


4- 0,016 


4- 0,002 


-f- 0,027 


Cos. 5532 


+ 0,015 


4- 0,024 


-f 0,023 


+ 0,030 


+ 0,004 


+ 0,037 


B. 554 


-f 0,006 


4- 0,008 


-j- 0,001 


+ 0,005 


-f- 0,010 


+ 0,001 


B. 1046 










+ 0,013 


+ 0,009 


B. 1076 










4> 0,024 


4- 0,019 


N. & Z. 7 1 20 


— 0,021 


- 0,017 


- 0,025 


— 0,016 


— 0,017 


- 0,012 


C. 808 


+ 0,306 


+ 0,231 


+ 0,106 


+ 0,284 


— 0.235 


+ 0,014 



Zunächst erkennt man, dafs die Teilungskoeffizienten für zu- 
nehmenden Druck durchweg gröfsere Werte bei positivem und kleinere 
bei negativem Vorzeichen haben; es kommen allerdings auch Aus- 
nahmen vor, so besonders bei C. 808, welches Instrument überhaupt 
die gröfsten Unregelmäfsigkeiten zeigt. Aber im ganzen läfst sich die 
bezeichnete Tendenz in den Unterschieden der Koeffizienten für ab- 
nehmenden und zunehmenden Druck nicht verkennen. Diese That- 
sache harmoniert übrigens auch mit dem sonstigen Verhalten der 
Aneroide, es kommt darin der Einflufs der elastischen Nachwirkung, 
nämlich das stete Zurückbleiben der Aneroide gegen das Quecksilber- 
barometer zum Ausdruck. Ferner erweist sich die Gröfse der Koef- 
fizienten auch vom Tempo der Druckänderung abhängig, was bei den 
Instrumenten von Naudet und von Cary besonders deutlich hervortritt. 
Diese Erscheinungen sind für den Gebrauch der Aneroide sehr un- 
bequem, da sie zu eingehenden und schwierigen Untersuchungen der 
Instrumente nötigen und überdies eine umständliche Rechnung bei der 
Reduktion der Beobachtungen bedingen. Man mufs deshalb von einem 
guten Aneroid verlangen, dafs die Teilungskoeffizienten sowohl bei 
abnehmendem wie zunehmendem Druck für die verschiedenen Tempi 
innerhalb gewisser Grenzen konstant bleiben. Von den vorliegenden 
Instrumenten genügen nur N. & Z. 7120, B. 554 und soweit die 

18* 

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M. F. Wiehe: 



wenigen angestellten Beobachtungen ein Urteil erlauben auch die 
beiden andern Bohneschen Instrumente dieser Bedingung einigermafsen. 
Übrigens mufs auch der absolute Betrag der Tcilungskorrcktion mög- 
lichst klein sein, damit das Instrument an allen Stellen mit dem 
Quecksilberbarometer nahe übereinstimmt. Diese Forderung erfüllen 
die Aneroide von Naudet und Cary 808 nicht, während namentlich die 
Bohneschen Instrumente sich durch die Kleinheit der Koeffizienten 
auszeichnen. 

Es erübrigt noch, einige Worte über die nach kürzeren oder 
längeren Pausen beobachteten Nachwirkungsgröfsen hinzuzufügen. 

Auch hier hat sich ein Einflufs des Tempo ergeben, wie es bereits 
von Reinhertz nachgewiesen worden ist. Im allgemeinen wächst die 
Nachwirkung mit der Geschwindigkeit der Druckänderung; je gröfser 
diese, desto gröfser auch die Nachwirkung. Aufserdem ist dieselbe 
natürlich abhängig von der Gröfse der Druckänderung. Da die Nach- 
wirkungserscheinungen sich bekanntlich übereinanderlagern und es 
meist sehr langer Zeit bedarf, ehe die Einwirkung einer vorauf- 
gegangenen Druckänderung vollständig ausgeglichen ist, so erfordert 
das eingehende Studium derselben sehr lang andauernde Beobachtungen, 
wie sie naturgemäfs gelegentlich einer Prüfung von Instrumenten in 
der Regel nicht ausgeführt werden können. Es haben deshalb auch 
nach dieser Richtung die vorliegenden Untersuchungen nur wenig 
brauchbares Material geliefert. Ich beschränke mich daher auf Wieder- 
gabe einiger Zahlen für die beiden Naudetschen Instrumente, da bei 
diesen der Verlauf der Nachwirkung besonders deutlich hervortritt. 
Nach einstündiger Ruhe ergaben sich bei einer Druckänderung von 
1 mm in der Minute folgende Nachwirkungsgröfsen: 

bei abnehmendem Druck 

für eine Druckverminderung betrug die Nachwirkung 
von 



31 mm 



0,53 mm 
0,48 „ 

o.79 M 
1,22 ,, 



62 „ 
120 „ 



bei zunehmendem Druck 



für eine Druckvermehrung 
von 



betrug die Nachwirkung 



33 mm 
72 ., 



-f- 0,12 mm 
+ 0,72 „ 
+ 0,89 „ 
+ 1,06 „ 



113 M 

„ 



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Vergleichende Prüfung mehrerer Aneroidbarometer. 



■251 



Längere Ruhepausen riefen naturgemäfs beträchtlich gröfscre 
Standänderungen hervor. So bewirkte ein 33 stündiges Verweilen der 
Aneroide bei 630 mm nach einer Druckverminderung im Tempo von 
1 mm in der Minute folgende Standänderungen: 



Auch hier haben die französischen Instrumente die gröfsten Beträge 
der Nachwirkung aufzuweisen. Bei noch stärkeren Luftverdünnungen 
ergaben sich entsprechend gröfsere Nachwirkungen, die bei 300 mm 
Unterdruck bis zu 6 mm betrugen. 

Man sieht, dafs es sich hier um erhebliche Gröfsen handelt, deren 
Einflufs allerdings durch wiederholte Ablesungen gröfstenteils eliminiert 
werden kann. Im allgemeinen ist jedoch einem Aneroid, dessen An- 
gaben nur geringen Änderungen durch die elastische Nachwirkung 
unterworfen sind, der Vorzug zu geben; je kleiner dieselben, um so 
sicherer und leichter werden die Beobachtungen auszuführen sein. 

Wie verschieden die Korrektionen durch die elastische Nach- 
wirkung je nach den Umständen für die Instrumente ausfallen können, 
mag noch an einem besonderen Beispiel gezeigt werden. Nachdem 
die beiden Instrumente von Casella bis 425 mm abwärts bei einer Ge- 
schwindigkeit der Dmckänderung von 1 mm in der Minute mit dem 
Quecksilberbarometer verglichen worden waren, wurde Luft in den 
Apparat gelassen, so dafs innerhalb einer Stunde wieder Atmosphären- 
druck erreicht war, also mit einer Geschwindigkeit, wie sie etwa dem 
Aufsteigen eines Luftballons entspricht. Die dabei ermittelten Korrek- 
tionen gegen das Quecksilberbarometer zeigten in Bezug auf die der 
ersteren Reihe Unterschiede von 5 bis 10 mm. 

Wenn es schliefslich gestattet sein möge, aus den vorstehend mit- 
geteilten Prüfungsergebniseen einige allgemeinere Schlufsfolgerungen zu 
ziehen, so darf zunächst hervorgehoben werden, dafs von den unter- 
suchten Aneroiden sich diejenigen von Bohne relativ am besten ver- 
halten haben. Sie zeigten die geringste Teilungskorrektion, d. h. also 
an allen Stellen der Skala eine verhältnismäfsig gute Übereinstimmung 
mit dem Quecksilberbarometer, ferner ist die Temperaturkompensation 
genügend und die Nachwirkung hält sich innerhalb nicht allzu grofser 
Grenzen. Die französischen Aneroide sind allerdings am besten gegen 
Temperatureinflüsse kompensiert, dagegen mit grofsen Nachwirkungs- 
beträgen behaftet und zeigen auch erhebliche und sehr veränderliche 
Teilungskorrektionen. Von den englischen Aneroiden hat sich Gary 
808 als sehr mangelhaft erwiesen, während die Instrumente von Casella 



bei Nt. 1 



4,10 mm 

3.58 
M3 » 
1,26 „ 

2,05 „ 
2,86 „ 



Nt. 3 
B- 554 



Cas. 5531 
Cas. 5532 
N. & Z. 7120 



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252 



A. von Danckclman : 



und Negretti & Zambra bezüglich der Teilung und Nachwirkung im 
ganzen befriedigende Resultate ergaben, aber trotz der vorgesehenen 
Kompensation erhebliche Temperaturkorrektionen erforderten. 

Ferner darf als dargethan angesehen werden, dafs es notwendig 
ist, die Prüfung der Aneroide möglichst analog der praktischen Ver- 
wertung einzurichten, und dafs Prüfungen, welche innerhalb ein oder 
zwei Stunden ein Intervall von mehreren 100 mm umfassen, für den 
Gebrauch des Aneroids bei Bergbesteigungen gar keinen Wert haben. 
Am zweckmäfsigsten dürfte es sein, die Aneroide stets einer doppelten 
Kontrolle zu unterziehen, und zwar vor der Reise in gleichmäfsigen 
Intervallen mit verschiedenem Tempo unter gleichzeitiger Beobachtung 
der Nachwirkung und nach der Reise im engen Anschlufs an die ge- 
schehene Verwendung. Hierzu wird es erforderlich sein, bei der 
Beobachtung selbst die Zeiten möglichst genau aufzuzeichnen, um das 
bei der Prüfung einzuhaltende Tempo zu bestimmen. Liegen aber 
derartige Untersuchungen für ein Aneroid nicht vor, so mag es immer- 
hin in manchen Fällen gestattet sein, auf Grund der hier mitgeteilten 
Versuche mittlere Korrekturen an die beobachteten Stände anzubringen. 
Andererseits wird aber auch das Bestreben darauf gerichtet sein müssen, 
die Aneroide durch Wahl eines möglichst nachwirkungsfreien Materials 
für Feder und Büchse derartig zu verbessern, dafs die lästige Rück- 
sichtnahme auf die elastische Nachwirkung fortfällt. Aufserdem wird 
der Ubertragungsmechanismus mancher Verbesserung unterzogen werden 
müssen, um plötzliche Standänderungen, Wie sie durch Stöfse beim 
Gebrauch des Aneroids vorkommen, auszuschliefsen. Nach beiden 
Richtungen hin finden zur Zeit seitens der Physikalisch -Technischen 
Reichsanstalt eingehende Studien statt. 



VIII. 

Ein Beitrag zur Frage der Veränderlichkeit der Stand- 
korrektion der Aneroide auf Reisen und ihrer 
Leistungsfähigkeit überhaupt. 

Von 

Dr. A. von Danckclman. 

Aus Ingenieurkreisen ist neuerdings der Wunsch laut geworden, 
dafs die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Charlottenburg ebenso 
wie sie bereits jetzt Prüfungszeugnisse über Thermometer für die ver- 
schiedensten wissenschaftlichen Zwecke ausstellt, in Zukunft auch solche 
Certifikate über Aneroide ausgeben möge, in denen auch Angaben 
über die Standkorrektionen derselben enthalten sein sollten. 



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Veränderlichkeit der Standkorrektion der Aneroide u. ihre Leistungsfähigkeit. 253 



Wer Gelegenheit gehabt hat, sich eingehender mit Aneroiden zu 
beschäftigen, wird wissen, eine wie sehr veränderliche Gröfse gerade 
die Index- oder Standkorrektion der Aneroide ist, und wie leicht sich 
dieselbe beim Gebrauch derselben im Terrain oder auf Reisen, ja zu- 
weilen sogar bei völliger Ruhelage des Instrumentes ändert. 

Die günstigen Umstände, unter denen in den letzten zwei Jahren 
von verschiedenen deutschen Forschungsreisenden im deutschen Schutz- 
gebiete Togo, Westafrika, Aneroide gebraucht und auf verschiedene 
Weisen unter steter Kontrolle in Bezug auf die Veränderungen der 
Standkorrektionen gehalten worden sind, geben die Veranlassung im 
Nachstehenden einige diesbezügliche Erfahrungresultate zusammenzu- 
stellen. 

Wenn es sich um die Berechnung von mittels Aneroiden angestellten 
Höhenmessungen aus tropischen Gebieten handelt, so mufs man, wie die 
Verhältnisse nun einmal liegen, meist schon froh sein, wenn die be- 
treffenden Reisenden vor Antritt der Reise ihr Aneroid — mehr als ein 
solches wird überhaupt selten mitgenommen — mit einem Quecksilber- 
barometer einige Male verglichen haben, so dafs wenigstens die ungefähre 
Standkorrektion des Instrumentes vor der Reise gegeben ist. Schon 
seltener liegen umfassendere diesbezügliche Prüfungen des Instrumentes 
an einem wissenschaftlichen Institut vor, welche Aufschlüsse über die 
Teilungskorrektion, den Temperaturkoeffizienten und die ungefähre 
Gröfse der elastischen Nachwirkung bei dem betr. Instrument geben. 
Noch seltener wird das benutzte Instrument glücklich wieder in einem 
solchen Zustand zurückgebracht, dafs wenigstens eine nachträgliche 
Bestimmung dieser Grölsen möglich ist, und am aller seltensten wird 
von den Reisenden selbst versucht und danach gestrebt, durch Mit- 
führung eines Siedeapparates und durch ausgiebige Benutzung aller 
sich bietenden Gelegenheiten, sei es an meteorologischen Stationen 
oder an Bord von Schiffen ihre Höhenmefswerkzeuge einer steten 
oder thunlichst häufigen Kontrolle durch Siedepunktbestimmungen 
oder durch direkte Vergleichungen mit Quecksilberbarometern zu 
unterwerfen. 

Gerade gegen letztere Vorschrift, jede sich nur irgendwie bietende 
Gelegenheit zu benutzen, um die Höhenmelsinstrumente mit den Baro- 
metern meteorologischer Observatorien, die auf der Reise passiert 
werden, oder mit den Barometern von Kriegs- und Handelsschiffen, die 
man unterwegs antrifft, zu vergleichen, wird ungemein viel gesündigt. 
Unter solchen Umständen ist es daher nicht verwunderlich, dafs aus 
sehr vielen Höhenbeobachtungen von Reisenden, die sich um diese 
elementaren, in der Natur der Aneroide begründeten Regeln nicht ge- 
kümmert haben, zu ihrer eigenen, oft bitteren Enttäuschung nichts zu 
machen ist, weil diese Aufzeichnungen unter solchen Umständen nur zu 
leicht eine gänzlich verlorene Mühe- und Zeitaufwendung darstellen. 



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254 



A. von Dane kel man: 



Von den zahlreichen Hühenmessungen, die mir im Laufe der 
letzten zehn Jahre aus allen Teilen der Erde, besonders aber aus den 
Tropen, von den verschiedensten Reisenden zur Berechnung und 
wissenschaftlichen Verwertung vorgelegen haben, sind keine mit soviel 
Gewissenhaftigkeit, systematischer Sorgfalt und peinlicher Berück- 
sichtigung aller in Betracht kommenden Umstände — und zugleich 
mit Glück, was die Güte der benutzten Instrumente und die Sicher- 
stellung derselben vor Beschädigungen betrifft — ausgeführt worden, 
wie die von Premierlieutcnant Kling, Mitglied der Expedition von 
Dr. L. Wolf in das Hinterland des deutschen Schutzgebietes Togo. 

Infolge des glücklichen Umstandes, dafs es Premierlieutenant 
Kling gelang, ein Fuefs'sches Gefäfsbarometer vollständig unversehrt 
trotz der stellenweise sehr steilen und schwierigen Pfade nach der ca. 
230 km von der Küste in gerader Luftlinie entfernten, ca. 710 m hoch 
gelegenen Station Bismarckburg zu bringen, hatte er aufser seinen vier 
an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt geprüften, aus Jenenser 
Glas gefertigten Siedethermometern eine vorzügliche Kontrolle für seine 
Bohne'schen Aneroide zur Hand. Die vor der Abreise aus Europa an 
der Deutschen Seewarte in Hamburg ermittelte Korrektion des Fuefs- 
schen Gefäfsbarometers No. 731 wurde mit Hülfe der Siedethermo- 
meter alsbald nach Ankunft auf der Station nachgeprüft und unver- 
ändert gefunden. 

Unter den bei der Expedition des Dr. L. Wolf in Gebrauch ge- 
wesenen Aneroiden verdient das kompensierte Aneroid Bohne Nr. 852 
besondere Beachtung. Dasselbe war ursprünglich vom Hydrographischen 
Amt für die Zwecke der K. Marine vom Verfertiger erworben worden. 
Von dieser Behörde war es dem Hauptmann Kund für die Batanga- 
Expedition käuflich überlassen und im Sommer 1886 von diesem mit 
nach Kamerun resp. nach der Batangaküste genommen worden. In 
einem Fieberanfall liefs Hauptmann Kund das Instrument zur Erde 
fallen, so dafs es aufser Ordnung geriet und zur Reparatur nach Berlin 
zurückgesandt werden mufste. Hier wurde es, nachdem es beim 
Fabrikanten repariert war, im Frühling 1888 der Togoexpedition von 
Stabsarzt Dr. L. Wolf zugeteilt und von dieser mit nach Bismarckburg 
genommen. 

Mit der Landung der Expedition an der Küste von Togo beginnt 
von März 1888 an der aktenmäfsige Nachweis über die Veränderungen, 
welche die Indexkorrektion dieses Instrumentes seit jener Zeit bis 
zum Februar 1890 erfahren hat. 

Einige allerdings nicht ganz sichere Vergleichungen mit dem 
Quecksilberbarometer der Expedition in Klein Popo an der Küste lassen 
erkennen, dafs das Instrument bei ca. 760 mm Luftdruck im März 1888 
eine Indexkorrektion von ca. — 0,5 mm hatte. 



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Veränderlichkeit der Standkorrektion der Aneroide u. ihre Leistungsfähigkeit. "J55 



Im Vorlauf der weiten Reisen, welche das Aneroid in tler Folge 
wiederholt von Bismarckburg zur Küste, ferner nach Salaga und in die 
Hinterlande von Dahome führten, stellt sich nun die in Bismarckburg 
ermittelte Indexkorrektion aus Vergleichungen mit dem Quecksilber- 
barometer der Station (bei Temperaturen, die zwischen 19 und 30° 
schwankten) wie folgt: 

Zeit Anzahl Mittlere Stand- Absolute Extreme 

der Vergleichungen. korrektionen. derselben. 

Juni 1888 67 40,8 mm -h 1 ,4 mm 4- 0,3 mm 

Juli 1888 49 4- 0,6 4-i,i —0,4 

Reise vom 16. bis 30. Juli nach Kebu. 
August 1888 80 4- 0,6 4-1,0 — 0,1 

Reise vom 28. August bis 12. September nach Fassugu. 
September 1888 52 4-0,4 4- 1,0 —0,3 

Oktober 1888 73 4- 0,3 4- 1,4 — <M 

Vom 25. Oktober bis 14. Dezember auf der Reise zur Küste nach 

Klein Popo. 

Dezember 1888 54 — 0,3 _L 0,0 — 1,2 

Januar 1889 40 4-0,1 4- 1,1 — o,6 

Vom 14. Januar bis 4. Februar auf Reisen in Kebu. 
Februar 1889 21 iL 0,0 4-0,5 —0,6 

Vom 12. Februar bis 13. April auf der Reise zur Küste nach Klein-Fopo. 
April 1889 25 —0,2 4-0,9 



o 



> / 



Vom 23. April bis 20. November mit Dr. Wolfs Expedition in Dahome. 
November 1889 5 —0,1 4-0,4 —0,7 

Vom 23. November 1889 bis 10. Februar 1890 auf der Reise zur Küste 

und nach Salaga. 
Februar 1890 13 4- 0,1 4- 0,6 — 0,5 

Dr. Wolf hatte vom 25. April bis 7. Juni 1889 zehn sehr sorg- 
fältige Vergleichungen des Aneroides mit seinen vier Siedethermometern 
vorgenommen, welche eine Indexkorrektion von zt 0,0 mm im Mittel, 
mit den Extremen 4- 0,8 mm und — 0,5 mm bei einem wahren Luftdruck 
von 720 bis 731 mm und bei einer Temperatur von 26 bis 33° ergaben. 

Die vorstehenden Vergleichscrgebnisse, denen zu Folge das 
Aneroid seine Standkorrektion vom Juni 1888 bis Februar 
1890, also während 20 Monaten nur von 4-0,8 auf — 0,3mm, 
also um ca. 1 mm änderte, sprechen gleichzeitig für die aufserordent- 
liche Sorgfalt in der Behandlung des Instrumentes und für die Güte 
desselben. 



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256" 



A. von Danckclman: 



In der That geschah von Seiten der Beobachter, Dr. Wolf und 
Premierlieutenant Kling, alles nur irgend mögliche, um das Instrument 
vor Stöfsen und Beschädigungen auf den ausgedehnten Reisen durch 
die afrikanische Wildnis zu schützen. Das Instrument, dessen Holz- 
kasten meist noch mit Tüchern umwickelt war, wurde von einem aus- 
gesuchten, zuverlässigen Neger getragen, der aufser diesem Instrument 
meist nichts weiter zu transportieren hatte, so dafs er seine ungeteilte 
Aufmersamkeit der Sicherheit des ihm anvertrauten Aneroides widmen 
konnte. 

Das bemerkenswerteste aber ist, dafs das Instrument, nachdem 
Dr. Wolf einsam im Hinterland von Dahome am 26. Juni 1889 dem Fieber 
erlegen war und seine führerlos gewordenen Leute, nach echter Neger- 
art sich dem Nichtsthun hingebend und die Vorräte der Expedition 
verschleudernd, fünf Monate gebraucht hatten, um nach Bismarckburg 
zurückzukehren, sich in seiner Korrektion trotz alledem als voll- 
ständig unverändert erwies. 

Diese auf den ersten Anschein geradezu unglaubliche Thatsache 
läfst sich nur so erklären, dafs die Begleiter Wolfs, so sorglos und . 
unzuverlässig sie sich auch sonst in Bezug auf die Sicherung des Nach- 
lasses des unglücklichen Reisenden benommen haben, vor den von den 
Weifsen mit solcher Sorgfalt behandelten Instrumenten eine aber- 
gläubische Furcht empfanden, die sie dazu veranlagte, auch ihrerseits 
denselben einige Sorgfalt zu widmen und dieselben nicht mutwillig 
zu berühren. 

Jedenfalls dürfte es aber in der Reiseliteratur einzig dastehen, 
dafs ein solches gebrechliches Instrument die zahlreichen Fährnisse 
des afrikanischen Reiselebens in so ausgezeichneter Weise ertragen 
hat und vor allem den Gefahren, denen es während fünf Monaten, als 
es in den Händen einer führerlosen undisciplinierten Horde von Negern 
war, ausgesetzt war, ohne jede Schädigung glücklich entgangen ist. 

Die übrigen bei der Wolfschen Expedition in Gebrauch gewesenen 
Aneroide haben ebenfalls eine recht befriedigende Konstanz ihrer 
Standkorrektion gezeigt, wenn auch hervorzuheben ist, dafs dieselben 
bei weitem nicht soviel Reisen mitgemacht haben, wie Aneroid Nr. 852. 

Das nicht kompensierte Bohne'sche Aneroid Nr. 972 und das kleine 
angeblich kompensierte Taschenaneroid Bohne Nr. 1042 verhielten sich 
auf einer Reise von Dr. Wolf nach Pessi vom 18. bis 29. März 1889 
wie folgt: 

Die Standkorrektion gegen das Quecksilber-Barometer der Station 
betrug: 

vor der Reise (4 Vergleichungen bei einer Temperatur von 27 0 
im Mittel) Nr. 972 —4,0 Nr. 1042 —0,6; 

nach der Reise (1 Vcrgleichung bei 26°) — 4,6 — 1,0. 



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Veränderlichkeit der Standkorrektion der Anernide u. ihre Leistungsfähigkeit. i>57 



Während der Reise wurden sechs Kontrollbeobaehttingen mit zwei 
geprüften Siedethermometern bei ca. 34 : Mitteltemj)eratur der Ancroide 
angestellt, die folgende Korrektionen ergaben: 

Nr. 972 Nr. 1042 

— 7,6 mm — 2,2 mm 

(von — 8,1 bis 7,2 mm (von —2,9 bis — 1,4 mm 
schwankend) ; schwankend). 

Ancroid Nr. 1042 wurde dann von Premierlieutenant Kling auf 
verschiedenen kleineren Reisen in der Nachbarschaft der Station in 
schwierigem Terrain benutzt. Sein Verhalten war hierbei recht zu- 
friedenstellend. 

Mittel aus 30 Vergleichungen mit dem Stationsbarometer: 

Extreme 

April 1889 -f- 0,3 mm (von 4- 1,5 bis —0,3) 
Juni „ 4-0,5 (von 4-1,3 bis —0,2) 

Juli „ -i-0,6 (von +1,1 bis —0,3). 

Reise nach Dutukpenne vom 29. Juli bis 1. August. 

Mittel aus 30 Vergleichungen: 
September 1889 -+- 0,8 (von 4- 2,2 bis -+- 0,2). 

Reise nach Dipongo vom 1. bis 3. Oktober. 
Mittel aus 30 Vergleichungen: 
Oktober 1889 -+- 0,8 (von 4-1,4 bis 4-0,4). 

Reise nach Tziari vom 24. bis 26. Oktober. 

Mittel aus 15 Vergleichungen: 
Oktober 1889 4- 0,6 (von 4-1,0 bis 4- 0,1). 

Auf seiner letzten Reise nach Dahome führte Dr. Wolf aufeer 
Aneroid Nr. 852 auch noch die Aneroide Nr. 972 und Casella Nr. 5532 
mit. Letzteres Instrument war früher bereits von Reisenden der Afri- 
kanischen Gesellschaft in Afrika benutzt worden und ist identisch mit 
dem auf S. 243 dieses Heftes erwähnten Instrument. 

Angaben über die Standkorrektionen dieser Aneroide vor Antritt 
dieser Reise von Bismarckburg aus fehlen leider. Nr. 5532 hatte, wie 
aus S. 246 hervorgeht, vor seiner zweiten Aussendung nach Afrika eine 
Korrektion von ca. —2,4 mm bei ca. 720 mm Luftdruck. 

Unterwegs wurden von Dr. Wolf 10 Siedepunktbestimmungen an- 
gestellt und daraus folgende Korrektionen für 29 0 Mitteltemperatur 
abgeleitet: 

Nr. 972 Nr. 5532 

— 5,3 mm (von — 6,o bis — 2,3 nun) ; - 3,3 mm (von — 4,1 bis - 2,4 mm). 



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A. von Danckclmar 



Da die für das Ancroid Nr. 972 vom Verfertiger angegebene 
Temperaturkorrektion — 0,18 t betrug, und das Instrument, wie es aus 
der Hand des Fabrikanten kam, keine Standkorrektion besafs, da ferner 
die in Berlin bestimmte Standkorrektion des Aneroids Nr. 5532 ca. 

2,4 mm (bei o ) und seine Temperaturkorrektion — 0,052 t betrug, 
so hätten sich hiernach beide Instrumente auf dieser Reise, was ihre 
Indexkorrektion betrifft, ebenfalls vorzüglich gehalten. 

Nachdem Dr. Wolf am 7. Juni 1889 mit dem Pferd auf dem 
Marsch gestürzt war, zeigte das Aneroid Nr. 5532, welches er in einem 
Lederetui um die Schulter gehängt trug, am Abend desselben Tages 
gegen das Hypsothermometer eine Korrektion von —13,0 mm bei 27 0 ; 
sie hatte sich also durch die Einwirkung des Sturzes um ca. 10 mm 
geändert. 

Hauptmann von Francois führte auf seinen beiden Reisen nach 
Salaga geprüfte Siedethermometer, sowie ein Bohne'sches Aneroid 
Nr. 1038 mit sich. Vor der ersten Reise vom Februar bis Juli 1888 
hatte dieses Instrument, wie aus einer flüchtigen Feststellung derselben 
durch die Physikalisch-Technische Reichsanstalt vom 7. Dezember 1887 
hervorgeht, eine ungefähre Standkorrektion von — 0,5 mm bei Zimmer- 
temperatur, die es bei seiner Ankunft in Klein Popo, wie aus drei Siede- 
bestimmungen des Reisenden daselbst hervorgeht, auf — 8,6 mm (bei 33 0 ) 
geändert hatte. Vergleichungen mit dem Quecksilberbarometer der 
Station Bismarckburg gegen Ende der Reise ergaben ca. — 9,0 mm bei 
24 0 , resp. —8,0 mm bei 17 0 , welche Korrektion sich konstant hielt und 
auch bei der Rückkehr nach Europa gefunden wurde. (S. Mitteil. a. 
d. Deutschen Schutzgebieten I. Bd. 1888 S. 173). Auf der zweiten, sich 
unmittelbar anschließenden Reise vom Dezember 1888 bis April 1889 
hatte das Aneroid bei der Ankunft in Klein Popo gegenüber einem 
dort befindlichen von der Seewarte geprüften Fuefs'schen Gefäfsbaro- 
meter eine Korrektion von — 4,5 mm bei 29 0 . 

Zahlreiche Vergleichungen mit zwei Siedethermometern während 
der zweiten Reise ergaben folgende Korrektionen des für Temperatur 
wohl nicht kompensierten Aneroides: 

bei 26' 27 0 28 0 29* 30 0 3i° 32° 33° 34° 35° 36° 37° 3°° 
Anzahl der Vergleiche 1 1 1 4 27 19 48 7 6 5 2 
— 3,2 mm 3,7 3,9 4,6 4,7 4,8 4,4 5,3 5,1 5,3 5,8 5,2 5,7 

Die Standkorrektion scheint sich hiernach auf der Landreise nicht 
wesentlich geändert zu haben. Ein Vergleich des Aneroides mit dem 
Fuefs'schen Barometer in Sebbe hat bei der Rückkehr aus dem Innern 
leider nicht stattgefunden, und ist der Reisende mit dem Instrument 
alsbald nach Südwestafrika weiter gegangen. 

Fassen wir die Erfahrungen aus dem vorliegenden Material zu- 
sammen, so dürfte aus demselben der Schlufs zu ziehen sein, dafs es 
nur bei allersorgfältigster Behandlung und unter den günstigsten Ver- 



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Veränderlichkeit der Stamlkorrektion der Aneroüle u. ihre Leistungsfähigkeit. 2")!) 



hältnissen in seltenen Glücksfällen möglich sein wird, die Veränderung 
der Indexkorrektion eines Aneroides innerhalb der Grenze von ca. i mm 
zu halten. In den meisten Fällen wird eine weit gröfsere Veränderung mit 
der Ingebrauchnahme des Instrumentes eintreten, die leicht bis dz lomm 
und mehr steigen kann. Diese rapiden Veränderungen der Index- 
korrektion scheinen auf Reisen bei sonst günstigen Verhältnissen und 
sorgfältiger Behandlung des Instrumentes häufig in der allerersten Zeit 
der Ingebrauchnahme einzutreten. Später werden anscheinend diese 
Änderungen in ihrem Betrag immer geringer, und ist eine gewisse 
Tendenz der Stätigkeit dieser einmal erreichten Korrektion nicht zu 
verkennen, wenn nicht durch Stöfse etc. neue bedeutende Änderungen 
der Korrektion im Laufe der Zeit eintreten. 

Schiefslich seien noch einige Erfahrungsresultate in Bezug auf 
das Verhalten der Aneroide der Kund'schen Batanga-Expedition 
in aller Kürze mitgeteilt. 

Die Expedition verfügte über das Bohne'sche Aneroid No. 914 
(kompensiert, Durchmesser 120 mm) und aufser anderen hier nicht in 
Betracht zu ziehenden Aneroiden über die beiden oben (s. S. 241) ge- 
nannten Naudet'schen Aneroide No. 1 und 3. 

27 Vergleichungen der Aneroide im November 1888 vor Antritt 
von Kund's zweiten Vorstofs nach der ca. 790 m hoch und etwa 
20 Tagemärsche im Hinterland der Batangaküste gelegenenen Jaünde- 
Station mit dem von der Seewarte geprüften Fuefs'schen Gefäfsbaro- 
meter Nr. 917 in Kamerun bei ca. 756 mm Luftdruck ergaben folgende 
Korrektionen der Instrumente gegen den in Bezug auf Schwere- und 
Temperatureinflufs korrigierten Barometerstand: 

No. 914 No. i No. 3 

-h 8,7 mm — 7,5 mm — 6,8 mm 

Auf der Jaünde-Station ergaben 3 Vergleichungen am 15., 20. und 
23. Februar 1889 mit drei geprüften Siedethermometern aus Jenenser 
Glas folgende Korrektionen bei ca. 693 mm wahrem Luftdruck : 
No. 914 No. 1 No. 3 

H- 8,4 mm -1-0,2 mm 4- 1,5 mm 

Von dem Aneroid No. 914 ist eine Standkorrektion vor der Ab- 
reise aus Europa nicht bekannt, bei den Naudet'schen Instrumenten 
hatte sich dieselbe auf der Reise von Deutschland nach Kamerun von 
— 4,5 resp. — 4,2 mm (s. S. 244) auf — 7,5 resp. — 6,8 mm erhöht. Auf 
dem Marsch nach der Jaünde-Station hatte das Aneroid No. 914 seine 
Standkorrektion so gut wie nicht, die Aneroide Naudet um ca. 8 mm 
geändert. Am 10. Juli 1890 wurde bei Naudet No. 1, welches mit dem 
Tappenbeck'schen Nachlafs nach Europa zurückgebracht war und 
\ Jahre vollständig ruhig gelegen hatte, bei ca. 760 mm eine Stand- 
korrektion von ca. — 4,0 mm, also fast ganz gleich wie vor der Aus- 
sendung nach Kamerun gefunden. 



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200 



Dr. Nansen 's Grönlnndsrcise. 



Auch aus diesem Beispiel geht hervor, wie ungeeignet Aneroide 
mit starkem Nachwirkungsbetrag für Reisezwecke sind", und wie nötig 
es ist, dafs das Augenmerk der Fabrikanten auf Beschaffung von thun- 
lichst nachwirkungsfreiem Material für Feder und Büchse sich richte, 
um eine wesentliche Fehlerquelle der Aneroide auf Reisen nach Kräften 
zu beseitigen. 



IX. 

Dr. Nansen's Grönlandsreise. 

Besprochen in der Sitzung der Gesellschaft der Wissenschaften 

in Christiania am 30. Mai 1890. 

Professor Mohn teilte die Resultate der Berechnungen der von 
Dr. Nansen auf seiner Reise durch Grönland 1 ) angestellten astrono- 
mischen, magnetischen, trigonometrischen und meteorologischen Beob- 
achtungen mit. Die dabei benutzten astronomischen Instrumente, näm- 
lich Universal - Instrument, Taschensextant mit Quecksilberhorizont, 
und die Uhren wurden vorgezeigt und beschrieben. Der mittlere 
Fehler einer einzeln gemessenen Sonnenhöhe betrug kaum 1 Minute, 
und der einer Zeitbestimmung db 6 Sekund., was einer Entfernung von 
0,1 Seemeilen entspricht. Der Gang des Chronometers wurde nach 
Observationen an der Ostküste Grönlands bestimmt. Der Fehler in 
den astronomisch bestimmten Längen wurde als höchstens drei See- 
meilen erreichend berechnet. Dr. Nansen machte auf dem Grönlands- 
eise mit drei Kompassen fünf Mifswcisungsbestimmungen. Die Resultate 
stimmen gut mit Dr. Neumayer's neuesten Isogonenkarten an den Küsten, 
zeigen jedoch, dafs die Isogonen dieser Karten im Innern des Landes 
anf dem 64. Breitengrade etwas weiter nach Westen verschoben werden 
müssen. Die trigonometrischen Observationen wurden bei dem Auf- 
stieg von der Ostküste gemacht und zur Bestimmung der Lage und 
Höhe einer Reihe von „Nunataks" benutzt. — Die meteorologischen 
Instrumente, nämlich Aneroidbarometer, Hypsometer und Thermometer, 
wurden demnächst vorgezeigt und beschrieben. Die Weise, in welcher 
die Korrektionen bestimmt waren, wurde erklärt. 

Die Breite und Länge der Observarionspunkte wurde nach den 
astronomischen Beobachtungen und Nanscn's Tagebuch bestimmt. Zur 
Berechnung der Höhe der jeweiligen Nachtlager dienten die Barometer- 
"beobachtungen an Ort und Stelle und die gleichzeitigen Barometerbeob- 

») S. Zeitschrift 1889. S. 160 ff. 



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Dr. Nanscn's Grönlandsreise. 



261 



achtungen an den dänischen Stationen in Westgrönland, auf Island und 
den Faröer. Eine vollständige Abschrift der korrespondierenden me- 
teorologischen Observationen von den genannten dänischen Stationen 
war vom dänischen meteorologischen Institut bereitwillig mitgeteilt 
worden. Die Berechnung dieser Höhenbestimmungen ist durch Lieute- 
nant Dietrichson ausgeführt worden. Es ist anzunehmen, dafs die 
Höhe der Stationen auf dem Grönlandseise innerhalb einer Fehler- 
grenze von 30 bis 40 m richtig bestimmt sind. Das demnach ent- 
worfene Profil quer durch Grönland unter 64 0 N. Breite wurde vor- 
gezeigt. Der höchste Punkt liegt 2720m über dem Meere und der 
Ostküste nicht unbedeutend näher als der Westküste. Die Oberfläche 
fällt schroffer ab am äufsern Rande nach der Küste hin. Im Innern 
des Landes neigt sie sich vom höchsten Punkte schwach nach beiden 
Seiten gegen Osten und Westen hin, ohne dafs die schräge Fläche 
durch irgend eine Vertiefung unterbrochen wird. Es finden sich keine 
Thalniederungen, das Ganze ist wie eine Überschwemmung mit Schnee 
und Eis, völlig übereinstimmend mit Dr. Rink's Anschauung. Die Varia- 
tionen des Barometerstandes sind auf dem Grönlandseise schwächer 
als in Godthaab (Westgrönland) und auf Island. Die tägliche Periode 
der Lufttemperatur, welche stark ausgeprägt war, wurde nach einer 
neuen Methode bestimmt, die eine Benutzung der nicht zu regel- 
mäfsigen Terminen gemachten Beobachtungen ermöglichte. Die täg- 
liche Schwankung der Temperatur zeigte sich dabei am kleinsten bei 
Regenwetter, gröfser bei Schneewetter; kleiner bei bewölktem, gröfser 
bei klarem Himmel; kleiner bei höherer, gröfser bei niedrigerer Tem- 
peratur; geringer in kleineren, bedeutender in gröfseren Höhen über 
dem Meere. Während einer Kälteperiode mit klarem Wetter, hohem 
Luftdruck und trockener Luft, mitten im Innern von Grönland, in 
Höhen von 2300 bis 2600 m, ging die mittlere Tagestemperatur bis zu 
— 32° C. herab; die niedrigste Temperatur war Nachts — 45 0 C, die 
höchste bei Tage — 18 0 C. Die dünne Luft spielt in diesen Höhen, 
in Verbindung mit der Schnee-Oberfläche eine Hauptrolle. Unter ähn- 
lichen Verhältnissen war im März 1883 die mittlere Temperatur bei 
dem niedrig liegenden Fort Rae am Grofsen Sklavensee — 24 °, und die 
ganze tägliche Temperaturschwankung betrug 11°, während sie in Grön- 
land 23" war. Die Abnahme der Temperatur mit der Höhe und der Ent- 
fernung vom Meere wurde zu o,68° pr. 100 m Höhe berechnet. Nach 
Nansen's Observationen, mit denen von Godthaab zusammengestellt, 
erhält man, als eine erste Annäherung für das Innere von Grönland in 
2000 m Höhe, eine mittlere Temperatur für das ganze Jahr von — 25°, 
für Januar von — 40°, und für Juli von — io°. Hier scheint also ein 
Kältepol dem sibirischen Kältepol jenseits des Nordpols grade gegen- 
überzuliegen. Es ist wahrscheinlich, dafs die Temperatur im Innern 
von Grönland ganz wie in Sibirien bis auf — 65 0 oder noch tiefer 



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Dr. Nansen 's Grtfn1an<lsrci-;e. 



sinken kann. Die britische Polarexpedition unter Nares beobachtete 
— 58 ° an der Meeresfläche. 

Die häufigsten Winde wehten vom Innern nach der Küste hin; 
die südlichen waren die wärmsten, die nordöstlichen die kältesten. 
An der Ostscite war der Himmel am meisten wolkig bei Südost-, 
klar bei Nordwestwind; an der Westseite am klarsten bei Nord- 
ost-, am wolkigsten bei Westwind. Die Winde von der Meeresseite 
gaben am leichtesten Niederschlag, die nordöstlichen waren die 
trockensten. Die höchsten Wolken, Cirrus und Cirro-Stratus, waren 
die häufigsten. Durchschnittlich war jeder vierte Tag ein Schncctag, 
jeder vierte klar und beinahe jeder zweite bewölkt. Über die Meere im 
Westen, Süden und Osten von Grönland gehen häufig Wirbelcentra, 
während solche nur äufeerst selten über das Innere hinweg ziehen; 
dafs solches doch geschehen kann, beweisen Nansen's Observationen, 
wenngleich es freilich nur ein sekundäres Minimum betraf. Über das 
Thal an der Westküste am Ameralikfjorde, welches die Expedition bei 
ihrem Abstieg zur See am Ende ihrer Reise erreichte, wehte mehrmals 
ein warmer, trockener Föhn herab, der nicht bis zur Kolonie Godthaab 
hinaus reichte. — Die Trift der Expedition auf dem Eise in der Dan- 
mark-Strafse deutet auf eine Schnelligkeit des Stroms von etwa einem 
Knoten, also eine unerwartet starke, noch viel stärker als diejeni^, 
die den gleichzeitigen lokalen Winden entsprechen könnte. 

R. 



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X. 



Die flächentreue Azimutprojektion von Lambert und 
ihre Verwendung bei Karten von Asien und Europa. 

Von Dr. Alois Bludau. 

(Mit einer Karte Taf. 4.) 

Im Jahre 1884 veröffentlichte Zöppritz einen Aufsatz „die Wahl 
der Projektionen für Atlanten und Handkarten" 1 ). Derselbe ist eine 
Erweiterung des dritten Kapitels des bekannten Leitfadens der Karten- 
entwurfslehre 2 ). Zum ersten Male wurden hier die deutschen Karto- 
graphen auf die für die Kartographie so wichtigen Untersuchungen 
Tissot's in leicht verständlicher Weise aufmerksam gemacht. Zur Er- 
läuterung und Veranschaulichung der durch Ziffern ausgedrückten Ver- 
zerrungsverhältnisse einzelner Projektionen wurde auch eine Karte von 
Afrika in flächentreuer perigonaler Kegelprojektion diesem Aufsatze 
beigegeben. Seitdem ist zwar die Theorie der Kartenprojektionen ge- 
waltig gefördert worden, insbesondere durch Hammer' s Arbeiten, der 
Tissot's Untersuchungen noch weiter und ausführlicher, als es durch 
Zöppritz geschehen ist, in Deutschland bekannt gemacht hat 3 ). Hin- 
sichtlich anderer, die Theorie der Projektionen behandelnder Bücher 
und Aufsätze sei auf Günthcr's Bericht im Geographischen Jahrbuch 
verwiesen 4 ). 

Die Praxis hat von allen diesen Errungenschaften bis jetzt wenigstens 
keinen nennenswerten Gebrauch gemacht. Ist doch die neue Karte 
von Afrika in Stieler's Handatlas wiederum in der konventionellen 
flächentreuen Cylinderprojektion von Sanson-Flamsteed entworfen, wie- 
wohl Zöppritz gerade für Afrika eine neue, rationelle Projektion vor- 
geschlagen und die Elemente für das io°-Netz geliefert hat. Es ist 
um so bedauerlicher, dafs man den alten, unzweckmäßigen Entwurf bei- 
behalten hat, als die Sechs-Blatt-Karte durchweg ein neues Werk ist, 
und Rücksichten auf den Kostenpunkt, weil bisher gebrauchte Platten 

1) Zeilschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin ßd. XIX, Heft 1, p. 1 ff. 

2) Zöppritz, Leitfaden der Kartenentwurfslehre. Leipzig 1884« 

3) Tissot-Hammer, Die Netzentwürfe geogr. Karten. Stuttgart 1887. Hammer, 
Über die geogr. wichtigsten Kartenprojektionen. Stuttgart 1889. 

*) Band XII p. 7 ff. Gotha 1888. 
Zeitschr. d. Gcsellsch f. Erdk. Bd. XXV. 19 



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2ß4 



Dr. Alois Bludau: 



unbrauchbar werden könnten 1 ), gerade in diesem Falle kaum haben 
in Frage stehen können. 

Die Gründe, welche unsere Kartographen bestimmen, sich gegen 
die Errungenschaften der letzten Jahre so ablehnend zu verhalten, 
sollen zunächst nicht den Gegenstand dieser Untersuchung bilden; 
Zweck dieser Zeilen ist vielmehr, einen Entwurf zu besprechen, der 
sich zur Darstellung Asiens sowohl wie Europa's am besten eignet und 
wert ist, die bis jetzt fast ausschliefslich angewandte konventionelle, 
flächentreue Kegelprojektion von Mcrcator-Bonne zu verdrängen. Es 
ist dies die flächentreue Azimutprojektion von Lambert 2 ). Die Gestalt 
der Kontinente Asien und Europa schliefst die Anwendung anderer 
Projektionen, seien es normale oder schiefaxige Kegel- oder Cylinder- 
projektionen, geradezu aus; sie gestattet nur einen azimutalen Entwurf, 
und unter den dreien, die hier in Frage stehen, dem winkeltreuen 
(stereographischen), längentreuen (Postcl'schen) und dem flächentreuen 
(Lambert'schen) hat letzterer für den Geographen die gröfste Bedeutung. 

Ziffernmälsig sind ja bereits die Vorzüge bez. Mängel der ver- 
schiedensten Projektionen bekannt, ein Blick in das Tissot-Hammer'sche 
Werk beweist das. Allein was für den Theoretiker genügt, scheint für 
den Praktiker doch noch nicht auszureichen. Um auch diesen von der 
Überlegenheit der flächentreuen Azimutprojektion über die flächentreue un- 
echtkonisebe zu überzeugen, soll die beigegebene Karte von Asien dienen. 

Dieselbe enthält beide Projektionen über einander gezeichnet, um 
einen Vergleich derselben nach Möglichkeit zu gestatten. Jede Pro- 
jektion ist hinsichtlich der Netzlinien sowie der Situation in anderer 
Farbe gezeichnet. Die Situation ist auf das Notwendigste beschränkt 
worden, damit das Bild durch die vielfach sich kreuzenden Linien 
nicht zu sehr verworren werde. Somit bietet die Karte das Bild dar, 
das sich ergeben würde, wenn je eine Karte in Lambert'scher und 
Bonne'scher Projektion, beide auf durchsichtigem Papier gezeichnet, 
so auf einander gelegt würden, dafs Mittelpunkte und Mittelmeridiane 

*) Vergl. dazu die Erlnuterungen zu Sydow-Wagner's methodischem Schulatlas, 
p. XIII. — Post fest um veröffentlichte Hammer noch einen Aufsatz „Ueber Pro- 
jektionen der Karte von Afrika. (Diese Zeitschrift Bd. XXIV, p. iiitt.) Ich 
mufs es mir, weil nicht unmittelbar mit diesem Aufsalze ein Zusammenhang besteht, 
noch versagen, die genannte Abhandlung hier näher zu besprechen. Das Aussehen" 
eines Netzes, sowie die Sichtbarkeit des Schlitzes bei einer Kegelprojcktion dürfen 
keine Gründe sein, eine solche von der Anwendung auszuschliefsen. — Die Werte 
verschiedener Projektionen nicht nach den Maximal- sondern nach den Durchschnitts- 
Verzerrungen festzustellen, wie H. vorschlägt, dürfte ebenfalls auf mancherlei Be- 
denken stofsen. Auf die von H. in dem genannten Aufsatze gemachten Vorschläge 
und Behauptungen beabsichtige ich ein anderes Mal zurück zu kommen. 

2 ) Über das derselben zu Grunde liegende Prinzip s. Zöppritz, Leitfaden 
p. 60 IT. ; vgl. auch Hammer, Karlcnprojektioncn p. 28« 



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Flächentreue Azimutprojektion bei Karten von Asien und Europa. 265 

sich decken, und sodann gegen das Licht gehalten würden. Wird 
zum Vergleiche noch die einzige winkel- und flächentreue Abbildung, 
die, die uns der Globus bietet, hinzugezogen, so fällt das Kndurteil 
entschieden zu Gunsten der Azimutprojektion aus. 

Die Karte ist in dem sehr häufig angewandten Mafsstabe von 
i : 40 000 000 entworfen. Zu Grunde gelegt ist Blatt 35 des Atlas von 
Sydow- Wagner. Jedoch ist aus Gründen, die sich sogleich ergeben 
werden, die West-Hälfte etwas verkürzt, die Ost-Hälfte vergrößert worden. 

Zur Konstruktion des Azimut -Netzes sind benutzt worden die 
Tabelle in Zöppritz' Leitfaden S. 68 und die von Hammer berechnete 
für <f Q = 40 0 . Ein Vergleich beider Tabellen ergiebt aber mehrfache, 
oft nicht unerhebliche Abweichungen, so dafs sich eine Kontrollrechnung, 
für diese divergierenden Stellen wenigstens, als notwendig erwies 1 ). 
Es wurden daher diejenigen Werte nachgerechnet, welche in den 
beiden Tabellen eine 0,5' übersteigende Differenz aufweisen, bez. bei 
welchen Hammer's Angaben für ö*, nach dem Gesetz der Projektion 

f (ß) = 2 sin ™ in Längen umgewandelt, von Zöppritz' Werten für q ab- 
weichen. Die so verbesserte Tabelle diente zur Konstruktion des 
Netzes und ist am Schlüsse des Aufsatzes beigegeben. Um eine mög- 
lichst genaue Auftragung zu erzielen, wurden die Werte der Azimute 
z und der Mittabstände q (Polarkoordinaten) in rechtwinklige Koor- 
dinaten umgerechnet, die ebenfalls veröffentlicht sind. Denn eine 
Konstruktion mittels des Transporteurs, auch wenn genau gearbeitete, 

1 ) Dazu sei noch bemerkt, dafs Z\ Tabelle an erheblichen Fehlern leidet ; z. B. 
für = io c , A=io° ist su setzen statt 136° 13' — 133« 33': ein Unterschied von 
3°, der sich selbst bei Karten kleinsten Mafsstabes Reitend macht. An ahnlichen 
Ungenauigkciten leidet seine S. 87 gegebene Tabelle für Europa, die er laut An- 
merkung aus Doergens, Praxis der geogr. Kartennetze entnommen hat. Eine neu 
berechnete, mit Genauigkeit bis auf Sekunden durchgeführte und in Rücksicht auf 
die bei Karten von Europa gebräuchlichen Mafsstabe zum 5°-Netz erweiterte 
Tabelle ist diesem Aufsatze beigegeben. — Die Tabellen Hammer's zeichnen sich, 
soweit Verf. sie bisher hat kontrollieren können, durchweg durch Zuverlässigkeit 
aus. Durch diese Berechnung so zahlreicher Tabellen ist den Kartographen ein 
grofscr Dienst erwiesen und eine grofse Mühe erspart worden, denen wenigstens, 
die es nicht mehr für nötig halten werden, selbst noch die Zuverlässigkeit der- 
selben zu prüfen. Zu bedauern ist nur, dafs die Ausrechnung der Werte bis auf 
Sekunden nicht durchweg durchgeführt worden ist. Das hätte keine nennenswerte 
Mehrarbeit bei der freilich ohnehin mühevollen Aufgabe verursacht; die betr. 
Tafeln selbst hätten sehr viel an Wert gewonnen und etwaiger Mehraufwand an 
Zeit hätte vermieden werden können durch Beschränkung des Unifanges der Tafeln. 
In der Ausdehnung, in der sie nun vorliegen, werden sie sicher so selten nötig 
sein, daft gegebenen Falls der betr. Kartograph sich selbst der Mühe der Er- 
weiterung unterziehen könnte. Man betrachte nur die Tabelle Tür if 3 = 40*. Ungefähr 
die Hälfte der Werte ist für eine Karte eines Kontinents vom Umfange Asiens nötig. 

19» 



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2G6 



Dr. Alois Bludau: 



wie es die Riefler'schen z. B. sind, zur Verfügung stehen, kann nie den 
nötigen Genauigkeitsgrad erreichen, erfordert auch mehr Mühe und Zeit, 
als eine Umrechnung in rechtwinklige Koordinaten und deren Auftragung. 

Haupt- oder Mittelpunkt ist der Schnittpunkt des 40" n. Br. mit 
dem 90 0 ö. L>. v. Greenwich. Letzterer ist als Mittelmcridian bei 
Karten von Asien am häufigsten im Gebrauch, wie es auch der 40 0 n. 
Br. als Mittelparallel ist. Zur Begrenzung der Azimutkarte ist ein 
Horizontalkreis gewählt, weil diese Art der Begrenzung dem Grund- 
prinzip der Projektion entspricht, und nicht, wie bisher bei Bonne'scher 
Projektion üblich, ein Rechteck oder Quadrat. Der Horizontalkreis 
umschliefst eine Kalotte von 6o° sphärischem Halbmesser. Da der 
Mittelmeridian dieselbe halbiert, ist das Bonne'sche Netz ebenfalls nach 
beiden Seiten symmetrisch angelegt, was auf vielen Karten, auch auf 
der oben erwähnten, nicht der Fall ist. Die Ränder des Bonne'schen 
Netzes im O. und W. berühren den Horizontalkreis, während aus 
Gründen, die klar zu Tage liegen, der N- und S-Rand dieses Netzes 
das Azimutnetz schneiden. 

Nach Zöppritz 1 ) und Hammer 2 ) soll zwar für Asien eine Kalotte 
von 50 0 bez. 53 0 Halbmesser genügen; dooh erschien es angemessen, 
denselben etwas zu vergröfsern. Die Karte soll die schon längst ziffern- 
mäfsig bekannten Vorzüge der Azimutprojektion vor der verbreiteten 
Bonne'schen bildlich zum Ausdruck bringen. Daher empfahl es sich, 
eine Karte zu zeichnen, die mit einer in Bonne'scher Projektion ge- 
zeichneten den Mittelpunkt gemein hat. Der beliebteste ist der bereits 
angeführte von 40 0 n. Br. und 90° ö. I.. Da aber die Verzerrungen 
ganz besonders in der Nähe des Kartenrandes recht wahrnehmbar sind 
und ein Vergleich gerade dieser Gegenden mehr Erfolg verspricht, als 
alle Zahlen, so wurde der Grenzkreis um io° bez. 7 0 vergrößert 3 ). 
Bei Hammers Vorschlage, 53 0 zu wählen, würde, unter Festhaltung des 
erwähnten Hauptpunktes, die Tschuktschenhalbinsel nicht mehr zur 
Darstellung gelangen, und doch eignet sich besonders diese sehr zum 
Vergleiche, wie auch das westliche Europa, das bei 53 0 Halbmesser 
ebenfalls aufserhalb des Kartenrandes fiele. Sollten aber bei etwaiger, 
zu erhoffender Anwendung der Azimutprojektion praktische Rücksichten, 
z. B. das Format eines Atlas, eine Verkleinerung der Kalotte wünschens- 
wert erscheinen lassen, so könnte die vorliegende Karte in der Weise 
beschränkt werden, dafs der Grenzkreis hart am Ostkap durch die 
Beringsstrafse gelegt wird. Freilich verschwindet dann im SO ein Teil 
der asiatischen Inseln, sowie schmale Streifen von afrikanischem und 

>) Kartenentwurfslehre p. 107. Ztschr. d. Ges f. Erdk XIX, p. 15« 
*) Hammer, KartenprojeUtionen p. 50. 

3 ) Die Zeichnung ist auf der Karte sogar noch bis zum Rande des zweiten 
Netzes fortgeführt. Der GrcnzUreis von 6o° Halbmesser würde die Grenze sein 
für die einfache Karte in Azimutprojektion. 



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Flächentreue Azimutprojektion bei Karten von Asien und Europa. 267 



europäischem Gebiete. In diesem Umfange pafst die Karte ganz gut 
in einen Atlas vom Formate des Sydow-Wagner'schcn Schulatlas, ohne 
dafs man genötigt wäre zu einer auch statthaften Beschränkung zu 
schreiten, wie sie auf Blatt 33 des genannten Atlas durchgeführt worden 
ist. Wird auf die Mitdarstellung angrenzender Gebiete überhaupt kein 
Gewicht gelegt 1 ), so kann die Verkleinerung des Halbmessers und 
damit auch die des Grenzkreises dadurch erreicht werden, dajs der 
Hauptpunkt vom 90° ö. L. auf den 95 0 ö. L. verlegt wird 2 ). 

Die zweifache Kinzeichnung beschränkt sich nicht nur auf die Um- 
risse; auch bei dem eingetragenen Flufsnetze sind die Abweichungen 
eingezeichnet. Wo solches nicht geschehen ist, decken steh beide 
Karten, bez. sind die Abweichungen so unbedeutend, dafs eine Ein- 
Zeichnung nicht möglich war, ohne dafs Undeutlichkeit oder Mifsver- 
ständnis vermeidbar waren. In das Azimutnetz sind einschliefslich des 
Grenzkreises vier Horizontalkrcise eingetragen; an denselben sind die 
Richtungen der Indikatrixaxen angedeutet, die Winkelverzerrungen an- 
geschrieben, ebenso die Längenänderungen, und zwar in der Karte in 
abgerundeten Werten. Ö bezeichnet die sphärische Entfernung vom 
Mittelpunkte; der Radius jedes Horizontalkreises in Funktion des ent- 

sprechenden o" ist = 2 sin a bezeichnet die grofse, b die kleine 

Halbaxe der Indikatrix, w die halbe, 2&> die ganze Maximal-Verzerrung 
der Winkel für Punkte dieser Kreise. Um die Richtung zu finden, 
deren Winkel mit den Hauptrichtungen die Maximal-Verzerrung erleidet, 
mufs man an q den Winkel [45°— »w] antragen. 

Tafel der Verzerrungsverhältnisse der Azimutprojektion für Punkte 

von i"5° zu i5 J Zenitabstand. 









2 ft) 


a 


b 


S=ab 


o° 


o° o' 0" 


0 


0' 0" 


1,000 


1,000 


1,000 


»5 


0 29 23 


0 


58 46 


1 ,00863 


0,99144 


1,000 


30 


1 59 8 


3 


58 16 


1,03527 


o,9 6 593 


1 ,000 


45 


4 3' 52 


9 


3 44 


1,0824 


0,92388 


1,000 


60 


8 12 46 


16 


25 32 


M547 


0,86602 


1,000 


Ein 


Planimeter 


steht 


mir leider 


nicht zur 


Verfügung; 


sonst hätte 



ich nach Hammers Vorschlage die immerhin interessante Arbeit unter- 
nommen, die Durchschnitts- Verzerrungen beider Projektionen und ihr 
gegenseitiges Verhältnis zu ermitteln. Ich hoffe jedoch, dafs die bei- 
gegebene Karte diesen Mangel zum guten Teil ersetzen wird. 

Was von der Karte von Asien gilt, dafs nämlich die Azimutpro- 
jektion die unechtkonische Projektion mit längentreuen Parallelkreisen 

1 ) Vgl. aber dazu Sydow- Wagner, Method. Schulatlas, Erläuterungen p. X. 

2 ) Von dem weit nach W. vorspringenden Klcinasien abgesehen, entspricht 
dieser Meridian der Mitte des Kontinents; er wird ja auch oft als Mittelmeridian 
zu Grunde gelegt. 



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2G8 



Dr. Alois Bludau: 



übertrifft und als die für diesen Kontinent geeignetste angesehen 
werden mufs, das gilt auch von der Karte von Europa. Freilich sind 
bei letzterer die gegenseitigen Abweichungen nicht mehr so bedeutend, 
weil der Umfang des darzustellenden Gebietes ein erheblich kleinerer 
ist. Soll aber auch hier die geeignetste Abbildungsart gewählt werden, 
so mufs doch die Azimutprojektion vorangestellt werden. Damit deren 
Einführung und Anwendung erleichtert werde, folgen am Schlüsse die 
nötigen Tafeln. Für Asien genügt das io°-Netz völlig; denn von 
Schul- Wandkarten abgesehen, werden meines Wissens Übersichtskarten 
dieses Kontinents kaum in einem gröfseren Mafsstabe als in dem 
i : 30 Mill. entworfen. Die Gröfsenverhältnisse Europas gestatten von 
vornherein nicht nur die Anwendung gröfserer Mafsstabe auch für 
kleinere Atlanten, auch die Bedeutung des Kontinents erfordert solche. 
Zudem giebt es von demselben auch gröfsere Übersichtskarten, die über 
den Zweck und Wert von Schul- Wandkarten erheblich hinausgehen 1 ). 
Deshalb ist für Europa ein 5°-Netz berechnet worden, dessen Tabelle 
die Werte z und d bis auf einzelne Sekunden angibt; auch die Tafel 
der Koordinaten für den Mafsstab 1 : 20 Mill. ist so genau, dafs aus 
ihr die Werte für andere Mafsstabe ermittelt werden können, ohne dafs 
der Genauigkeit geschadet wird. Die ganze Rechnung ist mit sechs- 
stelligen Logarithmen gemacht worden. Damit auch nach anderer 
Seite hin allen Anforderungen genügt werde, ist der Parallelkreis von 
52 0 30' als Mittelparallel gewählt. Dem Vorschlage Hammer' s, den der- 
selbe macht, um die Brauchbarkeit seiner Tafeln zu erhöhen 2 ), nämlich 
die Berechnung dadurch abzukürzen, dafe der Hauptpunkt auf einen 
dem wirklichen Mittelpunkt nahe gelegenen Schnittpunkt eines 5°-Pa- 
rallels mit einem 5 "-Meridian verlegt wird, kann ich mich nicht an- 
schliefsen, besonders in diesem Falle, wo es sich um Karten gröfseren 
Mafsstabes handelt, woraus ja auch die Forderung einer gröfseren 
Genauigkeit sich ergiebt. Werden doch in solchem Falle die Vorteile, 
die auf der einen Seite durch Wahl einer geeigneten Projektion erzielt 
werden, auf der anderen Seite durch die Wahl eines der Wirklichkeit 
nicht entsprechenden Haupt- oder Mittelpunktes wieder aufgegeben. 
Bei Zöppritz befindet sich bereits eine Tabelle für das io°-Netz 3 ); 
doch leidet dieselbe an erheblichen Fehlern'). Deshalb ist das Netz 
durchweg neu berechnet worden. Die folgenden Tafeln gestatten, den 
Erdteil auf einer Kalotte von 30° sphärischem Halbmesser darzustellen. 
Doch genügt auch ein solcher von 26°. Auf einer im Mafsstab 1 : 20 Mill. 
entworfenen Karte, die allerdings zunächst nicht veröffentlicht werden 
kann, hat der Radius des Grenzkreises von 26 0 Halbmesser eine Länge 
von 140mm; der Grenzkreis, der durch den Meridian 20° ö. v. Gr. 

l ) z. B. H. Berghaus, Verkehrskarte von Europa. 

l ) Kartenprojektionen S. 118 und diese Zeitschrift Bd. XXIV, S. 235, Anm. 

3 ) Leitfaden S. 69. 

4 ) De r gröfete ist bei ß = 50 0 , k — 20°; statt 90 0 o' ist zu setzen: 93° 27' 34*. 

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Flachentreue Azimutprojektion bei Karten von Asien und Europa. 269 



halbiert wird, schliefst Island ein, streift Grönland am 70° n. Br., 
halbiert Spitzbergen, passiert den Matotschkin-Scharr, die Obmündung, 
berührt die NW.- Ecke des Aralsees, geht an Krasnowodsk vorbei nach 
Rescht, über Bagdad nach Akaba und schliefst das ganze für Europa 
in Betracht kommende Nordafrika ein, um am Kap Vincent vorbei noch 
einen Teil des atlantischen Ozeans zu umfassen. Bei 29° Halbmesser 
hat der Radius eine Länge von 164 mm; die Ostküste Grönlands wird 
sichtbar bis zum 65 0 n. Br.; Spitzbergen erscheint ganz, auch Teile 
von Franz Josef-Land, ferner Nowaja-Semlja, die Samojeden-Halbinsel, 
der Ischim und der Tobol, der ganze Aralsee sowie das kaspische 
Meer; der Zusammcnflufs des Euphrat und Tigris ist ebenfalls noch 
auf der Karte, ebenso Arabien und Nordafrika n. vom 25 0 n. Br.; n. 
von Mogador schneidet der Grenzkreis die W.-Küste von Afrika. Hin- 
sichtlich der bei dieser Karte eintretenden Verzerrungsverhältnisse bez. 
Formeln, nach denen sie berechnet werden können, sei auf die Werke 
von Tissot-Hammer verwiesen'). 

Zu den folgenden Tafeln ist noch zu bemerken: 

Tafeln I enthalten die Azimute z und die sphärischen Entfernungen 
S für den Horizont eines Punktes von 40 0 bez. 52" 30' Br. 

Mit Hülfe dieser Tafeln lassen sich der winkeltreue (stereographische) 
und der längentreue (Postel'sche) Entwurf konstruieren, wenn statt des 

Halbmessergesetzes für Flächentreue, f (d) = 2 sin —, das erste Mal 

f (d) = 2 tg ~ t das zweite Mal f (d) = arc d gewählt wird. 

Tafeln II enthalten nochmals die Azimute z und statt d die nach 

dem Halbmessergesetze f (<")) = 2 sin — berechneten Mittabstände n für 

den Kugelhalbmesser = 100. Sie ermöglichen die Berechnung von 
Netzen aller Mafsstäbe, indem die Werte q nur mit dem betreffenden 
Mafsstabsverhältnis zu multiplizieren sind; soll die Auftragung mittels 
Koordinaten erfolgen, so ist zu setzen .v = q sin s, y = n cos z. 

Tafeln III enthalten die rechtwinkligen Koordinaten für die Mafs- 
stäbe 1 : 40 Mill. bez. 1 : 20 Mill. Der Mittelmeridian ist ^-Achse. Da 
die Netze symmetrisch zum Mittclmcridian liegen, haben alle Werte 
von .v doppelte Vorzeichen; sie sind nicht beigeschrieben; die nega- 
tiven Werte für y dagegen sind besonders gekennzeichnet. Die Zahlen 
gelten für Millimeter. 

Zum Schlüsse sei es mir noch gestattet, dem Gefühle der Dank- 
barkeit auch an dieser Stelle Ausdruck zu geben, das ich einem Manne 
schulde, der mich bei meinen Arbeiten mit Rat und That in der ent- 
gegenkommendsten Weise unterstützt hat, meinem verehrten früheren 
Lehrer, Herrn Prof. Dr. Wagner-Göttingen. 

') Kartenprojcktionen S. 51. Neuentwürfe S. 130 und (37) Tafel XLV. 



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•270 



Dr. Alois Bludau: 



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Flächentreue Azimutprojektion bei Karten von Asien und Europa. 271 



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272 Dr. Alois Bludau: 

A. H. Tafel der Azimute z und die Mittabstände q für die flächentreuc 



Kugelhalbmcsser = 





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10° 


30° 


40 ° 


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50° 


60 0 


700 


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2*41' 


5°i3'.5 


7-31' 


9^8.5 


n" i',5 


12° 9 ' 


12" 50' 


13 0 6' 


80 ° 


Q = 


68,40 


68,70 


69,56 


70,96 


72,01 


75,°3 


77,52 


80,19 






z — 


o°o' 


6" 44' 


ia"50' l5 


i7°54' 


2i°44' 


24' 22' 


25° 54' 


26*30' 


26°i8' 


70° 


(> = 


51.76 


52.5i 


54.73 


58,15 


62,49 


67.46 


72,80 


78,28 


83,72 


60 0 




o°o' 


«4* 3' 


25° 19. 5 


33° 0' 


37 37 


39" 59' 


40 9 44'.5 


40° 20' 


39° 1.5 


e = 


34-73 


36,37 


40,04 


4/, 2 5 


54./° 


02,79 


70,97 


79.03 


8A 81 
oD,ÖI 


50° 




o"o' 


3»°48' 


47 3 54',5 


54 s 3>'.5 


56°49' 


56' 53' 


55 a 4o' 


53° 35.5 


50° 52' 


(' = 


«7.43 


21,30 


29.96 


40,28 


51,05 


f.. 0, 
01,02 


72,30 


82,37 


91,88 


40 0 


i> = 


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86' 32' 
»335 


83° 26' 
26,61 


80' 13' 
39,65 


76°5i' 
5 2 .39 • 


73° *9' 
64.74 


69' 39' 
76,60 


65-46' 
87,88 


6i°39'5 
98,48 


30 0 




180*0' 


«37* 4i' 


ii 5 'i8',5 


io2° 5 4',5 


94° 26'. 5 


87 J 45' 


82 0 3'.5 


76*41' 


7 i°26,5 


/l < — — 


'/.43 


22,48 


******* 

33.22 


45. 02 


5 8 .3 8 




8 3 2 9 


95.°5 


100,15 




3 = 


i8o"o' 


«53°53 


I33°33' 


"9' 3'. 5 


io8°23' 


99*57,5 


92° 50' 






C = 


34.73 


37.75 


45-54 


55,99 


67.63 


79,68 


91,68 






100 


3 = 
= 


180*0' 
5ij6 


.60-46.5 
53 93 


143' 54' 
5991 


130° 8' 
68,55 


"9° 4' 
78,80 


io 9 °57' 
89,82 


102' 8,5 
101,11 






0° 


3 = 


180" 0' 


164*40' 


150" 29' 


138' 4' 


I27°27' 


Il8'2l' 








(' = 


68,40 


70,09 


74.85 


82,04 


90,90 


100,76 








— • 10* 


s = 

e = 


i8o'o' 
84.51 


167*16' 
85.87 


155' 10' 
89/5 


i44 J 8', 5 
95 74 


I34°i9' 
103,32 


«25°35'.5 
»'95 








— ao° 


3 — 


180V 
100 








i4°°ii',5 
115,62 


132 0 6' 
"3.05 









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Flächentreue Azimut projcktion bei Karten von Asien und Europa. 273 



Azimut-Projektion auf den Horizont eines Punktes von 40* n.Br. (Asien). 
100 ; p = ^ sin — -. 



QO° 


1000 


1 10 0 




110° 


140 0 


I CO 0 


160 0 


I70o 


180 0 


12° 58' 
85.67 


I2°28' 

88,12 


n° 3 8' 
90,82 


IO° 3 l' 

93." 


9° 9' 
95," 


7° 34' 
96,83 


5°49'<5 
98,20 


3 57 
99,19 


x° d 
99.79 


O O 
I00,00 


25-25' 
88,99 


23° 58' 

93.97 


22° o',5 
9 8 -54 


'9'38',5 
102,65 


»6^55,5 
106,24 


»3' 54' 
109,24 


io° 3 8',5 
111,61 


7° 12' 
"3-32 


3'38' 
"4,37 


O' O' 
"4.71 


37° o' 
94,16 


34° *4* 
100,98 






* 












47°36',5 
100,76 


43° 52' 
108,85 


















57° 16' 
108,33 


5* 5 33' 
"7.37 






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274 



Dr. Alois Bludau: 





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Flächentreue Azimut projeklion bei Karten von Asien und Europa. 275 



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276 



Dr. Bludau: Az.imutprojektion bei Karlen von Asien und Europa. 




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XI 



Die Entwickelung des Stadtbildes. 

Am Altertum nachgewiesen von Gustav Hirsch feld. 

In den folgenden Zeilen will ich einige Gedanken aussprechen, 
welche schon frühzeitig bei den Wanderungen in den klassischen Ländern 
in mir aufgestiegen sind, wenn auch nur in den grofsen und nebel- 
haften Umrissen, welche von dem ersten Auftauchen unzertrennlich zu 
sein pflegen. Auch heute sind sie nicht abgeschlossen; wenn sie hier 
mitgeteilt werden, so geschieht es in dem Wunsche, auch andere zu 
ihrer Erwägung zu veranlassen. Mit Absicht ist das Thema beschränkt 
worden: es schien nützlich, einmal die formale Seite ganz rein für sich 
zu betrachten, und in der Natur der Sache begründet, ein allgemeines 
Problem nur für das Altertum zu entwickeln. Dieses zu rechtfertigen, 
sei dem Inhalte der Darlegung überlassen; am Schlüsse wird man auch 
verstehen, warum gerade unsere Zeit zu solchen Betrachtungen berufen 
ist. Es soll übrigens auch ein mehr subjektiver Beweggrund nicht ver- 
schwiegen werden : gegenüber dem immer wachsenden und an sich be- 
rechtigten Triebe in die Ferne schien es einmal angebracht, auch weitere 
Kreise darauf hinzuweisen, dafs man wirklich nicht immer bis zum t 
Äquator oder über einen Wendekreis zu gehen braucht, um neue Ge- 
sichtspunkte zu finden, dafs im Gegenteil die nächste Umgebung, jede 
Sommerreise, ja die Durchsicht der Stadtpläne in guten Reisehand- 
büchern höchst lehrreiche geographisch- historische Aufschlüsse geben 
kann. 

Weder grofse Ausführlichkeit schien bei dem vorliegenden Versuch 
angezeigt, noch ein Ausstreuen von gelehrten Citaten: den Neuling führt 
das leicht ab von der Hauptlinie, der Kundige sieht das im Hinter- 
grunde arbeitende Triebwerk auch ohnehin. Doch stehe ich nicht dafür 
ein, dafs ich nicht einmal auf das so reiche Thema der griechischen 
Stadtanlage in gröfscrer Breite zurückkomme; dann wird es auch an 
der Zeit sein, das Innere der Städte mehr in Betracht zu ziehen, das 
bis zu einer gewissen Grenze freilich auch schon in vorliegendem be- 
rücksichtigt werden mufste, nämlich soweit es die Gesamterscheinung 
bestimmt. 



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278 



Gustav Hirschfeld: 



Man hört wohl rühmen, dafs die gewaltige Bewegungsfähigkeit, 
welche die Dampfkraft dem modernen Menschen verleiht, ihm einen 
höchst gesteigerten Naturgenufs ermögliche; das ist auch unzweifelhaft 
richtig. Dennoch will es mir vorkommen, als ob gerade dadurch unsere 
Fähigkeit, einzelne Natur formen, Naturgegebenheiten scharf und richtig 
aufzufassen und dauernd festzuhalten, noch mehr zurückgehe, als das 
ohnehin bei Kulturvölkern der Fall zu sein pflegt. Denn wenn auch 
unsere Verkehrsart dem einzelnen wohl den Genufs auch fern ge- 
legener Naturschönheiten erleichtert, so läfst sie ihn doch die Konfi- 
guration der durchflogenen Länder nicht eigentlich mehr mitempfinden, 
wie das der Fall war und ist beim Wandern und Fahren auf Land- 
wegen. Schmiegen sich doch diese der Natur ungleich inniger an, als 
der Schienendurchschnitt, welcher die Naturschranken oft gewaltsam 
durchbricht und, man kann es wohl einmal so ausdrücken, brutal ver- 
nichtet. Es ist am Ende nicht zu viel damit gesagt, dafs wir die Kultur- 
länder im allgemeinen jetzt mehr als Eisenbahnnetze, denn als Flufs- 
und Gebirgsbilder sehen und empfinden. Für die Würdigung und das 
Verständnis von Naturformen ist das aber höchst verhängnisvoll; im 
grofsen wie im kleinen. Ich will keinem zu nahe treten: aber ob 
wirklich viele im stände sind, ohne weiteres ein richtiges Grundformen- 
bild ihres Wohnortes zu entwerfen? Ich wenigstens mache mich nicht 
anheischig, das selbst von Orten zu können, in denen ich lange gelebt 
habe. Nun kann man allerdings sagen, dafs gerade die Besetzung mit 
Gebäuden die Naturformen zu verhüllen geeignet ist; vielleicht — und 
damit treten wir gleichsam durch die Pforte unseres eigentlichen 
Themas ein — liegt auch etwas an der Unschärfe der Naturgegeben- 
heiten bei uns zu Lande: wer vom Norden ausreisend durch die Länder 
der alten klassischen Kultur wandert, zumal durch Griechenland und 
die gegenüber gelegenen Küstenstriche Kleinasiens, dem mufs eine 
Wahrnehmung sehr bald sich aufdrängen, nämlich mit welcher Bestimmt- 
heit dort die Natur die Plätze für die menschlichen Ansiedelungen be- 
zeichnet hat, und wie scharf andererseits die Physiognomie des Landes 
gerade durch die Wohnplätze zum Ausdrucke kommt. Es ist ja allge- 
mein bekannt, auch bei uns ist die Wahl der Wohnplätze weder will- 
kürlich noch bedeutungslos; darüber ist gerade neuerdings viel ge- 
schrieben worden, vielleicht etwas zu viel, jedenfalls zu doktrinär: denn 
bisweilen will man uns beinahe glauben machen, als hätten die ersten 
Fischer zu Cöln an der Spree schon geahnt, dafs sich da einmal die 
Reichshauptstadt Berlin erheben würde. Dem gegenüber kann man 
nicht scharf genug betonen, dafs der erste Ansiedler in unbefangenen 
Verhältnissen immer nur das nächst liegende überschaut, er setzt sich, 
wie Tacitus von den alten Deutschen uns gesagt hat, die weder Städte 
noch zusammenliegende Gehöfte gehabt hätten, dort wo ein Quell, ein 
Acker, ein Wald ihm gefällt. Aber diese völlig „unbefangene" Stufe 



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Die Entwickelung des Stadtbildes. 



279 



hat in der Tradition der Kulturvölker nur in wenigen seltenen Fällen 
sich erhalten, zum Ersatz treten allerdings auch hier zurückgebliebene 
Völker ein, jene Völker, deren Sitten so lange als zusammenhanglose 
Kuriositäten betrachtet wurden, nun aber angefangen haben, uns in 
einem neuen Lichte zu erscheinen, nämlich als Bilder der Vorstufen 
unserer eigenen Gesittung. Aber gerade sie bestätigen uns auch, dafs 
allerlei Gründe jenes ganz unbefangene Ansicdelungsstadium entweder 
garnicht aufkommen lassen oder doch bald ihm Schranken setzen. Zu 
diesen Gründen darf man rechnen, wenn der Boden eines Landes im- 
gleichmäfsig begabt ist und daher an einzelnen Stellen eine gröfsere 
Bewohneranzahl zurückstöfst, auf andern hingegen sie notwendig zu- 
sammenführt; dahin ist ferner zu rechnen, wenn gewisse notwendige 
Lebensmittel oder Lebensutensilien nur an bestimmten Stellen sich zu- 
sammenfinden; genug, für Urzustände, denn nur solche haben wir hier 
im Auge, ist der Ansiedelungsanlafs so variabel wie die jedesmalige 
Natur selber es ist. Einer etwas weiteren Entwickelung gehört es schon 
an — und gerade die historische Entwickelung hat man in allen 
diesen Fragen bisher zu wenig berücksichtigt, - wenn gewisse Stellen 
besonders günstig für den Verkehr liegen, wie Flufsübergänge, Sen- 
kungen mit zahlreichen Ausgängen u. a. m. 

Aber diese Rücksichten bestimmen den Platz einer Ansiedelung 
doch nur erst im allgemeinen; sie ziehen ihn an sich, aber nur 
gleichsam wie Mittelpunkte eines Kreises, an dessen Peripherie und in 
dessen Bereich der Mensch nunmehr wählen kann nach seinem Belieben, 
nach seinem Bedürfnis. 

Dieses Belieben und dieses Bedürfnis ist es, das uns, die wir die 
Besiedclungsplätze im engsten Sinne betrachten wollen, am nächsten 
angeht; dies Belieben ist, soweit wenigstens unser Blick nach rückwärts 
zu dringen vermag, kein freies, sondern wird bestimmt durch das feind- 
liche Verhältnis der Menschen zu einander und durch das Verhältnis 
zu den belebten und unbeseelten Mächten der Natur; mit andern 
Worten, was den Menschen schliefslich die Wahl des Platzes für ihre 
Ansiedelungen und Zusammensiedelungen aufdrängt, ist das Schutz - 
bedürfnis, dem man daher mit grofsem Rechte einen sehr bedeut- 
samen Platz in der Entwickelung der menschlichen Niederlassungen 
einzuräumen hat. Ja, die gröfsere oder geringere Kraft, mit der gerade 
dieser Gesichtspunkt zu verschiedenen Zeiten sich geltend macht, ist 
ein so empfindlicher Kulturmcsser, dafs man sagen darf, der Anblick 
der Besiedelung eines Landes belehre vollkommen über den allge- 
meinen Gang seiner Geschichte, und gerade diesen Satz werden wir 
beim alten Griechenland bestimmter auszuführen, gerade ihn mit greif- 
baren Beispielen zu belegen haben. 

Da wir uns nun die anziehende, aber etwas mühselige Aufgabe 
gesetzt haben, dem Werden der Städte im Zusammenhange mit ihrer 

2eit»chr. d. Gcs«ll»ch. f. Erdk. Bd. XXV. 20 



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280 



Gustav Hirschfeld: 



Lage nachzugehen, die Absicht des Menschengeistes und seine Arbeit 
an und in der Natur dabei möglichst rein zu erkennen, so darf es, wie 
schon oben angedeutet, weder für Willkür, noch für die Folge eines 
zufälligen, persönlichen Standpunktes gelten, wenn unsere Betrachtung 
im wesentlichen auf Länder antiker Kultur beschränkt bleibt. Zwei 
gleich gewichtige Gründe sprechen dafür: einmal sind die Naturschranken 
im Altertum niemals durch mechanische Mittel auch nur annähernd so 
weit überwunden worden, dafs ihre Bedingungen nicht eine maß- 
gebende Schranke für Hand und Geist geblieben wären ; und zweitens 
ist doch bekanntlich die EntWickelung auf allen Gebieten im Alter- 
tum, d. h. in den Anfängen ungleich selbständiger gewesen als in der 
Neuzeit, welche einmal von den überkommenen Vorbildern sich doch 
nicht hat frei machen können, dann aber zum Teil auch Erdräume — 
zumal im Norden Europas — besiedelt hat, deren Gestaltung garnicht 
dazu angethan ist, die geistige Absicht der Stadtgründung zu einem 
besonders scharfen, natürlichen Ausdruck zu bringen. Ich spreche hier 
von einem „natürlichen" Ausdruck und mufs erklären, was darunter 
verstanden ist, berühre damit zugleich einen Gesichtspunkt, welcher 
grundsätzlich kaum jemals aufgestellt ist 1 ) und der doch für das Bild 
der historischen Landschaft, oder wenn man will, für die Historie des 
Länderbildes ganz unerläfslich zu sein scheint. Denn einen entscheiden- 
deren Zug als diesen hat die Menschheit der Natur nicht eingefügt 
und es ist daher menschlich, wenn besiedelte Länder schon rein formal 
unser denkendes Interesse in höherem Mafse in Anspruch nehmen, als 
noch leere oder leer gebliebene Erdräume. Man sagt wohl auch von 
Ländern ohne Rücksicht auf ihre Besiedelung, dafs sie eine Physio- 
gnomie haben; so kann man die Westküste Kleinasiens als das Antlitz 
des Landes bezeichnen, wie die Ostküste Griechenlands und auch Si- 
ciliens, weil ihre Buchten und Häfen nach eben jenen Seiten gastlich 
geöffnet sind, gleichsam nach ihnen blicken; und ebenso spricht man 
bei einem Binnenlandstück davon, dafs es eine rauhe oder milde, eine 
abstofsende oder einladende Physiognomie habe und fafst in solchen 
Ausdrücken die Bewegtheit des Bodens, seine Umrisse, das Bild seiner 
natürlichen Fruchtbarkeit oder seines Kulturzustandes zusammen. Allein 
das ist doch nicht alles: wie verhalten sich denn die Wohnstätten der 
Menschen zur Landschaft? Sind sie mehr oder weniger gleichgültige 
Flecke, die höchstens durch Umrisse oder Farben dem Auge etwas 
Abwechslung gewähren? Wenn sie irgendwo in weiten Ebenen unser 
Auge treffen, möchten wir das beinahe bejahen. Sehen wir aber näher 
zu, so bemerken wir in den allermeisten Fällen, dafe sie auch da nur 



l ) Höchstens bei Wimmer „Historische Kulturlandschaft" , obgleich dort an 
die Beziehung von Nalurstättc und Wolinplatz viel weniger gedacht ist, als an die 
Physiognomie dieses letzteren. 



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Die Entwickehing des Stadtbildes. 



281 



eine Eigenschaft des Rodens, der näheren oder ferneren Um- 
gebung zum Ausdruck bringen: sie bezeichnen natürliche Strafsenpunkte, 
Flufsübergänge, die Umwandelung der Flufsschiffahrt in Seeschiffahrt, 
genug eine Fülle von Eigentümlichkeiten, die gerade an der Stätte 
haften und an keiner anderen. 

Je bewegter ein Boden ist, desto mehr bestimmt und beschränkt 
er zugleich die Wahl des Platzes; und so können umgekehrt die wirklich 
gewählten Plätze zum Ausdruck dessen werden, was ein Land an 
passenden menschlichen Wohnstätten überhaupt hergiebt. Mit andern 
Worten, sie erst geben ihm die Physiognomie, die ihm nach Konfi- 
guration und Hilfsquellen zukommt; sie verleihen seinen Eigenschaften 
so zu sagen den lebendigen Ausdruck, sie veranschaulichen direkt und 
wie auf einen Schlag die Beziehungen zur menschlichen Thätigkeit, 
welche die Landesnatur birgt, sie legen gleichsam die letzte Hand an 
und vollziehen das, was die Natur vorbereitet und begonnen hat, 
aber aus eigner Kraft nimmermehr zu vollenden im stände ist. 

Ich fürchte, dafs diese Sätze etwas abstrakt ausgefallen sind: sie 
sollten einmal die innige und ursächliche Verbindung von Stadt und 
Boden zum Bewufstsein bringen. 

Diese Verbindung nun hat ihre Entwickelung, ihren geschichtlichen 
Wandel. Das allgemeine Besiedelungsbild, die Art der Lage und Ver- 
teilung der menschlichen Ansiedelungen giebt dem Antlitz des Landes 
erst seine bestimmten historischen Züge. Diese Züge können scharf 
und unscharf sein; zum Teil kann das wohl die Unbestimmtheit des 
Bodens selber verschulden: im allgemeinen aber dürfen wir sagen, je 
inniger die Städte dem Ductus der Natur folgen, desto schärfer und 
bestimmter blickt die historische Landschaft uns an. Man gestatte mir 
um des deutlichen Beispieles willen hier eine wichtige Thatsache vorweg 
zu nehmen, welche Griechenland uns vor Augen stellt: klar und be- 
stimmt blickt uns das Bild des Altertums an, die Städte nehmen die 
Plätze ein, welche die Natur ihnen gleichsam auf dem Boden vor- 
gerissen hat, auf erhobenen, fest begrenzten Plätzen thronen sie über 
dem Nährboden zu ihren Füfsen. Und wie willkürlich und unscharf 
sieht uns das mittelalterliche Griechenland an: als offene Flecken von 
Ackerbauern sind viele Städte hinabgestiegen in die ungesunden, aber 
auch fruchtbaren Ebenen, deren Boden durch die starke Abnahme der 
Bevölkerung eben von seinem früheren Werte eingebüfst hat, oder sie 
haben sonst ihre Plätze willkürlich verändert — zugleich untrügliche 
Symptome des ^rofsen geschichtlichen Umschwunges und Symptome, 
die gerade durch ihre Sinnfälligkeit eine vor andern deutliche Sprache 
reden, wofern man sich nur einmal die Mühe nimmt, sich an sie zu 
wenden. Dann aber lehren sie auch, ob und wann ein Volk sich 
würdig gezeigt hat des Landes, das es bewohnt, — und nichts ver- 
deutlicht so sehr die Verrottung der Verhältnisse als Verzettelung der 

20* 

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282 



Gustav HirschfeU: 



Orte an ungeeigneten Lageplätzen. Glaube ich so für meinen augenblick- 
lichen Zweck hinlänglich auf die mannigfaltige Bedeutung hingewiesen 
zu haben, welche die Wahl der Besicdelungsplätzc für uns enthalten 
kann, so schicke ich mich nun an zu einer kurzen geschichtlichen 
Wanderung durch die Stätten der alten Kultur: denn ein Hintergrund, 
von welchem sich der Weit der Erscheinungen klarer abhöbe als der 
geschichtliche, läfst sich nicht denken. 

Immer erscheint es als eine ungeheure und die folgenschwerste 
That, zerstreut Wohnende zu gemeinsamem Wohnen gesammelt zu haben, 
und die Überlieferung knüpft das an die grüfsesten Namen altersgrauer 
Vorzeit: König Menes von Ägypten zwingt die Menschen in seine Stadt 
Memphis hinein, König Thcseus die seinigen nach Athen. Wer in der 
alten Geschichte, und nicht blofs in der griechischen als Städtegründer 
erscheint, ist es hauptsächlich in diesem Sinne; unter Griechen ward 
er bei allen Spätergeborenen göttlicher Ehre teilhaftig. Und in der 
That, die Pflanzung dieses Samenkornes des Staates ist 
nichts Kleines! Aber nicht die politische oder administrative Seite 
der Stadt beschäftigt uns hier, sondern nur der geo- und topographische 
Ausdruck für jene Besiedelungseinheit, und wir folgen dieser nunmehr 
von dem Lande an, bis zu welchem unser Blick mit einiger Deutlichkeit 
zurückzudringen vermag, — von Ägypten. 

Die ägyptischen Städte mufsten alle ihrem grofsen Erhalter nahe 
liegen, dem Nil; denn dem Menschen gewährt nur die engste Umgebung 
des Flusses die Mittel des Lebens. Im grofsen war ja die Lage der 
Städte durch bestimmte, zumal politische Rücksichten bedingt, aber im 
engern Sinne mufste sie willkürlich sein: denn nirgends bietet die 
Natur Begrenztheiten, welche die Wahl der Niederlassung bestimmen 
konnten. Freilich drängen sich die Städte vielfach an den Fufs der 
Höhen, die beiderseits das Nilthal einschliefsen; bleiben diesem aber 
doch so nahe, dafs sie bei den Überschwemmungen, nach einem Aus- 
druck der Alten, nur wie Inseln hervorragten; sie mufsten aber höher 
angelegt sein als der durchschnittlich höchste Wasserstand bei den 
jährlichen Nilüberschwemmungen, welcher heutzutage bei Memphis um 
7 — 8, beim alten Theben um n — 12 m den niedrigsten Wasserstand 
übertrifft. So waren künstliche Erhöhungen erforderlich, auf welchen 
die Städte sich aufbauten, wie Kunstwerke auf Postamenten, gewaltige 
Aufschüttungen, deren inneres Gerüst aus einem Mauernetzwerk be- 
stand, dessen mühselige Anlage noch zu des Griechen Herodot Zeit 
(II 137), also nach Jahrtausenden in der Erinnerung fortlebte. Diesen 
Unterbau, wohl regelmafsig viereckiger Gestalt, umzogen die Ringmauern, 
die, wie es scheint, für jede ägyptische Stadt unerläfslich waren. Ver- 
anschaulicht werden uns die Städte durch Ruinen und durch Abbil- 
dungen an Monumenten, die nach grofser Treue streben, in die man 
sich aber erst hineinsehen mufs. Die Darstellungen der kriegerischen 



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Die Entwickelt! ng des Stadtbildes. 



'Hinten der Könige, zumal ans der Zeit der grofsen Raimssiden vom 
Ausgang des zweiten Jahrtausends v. Chr., zeigen in der abgekürzten 
Form, in welcher sie überhaupt sich ausdrücken, Slädtebilder, d. h. 
hohe verzierte Ummauerungen mit und ohne Türme'). Nach den 
Resten hatten die Mauern bis 20 m Starke; sie mußten das auch aus 
statischen und andern Gründen bei einem so unsoliden Material, wie 
es die sonnengetrocknelen Nilschlammziegel waren, die im Laufe der 
Jahrtausende heruntergewaschen sind und welche besonders über die 
Höhe der Mauern kaum noch ein Urteil zulassen, die doch gerade für 
den Eindruck des Bildes von wesentlicher Bedeutung ist. Doch betrug 
diese ohne Zweifel 100' und darüber, also die Höhe eines vierstöckigen 
Hauses. Auch ward zu weiterer Festigung, wie bei uns im Norden, wo 
die Bodenverhältnisse das ebenfalls nahe legen, der Wasserschutz be- 
nutzt, der Nil, Kanäle oder künstliche Wasserbecken, welche die Stadt 
teilweise umzogen. Immer waren diese Städte nicht gew orden sondern 
geschaffen; und sie waren es auch noch in einem ganz besondern 
Sinne. In höchst merkwürdiger Gleichartigkeit ist ein Zug allen Des- 
potien von Afrika und Hinterindien an bis nach Ägypten und dem 
Orient gemeinsam, dafs der Nachfolger die Residenzstätte seines Vor- 
gängers meidet. Das ist ja auch die eigentliche Bedeutung jener zahl- 
reichen und grofsartigen Marmorpalaste, die am Rande des Bosporus 
prangen, und die der Reisende erst mit Entzücken über ihre märchen- 
hafte Pracht, dann mit Empörung betrachtet: denn sie bedeuten keinen 
kleinen Faktor im finanziellen Ruin des türkischen Reiches. 

Die Staatsansprüche und sonstigen Verhältnisse des Altertums ge- 
statteten, darin sehr viel weiter zu gehen. Es ist eine gescheute Ver- 
mutung, die neuerdings verlautbart, dafs die Pyramiden felder und 
Grabstätten am linken Ufer des Nils deswegen eine so lang hinge- 
streckte Reihe bilden, weil auch der Wohnsitz der Lebenden nach dein 
Belieben der Herrscher sich dort auf und ab bewegt habe. So wenig 
haftete die Stadt an ihrem Boden, den ihr ja freilich auch 
die Natur nicht sicher umgrenzt hatte. Bei der Künstlichkeit 
der Stadtschöpfungen wird wohl auch von Alters her in Ägypten jene 
regclmäfsige Anlage gerader und rechtwinkelig sich schneidender Strafsen 
hergebracht gewesen sein, die wenigstens in einer ägyptischen Stadt- 
ruine, dem Sitze des wunderlichen Ketzerkönigs, des Sonnenverehrers 
Chuenatcn (vom XIV. Jahrhundert v. Chr.) noch recht deutlich vor 
unseren Augen liegt und die auch jetzt wieder unser Ideal geworden 
ist. Doch würde der Anblick der Strafsen den Europäer recht ent- 
täuschen: wie im heutigen Orient kehrten die Häuser der Strafse wohl 



') Das letzlere ist vielleicht fremdländisch: vgl. die von Ramscs II. erstürmte 
Chetafestung Dapur z. B. bei Ld. Meyer, Ägypt. Gesch. S. — Tuimlosc Vcsten 

bei G. Perrot, Gesch. d. Kunst des Altertums I S. 449 — 54. 



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284 



Gustav Hirschfeld: 



nur eine schweigsame, weifs getünchte oder steingrauc Mauer zu; um 
so freundlicher war das Innenbild, was ich doch im Vorbeigehen an- 
merken will : um weite Höfe Wohnräume aus Nilschlammziegeln, dunkel 
aber kühl; Baumpflanzungen und Wasserbassins um luftige Rauten in 
Holz. In heiligen Bezirken erhoben sich die gewaltigen steinernen 
Tempel, über die bunter Farbenschmuck wie eine grofse zusammen- 
hängende Decke gebreitet war; wie die Privatbauten alles weit und 
geräumig und daher ohne Zweifel ein Areal bedeckend, das nach unsern 
heutigen Begriffen im Verhältnis zur Einwohnerzahl ein ungeheures war. 
Und doch, nichts leichter als die Verwischung solcher ägyptischen 
Stadt der Lebendigen; die Wasser waschen die Anlagen von getrock- 
neten Ziegeln zu unförmlichen Klumpen, der Landmann pflügt die 
Strecken wiederum ein, ein neuer Bauherr verbraucht die Bausteine — und 
— ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Niemand würde ahnen, so sagt ein 
neuerer Besucher von der Stelle des gewaltigen Memphis, der Residenz der 
ältesten ägyptischen Grofse — Niemand würde ahnen, dafs hier eine der 
berühmtesten und volkreichsten Metropolen der alten Welt gestanden habe. 

Der äufsern Erscheinung nach anders geartet, aber in ihrem Wesen 
den ägyptischen analog sind die Stadtschöpfungen Mesopotamiens, 
jenes Landstriches zwischen Euphratnnd Tigris, der zum Trotz seiner sen- 
genden Glut viele Jahrhunderte hindurch einem überaus merkwürdigen 
Volke zum Wohnsitz und Stützpunkt gedient hat, einem Volk, das für 
unsere heutige Kultur noch einen ganz anderen Wert hat als die 
Ägypter, den Bewohnern von Babylon und Ninive. Weithin dehnt 
sich die Fläche zwischen den beiden Strömen, noch heute von ihrer 
Umklammerung el Djezire „die Insel" genannt; nach Westen jenseits 
des Euphrats setzt sie sich fort unabsehbar, wasserlos, als die nördliche 
oder syrische Wüste; den Osten jenseits des Tigris begrenzen Berge, 
die westliche Randeinfassung Persiens; aber sie ziehen in beträchtlicher 
Ferne hin und treten erst oben im Norden, gerade etwa bei Ninive, 
dem Klufsrande dauernd nahe. Im unteren Lande, dem alten Babylonien, 
begünstigt das ebene Terrain fortwährenden Austausch der beiden 
Wasser, aber auch Sumpf bildung und Stagnation; und solche Bildungen, 
welche feindselig menschliches Leben aus ihrer Nähe verbannen oder 
es doch lahm legen, sind heute die Signatur des Landes. Wohlgepflegte 
Kanäle und Dämme regelten die Wasserbewegung in jenen alten Zeiten 
wie die Adern eines lebendigen gesunden Organismus. 

Mitten hineingesetzt in die Niederung der Flüsse, ja den Flüssen 
aufgesetzt wie so viele Städte Nordeuropas sind die mesopotamischen 
Grofsstädte Babylon und Ninive; jenes, das ältere, diagonal vom 
Euphrat durchschnitten, Ninive, das nördliche, mit zwei Ecken auf 
den Tigris gestützt und von einem Nebenarme durchteilt. Und beide 
haben sich wie unsere Städte und Ebenenstädte überhaupt des Wasser- 
schutzes in ausgiebiger Weise bedient. 



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Die Entwickclung des Stadtbildes. 



285 



Kino überaus anschauliche Beschreibung vom alten Babylon hat 
Herodot in seine Geschichte eingefügt (I 178 fr.), nach eigener Anschauung 
und nach Erkundungen an Ort und Stelle über den früheren Zustand, 
welchem derjenige seiner Zeit allerdings nicht mehr entsprach. Ich 
wähle aus der Schilderung des alten Reisenden, was unserem Zwecke 
dienlich scheint und verweise zugleich auf ein Planschema, welches 

Zeitschr. d. Ges. f. Erdkunde. 1883. 



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H^r-. PyrartiltU 


















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Dorsirtpa. 




I : 250.000 

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10 



Kilometer 



man neuerdings aus Beschreibung und Resten kombiniert hat: „Die- 
selbigc Stadt ist also beschaffen: sie liegt in einer grofsen Kbene und 
ist ein Viereck, und jegliche Seite desselben beträgt 120 Stadien — 
das sind drei geographische Meilen oder 22.5 Kilometer — , das macht 
im ganzen einen Umkreis von 480 Stadien (also 12 Meilen!) . . Keine 
Stadt aber ist so prächtig gebaut, so viel wir wissen. Denn erstlich 
läuft ein Graben umher, der ist breit und tief und voll Wassers, dann 
eine Mauer, die ist fünfzig königliche Ellen breit und zweihundert Ellen 
hoch (»las sind 105 Meter,, diese Elle hat 52 i Ccntimetcr) . . . Und rings 
umher in der Mauer waren hundert Thore ganz von Erz . . . Die Stadt 



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Gustav Hirschfeld: 



aber bestellet aus zween Teilen, denn mitten durch fliefset ein Strom, Her 
da heifset Euphrates . . . Die Mauer macht nun von beiden Seiten 
einen Winkel an dem Flufs, und dann kommt eine Mauer von Back- 
steinen an beiden Ufern des Flufses entlang. Aber die Stadt selber 
besteht aus lauter Häusern von drei bis vier Stockwerken und ist durch- 
schnitten von geraden Strafsen, beide, die da längs gehen oder quer 
durch, nach dem Flufse zu. Und am Knde einer jeglichen Strafse waren 
Pforten in der Mauer an dem Flufse, soviel Strafsen, soviel Pforten. 
Auch diese waren von Erz . . . Die erste Mauer nun ist gleichsam der 
Stadt Panzer, innerhalb läuft noch eine zwote umher, die ist nicht viel 
kleiner als die erste, jedoch etwas schmaler. Und in der Mitte einer 
jeglichen Hälfte der Stadt stehet ein befestigter Bau, nämlich in der 
einen die Königsburg, die ist umgeben mit einer grofsen und starken 
Mauer, und in der andern das Heiligtum des Baal mit ehernen Thoren. 
Das war noch zu meiner Zeit zu sehen und ist ein Viereck, jegliche 
Seite zwei Stadien (1200') lang. Und in der Mitte desselbigen Heilig- 
tums war ein Turm gebaut, durch und durch von Stein, ein Stadium 
(600') lang und breit, und auf diesem Turm stand ein anderer Turm 
und auf diesem wieder ein anderer und so acht Türme, immer einer 
auf dem andern. Auswärts aber um alle die Türme herum ging eine 
Wendeltreppe hinauf . . . und in dem letzten Turm ist ein grofscr 
Tempel des Baal". Solcher Gestalt also war das Urbild jenes Turmes 
von Babel, von welchem es im 11. Kapitel der Genesis heifst: „Lasset 
uns einen Turm bauen, defs Spitze bis an den Himmel reiche, dafs 
wir uns einen Namen machen." — Im übrigen haben die Forschungen 
der letzten 3—4 Jahrzehnte die Angaben des alten Herodot teils be- 
stätigt, teils ergänzt. 

Wir wissen jetzt, dafs die Bauanlagen der Mesopotamier genau 
nach den Himmelsrichtungen orientiert waren. Fast regelmäfsigen 
rechteckigen Umrifs zeigt jener wunderbare Grundrifs, welchen eine 
neuerdings im Babylonischen gefundene Statue auf ihren Knieen vor 
sich hält mit Mafsstab und Zeichenstift, der älteste Plan der Welt, 
denn diese Statue, die in das Pariser Museum gekommen ist, wird 
über das zweite Jahrtausend v. Chr. hinaufdatiert (s. Fig. 2). Türme 
und umständliche Thoranlagen sind deutlich bezeichnet. Ganz ähnlich 
ist auf einem sehr viel späteren Relief — aus der Zeit Assurbanipals 
im VII. Jahrhundert v. Chr. — eine Veste dargestellt, Madaktu in 
Susiana, östlich von Babylonicn (Perrot, bist, de l'art II S. 344 n. 157), 
die sehr charakteristisch in einem Winkel zwischen zwei Flüssen liegt, 
auch innen regelmäfsig angeordnet erscheint und draufsen von einer 
grofsen Zahl von Landhäusern unter Palmen umgeben ist. Andere 
Bilder zeigen einen kreisförmigen oder elliptischen Umrifs (Perrot a. a. O. 
II S. 312. 624. 343). Auf künstlich hergestellten Terrassen, die noch 
jetzt 40, ja 60— 70 m hoch sind, erhoben sich Paläste wie Tempel; 



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Die Entwickching des Stadtbildes. 2$7 

wohl konnten diese mit ihrer Ummaucrung clic (lesamthöhe von 
200 Kön. Ellen = 105 m erreichen, d. h. eine Höhe wie die Spitze von 
S. Paul in London oder der Dom zu Mailand. Den Stadtmauern giebt 

.Aoltoster Stadtplan. 
C HALDAEA. 




Fig. t. 



Herodot sie gewifs irrtümlich, denn die eigentliche Stadt lag einfach 
in der Ebene. Die Abbildungen von Festungen auf den assyrischen 
Reliefs, wie sie besonders in den Museen von London und Paris auf- 
bewahrt werden, zeigen sehr hohe Mauern, die auf einem festen Stein- 
sockel aufsitzen; sie sind mit überragenden Türmen bewehrt und mit 
Zinnen abgeschlossen; nicht völlig aus Erz bestanden die Thore, aber 
reich waren sie mit dem Metall beschlagen; ins Brit. Mus. ist neuer- 
dings ein grofsartiger Rest der Art gelangt, Bronzeblech, das ganz mit 
den Kriegsthaten Salmanassars II bedeckt ist, der ums Jahr 860 v. Chr. 
regierte. Die Seitenwände der gewölbten Stadtthore wurden durch 
gewaltige steinerne Stiere mit Menschenköpfen oder durch Löwen ge- 
bildet. Farbig waren die Mauerflächen, zumal die Zinnen der mehr- 
fachen konzentrischen Mauerringe, die über und hinter einander empor- 
ragend in verschiedenen Farben von bestimmter symbolischer Be- 
deutung strahlten (vgl. Herodot über Egbatana I 08). Sie mögen in 
der uralt orientalischen Kunst hergestellt gewesen sein, in farbig 
glasierten, also emaillierten Ziegeln, — und höchst kunstvolle Figuren, 
menschliche und tierische in gleicher Technik, waren in bevorzugte 
Mauerstücke eingefügt (s. Genesis XXIII 14. 15). Die Buntheit der 
Stadterscheinung, wie sie Ägypten und Mesopotamien bieten, ist aller- 
dings anzusehen als etwas, was das strahlende Sonnenlicht jener 
Regionen gleichsam naturnotwendig fordert. 



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288 



Gustav Hirschfeld: 



Es mufs ein überwältigendes Bild gewesen sein, wenn schon aus 
weitester Ferne der Blick jene himmelragenden Mauern und Türme 
aufsteigen sah in ihrer farbigen Bracht, darin und darüber die hoch 
emporgehobenen Baiäste und alles überragend die terrassenförmig 
emporwachsenden Tempel der Götter. Wie diese dem Verf. der 
Genesis das Bild des Turmes von Babel eingegeben haben, so hat 
überhaupt keine Stadt der Welt die Phantasie aller späteren Ge- 
schlechter so beschäftigt, wie Babylon. Und wenn unsere Märchen 
erzählen von himmelhoch ummauerten Schlössern, deren Thore be- 
wacht weiden von verzauberten Tieren und Ungeheuern, die im ent- 
scheidenden Augenblick erwachen, so möchten wir glauben, dafs wir 
noch den Nachklang hören von den Wundern der Weltstädte Mesopo- 
tamiens. 

Vielleicht nicht ganz so stark wie im ältesten Ägypten haben 
aber auch diese prunkenden Städte noch etwas unstätes, 
w e n n m an will nomadisierendes: noch legt beinahe jeder Herrscher 
sich einen neuen Palast an und zieht, wie wir [aus den Resten von 
Dar-Sarukin = Khorsabad] deutlich sehen, wenigstens einen Teil der 
Bewohner mit sich; vielleicht mag auch aus diesem Grunde Babylon 
allmählich zu jener ungeheuren Ausdehnung angewachsen sein, von 
welcher selbst das heutige London nur % (316 : 506 qkm), Berlin gar 
V„ (61) beträgt. Und auch in diesen Städten ist es eine Folge der 
plötzlichen Schöpfung, wenn die innere Anordnung der Strafsen völlig 
regelmäfsig und gradlinig ist. 

Im allgemeinen sind zwar in diesen Regionen durch die uralten 
und noch heute gültigen Fand- und Verkehrsverhältnisse die Plätze 
der Städte gegeben; zum besten Beweise diene, dafs noch heute nahe 
bei Ninive die bedeutendere Stadt Mossul, nordöstlich von Babylon 
gar Bagdad als Ersatz eingetreten ist; (vgl. auch Kohl, Ansiedlung und 
Verkehr S. 597 fr.). Aber dafs die Natur nichts gethan hat, um die 
Städte an eine bestimmte Stelle, ich möchte sagen, festzunageln, 
geht doch eben auch daraus hervor. 

Ks hat einen tieferen Sinn, wenn Aristoteles wie mit einem über- 
legenen Lächeln beispielsweise anführt, die Ummaucrung mache doch 
nicht eine Stadt, Babylon umgrenze doch vielmehr ein ganzes Volk 
(Politik III3P. 1276a 20 f\\); und zur gelegentlichen Aufnahme aller in 
bedrängten Zeiten waren die orientalischen Grofsstädtc allerdings mit 
bestimmt. Aber wie schon angedeutet, eine nicht geringe Schuld an 
diesen gewaltigen und doch willkürlichen Konglomeraten trägt die Ge- 
staltung des Bodens, auf welchem sie stehen. F>s will nichts 
bedeuten, dafs es besonders nach Ausweis der Reliefs im oberen, 
nördlichen Berglande Vesten gab, deren Platz der Forderung einer 
natürlichen Begrenztheit entspricht: denn für das Leben des Volkes 
sind sie neben jenen Grofsstädten völlig bedeutungslos gewiesen. 



Die Kntwickelung des Stadtbildes. 



289 



Wir lassen nunmehr jene ungeheueren blendenden Bilder hinter 
uns versinken; und wenn auch eine Wanderung nach Osten und Norden 
anziehend und lehrreich sein könnte, wo wir in Persien und Medien 
einen engen Anschlufs an das mesopotamische Stadtbild 1 ), in Hoch- 
armenien aber neue durch den Kinflufs des rauheren Klimas hervor- 
gerufene Einzelformen kennen lernen würden-'), so verzichten wir hier 
darauf und schlagen den Weg nach Westen ein, weil dieser es ist, 
der uns im weiteren Verlauf zu den uns wichtigsten Kulturen führen 
wird. Wir überspringen die Wüste, lassen das binnenländische späte 
Stadtbild Palmyra und gehen gleich nach Syrien. 

Hier ist es, wo die Städte lagen, von denen es in der Schrift 
heifst, dafs sie bis an den Himmel vermauert seien (V. Mos. I i, 28; 
9, 1); aber hier ist es zugleich, wo ihnen auch die Natu rge geben - 
heiten in bestimmter und bestimmender Weise entgegen 
kommen. Man werfe nur einen Blick auf die Inselveste Kadesch 
(G. Perrot, hist. de l'art IV 
S. 505), auf die Städtepläne 
in Baedeker's Syrien und 
Palästina, auf Hebron, auf 
Petra, das biblische Sela, 
auf die Makkabäerveste 
Masada, auf Amman und 
Sichern, und vor allem auf 
Jerusalem (s. Fig. 3), das 
auf dem Bergfufs zwischen 
den eingerissenen Thälern 
Ben Hinnom und Kedron 
in natürlicher Isolierung 
und Begrenztheit sich auf- 
baut; — und aufeinen Schlag 
wird man erfassen, dafs wir 
uns in einer neuen Städte- 
welt befinden. Ein guter 
T e i 1 des notwendigen 
Schutzes wird jetzt von 
der Natu r ü b e r n o m m e n. 
Das Stadtbild wird allerdings weniger einheitlich, im Kontur sowie 
im Grundrifs: im Kontur, weil die Umfestigung nun den Bewegtheiten 
der Natur aufs engste zu folgen hat; im Grundrifs, weil der von vorn- 



> ) Perscpolis s. Perrot, liistoirc de l'art V 441 und Ritter VIII 889; Egbalana 
Ritter IX 98, Herod. I 98. 

*) S. G. Hirschfeld : Paphlagotmche Felsengräber S. 36 u. 49 (Abhandlungen 
d. Berl. Akad. 1885). 




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2510 



Gustav Hirsch leid: 



herein sich darbietende oder auch erkorene Platz erst allmählich sieb 
füllt, und die nach dem Belieben der Ansiedler zerstreuten Wohnungen 
erst allmählich zusammenwachsen, verschroben und verschoben, bunt 
und malerisch, aber nach der ausdrücklichen Meinung der Alten viel 
besser gegen den eindringenden Feind zu verteidigen, als gerade ab- 
gezirkelte Strafsen; kurz, das Bild, wie es jeder aus den meisten 
heutigen Plänen von Städten ablesen kann, wo der allmählich ge- 
wordene Kern der Stadt durch die krumme, schiefe Führung seiner 
(lassen leicht sich absondert von dem neueren Mantel, in welchem 
Haulinien und Slrafsenfluchten von vornherein vorgeschrieben und 
gradlinig gezogen sind. 

Dieses Stadtbild entspricht einem Zustande, in welchem das Schutz- 
bedürfnis alles ist. Aber auch für die weitere Entwickelung, in welcher 
neben dieses Bedürfnis die Forderung des Verkehrs tritt und zwar des 
Seeverkehrs, bietet Syrien die ältesten und sehr eindrucksvolle Bei- 
spiele. 

Wenn es irgendwo klar ist, dafs der Mensch mehr ist, als ein 
Krdenklofs, den die Naturbedingungen sich einander zuwerfen, bis sie 
ihn in eine gewisse Form gebracht haben, so ist das an der Syrischen 
Küste, im alten Phonizien der Fall. Freilich drängt gleichsam die 
felsige Gestaltung der Küste die Bewohner aufs Meer; aber bis auf 




Fig. 4. 

zwei Stellen, etwa bei Sidon und Tyrus, hat diese Küste nichts gethan, 
um ihre Besicdeler zu Seefahrern zu erziehen; auch wenn in An- 
schlag gebracht wird, dafs die Ansprüche der ältesten SegelschifT- 



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Die Kntwickelung des Stadtbildes. 



291 



fahrt an Strand und Schutz kaum erheblich gröfser waren, als die der 
heutigen Schiflferbote. Nichtsdestoweniger sind ja die Phönizier kühne 
Seefahrer geworden ; — während sie sich an einzelnen Stellen wie bei 
Tarabulus (Tripolis) und Berut mit wenig eingezogenen Küstenlinien 
begnügen mufsten, haben sie mit sicherer Hand bei Akka eine schützend 
vorlaufende Felsenzunge, bei Sidon und Tyros landnahe Meeresfelsen 
ergriffen, welche Schutz gegen Feinde wie gesicherten Verkehr in 
gleicher Weise erleichterten. Hinausgefahren ins Mittelländische Meer 
sind sie diesem letzteren, dem insularen Besiedelungstypus gefolgt, wo 
es nur anging, an den Küsten Kleinasiens und Griechenlands, haben 
hafenbildende und -schützende Vorgebirge besetzt wie bei Cadix und 
Cartagena, und haben z. B. bei Karthago schon das Muster der den 
Griechen später so besonders erwünschten Lage aufgestellt, wo ein 
Vorgebirge zwei Häfen bildet, einen zu jeder Seite (s. Fig. 4), die 
also mit jedem Winde einzulaufen gestatten, ein Vorteil, der bei der 
Segelschifffahrt allerdings unschätzbar ist. 

Blicken wir um uns im Gebiet des Mittelmeerbeckens, so sehen 
wir noch heute die Stellen phönizischer Ansiedelungen festgehalten, 
teilweise, auch bei den geänderten Welt- lind Verkehrs- 
strafsen, in unzerstörbarer Lebenskraft ansehnlich und 
blühend. Das eben ist der fundamentale Unterschied dieser 
gewordenen Städte von den geschaffenen und willkürlichen 
Ägyptens und Babylons, dafs sie dem Boden entwachsen, 
auch lief in ihm Wurzel gefafst haben und nun nicht mehr 
vergehen können, falls nicht alle jene Bedingungen aufhören, 
die sie einst ins Dasein gerufen. Das Kunstprodukt, einmal 
zerschlagen, kann keine Hand wieder herstellen; das natür- 
liche Gewächs aber treibt aus dem ihm zukömmlichen Boden 
immer zu neuem Wachstum empor. 

Das natürlich geschlossene Stadtbild, wie es uns hier zum ersten 
Mal entgegentritt, ist aber auch in politischer Hinsicht von Bedeutung: 
es erzeugt in den Bewohnern das Gefühl einer engeren Zusammen- 
gehörigkeit und leicht wächst sich so die Stadt aus zu einem kleinen 
Staate, der ein energisches Sonderleben führt; ist das schon in 
Phönizien der Fall, so wird es in Griechenland zur Regel, wo der 
Begriff von Stadt und Staat in einem einzigen Worte. 7i6h>; beschlossen 
liegt. Das hat Aristoteles im Auge, wenn er der ungeheuren Um- 
hegung Babylon den Namen einer Stadt abspricht; es ist überhaupt 
bemerkenswert, wenn man die Gleichgültigkeit der neueren sieht, wie 
viel und wie tief den alten Philosophen die Frage der Stadtlage und 
der Stadtbildung beschäftigt hat; aber doch immer so, dafs örtliche 
und politische Einheit in einander fliefsen. Diesem Thema hat er in 
seiner Politik mehrere Kapitel gewidmet. Die Stadt soll übersichtlich, 
daher nur mittelgrofs sein, eine gesunde Lage und gutes Wasser haben, 



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202 



Gustav Hirsch fehl: 



in richtigem Verhältnis zum Meere und zum offenen Lande sirh be- 
finden, endlich geschickt liegen für Verwaltungszwecke wie für aggres- 
sive und defensive Unternehmungen. Dies alles tritt nun zwar im 
Gewände theoretischer Forderungen auf, kann ja aber gar nicht anders, 
als wirklichen Zügen aus der Erfahrung des Philosophen entsprechen. 

Und in der That, manche ihrer Hervorbringungen hat die Natur 
anderen Landstücken freigebiger verliehen als dem Lande der Griechen, 
aber in einem hat sie es aufs Reichste ausgestattet, i 11 den Gelegen- 
heiten zur Zusammensiedelung von Menschen, zur Anlage von Städten, 
wie sie dem Kulturzustandc jener Zeiten und Geschlechter am an- 
gemessensten waren. Richtig bringt freilich der Geograph Strabo einen 
rein persönlichen Zug hinein, jenen inkommensurabeln Zug eigener 
Begabung, wenn er sagt, dafs die Griechen in Städteanlagen eine ganz 
besonders glückliche Hand gehabt hätten, was ja auch Geltung bat, 
wenn man nicht vergifst, dafs eine glückliche Lage etwas verhältnis- 
mäfsiges ist. 

Und in schöner Klarheit liegt auch auf diesem Gebiete die Stufen- 
folge der griechischen F.ntwickelung uns vor Augen. Es ist, als wenn 
unter jenem Himmel nichts Unklares oder Verschwommenes gelitten 
würde. Drei Epochen vermögen wir zu scheiden, die geschichtlich 
einander ablösen, besser wohl noch im Kreislauf sich bewegen, so dafs 



L: 10000 




Fig. 5- 

auf die dritte wieder die erste folgt, und deren Symptome teilweise 
auch von den Alten selber, ja schon in den homerischen Gedichten richtig 



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Die Entwicklung des Stadtbildes. 



293 



charakterisiert werden 1 ). Jenen Epochen entspricht das Hervortreten 
ebenso vieler Hauptforderungen, deren erste lautet, die Stadt solle so 
fest sein wie möglich, die zweite: so verkehrstüchtig wie möglich, und 
die letzte, sie solle so bequem sein wie möglich. Alle begleitet aber 
mit abnehmender Stärke die Voraussetzung, dafs die Natur den Stadt- 
platz selber schon bestimmt determiniert, umrissen habe. 

Wie sind diese Aufgaben topographisch gelöst worden? und wie 
stellt das Stadtbild dieser drei Epochen sich dar? 

Die Stadt soll fest sein — sie flieht daher zuerst die Nähe des 
von feindseligen Völkern befahrenen Meeres und trägt einen binnen- 
ländischen Charakter. Und nun will ich zu schildern versuchen, wie 
dieser Typus augenfällig sich darstellt: in das tief eingerissene Bett 
eines Bergstromes mündet mit starkem Gefäll ein Seitcnrifs (so Eira 
Fig. 5) oder zwei Wassercinschnittc treffen sich oder fliefsen kon- 
vergierend oder divergierend (vgl. auch Fig. 7) oder einer schlägt 
einen Bogen (so Orchomenos Fig. 6); aus 
dem Winkel, den sie bilden, hebt sich mit 
schneller Steigung ein Felsfufs grauen Kalk- 
steins und geröllbedeckt, mit spärlichen Fleck- 
chen dunkelgrünen, lebenszähen Strauch- 
werks, im schimmernden Sonnenlicht heifs 
und mühsam anzuschauen, aber wundervoll 
durch die Bestimmtheit, mit welcher auf dem 



ORCHOMENOS 

1:5000. 




dunkelblauen Grunde der Luft seine Umrisse nach Leake 

CS iL 

sich zeichnen, die durch ihren stark be- B * ' 

wegten aber festen Zug das Auge zugleich anziehen und befriedigen. 
Ein schmaler Pfad, aus dem die menschliche Hand einstmals die 
hinderlichsten Blöcke entfernt, und den der menschliche Fufs dann 
in Jahrhunderten dem Boden leicht eingetreten hat, geht wie ein 
leichterer gewundener Faden an der Erhebung empor. Erst all- 
mählich sondert das Auge vom natürlichen Felsen die künstliche Auf- 
mauerung, welche dem Körper des Felsens selber entnommen, seine 
Höhe krönt und abschliefst. Zinnen krönen die Mauer und Türme 
überragen sie, die im ursprünglichen Zustande 30' an Höhe gehabt 
haben mag, auch mehr nicht bedurft hat; denn sie ist nur Verstärkung 
der natürlichen Feste, gehorsam folgt sie jeder Caprice des Hügels 
und zieht alle seine natürlichen Vorteile in ihren Gang. Da kann 
von regelmäfsiger Form keine Rede sein, es ist der verwirklichte 
Grundrifs der Natur. 

Uber die Mauer hinaus blickt die Burghöhe, sei es dafs sie isoliert 
ist oder nur ein höherer Teil des Stadthiigels besonders abgemauert 



') Hierüber habe ich gehandelt in den Ernst Curlius gewidmeten histor. u. 
nhilol. Aufsätzen. Berlin i884- s - 353 ff 



Gustav Hirsch feld: 



ward ; auf ihr die Tempel der stadthütenden Götter. Eng ist das 
Thor, wie es unsicheren Zeiten zukommt, und aus besonders grofsen 
Blöcken gesetzt. Drinnen ist ein Gewirr von Gassen, schwer zum 
durchfinden, hätte man nicht an der Burg stets einen Leitpunkt, oder 
an Tempeln, welche ideale Mittelpunkte ganzer Quartiere bilden und 
das übrige weit überragen. Denn einfach sind die Häuser der Menschen, 
die Fundamente hier und da dem Felsen eingearbeitet, sonst leicht 
aufgebaut im Charakter eines Volkes, das nur den öffentlichen und 
heiligen Bauten Dauer zu verleihen beflissen ist. Oft hält man es nicht 
für möglich, nach dem Aussehen des Bodens, dafs überhaupt da Wohn- 
häuser gestanden; und doch sehen wir noch an einer Stätte, wie der 
Akropolis von Athen, wie sorglos die Hellenen in der Zubereitung des 
Grundes waren, wenn solche nicht absolut nötig schien. So sehr waren sie 
an diesen Naturanblick gewöhnt. Wer in uralter Zeit aus den Königstädten 
des Ostens, aus Babylon oder Theben kam, den mufste freilich die Enge 
und die sinnfällige Dürftigkeit unerträglich dünken; so mag uns etwa 
zu mute sein, wenn wir gewisse Dörfer der sogenannten Wilden be- 
treten. Nur eines erschien auffallend und ganz unorientalisch, der freie 
Platz, der Markt im antiken Sinne, die Agora, der für die Zusammen- 
künfte der Bürger bestimmt war, das topographische Symptom, 
um mich so auszudrücken, des politischen Lebens, an dem alle früh 
teilzunehmen begannen. Das ist das Stadtbild, welches Griechenland 
bietet; aber zugleich im Westen das Stadtbild Mittelitaliens, — nur 
dafs hier Ablaufskegel, Spitzen bevorzugt werden — , und im Osten 
das Stadtbild jenes merkwürdigen Landes im südwestlichen Klein- 
asiens, des alten Lykien, welches auch die Sage in uralte Beziehungen 
zu Griechenland bringt 1 ). 

Merkwürdig ist es, dafs dieser Besiedelungsart, wie wir jetzt sehen, 
doch noch eine andere voranging : Tiryns in Griechenland, Ilion drüben 
in Kleinasicn, beide durch Schliemann uns nahe gerückt, sind doch 
mehr Stadtplätze im orientalischen Sinne: niedrige Hügel in ebener 
Umgebung mit gewaltigen Mauern bewehrt, welche bei Tiryns aller- 
dings auch in ihrer Anlage orientalisch-phönizischen Bauten völlig ent- 
sprechen. Hier scheint also bereits die allgemeine Situation eine ge- 
schichtliche Lehre zu enthalten. 

Doch das eigentlich griechische Stadtbild setzte mit jenen Felsen- 
zungen ein, die in grofser Mannigfaltigkeit und Abstufung vom Rauhen 
bis zum Zahmen unermüdlich sich wiederholen; auch Städte wie 
Korinth (s. Fig. 7), Athen, Sparta sind auf diesen Typus zurückzuführen. 

Lange haben die Griechen so in ländlicher Stille dahingelebt und, 
um mit den Worten eines Alten zu reden, nicht gemerkt, dafs sie dem 
Meere so nahe wohnten Um so besser merkten es die Phoenizier, 



) S. ausführlicheres hierüber in den Curliusaufsätzen a. a. O. 



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Die Entwickelung des Stadtbildes. 



295 



die ihre Kaps und Felseninseln mit ihren Faktoreien besetzt hielten 
und ihnen mit ihren Waren doch auch zugleich die ungeheueren Er- 
rungenschaften der Schrift, der Mafse und Gewichte brachten. Die 
Phönizier wird der Verkehr kaum anders angemutet haben, als uns 
derjenige mit den Küstenvölkern Afrikas. Für die richtige Würdigung 
solcher Verhältnisse ist es wichtig, sich von dem überwältigenden Bilde 
des späteren Griechenland frei zu machen und das Land einmal vom 
Standpunkt der früheren Kulturvölker als einen weit entlegenen Aufsen- 
posten zu betrachten. 

Endlich — es mag um die Wende des I. Jahrtausends v. Chr. ge- 
wesen sein — werden die Griechen aufmerksam aufs Meer; oder Ein- 
wanderungen von Norden her drängten einen Teil der Bewohner 
direkt oder indirekt hinaus; und nun finden sie drüben in Kleinasien 
hochgebaute Vorgebirge, wohlgelegene Isthmen und sichere Buchten, 
auf die sie in Schwärmen einfallen und die sie festhalten. Die Be- 
rührung mit dem Meere hat von jeher etwas Erweckendes; — noch 
heute ist z. B. der Türke der kleinasiatischen Nordküste, den die steilen 
und schwierigen Randgebirge gebieterisch aufs Meer weisen, im Wesen, 
ja im Aussehen anders geartet als seine Stammesbrüder. 

So entsteht der zweite Typus der Stadt, der Stadt, die dem 
Verkehr den möglichsten Vorschub leisten soll und welche nun die 
Form aller griechischen Kolonien wird in Unteritalien und Sizilien 
wie in Kleinasien und an den Küsten des Schwarzen Meeres. 

Aber so sicher ist die See, so sicher sind die Verhältnisse über- 
haupt nicht, dafs nicht auch jetzt noch feindliche Überfälle zu be- 
fürchten wären. Auch dem Schutzbedürfnis dieser Epoche kommt die 
Natur entgegen: fast überall treten die Berge vor bis ans Meer und 
geben ihm so seinen festen und unverrückbaren Rand. Indem sie 
ihren Fufs bald weit hinaussetzen in die Fluten, die ihn dann wohl 
gar vom Festlande ablösen, bald wie mit Armen das Meer zu um- 
fangen scheinen, schafTcn sie in Vorgebirgen, Isthmen, Felseninscln 
und tiefen sicheren Buchten ebenso viele Naturgegebenheiten , welche, 
wie die phönizischen, der Forderung der Festigkeit wie des bequemen 
Verkehrs in gleicher Weise entsprechen. Vor allem beliebt ist das 
dem Festland isthmisch angesetzte Kap, das jederseits einen Hafen 
bildet und schirmt 1 ). 



') Wir kennen heutzutage noch einen anderen Typus einer Seestadt, welche nicht 
am Meere liegt: Hamburg, Bremen und viele andere. Bei dem Mangel grofscr Ströme 
begegnet dieser Typus in Griechenland gar nicht, in Kleinasien sehr sehen. Doch 
gebort Rom dahin, und der Vorteil, welcher Sicherheil und bequemen Verkehr in 
gleicher Webe verbürgt, ist es, welchen Camillus in seiner grofeen Rede ausführt, 
da er die Römer abhalten wollte, im Jahre 387 v Chr. in das eroberte Veji zu 
liehen (Liv. V 54) 

Zetuchr. «1. Gcscllsch. f. Erdk. lld XXV. 21 



296 



Gustav Hirschfeld: 



Der ersten Periode gegenüber ist die Besiedelung augenfälliger 
geworden: weithin sichtbar, mehr oder weniger isoliert, steigen die 
Städte aus den Menreswogen auf. So unzweifelhaft ist das spätere 
Gepräge dieser Lage, dafs sie allein schon, wo sie sich zeigt, eine 
spätere Zuwanderung der Griechen erweist und damit historische 
Fragen von grofser Tragweite m. E. zur letzten Entscheidung bringt: 
es ist z. B. dieser Erscheinung gegenüber die Ansicht ganz unhaltbar, 
als hätten Griechen von Anbeginn die Küsten Kleinasiens bewohnt; 
dann müfsten ihre Ansiedelungen den Charakter der ersten Epoche 
tragen. 

Die erste Epoche erscheint jetzt so überwunden, die verkehrs- 
tüchtige Stadt ist eine so dringende Forderung der Zeit geworden, 
dafs die Städte des Mutterlandes, wofern sie nicht zurückbleiben und 



Städte nicht mehr allmählich gewordene, sondern zu einem an- 
sehnlichen Teil geschaffene waren, d. h. für eine gröfsere Aus- 
wandererschaar auf einmal angelegt wurden, so ist es möglich, 
dafs hier auch zuerst die innere Anordnung eine regelmäfsigere war. 
Indessen wird das durch den teilweis blofsgelegten Plan der ägyptischen 




K 0 R I N T H , 



ihre Stelle ändern wollen, 
sich mit dem Meeresrande 
in umständlichster Weise 
verbinden müssen: so, 
gleichsam als Kompromisse, 
sind die langen Mauern zu 
verstehen, die Korinth (s. 
Fig. 7), Athen, Mcgara an 
ihre Häfen ketteten. 



Fig. 7. 



Der Aufbau der Städte 
war von dem der älteren 
kaum wesenlich verschie- 
den : es ist immer den 
Griechen eigen und ein 
wesentlicher Teil ihrer 
Stärke geblieben, dafs sie 
die Naturgegebenheiten 
nicht durch Gewalt, sondern 
durch Anschmiegen sich 
dienstbar gemacht haben, 
und in den natürlichen 
Rahmen sich gefügt haben, 
wie in einen freiwillig ge- 
wählten. Auf und ab folgen 
die Mauern den Capricen 
der Felsschroffen. Da diese 



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Die Enlwickelung des Stadtbildes. 



297 



Griechenstadt Naukratis, die sogar erst dem VII. Jahrhundert v. Chr. 
angehört, kaum bestätigt (s. Naukratis II Taf. IV). Mehr als zwei Jahr- 
hunderte später, im Zeitalter des Perikles haben Griechen sich durch- 
gerungen zu dem, womit man im Orient begann, zur Anlage der Städte 
aus einem Gusse; aber wie alles, was ihnen von fernherzukam, unter 
der Berührung ihrer Hand gleichsam zu Golde wurde, so wird nun- 




mehr die Stadt nicht blofs regelmäfsig gezogen, sondern durch sinn- 
volle Verteilung und wohlbercchnetcs Verhältnis ihrer einzelnen heiligen, 
öffentlichen und privaten Bestandteile zu einem einheitlichen Kunst- 

21* 



298 



Gustav Hirschfeld: 



werk gestaltet. Das war doch etwas ganz anderes, etwas ungleich 
Höheres, als der Orient je gewollt oder gedacht hatte. Erst die 
Renaissance ist wieder darauf zurückgekommen, die ganze Stadt als 
eine monumentale Einheit zu behandeln 1 ); und unser Bestreben regel- 
mäfsiger Strafsengestaltung erscheint wie ein durch die Verhältnisse 
stark beschränkter und gesunkener Rest jenes Ideals der Antike und 
der Renaissance. 

Es sei gestattet, hier eine Stadt kurz zu skizzieren, deren vor 
Augen liegende Gestaltung zwar in eine etwas spätere Zeit fällt, die 
aber doch als ausgezeichnetes Beispiel sowohl für Verkehrstüchtigkeit 
wie für kunstgemäfse Anlage gelten kann: das ist die Stadt Knidos 
an der Südwestecke der Küste Kleinasiens (Fig. 8. Newton discoveries 
tab. L Travels II 257 fr.). 

Dem vortretenden felsigen Gestade fügt sich mit ganz schmalem 
niedrigen Isthmus ein langgezogenes Kap fast inselgleich an, das nach 
dem Meere steil und schroff abfällt, nach dem Isthmus gelinder nieder 
geht und mit dem ansteigenden Festlande drüben gleichsam zwei 
Seiten eines gewaltigen Naturtheaters bildet, welche zwischen sich die 
beiden Häfen halten, die noch künstlich mehr gesichert und durch 
einen Kanal im Isthmus verbunden sind. Terrassen, die die Uneben- 
heit des steinigen Bodens nicht aufheben, sondern kunstvoll accen- 
tuieren, ziehen in der Längsrichtung der Stadt vom Meere empor. 
Gleich unten über dem Wasser tragen sie kleine Theater und einen 
Tempel; dann klimmen die parallelen Querstrafsen, welche die Längs- 
strafsen rechtwinklig durchschneiden, allmählich empor; in reichem 
Wechsel bauen sich Tempel, öffentliche und Privatbauten zwischen 
ihnen auf. Alle überragt unterhalb des Bergkammes das grofse, dem 
natürlichen Felsen abgewonnene Theater. Hier hatten die Bürger die 
ganze Pracht ihrer Stadt und ihrer Häfen wie ein herrlich ausgebreitetes 
Bild zu ihren Füfsen; zu ihren Häupten konnte ihr Blick dem Zuge 
der starken Mauern folgen bis zum höchsten Punkt, wo die Burg stolz 
und fest sich aufbaute. Man wird gestehen, solch ein Anblick war 
schon dazu angethan, jenen Lokalpatriotismus zu wecken und zu er- 
halten, der kaum irgendwo reicher und opferfreudiger sich bethätigt 
hat, als gerade in diesen kleinasiatischen Städten. Es trifft ja auch 
heute noch zu, dafs Blüte der Stadt und Gemeinsinn der Bürger immer 
gegenseitig einander halten und steigern. 

Die kunstmäfsige geregelte Bauweise der Städte gewann im Alter- 
tum um so mehr an Bedeutung, als gerade die neue Anlage von Städten 



*) Burckhardt, Gesch. d. Ren. in Ital." S. 4 10 ff. G. Dehio, Repertorium für 
Kunstwissensch. 1880 III S. 241. Die Bauprojekte Nicolaus V und L. B. Alberti. 
— Für das Altertum vgl. des Verf. „Piraeusstadt" in den Ber. d. Sachs. Ges. d. 
Wissensch. 1 8/8* 



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Die Entwickelang des Stadtbildes. 



299 



Burg ron 
Apamea 



Burg von 
Ktlaenae 



M«ter 
/ZOO 




Abhandlungen der K. Akademie. 1875. 



Fig. 9. 



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300 



Gustav Hirschfeld: 



im Anschlufs an die Züge Alexanders d. Gr. und an die Herrschaft 
seiner Nachfolger zu einer unerwartet häufigen Aufgabe wurde. Was 
man in dieser übermächtigen Zeit zu losen sich getraute, geht aus dem 
Plane hervor, den der Architekt Dcinokrates dem grofsen Könige vorgelegt 
haben soll, nämlich den ganzen Berg Athos in die Gestalt Alexanders um- 
zubilden und ihr in die eine Hand eine Stadt zu geben, in die andere 
eine Schale, aus der sich die Gewässer des Athos in das Meer ergössen. 
Sonst ist im Gegenteil die Devise bei der Platzwahl dieser letzten 
Epoche die Bequemlichkeit. Aber vielleicht thut man Unrecht, da 
so schlechthin von einer „Wahl" zu sprechen: ungezählte Orte, die es 
bei den Anforderungen der früheren Epochen nicht zu einer Stadt zu 
bringen vermochten, sind eben im III. und II. Jahrhundert v. Chr. ein- 
fach zu Städten eingerichtet worden, da ja nun bei veränderten Zeit- 
läuften ein linder Abhang im Binnenlande, ein kleiner Hügel am Meere 
für eine Stadtlage vollkommen ausreichend erschien, d. h. sie wuchsen 
mit Leichtigkeit hinein in die neue geänderte Stadtrolle. 

Als lehrreiches Beispiel einer solchen Diadochenstadt im Binnen- 
lande sei hier ein vom Verf. im Jahre 1874 aufgenommener Plan der 
phrygischen Stadt Apamea gegeben (Fig. 9): auf dem hohen Hügel 
thronte die ältere Niederlassung Kelaenae, die jüngere Stadt, von 
Antiochos Soter angelegt und nach seiner Mutter Apama benannt, 
stieg aus der unbequemen Lage herab, benützte einen mäfsigen Hügel 
als Burg (s. besonders den Durchschnitt) und breitete sich darunter in 
der Ebene aus, von wasserreichen Flufsläufen durchfurcht, eine Er- 
scheinung, welche für Babylon bezeugt ist , die ja auch im früheren 
griechischen Altertum nicht völlig fehlt, aber wegen der damit gelegent- 
lich verbundenen Gefahren damals nicht beliebt war. 

Für die Kultur liegt ja hierin, wie in der grölseren Bequemlichkeit 
überhaupt ein Fortschritt ausgesprochen, weil es die erhöhte Sicherheit 
der Existenz erweist, aber die enge Verbindung von Natur und Stadt 
erscheint wiederum gelöst, und wiederum müssen künstliche Mittel ein- 
treten für Befestigung und Anlage, wo die Natur versagt, wie einst bei 
jenen wurzellosen Städten im Orient; so berühren sich immer Anfang 
und Ende der EntWickelungen. Und wie jene Städte, so sind auch 
diese letzten griechischen zum gröfscren Teil klanglos versunken. Wir 
haben es schon einmal bemerkt, nur die im Boden gleichsam ver- 
ankerten, mit dem Boden und aus dem Boden erwachsenen, 
haben Anwartschaft auf dauernden Bestand. Dies ist nicht so 
zu verstehen, als ob sie nun ununterbrochen dasselbige Leben führten: 
es giebt Zeiten, in denen auch solche natürlichen Städte veröden und 
die Alten haben daher selber vom Sterben der Städte gesprochen (Luc. 
Charon 23. Cic. ad Fam. IV 5, 4), was sie freilich nicht gethan hätten, 
wenn sie ihnen nicht als lebende Wesen erschienen wären, wie sie in 
Wahrheit sind. Wir sehen jetzt, dafs das nur ein Scheintod war, und 



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Die Entwickelung des Stadtbildes. 



301 



können hier vielmehr wieder von Unsterblichkeit naturgewordener 
Städte sprechen. Es findet freilich der Verfall der antiken Welt, das 
Eindringen feindlicher Mächte gerade in den Stadllagen einen sehr 
sprechenden Ausdruck: aber sie verschwinden nicht; die verkehrs- 
tüchtigen Städte fliehen ins Binnenland, die bequemen klimmen wieder 
die Höhen hinauf, kurz das uralte Besiedelungslied setzt aufs neue ein. 
Und die uralte Stätte wird wie zu einem Asyl, um in unbeachteter 
Stille neue Daseinskraft zu sammeln. 

In einzelnen und gerade sehr bedeutenden Fällen liegt der ganze 
Lebensprozefs klar vor uns: Akrokorinth, erst eine feste Burg, erhält 
an seinem Fufse eine Stadt; dann werden mit dieser die Häfen durch 
Mauern verbunden (s. Fig. 7). Im Laufe der Geschichte wird diese 
Verbindung gelöst; und beinahe wir haben es noch erlebt, dafs Korinth 
wieder beschränkt war auf die alte Veste, die im Freiheitskampfe mit 
zuerst von den Griechen genommen wurde und noch jetzt das überaus 
malerische Bild einer zerstörten Türkenstadt bietet. Und nicht anders 
ist es bei Athen selber; wenn nun aber diese Stadt jetzt immer weiter 
sich ausbreitet unter seiner Burg, die Verbindung mit den Häfen aufs 
neue immer fester wird, so erkennen wir darin die alte gesetzmäfsige 
Entwickelungsbahn und ein untrügliches, gleichsam topographisches 
Symptom neuer Blüte. Ausdehnung und Zusammenziehung, im Wechsel 
einander ablösend, sind wie die Atemzüge im Leben der Städte, aber 
auch nur der Städte, welche wirklich leben, natürlich geworden und 
gewachsen sind, nicht der willkürlichen Schöpfungen. Und gerade 
diese werden daran erkannt, dafs sie vergehen können, ohne eine Spur 
zu hinterlassen. Bei diesen ist auch die Wanderung Willkür, bei jenen 
eine Notwendigkeit, die aus der geschichtlichen Entwickelung folgt. 
Bei diesen bedeutet Bewegung Tod, bei jenen Leben. 

Mittel- und Unteritalien kommen dem Städte gründenden Menschen 
in ganz ähnlicher Weise entgegen, wie der griechische Orient. Ich 
kann hier nicht näher darauf eingehen, so lehrreich es z. B. wäre, bei 
Rom von vornherein die abweichende und auffällige Wahl des Platzes 
gegenüber den anderen Städten zu charakterisieren. — Norditalien 
mit seinem grofsen Strom und dessen Nebenflüssen bietet weniger 
streng determinierte Plätze und verweist die Städte auf den Wasser- 
schutz wie in Nordeuropa. 

Noch in allen Stadtlagen des Mittelalters ist die Rücksicht auf 
das Schutzbedürfnis als ein leitendes Motiv zu erkennen. Jedes Reise- 
handbuch kann darüber belehren. Zum ersten Mal in unserer Epoche 
lösen sich die alten Formen: niemals hat es ein friedlicheres Städte- 
tableau gegeben, als heutzutage, und wenn wir genauer zusehen, so 
sind es merkwürdiger Weise gerade die gesteigerten Kriegs mittel, 
die diesen friedlichen Charakter veranlassen. Es hat heutzutage weder 
Sinn, noch erscheint es überhaupt thunlich, mehr als eine kleine 



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302 



A Achelis: 



Zahl von Orten wirklich so zu befestigen, wie die neue Kriegskunst 
und das Hantieren mit so gewaltigen Kräften und Massen es verlangen. 
Wie sehr derjenige irren würde, der etwa einmal in einem kommenden 
Jahrtausend daraus auf den Weltfrieden unserer Zeit schliefsen würde, 
das wissen wir leider 1 Bis in dieses Jahrhundert hinein hat die Stadt- 
entwickelung in den Bahnen der Natur wandeln müssen. Spätere 
Geschlechter werden bei Betrachtung unserer Zustände und der zu- 
künftigen auch den Kampf der mechanischen Mittel gegen die Natur 
oder den Ersatz dieser durch jene heraus zu rechnen und zu würdigen 
haben. Und eben weil wir, wie wir nun erkennen müssen, an einem 
Wendepunkte stehen, schien es mir nützlich, einmal die bisherige 
historische Entwickelung rein formal herauszuschälen. 



XII. 

Die Geschlechtsgenossenschaft und die Entwickelung 

der Ehe. 

Von Dr. A. Achelis. 

Von den zünftigen Wissenschaften, die auf eine lange, manchmal 
nach Jahrhunderten zählende Geschichte mit einem gewissen Stolz 
zurückblicken können, wird es der modernen Ethnologie öfter zum 
Vorwurf gemacht, dafs sie noch mit einem gar zu unfertigen Material 
operiere, mit Hypothesen, die sehr mangelhaft begründet seien, ja 
gradezu mit offenbaren Irrtümern. Wir wollen im Interesse der Sache 
hoffen, dafs das letzterwähnte Moment auf Überfreibung beruht und 
sich aus einer einseitigen, durch die vielfach revolutionäre Wirkung 
der überraschenden Ergebnisse seitens der vergleichenden Völkerkunde 
erklärlichen Voreingenommenheit der älteren, besser aecreditierten Dis- 
ziplinen herschreibt, obschon auch die Wichtigkeit des Irrtums für die 
Entwickelung wissenschaftlicher Untersuchungen nicht zu sehr unter- 
schätzt werden sollte. Hypothesen aber kann keine Wissenschaft ent- 
behren, selbst nicht die auf ihr Wissen und ihren weitreichenden Ein- 
flufs mit Recht stolze Naturwissenschaft — man braucht gar nicht 
einmal an manche phantastische Descendenztheorien zu denken — , 
sie müssen sich nur jeder Zeit als solche kennzeichnen und nicht etwa 
den Ansprych auf festbegründete, unerschütterliche Wahrheiten machen. 
Und dafs dieselben gerade in der Ethnologie vor der Hand nicht ent- 
behrt werden können, ist wesentlich durch den unaufhörlichen Flufs 
des bezüglichen Materials bedingt, wodurch eben die Lösung manches 
völkergeschichtlichen Problems sich verändert. Dennoch lassen sich 



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Die Gcschlcchtsgenossenschaft und die Entwickelung der Ehe. 303 

gewisse grofse Grundzüge in der Entwickelung der menschlichen Rasse 
heutigen Tags von keiner historischen Forschung, die ganz besonders 
der Ethnologie wenig Wohlwollen entgegen brachte, mehr in Zweifel 
ziehen, wenn auch manches Detail noch vorläufig unklar bleiben mag. 
Unter diesem Vorbehalt dürfte es nicht uninteressant sein, mit Berück- 
sichtigung der neuesten Forschungen die Geschichte der verschiedenen 
ehelichen Formen von der sogenannten Urzeit bis auf unsere Tage in 
kurzen Umrissen zu verfolgen. 

Es bedarf keiner besonderen Rechtfertigung, weshalb wir für die Lö- 
sung unserer Aufgabe die Erörterung über den Bau der Geschlechts- 
genossenschaft vorangestellt haben; ist doch in dieser Keimzelle der 
ganze Plan der späteren, so unendlich abweichenden ethnischen Bil- 
dungen enthalten. Daran nämlich — das gehört zu den ursprüng- 
lichen Axiomen der Untersuchung — läfst sich jetzt schlechterdings 
nicht mehr zweifeln, dafs uns die historische Forschung mit ihrem pa- 
triarchalischen Königtum nicht mehr an den Anfang der sozialen Ent- 
wickelung führt (soweit überhaupt in diesen Dingen von einem Anfang 
geredet werden kann), sondern dafs dieser Zeit die Periode geschlechts- 
resp. friedensgenossenschaftlicher Organisation vorangeht. Die freund- 
liche Idylle des heroischen Patriarchentums, wie es uns die Bibel und 
die homerischen Gesänge in einem so verklärenden Lichte zeigten, ist 
als angeblicher Ansatzpunkt der sozialen Entwickelung rettungslos 
dahin und gehört dem Schatz der Dichtung an, nicht mehr der Wissen- 
schaft. Obschon der historischen Kritik so viel zuzugestehen ist, dafs 
wir zur Zeit auf Erden keine derartige primitive Association mehr an- 
treffen, so vermag doch die Ethnologie durch Rückschlüsse aus eigen- 
artigen bedeutsamen Uberresten (den sogenannten surviva/s), wie durch 
Benutzung entsprechender literarischer Berichte sich etwa folgendes 
Bild von ihnen zu entwerfen. Es sind wahrscheinlich nicht sehr um- 
fangreiche Verbindungen, zu gegenseitigem Schutz und Trutz gegründet, 
und zwar auf der Basis einer gemeinsamen, durch die Stammesmutter 
repräsentierten Abstammung; charakteristisch ist ihnen ferner ein für 
unsere Anschauung befremdlicher Kommunismus, der sich zunächst 
auf das Eigentum bezieht, vielleicht auch auf die Frauen und Kinder. 
Wir geben nunmehr einem Forscher, der sich speziell um diese Ver- 
hältnisse verdient gemacht hat (die Schrift: „Über die Geschlechts- 
genossenschaft und den Ursprung der Ehe" ist geradezu epochemachend 
gewesen), das Wort, nämlich A. H. Post, dessen genaue Schilderung 
so lautet: „Der Parens und seine Nachkommenschaft leben, so lange sie 
zusammenbleiben, im wesentlichen nach allen Seiten hin in einer voll- 
ständigen Gemeinschaft. Sie bilden nach innen und aufsen eine ab- 
geschlossene soziale Gruppe, in welcher sich die Genossen gegenseitig 
Leben, Leib und Gut garantieren. Die Losung dieser Gruppe ist nach 
innen Frieden, nach aufsen Krieg. Der Genosse ist Freund, der Un- 



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304 



A. Achelis: 



genösse Feind. Das Geschlecht lebt in vollständiger Vermögensgemein- 
schaft und der Lebensunterhalt aller Genossen wird gemeinsam be- 
schafft. Jagd, Fischfang, Viehzucht, später noch Ackerbau werden ge- 
meinsam betrieben, der Ertrag gemeinsam verzehrt. Jede Forderung 
eines Genossen ist eine Forderung des Geschlechts, jede Schuld eines 
Genossen eine Schuld des Geschlechts. Das Geschlecht hat seine 
eigentümlichen Sitten, seine besondere Sprache, seinen besonderen Kult. 
Da jedes Geschlecht seinen Ursprung von einem früheren Geschlcchte 
herleitet, welchem auch andere Geschlechter entsprungen sind, so sind 
Sitte, Sprache und Kult verwandter Geschlechter stets verwandt. Aus 
der gemeinsamen Vorzeit entwickeln sich aber besondere Zweige, und 
je weiter die Entfernung vom Stammbaume wird, desto gröfser werden 
die Abweichungen, so dafs nach einer gewissen Zeit nur noch die 
Ethnologie imstande ist, den gemeinsamen Ursprung festzustellen, 
während er in der Erinnerung des Volkes selbst ganz verloren geht. 
In welchen Formen sich das Familienleben abspielt und ob diese 
Formen überall dieselben sind, ist zweifelhaft. Die Frage, ob der all- 
gemeinen Vermögensgemeinschaft der Geschlechter auch überall eine 
allgemeine Weiber- und Kindergemeinschaft korrespondiert, ist zur Zeit 
noch als eine offene zu bezeichnen. Nach aufsen stehen sich die 
primitiven Geschlechter im wesentlichen als geschlossene Ganze gegen- 
über. Jede Missethat, welche von dem Genossen des einen Geschlechts 
gegen einen Genossen eines anderen Geschlechts verübt wird, gilt als 
von Geschlecht zu Geschlecht verübt und führt zum Kriege zwischen 
den beiden Geschlechtern. Begeht ein Blutsfreund innerhalb des Ge- 
schlechts einen Rechtsbruch, so gilt er damit in der Regel als aus dem 
Geschlcchte ausgeschieden. Er wird Ungenosse, Feind und als solcher 
behandelt" (Grundlagen des Rechts, Oldenburg 1884 S. 56). 

Wenn wir den charakteristischen kommunistischen Zug, so fern er sich 
in der ganzen Organisation als solcher ausprägt, aufscr Acht lassen, so 
müssen wir doch die Thatsache betonen, dafs zufolge der niedrigen 
geistigen und sittlichen Entwickelung von streng monogamischen Ver- 
hältnissen, wie wir sie heutzutage als selbstverständlich und natürlich an- 
zunehmen geneigt sind, in jenen Zeiten nicht die Rede sein kann; über- 
haupt aber mufs man sich hüten, unsere heutigen Anschauungen und Ge- 
fühle alsMafsstab für die Stichhaltigkeit irgend einer Nachricht eines Schrift- 
stellers oder einer Beobachtung eines Forschungsreisenden zu machen, 
wie es leider immer noch vielfach geschieht, und z. B. das, was unserem 
sittlichen Empfinden anstöfsig erscheint, einfach als in sich unglaub- 
würdig und unwahr zu erklären. Eine solche apriorische Beurteilung ge- 
ziemt der erfahrungsgemäfs angelegten Ethnologie am allerwenigsten. 
Wenn wir nun auch, um unserem Problem wieder nahe zu treten, von 
einer eigentlichen, gleichsam gesetzmäfsigen Promiscuität, wie sie Bach- 
ofen zuerst und nach ihn Lubbock u. A. aufgestellt haben, absehen 



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Die Geschlechtsgcnosscnschaft und die Entwickclung der Ehe. 



305 



wollen, so kann doch, wie schon bemerkt, bei der Lauheit der ethischen 
Regungen und dem unzweideutigen Kommunismus der ursprünglichen 
Geschlechtsgenossenschaften an eine Monogamie in unserem Sinne nicht 
entfernt gedacht werden, und es ist deshalb unseres Erachtens völlig 
unhaltbar, wenn Starcke behauptet: „Ohne Zweifel sind diese primitiven 
Verbindungen monogam gewesen, weil es an Motiven, mehrere Weiber 
zu wünschen, fehlte". (Die primitive Familie, Leipzig 1888 S. 276.) Ab- 
gesehen von den oben schon angedeuteten Gegengründen ist übrigens 
auch die spekulative Begründung und die Sicherheit dieser prähisto- 
rischen Seelenkunde in der vorstehenden Beweisführung beachtenswert, 
und das um so mehr, als der Verfasser doch an anderen Orten sich ge- 
nötigt sieht, eine grofse sittliche Lockerung und Verwilderung zuzu- 
gestehen, die er aber seinem Standpunkt gemäfs als Zersetzung rein 
örtlicher Art auffafst. Dagegen geben wir gern zu, dafs man einen 
Unterschied machen müsse zwischen dem blofs geschlechtlichen, auf 
sinnlichen Genufs abzielenden Verhältnis und der Ehe, wenn sich eben 
dazu für jene Anfangsstudien der menschlichen Gesittung nur irgend 
ein empirischer Anhalt böte. Denn wir halten anderseits die Ansicht 
Starcke's, dafs die Ehe wesentlich als eine rechtliche Institution zu 
fassen sei (S. 257), für völlig verkehrt, nota bene für jene Epoche, da 
erst die patriarchalische Organisation die Ehe und die Entwicklung der 
Familie als eine soziale Aufgabe betrachtet, während für die Zeit des 
Mutterrechts die einfachsten und naheliegendsten Motive mafsgebend 
waren, also der Geschlechtstrieb einerseits und die Festigung des die 
ganze Struktur umschliefsenden Blutbandes anderseits. Weil endlich 
nach der für unsere ganze Weltanschauung ausschlaggebenden Auf- 
fassung sich jeder Fortschritt erst aus geringwertigeren Anfangsstadien 
entwickelt, und viele Völkerschaften in der That keine regulären ge- 
schlechtlichen Verhältnisse kennen, so ist es mindestens wahrscheinlich, 
dafs die ganze spätere Differenzierung des ehelichen Lebens auf solche 
ungeordneten Zustände zurückgreift. Zur Charakterisierung dieses für 
uns höchst merkwürdigen Chaos erlauben wir uns an der Hand von 
Post die Schilderung der Mutterfamilie bei den Nairs an der Malabar- 
küste anzuführen. „Weder der Naire noch die Nairin anerkennt irgend 
eine die freie Befriedigung hemmende Schranke. Die Frauen sind ge- 
meinsam. Jede Nairin verbindet sich mit zehn oder zwölf Männern, 
ohne dadurch das Recht einzubüfsen, auch andere Besuche zu empfangen ; 
jedes Verhältnis ist jeden Augenblick lösbar. Ebenso kann der Mann 
sich nach Belieben an einer Mehrzahl polyandrischer Kreise beteiligen. 
Diese ehelichen Verbindungen sind so lose, dafs kein Naire mit einer 
seiner Frauen zusammenwohnt oder bei ihr Mahlzeit geniefst, und jeder 
seinen Kleidervorrat auf die mehreren Häuser verteilt. Die Kinder, 
welche aus solcher Verbindung entstehen, fallen stets in die Familie 
der Mutter; sie sind die Kinder ihres mütterlichen Onkels, während 



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300 



A. Achelis: 



der leibliche Vater unter Umständen wieder der Vater der Kinder 
seiner Schwester ist. Die Familie steht unter der Mutter, nach ihrem 
Tode unter der ältesten Schwester. Brüder leben gewöhnlich unter 
einem Dache. Separiert sich einer derselben, so begleitet ihn seine 
Lieblingsschwester. Das bewegliche Eigentum eines Mannes wird nach 
seinem Tode unter seine Schwestersöhne verteilt; Land fallt in die 
Verwaltung des ältesten männlichen Mitgliedes der Familie. Es findet 
zwar nominell eine Hochzeit zwischen einem einzelnen Nairen und 
einer einzelnen Nairin statt; jedoch wohnen die Eheleute höchstens 
vier Tage im Hause der Brautmutter, und länger dauert auch ihr ge- 
schlechtlicher Umgang nicht. Jeder spätere Verkehr zwischen den- 
selben ist anstöfeig und unehrenhaft". (Studien zur Entwickelungs- 
geschichte des Familienrechts, Oldenburg 1889 S. 56.) 

Lassen wir nun auch das Problem der Promiscuität als eines 
universellen Ausgangspunktes der ehelichen Entwicklung, die besonders 
bei den Austrainegern vorkommenden Gruppen- und Hordenehen, sowie 
ähnliche damit zusammenhängende Fragen auf sich beruhen, so be- 
treten wir mit dem eben schon berührten Matriarchat jedenfalls wieder 
den gesicherten Boden unableugbarer Thatsachen, das man nur höchst 
ungerecht mit Starcke (der diesen Ausdruck zwar speziell gegen den 
mitunter vielleicht zu wenig exakten Bachofen gebraucht) eine Rapsodie 
eines kenntnisreichen Dichters nennen kann. Jedenfalls ist so viel un- 
leugbar, dafs für die ganze Struktur jener primitiven Bildungen die 
Einheit des Blutes, wie es die Stammesmutter in ihrer Person repräsen- 
tiert, mafsgebend ist. Auch für diesen Typus besitzt die Gegenwart 
noch einen sehr instruktiven Kommentar in dem Volk der Menang- 
kabauschen Malaien auf Sumatra, deren Einrichtungen uns durch die 
verdienstlichen Arbeiten der holländischen Forscher, insbesondere von 
Wilken und Riedel, zugänglich gemacht sind. An der Hand dieses 
Materials schildert Post diese Zustände in folgender Weise: „Die 
Mutterfamilie setzt sich zusammen aus den Geschwistern, welche von 
einer gemeinsamen Mutter abstammen. Das Haupt dieser Familie ist 
gewöhnlich der älteste Bruder. Dieser gilt als Vater der Kinder seiner 
Schwestern, während die Kinder seiner Brüder in die Familien fallen, 
denen die Frau angehört, welche sie heiraten. Der Vater ist daher 
bei dieser Art der Familie niemals seinen leiblichen Kindern Vater, 
sondern stets den Kindern seiner Schwester, deren Väter wiederum 
nicht diesen Väter sind, sondern den Kindern ihrer Schwestern. Diese 
Kinder gehören allemal in die Familie ihrer Mutter, nicht in die ihres 
Vaters. Ein Vater in dem Sinne, in welchem wir dies Wort gebrauchen, 
ist also bei dieser Art der Familie überhaupt nicht vorhanden, sondern 
er wird ersetzt durch ein anderweitiges Familienoberhaupt, für welches 
unsere Sprache kein Wort besitzt. Die jMenangkabauschen Malaien 
auf Sumatra, bei denen die Mutterfamilie in der eben beschriebenen 



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Die Geschlcchtsgenossenschaft und die Entwickclung der Ehe. 307 



Gestalt noch heutzutage besteht, nennen ihn mamaq (Studien S. 43). 
Auch das Mutterrecht kann mittelbar als Zeugnis für die Existenz ehe- 
loser Zustände in Anspruch genommen werden, als sich hier wenigstens 
durch die Geburt ohne weiteres die Frage der Angehörigkeit des 
Kindes von selbst löst ; übrigens darf sonst, wie leider häufig geschehen, 
Promiscuität und Matriarchat nicht mit einander vermengt werden, so- 
dafs das Eine aus dem Anderen als selbstverständliche Folge abgeleitet 
wird. Aber auch einem anderen Irrtum gilt es vorzubeugen, als ob 
damit eine thatsächliche Herrschaft der Frauen verknüpft sein müfste; 
davon ist natürlich keine Rede, es handelt sich in erster Linie nur 
um die Bestimmung der Verwandtschaft, um die Struktur der eth- 
nischen Bildung, und nicht um einen politischen Vorrang, obschon die 
Beobachtungen Nachtigal's in Central afrika, ferner eigenartige Erschei- 
nungen in Birma, China u. s. w. eine unbestritten hohe Autorität der 
Mutter unverkennbar darthun. Was die Priorität des Vater- oder des 
Mutterrechtes betrifft, so wurde schon am Eingang der Untersuchung 
bemerkt, dafs nach dem ganzen Stande der Sache (direkten Zeugnissen, 
Analogie und Rückschlüssen) darüber kein Zweifel mehr aufkommen 
könne, dafs dem Matriarchat der Vorrang gebühre, so seltsam und 
widersprechend uns auch eine solche Organisation anmutet. Da also, 
wie schon erwähnt, jede direkte Beziehung zwischen Vater und Kind 
fehlt, sowohl sittlich wie rechtlich, so kann auch dementsprechend von 
keinem Pietätsverhältnis, das wir wiederum als selbstverständlich, als 
natürlich anzusehen geneigt sind, die Rede sein; die Kinder wurzeln 
vollständig in dem Boden der mütterlichen Descendenz und sie stehen 
deshalb mit den Brüdern und Schwestern ihrer Mutter in einem viel 
innigeren Konnex, als mit ihrem eigenen Erzeuger, und umgekehrt. 
So erklärt es sich denn, dafs auf dieser Stufe das Band zwischen 
Bruder und Schwester bei weitem mächtiger ist als das zwischen Mann 
und Frau und zwischen Vater und Kind. Von den unerbittlichen 
Konsequenzen, welche diese uralten Anschauungen nach sich ziehen, 
und deren Erklärung eben nur durch die Perspektive der Mutterfamilic 
denkbar ist, wollen wir an dieser Stelle wenigstens einige namhaft 
machen. So gehört dahin die von Bastian mitgeteilte Thatsache, dafs 
an der Loangoküste die Abkömmlinge einer Prinzessin und eines 
Proletariers nie ihr fürstliches Blut verlieren, während umgekehrt die 
Prinzen, da sie zufolge der Exogamie nicht endogen, innerhalb ihres 
Stammes heiraten dürfen, dazu verdammt sind, immer nur uneben- 
bürtige Spröfslinge zu erzeugen. Oder die weitverbreitete Geltung des 
Neflfenrechts (wo dieser an die Stelle des älteren Oheims getreten ist), 
über das wir Lippert einige Bemerkungen entnehmen: „Wenn Strabo 
es nur noch wie etwas Absonderliches von den Südarabern berichtet, 
dafs bei ihrer uraltertümlichen Familienverfassung der Bruder eine 
Eh renstell ung vor den Kindern einnehme, so zeigen uns ältere Schrift- 



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308 



A. Achclis 



steller, dafs einst diese Auffassung ebenso bei den Persern wie selbst 
bei den Griechen volkstümlich war: Die Schwester schätzte den Bruder 
wegen des Blutsgemeinschaftsbandes höher als ihren Mann und wegen 
des Schirmverhältnisses über die eigenen Kinder. Herodot hat uns das 
durch die Anekdote von Intapherncs' Frau illustriert, welcher Darius 
nach ihrer Wahl einen ihrer auf Todeshaft eingezogenen Angehörigen 
freizugeben versprach. Sie wählte weder Mann noch Kind, sondern 
den Bruder, weil dieser allein ihr unersetzbar sei. Auf dem Gedanken 
dieses engsten Pietätsverbandes baut sich das tragische Moment in der 
Antigone des Sophokles auf, nur die Pietät gegen den Bruder allein 
verlangt das höhere Opfer". (Kulturgeschichte der Menschheit II, S. 6.) 

Für die weitere Entwickelung regulärer ehelicher Formen ist keine 
Erscheinung bedeutsamer geworden, als der Frauenraub, der geradezu 
der Ansatzpunkt für die Entstehung der individuellen Ehe genannt 
werden kann. Freilich würde der Räuber seine Beute den übrigen 
Stammesgenossen schwerlich haben vorenthalten können, wenn nicht 
sonst schon sich verhängnisvolle, tiefgreifende Umwälzungen in der 
Organisation der ursprünglichen Geschlechtsgenossenschaft vollzogen 
hätten. Mit dem Besiedeln fester Wohnsitze bildete sich allmählich 
immer mehr das herrschende Übergewicht des Mannes als unumschränk- 
ten Gebieters über Leben und Tod heraus, die Epoche des Mutter- 
rechtes ist vorüber, das Patriarchat, wie es uns ja sattsam aus den 
verschiedenartigsten Kulturgebieten bekannt ist, tritt an seine Stelle, 
die gaugenossenschaftliche Organisation gipfelt in der Person eines 
feudalen Häuptlings, der unter Umständen sich die Königswürde an- 
mafst. (Namentlich sind, abgesehen von dem schon angeführten Grunde, 
kriegerische Verhältnisse, sowie die damit zusammenhängende feste 
Regelung der gegenseitigen Pflichten, welche die Hörigen an den 
Herrscher binden und umgekehrt, für diesen Prozefs von besonderer 
Wichtigkeit.) Der Frauenraub, auch für die Völker höherer Gesittung 
noch in manchen charakteristischen Symbolen erhalten, ist ein orga- 
nisches Glied dieser ganzen Entwickelung und in der That derart über 
den ganzen Erdball verbreitet, dafs an seiner Universalität schlechter- 
dings nicht mehr zu zweifeln ist. Ganz besonders scheint er da vor- 
zukommen, wo ein ins connubii zwischen zwei Geschlechtern nicht be- 
steht und eine Kaufehe nicht zustande zu bringen ist; ja es mischt 
sich hier noch ein gewisser romantischer Zug mit hinein, indem — 
wenigstens häufig — eine, wenn auch vielleicht recht sinnliche Neigung 
beim Entführer als Motiv wirkt. Post charakterisiert die Institution so: 
„Die aufserordentlich weite Verbreitung der Raubche in ihren ver- 
schiedenen Formen läfst den Schlufs fast unausweichlich erscheinen, 
dafs der Raub unter bestimmten Organisationsformen die regelmäfsige 
Art war, zu einem Weibe zu gelangen. Die Geschlechtcrverfassung 
bietet für diese Erscheinung insofern eine ausreichende Erklärung, als 



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Die Gcschlechtsgenossenschaft und die Entwickelung der Ehe. 309 



die engeren Geschlechtsgenosscnschaften oft nur durch ein äufserst 
schwaches soziales Band mit einander verknüpft sind und daher eine 
auf Verheiratung von Personen aus verschiedenen Geschlechtsgcnossen- 
schaften abzielende Vereinbarung stets ihre Schwierigkeiten hat. Solche 
Zwischenheiraten entstehen daher naturgemäfs durch einen Bruch des 
geschlechtsgenossenschaftlichen Völkerrechts und einen alsdann zwischen 
den beteiligten Geschlechtern erfolgenden Friedensschlufs. Der Frauen- 
raub führt dem Charakter der Geschlechtsverfassung entsprechend an 
sich zum Gcschlcchtskricge. Dieser kann jedoch durch Zahlung einer 
Bufse vermieden werden, und so geht denn oft der sühnbare Frauen- 
raub unmittelbar in den Brautkauf über. Übrigens wird der Frauen- 
raub unter Umständen so sehr eine legale Eheform, dafs es umgekehrt 
als Rechtsbruch erscheint, dem Räuber das geraubte Mädchen wieder 
abzunehmen und anderseits der Räuber sich desselben nicht wieder 
entledigen darf." (Studien S. 138.) Dafs zufolge der im Patriarchat 
herrschenden Oberhoheit des Mannes die dieser Verbindung entsprosse- 
nen Kinder dem Geschlecht des Vaters folgen, versteht sich von selbst. 
Auch die Kaufehe, welche nicht selten als reines Geschäft zwischen 
zwei Geschlechtern erscheint, ist eine in ihrer ganzen Begründung so 
bekannte Institution, dafs sie hier keiner ausführlichen Erörterung mehr 
bedarf. Nur die Bemerkung möge gestattet sein, dafs der ganzen 
Sachlage entsprechend jede individuelle Neigung (namentlich seitens 
der Braut) ausgeschlossen ist, und dafs vielmehr dadurch eine Verein- 
barung zwischen zwei Geschlechtern nach Analogie eines völkerrecht- 
lichen Vertrages hergestellt werden soll, welche wesentlich darauf ab- 
zielt, soziale Beziehungen zwischen denselben zu schaffen. 

Noch flüchtiger wie das Patriarchat können wir die dritte Form 
der Verwandtschaft, die Eltern Verwandtschaft, behandeln, da sie als 
jüngstes Kulturprodukt allgemein bekannt ist und für unsere Zwecke, 
insbesondere für die Entwickelung der ehelichen Verhältnisse, keine 
nennenswerten Aufschlüsse liefert. Wie beim Matriarchat nur das Blut 
der Mutter, beim Patriarchat das Geschlecht des Mannes gilt, so ge- 
hört auf Grund des letzten Systems das Kind sowohl der Familie des 
Vaters wie der Mutter an und ist deshalb sowohl mit den Blutsfreunden 
des Vaters als mit denjenigen der Mutter verwandt. Indem so die 
beiden Quellen des Familienlebens gleichmäfsig zur Anerkennung ge- 
langen, ist doch mit dem Charakter der ganzen Institution eine un- 
geheure Veränderung vor sich gegangen; denn während früher die 
Familie eine hervorragend sozialpolitische Bedeutung beanspruchen 
konnte, wie sie den eigentlichen Grundstein der ganzen Geschlechter- 
verfassung bildete, ist ihr diese Rolle jetzt vollständig abgenommen, 
und nur noch im moralischen Sinne darf man von der Familie als einem 
Fundament unseres heutigen staatlichen Lebens sprechen, während sonst 
die rechtliche Signatur der Familie sich auf bestimmte civilrechtliche 



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310 



A. Achelis: 



Beziehungen beschränkt hat. Deshalb wird es für den Neuling, welcher 
nur die Verhältnisse einer hochpotenzierten Kultur kennt, auch so 
schwer, sich in die vollständig entgegengesetzte Auffassung hineinzu- 
denken, in der Familien und blutsverwandte Verbände fast ausschliefs- 
lich die Träger des ganzen sozialen Lebens waren, in Zeiten, in welchen 
alles Recht, Staatsrecht, Völkerrecht u. s. w. lediglich und ausschliefs- 
lich Familienrecht war. Und eben, weil nur aus der vergleichenden 
Perspektive der über ein unendlich grofses Material verfügenden Völker- 
künde sich dieser totale Wandel des ursprünglichen Charakters, wie 
er der Familie zukommt, begreifen läfst, wird es verständlich, dafs 
wir nur aus den untrüglichen Akten dieser umfassenden Wissenschaft 
die Entwicklung unseres eigenen Geschlechts und damit die Entfaltung 
aller weltbeherrschenden sittlichen Ideale mit unzweideutiger Sicherheit 
erkennen können. 

Wenn wir nun von den chaotischen Verhältnissen der Promiscui- 
tät und anderweitigen Ausnahmeerscheinungen absehen, so giebt es 
drei reguläre Eheformen: die Polyandrie, Polygamie und Monogamie. 
Was zunächst die erstgenannte Art angeht, so findet sie sich durchaus 
nicht überall (so scheint sie z. B. in Afrika vollständig zu fehlen) und 
sie kann daher auch wohl nicht als eine allgemeine Phase der ehe- 
lichen Entwickelung angesehen werden, sondern vielmehr als ein Pro- 
dukt lokaler Ursachen. Ihre eigentliche Heimat ist das Hochland 
Tibet, wo, abgesehen von klimatisch - geographischen Bedingungen, 
noch religiöse Momente hinzukommen. Auch unter den eingeborenen 
Stämmen Ostindiens (besonders im Himalaya) und auf Ceylon ist sie 
verbreitet. Meist wird diese Sitte aus Sparsamkeitsrücksichten abge- 
leitet, obwohl (z. B. in Ceylon) gerade die vornehmeren Stände der 
Polyandrie huldigen. Ob sie, wie Mac Lennan will, als eine Folge 
der von ihm verfochtenen ursprünglichen Promiscuität aufzufassen ist, 
oder nach Hcllwald als die schärfste Ausprägung des Mutterrechts 
(Die Entwicklung der menschlichen Familie S. 262), oder endlich nach 
Starcke als Zeichen des gewöhnlichen Familienkommunismus, wollen 
wir nicht entscheiden, um so weniger als über ihren eigentlichen Cha- 
rakter (Vertretung der Familie durch den ältesten Bruder, während die 
übrigen Brüder nur Liebhaber der Frau sind) kein Zweifel sein kann. 
Eine damit zusammenhängende Erscheinung ist das besonders bei den 
Juden und Hindus entwickelte Levirat, d. h. die Verpflichtung des 
Bruders, die Witwe seines kinderlos gestorbenen Bruders zu heiraten, 
während von einem Rechte desselben etwa wie auf die Verlassenschaft 
seines Bruders, so auf seine Schwägerin nicht die Rede ist, wenn auch 
gelegentlich von einer solchen Vererbung (so bei den Battak an der 
Westküste in Sumatra) berichtet wird. Dies letzterwähnte Moment 
konnte aber erst zum Durchbruch kommen, als mit der patriarchalischen 
Organisation ein Umschwung der ganzen Struktur der Association und 



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Die Geschlechtsgenossenschaft und die Entwickelung der Ehe. 311 



damit auch der zu Grunde liegenden sittlichen und rechtlichen Vor- 
stellungen eingetreten war. Mit Recht bemerkt deshalb Hellwald: 
„Erst auf der Stufe des Vaterrechts kann das Levirat seinen Charakter 
einer Verpflichtung des Mannes nicht mehr bewahren, sondern ver- 
wandelt sich vielfach in ein thatsächliches Recht des Mannes, welcher 
nunmehr Herr und Gebieter in der Familie geworden. Das Patriarchat 
hat überall das Weib zur Sache, zum vererbbaren Gut herabgedrückt, 
auf welches dann allerdings der Mann ein Eigentumsrecht besitzt, so 
dafs er die in Erbschaft zugefallene Witwe selbst ehelichen oder nach 
Belieben an einen anderen verheiraten kann. Dieser Zustand ist aber 
nicht der ursprüngliche, und es beruht auf Mifsverständnis, wenn der- 
selbe als der für das Levirat charakteristische ausgegeben wird. So 
handelte es sich auch beim Levirate der Juden, wie bei jenem der 
Hindu, um eine Pflicht, deren Erfüllung die Witwe beanspruchen 
kann. Indem aber in späterer Zeit der Ahnenkult zu Gunsten der 
hierarchischen Kulteinheit unterdrückt wurde, mufste auch das ur- 
sprüngliche Motiv, die Sorge für einen Kultpfleger, aus den Urkunden 
verschwinden. So wurde aus der Leviratspflicht eine Leviratsehe. Die 
Verpflichtung dazu traf in erster Reihe die Brüder des Verstorbenen 
und in deren Ermangelung die nächsten Verwandten. So lange eine 
derartige Witwe noch in der Erwartung stand, von irgend einem Ver- 
wandten ihres verstorbenen Mannes heimgeführt zu werden, wurde sie 
allerdings nicht nur als ein Erbgut, sondern vielmehr als die Verlobte 
des Agnaten angesehen, und alle jene Umstände, welche die hebräische 
Ehe überhaupt unmöglich oder die bereits" eingegangene ungültig oder 
auflösbar machten, fanden auch hier ihre Anwendung und konnten die 
Verpflichtung der Agnaten aufheben." (a. u. V. S. 267.) 

Ganz außerordentlich weit verbreitet ist die polygynische Ehe- 
form. Wenn man häufig unbedenklich Polygamie dafür setzt, so hat 
das nicht selten mifsliche Konsequenzen; denn diese ist Vielehe, jene 
aber nur Vielweiberei, ein bedeutsamer Unterschied. Manche Völker- 
schaften und teilweis sehr hochgebildete (z. B. die Chinesen) leben 
monogam und bestrafen sogar ziemlich hart eine zweite Heirat, so 
lange die erste noch gültig ist, im übrigen ist es ihnen völlig gestattet, 
soviel Kebsweiber sich zu halten, als es ihre finanziellen Mittel eben 
erlauben. Deshalb erscheint die Polygynie thatsächlich oft als ein 
Privileg der Häuptlinge und Adeligen, obwohl z. B. bei den Aino sie 
auch rechtlich nur den höheren Bevölkerungsklassen freisteht. Da 
das Hirtenleben der Ausbildung der patriarchalischen Organisation 
besonders günstig ist, da sich ferner gerade hier nach allen Seiten der 
feste Zusammenschlufs der ganzen Sippe unter einer thatkräftigen Per- 
sönlichkeit entwickelt und da endlich der Wanderhirte meist einen räu- 
berischen und kriegerischen Charakter zu besitzen pflegt, so finden wir 
dort auch die Neigung zur Vielweiberei, die sich dann unter der weiteren 

Zctwchr. d. Geseltsch. f. Erdk. Bd. XXV. 22 



312 



A. Achelis: 



Herrschnft von Königen zu einem grofsartigen System ausbildet. Die 
Beweggründe, welche im sozialen Leben diese Sitte erzeugt haben, 
weichen im einzelnen sehr von einander ab. Post bemerkt darüber: 
„Oft ist die polygynische Ehe eine Folge der Leviratsehe; oft entsteht 
sie auch dadurch, dafs der Mann, welcher eine Frau heiratet, zugleich 
deren Schwestern mit zur Ehe erhält, z.B. bei den Kansas, Osagen, 
Omaha, Cariben der Antillen. Bei den Sioux wird die älteste Tochter 
des Häuptlings gekauft; dann gehören dem Manne alle anderen Töchter 
desselben und werden zu Weibern genommen zu Zeiten, wo es ihm gefällt. 
Bei den Malgaschen erhält der Mann gewöhnlich mit seiner Frau auch 
deren jüngere Schwester zur Gattin." (Studien u. s. w. S. 65.) In 
diese Reihe besonderer Umstände gehört sodann noch die Unfrucht- 
barkeit der Frau oder ihre geistige Unzurechnungsfähigkeit, oder es ist 
endlich auch wohl die Einwilligung der ersten Frau erforderlich, wenn 
der Mann mehr Gattinnen nehmen will. Im übrigen ist regelmäfsig (von 
verschwindenden Ausnahmen abgesehen) die Oberfrau die anerkannte, 
legitime Herrin des Hauses, während die Nebenfrauen meist nur die 
Stellung von Sklavinnen inne haben. Häufig prägt sich dies bevorzugte 
Verhältnis auch in ihren Descendenten aus, während allerdings manchmal 
beide Nachkommen sich im Range gleich stehen. Gewöhnlich zerfällt 
aber, wie Post ausführt, der polygynische Haushalt in eine Reihe von 
einzelnen Haushalten, in dem jede Frau ihre besondere Hütte und ihren 
besonderen Hausstand hat. Der Mann hat alsdann bald bei der einen, 
bald bei der anderen Frau seinen Unterhalt. Armut kann jedoch zu 
einem Zusammenwohnen mehrerer Frauen führen. (Studien S. 71.) 

In der Geschichte des Volkes hat die polygynische Eheform wohl 
für den Islam die weitreichendste Bedeutung gewonnen, da er die 
schon in Arabien bestehende Sitte zu einer für alle verschiedenartigen 
Stämme und sämtliche Bekenner der moslemischen Lehre gleich ver- 
pflichtenden staatsrechtlichen Satzung erhob und dadurch nicht zum 
wenigsten die äufseren Faktoren der raschen Verbreitung dieses Glaubens 
schuf. Diese Perspektive hat Hellwald richtig gekennzeichnet: „Zur 
Zeit, als der Islam sich ausbreitete, war die allgemeine soziale und 
politische Lage eine solche, dafs die Polygynie noch in weit höherem 
Mafse als im Altertum berechtigt erscheinen mufste. Sollten die über 
weite Länder erobernd sich verbreitenden Araber nicht baldigst unter 
den sie umgebenden, weit zahlreicheren fremden Stämmen untergehen, 
so konnte dies nur durch eine sehr rasche Zunahme der arabischen 
Bevölkerung verhindert werden. Die Polygynie ward zu diesem Endziel 
in der ausgiebigsten Weise benutzt. Freilich kamen hierbei viele Ver- 
bindungen echter Araber mit Weibern fremder Nationalität vor und 
hierdurch gingen aus solchen Verbindungen Kinder hervor, welche die 
Zahl der herrschenden Nation verstärkten. Mit anderen Worten, ohne 
Vielweiberei hätten die Araber ihre weitläufigen Eroberungen gar nicht 



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Die Gcschlechtsgcnossenschaft und die Entwickelung der Ehe. 313 

behaupten können, und damit wäre auch das Abendland der Segnungen, 
welche die arabische Gesittung ihm brachte, verlustig gegangen." (Die 
menschliche Familie in ihrer Entwicklung S. 387). Was ihren sittlichen 
Charakter anlangt, so können wir wohl von einer Erörterung der be- 
kannten, moralisch-dogmatischen Verdammungen, wie sie unsere schein- 
heiligen Europaer über dieselbe zu erlassen pflegen, an dieser Stelle 
Abstand nehmen; vor allem zeigt sich in solchen allgemeinen Urteilen 
meist ein bedauerlicher Mangel an richtiger geschichtlicher, die betreffenden 
Kulturstufen mit einander vergleichender Auffassung. Aber einige für 
die weitere Entwickelung der ehelichen Verhältnisse belangreiche Kon- 
sequenzen möchten wir kurz berühren; ganz besonders ist der Um- 
stand beachtenswert, dafs für die patriarchalische Organisation die Ehe 
ein reiner Vertrag zwischen zwei Geschlechtern ist, bei dem in- 
folge dessen von irgend einer freien Neigung der Beteiligten noch 
nicht die Rede ist. Die Erhaltung des Geschlechtes (auch in dem 
künstlichen Mittel der Adoption erkennbar) und die Erzeugung von 
Kindern ist der einzig mafsgebende Zweck der Ehe, der mithin jede 
wahre ethische Bedeutung abgeht und nur eine soziale zukommt. Wo 
diese maßgebend geblieben ist und die Familie sonst die unmittel- 
bare Keimzelle für den ganzen Staat bildet (wie in China), ist das 
Verhältnis zwischen den beiden Ehegatten ein ganz kaltes und gleich- 
gültiges. Umgekehrt im indogermanischen Rechtsgebiete, wo (freilich 
erst unter Vermittelung verschiedener Zwischenstufen) der frühere 
Konsens zweier Geschlechter zu einer freien Vereinbarung zwischen 
Mann und Weib wird, die eines sozialen Druckes wenigstens vollständig 
entbehren sollte. Als ein eminenter sittlicher Fortschritt mufs es sodann 
gegenüber allen polyandrischen Gebieten bezeichnet werden, dafs die 
polygynische Ehe die Frau, als das rechtskräftig — sei es durch Raub, 
sei es durch Kauf — erworbene Sondereigentum des Mannes, vor 
aller anderen Berührung zu schützen weifs. Der Begriff der ehelichen 
Treue, wenn auch vorläufig nur für den weiblichen Teil, beginnt der 
Menschheit als ein hohes Ideal aufzudämmern, aber alle diese Vorrich- 
tungen, um die Keuschheit zu schützen, betreffen mit sehr verschwin- 
denden Ausnahmen nur die verheiratete Frau, weil ja nur diese 
sich innerhalb des Bereiches des Vaterrechts befand. Daher das 
vielfach so zügellose Leben der Mädchen vor ihrer Verheiratung, bis 
erst ganz allmählich auch die Unberührbarkeit der unverheirateten 
Frau unter die Sanktion des Gesetzes gestellt wird. Infolge dessen 
gilt als stillschweigender Inhalt des geschlechterrechtlichen Verlobungs- 
vertrages regelmäfsig, dafs das Mädchen frei von körperlichen Mängeln 
sei, und darunter wird insbesondere der Verlust der Jungfräulichkeit 
verstanden, sodafs nicht selten , wenn der wahre Thatbestand trotz 
früherer ausdrücklicher Versicherung des Gegenteils sich herausstellt, 
die Aufhebung des Verlobungskontraktes erfolgt. 

22* 



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314 



A. Achclis: 



Die dritte reguläre Form der ehelichen Entwickclung ist die all- 
bekannte Monogamie, die als streng rechtlich fixierte Sitte sich nur 
in den von der europäischen Kultur beherrschten Gebieten zeigt. Da- 
gegen verschlägt es nichts, wenn uns öfter von monogamischen Ver- 
hältnissen bei niedrigstehenden Völkerschaften gemeldet wird; häufig 
ist es nur Armut, welche dazu zwingt, aber man kann überhaupt eine 
solche jederzeit ohne die geringste Förmlichkeit lösbare Verbindung 
nicht mit unserer heutigen monogamischen gleich setzen. Wenn wir 
mit Fug und Recht in unserer heutigen Gestalt die würdigste und sitt- 
lich edelste Vereinigung der beiden Geschlechter erblicken und sie 
deshalb eigentlich nur auf der Stufe der Elternverwandtschaft, dem 
letzten Kulturprodukt, zu erwarten geneigt sein sollten, so berührt es 
seltsam, dafs selbst unter der Herrschaft des Mutterrechts eine mono- 
gamische Kheform vorkommt (vgl. Post, Entwicklungsgeschichte des Fa- 
milienrechts S. 74). Und ebenso beachtenswert ist es, dafs der genannte 
Forscher aus Afrika verschiedene Beispiele gesammelt hat, aus denen 
es unzweideutig hervorgeht, dafs die höchsten und niedrigsten Stufen 
des sozialen Lebens insofern sich gleichen, als auf beiden die gegen- 
seitige Neigung den entscheidenden Punkt bei der Verlobung bildet 
(vgl. Afrikanische Jurisprudenz I, S. 377 fr.), während, wie wir uns über- 
zeugten, für die patriarchalische Organisation lediglich und allein das 
Stammesinteresse entscheidend ist. 

Als Kuriositäten seien endlich noch die Ehen auf Zeit und Probe 
erwähnt; jene ist ganz besonders bei den schiitischen Moslemen ge- 
bräuchlich (schwankt von einer Stunde bis zu neunundneunzig Jahren), 
geniefst einer bis ins Detail gehenden rechtlichen Fixierung und darf 
deshalb nicht, wie wohl geschehen, mit Prostitution verwechselt werden, 
während sie mit dem Konkubinat allerdings sehr verwandte Züge auf- 
weist. Die Ehen auf Probe variieren ebenfalls betreff der Zeitdauer 
aufserordentlich von einander (in Birma dauert die Probezeit z. B. drei 
Jahre, anderwärts nur mehrere Tage oder besser gesagt Nächte); im 
ganzen läfst sich aber wohl annehmen, dafs sie nur da vorkommen, 
wo die regulären ehelichen Verhältnisse noch keine nennenswerte Festig- 
keit gefunden haben. 

Haben wir in dem Vorliegenden mit knappen Umrissen die Ent- 
wickelung des Familienlebens geschildert, so bedarf es noch einer kurzen 
Erörterung über die Formen der Eheschliefsung und Scheidung. Es 
versteht sich von selbst, dafs bei Völkern primitiver Gesittung von be- 
sonderen Feierlichkeiten keine Rede ist, die Ehegatten gehen aus- 
einander, sobald ihnen das bisherige Zusammenleben nicht mehr ge- 
fällt. Namentlich entscheidet die Willkür des Mannes. Sobald aber 
anstatt dieser losen, wesentlich oder allein auf geschlechtlichen Genufs 
abzielenden Verbindungen eine wirklich dauernde, auf bestimmten 
sozialen Faktoren (wie gemeinsamen Haushalt, Erzeugung von eigenen 



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Die Geschlechtsgenossenschaft und die Entwicklung der Khe. 



315 



Kindern u. s. \v.) errichtete Vereinigung eintritt, greifen auch mehr oder 
minder scharf ausgeprägte rechtliche Bestimmungen ein. Eine hervor- 
ragende Rolle fällt hierbei der Blutsverwandtschaft zu, je nachdem sie 
durch die weibliche oder männliche Seite vermittelt wird; so ist bei 
den Hovas auf Madagaskar die Heirat zwischen Bruderskindern erlaubt, 
dagegen diejenige zwischen Schwesterskindern als Incest verpönt, weil 
hier mutterrechtliche Vorstellungen mafsgebend sind ; umgekehrt ist es 
im Süden der Halbinsel Malakka, wo Vaterrecht gilt. Ganz besonders 
schwanken die Verbote betreff der unmittelbaren, leiblichen Verwandt- 
schaft; vielfach gelten gerade die Geschwisterehen als begehrenswert, 
vor allem, wo es sich um die Reinhaltung fürstlichen Blutes handelt 
(die klassischen Beispiele aus der persischen und ägyptischen Zeit sind 
bekannt genug). Bei exogenen Ehen wird die Heirat innerhalb des 
eigenen Stammes regelmäfsig als Blutschande angesehen und überhaupt 
erreicht unter diesen Verhältnissen das Ehehindernis der Blutsverwandt- 
schaft den gröfsten Umfang. Anderweitige Momente (körperliche Mängel 
im allgemeinen, Impotenz, Fehlen geschlechtlicher Reife, soziale Standes- 
unterschiede u. s. w.) spielen je nach Lage der Sache auch ihre Rolle; 
doch würde uns eine eingehende Untersuchung zu weit führen, um so 
mehr, da noch kaum ein systematischer Versuch mit dem, freilich viel- 
fach recht spärlichen, Material gemacht ist. Auch die Frage nach der 
Lösbarkeit der Ehe wird sehr verschieden beantwortet. Am einfachsten 
gestaltet sich die Sache da, wo, wie schon erwähnt, das gegenseitige 
Einverständnis genügt oder, wie im Mutterrecht, wo der Mann seitens 
der Familie seiner Frau einfach fortgeschickt wird. Ähnlich liegt der 
Fall, wo, wie im Patriarchat, die Frau als Sondergut des Mannes be- 
trachtet wird und nach Willkür von ihm verstofsen werden kann (so 
z. B. nach mosaischem Recht). Nach dem Zerfall der patriarchalischen 
Organisation beschränkt sich diese Befugnis, und es bedarf mehr oder 
minder bestimmter Gründe; weit verbreitet, um nicht zu sagen allge- 
mein giltig, ist der Ehebruch seitens der Frau (während der Mann 
höchstens bei einzelnen Völkerschaften eine Bufse zu erlegen hat) oder 
die Unfruchtbarkeit der Frau, namentlich wo die Erzeugung echter 
Erben noch der hauptsächlichste Faktor ehelicher Entwicklung ist, oder 
endlich bösliche Verlassung. Je nach den sittlichen Lebensanschauungen 
der verschiedenen Völker können dann auch andere Umstände die 
Entscheidung herbeiführen, geistige Mängel, unverträgliche Gesinnung, 
Verlust der bürgerlichen Ehren und Stellung u. s. w., kurz alles, was 
geeignet ist, die eheliche Lebensgemeinschaft dauernd zu untergraben 
und zu zerstören. Während im allgemeinen behauptet werden kann, dafs 
je nachdem die Ehe einen sakramentalen Charakter annimmt, sie ein 
festeres Gefüge zeigt, so ist das doch nicht bis auf den Punkt zu- 
treffend, dafs sie überall nur durch den Tod gelöst werden kann, viel- 
mehr findet sich diese Anschauung auch bei verhältnismäfsig sehr tief 



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316 A. Achelis: Die Geschlechtsgenossenschaft und die Entwickelung der Ehe. 

stehenden Völkerschaften, wo ein unmittelbarer religiöser Einflufs nicht 
konstatiert werden kann. 

Aus unseren Ausführungen wird hoffentlich so viel zu ersehen sein, 
dafs die immer noch vielfach geäufserte, nur für unseren Kulturzustand 
zutreffende Annahme, von jeher habe ein ähnliches eheliches Leben 
(höchstens mit geringfügigen Variationen) in der Menschheit existiert, 
völlig hinfällig ist. Man mag über die Struktur der primitiven Ge- 
schlechtsgenossenschaft, dieser Urzelle aller weiteren sozialen Knt- 
wickelung, denken wie man will, jedenfalls ist mit ihr unsere heutige 
Monogamie unverträglich, gerade so, wie mit der auf die patriarcha- 
lische Autorität und Herrschsucht gestützten Organisation der Ge- 
schlechter. Dafs dadurch die bezüglichen rechtlichen und sittlichen 
Vorstellungen auf das Nachhaltigste betroffen werden, wurde schon 
früher gelegentlich bemerkt, und es ist in der That schwer, wo nicht 
völlig unmöglich, in der Struktur jener ethnischen Bildungen schon 
die dürftigen Keime zu den Ideen zu finden, die uns jetzt geläufig 
sind und die höchsten ethischen Wertmesser abgeben. Khe das Weib 
zu der sittlich gleichberechtigten Gefährtin des Mannes aufstieg, dazu 
bedurfte es eines langen und wohl mitunter durch Rückfälle unter- 
brochenen geschichtlichen Prozesses, der damit zugleich eine Ent- 
wickelung unserer sittlichen Gefühle — soweit sie durch die Organi- 
sation der Khe bedingt sind — in sich schliefst. Nur eine Seite dieses 
Vorganges mag zum Schlufs noch berührt werden, das ist der bedeut- 
same Umstand, dafs den Weibern in der Urzeit eine Rechtssubjekti- 
vität nach jeder Richtung mangelt. So lange die Geschlechterver- 
fassung noch in Blüte steht, haftet für etwaige Vergehen der Frau das 
Geschlecht selbst, gerade so wie es für Schäden eintritt, die durch 
Sklaven, Tiere oder leblose Gegenstände angerichtet werden; später 
tritt der Mann voll dafür ein. Deshalb ist das Weib auch völlig un- 
fähig, einen Rechtsstreit zu führen oder in denselben einzugreifen, das 
Vorgeld für sie ist meist ein geringeres und die soziale Wertschätzung 
des weiblichen Geschlechts überhaupt eine geringere. Die meisten 
dieser prähistorischen Beeinträchtigungen hat unsere Civilisation be- 
seitigt, aber man wird doch Post Recht geben können, wenn er sagt: 
„Volle Rechtssubjektivität hat das Weib auch in unseren Tagen nicht 
erlangt. Namentlich fehlt ihm noch die politische Rechtssubjektivität. 
Die modernen Emanzipationsgelüste in dieser Beziehung werden auch 
mutmafslich an den biologischen Eigentümlichkeiten des weiblichen 
Geschlechts scheitern. 41 (Grundlagen des Rechts S. 171.) 



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H. Kiepert: Die Verbreitung d. griech. Sprache im pont. Küstengebirge. 317 



XIII. 

Die Verbreitung der griechischen Sprache im pontischen 

Küstengebirge. 

Von H. Kiepert. 
(Mit einer Karte Taf. 5.) 

Uber die Verteilung der verschiedensprachigen Bevölkerung 
Kleinasiens in der Gegenwart begegnet man noch vielfach irrigen An- 
sichten, entstanden aus ungenauen und mifsverstandenen Angaben 
älterer Reisenden und befestigt durch oberflächliche, das brauchbare 
Material nicht entfernt beherrschende Entwürfe ethnographischer 
Karten, wie die vom verstorbenen II. Berghaus (in seinem „Physika- 
lischen Atlas") und die danach ohne eigne Kritik kopierten von Peter- 
mann. In diesen ist dem griechischen Sprachgebiete eine breite, tief ins 
Binnenland hineinreichende Zone längs der ganzen Westküste der Halb- 
insel zugewiesen, während daselbst thatsächlich das Türkische mit räumlich 
geringen Ausnahmen (zu denen jedoch volkreiche Städte, wie Smyrna 
und Aivali und einige kleinere, wie Tscheschme, Alatzata, Dikeli ge- 
hören) als ausschliefsliche Volkssprache gehört wird. Ebenso auf ver- » 
einzelte, auch nur schwach bevölkerte Punkte beschränkt findet sich 
das griechische Element längs des gröfsten Teiles der Nordküste, 
und im Innern der Halbinsel hat es, bis auf wenige Gemeinden bei 
Konia und eine etwas gröfsere Gruppe bei Kaisarie, sich zwar Kultus 
und Bewufstsein der Nationalität erhalten, aber unter Aufopferung der 
nationalen Sprache, an deren Stelle dort überall, selbst in der Kirche 
und in der Familie, die für den Verkehr mit der erdrückenden Majorität 
unentbehrliche türkische Sprache getreten ist. Nur eine einzige klein- 
asiatische Landschaft im äufsersten östlichen Winkel des Pontus bietet 
noch heut einen scharfen Gegensatz zu jenem sonst allgemeinen Nieder- 
gang der einst ein volles Jahrtausend hindurch die ganze Halbinsel beherr- 
schenden Sprache. Wenn wohl schon in den Zeiten persischer und halb- 
griechischer Herrschaft (unter den Mithradaten) der seit uralten Zeiten be- 
kannte Metallreichtum jener Gebirgslandschaft griechische Einwanderer 
in stärkerem Mafse angezogen haben mochte, so hat doch vorzugs- 
weise die nach der Zertrümmerung des oströmischen Reiches durch 
die Lateiner im vierten KreuzzAige erfolgte Festsetzung des Restes der 
kaiserlichen Dynastie in Trapezunt, welche den Fall der Hauptstadt 
am Bosporus noch um ein Jahrzehnt überleben sollte, die Veranlassung 
gegeben zu massenhafter Auswanderung nach jener letzten Zuflucht 
nationalgriechischen Lebens und zwar in solcher Stärke, dafs hier weit 



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318 



H. Kiepert: 



und breit die einheimische Vielsprachigkcit durch das griechische Idiom 
verdrängt wurde und sich auch unter der muhammedanischen Herr- 
schaft, deren Träger hier weit weniger Türken, als Lazen und Kurden 
gewesen sind, in einer den Muslims an Zahl nicht sehr erheblich nach- 
stehenden Stärke bis in die Gegenwart erhalten hat. Das unter einer 
solchen Bevölkerung natürliche Vorkommen griechischer Ortsnamen 
neben den türkischen war schon vor fast zwei Jahrhunderten einem 
der vielseitigsten Beobachter, dem französischen Botaniker Pitton, 
gewöhnlich genannt Tournefort, aufgefallen; es wurde weiter be- 
stätigt durch einige Reisende , welche in unserm Jahrhundert dieselbe 
Landschaft durchaus nur flüchtig durchzogen haben (Kinneir, Hamilton, 
Hommaire de Hell, H. Barth und Mordtmann, O. Blau, Strecker u. a.), 
auch Forscher mehr philologischer und historischer Richtung, welche 
auf die Durchsuchung der griechischen Bergklöster, «1er letzten Zufluchts- 
stätten mehr geschichtlicher Erinnerung, als längst untergegangener 
Büehergclehrsamkeit, längere Zeit verwendet haben, wie Zachariae und 
Fallmerayer, haben die Gelegenheit doch nicht zur Gewinnung dialek- 
tologischer Resultate ausgenutzt, während der einzige Europäer, dem 
dies etwa vor einem Jahrzehnt, unterstützt von der Kgl. Akademie der 
Wissenschaften zu Berlin, durch einen längeren Aufenthalt in diesen Ge- 
genden ermöglicht wurde, der in Athen lebende Herr Dr. Deffner, uns 
bis jetzt die Ergebnisse seiner Studien schuldig geblieben ist. So be- 
schränkt sich, was wir über die Verbreitung der politischen Griechen 
und ihren eigentümlichen, vielfach altertümliche Formen bewahrenden 
Dialekt 1 ) wissen, auf die bereits vor ein paar Jahrzehnten gedruckten, 
jedoch in Europa wenig beachtet gebliebenen Mitteilungen zw r eier ein- 
heimischer Schulmänner, der Herren loannides und Triandaphyllides 2 ). 
Namentlich der zweite hat die teils ganze Thäler füllenden, teils 
zerstreut liegenden Ortschaften mit griechischer Sprache, sowohl die 
überwiegende Masse der christlichen, als die seit der türkischen Erobe- 
rung zum Islam übergegangenen, mit wenigen Ausnahmen unter Bci- 



*) Im Gegensatze zu der im griechischen Königreiche, auf den übrigen Inseln, 
in Konstanlinopcl, Smyrna und Umgegend herrschenden Vulgärsprache wird z. B. 
»; in Trapczunt noch wie langes 0, nicht wie i gesprochen, die Diphthonge av und 
mf nach italienischer Weise wie a-u, e-u, nicht wie im vulgären Neugriechisch, wie 
af und ef, o« (anlautend oder inlautend) wie o'i nicht wie i. Von dieser in Trape- 
zunt üblichen ditikvan tu»»' ift'föoyyutv erhielt ich schon vor vierzig Jahren Kunde 
durch einen damals hier seine philologischen Studien verfolgenden kappadokischen 
Griechen, den später als Professor der Athener Universität jung verstorbenen Dr. 
Mavrophrydes. 

2) 2ctß. 'ItoavviJov, 'laroQirt xni JSraTiajixt} T(»«^*CoJ»'roc x«t t#j>c ntoi r«vtr}v 
/u»p«c, u»c xttl irc 7JfQt rijc h'jnv&it'EilwtxrjS ykujoariz, tv K«>vOtavTtvov7tokn 1870. 

IttQtxkiovf T(juu-j(r>f vki.idov , 17 tv flöviot '£Aii;»'ix<j '{vir}, qtoi n't Ilovrtxü, 
tv '.Y.f r,rai i 1866. 



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Die Verbreitung der griechischen Sprache im politischen Küstengebirge. 3 19 



fügung ihrer damals (vor einem Vierteljahrhundert) ermittelten Häuser- 
zabi, wie es scheint recht vollständig, verzeichnet, nur sind seine topo- 
graphischen Angaben zu wenig bestimmt und zu unvollständig, um 
danach allein die räumliche Verteilung der Sprachgrenze mit einiger 
Sicherheit ermitteln zu können. Diesem Mangel ist in jüngster Zeit 
bis auf einen gewissen Punkt abgeholfen worden durch Herstellung 
einer provisorischen Karte der Grubenbezirke, welche nach Wieder- 
aufnahme der unter türkischer Mifswirtschaft fast zum völligen Stillstand 
herabgesunkenen Metallausbeutung durch europäische Gesellschaften 
zunächst der vorbereitenden Thätigkeit des Herrn Bergwerkdirektors 
Krause in Gümischchana verdankt wird und mir durch die Güte 
dieses Herrn zur Benutzung überlassen worden ist 1 ). Dafs diese im 
Felde ausgeführte Arbeit weniger Monate noch zahlreiche Lücken un- 
ausgefüllt läfst, ist begreiflich, und es erklärt sich daraus, dafs einzelne 
der in den genannten griechischen Ortschaftsverzcichnisscn enthaltene 
Ortslagen teils gar nicht, teils nur unbestimmt (ohne Ortszeichen, durch 
blofse ungefähre Stellung der Namen) angedeutet werden konnten; ihre 
Vervollständigung dürfen wir von der in den nächsten Jahren im metallur- 
gischen Interesse fortzusetzenden Untersuchungen, vielleicht auch schon 



•) Mafsstab der Originalzeichnuug i : 200 ooo. Die übrigen handschriftlichen 
Hülfsmittcl, auf denen der Entwurf des beiliegenden Kärtchens beruht, beschränken 
sich zunächst auf Specialaufnahmen einiger Hauptstrafscn: zunächst der bekanntesten, 
vom Handel nach Armenien und Persien seit Jahrhunderten benutzten von Trape- 
zunt über den südlichen Gebirgskamm in zwei Linien, der östlichsten der beiden 
kürzeren nur im Sommer gangbaren durch das Galiana-Thal, und der westlichen, 
über den Pafs von Zigana nach Ardasa im Charschut-Thale und im rechten Winkel 
dieses aufwärts führenden, welche auch im Winter offen zu bleiben pflegt, beide 
im Mafsstab 1 : 100000 im J. 1854 vermessen durch die französischen Genie-Officiere 
Mircher und Saget (Handzeichnung im Archiv des Auswärtigen Ministeriums in 
Paris), sodann drei zum chausseemäfsigen Ausbau bestimmte Strafsen, die mittlere 
zwischen den genannten über den Pafs Karakapän und die von den Hafenstädten 
Tripoli und Kerason südlich aufwärts nach Schebin-Karahissar führenden nach 
Vermessungen des im türkischen Dienst thätig gewesenen, kürzlich verstorbenen 
Ober-Ingenieurs Briot (nicht Borit, wie sein Name infolge undeutlicher Schrift 
in einer seiner früheren Mitteilungen sowohl an unsere Zeitschrift (Jahrg. 1870) 
als gleichzeitig an die Londoner Geogr. Soc. gedruckt worden ist); überdies Skizzen 
der Thäler von Krom und Of von Dr. Deffner in Athen. Unsere Übersichts- 
karte enthält selbstverständlich aus dem vollen Material der Krause'schen Original- 
arbeit nur die für den vorliegenden Zweck notwendigen Thatsachen, aufserdem aber 
die gerade für die Verbreitung des Griechentums wichtigen Erzfundstätten, von denen 
der gröfsere Teil jetzt wieder in Bearbeitung genommen wird, endlich eine Reihe 
von Höhenzahlen in Metern, längs der genannten Hauptstrafsen nach den Messungen 
der französischen Ingenieure, die übrigen nach Messungen oder Schätzungen des 
Dir. Krause; P. v. Tschihatscheffs Höhenzahlen aus derselben Gegend (Jahrg. 1859 
Bd. VI d. Ztschr.) sind, als damit unvereinbar, unberücksichtigt gelassen worden. 



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320 H - Kiepert: 

von einer augenblicklich in botanischem, vorzugsweise dendrologischem 
Interesse in Ausführung begriffenen Bereisung erhoffen 1 ). 

Die ziffermäfsigen Angaben der griechischen Autoren (nach 
Häusern oder Familien, die man bei der christlichen Bevölkerung im 
grofsen Durchschnitt zu 6 Köpfen schätzen kann) werden, der Karte 
eingefügt, eine leichtere Übersicht gewähren und bedürfen hier höch- 
stens der Ergänzung, als Fingerzeig für spätere Erforscher dieser Ge- 
biete, durch diejenigen in unseren Quellen angeführten Ortschaften, 
welche wegen Mangels bestimmter Lokalangaben in die Karte nicht ein- 
getragen werden konnten; sie werden als blofses topographisches Ma- 
terial besser in eine Anmerkung verwiesen 2 ). 

Was die Griechen über Anbau und Produkte des Landes beibringen, 
erweitert nicht wesentlich die schon von C.Ritter aus europäischen Quellen 

') Durch Herrn Dr. Dieck, Begründer des zur Acclimatisation ausländischer 
Baumarten bestimmten „National-Arboretums" auf seinem Gute Zöschen bei Merse- 
burg. 

2 ) In der Richtung von \V nach O: oberhalb Bulandjdk das Dorf Demirdjf- 
kiöi mit 60 Häusern; im Thale des Ak-su bis Kerason: Ajikiöi 15 Häuser (ge- 
nannt zwischen den in der Karte angegebenen Dörfern Diwan und Tschagil), höher 
im Thal bis zu dessen 12 Stunden von der Küste entlegenem Anfang: Alpadjik 6, 
Almäalan 10 und Kirk-harman 30 Häuser; dieses angeblich in einem östlichen 
Parallelthale, welches zum Gebiete des Espia-su gehören soll. (Diese drei Dörfer 
führen bei griechischer Volkssprache doch sämtlich türkisch bedeutsame Namen, 
was in der Karte durch Unterstreichung der Namen angedeutet ist.) Im oberen Thale 
des Espia-Flusses in der Nähe des gröfseren, vor dem russischen Kriege von 1829 
noch von 700 Bergmannsfamilien bewohnten Ortes Tzanchraki die Dörfer Tuniali 
mit 10, Baghtschedjik 15, Jenikjöi 40 Häuser. In den Vorbergen SW. von 
Trapezunt Gurgaena, Ochtza, Manomenandi (ohne Ziffern), Agridi 50, Rizari 100, 
Mytis 40 Häuser. — Südlich jenseit des Gebirges in Nebenthälern des grofsen 
Kanis- oder Charschüt-Thales: oberhalb Gümischchana und Kugeltd die Dörfer 
Galendi 30, Apiön 5, Chasuli 25, Schisch 25; im nördlichen Nebenthaie Lerri die Dörfer 
Thergandi 30, Antoniandi 30, Paraskeuandi 20, Sapranandi 12; im untern Krom-Thale 
Paxim 30, im unteren Nivana-Thale Kenck 10 (bei Ramatanando), im Thale von 
Tzit aufser den bereits fixirten das grofse Dorf Tzil go Häuser, dann Agridi 10, 
Zorkön 10, Peverd 15, im Thale der Chöpsia (sehr unsicherer Lage) aufser den ver- 
mutungsweise eingetragenen noch Letzüch 20, Serandarin 30, Korönixa 70, Pha- 
kiön 20. — Noch südlicher im oberen Flufsgebiete des Kclkid-tschai (Lykos) Tzaniüri 
(türk. Name) 60, Chartutzin 60, Ranschehir 50; in der Landschaft Chaeriana (Scheirän) 
Mezire 15, Zangar 80, Schion 20, Pelen 35. — Weiter thalab und in nördlichen Neben- 
thälern im Distrikt von Scheb-Karahissar(seit dem Mittelalter nach Verlegung des bischöf- 
lichen Sitzes von den Griechen Niköpolis genannt), oberhalb der Stadt Paltzand 50, 
Karakereviz 30, Kortze mit Istrefe 50, Tropizi 80, Alischeher 40, Esola, Feilere 
und Kalatzük zusammen 50 und mit griechischem Cultus aber türkischer Volkssprache, 
(wie in der Stadt selbst) Ispahan-mahalessi (türk. Name) 40, Chachävla 30. Unterhalb 
der Stadt Eskikjöi 30, Keltzana 30, Katochori 33, Koinik 35, endlich unterhalb 
des in die Karte eingetragenen Subasch noch Kejilük 70, Alulza und Abu-deressi 25. 



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Die Verbreitung der griechischen Sprache im pontischen Küstengebirge. 3*21 

gesammelten Notizen; höchstens gehört dahin die Angabe, dafs die in 
dem Gartenthalc des mittleren Charschut 5 bis 6 Stunden oberhalb und 
unterhalb der Stadt Gümischchana erzeugten Birnen ihres Wohlge- 
schmackes wegen einen bedeutenden Ausfuhrartikel nach Konstantinopel 
bilden, und dafs die ausgedehnte Maulbeerkultur ebenda nicht, wie im 
übrigen Kleinasien, der Seidenindustrie dient, sondern der Fabrikation 
eines sehr beliebten und ebenfalls in Menge ausgeführten Branntweins , 
(Raki). 

Dagegen geben unsere Quellen einige sonst nirgend erwähnte 
Nachrichten über Baureste des Altertums und Mittelalters, welche als 
Wink für spätere Reisende um so mehr eine Stelle verdienen, da ihre 
nähere Prüfung an Ort und Stelle wohl lohnen würde. 

Nahe dem (am westlichen Rande unserer Karte eingetragenen) 
Küstenstädtchen Bulandjak, welches um die Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts von griechischen Auswanderern aus dem Binnenlande von 
Chaldia gegründet wurde und seitdem, ungeachtet seines türkischen 
Namens, ausschließlich griechisch geblieben ist, findet sich • 3 Stunde 
SO. auf dem hohen Uferrande ein mit seinen Mauern und Türmen 
noch wohlerhaltenes Kastell, dessen Inneres aufser vielen Häuserresten 
auch mehrere verfallene Kirchen enthält, die auf eine Blütezeit noch 
im späteren Mittelalter hinweisen. Ioannides hält dasselbe, wie uns 
scheint mit Recht, für die im Jahre 1355 von dem Komnenen Ioannes 
Alexis III. (nach dem Chronisten Panaretos) eroberte Burg Kenchriäs, 
in welche sich die aufständischen Kerasuntier zurückgezogen hatten. 

Aus weit älterer christlicher Zeit rührt der Gründung (welche 
noch vor das schon im J. 386 erbaute Kloster Sumelä fallen soll), wenn 
auch nicht dem heutigen Bestände nach, das in fast unzugänglicher 
Felshöhle gelegene Kloster des H. Ioannes oder Vazelön her, in 
welchem jetzt noch 20 Mönche hausen sollen, während deren noch im 
J. 1701, als der Botaniker Tournefort es besuchte, an 80 vorhanden waren; 
es ist von den neueren Reisenden, die ihre Klosterwanderungen auf 
die östlicher gelegenen Sumelä und H. Georgios beschränkt haben, nicht 
wieder aufgesucht worden und daher nicht einmal seine Lage mit 
einiger Sicherheit zu bestimmend. 

Kin erst in neuester Zeit (vor oder um 1860) von dem Metropoliten 
von Nikopolis gegründetes, aber nicht zur Blüte gelangtes (vielleicht 



') Vgl. Ritter Asien Bd. 18 (Kleinasien Bd. 1) S. f>zb. 8*7- 
-) Tournefort kann sich in dem Namen S. Jean nicht wohl geirrt haben, desto 
mehr in der Richtung von Trapczunt aus, die er SE angiebt, d. h. genau da, wo 
die anderen Klöster des Panagia und des H. Georgios liegen, während über die 
Lage im SWesten der Hauptstadt und nahe dem Passe von Zigana nach den 
Zeugnissen der Einheimischen kein Zweifel sein kann. Die Entfernung von der 
Stadt schätzte er auf 25 milles (Seemeilen), also etwa % Stunden. 



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322 



H. Kiepert: 



schon wieder eingegangenes), in dem südlich der Hauptwasserscheidc 
auf der Hocliebene von Cheriaena (Scheiran) gelegenes Kloster, dessen 
spezielle Lage nicht näher bezeichnet wird, ist nur deshalb bemerkens- 
wert, weil es nach Triandaphyllides auf den Resten einer alten oder 
mittelalterlichen Burg, Akritas oder Leukopetra erbaut sein soll. 

Reste der verschiedensten Zeiten finden sich in einer von den bis- 
herigen Reisenden (aufser Hrn. Krause) noch unberührt gebliebenen Ge- 
birgshöhe, in deren nach Norden abfallenden Schluchten der Schnee 
den ganzen Sommer über ausdauern soll. Hier findet für den Austausch 
der Naturprodukte des Waldgebirges und der Hochalpen ein wöchent- 
licher Marktverkehr an dem sonst unbewohnten Platze Kanly-tasch 
(türkisch „blutiger Stein") nahe dem kleinen Bergsee Karagjöl statt 1 ); 
neben einer verfallenen Kirche, die als Wallfahrtsort selbst von den 
Muslims viel besucht wird, liegen hier, zumal an der eine Stunde ent- 
fernten Stelle, die Begtasch („Fürstenstein") genannt wird, Mauerreste, 
welche Triandaphyllides als „kyklopisch" bezeichnet und welche eine 
nähere Untersuchung wohl verdienten. 

Auf ethnographische Eigentümlichkeiten in dieser von verschieden- 
artigen Volksstämmen seit alter Zeit bewohnten Region haben die neue- 
ren Berichterstatter und unter ihnen auch die griechischen nur aus- 
nahmsweise ihr Augenmerk gerichtet; wir erfahren von ihnen, dafs die nach 
Xenophon's Schilderung aus hohen Holztürmen bestehenden Wohnungen 
der Mosynöken in den Bergen oberhalb Kerasüs unter dem (türkischen) 
Namen tschebni {t^mvlfasf) unverändert im Gebrauch sind, und dafs die 
in ihrer äufseren Erscheinung von Griechen, Armeniern, Türken völlig 
abweichenden Bewohner derselben, die sich nur äufserlich zum Islam 
bekennen , insgeheim einem eigentümlichen Kultus anhängen , von 
dessen Orgien vielerlei abenteuerliches erzählt wird; sie werden des- 
halb von den Türken der in Persien weitverbreiteten, aber auch in 
Kleinasien hie und da vertretenen Sekte der Kizi Ibas ch („Rotköpfe") 
zugerechnet; aber die angebliche Tradition einer Einwanderung aus 
Persien weist schon Ioannides mit Recht zurück und sieht in jenen 
Gebräuchen mit gröfserer Wahrscheinlichkeit Reste eines ureinheimischen 
heidnischen Kultus. Es ist zu vermuten, dafs im Gefolge der Sitte 
auch Reste uralter Sprache sich in ihrem heutigen Dialekt, um den 
sich noch kein Besucher dieser Küstengegenden gekümmert hat, er- 
halten haben mögen. 

Wohl haben sich Spuren älterer Sprachen bis heut in zahlreichen 
Ortsnamen dieser Landschaft erhalten, welche sich von den ebenfalls 
in Menge eingedrungenen griechischen und türkischen und den ver- 
einzelt vorkommenden armenischen als durchaus fremdartig unter- 
scheiden, für die aber auch die Vermutung einer Verwandtschaft mit 

! ) Nahe der Mitte des westlichen Randes unserer Karte. 



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Die Verbreitung der griechischen Sprache im pomischen Küstengebirge. 323 



dem einzigen uns sonst wohlbekannten räumlich benachbarten Idiom, der 
Sprache des alten lberiens (oder wie wir es nach mittelalterlich grie- 
chischem Vorgange zu nennen pflegen Georgiens), keine Stelle findet, 
da weder Wörter, wie sie allgemein in Ortsnamen am häufigsten vor- 
kommen, noch Ableitungsendungen, wie sie uns in jenen Ortsnamen 
begegnen, im Georgischen irgend welche Analogie finden. Dies gilt 
auch von einer Endung, deren überaus häufiges Erscheinen in Orts- 
namen einiger Thäler dieses Berglandes, deren Bewohner ein sehr 
eigentümlich modifiziertes Griechisch sprechen, schon nach dem Be- 
kanntwerden der Ortsnomenklatur der Landschaft Krom durch die 
Herren Strecker und Deffner auffallen mufste, die aber, wie jetzt die 
durch Herrn Krause's Routen und die beiden griechischen Autoren 
bereicherte und in unserer Karte übersichtliche Reihe von Namen auf- 
weist, auch in andern Nebenthälern, namentlich dem des obem Char- 
schut und dem weit westlich abgelegnen des Espie-su, stark vertreten 
ist. Dies ist die Endung — andi oder —andon (— «Vr/,, —unov), welche 
nicht allein an Wörter unbekannten Ursprungs, wie Maman, Saman, 
Sapran, Palund, Frangul u. a. angehängt erscheint, sondern auch an 
griechische oder ins Griechische aufgenommene Personennamen, wie in 
Anioniandi, Ephraimandi, Dimitrandi, Ianandi\ Maslorandi, Papadandi u.a., 
Formen, welche den Schlufs auf eine patronymische Bedeutung nahe 
legen müssen. Bestätigt wird diese Auffassung als Geschlechtsnamen 
durch das Fortbestehen analoger Namen für weitverbreitete griechische 
Familien, wie die aus der ersten Hälfte unsers Jahrhunderts allbekannte 
der Ypsilandiy als deren Heimat das an der Grenze der Landschaft 
Of (am östlichen Rande unserer Karte) in grofser Höhe liegende und 
danach benannte Dorf Ypsili gilt, und der von dem Familiennamen Muruni 
(in Konstantinopel schon seit der Komnenen-Zeit und bis jetzt blühend) 
abgeleitete Name ihres Stammortes Muruzandi. Während weder das 
Griechische noch eine andere bekannte Sprache (man könnte höchstens 
noch an eine der wenig erforschten kaukasischen denken) eine Ana- 
logie darbietet, findet sie sich in überraschender Fülle in den aus dem 
Altertum durch griechische Vermittelung uns erhaltenen Ortsnamen 
der ganzen kleinasiatischen Halbinsel, unter denen keine Endung 
häufiger erscheint als auf — avöu, —urdo$ (allerdings auch, wenngleich 
seltener, mit andern Vokalen: — wda, — trda, - ovda u. s. w.), so dafs 
die Erwartung nicht hoffnungslos ist, es mögen aus der näheren Un- 
tersuchung des voraussetzlich noch mancherlei ureinheimische Bestand- 
teile enthaltenden griechischen Dialektes von Krom, über den Herr 
Dr. Deffner uns die versprochenen Ergebnisse seiner Studien leider 
schuldig geblieben ist, einem zu erhoffenden neuen Forscher sich 
wertvolle Aufschlüsse über die antiken Sprachen Kleinasiens enthüllen. 

Bis jetzt liegt ein einziges Wort jener vorgriechischen Landes- 
sprache seiner Bedeutung nach offen: statt des im übrigen Kleinasien 



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324 



H. Kiepert: 



auch von Griechen und Armeniern allgemein gebrauchten türkischen 
Wortes Jaila „Sommerweide, Alpe" sagen nach Ioannides, Trianda- 
phyllides, Deflfner die trapezuntischen Griechen Parchar, ein Ausdruck, 
der in derselben Bedeutung schon im 14. Jahrhundert dem Chronisten 
Panaretos als 7rao%aiu$' gewöhnlich ist: die Türken ergiefsen sich 1342 
über den Parcharis bis gegen Trapczunt; der Kaiser Alexis III. zieht 
1357 „im Kreise durch den ganzen Parcharis" (iyvQiat tnv tmovtov mi{>~ 
%umr u).or)\ er steigt 1370 hinauf (an^.Vtr) zum Parcharis von La- 
rachana und so nach Chaldia. Wie das Wort aipis, mit welchem von 
den Italikem selbst zuerst die Pafsübergänge bezeichnet zu sein 
scheinen und mit welchem in den heutigen, sowohl romanischen als 
germanischen Volksdialektcn des grofsen europäischen Gebirges stets 
nur der Sinn einer Sommerweidestätte verbunden gewesen ist, erst 
durch die Bewohner der Ebene auf die ganze Gebirgsmasse über- 
tragen werden konnte, so konnte natürlich auch Parchar von Nichtein- 
heimischen als Gesamtname des politischen Gebirges oder einzelner 
Theile desselben gebraucht werden. In diesem engeren Sinne, nämlich 
für den östlichsten Teil der hohen Gebirgskette zwischen dem Meere 
und dem Djoroch- (Akampsis-) Thale, in welchen schon im Altertum 
armenische Bevölkerung und armenische Ortsnamen eingedrungen sind, 
haben es unverändert seit dem 5. Jahrh., wo es zuerst in dem Geschichts- 
werke des Lazar von Pharp vorkommt, die Armenier beibehalten, und die 
Form Balchar oder Barchal lernte auch der erste Reisende, welcher 
jenen Teil des Gebirges im Jahre 1843 überstieg, der Botaniker Professor 
Koch aus Jena (später Berlin) kennen ; ebenso verzeichnen sie die infolge 
der letzten Türkenkriege aus vorübergehender russischer Besetzung 
hervorgegangenen Karten. In weiterem Sinne, die ganze politische 
Küstengebirgslandschaft westlich bis gegen den Thermodon und den 
Unterlauf des Iris begreifend, kennen die Griechen wenigstens seit 
dem 1. Jahrhundert n. Chr. (in diese Zeit gehören die Quellen, aus 
denen Strabon, Plinius und die Römische Weltkarte des Agrippa schöpf- 
ten) den Namen Paryadres (Parihedri bei Plinius, Paruerdes der Peu- 
tingerischen Tafel), — vielleicht die ursprüngliche vollere Form des 
Wortes, wenn nicht eine Umgestaltung des einfacheren vorgefundenen: 
wenigstens würde die schon vor einem halben Jahrhundert von Jacquet 
vorgeschlagene Etymologie, als Nebenform eines ähnlichen iranischen 
Namens (l fanaxod&nae = paru-chowathra „sehr glänzend") höchstens auf 
jene östlichsten schneebedeckten Hochgipfel passen, deren Höhe die 
neuesten russischen Messungen zu über 3700 Meter bestimmt haben, 
nicht aber auf die Alpen der Wald- und Wiesenregion, auf welche der 
griechische Sprachgebrauch des Mittelalters und der Neuzeit den Ge- 
brauch des Wortes Parchar beschränkt 

Was sich weiter aus Vcrgleichung der neugewonnenen topogra- 
phischen Resultate mit den sehr spärlichen, viele Jahrhunderte hindurch 



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Die Verbreitung der griechischen Sprache im pontischen Küstengebirge. 325 

überhaupt fehlenden Nachrichten der Autoren für ältere Topographie 
ergiebt, ist ziemlich unerheblich; nicht einmal die ziemlich vollständige 
und fast unveränderte Erhaltung der antiken Ortsnamen längs der 
Küste, an welche eine aktive griechische Bevölkerung durch das In- 
teresse der Schiffahrt und des Fischfangs stets gefesselt geblieben ist, 
liefs doch kaum das gleiche für das Binnenland erwarten, in welches 
von der südlichen Landseite her die muhammedanischen Eroberer, 
neben den Türken in fast gröfserer Zahl Kurden und Lazen — wieder- 
holt in gröfseren Massen eingedrungen sind. Doch fehlt es auch hier 
nicht an bestimmten Beweisen unveränderter Bewahrung alter Orts- 
namen, von denen die Pafsstation Zigana an der westlichen (Winter-) 
Strafse von Trapezunt nach Armenien unter demselben Namen schon 
aus dem Römischen Reichsstrafsenbuch (dem sogen. Itinerarium An- 
tonini) bekannt war, während die an derselben Strafse näher an 
Trapezunt gelegenen Zwischenstationen, Magnana und Gizenenica 
(Namen nur aufbewahrt in der anderen itinerarischen Quelle, der Reichs- 
karte, deren mittelalterliche Kopie als Peutingersche Tafel allbekannt 
ist), spurlos untergegangen sind. Dafs dagegen wenigstens eine der 
östlicheren Sommerstrafsen , die mittlere über den Pafs von Kara- 
kapän x ) auch in römischer Zeit schon in gewöhnlichem Gebrauch 
war, ergiebt sich aus den in der Nähe derselben in Herrn Krause's 
Routen in Übereinstimmung mit Triandaphyllides' Angaben verzeich- 
neten Ortschaften Ausa und Mochora, welche unter demselben 
Namen als römische Wachtposten Auaxa und Mochora in dem 
Staatshandbuche des 5. Jahrhunderts (der sog. Notitia Dignitatum) zuerst 
genannt werden 2 ). 

Die im 6. Jahrhundert als Befestigungsanlagen Kaiser Justinian's 
gegen den räuberischen Grenzstamm der Tzanen von Prokopios ge- 
nannten neun Orte (von denen nur Sisilissa als ältere römische Station 
Sisila schon in der Notitia vorkommt) werden durchaus in dem öst- 
licheren, aufserhalb unserer neuen Erkundigungssphäre liegenden Teile 
des Hochgebirges von künftigen Reisenden zu suchen sein; allerdings 
läfst sich nicht erwarten, dafs unter denselben so rein römische Namen 
wie Burgus novus und Longini fossatum oder griechische wie Keva (wohl 



•) Die Türken deuten den Namen gewifs „schwarzes Gefild", aber das Wort 
kapdn scheint hier nicht erst türkischen Ursprungs, da es, wenn auch an anderer 
Stelle dieser Gegend, als ro Kantatoi' Uyoufvov schon im J. 1448 bei Laonikos 
Cbalkokondylas vorkommt. 

*) Neben den ebengenannten Zigana und Chaszenenica (Gizenenica der Strafsen- 
karte) sind von den 12 Namen der Notitia in dem Abschnitte Trapezus nur Ysi- 
portus und Sebastopolis als Küstenstädte sonst bekannt, die 6 übrigen ihrer Lage 
nach, für welche die offenbar willkürliche, nicht geographische Reihenfolge keinen 
Anhalt giebt, noch zu ermitteln. 



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326 



H. Kiepert: 



Caenae parembolae „neues Lager" der Notitia) in der heutigen Nomen- 
klatur eine Spur hinterlassen haben. 

In sehr viel jüngere Zeiten gehört das Auftauchen einiger Orts- 
namen aus dem Hauptthale der westlichen (Winter-)Gcbirgsstrafse, von 
denen Krause's Karte nur Spilea sicher feststellt, Ganiopedin und Phiano? 
(wahrscheinlich Vidana bei Krause) nach Triandaphyllides weniger be- 
stimmter Angabe in unsere Karte eingefügt sind, welche ihre Namen 
unverändert bewahrt haben, wenigstens seit 1365, als Kaiser Alexis III. 
nach Panaretos' Bericht sie auf seinem Zuge in den Parcharis von 
Chaldia hinauf berührte, so "dafs die weiterhin von dem mittelalter- 
lichen Autor genannten Stationen seines Marsches: Marmara, Hagios 
Merkurios, Achäntaka vielleicht als noch in der Verborgenheit fort- 
dauernd von einem Reisenden, der diese Route seitwärts von der 
Hauptstrafse in die Berge verfolgen möchte, gefunden werden könnten. 
Das wiederholt von demselben Autor als Aufenthalt der Komnenen- 
kaiser genannte Larachana finden wir unter unverändertem Namen 
in den Listen und in Hrn. Krause's Routen wieder. Dryona, welches 
derselbe Panaretos als einen Ort in der Nähe von Trapezunt nennt, 
welchen im J. 1382 die verheerende Pest nicht überschritt, wird das 
östlich der Hauptstadt gelegene Dirona der Krause'schen Karte sein 
(Dorana der russischen Küstenkarte). 

In das frühere Mittelalter reichen zurück einige noch heut ge- 
bräuchliche Namen von Ortschaften oder Distrikten, welche als bischöf- 
liche Sprengel neben einer Anzahl rätselhafter Namen in den mit 
dem 9. Jahrh. beginnenden Notitiae Episcopatuum, als dem Metropoliten 
von Trapezüs oder Lazike unterständig genannt werden. Von diesen 
ist Baiburd {JlamtQ der kirchlichen Listen) am oberen Djoroch alt- 
bekannt; zur Seite der dahin führenden Strafse Lerri {Atotov der Listen, 
JfW vulgär), zuerst durch Strecker's und Deffner's Routen nachgewiesen, 
Chalchi (XaXutop, Xa).%utop) mufs dem heutigen Kclkid, Hauptort der 
gleichnamigen Hochebene im Quellgebiet des gleichnamigen Flusses, 
des Lykos der Alten, entsprechen, Cheriane oder Chaeriane endlich, 
als Teil von Chaldia, gegen welchen Kaiser Alexis 1354 einen verun- 
glückten Winterfeldzug unternahm, auch von Panaretos genannt, nach 
heutiger trapezuntischer Aussprache, welche das 1 vor e und i regcl- 
mäfsig in den Zischlaut umwandelt, Scheriani gesprochen, ist die aus 
mehrfachen schon von Ritter (Kleinasien 1,190 fr.) gesammelten Reise- 
berichten bekannte Thalebene Scheirän an einem nördlichen Neben- 
flusse des Lykos. Gewifs gehören auch diese seit einem Jahrtausend 
unverändert fortdauernden Namen, welche sich auf keine der später 
eingedrungenen Sprachen zurückführen lassen 1 ), schon der vorgrie- 

') Kclkid hat man für armenisches Kail-kjed (nach heutiger, Gail-gjet nach 
älterer Aussprache) d. i. Wolfsflufs, also dem Namen Lykos gleichbedeutend erklärt, 

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Die Verbreitung der griechischen Sprache im pontischcn Küstengebirgc. 327 



einsehen Urbevölkerung an. Dasselbe dürfte man von dem Namen 
des wasserreichsten aller dem Pontus zuströmenden Flüsse dieses Berg- 
landes voraussetzen, dessen Mündung nahe östlich von Tripolis bei 
dem Silberbergwerk (doyvmu), welches dort im Altertum in Betrieb 
war, über dieser Merkwürdigkeit von den alten Geographen gänzlich 
übersehen worden zu sein scheint; wenigstens wird der grofse Strom 
in den mehrfachen griechischen Küstenbeschreibungen {moi7tlot), welche 
so viele ungleich kleinere Küstenfliifschen mit Namen und Distanzan- 
gabe aufzählen, gänzlich mit Stillschweigen übergangen. Seinen heut- 
zutage im Unterlauf gebräuchlichen Namen Charschüt schreiben die 
neugriechischen Autoren .Xomriam/t', eine Form, welche, obwohl sie 
durch kein älteres Zeugnis belegt wird, ganz den Anschein einer dem 
Altertum angehörigen hat; daneben geben sie das ebenso rätselhafte 
Kurig als den bei den griechisch redenden Anwohnern des Oberlaufs 
sowohl für den Flufs als die ganze Thallandschaft üblichen, selbst in 
älteren kirchlichen Dokumenten für den Sprengel von Argyropolis 
(Gümischchana) gebrauchten Namen. 

Letztgenannte Stadt gilt in der nach vielfachen Einschränkungen 
aus dem späteren Mittelalter erhaltenen heutigen kirchlichen Einteilung 
als die Hauptstadt der Diöcese Chaldia, welcher Name im weiteren 
Sinne auch für den ganzen türkischen Regierungsbezirk (Wilajet) von 
Trapezunt angewendet wird. Über die südlichen Grenzen desselben 
hinaus in die benachbarten Provinzen von Erzerum und Siwas reicht 
die Machtbefugnis des Metropoliten von Chaldia nur in zerstreuten 
Gemeinden griechischer Konfession, in welchen jedoch die griechische 
Volkssprache meistenteils schon längst dem Türkischen gewichen ist; 
so in den Distrikten Ortzul, Kertzini, Schische'ris, Pollat in südlichen 
Nebenthälern des Lykos, Abesch im Quellgebiet des Iris und Tschit 
in dem des Halys. 

Viel schwächer noch vertreten und mehr vereinzelt sind die Reste 
des griechischen Christentums in den westlich angrenzenden Thal- 
landschaften des mittleren und unteren I-ykos-Gebietes, deren alter 
Bistumstitel Nikopolis nach der Zerstörung der antiken, bis auf 
Pompejus' Sieg über Mithradates zurückgehenden Stadt, auf die jetzige 
türkische Hauptstadt der Gegend , Schebin-Karahissar, übertragen 
worden ist. 

Der dritte zur Verwaltung des trapezuntischen Metropoliten gehörige 
Sprengel endlich, der von Osten her fast bis vor die Thore der 



wofür allerdings nicht Agathangelos (4. Jahrh.) als Autorität gelten darf, da der bei 
diesem Autor also benannte Flufs ein benachbarter Zuflufs des Euphrat ist. Dem 
steht aber die aus dem früheren Mittelalter beglaubigte griechische Form entgegen, 
so wie die Übertragung eines ursprünglichen Flufsnamens auf den daran gelegenen 
Ort gegen alle Analogie ist, während das Umgekehrte die Regel bildet. 
Zeiuchr. d. Gcielbch. (. Erdlc. Bd. XXV. 23 



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328 



H. Kiepert: 



Hauptstadt reicht und namentlich die den drei Bergklöstern Vazelon, 
Sumeläs und Ag. Georgios zugeteilten Gemeinden umfafst, fuhrt seinen 
Titel nach der längst untergegangenen Bischofsstadt Rhodopolis, 
deren engeres Gebiet im Kanton Adjara östlich von Djoroch seit dem 
letzten Friedensvertrag von 1878 dem russischen Gebiet einverleibt 
worden ist. 

Kür die Gesamtzahlen der Bevölkerung giebt die offizielle türkische 
Statistik zwar weder sichere noch vollständige Daten, die nur den ober- 
flächlichen Schätzungen von Privaten gegenüber noch einiges Gewicht 
haben. Wir entnehmen die Ziffern nur für die innerhalb des Rahmens 
unserer Karte fallenden Bezirke dem letzten gedruckten Provinzial- 
Jahrbuch {Säinäme) des Jahres 1299 (=1883), dessen Mitteilung wir 
der Güte des Hrn. Ritters von Chiari k. u. k. österr.-ung. General- 
konsuls in Trapezunt verdanken. 

steuerzahlende männliche Bevölkerung 



Ortschaften Häuser Armenier Griechen Muslim insgesamt 





1 Tir&bzön 


36 


5000 


1609 


1799 


6450 


9858 




2 Aktsche-owa 


99 


6750 


1334 


2506 


14507 


18347 




3 Jomura 


5i 


4605 


2006 


»843 


79 f 7 


12766 




4 Scharly 


5' 


1734 






6619 


6619 




5 Tonia 


»9 


1508 






3978 


3978 


Sandjak . 


6 Wakf-kebir») 


57 


2429 


*7 




7682 


7699 


Tiräbzon 


7 Matschka 


64 


5170 


202 


6406 


5698 


12306 




8 Görele 


5* 


3917 


59 


375 


12118 


12552 




9 Tireboli 


114 


6913 


213 


2934 


14992 


18139 




10 Kircsün 


34 


288* 


297 


1793 


7314 


9404 




11 Kcsch&b 


31 


1782 






7240 


7240 




11 Akkjöi 


19 


1793 


21 


71 1 


5051 


5783 




13 Sürmene 


74 


7301 


"7 


1768 


16513 


18398 


Sandjak 


14 Of 


1X2 


9171 




432 


»5945 


26377 


Rtze 


15 Kurft-i-sebä 2 ) 


29 


1792 






5590 


5590 




I16 Rize 


125 


6178 




261 


22662 


22923 




,17 Gümischcbana 


65 


6751 


579 


»579 


5026 


8184 


Sandjak 


1 8 Koans 


28 


M97 




369 


1919 


2288 


Gümisch-, 


19 Jaghmür-der6 


*5 


678 




538 


1133 


1671 


ch&na 


|ao Torul 


50 


6297 




8064 


3253 


11317 




[21 Kürtün 


5* 


4037 




761 


4686 


5447 




Suramen : 


1197 


89185 


6434 


34*39 


186293 


226886 



Die Unzuverlässigkeit dieser Zahlen leuchtet ein schon aus der 



1 ) Arabisch-türkisch: „grofses Moschecngut". 

2) Dieser nach türkisch geziertem Amtsstil arabisch ausgedrückte Name, „die 
sieben Durfer" ist vielleicht als direkte Übersetzung einer einheimischen verloren 
gegangenen Benennung anzusehen, von welcher der in den Kriegsberichten aus 
Pompcjus' Zeit in derselben Gegend erscheinende Volkstamra der „Heptakoraetcn" 
die griechische Version erhalten hat. 



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Die Verbreitung der griechischen Sprache im pontischen Küstengebirge. 329 

Ansetzung einer runden Zahl von ganzen Tausenden für die Häuser 
gerade des hauptstädtischen Bezirkes, für welchen man im Gegenteil 
am ehesten eine spezialisierte Ziffer erwarten sollte, noch mehr aus 
dem aller Erfahrung widerstreitenden, vom i V« fachen bis öfters zum 
nahezu oder mehr als 3 fachen steigenden Verhältnis zwischen den 
Zahlen der Häuser und der steuerpflichtigen, d. h. über sechszehnjäh- 
rigen männlichen Bevölkerung, womit die Möglichkeit ausgeschlossen 
ist, mit auch nur annähernder Wahrscheinlichkeit aus jenen Zahlen- 
reihen die Gesamtkopfzahl zu berechnen. Eine Vergleichung mit den 
viel bescheideneren Zahlen, welche die griechischen Autoren nach 
kirchlichen Nachrichten und der mit jener administrativen Anordnung 
sich nur unvollständig deckenden kirchlichen Einteilung angeben, 
führt um so weniger zu sicheren Ergebnissen, da die Zählungen, auf 
welchen sie beruhen, vielleicht schon vor vielen Jahrzehnten gemacht 
sind, indem die weit höheren Ziffern der Steuerlisten von 1883 (deren 
Ursprungsjahr uns unbekannt bleibt) auf eine erhebliche inzwischen 
eingetretene Bevölkerungszunahme hindeuten. 

Triandaphyllides rechnet zum unmittelbaren Sprengel des Metro- 
politen von Trapezunt, welchem nahezu die Distrikte 1, 2, 8, 9, 10 ent- 
sprechen, nur 4600 griechisch-orthodoxe Haushaltungen, zu dem vom 
Metropoliten von Rhodopolis abhängigen Gebiete der drei Bergklöster 
(= Matschka, no 7 der türkischen Liste) 3100 Häuser, wobei also die 
derselben Kirchenprovinz zugehörigen Bezirke Jomura, Of und Rize 
nicht mitgerechnet sein können, endlich zu dem von Chaldia (12 und 
17 — 21 der Listen) nur 1900, wie es scheint ausschliefslich diejenigen, 
in welchen jetzt noch griechisch gesprochen wird. 

Andererseits ist das Gebiet der griechischen Sprache auch heute 
noch viel weiter ausgedehnt, als das des orthodoxen Bekenntnisses. 
Der unerträgliche Druck der erst durch Sultan Mahmud's Reformen in 
diesem Jahrhundert beseitigten erblichen türkischen „Thalfürsten" 
(Derebey's) hatte, besonders in den Jahren 1680 — 1700, Tausende von 
Griechen zu einer wenigstens äufserlichen Annahme des Islam gezwungen, 
von denen nach dem durch europäische Intervention herbeigeführten 
Aufhören jenes Zwanges bereits eine erhebliche Zahl, namentlich seit 
dem Jahre 1860 fast die ganze Bevölkerung von Krom und Tonil 
wieder sich öffentlich zum christlichen Kultus zu bekennen gewagt 
haben, ohne dem Vernehmen nach bisher darin gehindert worden zu 
sein. In anderen Bezirken scheint der Islam fester eingewurzelt, 
namentlich in Tonia und dem stark bevölkerten Of, während das Volks- 
leben seit der Zeit, wo hier noch das griechische Christentum herrschte, 
durch jenen Wechsel kaum berührt worden ist: es wird ausdrücklich 
hervorgehoben, dafs nicht allein die Familiensprache ausschliefslich die 
griechische ist, sondern auch die griechischen Kirchenfeste von den 
äufserlichen Muslims mitgefeiert, die christlichen Wallfahrtsorte besucht 

23* 



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330 H. Kiepert: Die Verbreitung d. griech. Sprache im pont. Küstengebirge. 

werden, die Frauen durchweg unverschlciert gehen. Unser Autor 
schlägt die Gesamtzahl dieser Kryptochristen in Ofauf 12000, in Tonia 
auf 2000, im Matschka auf 1000 Familien an, während Ioannides die 
gesamte Kopfzahl der äufserlich den Islam bekennenden, aber nach 
Sitte und Sprache noch griechischen Bevölkerung auf 70000 erheben 
möchte. Dadurch würde nach seiner Schätzung die Gesamtzahl der 
innerhalb des Trapezuntischen Wilajets der griechischen Sprache Ange- 
hörigen auf mehr als 300000 Köpfe, unter einer Gesamtbevölkerung 
von weniger als einer vollen Million sich erheben. 



XIV. 



Bericht über eine Reise durch Nord- und Mittel- 
Griechenland. 

Von Dr. Alfred Philippson. 
(Mit einer Karte: Tafel 6.) 

Nachdem der Verfasser in den Jahren 1887—89 den Peloponnes 
behufs geologisch-geographischer Erforschung durchwandert hatte 1 ), 
durchreiste er in diesem Frühjahre (1890), allerdings nur flüchtig, 
Nord- und Mittelgriechenland (Thessalien und das eigentliche Hellas). 
Die auf dieser Reise gesammelten Beobachtungen sind in dem folgen- 
den Berichte niedergelegt. 

Zunächst ist es mir eine angenehme Pflicht, sowohl der Kaiserlich 
deutschen Gesandtschaft in Athen, als der Königlich griechischen Re- 
gierung für die mir bei dieser, wie bei meinen früheren Reisen in 
Griechenland mit der gröfstcn Bereitwilligkeit gewährten wirksamen 
Empfehlungen zu danken. Der griechischen Regierung fühle ich mich 
besonders verpflichtet für die Stellung militärischer Geleitmannschaft 
auf dem gröfsten Teile meiner diesjährigen Reiseroute. — 

Es sei mir gestattet, an erster Stelle den Zweck und das Haupt- 
ergebnis der Reise in kurzen Worten hervorzuheben. 

Während der Peloponnes seit den im Jahre 1833 veröffentlichten, 
jetzt veralteten Arbeiten der „Expedition scientifique de Moree" nicht 
wieder eingehender geologisch untersucht war, haben eine Anzahl öster- 
reichischer Geologen in den siebenziger Jahren Mittelgriechcnland, 
Euböa, sowie Teile Thessaliens, Macedoniens und anderer Agäischer 
Küstenländer aufgenommen und ihre Resultate, begleitet von geologi- 
schen Karten, im 40. Bande der Denkschriften der Wiener Akademie 
der Wissenschaften (Math.-naturw. Klasse, 1880) niedergelegt. Während 
also der Peloponnes dringend einer Neubearbeitung bedürftig war, 
konnte man besonders Mittelgriechenland, das von zwei ausgezeich- 
neten Beobachtern, von Bittner und dem allzu früh verewigten Neu- 
mayr erforscht worden, zu den geologisch am besten bekannten 
] .ändern des Orients rechnen. Doch ergab sich bei meinen Unter- 



V) S. die vorläufigen Berichte in den „Verhandlungen der Gesellschaft für 
Erdkunde zu Berlin", Bd. XIV, XV u. XVI. 

Zciuchr. d. Cescllsch. f. Erük. Bd. XXV. 24 



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Alfred Phüippson: 



suchungen im Peloponnes in einer wichtigen geologischen Frage ein 
Widerspruch mit den Resultaten von Bittner und Neumayr. 

Ks war dies die Frage nach der Altersstellung des im Peloponnes 
auftretenden Rudisten-Nummulitenkalkes und damit der ganzen ihn 
Uberlagernden Schichtfolge von Schiefern, Sandsteinen und Platten- 
kalkcn — die Frage nach dem Verhältnis dieser Schichten zu den von 
Bittner und Neumayr sämtlich der Kreideformation zugesprochenen 
Schichten Mittelgriechenlands. 

An und für sich war die Frage nach dem Alter der peloponnesi- 
schen Schichten nur durch genaue paläontologische Untersuchung ihrer 
Fauna zu entscheiden. Bevor diese letztere möglich war, habe ich sie 
vorläufig der Kreide zugezählt (zu welcher sie bisher immer gerechnet 
worden waren), weil die Analogie mit den in Mittelgriechenland auf- 
tretenden Gesteinen überaus grofs war. Die den Westen der Land- 
schaft Ätolien einnehmende Zone von Schiefern und Sandsteinen, mit 
der uns Neumayr bekannt gemacht hat, setzt nämlich in der Rich- 
tung ihres Streichens jenseits des Golfes von Patras in den Peloponnes 
hinein fort und überlagert dort Nummulitenkalk; die oberen Kalke 
Ätoliens entsprechen, nach Neumayr's Schilderung, genau den oberen 
Plattenkalken (Olonoskalken) im Peloponnes — kurz, waren die Ge- 
steine des westlichen Mittelgriechenland Kreide, so mufsten es auch 
die peloponnesischen Gesteine sein! 

Die paläontologische Untersuchung der peloponnesischen Nummu- 
litenfauna, die Herr C. Schwager in München auszuführen die Güte 
hatte, ergab aber mit Entschiedenheit das eocäne Alter dieser Fauna; 
sonach waren sowohl die dieselbe beherbergenden Kalke , als auch 
die darüber lagernden Schiefer , Sandsteine und oberen Plattenkalke 
dem Eocän zuzurechnen. Ks gab also nur zwei Möglichkeiten: ent- 
weder war die Übereinstimmung der peloponnesischen Formationen 
mit den mittelgriechischcn nur eine scheinbare — oder aber die 
Bittner-Neumayr'sche Auffassung der mittelgriechischen Formationen 
krankte an einem Fehler und ein Teil Mittelgriechenlands bestand 
ebenfalls aus Eocän. In letzterem Falle kam wesentlich der Westen 
Mittelgriechenlands in Betracht; wenn es dort gelang, im Liegenden 
der Sandsteinformation denselben Nummulitenkalk, wie im Peloponnes, 
aufzufinden und zugleich festzustellen, dafs die dortigen Sandsteine 
und oberen Plattenkalke nicht identisch seien mit den Schiefern und 
oberen Kalken des östlichen Mittelgriechenland, in welch letzteren bei 
Livadia eine unzweifelhaft kretacische Fauna auftritt — dann war das 
Rätsel gelöst und das Verhältnis der peloponnesischen zu den mittel- 
gricchischen Formationen klar gestellt. — Das Vorhandensein von 
Nummulitenkalk im westlichen Mittelgriechenland war um so wahr- 
scheinlicher, als in dem ganzen Gebirgszuge, der den Westen der 
Balkanhalbinsel einnimmt, von Istrien bis Kpirus überall sich Nummu- 



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Bericht über eine Reise durch Nord- und Miüclgriechcnland. 333 

liten führende Gesteine vorfinden. Speziell in Epirus ist das häufige 
Auftreten von Nummulitenkalk von Boiu* 1 ) und Vistjuenel 2 ) konstatiert. 

Um diese Frage zu entscheiden, unternahm ich eine Reise 
durch Mittelgriechenland, und wie wir sehen werden, wurde dieser 
Zweck völlig erreicht, indem ich feststellen konnte, dafs alles, was 
Neumayr im westlichen Mittelgriechenland (in Ätolien und Akarnanien) 
als „unteren" und „mittleren Kreidekalk" bezeichnete, nichts anderes 
ist als der im Peloponnes auftretende Rudisten-Nummuliten-Kalk; dafs 
ebenso die darüber liegenden Sandsteine, Hornsteine und Plattenkalke 
den gleichartigen Gebilden im Peloponnes entsprechen — dafs sich 
also die im Peloponnes beobachteten Lagerungsverhältnisse hier genau 
wiederholen — dafs ferner dieser Sandstein und Plattenkalk nichts 
mit den unzweifelhaft kretacischen Schiefern und „oberen Kalken" 
des östlichen Mittelgriechenland gemein haben, sondern dafs sie an 
einer gewissen Linie von den Kreidekalken des Ostens unter teuft 
werden. 

Es ist demzufolge fast der ganze westliche Teil Mittelgriechen- 
lands, ebenso wie fast der ganze Peloponnes, von der Kreideformation 
auszuscheiden und dem Eocän zuzurechnen 3 ). 

I. Heise von Belgrad nach Salonik. 

Am Abend des 4. März (neuen Stils) reiste ich von der serbischen 
Hauptstadt ab, um nach dreiundzwanzigstündiger Eisenbahnfahrt am 
folgenden Abend in der berühmten Hafenstadt einzutreffen. In der 
Nacht vom 1. zum 2. März war in Ungarn und Serbien starker Schnee- 
fall eingetreten, so dafs bei meiner Durchreise eine fufstiefe Schnee- 
decke die ungarische Pufsta, die stellenweise gefrorene Donau und das 
serbische Gebirgsland bedeckte. Bis über die Wasserscheide zwischen 
Morava und Wardar hielt die Schneedecke an und erst in der Nähe 
von Üsküb löste sie sich in dünne Flecken auf, um schliefslich bei 
dieser Stadt selbst gänzlich zu verschwinden. Doch blieb die Tem- 
peratur winterlich frisch, so dafs man die Heizung der Coupes nicht 
hätte vermissen mögen, bis der Zug nach Durchfahrung des letzten 
Engpasses in die macedonische Küstenebene eintrat und uns ein lauer 
Wind vom Meere her entgegenschlug. Auch hier konnte man den un- 
gemein erwärmenden Einflufs des Mittelmeeres im Winter an seinen 
nördlichen Küsten trefflich beobachten, einen Einflufs, der sich hier 
fast ebenso geltend macht, wie bei Überschreitung des Apennin bei 
Genua oder des Karst bei Tricst! In Salonik herrschte am Tage eine 
solche Sonnenhitze, dafs das Umhergehen am sonnigen Quai nicht 

») Die europäische Türkei. Wien 1889. I. Bd. S. 154. 

2 ) Memoires Soc. Geol. de France, ae Ser., T. I. 1844. S. 277. 

3 ) Vgl. hierüber meinen Aufsatz: Über die Altersfolgc der Sedimentforma- 
tionen in Griechenland. Zeitschr. d. deutschen geolog. Gesellsch. 1890, S. 150 fr. 

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Alfred PlüUppson: 



ohne Beschwerde war. Die Lebensweise des Kisenbahnpersonals, 
welches den Zug von der serbischen Grenze bis Salonik führt, mufs 
zuweilen im Winter eine sehr beschwerliche und gesundheitsschädliche 
sein: des Vormittags Abfahrt bei — 20 °, des Abends Ankunft bei -h 20 0 , 
bezüglich umgekehrt soll nicht selten vorkommen! 

Die Fahrt bietet eine ununterbrochene Reihenfolge wechselvoller 
und interessanter Kindrücke. Die Eisenbahn erreicht bald hinter Bel- 
grad das Thal der Morava, dem sie nun auf der ganzen Strecke bis 
zur serbischen Grenze folgt. Das Morava -Thal bildet ja nicht blofs 
durch seine Fruchtbarkeit und dichte Bevölkerung das Centrum des 
serbischen Königreichs, sondern auch seine Hauptverkehrsader. Durch 
das meist breite und sanft ansteigende Thal führt von Alters her die 
Hauptstrafsc von Ungarn und Centrai-Europa nach Macedonien einer- 
seits, nach Thrazien und dem Bosporus andrerseits. Bei Nisch trennen 
sich die Strafsen und heute die Eisenbahnlinien nach Konstantinopel 
und Salonik. Während die erstere Linie nach Südosten an der Nischava 
entlang sich nach Sofia wendet, verfolgt die letztere die Morava weiter 
aufwärts. Beim ersten Morgengrauen verläfst der Zug das als Strafsen- 
knotenpunkt so wichtige Nisch. Bald nähern sich von beiden Seiten 
die Berge und engen die Thalaue auf einer kurzen Strecke bis auf etwa 
hundert Meter Breite ein: es ist dies der von der alten gleichnamigen 
Burg beherrschte Engpafs von Kurvingrad. Dann verbreitert sich das 
Thal wieder zu einer ansehnlichen Ebene, in welcher Äcker mit ein- 
zelnen Eichengruppen abwechseln. Die serbischen Dörfer machen, 
soweit man sie von der Bahn aus sehen kann, einen höchst ärmlichen 
Eindruck. Sie bestehen fast nur aus ausserordentlich kleinen Lehm- 
hütten mit quadratischem Grundiifs, mit Stroh gedeckt, teils ganz ohne 
Fenster, teils mit kleinen, mit Papier verklebten Löchern; jede Hütte 
ist von einer Reisighürdc umgeben. Selbst von dem Städtchen Lesko- 
vatz erblickt man von der Bahn aus nur einige elende Hütten. Eine 
gute Landstrafse, auf der sich schwerfällige, mit Holz beladene Ochsen- 
schlitten bewegen, begleitet die Eisenbahn. Bald hinter Leskovatz 
treten die Berge dicht zusammen, und man betritt nun einen viele 
Wegstunden langen Engpafs, die Momina Klisura, in welchem sich die 
Morava zwischen steilen Schieferbergen schäumend Bahn bricht. 
Dieser Pafs ist das bedeutendste Verkehrshindernifs auf der Morava- 
linie. Die mit prächtigen Eichenwäldern bedeckten Thalwände be- 
stehen aus einem grünlichen Schiefer, der auf der Toula'schen Karte 
der Balkanhalbinsel (Pctermann's Mitteilungen 1882, Tafel 16) als 
„Phyllit" eingetragen ist. Zwischen Djep und Vladitschihan bemerkt 
man einige Gänge eines Eruptivgesteins (Trachyt?) in dem Schiefer. 
Dann erweitert sich das Thal zur Ebene von Vranja. Dichtes Schnee- 
gestöber verdeckte die Aussicht, bis wir jene serbische Grenzstadt 
passiert hatten. Es geht nun in breiter fruchtbarer Thalcbene aufwärts 



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Bericht über eine Reise durch Nord- und Miltelgricchcnland. 3;-),") 



und bald erreicht man die L.indesgrenze (seit 1S78), die ohne jede 
natürliche oder ethnographische Begründung diese Thalebene mitten 
durchschneidet. Es befinden sich hier zwei Grenzbahnhöfe dicht neben 
einander: Ristovatz auf serbischer, Zibeftsche auf türkischer Seite; in 
letzterem verläfst man die serbische Staatseisenbahn, wird einer höchst 
peinlichen Pafs- und Zollrevision unterworfen und setzt dann nach 
längerem Aufenthalt die Fahrt mit der „Orientbahn" fort. Der Ver- 
kehr auf dieser Linie ist sehr gering; obwohl nur ein Zug täglich ver- 
kehrt, war derselbe äufserst wenig besetzt. Das niedere Eisenbahn- 
personal besteht aus Griechen; im übrigen hört man ein ganz erstaun- 
liches Sprachengemisch: griechisch, türkisch, albanesisch, slavisch, wa- 
lachisch, spaniolisch, italienisch, französisch — und deutsch. An jeder 
Station sind zwei zerlumpte türkische Gensdarmen postiert, welche eine 
Mustersammlung aller möglichen Gewehr- und Seitengewehrmodelle auf- 
weisen, letztere zuweilen ohne Scheide in den Ledergürtel gesteckt! 

Die Bahn verläfst nun das breite Thal der Morava und wendet 
sich an der Moravitza entlang nach Süden, allmählich zur Wasser- 
scheide aufsteigend. Das Gebirge, aus krystallinischen Gesteinen 
bestehend, zeigt sanfte Formen, und bald gelangt man auf eine breite 
Hochfläche, die im Westen von dem düstern, kahlen Karadagh überragt 
wird. Die serbischen Eichenwälder haben hier ihr Ende erreicht ; 
nur einzelne Gruppen dieser Bäume erscheinen noch zerstreut zwischen 
den Ackern oder dem dürren Dorngestrüpp, welches die Brachfelder 
bedeckt. Die Berggehänge sind von hier an bis zur Küste des 
Mittelmeeres meist von abschreckender Kahlhcit. Denn während 
die mitteleuropäischen \V r älder hier ihre Grenze erreichen — die ihnen 
freilich an dieser Stelle mehr durch die Verwüstung der Menschen als 
durch natürliche Bedingungen gesetzt ist — , reicht die Mediterranflora 
mit ihren immergrünen Makien, die wenigstens hier und da den Ein- 
druck der Kahlheit zu mildern vermögen, nicht in das Innere der 
Balkanhalbinsel hinauf. 

Die Hauptwasserscheide zwischen den Gebieten der Donau und 
des Agäischen Meeres ist hier, fast unmerklich, auf einer etwa 7 km breiten 
Hochebene von ungefähr 550m Meereshöhe gelegen, zu welcher von 
beiden Seiten ein bequemer, allmählicher Aufstieg hinaufführt. Dieser 
Pafs ist also von der Natur selbst als einer der wichtigsten Ubergangs- 
punkte der Balkanhalbinsel vorgezeichnet. Oben liegt die Station Pre- 
schowo. Von hier aus senkt sich die Hochfläche nach Süden und 
wird bald von Wasserrissen koupiert und in ein sanft geformtes Hügel- 
land aufgelöst. Grofse Strecken Landes sind unbebaut und mit 
dürren Stauden bedeckt. Man passiert bald, während die Bahn sich 
immer mehr hinabsenkt, das in einiger Entfernung östlich liegende 
Städtchen Kumanovo. Nach Osten Übersicht man eine weite flach- 
hügelige Senke, durch welche die Strafse Üsküb-Kumanovo-Köstendil 



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Alfred Philippson: 



nach Bulgarien hineinführt. Dann gelangt man in die fruchtbare Kbene 
vonUsküb hinab. Die Dörfer gewinnen ein wohlhabendes Aussehen; 
die grofsen Steinhäuser kontrastieren wohlthuend gegen die elenden 
Lehmhütten in Serbien. Der Boden der Ebene ist ein fetter Lehm, 
der überall angebaut ist, und stellt im Frühjahr eine unabsehbare 
Getreideflur dar. Im Norden und Westen ragen mächtige Gebirge 
auf und geben der freundlichen Landschaft einen ernsten Hinter- 
grund: im Norden der dunkle Karadagh, im Westen der mäch- 
tige Schardagh, dessen Hochgipfel Ljubotm, der höchste Berg der 
Balkanhalbinsel, leider in Wolken gehüllt war. Aus den Schluchten 
dieses Hochgebirges heraus betritt der ansehnliche Flufs Wardar (der 
Axios der Alten) die Ebene von Üsküb. An seinem linken Ufer dehnt 
sich die Stadt aus mit ihren zahllosen Minarets, malerisch überragt 
von zwei citadellengekrönten Hügeln. LTsküb, slavisch Skopje, die 
alte serbische Königsstadt, ist noch heute eine der wichtigsten kommer- 
ziellen Mittelpunkte der westlichen Balkanhalbinsel. 

Von Üsküb abwärts folgt die Bahn fortwährend dem Wardar, der, 
von einem Saume prächtiger Bäume begleitet, in stetem Wechsel bald 
weite fruchtbare Thalbecken, bald wilde Felsengen durchströmt. Zu- 
nächst geht es durch die Ebene von Usküb, am Fufse der Vorketten 
des Schardagh entlang ; dann beginnt der erste , etwa 20 km lange 
Engpafs. Die kahlen Felswände bestehen aus stark gefalteten krystalli- 
nischen Schiefern, die nach NNO zu streichen scheinen. Bald bemerkt 
man mächtige Serpentingänge im Schiefer, der weiterhin eine flachere 
Lagerung annimmt. Kalklager und Serpentinlagergänge liegen den 
Schiefern eingeschaltet. Kurz ehe man Köprülü erreicht, erweitert 
sich das Thal wieder zu einem freundlichen Becken, das mit Feldern 
und Gärten bedeckt ist. Grofse Schöpfräder führen den letzteren das 
Wasser des Flusses zu. Wo von neuem das Thal sich verengt, da 
liegt, malerisch an beiden Thalwänden sich hinaufziehend, zu Seiten 
des von einer alten Holzbrücke überspannten, etwa 50 m breiten 
Flusses, die volkreiche Stadt Köprülü. Zahlreiche schlanke Minarets, 
die Bauart der Häuser, deren Fenster nach mohamedanischer Sitte 
mit dichten Holzgittern verschlossen sind, geben dem Ort ein durchaus 
orientalisches Gepräge, das um so eigentümlicher wirkt, als die Eisen- 
bahn mitten durch die Stadt führt. Am Bahnhof werden zierliche 
Töpferwaren feilgeboten, deren Herstellung eine hervorragende Industrie 
des Ortes bildet. 

Die nun folgende wilde Felsenge, etwa 15 km lang, besteht zu- 
nächst bei Köprülü selbst noch aus krystallinischen Schiefern und 
Serpentin. (Auf Toula's Geolog. Übersichtskarte ist hier irrtümlich 
Neogen angegeben.) Dann aber beginnt vor Veneziani-Gradsko hori- 
zontaler mergeliger Thonschiefer der Ncogenformation, unter dem hier 
und da noch einzelne Kuppen der älteren Schiefer auftauchen. Hinter 



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Hericht über eine Reise durch Nord- und Miltclgriechcnland. 



genannter Station, bei welcher die Fahrstrafse von Monastir die Bahn 
erreicht, betreten wir wiederum ein weites Thalbecken. Den Flufs 
begleitet eine fruchtbare Ebene und in weiterem Abstände ein 
flaches, einförmiges, graugrünes Hügelland von horizontalem Neogen, 
das vielfach typische Tafelberge bildet. Erst in gröfserer Entfernung 
wird das Becken von höheren Gebirgen umrandet. Im Norden er- 
scheint eine mächtige, zweigipflige dunkle Bergmasse, wahrscheinlich 
das Syenitgebirge von Istip. Im Süden wird das Becken durch eine 
mächtige schneebedeckte Gebirgsbarriere abgeschlossen, die vom 
Wardar in dem Felsenpafs von Demirkapu (das „Eiserne Thor") 
durchbrochen wird. Ein flach nach NNW einfallendes Lager eines 
harten, grobbankigen, bläulichen Kalkes stellt sich hier dem Strome, 
wo er aus dem Neogenbecken in das Gebirge eintritt, entgegen und 
wird von ihm in einem zwar nur einige hundert Meter langen, aber 
an wilder Grofsardgkeit mit der Viamala oder der Taminaschlucht 
wetteifernden Felsenthore durchbrochen. Die vollkommen vegetations- 
losen, senkrechten oder gar überhängenden Felswände stürzen von 
beiden Seiten unmittelbar in die wildstrudelnden Gewässer, so dafs 
auch nicht ein noch so winziger Fleck übrig bleibt, auf dem der F'ufs 
haften könnte. Die Bahn ist in den Felsen eingesprengt. Bald jedoch 
hört der Kalk, der nur eine wenig ausgedehnte Einlagerung bildet, 
auf, und unter ihm hebt sich ein schiefriges oder grauwackenähnliches 
Gestein heraus, das sofort sanftere Formen verursacht. Das Engthal hält 
aber noch 20 km weit an; seine Gehänge sind mit Buschwald bedeckt, in 
welchem sich neben laubabwerfenden Sträuchern zum ersten Male die 
für die Mediterrangegenden charakteristischen strauchförmigen immer- 
grünen Eichen zeigen, die in Griechenland eine so hervorragende Rolle 
spielen. Hinter Strumnitza erweitert sich das Thal von neuem. Der 
etwa 150m breite Wardar durchströmt nun in Ruhe ein weites, von 
sanften Hügeln umrahmtes Becken, in dem zahlreiche Dörfer in wohl 
angebauter Umgebung liegen. Im Westen ragt ein hohes Gebirge 
auf, anscheinend aus dunklem Kalkstein bestehend. Dann folgt die 
letzte, etwa 10 km lange Thalenge, Cingene Dervend (der Zigeuner- 
pafs) genannt. Die Berge treten dicht an den Flufs heran, aber sie 
sind sanft geformt, von Gebüsch bekleidet, und bestehen aus einem 
dunkeln Eruptivgestein. Nach dem Austritt aus dem Pafs überschreitet 
man zum letzten Mal den Wardar und durchzieht dann bis Salonik die